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Ein drückend heißer Tag auf dem Lande. – Hinter den halb geschlossenen Fensterläden schweigt das Haus; auch der angsterfüllte Garten schweigt, nichts bewegt sich, nicht einmal die wie leblos herabhängenden Blätter der Mimose. Kiki und Toby beginnen zu leiden und das Gewitter zu spüren, das zunächst wie ein schiefergrauer Sockel unter das glanzlose Blau des Himmels dick hingemalt scheint.
Toby ( lang ausgestreckt auf dem Boden, sich alle Minuten von der einen Seite auf die andere legend): Ich ertrag es nicht, ich ertrag es wirklich nicht! Was ist das nur für eine Hitze? Ob ich etwa krank bin? Schon beim Mittagbrot hat mir das Fleisch widerstanden, und meinen Brei habe ich auch verächtlich beiseite geschoben. Irgendwo lauert etwas Verhängnisvolles. Ich habe doch, soviel ich weiß, nichts Unrechtes getan, und mein Gewissen … Trotzdem leide ich. Auch mein Kamerad liegt und stöhnt und kann nicht schlafen. Sein schwerer Atem läßt auf eine große Unruhe schließen … Kater?
Kiki ( zusammengerollt, sehr leise): Sei doch still!
Toby: Was denn? Hörst du ein Geräusch?
Kiki: Nein, mein Gott nein! Sprich mir nur nicht von Geräusch; von keinem Geräusch. Schon beim Klang deiner Stimme wird die Haut meines Rückens den Meereswogen gleich.
Toby ( erschreckt): Du wirst doch nicht sterben?
Kiki: Ich hoffe, noch nicht. Siehst du nicht unter der fast kahlen Haut meiner Schläfen, unter meiner bläulichen und durchsichtigen Haut – der Haut eines Tieres von Rasse – das Klopfen meiner Arterien? Es ist fürchterlich! Um meine Stirn winden sich meine Adern wie verkrampfte Schlangen, und in meinem Hirn hämmert irgendein Gnom. Schweig still, du, oder sprich wenigstens so leise, daß der Kreislauf meines erregten Blutes deine Worte übertönen kann …
Toby: Auf mir aber lastet die Stille. Ich bebe und weiß nicht warum. Ich ersehne das vertraute Geräusch des Windes im Kamin, das Klappern der Türen, das Raunen des Gartens, das unablässige, wie Quellengemurmel klingende Rauschen der Pappeln, dieser hohen Bäume, deren Blätter wie runde Geldstücke aussehen …
Kiki: Es wird noch früh genug laut werden.
Toby: Glaubst du? Und Ihre Stille erschreckt mich noch mehr. Daß Er auf dem Papier kratzt, ist ja seine Gewohnheit, eine Ihm vorbehaltene und unnütze Gewohnheit. Aber Sie! Siehst du, wie Sie auf dem Korbsessel hingestreckt ist? Man könnte meinen Sie schliefe, aber ich sehe, wie Sie ihre Wimpern bewegt und ihre Fingerspitzen auch. Sie pfeift nicht, singt nicht, vergißt, mit den Garnknäueln zu spielen. Sie leidet wie wir. Wird die Welt untergehen, Kater ?
Kiki: Nein. Es ist das Gewitter. Mein Gott, wie ich leide! Wenn ich doch aus meiner Haut herauskönnte und aus diesem Fell, in welchem ich ersticke! Wenn ich herausschlüpfen könnte aus mir, nackt wie eine abgezogene Maus, in die frische Luft! – Ach Hund, du kannst die Funken nicht sehen, die an jedem meiner Haare knistern, aber ich fühle sie. Komme mir nicht zu nahe: eine blaue Flamme schlägt aus mir heraus …
Toby ( zitternd): Wie schrecklich wird alles! ( Er schleppt sich mühselig bis zur Gartentreppe.) Was hat sich draußen nur geändert? Die Bäume sind blau geworden, und das Gras glitzert wie ein Wasserspiegel. Die düstere Sonne! Sie liegt fahl auf den Schiefern, und die kleinen Häuser sehen aus wie frische Gräber. Ein schleichender Duft steigt aus den blühenden Stechäpfeln auf. Dieser schwere Bittere-Mandel-Geruch, der ihren weißen Glocken entströmt, wühlt mir das Herz auf bis zum Magen. Ein ferner Rauch, ebenso müde wie der Duft der Stechäpfel, steigt mühselig empor, hält sich einen Augenblick aufrecht und fällt dann, wie ein dünner Halm, der an der Spitze geknickt ist, wieder zurück … Komm doch nur einmal und sieh! …
Kiki geht mit ungleichmäßigen Schritten bis zur Gartentreppe.
Toby: Aber du, Kater, du hast dich ja auch verändert! Dein langgestreckter Leib sieht aus wie der eines Verhungerten; und mit deinen Haaren, die hier angeklebt sind und dort hochstehen, gleichst du einem jämmerlichen Wiesel, das in Öl gefallen ist.
Kiki: Laß gut sein. Morgen sehe ich wieder aus wie es mir zukommt, falls der Tag noch für uns aufgeht. Heute schlepp' ich mich nur so hin, ungekämmt und ungewaschen, wie eine Frau, die von ihrem Liebsten verlassen ist …
Toby: Du sprichst Dinge, die mich zur Verzweiflung bringen. Ich glaube, ich werde noch laut schreien, werde um Hilfe rufen! Es wird entschieden besser sein, ich flüchte mich zu Ihr, um auf Ihrem Gesicht den Trost zu suchen, den du mir versagst. – Doch mir scheint, Sie ist auf Ihrem Korbsessel eingeschlafen, Ihre Augen, aus deren Blicken ich mein Schicksal ablese, sind geschlossen. Mit ehrfurchtsvoller Zunge, die Ihre herabhängenden Hände kaum berührt, werde ich Sie jetzt aufwecken. – Wenn doch Ihre erste Liebkosung den ganzen Spuk verscheuchte! ( Er leckt die herabhängende Hand.)
Sie ( aufschreiend): Mein Gott, was hast du mich jetzt erschreckt! – Nichts ist doch schrecklicher als solch ein Tier! … Na warte! ( Sie gibt dem Störenfried einen kleinen Klaps auf die Schnauze, worauf dieser in seiner Nervosität in ein durchdringendes Geheul ausbricht.) Ruhig! So sei doch ruhig! Ich weiß nicht, was ich habe, aber heute hasse ich dich! Und diesen Kater da auch, der mich ansieht wie eine Schildkröte!
Kiki ( mit gesträubten Haaren): Wenn Sie mich anrührt, fresse ich Sie auf!
Es wäre sehr schlecht ausgegangen, wenn nicht ein leises, bald fernes, bald nahes Rollen, von dem man nicht weiß, ob es vom Horizont herkommt oder aus dem Hause dringt, alle drei von dem Streit abgelenkt hätte.
Wie auf ein Zeichen suchen Toby und Kiki mit geducktem Hinterteil Schutz, der eine unter dem Bücherschrank, der andere unter einem Sessel. Sie schaut ängstlich in den bleiernen Garten, auf die violette Wolkenwand, aus der plötzlich blendende blaue Flammen aufblitzen.
Sie, Toby, Kiki ( zusammen): Ah!!!
Bei dem kurzen Getöse, das nun folgt, zittern die Fensterscheiben. Plötzlich braust ein Sturm und umgibt das Haus wie mit einem laut flatternden Stück Zeug. Der ganze Garten neigt sich.
Sie ( verängstigt): Ach Gott, die Apfel!
Toby ( unsichtbar): Eher kann man mir meine beiden Ohren in schmale Streifen zerschneiden, als daß man mich von hier unten fortbekommt.
Kiki ( unsichtbar): Ich höre zu, ohne daß ich es eigentlich will, und mir ist, als ob ich sähe. Sie stürzt herein und schließt die Fenster. Jemand läuft auf der Treppe. Au, wieder eine schreckliche Flamme! … Und alles stürzt zusammen! Dann nichts mehr! … Sind sie alle tot? Durch die Fransen des Sessels hindurch sehe ich mit Lebensgefahr, wie die ersten Hagelkörner – diese gefrorenen Kieselsteine – die Blätter des Pfeifenbaumes durchbohren. Der Regen jetzt, der wie Silber aussieht, fällt in vereinzelten Tropfen so schwer herab, daß der Sand unter ihrem Aufprall Löcher bekommt.
Sie ( verzweifelt): Ich höre, wie die Pfirsiche und die grünen Nüsse herunterfallen.
Sie schweigen alle drei. Regen, zuckende Blitze, Heulen des Windes, Pfeifen der Tannen, dann kurze Windstille.
Toby: Ich glaube, meine Angst hat nachgelassen. Das Geräusch des Regens entspannt meine kranken Nerven. Mir ist, als spürte ich auf meinem Hals, auf meinen Ohren die rinnende Feuchtigkeit. Das Getöse entfernt sich. Ich höre mich wieder atmen. Ein sich aufhellender Tag dringt bis zu mir unter diesen Bücherschrank. Was tut Sie? Ich wage mich noch nicht hervor. Wenn sich nur der Kater bewegen möchte. ( Streckt vorsichtig, wie eine Schildkröte, den Kopf vor; ein Blitz jagt ihn wieder unter den Schrank zurück.) Da fängt es wieder von neuem an. Der Regen schlägt heftig gegen die Scheiben. Die Kaminklappe ahmt das Rollen da oben nach; alles stürzt ein … und Sie hat mir einen Klaps auf die Schnauze gegeben!!
Kiki: Durch das schlecht geschlossene Fenster sickern Tropfen; ein bräunlicher kleiner Bach dringt herein, wird auf dem Fußboden immer länger und länger und kriecht bis zu mir. Ich werde ihn trinken, denn ich bin durstig, und mir ist heiß. Meine Beine sind müde, auch meine Ohren, die sich gleich einer Wetterfahne bei dieser Sintflut aufgestellt haben. Eine nervöse Angst preßt meine Kinnladen noch zusammen. Und die Sitzpolster dieses zu niedrigen Stuhles berühren meine Rückenhaare empfindlich. Aber es tut schon wohl, an all dies denken zu können, weil wieder Stille über dem Hause liegt. Noch summt das Getöse in meinen Ohren zusammen mit dem schwachen Geräusch von Wind und Regen. Was mag Er wohl tun, den das Gewitter ebenso quält wie uns und der nicht herbeigeeilt ist, um die entfesselten Elemente zu bändigen? Jetzt macht Sie die Tür nach der Gartentreppe auf. Ist es nicht noch zu früh? … Nein, denn die Hühner gackern schon und prophezeien gutes Wetter, wobei sie mit ihrem Altjungferngeschrei durch die Pfützen waten. Welch ein köstlicher Duft dringt bis hierher; so jung, so frisch! Ein Duft von feuchtem Laub und durchtränkter Erde, ein so neuer Duft, daß mir ist, als atme ich zum erstenmal. ( Kriecht unter dem Schrank hervor und geht bis zur Treppe.)
Toby ( plötzlich): Ha, wie gut das riecht. Das riecht nach Spazierengehen! Es verändert sich alles so schnell, wenn man keine Zeit zum Denken hat. Hat Sie die Tür geöffnet? Ich will schnell hinlaufen. ( Er stürzt zur Tür.) Endlich, endlich! Der Garten sieht wieder aus wie ein richtiger Garten! Ein feuchter Dunst näßt meine körnige Nase, ich fühle in all meinen Gliedern das Verlangen nach Springen und Laufen. Das Gras leuchtet und dampft, die gehörnten Schnecken tasten mit ihren vorstehenden Augen den rosa Kies ab und die schwarz und weiß schillernden Wegschnecken fassen die Mauer ein wie mit einem Silberband. Ach, welch ein schönes, gelb und grün gefärbtes Tier läuft dort im Nassen; ob ich's erwischen werde ? Werde ich mit meinen kralligen Pfoten sein metallisches Rückenschild zerkratzen können, bis es mit einem Krach stirbt? Nein. Ich will lieber bei Ihr bleiben, die, an die Tür gelehnt, tief atmet und wortlos lächelt. Ich bin glücklich. Etwas in mir ist dankbar gegen alles, was existiert. Das Licht ist schön, und ich bin ganz sicher, daß es nie wieder ein Gewitter geben wird.
Kiki: Ich halte es hier nicht mehr aus, ich gehe hinaus. Meine zarten Pfoten werden sich zum Auftreten kleine schon trockene Hügelchen zwischen den Pfützen aussuchen. Der Garten rieselt, glitzert und zittert in einem kaum spürbaren Beben, der die überall herabhängenden Edelsteine hin und herbewegt … Die untergehende Sonne, die schräge Strahlenbüschel sendet, begegnet in meinen Augen den gleichen gebrochenen, goldenen und grünen Strahlen. An dem noch aufgewühlten Himmel jagt ein schimmerndes Schwert, das zwischen zwei Wolken hindurchdringt, die bläulichen und dampfenden Pferde gen Osten, deren Galopp noch eben über unsern Köpfen dahindonnerte! Der Duft der Stechäpfel entschwindet zusammen mit dem des Zitronenbaumes, den der Hagel vernichtet hat. Plötzlich ist es Frühling. Um die Rosen summen Mücken. Ein unwillkürliches Lächeln verzieht meine Mundwinkel. Ich will mit vorgestrecktem Hals, um den Wassertropfen auszuweichen, spielen, will mit der Spitze eines duftenden Grases mir das Innere meiner Nasenlöcher kitzeln. Aber wenn Er doch nur endlich käme und mir nachginge und jede meiner Bewegungen bewunderte. Kommt Er denn nicht, sich mit mir zu freuen?
Man hört das Motiv der Regenbogenweise: ges, b, des, ges, as, b. – Eine Tür geht auf und schließt sich wieder. Unter dem feuchten Laub des Weins und des Jasmins, das die Veranda umrankt, erscheint Er zugleich mit dem Regenbogen.