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Im Norden ankerte die kleine Dampfjacht »Seepferd«. Sie war mit einer deutschen Forschungsgesellschaft hergekommen, die ausgezogen war, dem Stillen Ozean einmal gründlich auf die Eingeweide zu fühlen, und sie hatte bei monatelangen Kreuz- und Querzügen schließlich doch einmal auch Kililiki getroffen. Sie wären vorbeigedampft, denn ihre Arbeit war abgeschlossen. Aber diese Insel war nicht in ihre Karten eingetragen. So warfen sie Anker, und die jungen Mitglieder ruderten mit zwei Matrosen gleich ans Land. Sie sahen den Steg in dem Felsen, und sie kamen wie ein Gewitter, das auf einmal mitsamt Blitz, Donner und Wolken auf die Erde fällt, über die Versammlung im Steinbruch her.
Die Schlitzäugigen, die allerhand geheime Wege hatten, waren über diese zum größten Teil entwischt. Die Uferleute drückten sich ängstlich in die baumbestandene Ecke, in der sich der Hag des Dicken befand. Regenbogen hatte den jungen Leuten oft von jener ungeheuren Insel erzählt, die so groß war wie die blaue Matte über Kililiki und dem großen Wasser, und die Dörfer hatte, die doppelt so groß wie die ganze Insel waren, und in den Dörfern wohnten nur weiße Männer, Frauen und Kinder.
Die Alten hatten auch einiges von diesen Erzählungen aufgeschnappt, sie vermochten jedoch nicht recht zu glauben, daß die Erde noch mehr weiße Menschen trug als Regenbogen. Aber die Jungen, die durch jene Erzählungen Regenbogens mit den weißen Männern schon etwas vertraut waren, riefen den Alten zu, sie brauchten keine Furcht zu haben, das seien Brüder Regenbogens. Die Weißen kamen auf die Geängstigten zu und hoben die Arme hoch, um zu zeigen, daß sie keine Waffen hatten und ihnen nichts tun wollten. Sie sahen, daß die Schwarzen alle ebenfalls waffenlos waren. Das verstanden die Männer aber nicht, und sie drückten sich heftig gegen den Hag. Pfähle krachten und Matten rissen. Auf einmal erscholl ein entsetzliches Gebrüll. Ein Klumpen mengte sich unter die Männer, die in den eingedrückten Hag gerieten, preßte sich mit brüllenden Lauten zwischen ihnen hindurch, rollte nieder und erhob sich und fiel wieder hin. Es war der Gemästete. Das Fett hing, nun da er alt wurde, wie Würste schlapp um ihn herum. Er war entsetzlich kurzatmig und schimpfte zusammenhanglose Unflätigkeiten. Dünne graue Haarsträhnen klebten zwischen den Fettfalten seines Schädels. Er wälzte sich bis an die Weißen heran und rief: »Äser! Äser!« und griff nach einem. Sie erwehrten sich seiner ohne Mühe. Ein Matrose hielt ihn fest. Der Dicke war dem Wahnsinn verfallen.
Die Männer aus den Dörfern aber verstanden nichts von dem, was geschehen war. Sie glaubten, der Dicke sei eine Sau, eine ulkige Mißgeburt, die schreien konnte wie ein Mensch, und weil sie sich dazu auch noch wie ein Mensch gebärden konnte, fanden sie ihn außerordentlich komisch, und sie begannen im Gebüsch und Hag allmählich immer lauter aufzumeckern. Das Gebaren der so drollig geratenen Sau ergötzte sie aufs höchste und machte sie den Weißen zugleich zutraulicher.
In Möwenschnabel regte sich das Blut, das ihn zum König gemacht hatte. Er nahm all seinen Mut zusammen, denn er war nicht sicher, ob nicht wie damals, als Regenbogen gekommen war, plötzlich das große Donnern wieder über die Manner dreinführe. Er schlüpfte etwas aus dem Gebüsch heraus auf die Weißen zu und entblößte weit sein Gebiß, indem er freundlich und lauernd: »Ö! Ö!« grüßte. Dann wartete er zugleich auf Donner und Tod und auf gutes Gelingen seines Unternehmens. Ein Mann trat auf ihn zu. Er sah aus wie Regenbogen und klopfte ihm versichernd auf die Schulter, und auf einmal wußte Möwenschnabel und wußten alle die nackten Männer im Gebüsch, daß all die Weißen nichts anders seien wie Regenbogen. Ein Individuum schwand, und ein Begriff trat an seine Stelle, so wie in diesen Urwaldphantasien Leben lebloses Ding und lebloses Ding Leben, eine Tat, eine Vorstellung ein Mensch und aus einem Menschen oder einer Tat eine Vorstellung werden konnte. Sie wurden auf einmal ganz zutraulich. Sie wälzten sich aus dem Schutz des Hags heraus und tolpatschten, lachten und machten ihre freundlichsten »Ö! Ö!« um die Weißen, wie junge spielerische Hunde. Sie redeten die Weißen an und glaubten verstanden zu werden und griffen nach ihren Armen und sagten immer: »Regenbogen! Regenbogen!«
»Lausch, verstehen Sie, was da auf einmal vorgegangen ist?« fragte der Doktor Stein seinen Kameraden.
Der meinte nur: »So was haben wir nirgends erlebt … Wer ist denn der weiße Dicke?« fragte er plötzlich.
Der weiße Dicke lag in der Sonne auf dem Boden und streckte die Beine und Arme weg. Er war tot. Er war tot wie ein Tier. Ein Herzschlag hatte ihn erlöst. Doktor Stein, der Arzt war, bückte sich zu ihm nieder und versuchte lange, durch die Fettbehänge dem Herzen nahe zu kommen. Es schlug nicht mehr. Er sah sich den Toten an und bemerkte seinen Kameraden: »Als ob er gestopft worden wäre, wie eine Mastgans. Welches Geheimnis ist diese Insel? Kneifen Sie mich mal in die Nase, Lausch, ob ich wirklich lebendig und bei Sinnen hier stehe …«
Lausch kniff ihn. Stein sagte: »Ja!« Dann zeigte er Möwenschnabel auf den Toten. Möwenschnabel erschrak und machte eine Bewegung, die heißen sollte: »Ich weiß nicht, hab ihn nie gesehen.« Auch die andern Schwarzen schienen nichts von ihm gewußt zu haben. Sie lachten nur, denn sie glaubten noch immer, der weiße Körper sei eine Mißgeburt von einem Schwein. Stein sagte den Matrosen, sie möchten eine Grube graben und den Toten hineinlegen.
»Was machen wir jetzt?« fragte er Lausch und die beiden andern. »Was meint ihr, wenn wir an Bord zurückkehrten, Papa Wiltingen berichteten und ihm nahelegten, mit diesen Männern in deren Dörfer zu gehen. In diesem Loch können sie doch nicht wohnen …«
Dabei drehte er sich herum und blieb auf einmal mit offenem Mund, erschrocken und wie geschlagen, stehen. Lausch folgte den Bewegungen Doktor Steins, und es geschah ihm plötzlich dasselbe. Der Biologe Doktor Hardt, der zu dem dicken Toten niedergebeugt kniete, sah, daß die beiden auf einmal, gleich der Frau Lots auf der Flucht, wie Säulen dastanden, folgte der Richtung ihres Gesichts, sprang auf, und auch der Zoologe Doktor Meister, der im Haufen der Schwarzen stand, gewahrte unversehens die Riesenbilder und trat mit einem Ruf des Erstaunens und Erschreckens aus dem Haufen heraus.
Er fand zuerst die Besinnung vor der fürchterlichen Gewaltigkeit dieser plötzlichen erdenschwarzen Hünen aus Granit, und er sprach das Wort: »Osterinsel!«
»Ja, aber viel älter, viel mehr Urwald und … furchtbar, furchtbar!« rief Lausch. Auch Stein sagte: »Ganz anders!«
Er zeigte Möwenschnabel und den Schwarzen die Bilder. Sie wichen erschrocken zurück. Sie versuchten die Weißen mitzuziehen. Sie waren sich nicht gewiß, wie die entsetzlichen Seelenfänger dort die Berührung mit den Weißen auffaßten. Einer der Europäer sagte: »Sie scheinen sich davor zu fürchten. Sie wollen uns weghaben. Kommt! Wir können ja morgen wiederkommen.«
Sie gingen, von den Männern umschwärmt. Die Kililikier zogen ihre Kanus unter den Bäumen heraus, die Weißen ruderten zur Jacht und erzählten dem Professor von Wiltingen, dem Leiter der Expedition, was sie erlebt und gesehen, und baten ihn, den Anker zu lichten und zu den Eingebornen zu fahren. Die Kanus hielten sich in gemessener Entfernung. Der Anker rasselte hoch, und auf einmal begann das Schiff sich in Bewegung zu setzen. Da scholl, wie eine Gewehrsalve, das Lachen aus den Kanus auf. Das Schiff fuhr ohne Ruder und ohne Segel. Hat man das je auf Kiliki gesehen? Ohne Ruder und ohne Segel. Das Lachen knatterte vom Felsen wider. Das »Seepferd« fuhr mit wenig Dampf. Die Kanus lagen wie ein Schweif hinter ihm. Dann, nach zwei oder drei Stunden rückten sie auf einmal ab und ruderten ans Ufer. Der Dampfer setzte die kleine Jolle aus, und die Europäer fuhren ans Ufer, wo sie zwischen Bäumen Hütten sahen.
Als sie ein paar Schritte hinter Möwenschnabel her den Strand hinaufgegangen waren, kroch Seeschwalbe plötzlich aus dem Ufer. Ihre Augen funkelten vor gieriger Freude, sie hob die Arme hoch, sie wußte, wer gekommen war und sagte rasch hintereinander die sechs deutschen Worte, die sie von Pirath spielerisch gelernt hatte: »Peter, Deutschland, weiß, schwarz, Kinder, gebären!« … Die Europäer lachten, und Seeschwalbe entblößte mit tausend Gefühlen des Glücks, das sie wie ein wilder ungestümer Vogelschwarm überfiel, die großen schönen Zähne und sagte: »Regenbogen!« und zeigte auf ihren Hag. Sie sprang voraus. Die Europäer kümmerten sich nun nicht mehr um den lächelnden, stammelnden Möwenschnabel, sondern folgten ihr.
Sie rief ununterbrochen ins Haus hinauf: »Regenbogen! Regenbogen!« Aber Regenbogen kam nicht. Sie wußte nicht, daß er sich geflüchtet hatte. Da eilte sie vor den Europäern die Treppe hinauf. Die Weißen folgten. Seeschwalbe trat enttäuscht wieder aus dem Haus und hob die Matte vor der Tür hoch, damit die Weißen hineingehen konnten. Sie standen in dem dunkeln, leeren Raum und wußten nicht, was geschehen sollte. Da holte Seeschwalbe das Eisenbeil, den Kompaß, das Taschenmesser, die Uhr … alle europäischen Dinge hervor, die Regenbogen im Boot mitgebracht hatte. Die Deutschen schauten sich an und schauten sich die Sachen an, sahen aus den Schriften darauf, daß sie deutscher Herkunft waren, und der alte Professor flüsterte: »Ein neuer Robinson!«
Er trat zu Seeschwalbe, legte mild seine Hand auf ihre Schulter und fragte mit eindrucksvollen Bewegungen, wo der Besitzer dieser Gegenstände sei. Seeschwalbe verstand die Frage und wollte den Weißen mitteilen, sie sei erschrocken, daß er nicht hier sei, und wisse nicht, wo er sich befände. Bevor sie aber diese Antwort geben konnte, erblickte sie auf einmal in dem halbdunkeln Raum, in einer Ecke den König Möwenschnabel. Ihr Blick fiel zufällig unmittelbar in dessen Augen, und da sah sie etwas Gefährliches darin stehen. Sie fühlte in der raschen dumpfen Erkenntnis ihres Herzens, daß hinter diesen selbstvergessenen Augen etwas vorging, das auf Regenbogen zielte. Sie antwortete den Deutschen nicht mehr. Sie setzte zwischen ihnen hindurch, fiel über die Stiege hinab und sauste in den Wald hinein, zuerst ohne Richtung und nur heiß und angstvoll der Absicht folgend, Regenbogen zu suchen. Etwas, was Angst, Dankbarkeit, Hundetreue, Liebe, die ersten dämmernden Lichter von Gewissen war, hetzte sie so in den Wald hinein. Sie preßte sich hastig, bebend und stammelnd durchs Dickicht. Sie lief im Zickzack hin und her. Da fand sie auf einmal an einem geknickten Ast einen Faden hängen. Der Faden war von Regenbogen. Kein Mann auf der Insel besaß solches Gewebe. Sie rief und folgte hastig einer Spur im Gebüsch. Es wurde dunkel und finster. Sie schnitt sich rasch geradeswegs, scharf und drohend wie ein Messer durchs Gestrüpp. Denn jetzt fühlte sie, wo er hingegangen war.
Sie fand die Höhle. Sie stürzte zu ihm, der im Moos lag und im Fieber redete und stöhnte. Sie nahm seinen Arm und strich mit ihrer Hand unermüdlich und beruhigend drüber hinauf. Das Fieber war in der Auflösung begriffen. Piraths Hände drückten Seeschwalbe an sich. Er war glücklich, in seiner qualvollen Einsamkeit und Krankheit des Leibes und der Seele dieses Geschöpfes Teilnahme zu empfinden. Langsam schlief er dann ein, von der Ermattung bewältigt. Seeschwalbe aber wachte und horchte in den Wald hinaus. Es war ihr in ihrem aufgestachelten und besorgten Argwohn, als könnte sie ihr Gehör und ihre Nerven wie Pfeile in den Wald hineinwerfen. Und auf einmal nach Stunden, da die Dämmerung schon grün vor der Höhle im Wald aufleuchtete, da trafen ihre lauernden Vorhuten ein Geräusch, da empfand sie, daß sich etwas näherte.
Sie weckte Regenbogen leise und sagte ihm: »Möwenschnabel will dich töten. Wach auf, Regenbogen! Seeschwalbe ist dein Vogel, der gewacht hat, wie die Fregattvögel überm großen Wasser den Sturm aufrufen.«
Als Möwenschnabel hinter den Weißen in Regenbogens Haus eingeschlichen war und gesehen hatte, daß Regenbogen nicht darin war und daß Seeschwalbe sich erschrocken über seine Abwesenheit zeigte, da durchfuhr ihn plötzlich ein großer Einfall. Sein Inneres sagte ihm: »König Möwenschnabel, laß deinen Bauch zu dir sprechen: Der Regenbogen ist vor den Weißen geflohen. Sie sind so viele, als eine Hand Finger hat. Regenbogen ist allein. Er fürchtet sich. Diese Götter sind also mächtiger als Regenbogen. Ich werde ihn töten. Das wird dem König Möwenschnabel nützen.«
Sobald die Weißen dann zum Schiff zurückruderten, nahm er die Keule und schlug sich in den Wald. Er suchte. Dann kam die Finsternis, und er ging zurück in sein Haus. Aber mit der ersten Dämmerung brach er wieder auf. Bald fand er Spuren. Er folgte ihnen, verlor sie wieder, aber der Drang zu morden stand mit brutaler Sicherheit in ihm und schärfte seine Sinne. Nach und nach fand er den Weg von Regenbogens Flucht und sah den Felsen schon durch die Bäume durchdringen. Da faßte er seine Keule fest in die Faust und drückte sich hitzig durch die Sträucher durch. Auf einmal hörte unter den Felsen das Gestrüpp auf. Möwenschnabel sah einige Schritte vor sich Regenbogen auf dem Boden sitzen, und vor ihm stand Seeschwalbe. Die beiden erwarteten den König. Regenbogen erhob sich vorsichtig und langsam. Der König trat vor. Er meckerte laut seinen Gruß: »Ö! Ö!« Er rief ihn halb spöttisch, halb von Haß zerbissen, mit Genugtuung und Gier; er schob Seeschwalbe, die vortrat, ohne weiteres auf die Seite und machte harmlos tuend eine Bewegung mit seiner Keule. Er lachte. Aber Piraths Revolver war rascher, und die Kugel traf mitten in das lachende Gesicht. Möwenschnabel stürzte vornüber. Er lachte im Tod. Seine Finger umkrampften den Griff der Keule wie einen Knollen. Alles lag in diesem, im Tod lebendig bleibenden Griff, was unter der spitzen Wölbung des durchlöcherten Schädels gelebt hatte. Die Finger glichen, hart, dünn und klein, wie sie waren, der spärlichen Masse des Gehirns, die sie in den Tod gestoßen hatte.
Pirath trat über die Leiche hinweg, Seeschwalbe umging sie, erschauernd und zufrieden. Sie brachen sich in geradem Weg durch den Wald zum Dorf Vater durch. Seeschwalbe ging vor, und Pirath hatte ihre kleine zuckende Hand in seiner Faust. Pirath schien es ohne Überlegung klar geworden zu sein, wohin er wollte. Er schritt wie eine Katastrophe Europa zu. Ein krasser und brutaler Schmerz saß starr in seinem Herzen. Es war kein Kampf in diesem Herzen. Aber die Selbstverständlichkeit dessen, dem er sich näherte, war von derselben einfach rohen Größe und Geradheit wie alles Lebendige der Insel Kililiki. Europa stand vor ihm wie ein Zwang, der einmal vor langen Zeitwenden, in einer Urzeit, unausrottbar in ihn eingesät worden war. Jetzt gedieh er und war ein Urwald in ihm, und dieser erste große Schritt zurück zu dem Einst trug all die überströmend und haltlos aufpflügende Wehmut in sich, die stets die geheimnisvoll in die Tiefe weisende Begleiterin aller großen Taten des Herzens wird.
So schritt Pirath hinter Seeschwalbe durch den Wald. Er wußte, daß zum letztenmal die widerstrebenden und zähen Wogen des Urgestrüpps seine nackten Flanken umpreßten, und er malte mit einer spitzen Angst im Leib die weißen Gesichter vor sich, die drunten am Strand auf ihn warteten.
Aber als die beiden an ihren Hag kamen, saß das ganze Dorf drin und auch das Nachbardorf und viele, viele andre Menschen. Sie sprangen auf und liefen schreiend durcheinander und umströmten Pirath wie Strudel. Weiße Männer waren jedoch keine zu sehen.
»Wo sind sie?« fragte Pirath, der sich mit Gewalt auf seine Leiter durchstieß.
»Im Norden!« riefen alle.
Dann ging Pirath in sein Haus, suchte ein weißes Brett und nahm eine angebrannte Kokosnußschale. Mit ihr schrieb er auf das weiße Brett: »Bitte um Kleider!« Er sagte Seeschwalbe, sie solle gleich im Kanu zu den Weißen fahren und das Brett abgeben.
Nach einigen Stunden war Seeschwalbe wieder zurück. Sie hatte ein Paket, das in Papier gewickelt war. Die Männer und Frauen lagen noch alle im Hag und rundum und stürzten auf Seeschwalbe los. Aber sie rang sich durch, das Paket in den hochgestreckten Armen haltend. Die Männer griffen nach dem Bündel, dessen Hülle ihnen unbekannt war. Sie regten sich auf. Seeschwalbe mußte alle Kraft und List anwenden, um sich durchzuarbeiten. Sie entwischte und stürzte auf den Hag zu. Die Männer sprangen bös hinterdrein. Sie flog die Treppe hinauf, die mannshoch war, und rief Regenbogen, und zugleich, als sie oben war und Pirath in die Tür kam, wollten die ersten Männer die Leiter heraufsetzen. Das Erscheinen Regenbogens kühlte ihren Ansturm etwas. Die Leiter war nur breit genug für einen Mann.
Pirath rief streng: »Geht!«
Aber sie gingen nicht, sondern die Vordersten begannen langsam die Leiter zu ersteigen. Pirath rief noch einmal: »Regenbogen spricht zu euch also: Ihr geht gleich aus dem Hag!« Da setzte sich das erste schwarze Bein auf die kleine Plattform vor der Tür, und der Schwarze rief eigenwillig: »Nein!« Pirath aber trat rasch vor und schlug von oben herab mit seiner Faust heftig auf den frechen schwarzen Kopf. Der offene Mund des Schwarzen klappte zu und machte einmal »Keh!« Dann fiel der Körper langsam und willenlos zurück. Er drückte den Hintermann einige Sprossen abwärts, der dritte fiel unter dem unerwarteten Stoß von der Leiter und riß den vierten mit, und bald lag ein Knäuel von Menschen am Fuß der Leiter. Sie versuchten möglichst rasch auf die Beine zu kommen und flüchteten. Einer zog den Besinnungslosen mit.
Dann sagte Pirath zu Seeschwalbe: »Ich sprech' zu dir, du liebe, treue Seeschwalbe: Regenbogen wird jetzt ein andrer werden und muß die Insel verlassen.«
Kaum hatte er das gesagt, so fuhr Seeschwalbe zu Boden und begann händeringend zu stöhnen. Ein kurzer Gedanke durchflog Pirath, ob er Seeschwalbe mit sich nehmen könnte. Aber er wußte gleich, daß er sie nicht aus dem Boden reißen dürfte, und daß drüben in Europa nichts aus ihr werden könnte. Er fuhr fort:
»Du wirst die Königin über Kililiki sein und auf die Kinder aufpassen und die Männer und Frauen zur Arbeit in den Pflanzungen anhalten. Und wenn ich einmal zurückkomme, so wirst du Rechenschaft ablegen. Ich weiß, du wirst mir gute Rechenschaft ablegen, denn du bist ein starkes und kluges Weib. Du darfst nicht stöhnen und weinen. Eine Königin stöhnt nicht. Sie herrscht und ordnet. So spricht Regenbogen zu dir und du gehst jetzt in deine, Hütte und wartest.«
Seeschwalbe war aufgestanden, und ihre Augen durchleuchtete der mädchenhafte Glanz einer neuen Zeit, die sie unter den Worten Regenbogens dämmernd in sich aufsteigen sah. Sie ging stolz in ihre Hütte und setzte sich in den Sand. Und ihre Kinder setzten sich um sie. Es waren fünf Knaben und zwei Mädchen, und sie waren von schönem großen Wuchs, von heller Haut und reinen Augen. Und Seeschwalbe sprach zu ihnen: »Euer Vater Regenbogen geht in sein Land und kommt zurück. Eure Mutter ist nun Königin von Kililiki. Möwenschnabel liegt erschlagen im Wald; denn er war bös. Aber aus dem Innern eurer Mutter kommt das Gute, weil der Gott Regenbogen sie befruchtet und gesegnet hat. Der ewige Geist will, daß wir Palmen pflanzen, die später reifen und unsern Kindeskindern eine Arbeit hinterlassen und eine neue Arbeit anzeigen. So spricht eure Mutter, die Seeschwalbe, zu euch, die jetzt Königin auf Kililiki ist.«
Pirath öffnete das Paket und fand einen Zettel drin. Darauf stand: »Wir kommen am Nachmittag. Von Wiltingen.« Er zog die Kleider an, die das Paket enthielt. Es war ein blauer Leinenanzug. Strümpfe, ein Hemd und Schuhe. Er zog Stück für Stück an in einer gespannten Feierlichkeit, langsam, wichtig und schwerfällig, und ein Glanz erstand um ihn, der voll Seligkeit war. Er berauschte sich an der heiligen Handlung des Anziehens, mit der er sich Europa, Deutschland, der Mutter wiedergab.
Als er angezogen war, wartete er, ohne das Haus zu verlassen. Er saß ruhig mitten im Raum und dachte in bebenden Wonnen an seinen Bruder, an die Vaterstadt, an Arbeit und Fabrik, an Verwandte und an Menschen, deren Gesichter willkürlich in seiner Erinnerung aufflossen. Auf einmal hörte er draußen schreien. Männer und Frauen riefen: »Das große Kanu mit dem Feuerloch kommt! Ö! Ö! Niemand rudert es. Es hat kein Segel auf, und es geht doch rascher als unsre Kanus! Ö! Ö!«
Da erhob Pirath sich langsam und ging hinaus. Er sah den Haufen der Menschen am Strand und bemerkte dann auch den kleinen schönen Dampfer, und er stieg die Leiter hinab und er ging zum Meer. Die Männer und Frauen, an denen er vorbeiging, erschraken auf einmal, als sie ihm sahen, und wollten fliehen. Aber ein Weib rief: »Es ist Regenbogen!« Da hielten sie an und schauten ihn ungläubig und unsicher an. Was war mit ihm vorgegangen? Wo war seine göttliche weiße Haut? Was hing an seinen Gliedern? …
Er stellte sich vor sie, das Gesicht zum Meer hin, die Augen an das weiße Schiff gebannt, das ein wenig traumhaft seine kleinen Manöver in dem blauen Wasser verrichtete, und harrte. Er sah, wie die Jolle niederging, wie Leute in weißen Anzügen hineinstiegen; ihre Haut leuchtete ein wenig, und er biß die Zähne aufeinander, furchtbar von diesem Neuen und Unerhörten gepackt, das ihn nun aus dem Leben der einsamen Insel Kililiki zurücknehmen sollte.
Aus der Jolle stieg zuerst der alte Professor von Wiltingen heraus. Er kam, groß, breit und gutmütig, wie er war, mit seinem langen grauen Bart auf Pirath zu und, nicht wissend, mit wem er es zu tun hatte, reichte er ihm ernst und stumm die Hand. Die jüngeren Herren warteten eine Weile diesen Willkommengruß ab und machten sich so lange an der Jolle zu schaffen. Pirath sprach kein Wort. Es war ihm, als verdunste alles in ihm an der Berührung. Es kämpfte schwelgerisch in ihm, und er preßte mit aller Kraft die Tränen zurück. Dann ging er auf die drei jüngeren Männer zu und reichte jedem die Hand und schritt dann stramm voraus auf seinen Hag. Da wußte der Herr von Wiltingen und die andern, mit wem sie es zu tun hatten, und sie begannen auf eine lange und starke Erzählung zu warten. Sie traten hinter Pirath in den Hag ein. Die Eingeborenen stellten sich weit im Kreis um das Gehöft. Alle sieben Dörfer waren nun da. Aus dem Schatten der ersten Hütte trat Seeschwalbe heraus und auf die Männer zu. Sie lachte und war stolz. Hinter ihr hielten sich furchtsam ihre sieben Kinder. Und Pirath legte seinen Arm leicht auf ihre Schulter und sagte: »Das war meine alte Kameradin.« Das war das erste Wort, das er sprach. Die andern Weiberhütten waren leer, die Weiber hatten sich in den Kranz von Neugierigen gemischt, die den Hag umstellten.
Als die Männer oben waren, schweigsam sich im Raum umhersetzten und Pirath noch immer kein rechtes Wort fand, brach der Herr von Wiltingen das Schweigen und fragte mit seiner milden Freundlichkeit: »Herr Pirath, gehen Sie mit uns nach Europa zurück?«
Und da löste sich auf einmal an dieser einfachen und selbstverständlichen Frage die verknollte Erstarrung, die jene kühle scheinbare Sicherheit in Piraths Herzen vollbracht hatte. Pirath, der auf einem Holz saß, hob seine Augen noch zu dem Frager hoch, aber gleich fuhr er in sich zusammen, schlug die Hände übers Gesicht, und es stieg ein tränenloses Schluchzen aus allen Wurzeln seines Daseins herauf und rüttelte ihn wie ein Erdbeben. So kam die erste Abrechnung mit Kililiki, und obgleich er, nachdem er von jenem Fieberanfall befreit, sein Bewußtsein wiedererlangt hatte, keinen Augenblick unsicher war, daß er Kililiki verlassen mußte, daß Europa ihn rief und er dem Ruf der Quelle seines Blutes folgen mußte, so überrannte ihn nun doch das Schwere und Gewalttätige seines Entschlusses.
Die Männer ließen ihn gewähren. Als er sich beruhigt, trat der alte Herr von Wiltingen zu ihm und legte seine Hand auf seine Schulter. Pirath sagte, seiner wieder ganz sicher: »Verzeihen Sie mir den Anfall. Ich muß so viel hier zurücklassen.«
»Wie lange waren Sie hier?« fragte Herr von Wiltingen, und alle lauschten gespannt auf die Antwort.
»Ich weiß es nicht. Die Jahre sind über mich hergestürzt. Nennen Sie mir das Datum, das Sie heute schreiben.«
»Morgen ist Weihnachten neunzehnhundertachtundzwanzig.«
Da erschrak Pirath. Er stammelte: »Dann sind's fünfzehn Jahre. Das hab ich nicht gedacht. Dann bin ich ja ein alter Mann. Dann bin ich ja schon über fünfzig.«
»Donnerwetter!« entfiel es dem Professor. »Und Sie sehen aus wie Mitte dreißig.«
Dann lachte der alte Herr: »Die Hose ist etwas kurz, die wir Ihnen geschickt haben.« Jetzt erst bemerkten die jüngeren Männer und auch Pirath, daß die Hose ihm kaum über die Mitte der Waden reichte. Sie grölten alle auf. Das Eis war geschmolzen. Der Professor sagte: »Da muß ich, als der Längste von uns, Ihnen meine Garderobe zur Verfügung stellen. Wollen wir zum ›Seepferd‹ hinüber?«
Pirath sagte: »Wie Sie wünschen. Bitte lassen Sie mich noch eine Stunde auf der Insel. Ich muß mit den Leuten sprechen, und das geht besser, wenn Sie fort sind. Ich will auch einiges hier aus dem Haus einpacken und mitnehmen.«
Die vier Männer gingen. Pirath begleitete sie zur Jolle und wartete, bis sie auf dem Schiff waren. Dann sagte er zu den Scharen von Männern und Frauen, die sich am Ufer drückten: »Ihr Leute, kommt in meinen Hag. Regenbogen muß zu euch sprechen!«
Alles stürzte hin, und Pirath erstieg die Leiter zu seinem Hause und sprach von oben:
»Es spricht Regenbogen zu den Männern und Frauen Kililikis so:
Regenbogen muß von euch gehen. Seine weiße Insel hat ihn gerufen. Er fährt mit dem großen weißen Kanu zu seiner Mutter. Er läßt euch allein. Unter euch wohnte ein Mann, der war bös und falsch wie eine Schlange. Deshalb hat Regenbogen ihn von euch fortgenommen. Das war euer König Möwenschnabel. Er liegt im Wald, und seine Seele ist aus seinem Leib fort. Aber fürchtet euch nicht. Sie tut euch nichts Böses. Regenbogen hat sie gebannt. Es spricht nun Regenbogen zu euch, daß die Seeschwalbe eure Königin sein soll. In sie ist das Tabu übergegangen, und ihr müßt ihr gehorchen. Regenbogen hat euch oft erzählt, daß ihr weiterlebt in dem, was ihr arbeitet, und ihr lebt weiter in den schönen und fruchtbaren Palmen, die ihr in den Pflanzungen hegt, und wenn eure Seele den Körper verläßt, bleibt sie als Geist in den Palmen wohnen, und sie ist ein guter Geist, der euern Kindern nichts Böses antut, sondern nur das Gute. Darum müßt ihr immer in den Pflanzungen arbeiten und sie schön instand halten. Denn ihr müßt wissen, Regenbogen kommt einmal wieder nach der Insel Kililiki und schaut sich die Pflanzungen an, und wehe, wer unordentlich und faul war. Und das spricht Regenbogen noch zu euch: Sooft es für einen Mann oder ein Weib Zeit ist, daß die Seele den Körper verläßt, so oft ist Regenbogen auf Kililiki und fragt die Seele, die davon will: Hat der Körper in der Pflanzung gearbeitet? Hat der Körper auch seine Kinder angehalten, das zu tun, wie Regenbogen es zeigte? Und die Seele, die ›Ja‹ sagen kann, wird es gut haben im Lande Jenseits. Jetzt geht Regenbogen.«
Er stieg hinab und ging durch die Menschen durch. Die waren erst erstaunt und betreten, und dann, wie Regenbogen sie durchschritten hatte, da ging seine Rede wie eine süße Verzweiflung in ihnen auf. Sie waren glücklich an den Jahren, die der weiße Gott unter ihnen verbracht hatte, und waren verzweifelt, daß er sie verließ. Sie warfen sich auf den Boden, und ihr Weinen und Heulen, ihre Rufe und ihr Gestöhn folgten ihm, bis sein Kanu an dem weißen großen Schiff anlegte und er über die schwankende Treppe ins Innere verschwand. Seeschwalbe aber lag im Sand ihrer Hütte und drückte ihre Kinder an sich. Kein Laut drang aus ihren aufeinander gepreßten Lippen. Freude und Schmerz aber überschwemmten mit grenzenloser Wucht ihr Inneres. Sie war wie eine Gebärerin voll des Heiligsten an Lust und Leid, und es war ihr nicht geringer, als ob sie eine ganze Insel Kililiki gebären müßte.
Pirath kam nicht mehr ans Land zurück. Er sagte den Forschern, er habe schon Abschied genommen. Da meinte der Professor, dann könnten sie abdampfen. Der Zweck, den ihr Unternehmen verfolgte, sei ja schon vor dem Besuch auf Kililiki erreicht gewesen.
Das kleine weiße »Seepferd« dampfte im späten Nachmittag ab. Pirath stand auf Deck und schaute heimlich zu, wie Kililiki ins Meer und in die Ferne versank. Nach dem Abendessen erzählte er bis in die tiefe Nacht hinein, gepackt von den Erinnerungen und dem hingegeben, was er wiedergewinnen sollte, seine Erlebnisse. Als er geendigt hatte, sah er, daß seine Zuhörer aufgeregt und ergriffen waren von dem Weg, den sein Leben genommen hatte. Da änderten auch in seinem Inneren seine Erlebnisse das Gesicht. Sie waren ihm bis dahin selbstverständlich vorgekommen. Nun legte er einen Maßstab an, den die Welt ihm hinhielt. Er war melancholisch. Es war ihm, als ob ein Riß in seinem Leben wäre, und nur die Aussicht, das verlorene Europa wiederzugewinnen, stand wie ein tröstendes Heim in seiner Richtung. Als er seine Erzählung beendet hatte, schaute Professor von Wiltingen ihn innig an und sagte: »Das ist das größte und sonderbarste Menschenschicksal, das mir unter den vielen, die ich mitansehen durfte, begegnet ist. Der neue deutsche Robinson.«