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Schlafzimmer auf dem Lande. Herbstsonne dringt durch die heruntergelassenen Vorhänge. Sie liegt im weißwollenen Kleid auf dem Diwan und scheint zu schlafen. Kiki putzt sich, auf einer schmalen Konsole sitzend. Toby wacht, liegt wie eine Sphinx auf dem Teppich, dicht neben Ihr und horcht aufmerksam auf die Worte seines Herrn, der auf Zehenspitzen das Zimmer verläßt.
Er ( beim Hinausgehen leise zu beiden Tieren): Stille! Weckt sie nicht auf. Seid brav. Ich schreibe unten. ( Er schließt geräuschlos die Tür.)
Toby ( zu Kiki): Was hat Er gesagt ?
Kiki: Weiß nicht. Irgend was. Verhaltungsmaßregeln. Etwas wie: bleibt da, auf Wiedersehen!
Toby: Er hat gesagt »stille!« und dabei mache ich doch wirklich keinen Lärm.
Kiki ( ironisch): Was sind sie merkwürdig! »Stille« sagen sie, und dabei gehen sie mit einem Schritt, den eine taube Ratte zwei Kilometer weit hören könnte.
Toby: Es ist was Wahres daran. ( Er betrachtet die Schlafende.) Ihr Gesicht ist noch recht klein. Sie schläft. Wenn du von der Konsole da herunterkommst, mach' keinen Extra-Bums beim Herunterfallen.
Kiki ( beleidigt): Du willst mich lehren, wie ich zu springen habe? O du dreimal Kluger! Du Kiek-in-die-Welt! – Wenn ich die Stille dieses Raumes stören wollte, Hund, brauchte ich, wenn ich mich putze, nur einen Stuhl zu wählen, der nicht gut gearbeitet ist und dessen Beine im Takt meiner Zunge gleichmäßig aufschlagen: »klapp klapp, klapp klapp, klapp klapp«. Dieses Mittel habe ich mir ausgedacht, wenn ich meine Freiheit haben will. Klapp klapp, klapp klapp sagt der Stuhl. Sie, die liest oder schreibt, wird nervös davon und ruft: »Ruhig, Kiki!« Ich, auf mein gutes Recht pochend, lecke mich in aller Unschuld weiter. Klapp klapp, klapp klapp. – Sie springt verzweifelt auf, öffnet die Tür, und ich durchschreite sie nur zögernd, wie ein Verjagter … Draußen aber lache ich und fühle mich allen überlegen!
Toby ( hat nicht zugehört und gähnt): Was für eine traurige Woche, nicht wahr ? Man weiß schon gar nicht mehr, was ein Spaziergang ist. Seit Sie vom Pferd gestürzt ist, habe ich auch keine Freude mehr am Essen.
Kiki: Mein Gott, man kann doch die Leute lieben und seinen Magen trotzdem pflegen.
Toby ( lebhaft): Ich nicht, ich nicht! Wie Sie vom Pferd fiel und dabei so schrie, fühlte ich mein Herz zerspringen.
Kiki: Das mußte aber auch so kommen. Man setzt sich nicht auf ein Pferd. Niemand setzt sich auf ein Pferd. Ich sehe um mich herum nur Extravaganzen! Ein Pferd an sich ist schon etwas erschreckend Unförmiges.
Toby ( empört): Aber durchaus nicht!
Kiki ( energisch): Doch! Ich habe eines ganz aus der Nähe studiert …
Toby ( beiseite): Ich muß wirklich lachen!
Kiki: … Und zwar das Pferd vom Pächter, das auf der Wiese weidete. Dieser bewegliche Berg hat mir einen ganzen Monat lang meine Tage vergiftet. Wenn ich unter der Hecke versteckt lag, habe ich seine schweren Füße gesehen, die den Erdboden verunstalteten, habe ich seinen gemeinen Geruch eingeatmet und seinen schrillen Schrei gehört, der die Luft erzittern machte … Einmal, als es die niedrigen Zweige der Hecke abfraß, hat es mich mit seinen Augen von Kopf bis Fuß angesehen, da bin ich auf und davon! … Von jenem Tage an war mein Haß so groß, daß ich in meinem Wahn hoffte, dem Untier den Garaus zu machen. Ich werde mich ihm nähern, dachte ich, werde mich energisch vor es hinstellen, und der Wunsch, es möchte sterben, wird so deutlich in meinen Augen zu lesen sein, daß es vielleicht stirbt, wenn es nur meinem Blick begegnet …
Toby ( belustigt): Wirklich?
Kiki ( fortfahrend): So machte ich es denn auch. Aber das Pferd, von dem ich erwartet hatte, daß es zittern würde, blies mir durch seine Nüstern einen langen bläulichen und ekelerregenden Atem entgegen, der mir die fürchterlichsten Krämpfe verursachte.
Toby ( der sich innerlich krümmt): Übertreibst du auch nicht?
Kiki ( ernst): Wirklich nicht. Und auf solch ein Pferd ist Sie geklettert, hat sich an vier Schnüren festgehalten, ein Bein hüben, eines drüben ? … Merkwürdige Verirrung!
Toby: Ich bin nicht der gleichen Ansicht, Kater. Für mich ist das Pferd nach dem Menschen die größte Schönheit der Welt!
Kiki ( beleidigt): Und ich?
Toby ( ausweichend und höflich): Du, du bist eben ein Kater! Aber das Pferd!! Sie auf dem Pferd: eine herrliche Gruppe! Sie ist so hoch im Äther, daß ich, um Sie zu betrachten, den Kopf gewaltsam nach hinten biegen muß. Das Pferd leiht Ihr seine Schnelligkeit. Endlich kann Sie mit mir um die Wette laufen, wenn ich in blindem Galopp davonrase. Zuweilen jage ich ihnen auch voraus, mit flatternden Ohren und heraushängender Zunge, und vor mir der gekrümmte Schatten des Pferdes. Folge ich Ihr jedoch, so umweht mich ein duftender Staub von warmgewordenem Leder, ausdünstendem Tier und ein wenig von Ihrem Parfüm … Der Weg, der mit Pferdeäpfeln abgesteckt ist, gleitet unter uns dahin wie ein Band, das jemand fortzieht. Welch eine Seligkeit, so klein zu sein und so schnell in einem großen galoppierenden Schatten dahinzujagen! Stehen wir still, dann puste ich wie ein Motor zwischen den vier Beinen meines Freundes, der sein angeschirrtes Maul zu mir herabbeugt und mich mit einem freundschaftlichen Schnauben überschüttet.
Kiki: Sieh einer an! Edle Renner, die über Berg und Tal jagen und unter deren Hufen der Kiesel Funken sprüht … Du bist noch ein letzter Romantiker.
Toby: Ich bin nicht der letzte Romantiker, sondern ein kleiner Boxer, der eines Abends zwischen den vier Beinen einer Fuchsstute zur Welt kam, die sich die ganze Nacht nicht niederlegte aus Furcht, meine Mutter und ihre Neugeborenen zu zerdrücken. Ein kleiner Boxer ist beinahe wie das Kind eines Pferdes, er liegt gegen die weichen Flanken geschmiegt in dem warmen mit Pferdeäpfeln untermischten Stroh, trinkt aus dem Stalleimer, steht beim Geräusch der Holzpantinen auf und interessiert sich für das Waschen der Wagen … Bis zu dem Tage, da Sie kam, mich zu holen, mich auszusuchen – mich, den Schönsten des ganzen Wurfes, der die hübscheste Stumpfnase hatte und den viereckigsten Kopf – um mich an sich zu ketten … ( Seufzend.) Und nun liegt Sie unbeweglich da! Ich bin traurig, denn noch trägt Sie einen kleinen Verband um den Knöchel. Weißt du noch, wie Er Sie in seine Arme nahm? Er trug Sie, die sonst so groß ist, wie einen kleinen Hund, den man ertränken will …
Kiki ( bitter): Ich weiß es noch genau. Ich stand oben auf der Treppe, neugierig und erschreckt durch den Lärm. Er kam auf mich zu und schob mich mit dem Fuß beiseite, nicht anders, als wäre ich ein Möbelstück, das ihm im Wege stände.
Toby: … Deshalb also hast du drei Tage lang nicht dieses Zimmer – Ihr Zimmer – betreten? …
Kiki ( zögernd): Deshalb … und auch noch aus anderen Gründen.
Toby: Und welche waren das ?
Kiki: Das Fieber.
Toby ( fanatisch): Ihr Fieber riecht doch besser als die Gesundheit der anderen.
Kiki ( mit den Achseln zuckend): Und da spricht man von dem Geruchsinn des Hundes! Das Wissen der Zweifüßler beruht nur auf Kindermärchen. Du weißt doch, daß das Fieber …
Toby ( leise): Ja; es flößt einem Furcht ein.
Kiki ( leise): Es flößt einem Furcht ein, verursacht kalte Schauer auf dem Rücken, Widerwillen in der Nase, Unruhe überall. Auf der Schwelle eines Zimmers, in welchem Fieber ist, bleibt man stehen, sucht irgend jemand, fürchtet etwas Verborgenes … Sie lag allein und fieberglühend da – da habe ich Sie lange angesehen, bereit, jederzeit zu fliehen, und habe mir gesagt: »Was liegt nur mit Ihr unter den Decken? Was quält und bedrückt Sie, und wer läßt Sie im Schlaf aufstöhnen?«
Toby ( noch nachträglich erschreckt): Aber es war doch niemand da, sag'?
Kiki: Niemand außer Ihm, der vornübergebeugt ihrem Schlaf lauschte. Er, der klüger ist als alle Zweifüßler der Welt und etwas Unsichtbares dunkel ahnte, Er – und das Fieber. Ich habe ihn beobachtet und meinen Abscheu bezwungen. Ich war traurig und eifersüchtig. Wie muß Er Sie lieben, dachte ich, daß er so nahe bei Ihr steht, um Sie zu schützen, daß Er Sie küßt, die Sie doch ganz von dem bösen Zauber durchtränkt ist. Ob er mich auch so an sich drücken würde, wenn …
Kiki: Was ist los ?
Toby: Sie hat sich bewegt.
Kiki: Nein!
Toby ( sie aufmerksam beobachtend): Nein, nicht Sie selbst hat sich bewegt, sondern Ihre Gedanken. Ich habe es gespürt. Erzähle weiter.
Kiki ( wieder beherrscht): Ich weiß nicht mehr, wovon wir redeten.
Toby: Vom …
Kiki ( lebhaft): Genug! Sprich nicht mehr davon. Das Fieber ist der Anfang von dem, was man nicht nennt.
Toby ( schaudernd): Ach ja, ich mag kein Tier, das unbeweglich ist; du weißt, von welcher Unbeweglichkeit ich sprechen will …
Kiki ( grausam lachend): Ich mag auch keine unbeweglichen Tiere. Ich kann nur lebende Vögel fressen, oder ganz kleine Mäuse, deren Schrei ich mit herunterschlucke.
Toby: Warum willst du mir Angst machen? Ich habe bei dir nie die Eitelkeit begriffen, mit der du eine wirkliche Grausamkeit noch übertreibst … Du nennst mich den letzten Romantiker, solltest du nicht der erste Sadist sein?
Kiki: Oh du durch die Literatur vergifteter Hund! Ein ewiges Mißverständnis trennt uns. »Ich bin ein kleiner Boxer«, sagtest du mit der dummen Aufrichtigkeit, die mich entwaffnet. Laß mich dir meinerseits sagen: »Ich bin ein Kater«. Dieses Wort allein spricht mich frei … Ein Haß ist in mir gegen alles Leiden, gegen alles Häßliche – ein unbezwinglicher Widerwille gegen alles, was meinen Blick beleidigt oder nur meinen gesunden Verstand. Von gerechtem Zorn erfüllt bin ich über des Pförtners Katze hergefallen, die heulend eine verwundete Pfote nachzog … Bis sie schwieg habe ich …
Toby ( flehend): Sag' mir's nicht!
Kiki ( sich ereifernd): Aber so begreife doch endlich! Wenn schon allein die abgeschwächte Erzählung von dem, was ich gemacht habe, dich umwirft, so versuche wenigstens zu verstehen, daß ich in diesem blutenden Tier das Bild, das drohende Bild meines unausweichlichen Todes habe aus der Welt schaffen wollen. ( Sie schweigen eine lange Zeit.)
Kiki ( dem ein Schauder über den Rücken fährt): Diese Gefangenschaft tut mir nicht gut … Ich ginge so gern hinaus in die sanfte, matte Sonne und »spielte die Bajadere« auf dem trockenen Kies und den Blättern, die wie Bratkartoffeln aussehen. Draußen ist alles gelb. Meine grünen Augen werden dann auch gelb, weil sich die rote Sonne und der flammende Wald in ihnen spiegeln. Ich will nur noch an alles Gelbe und Frohe denken, an den kalten und schönen Herbst, an die rote Morgenröte, deren Farbe an den Blättern der Kirschbäume hängenbleibt … Komm, wir wollen mal die Kraft unserer Pfoten messen, wollen unsere noch ungenutzte Jugend bis in unser Innerstes spüren … Vielleicht kommt der Tod nie? … ( Springt geräuschlos vom Konsol herab.)
Toby ( ihn aufhaltend): Was willst du tun?
Kiki: An der Tür kratzen und den »Klagegesang des Gefangenen« anstimmen.
Toby ( auf die Schlafende weisend): Und Sie dann aufwecken.
Kiki ( ärgerlich): Ich werde mit halber Stimme singen.
Toby: Und mit halben Krallen kratzen? Verhalte dich ruhig, Er hat es dir befohlen als Er hinausging.
Kiki ( hochmütig): Mir befohlen? Mich gebeten! Und auch nur dann gehorche ich Ihm. ( Er setzt sich wieder hin, sichtlich resigniert, und gähnt lange.)
Toby ( auch gähnend): Du bringst mich zum Gähnen.
Kiki: Nein, aber du langweilst mich. ( Lockend.) Du denkst an die Freiheit … Vielleicht ist ein Huhn aus dem Hühnerhof entwischt … Welch eine Jagd …
Toby: Meinst du ?
Kiki: Ich sage: vielleicht. Hast du den Kaninchenbau ganz ausgekundschaftet?
Toby ( erregt): Nein … Er ist so tief. Ich habe gestern daran gegraben, bis ich selbst wie begraben darin war … Bis die Erde, mit Tierhaar untermischt, an meiner Schnauze klebte …
Kiki ( immer teuflischer): Morgen wirst du's dann zu Ende bringen … oder an einem anderen Tag.
Toby ( traurig): Warum nicht im nächsten Jahr?
Kiki: Was hast du? Deine schwarze und glänzende Unterlippe hängt herunter und deine Krötenaugen füllen sich mit Tränen ? – Weinst du?
Toby ( schniefend): Nein …
Kiki: Tröste dich, empfindsames Herz! Du wirst deine Freuden und deine Freunde wiederbekommen. In diesem Augenblick zerbeißt sicher die Hündin des Pächters in der Küche ein paar Knochen, um sich damit über das Warten auf dich hinwegzutäuschen.
Toby ( verzweifelt): Ach, die Hündin!
Kiki: Sie ist zudem nicht allein; die dänische Dogge leistet ihr Gesellschaft.
Toby: Das ist nicht wahr!
Kiki: Sieh doch selbst nach!
Toby ( nach einem Sprung zur Tür): Nein, das macht Geräusch.
Düstere Stille. Toby liegt zusammengerollt und schließt die Augen, weil er am liebsten weinen möchte. Sein kurzer Atem schluchzt ganz leise.
Kiki ( wie zerstreut, in fast unhörbarem, singendem Ton): Die Hündin … die kleine Hündin … die Knochen … die kleine Hündin … das Kaninchen … der Kaninchenbau … die dänische Dogge … die kleine Hündin … die Hammelknochen, das Kaninchenhaar …
Toby ( erträgt die Folterqualen zunächst heldenhaft, dann versagen seine Nerven, und er heult mit erhobenem Kopf das lange Klagelied des verlassenen Hundes): Hoooooooooooooooo …
Kiki ( von ihrer Konsole herab): Sei doch still.
Toby: Hoooooooo – ooooo – ooooo!
Kiki ( beiseite): Also doch!
Und während Sie erschreckt aufwacht, noch ganz in Ihren Träumen befangen, hört die Katze ungeduldig von der Treppe her ihre Befreiung herannahen und die Strafe für den anderen.