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Winternachmittag in Paris. Ein warmes Atelier, in welchem ein turmförmiger Ofen leise knistert. Kiki und Toby, letzterer auf dem Fußboden, ersterer auf seinem geheiligten Kissen, sind bei der sorgfältigen Toilette, die einem langen Mittagsschlafe folgt. Tiefer Friede herrscht.
Toby: Meine Nägel wachsen hier schneller als auf dem Lande.
Kiki: Bei mir ist es gerade umgekehrt!
Toby: Ach!
Kiki ( bitter): Das ist übrigens gar nicht weiter verwunderlich. Hier schneidet Sie sie mir ab wegen der Überzüge … Aber schließlich ( salbungsvoll) man trägt, was man nicht ändern kann!
Toby: Was machst du heute ?
Kiki: Nichts.
Toby ( ironisch): Zur Abwechslung!
Kiki: Entschuldige mal, nicht zur Abwechslung! Warum diese rasende Sucht nach Abwechslung, von der ihr alle besessen seid? Abwechslung bedeutet Zerstörung. Nur das ist ewig, was sich nicht bewegt.
Toby: Dann bin ich schon drei Stunden ewig.
Kiki: Und dabei warst du doch mit Ihr ausgegangen? Ihr kamt alle beide lärmend herein, mit Glockengeklingel, Kleidergeknister und Freudengeheul. Dich umgab eine Eisluft und Ihre Nasenspitze war wie eine kalte Frucht, als Sie mich auf meine flache Stirn küßte, auf der in fast schwarzen Streifen das klassische M steht, das, wie Sie versichert, Mizzi und Miau bedeutet.
Toby: Ja, wir sind tüchtig auf den Wällen herumgetollt; und dann sind wir in einen Laden gegangen.
Toby: Nicht oft. Dort stehen viele Leute dicht aneinandergedrängt. Ich fürchte immer gleich, daß ich Sie verliere und hefte daher, was auch geschehen mag, meine Schnauze an Ihre Fersen. Unbekannte Füße stoßen und quetschen mich und treten auf meine Pfoten. Ich schreie, aber meine Stimme wird von den Röcken erstickt … Wenn wir herauskommen, sehen wir beide, Sie und ich, wie zwei Schiffbrüchige aus.
Kiki: Mögen mich die Götter vor einem gleichen Schicksal bewahren! – Für mich ist die Zeit inzwischen friedlich verlaufen. Wenn Sie nicht im Hause ist, dann stört mich nichts daran, meine Zeit so zu verwenden, wie es eine richtig verstandene Hygiene mir vorschreibt. Nach meinem Frühstück, das aus Milch und roter Leber besteht, überkommt mich eine kindliche und grundlose Freude, die mir die Seele eines jungen Kätzchens, das noch seinen weichen Flaum trägt, zurückgibt. Dickgefressen und mit schwerem Magen gehe ich zu Ihm, der mit großen, schwarzbeschmierten Bogen Papier knittert und mich mit einem schweigsamen Lächeln empfängt. Auf den gleichen Diwan legen wir uns beide, Er und ich, zur Mittagsruhe nieder. Das Papier, das Er in der Hand hält, erscheint mir immer so beneidenswert und knistert so, daß ich oft mit gebieterischer Pfote den Zeitungsschirm, den Er zwischen uns aufrichtet, zerreiße. Er jammert, ich drehe mich, auf dem Rücken liegend, vor Freude in einer Art wagerechten Tanz, den Er den »Bajaderentanz« nennt. Und dann, ich weiß nicht, wie es kommt, wird alles leblos vor meinen Augen, verschleiert sich, entfernt sich … Ich will aufstehen, auf mein Kissen zurückkehren, aber schon trennen mich meine Träume von der Welt … Dies ist die glückselige Stunde, in der du mit Ihr verschwindest, in der das Haus ruht und langsam atmet. Ich liege in einem dunklen und sanften Schlaf. Meine Ohren allein wachen und fangen, gleich feinen Antennen, die undeutlichen Geräusche von Türen und Klingeln auf …
In diesem Augenblick läutet es; Toby und Kiki zittern und richten sich hoch: der Kater setzt sich auf und legt seinen federbuschartigen Schwanz sorgfältig um seine Vorderpfoten; der Hund liegt wie eine Sphinx und hebt energisch die Schnauze.
Kiki: Was gibt es?
Toby: Ein Lieferant.
Kiki ( den Kopf schüttelnd): Das war nicht die Klingel an der Hintertür. Besuch!
Toby ( aufspringend): Herrlich! Es gibt Tee und Kuchen. Zuckerchen und Knusperchen!
Kiki ( verstimmt): Ich sehe Damen, die schreien und mir mit behandschuhten Händen über den Rücken fahren, mit Händen in einer toten Haut … gräßlich.
Weibliche Stimmen – auch Ihre Stimme ist dabei. Ein helles Geläute ertönt. Die Tür geht auf und herein tritt eine ganz kleine schwarzbraune englische Terrierhündin, die von sich selbst sehr entzückt ist und in tänzelndem Schritt näherkommt.
Die kleine Hündin ( mit hochgehobenem Kopf): Ich bin die kleine süße Hündin.
( Toby schweigt, wie versteint vor Begeisterung und Verwunderung. Kiki ist empört auf das Klavier gesprungen, von wo aus er feindselig und für die anderen unsichtbar zuschaut.)
Die kleine Hündin ( erstaunt, keine Ausrufe der Bewunderung zu vernehmen, mit denen sie sonst überall empfangen zu werden pflegt, wiederholt): … Ich bin die kleine süße Hündin. Ich wiege nur 900 g, mein Halsband ist aus Gold, meine Ohren aus schwarzem Atlas, mit leuchtendem Gummi gefüttert, meine Nägel glänzen wie Vogelschnäbel und … ( Toby bemerkend) Ach, da ist ja jemand. ( Schweigen.) Er sieht gut aus. ( Augenzwinkern, Verbeugungen, Beschnüffeln mit den Schnauzen.)
Toby: Wie klein sie ist!
Die kleine Hündin: Bitte, kommen Sie nur nicht näher!
Toby: Warum nicht ?
Die kleine Hündin: Das weiß ich nicht, aber meine Herrin weiß es. Sie ist nicht hier, sie ist im andern Zimmer geblieben.
Toby: Wie alt sind Sie?
Die kleine Hündin: Elf Monate. ( Aufsagend.) Ich bin elf Monate alt, meine Mutter hat den Schönheitspreis auf der Hundeausstellung bekommen, ich wiege nur 900 g und …
Toby: Das haben Sie mir schon einmal gesagt. Wie machen Sie es nur, daß Sie so klein sind?
Kiki ( unsichtbar auf dem Klavier): Sie ist häßlich und riecht schlecht. Sie hat mißgestaltene Pfoten und bleibt nicht einen Augenblick stillstehen. Und dieser Hund bemüht sich um sie!!!
Die kleine Hündin ( kokett und geschwätzig): Das ist so von Geburt an. Ich passe in einen Muff hinein. Haben Sie mein neues Halsband gesehen? Es ist aus Gold.
Toby: Und was daran herunterhängt?
Die kleine Hündin: Ist die Medaille meiner Mutter, die lege ich nie ab. Ich komme aus dem Eispalast, dort hatte ich einen rasenden Erfolg. Denken Sie nur, ich wollte einen Herrn beißen, der mit meiner Herrin sprach. Wie haben da alle gelacht! ( Sie krümmt sich und stößt vogelschreiartige Laute aus.)
Toby ( beiseite): Was für ein merkwürdiges Geschöpf! Ist sie wirklich eine Hündin ? ( Er beschnuppert sie.) Ja, sie riecht zwar nach Puder, aber trotzdem ist sie eine Hündin. ( Laut.) Setzen Sie sich doch einen Augenblick hin, mir wird ganz übel, wenn ich Sie immer so hin und her springen sehe.
Die kleine Hündin: Gern. ( Sie legt sich wie ein winziges Reh, die Vorderfüße gekreuzt, um ihre zarten Zehen zu zeigen.) Sie waren ganz allein hier?
Toby ( nach dem Klavier blickend): Ja, ich bin der einzige Hund hier. Warum?
Die kleine Hündin: Es riecht so merkwürdig.
Toby: Wohl nach Katze.
Die kleine Hündin: Katze? Was ist eine Katze? Ich habe noch nie eine Katze gesehen. – Man läßt Sie ganz allein im Zimmer?
Toby: Zuweilen.
Die kleine Hündin: Und Sie schreien nicht? Ich, sowie ich allein bin, schreie, ich langweile mich, ich fürchte mich, ich fühle mich nicht behaglich, und ich fresse die Kissen an.
Toby: Und dann schlägt man Sie!
Die kleine Hündin ( empört): Mich … was sagen Sie da? Sie sind wohl nicht bei Sinnen, scheint mir. ( Plötzlich liebenswürdig.) Das wäre aber schade … Sie haben so schöne Augen.
Toby: Nicht wahr? Man kann sie so gut sehen; sie sind groß und stehen so weit vor. Sie sagt, ich hätte Langustenaugen, außerdem sagt Sie noch »seine schönen Seehundsaugen, seine goldenen Krötenaugen!« …
Die kleine Hündin: Wer »Sie«?
Toby ( schlicht): Sie.
Die kleine Hündin: Ich verstehe nicht alles, was Sie sagen, aber Sie sind so sympathisch! Was machen Sie heute abend ?
Toby: Ich esse.
Die kleine Hündin: Das kann ich mir denken, ich wollte wissen, ob Sie Besuch haben, ob Sie ausgehen?
Toby: Nein, ich war heute schon fort.
Die kleine Hündin: Im Wagen?
Toby: Zu Fuß natürlich.
Die kleine Hündin: Wieso natürlich? Ich fahre fast nur im Wagen aus. Zeigen Sie mir mal bitte Ihre Pfoten. Wie schrecklich! Wie ein Reibeisen. Sehen Sie meine an: unten Seide, oben Samt. Toby: Ich möchte Sie mal auf dem Lande, auf Kieselsteinen sehen.
Die kleine Hündin: Aber ich war auf dem Lande, im vergangenen Sommer, und da waren keine Kieselsteine.
Toby: Dann war es nicht das Land; Sie wissen nicht, was Land ist.
Die kleine Hündin ( beleidigt): Doch! Feiner Sand, kurzgeschnittener Rasen, der jeden Morgen abgefegt wird, ein Diwan auf dem Rasen, große Kretonnekissen, schäumende Milch, Schlaf im Schatten und entzückende rote Äpfelchen zum Spielen.
Toby ( den Kopf schüttelnd): Nein. Sondern eine weiße staubige Landstraße, die einem die Augenlider versengt und die Pfoten verbrennt; hartes und verdorrtes Gras, das gut riecht und an dem ich mir in den beängstigenden Nächten – denn ich allein bewache sie, Sie und Ihn – Schnauze und Zahnfleisch reibe. Ich liege in meinem Korb, das Klopfen meines erregten Herzens raubt mir den Schlaf. Ein Hund irgendwo draußen ruft, der Böse sei vorübergegangen. Wird er auch zu uns kommen? Und werde ich ihn dann gleich mit blutunterlaufenen Augen und kreidiger Zunge anspringen und seine dunkle Gestalt verschlingen?
Die kleine Hündin ( zitternd vor Erregung): Weiter, weiter! Wie ich mich fürchte!
Toby ( bescheiden): Beruhigen Sie sich, all das ist ja niemals geschehen. Aber so ist es auf dem Lande; und dann im Schatten des Wagens endlos nebenher laufen, wenn Durst, Hunger, Hitze und Müdigkeit die Seele traurig und mutlos machen …
Die kleine Hündin ( gespannt): Und dann?
Toby: Dann ist es aus. Man kommt trotzdem nach Hause, zu dem Eimer, der voll dunklen Wassers steht und aus dem man atemlos trinkt – »mit seiner langen Zunge«, wie Sie sagt, »die in der Mitte gespalten ist wie die Blätter der Irisblüte« – während feine Tropfen die schmerzenden Lider, die staubigen Brauen besprengen … Alles dies, und noch vieles andere mehr, geschieht auf dem Lande …
Kiki ( auf dem Klavier, verträumt): Alles dies, und die Gewohnheiten, die man im vergangenen Jahr dort zurückgelassen hat und die einem dann wieder auf den Leib passen, wie nach einem langen Schlaf der Abdruck in einem weichen Kissen … Alles dies, und die freien Nächte, das traurige Auflachen des Kauzes, der als einziger so lautlos die Lüfte durchstreicht wie ich die Erde … Die silbergrauen Ratten hängen am Spalier und fressen die Trauben, ohne einen Blick von mir abzuwenden … Die Entfettungskur auf den Steinen der Mauer, die glühendheiß ist und von der ich aufstehe wie gekocht, abgemagert, bleich, aber so schlank, daß alle Kater mich beneiden … ( wieder zu sich kommend und mit einem mörderischen Blick auf die kleine Hündin) Krepieren solltest du, stinkende Bestie, dafür, daß du all diese vergangenen Freuden wieder in mir wachrufst! Willst du nicht endlich verschwinden, damit ich dieses kalte Lager verlassen kann, auf dem meine Pfoten erstarren?
Toby ( lebhaft zur kleinen Hündin): Doch genug davon. Solange Sie hier sind, kann ich an nichts anderes denken als nur an Sie. Ich fühle, daß ich Sie liebe.
Die kleine Hündin ( mit gesenktem Blick): Nur aus Liebe ?
Toby: Natürlich!
Die kleine Hündin: So schnell?
Toby: Wir haben schon viel Zeit verloren.
Die kleine Hündin: Aber wir haben uns doch unterhalten. Das hat mir viel Vergnügen gemacht.
Ich verstehe immer weniger, warum man mir den Umgang mit jungen Herren verbietet.
Toby: Lassen Sie mich Ihnen den Hof machen.
Die kleine Hündin: Was ist das?
Toby: Passen Sie mal auf; ich fange jetzt an. Auf meinen steifen Beinen hoch aufgerichtet tripple ich und umkreise Sie mit kleinen melodischen Lauten. Mein Ringelschwanz zittert, meine durch unruhiges Atmen eingezogenen Flanken machen mich schlanker, und ohne daß ich es will scheinen meine erregten Ohren bis hinten an meinen Nacken gerückt zu sein …
Die kleine Hündin: Kommen Sie nicht näher, ich bin verwirrt …
Toby: Und um meinem ritterlichen Benehmen die Krone aufzusetzen, drückt meine mächtige Pfote Ihre Lenden ein …
Die kleine Hündin ( sich entwindend): Ach, wie brutal!
Toby ( dringlich): Ich bin eben nicht so klein wie Sie! Könnten Sie nicht vielleicht auf ein kleines Fußkissen steigen!
Kiki ( empört): Ich verzeihe es meinen Augen nicht, sich durch einen solchen Anblick besudeln zu müssen! Dieses Vorspiel ist eine traurige Parodie auf unsere wilde Liebe … Erstickte Schreie, unzüchtige Tänze, schweigendes Sich-zur-Schau-stellen, wobei mein Schwanz wie ein Königsmantel hinter mir herschleift; Umarmungen, bei der die Wollust qualvoll aufschreit: soll ich über all dieses erröten, wegen dieses … zynischen Paares ?
Toby ( mehr energisch als höflich): Sagen Sie mal, kleines Frauenzimmer, wird dieses Versteckspiel endlich einmal aufhören – ? … Komm doch, du wirst es nicht bereuen.
Die kleine Hündin ( entsetzt und verlockt zugleich): Mein Gott, das ist ja schrecklich! – Machen Sie mit mir, was Sie wollen! …
Kiki ( aufrecht auf dem Klavier und mit drohendem Ton): Ihr werdet das doch nicht etwa hier machen, denke ich?
Die kleine Hündin ( sucht, woher die erschreckende Stimme kommt, sieht das königliche Tier, dessen Barthaare und Brauen zu Berge stehen und dessen Augen Todesblicke versenden … Sie flieht schreiend): Zu Hilfe, zu Hilfe! Auf dem Klavier steht ein Tiger!
Sie verliert das Bewußtsein in den Armen ihrer herbeigeeilten Herrin, die sie, um sie zu trösten, mit den üblichen Kosenamen überschüttet: »Fifi, mein Süßes, Schönstes, mein Täubchen, mein Schätzchen, mein Hühnchen, mein Goldenes, mein Einziges« usw. Dann geht die Teeunterhaltung weiter.