Wilhelm Scharrelmann
Hinnerk der Hahn
Wilhelm Scharrelmann

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Nahe bei Worpswede, am Rande der Heide, wohnte vor vielen Jahren eine Häuslingsfrau, die so neugierig war, daß sie nichts lieber tat, als hinter den Gardinen ihrer Stube am Fenster zu sitzen und auf die Dorfstraße hinauszusehen, ob sie nicht jemand gewahr würde, dem sie nachgucken konnte, sodaß die Leute sie Anntje Kiekut nannten.

Anntje hatte einen Hahn, der unter allen Krähern im Dorfe die lauteste Stimme hatte, und da es ein alter Spruch ist: Wie der Herr, so's Gescherr!, war es nicht weiter verwunderlich, daß er ebenso neugierig war wie Anntje, denn wenn die Frau aus dem Fenster sah, reckte sich der Hahn auf die Zehenspitzen, machte einen langen Hals und hielt den Kopf ebenso schief wie Anntje Kiekut hinter ihrem Fenster.

Der Hahn hieß Hinnerk.

Je älter er wurde, desto unzufriedener wurde er. »Wie«, sagte er zu sich selbst, »habe ich nicht ein paar Sporen, so spitz wie Dolche, einen Mantelkragen wie ein Ritter, einen Schweif wie eine Fahne und eine Krone auf dem Kopfe? Jeder, der mich sieht, muß erkennen, wen er vor sich hat. Soll ich vielleicht mein Lebtag hier auf Anntjes Hof bleiben und Buchweizen fressen? Morgen am Tage mache ich mich auf und gehe in die Welt hinaus!«

Als Anntje darum am andern Morgen die Tür zum Wiemen öffnete und er auf die rauchige, alte Lehmdiele hinabflog und auf den Hof hinauskam, fackelte er nicht lange, sondern schwang sich auf das Dach des Schweinekobens, um sich umzuschauen und zu überlegen, welche Richtung er einschlagen sollte.

Herrlich, wie hoch er da oben stand! Vor ihm lag die weite Heide, zu seiner Linken das Moor und hinter ihm Anntje Kiekuts Apfelhof. Wie groß doch die Welt war!

»Gibt es da oben etwas zu fressen?« fragte eine Henne und schaute zu ihm hinauf.

»Nein, ich denke nicht an Fressen. Ich will in die Welt hinaus! Wenn du nicht so kurze Beine hättest, könntest du mich begleiten«, antwortete der Hahn. Da aber Anntje gerade ein paar Kartoffeln, die von ihrem Abendbrot übriggeblieben waren, auf den Hof warf, war die Henne schon davongelaufen.

»Meinetwegen«, sagte der Hahn verächtlich. »Ein Huhn ist immer nur ein Huhn. Da ist so einer wie ich doch ein andrer Kerl!«

Damit gab er sich einen Schwung und flog über den Zaun auf die Wiese hinaus, daß es nur so klatschte, und begann davonzumarschieren.

Es war ein herrlicher Tag. Die Sonne stand am Himmel wie ein blanker Zinnteller auf Anntje Kiekuts Tellerrack, und die Wolken schimmerten, als wollten sie den Glanz der Sonne beschämen.

Als er bei den Bienenkörben unter dem Zaun durchschlüpfte und auf die Dorfstraße kam, begegnete Anntje ihm, die bei der Nachbarin gewesen war und sich einen Topf voll Milch geholt hatte, denn ihre Ziege wollte keine mehr geben. »Wullt du na Hus, ole Rumdriver!« schalt sie und warf mit einem Stein nach ihm. Aber Hinnerk flog über den Graben am Wegrand, drückte sich in die Brennesseln, die dort wucherten, und weg war er.

»Kumm du mi man wedder!« rief Anntje Kiekut verärgert und ging nach Hause.

»Alte Moorhexe!« schalt der Hahn, dem der Schreck über den Stein noch in den Gliedern saß. »Aber sie hat noch nie gewußt, was sich gehört.«

Als er über den nächsten Bauernhof kam, hätte er beinahe Händel gekriegt. Der Hahn dort wollte ihn nicht vorüberlassen. Aber er war noch jung und ohne Erfahrung, und Hinnerk gab ihm mit seinen Flügeln ein paar Schläge hinter die Ohren, daß ihm Hören und Sehen verging – und dann war er schon über das Gatter geflogen, das den Hof einzäunte, und stand im Moor.

Das war eine andre Welt, mußte man sagen. Ein Birkenweg lief still und morgenschön in die Felder hinaus, der Buchweizen blühte, als hätte es über Nacht auf ihn geschneit, und die Lerchen sangen, als kämen sie geradewegs aus dem Himmel und wären nicht aus ihren Nestern da unten im Felde in den blauen Morgenhimmel hinaufgestiegen.

»Nein, hier auf dem Weg erlebt man nichts«, sagte der Hahn und begann querfeldein zu marschieren.

Da begegnete ihm ein Rebhuhn, das seine Jungen führte. Hallo, wie die Jungen laufen konnten, daß sie sich vor ihm versteckten.

»Kommen Sie mir bitte nicht zu nahe!« sagte das Rebhuhn und machte böse Augen. »Wer sind Sie überhaupt und wie kommen Sie hierher?«

»Passen Sie auf Ihre Kinder auf, wenn's gefällig ist!« antwortete der Hahn. »Kümmern Sie sich jedenfalls nicht um Dinge, die Sie nichts angehen.«

»Hierher, Philipp!« rief das Rebhuhn dem kleinsten seiner Jungen zu, das sich in seiner Angst verlaufen hatte und kläglich piepte. »Es ist eine Unverschämtheit von Ihnen, meine Kinder so zu erschrecken. Machen Sie, daß Sie weiterkommen! Wohin wollen Sie überhaupt?«

»In die Welt hinaus«, sagte der Hahn. »Aber das sind meine Sachen.«

»Viel Glück auf die Reise.«

»Danke. Es wird mir nicht daran fehlen. Übrigens niedliche Kinder, die Sie haben, und schon so behende.«

»Nicht wahr?« sagte das Rebhuhn und ward ein wenig umgänglicher.

»Wieviel sind es?« fragte der Hahn.

»Es waren neun«, antwortete das Rebhuhn. »Aber eins hat das Wiesel geholt und eins ist drüben in der häßlichen alten Moorkuhle ertrunken.«

»Pfui Teufel«, sagte der Hahn. »Übrigens das Wiesel, sagten Sie? Was ist das für ein Kerl? Wenn ich gerade bei seinem Hause vorbeikomme, rufe ich es heraus und gebe ihm nachträglich einen Klaps hinter die Ohren.«

»Das lassen Sie lieber bleiben. Es versteht keinen Spaß, kann ich Ihnen sagen.«

»Sehe ich vielleicht aus, als ob ich mich fürchtete?« rief der Hahn und sträubte seine Halsfedern.

»Nein, sicher nicht«, sagte das Rebhuhn und blickte ängstlich in Hinnerks rotes Gesicht. »Immerhin, Sie sollten sehen, einen Gefährten zu bekommen, wenn Sie weiter ins Moor hinein wollen. Ihre Hennen haben Sie wohl zu Hause gelassen?«

»Selbstverständlich!« sagte der Hahn. »Auch mit Ihnen habe ich mich schon zu lange aufgehalten. Guten Morgen!« Damit ging er.

Als er das Feld hinter sich hatte und in die Heide hinauskam, saß die Heidelerche da auf einer kleinen Föhre und sang, als könnte sie es den Wiesenlerchen gleichtun.

»Was bist du denn für eine?« fragte der Hahn. »Du siehst ja verboten aus.«

»Wieso?« fragte die Heidelerche gekränkt. »Ich habe mich erst gestern gebadet und bin so sauber wie nur eine. Aber so geht es ordentlichen Leuten. Rein und schlicht hat kein Gewicht.« Damit hob sie die Flügel und schwang sich auf den nächsten Torfhaufen.

»Nichts für ungut«, rief der Hahn zu ihr hinauf. »Ich meinte wirklich, Sie wären ein Sperling, und dies Volk kann ich nun einmal nicht ausstehen.«

»Dann machen Sie doch Ihre Augen auf, ja?« antwortete die Heidelerche. »Sie hätten schon an meiner Stimme merken können, wen Sie vor sich haben.«

»Wie ist denn Ihr Name?« fragte der Hahn.

»Heidi«, antwortete die kleine Graue. »Ich bin aus der Familie der Lerchen, wenn Sie es durchaus wissen wollen.«

»Sehr viel Ehre«, antwortete der Hahn und machte einen Kratzfuß. »Mein Name ist Hinnerk.«

»Hinnerk, so. Na ja.«

»Was wollen Sie damit sagen, bitte?«

»Hinnerk ist ausgezeichnet«, lachte die Heidelerche. »Da hat wohl ein Torfbauer bei Ihnen Pate gestanden?«

»Hören Sie mal«, entrüstete sich der Hahn, »statt mir Grobheiten zu sagen, sollten Sie mir lieber verraten, wo das Wiesel wohnt, – falls Ihre Kenntnisse so weit reichen.«

»Das Wiesel?« fragte die Heidelerche erstaunt. »Sie haben doch nicht vor, ihm einen Besuch zu machen?«

»Nichts andres«, sagte der Hahn.

»Sie sind entschieden ein Goliath dem Wiesel gegenüber«, meinte die Heidelerche. »Trotzdem sollten Sie Ihre Absicht lieber aufgeben. Es ist nicht gut Kirschenessen mit ihm, kann ich Ihnen sagen.«

»Ich habe durchaus nicht vor, mich freundschaftlich mit ihm zu unterhalten«, antwortete der Hahn. »Wie sieht es aus, wenn ich fragen darf? Trägt es einen Federkragen wie ich? Hat es ein paar Sporen und eine Krone auf dem Kopf?«

»Nein«, sagte die Heidelerche. »Es geht nur in einem Pelzrock. Aber alle Tiere fürchten es.«

»Wissen Sie seine Wohnung?« fragte der Hahn und schlug mit den Flügeln.

»Bedaure, nein. Einige behaupten, daß es dort unter dem Torfhaufen wohnt, andre sagen, daß es drüben unter einem der alten Weidenstümpfe haust. Meistens kommt es nur des Nachts aus seinem Haus. Aber vielleicht begegnen Sie ihm, wenn Sie weitergehen. Vergessen Sie jedenfalls nicht, vorher Ihr Testament zu machen«, sagte die Heidelerche und damit flog sie davon.

»Das muß ja ein unheimlicher Geselle sein«, sagte der Hahn nachdenklich.

»Ach was, dem Mutigen gehört die Welt«, dachte er, flog über den nächsten Graben und ging weiter. Ja, nun war er mitten im Moor. Brauner Backtorf stand in Ringeln und Haufen und trocknete an der Sonne. Auf den alten Moorkuhlen schwammen kleine Inseln von Entenflott auf dunklem Wasser, und die Bienen summten in der Glockenheide, daß es eine Lust war, es anzuhören.

»Guten Morgen!« rief der Hahn. Er meinte den Storch, der auf langen Beinen an einem Graben entlang ging. Aber der achtete nicht auf den Gruß, blickte nur tiefsinnig vor sich hin und tat, als hätte er Hinnerk überhaupt nicht gesehen.

»Ein wenig umgänglicher könnten Sie schon sein. Sind Sie nicht auf Imelmanns Dach zu Hause? Da sind wir doch Nachbarn sozusagen. Mein Name ist Hinnerk, wenn Sie ihn vergessen haben sollten.«

»So«, antwortete der Storch und ging weiter.

»Gestatten Sie, daß ich Ihnen ein wenig Gesellschaft leiste?« fragte der Hahn. »Sie sind ein weitgereister Mann und könnten mir gewiß einige gute Ratschläge geben. Ich bin nämlich auf dem Weg in die Welt hinaus.«

»Wollen Sie etwa nach Afrika?« fragte der Storch und blickte sich nach ihm um.

»Nach Afrika?« antwortete der Hahn verwundert. »Was ist das für ein Dorf? Ist es sehr weit bis dahin?«

»Einigermaßen«, antwortete der Storch.

»So, so . . . Oh, es ist durchaus möglich, daß ich es berühre und werde nicht davor umkehren, wenn ich hinkomme. Haben Sie vielleicht Grüße dort auszurichten? Es würde mir ein Vergnügen sein.«

»Dann grüßen Sie die ägyptischen Pyramiden bitte«, sagte der Storch, hob sich vom Boden und flog davon.

»Ich werde nicht verfehlen«, stotterte der Hahn. Aber der Storch hörte ihn schon nicht mehr.

»Nein, wie aufgeblasen er ist«, ärgerte sich Hinnerk. »Aber ich hätte klüger sein sollen. Weiß ich nicht, wie hochnasig er schon immer von seinem Dach auf uns herabsah? Und für so einen soll man noch Grüße ausrichten? Ich danke. Am Ende ist er in Afrika wegen seines Stolzes ebenso verrufen und ich hätte des Teufels Dank und Lohn davon.«

Langsam stieg die Sonne höher, und es mußte bald Mittag sein. Gern hätte er ein wenig gerastet und seine Mittagsmahlzeit gehalten. Aber die Unruhe trieb ihn weiter, und für einen Mittagsschlaf war er nie gewesen. Wie er aber noch eine gute Stunde durch die Heide marschiert war und nun doch ein wenig Rast machte, um sich auszuruhen, raschelte etwas im Kraut vor ihm und Hinnerk hob argwöhnisch den Kopf.

»Wer da?« rief er und mit so scharfer Stimme, als er es vermochte.

»Spel di man nich up!« antwortete der Igel. Denn er war es. An anderm Ort wäre Hinnerk hochmütig an ihm vorbeigestrichen. Aber hier in der Einsamkeit freute es ihn beinahe, ein wenig Gesellschaft zu bekommen und ein Wort wechseln zu können.

»Na?« sagte der Igel und steckte seine spitze Schnauze aus dem Heidekraut. »Süh an, Sie sind wohl heute morgen 'n bitschen aus dem Geleise gelaufen, was? Ja, das ist hier 'n dwatsche Gegend. Passen Sie nur auf, daß Sie nicht unversehens in eine Moorkuhle patschen. Wenn man gewohnt ist, sich immer nur im Sand zu baden, kann man sich leicht dabei verkühlen . . . Hehehe!«

Die Wahrheit zu sagen: Hinnerk hatte den Igel noch nie leiden mögen, und jetzt ärgerte er sich von neuem über ihn.

»Was ist das?« fuhr der Igel fort und kam näher an Hinnerk heran. »Ganz allein? Das ist mich ja ein seltener Fall . . . Ich meine, wo Sie doch sonst nie ohne einen ganzen Schwanz von Hennen spazieren gehen! Hehehe!«

Der Igel lachte, als würde er geschüttelt, und wenn Hinnerk meinte, er hätte sich beruhigt, fing er von neuem an.

»Der Kerl ist ja zum Nervöswerden!« dachte der Hahn und trippelte ärgerlich hin und her. »Jedes Wort, das er sagt, hat eine Spitze. Aber so ist er immer gewesen, stachlig innen und außen – der alte Ruppsack! Jedenfalls ist es Zeit, daß ich ihn daran erinnere, wen er vor sich hat!«

»Nu man nich die Nase so hoch«, sagte der Igel vergnügt. »Das mag ich gar nicht leiden. Hochmut kommt vor dem Fall, das ist eine alte Geschichte.«

»Aber erlauben Sie mal«, sagte der Hahn und hob den Kopf noch ein wenig höher als vorher.

»Halt mal eben die Luft an«, unterbrach ihn der Igel und hielt die Nase in den Wind. »Das riecht hier ja mit einem Male ganz verdeubelt . . . nach – ja wonach? Jedenfalls nach nichts Gutem . . . Nein, so stinkt bloß das Wiesel, wenn ich heute morgen mit der richtigen Nase aufgestanden bin.«

»Das Wiesel?« rief der Hahn. »Ha! das käme mir gerade recht. Seinetwegen bin ich ja hierhergekommen«, log er. Aber das Herz klopfte ihm doch gewaltig.

»So, dann ist das ja was andres!« sagte der Igel und zog den Kopf ins Heidekraut zurück.

»Nein, bitte bleiben Sie!« stotterte der Hahn. »Ich weiß doch nicht recht – –«

Aber da sah er es schon! Schmal und schlank und behende wie eine Schlange kam das Wiesel unter einem Torfhaufen hervor und hob die blutgierige kleine Schnauze in den Wind, und seine Augen funkelten vor Mordlust, daß dem Hahn ein kalter Schauder über die Haut lief.

»So, Sie sind also das Wiesel!« rief der Hahn verwirrt und kopflos. Dabei sträubte er die Federn und neigte den Kopf zur Erde, wie er es gewohnt war, wenn er sich zu einem Strauß anschickte.

»Warten Sie«, sagte das Wiesel und duckte sich. »Sie sind freilich schon ein wenig alt, mein Herr, und wenn Sie ein Kücken wären, wären Sie mir lieber, aber Blut ist Blut, und wenn ich mich hier so dicht bei Hause daran sattsaufen kann, wüßte ich nicht, was mir willkommener wäre!«

Holla – sprang es zu! Aber der Hahn war ebenso schnell gewesen und hatte ihm einen Schnabelhieb versetzt. Denn vor seinen Sporen hatte sich das Wiesel zu hüten gewußt.

Aber nun ging es Sprung um Sprung, und als der Hahn nach einigen Minuten mit blutunterlaufenen Augen atemlos und mit gesenkten Flügeln dastand – wupp! saß ihm das Wiesel an der Kehle und hatte sich in seinen Bartlappen festgebissen, und soviel sich der Hahn auch schüttelte, er wurde den Angreifer nicht wieder los. Der furchtbare Biß des kleinen Räubers schmerzte ihn so, daß er fast die Besinnung darüber verlor . . . Er versuchte seinen Gegner mit den Sporen zu treffen, aber das Wiesel hatte sich in seinen Halsfedern festgekrallt und biß nur noch wütender zu.

Da, Hinnerk war bereits am Ermatten, sprang der Igel aus dem Heidekraut hervor und biß das Wiesel in den Rücken, daß es entsetzt von dem Hahn abließ und sich des neuen Gegners zu erwehren versuchte. Aber der Igel hatte spitze Zähne, und sein Biß saß so fest, daß es mit allen seinen Künsten nichts auszurichten vermochte und sich nur an den Stacheln seines Gegners den Pelz wundriß. Knack! ging es . . . Da hatte ihm der Igel das Genick durchgebissen. Es zuckte noch einmal. Dann war es tot.

»Siehst du, alter Nimrod!« sagte der Igel, leckte sich gleichmütig die Lippen und sah sich nach dem Hahn um, der mit verplustertem Gefieder atemlos im Kraut hockte, so elend und schwindlig war ihm zu Mute.

»Na, Sie alter Kämpe, nun kommen Sie man wieder ans Licht!« sagte der Igel gutmütig. »Hehehe! der tut keiner Maus mehr weh!«

»Wirklich, das war Hilfe in der Not!« sagte der Hahn und stellte sich, noch immer ganz verdattert, wieder auf die Beine. »Das muß ich sagen – alle Achtung! Ich glaube, ohne Sie wäre ich verloren gewesen. Meinen ergebensten Dank!«

»Laß man, Cäsar«, unterbrach ihn der Igel. »Wir wollen nicht weiter darüber reden . . . Aber nun machen Sie, daß Sie hier aus dem Moor kommen, sonst fallen Sie noch in ein Mauseloch. Guten Morgen! Ich hab's eilig. Passen Sie jedenfalls auf, daß Sie nicht zufällig dem Fuchs begegnen.«

Damit trudelte er los und verschwand im Heidekraut.

Schrecken und Furcht im Herzen, ging Hinnerk weiter. Die Aussicht, zu allem Überfluß auch noch dem Fuchs zu begegnen, war ihm doch heillos in die Glieder gefahren. Sicher war es am besten, er kehrte um. Aber das war nun leichter gesagt als getan . . . Er war bereits so weit von Anntje Kiekuts Haus, daß er Stunden gebraucht hätte, um zurückzugelangen, und außerdem wußte er weder Weg noch Steg.

Nein, da half nun alles nichts, er mußte weiter, und das klügste war am Ende, sich beizeiten nach einer Schlafgelegenheit umzusehen. Die Nacht auf dem Erdboden zu verbringen wäre der sichere Tod gewesen. Hoffentlich fand er einen Baum, auf dem er schlafen konnte.

Müde vom Weg und von dem Kampf, der hinter ihm lag, kam er zuletzt an einen Graben, und da er sich nicht mehr kräftig genug fühlte, hinüberzufliegen, begann er am Ufer entlang weiterzumarschieren. Da hörte er plötzlich ein leises Schnabbeln und Schnattern und sah – o Freude! – ein paar Enten den Graben herabkommen.

»Ah, meine Lieben«, sagte der Hahn und machte einen Kratzfuß. »Sehr erfreut, Sie zu sehen.«

»Hallo«, rief der Enterich und hob verwundert den Kopf. »Wie sehen Sie nur aus? Haben Sie vielleicht vorgehabt, sich den Bart abnehmen zu lassen?«

»Machen Sie keine Scherze«, sagte der Hahn gekränkt. »Ich habe ein Duell mit dem Wiesel gehabt, und es ist scharf dabei hergegangen, das kann ich Ihnen sagen.«

»Mit dem Wiesel?« verwunderten sich die Enten. »Und Sie sind Sieger geblieben?«

»Durchaus«, nickte der Hahn. »Ich gab ihm einen Hieb mit dem Schnabel, daß es ganz irrsinnig wurde vor Wut. Es dauerte nicht lange, da fiel es um, und tot war es.«

»Hurra!« riefen die Enten. »Ja, es ist ein niederträchtiges Geschöpf. Keins unsrer Kinder, das am Land spazieren geht, ist sicher vor ihm. Aber auf das Wasser getraut es sich nicht, und das ist ein Glück für uns. Wirklich, Sie sind ein Held, das muß man sagen. Haben Sie vielleicht Appetit auf Wasserlinsen? Dann bedienen Sie sich. Es sind genug da.«

»Danke«, antwortete der Hahn. »Wasserlinsen sind mein Geschmack nicht.«

»Schade«, sagten die Enten.

»Aber Sie könnten mir sagen, wo ich hier einen Baum zum Übernachten finde. Ich schlafe gern ein Stockwerk über der Erde.«

»Bedaure«, sagte der Enterich. »Dann müssen Sie sich schon an andrer Stelle erkundigen. Auch wir sind hier fremd in der Gegend.«

Da schwammen sie hin . . .

Betrübt sah der Hahn ihnen nach. »Wenn nur die kleine Heidi hier wäre aus der Familie der Lerchen«, seufzte er, »die wüßte sicher Bescheid.«

Nach einer Weile gewahrte er zu seiner Freude eine junge Birke im Moor stehen, ging darauf zu und flog auf die untersten Zweige hinauf. »Gut, daß ich endlich zur Ruhe komme. Die Sonne ist bereits im Untergehen«, sagte er.

Da saß er nun in dem einsamen Moor . . . Der Abendwind kam und wiegte ihn auf seinem Ast langsam in Schlaf.

»Haha! Was wird Anntje Kiekut heute abend für ein Gesicht machen, wenn sie auf den Wiemen guckt, um die Eier aus den Nestern zu nehmen, und merkt, daß ich nicht nach Hause zurückgekehrt bin. Aber das ist die rechte Strafe für sie. So eine Unverschämtheit von ihr heute morgen, mit einem Stein nach mir zu werfen!«

Mitten in der Nacht aber bekam der Ast, auf dem er saß, einen Stoß, daß Hinnerk beinahe herabgefallen wäre.

Erschreckt zog er den Kopf unter den Flügeln hervor und blickte sich um. Nicht weit von ihm entfernt starrten ein paar glühende Augen unheimlich zu ihm herüber.

»Sind Sie es, Mieze?« fragte er und richtete sich auf. Denn er meinte, es wäre Anntjes alte Katze.

»Nein«, sagte die Eule mit heiserer Stimme – denn sie war es – und knappte mit dem Schnabel. »Ich bin es nur, wenn Sie nichts dagegen haben, Trinchen Kattuhl.«

»Sehr erfreut«, stotterte der Hahn und tat, als kennte er sie. »Wirklich sehr erfreut!« In Wahrheit war er ihr aber noch nie begegnet, denn wenn die Zeit der Eulen kam, hatte er immer längst auf dem Wiemen gesessen.

»Was tun Sie hier auf meinem Baum?« fragte die Eule feindselig. »Und wer hat Sie hier einquartiert?«

»Oh, ich habe nicht vorgehabt, jemand zu belästigen«, antwortete der Hahn bestürzt. »Wenn ich gewußt hätte – wirklich, Sie können versichert sein . . .«

»Machen Sie keine Redensarten«, unterbrach ihn die Eule ärgerlich. »Wenn Sie ein wenig gebildet wären, hätten Sie vorher um Erlaubnis gefragt.«

»Das hätte ich gewiß getan«, antwortete Hinnerk verwirrt. »Aber Sie waren vorhin nicht da!«

»Bitte, ich wohne seit Jahr und Tag drüben in der hohlen alten Weide am Zuggraben. Das ist allgemein bekannt. Knapp. Es sind so wenig Bäume hier in der Gegend, um sich auszuruhen. Es ist ärgerlich, muß ich schon sagen, sehr ärgerlich. Knapp! Knapp!«

»Dann bitte ich um Entschuldigung«, sagte der Hahn.

»Papperlapapp, davon wird niemand satt«, antwortete die Eule, denn sie war schlechter Stimmung. »Jedenfalls ist es die einzige Nacht, die Sie hier verbringen, das bitte ich mir aus, und morgen früh räumen Sie gefälligst die – Wohnung.«

»Ich bin auch nur auf der Durchreise hier«, stotterte der Hahn. »Auch kann es nicht mehr weit bis zum Morgen sein. Ich habe ein Gefühl dafür, denn um diese Zeit pflege ich regelmäßig zu krähen und aufzustehen.«

»Und ich zu Bett zu gehen«, antwortete die Eule. »Sparen Sie sich also Ihre Belehrungen . . . Wie sitzen Sie überhaupt da? Legen Sie vielleicht ein Ei?«

»Nein«, sagte der Hahn gekränkt. »Das habe ich noch nie getan.«

»Dann beeilen Sie sich, ehe Sie zu alt werden dafür«, sagte die Eule, knappte verächtlich mit dem Schnabel und flog davon.

Ja, die Nacht war schauerlich. Die Birke rauschte im Winde, ein Regen kam und fiel in ihre Krone, daß alle ihre Blätter erbebten . . . Und nun fing es auch noch an zu blitzen und zu donnern. Wie ruhig hatte er bisher des Nachts auf dem Wiemen in Anntje Kiekuts Haus gesessen. Trübselig ließ er den Schwanz hängen, und der Regen troff von seinen Federn herab.

Endlich lichtete sich der Tag, und ein zarter Schimmer im Osten verkündete die aufsteigende Sonne. Neuer Mut zog in Hinnerks Herz ein, und schmetternd scholl sein Kikeriki über das schweigende Moor, das demütig die Sonne erwartete.

 


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