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Die Reise

In einem Abteil erster Klasse haben Kiki, Toby, Sie und Er Platz genommen. Der Zug rollt den fernen Bergen, dem freien Sommer entgegen. Toby, an der Leine, preßt seine geschäftige Nase an die Fensterscheibe. Kiki, unsichtbar in ihrem Körbchen, unter Seinem unmittelbaren Schutz, schweigt. Er hat im Wagen schon zwanzig auseinandergerissene Zeitungen ausgebreitet. Sie träumt, den Kopf gegen die staubigen Polster gelehnt, und Ihre Gedanken eilen dem über alles geliebten Berg entgegen, auf dem ein niedriges Häuschen steht, wie zusammengekauert unter Wein und Jasmin.

Toby: Wie schnell dieser Wagen fährt! Es ist wohl nicht der gleiche Kutscher wie sonst. Die Pferde habe ich nicht gesehen, aber sie riechen schlecht und haben einen schwarzen Atem. Werden wir bald da sein, Du, die Du so ruhig träumst und mich nicht anschaust?

(Keine Antwort. Toby wird aufgeregt und pfeift durch die Nase.)

Sie: Ruhig! …

Toby: Ich habe doch fast nichts gesagt. Sind wir bald da? (Er wendet sich an Ihn, der liest, und legt seine Pfote vorsichtig auf sein Knie.)

Er: Ruhig! …

Toby (resigniert): Ich habe kein Glück. Keiner will mit mir reden. Ich langweile mich ein wenig und kenne diesen Wagen nicht recht. Ich bin müde. Sie haben mich frühzeitig aufgeweckt, und ich bin durchs ganze Haus gerannt. Die Sessel waren unter Tüchern versteckt, die Lampen verhängt, die Teppiche zusammengerollt. Alles war weiß, verändert, beängstigend, mit einem Trauergeruch von Kampfer. Unter jedem Sessel mußte ich niesen, mir tränten die Augen und auf dem blanken Parkett glitt ich aus, wenn ich den weißen Schürzen der Mädchen nachjagte. Denn sie waren bei den Koffern beschäftigt, die überall herumstanden, und ihr ungewöhnlicher Eifer zeigte mir zur Genüge ein außergewöhnliches Ereignis an. In der letzten Minute, gerade als Sie, ganz warm von dem Hin und Her, rief: »Tobys Halsband! Und der Korb für die Katze, schnell, die Katze in den Korb! …«, gerade als Sie dieses sagte, war mein Kamerad verschwunden. Es war nicht zu beschreiben! Er, fürchterlich anzusehen, fluchte ein Donnerwetter und schlug mit dem Stock auf das Parkett, wuterfüllt, daß man seinen Kiki hatte entwischen lassen. Sie rief »Kiki«!, bald bittend, bald drohend, und die beiden Dienstmädchen brachten trügerische leere Teller herbei und gelbes Einwickelpapier aus dem Schlächterladen … Ich glaubte ganz sicher, mein Kamerad hätte diese Welt verlassen! – Plötzlich zeigte er sich unsern Blicken, er hatte sich auf die höchste Stelle der Bibliothek geschwungen und schaute uns von dort mit seinen grünen Augen verächtlich an. Sie hob die Arme in die Höhe! »Wirst du sofort herunterkommen, Kiki! Wir werden deinetwegen noch den Zug versäumen!« Kiki kam nicht herunter, und mir unten auf dem Fußboden wurde schwindlig, wie ich ihn so hoch oben stehen sah, wo er sich um sich selbst drehte und durch durchdringendes Miauen zu verstehen gab, daß es ihm unmöglich wäre, zu gehorchen. Er, wie wahnsinnig, rief: ›Mein Gott, Kiki wird fallen!‹ Aber sie lächelte skeptisch, ging hinaus und kam mit der Peitsche zurück … Die Peitsche sagte nur zweimal »Klack,« und wie durch ein Wunder, so dachte ich, sprang der Kater auf das Parkett, weicher und elastischer als der Wollball, mit dem wir sonst zu spielen pflegen. – Ich hätte mir beim Fallen sicher alles gebrochen. Seitdem sitzt Kiki in diesem Korb … (Toby geht an den Korb.) Er hat eine kleine Öffnung … Ich kann Kiki sehen … Seine Bartspitzen sind wie weiße Nadeln … Ach, und was für Augen er macht! Da will ich lieber wieder zurückgehen … ich fürchte mich etwas. Eine Katze ist nämlich nie ganz richtig eingesperrt  … Wie muß sie leiden! Ob ich wohl einmal leise mit ihr spreche … (Er sagt sehr höflich:) Katze!

Kiki (wildes Fauchen): kssssss...

Toby (einen Schritt zurückweichend): Was hast du da eben für ein häßliches Wort gesagt! Dein Gesicht ist fürchterlich anzusehen. Tut dir irgend etwas weh?

Kiki: Mach' daß du fortkommst. Ich bin ein Märtyrer … Mach' daß du fortkommst, sonst speie ich Feuer!

Toby (treuherzig): Warum?

Kiki: Weil du in Freiheit bist und ich in diesem Korb, weil der Korb in einem stinkenden Wagen steht und mich rüttelt, und weil die beiden mit ihrer Fröhlichkeit mich rasend machen.

Toby: Soll ich aus dem Fenster sehen und dir erzählen, was es da alles zu sehen gibt?

Kiki: Mir ist alles gleich widerwärtig.

Toby (der zurückkommt, nachdem er hinausgesehen hat): Ich habe nichts gesehen …

Kiki (bitter): Schönen Dank trotzdem.

Toby: … ich habe nichts gesehen, was sich leicht beschreiben ließe. Etwas Grünes, das so dicht und so schnell an einem vorbeirast, daß man einen Schlag in die Augen bekommt. Ein flaches Feld, das sich dreht, und einen kleinen spitzen Kirchturm weit hinten, der ebenso schnell läuft wie der Wagen … Ein zweites Feld, ganz rot von blühendem Klee, hat mir einen roten Schlag ins Auge versetzt … Die Erde wird tiefer – oder wir steigen, ich weiß es nicht genau. Ich sehe ganz unten und weit hinten grünen Rasen mit weißen Margeriten ausgesternt – es können aber vielleicht auch Kühe sein …

Kiki (bitter): Oder Oblaten, – oder sonst was anderes.

Toby: Macht dir das keinen Spaß?

Kiki (finster auflachend): Du fragst wie man einen zum Tode Verurteilten fragt …

Toby: Wen?

Kiki (mehr und mehr melodramatisch, ohne jede Überzeugung): Wie man einen zum Tode Verurteilten in seinem Bottich mit siedendem Öl fragt, ob es ihm angenehm wäre! Meine Qualen sind seelischer Art. Ich erdulde hier gleichzeitig Gefangenschaft, Demütigung, Dunkelheit, Vergessenheit und das Stoßen des Wagens.

(Der Zug hält an. Ein Beamter auf dem Bahnsteig: »Aua, auau euo, ue«.)

Toby (erschreckt): Man schreit, es ist ein Unglück geschehen. Wollen mal hinlaufen. (Er stürzt mit vorgestreckter Schnauze zur geschlossenen Tür, an der er verzweifelt kratzt).

Sie (schlaftrunken): Aber Toby! Du bist ja schrecklich.

Toby ( wie rasend): Wie kannst du nur so ruhig sitzen bleiben, du Unbegreifliche? Hörst du denn nicht, wie sie schreien? Jetzt wird es schwächer … Das Unglück hat sich entfernt. Ich hätte so gern gewußt … ( Der Zug setzt sich wieder in Bewegung.)

Er ( von seiner Zeitung aufsehend): Das Tier hat Hunger.

Sie ( ganz wach): Glaubst du? Ich übrigens auch. Aber Toby wird nur wenig zu essen bekommen.

Er ( besorgt): Und Kiki?

Sie ( energisch): Kiki mault. Er hat sich heute früh versteckt, er wird noch weniger bekommen.

Er: Er ist so still. Glaubst du nicht auch, daß er krank ist?

Sie: Nein, nur beleidigt.

Kiki ( sowie es sich um ihn handelt): Miau! –

Er (zärtlich und eifrig): Komm, schöner Kiki, du armer Gefangener, komm. Du sollst kaltes Roastbeef haben und weißes Hühnerfleisch.

(Er öffnet das Korbgefängnis. Kiki streckt vorsichtig erst einen flachen Schlangenkopf heraus und dann einen gestreiften Körper, der so lang, so lang ist, daß man meinen könnte, er wäre meterlang.)

Toby (eilt herbei): Ach, da bist du ja. Begrüße die Freiheit!

Kiki (leckt, ohne zu antworten, ein paar widerspenstige Haare glatt) …

Toby: Begrüße die Freiheit, sage ich dir. Das ist so der Brauch. Jedesmal, wenn eine Tür geöffnet wird, muß man laufen, springen, sich halb um sich selbst drehen und schreien.

Kiki: Man? Wer man?

Toby: Nun, wir Hunde!

Kiki (würdevoll dasitzend): Muß ich auch bellen? Wir haben, so viel ich weiß, noch nie den gleichen Sittenkodex gehabt.

Toby (beleidigt): Ich dringe nicht weiter darauf. Aber wie findest du diesen Wagen?

Kiki (vorsichtig schnuppernd): Schrecklich! Aber der Stoff ist gut, um sich die Nägel zu putzen.

(Tut wie er gesagt hat und kratzt über den Bezug.)

Toby (beiseite): Wenn ich das machen würde …

Kiki (weiterkratzend): Ah, dieses weiche graue Tuch besänftigt meine Wut! … Seit heute früh ist die ganze Welt in fürchterlichstem Aufruhr, und Er, den ich liebe und der mich verehrt, Er hat mich nicht verteidigt. Ich habe tiefe Demütigungen erlitten, bin gerüttelt worden und manch schriller Pfiff ist mir von einem Ohr zum anderen durchs Gehirn gedrungen … Ah, es ist köstlich, seine Nerven zu entspannen und sich vorzustellen, wie man mit beglücktem Kratzen das feindliche, fasrige und blutende Fleisch zerreißen kann … Wir müssen kratzen und hin und her laufen und müssen die Pfoten ganz hochheben zum Zeichen unserer gewaltigen Unverschämtheit! …

Sie: Sag' Kiki, bist du fertig?

Er (nachsichtig und voller Bewunderung): Laß ihn, er putzt sich seine Krallen.

Kiki: Er hat für mich gesprochen. Ich verzeihe Ihm daher. Doch da es mir erlaubt ist, die Polster zu zerkratzen, mag ich es nicht mehr … Wann werde ich hier endlich herauskommen? Nicht, daß ich Angst hätte; Sie sind ja alle beide da – auch der Hund – und zeigen ihre gewöhnlichen Gesichter … Ich habe Magenschmerzen.

(Er gähnt. Der Zug hält an, ein Beamter auf dem Bahnsteig: »Aa, ua, auaua, oa«.)

Toby (aufgeregt): Sie schreien, wieder ein Unglück. Wir wollen heraus!

Kiki: Mein Gott, ist der Hund unerträglich. Was geht es ihn schon an, wenn es ein Unglück gibt! Ich glaube übrigens nicht daran. Ein Mann schreit, und Männer schreien einfach aus Freude, ihre Stimme zu hören …

Toby (beruhigt): Ich habe Hunger. Werden wir bald essen, Du, von der ich alles erhoffe? In diesem sonderbaren Lande weiß ich nicht mehr, wie spät es ist, aber mir scheint …

Sie: Kommt, wir wollen jetzt alle frühstücken! (Sie packt Messer und Gabel aus, knittert mit Papier, zerbricht ein knuspriges Brötchen …)

Toby (kauend): Was Sie mir da gegeben hat, muß ganz besonders gut gewesen sein, weil es mir so wenig vorkam. Es ist mir in der Schnauze wie zergangen, es ist nicht einmal ein Erinnern zurückgeblieben.

Kiki (kauend): Es ist weißes Hühnerfleisch. Krrrr. – Nanu, ich schnurre, ohne daß ich es weiß! Das sollte man nicht tun! Sie glauben dann, daß ich mich auf dieser Reise bescheide … Man muß langsam essen, wütend und enttäuscht, nur essen, um nicht zu verhungern.

Sie (zu den Tieren): Nun laßt mich aber auch frühstücken. Ich esse auch gern kaltes Huhn und das Innere vom Salat mit Salz bestreut …

Er (besorgt): Wie werden wir die Katze nur dazu bringen, wieder in ihr Körbchen zu klettern?

Sie: Ich weiß nicht, aber wir werden ja gleich sehen …

Toby: Schon fertig? Ich könnte noch dreimal soviel verschlingen. Hör' mal, Kiki, für einen Märtyrer frißt du nicht schlecht.

Kiki (ausweichend): Der Kummer hat mir Appetit gemacht. Rück' mal da ein bißchen beiseite, ich will jetzt schlafen … will versuchen zu schlafen. Ein gütiger Traum bringt mich vielleicht wieder in das Haus, das ich verlassen habe, zu den bunten Kissen, die Er mir gegeben … Home, sweet home! Bunte Teppiche zur Freude meiner Augen soviel ich nur will. Ein großer Kübel, aus dem eine kleine Palme emporwächst, deren Schößlinge ich abknabbern kann, tiefe Sessel, auf denen ich zu meiner eigenen Überraschung meinen Wollball verstecke … Korken, die mit einem Bindfaden an der Türklinke befestigt sind, und Nippsachen auf den Tischen zum Spielen für meine Pfoten, ein paar Kristallsächelchen zum Zerbrechen … Der Speisesaal, dieses Heiligtum. Die Diele voller Geheimnisse, wo ich, ohne gesehen zu werden, alle beobachten kann, die hinausgehen und hereinkommen … Eine enge Treppe, auf der mir der Schritt des Milchmannes wie das Angelus erklingt … Lebt wohl, mein Schicksal entführt mich und wer weiß, ob ich je wieder … Ach, es ist zu traurig, und all die schönen Dinge, von denen ich da gesprochen habe, haben mich nun wirklich traurig gemacht!!

(Sie putzt sich nun gründlich und mit einer wahren Leichenbittermiene. Der Zug hält an. Ein Beamter auf dem Bahnsteig: »Aa, ua, auaua …«)

Toby: Wer schreit da? Ein Ungl... Ach, still, jetzt hab' ich genug davon!

Er (besorgt): In zehn Minuten müssen wir umsteigen. Was machen wir nur mit der Katze? Sie wird sich nie wieder einsperren lassen.

Sie: Wollen mal sehen. Ob wir ihr etwas Fleisch in den Korb legen?

Er: Oder, wenn wir sie etwas kraulten. (Sie nähern sich dem bedrohlichen Tier und sprechen beide zu ihm.)

Er: Kiki, schöner Kiki, komm zu mir auf den Schoß, oder auf meine Schulter, auf der du doch immer so gern sitzen magst. Da wirst du dann einschlafen, und ich lege dich behutsam in diesen Korb, der übrigens Löcher hat zum Durchsehen und ein Kissen, damit das harte Weidengeflecht hübsch weich ist. Komm, schönes Tier!

Sie: Höre, Kiki, du mußt das Leben doch begreifen. Du kannst doch nicht so bleiben. Wir müssen umsteigen, und dann kommt ein gräßlicher Beamter und sagt Dinge, die für dich und dein ganzes Geschlecht beleidigend sind. Zudem rate ich dir, zu gehorchen, sonst gibt es einen Klaps …

(Aber noch ehe sie das heilige Fell mit ihrer Hand berührt hat, steht Kiki auf, reckt sich, macht einen krummen Buckel, gähnt, um sein rosa Mäulchen zu zeigen und geht dann auf den offenen Korb zu, in den er sich mit geradezu unverschämter Ruhe hineinlegt. Er und Sie sehen sich vielsagend an.)

Toby (mit einer für ihn charakteristischen Bewegung): Ich muß mal …


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