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Am Land unterbrach plötzlich ein Ruf den schweren Sterbegesang. Eine Stimme schrie: »Der weiße Gott verschont uns! Der weiße Gott ist freundlich!« Und da brüllten alle und sprangen auf: »Der Priester muß hin! Er hat gelogen! Der weiße Gott ist freundlich!«
Der weiße Gott hat nicht alle getötet. Er hat eine Anzahl getötet, weil die sieben Dörfer seine freundliche Ankunft mit Speer und Pfeil empfingen. Peter war im Augenblick ein heiliges Tabu, gegen das alle gesündigt hatten. Der alte blinde Priester wurde, als man auszog, ihn zu töten, an einem Balken unter seinem Haus gefunden. Er hatte sich in einer Rotangschlinge erhängt. Die sieben Dörfer wälzten sich in ungeheuren, vermischten heiligen Gefühlen. Sie wagten nicht zum Boot hinüberzublicken, in dem der weiße Gott saß, der sie mit Worten getötet hatte, wie der Donner des Himmels die Menschen tötet. Sie sahen nur, wie weit übers Meer ein Regenbogen stand. Den Regenbogen schlug der große Geist der Erde als Brücke zwischen dem Reich der Seelen und dem der Körper, und der weiße Gott wird auf ihm davongehen und Kililiki verlassen. Und sie huben an zu jammern und zu wehklagen. Sie riefen sich zu, er habe keinen Schwanz und er sei nicht der weiße böse Geist. Der Gott des Meeres habe ihn geschickt, wie er vor Zeitabständen die Mutter Kililiki schickte, um die Dörfer zu gründen. Aber auf dem Grund ihres Wesens waren sie sich nicht klar bewußt darüber, ob er nicht doch der böse weiße Gott aus der Geschichte des Steinbruchs Mutter und gekommen war, ihren Leibern die Seelen hinwegzunehmen. Aber dadurch, daß sie das glaubten, fühlten sie sich bedroht, und sie schrien, er sei ein guter Geist und mächtig, und sie nannten ihn: Donnermund. Sie sprachen und entsetzten sich, hofften und bangten und flehten. »Donnermund hat den Priester in einer Rotangschlinge erhängt, ohne ihn anzurühren. Wehe! Wehe uns! Wir haben das heiligste Tabu verletzt.« Drei Männer zogen sich furchtsam und sterbenssüchtig in ihre Pfahlhütte zurück und starben noch in derselben Nacht aus Angst vor der Rache des Tabus, an dem sie sich vergangen hatten. Alle Schweine der sieben Dörfer wurden noch vor dem Abend getötet.
Die Menschen glaubten, die Schweine seien auf rätselhafte Art durch jene weißen Geister gekommen und, daß ihr Blut nun zum großen Geist zurückkehrte, versöhnte Donnermund. Die Bewohner des Dorfes Vater, vor dem Donnermund gelandet, zogen alle aus. Das Grauen stand am Strand aufgerichtet wie eine dunkle Höhle. Ein Loch war dort, in dem sich die Luft verzitternd in die Geheimnisse der Nacht verwebte, die über dem Kopf eines jeden Menschen einherlief und voll Ungewißheit und Tabu war.
Donnermund saß, während dies geschah, auf dem Steuersitz, das Gesicht gegen Land gekehrt, die Revolver in der Hand. Die Sonne knallte auf seinen Kopf und seinen Rücken. Er riß mit raschem Griff das Segel ab und zog es hinterwärts über seinen Kopf. Er war gespannt wie seine Revolver, denn er wartete auf einen neuen Angriff. Eine aufwühlende Erregung wirbelte durch sein Blut, die Nerven schienen aus seiner Haut herauszusprühen, und das Geschehene stand riesenhaft und blutig in ihm, wie eine Schöpfertat. »Was mochten sie weiter tun?« fragte er sich, und diese Frage, deren Antwort für ihn Sein oder Nichtsein bedeutete, machte so ungefähr alles aus, was stundenlang seinen Kopf durchfuhr. Er sah, wie die Menschen sich mit einemmal erhoben, tief vom, Strand zurückwichen und nicht herüberschauten. In der Dämmerung sah er auch, wie das Dorf auszog, und er knirschte ihnen nach, im Zorn darüber, daß sie um sein Leben gespielt hatten: »Ihr Bluthunde!« Es kam ihm allmählich sonderbar vor, wie alles zugegangen war und zu seinem Besten geendigt hatte. Langsam, während er beobachtete, was die Feinde taten, wuchsen Sicherheit und Trotz, und er begann zu ahnen, was für einen unerwarteten, ja wunderbaren Sieg er gefeiert hatte. Aber es war alles noch dumpf und roh in ihm von dem großen gewaltsamen Ereignis, daß er sich das Leben gerettet und Menschen getötet hatte. Er begann einen furchtbaren Hunger zu verspüren, und er aß und trank lange.
Im zweiten Dorf versammelten sich nun alle Menschen des großen Wassers, lebendige und tote. Die Flüchtlinge stellten sich aus den Wäldern ein. Die Priester begannen die Reinigungszeremonien, um Menschen und Landschaft vom zorndrohenden Tabu zu befreien. Rund um das Dorf wurde Feuer aus Kokosschalen und Palmenfasern unterhalten, um die bösen Geister fernzuhalten. Die Priester begannen bei den Leichen, die vor dem Pfahlhaus des Häuptlings Möwenschnabel nebeneinander lagen. Der König lag allein. Aus einem kleinen Loch in seinem faltigen großen Bauch sickerte Blut, und niemand wagte es, das Loch anzuschauen. Denn aus ihm hatte Donnermund die Seele herausgerissen. Ein jeder der Toten hatte solch eine kleine Höhle, der Königssohn hatte die seinige in der Stirn, der Häuptling des sechsten Dorfes in der Flanke, ein Mann des zweiten Dorfes im Unterleib … Zehn Tote lagen da. Und sie waren verdammt, denn Donnermund hatte ihre Seelen alle zu den kleinen Löchern herausgerufen, und sie konnten nun nicht mehr in ein Tier schlüpfen und von ihm ins All verpflanzt werden.
Aber wegen der Lebenden mußten die Leichen vom Tabu befreit werden. Der Priester zerschlug über dem König eine Kokosnuß und bespritzte die Leiche mit dem Saft, der aus dem Innern quoll. Er sprach, rund um sie gehend, dunkle Laute dazu, die sich heftig erregt steigerten und in einen schwerfällig heißen Gesang endigten, während die Schritte in stürmischen plumpen Kadenzen rasch rund um die Toten auf den Boden klopften. Der Häuptling Möwenschnabel meinte plötzlich mitten aus seiner Erregung heraus mit gleichmütigem Sinn: »Der König braucht viel Befreiung. Seine Seele war lange Zeitabschnitte in seinem Körper.« Dann fiel er wieder in das brütende, geängstigte Stöhnen und Brummen, mit dem die Menschen rundum die Reinigung mitmachten.
Die Priester eines jeden Dorfes bewarfen, nachdem sie die Toten erledigt hatten, ihre Angehörigen mit dem Saft der Kokosnuß, sprachen und sangen, und unmerklich riß diese Zeremonie ab, und die Menschen kamen in ruhigere Stimmung, hofften, und während die Priester noch Kokoswasser streuten, unterhielten sie sich, Männer und Frauen, schon heiteren Sinnes über allerlei. Sie dachten bei sich: Wenn unser Mund dem neuen Tabu fernbleibt, so merkt uns das neue Tabu vielleicht nicht mehr, so wie ein Taschenkrebs, wenn er kein Loch findet, sich unbeweglich wie ein Stein zusammenrollt und dem Auge entgeht.
Aber der Häuptling Möwenschnabel brachte die Rede wieder auf Donnermund. Möwenschnabel war der zweite Häuptling, und da alle Söhne des Königs tot waren und er auch, wie der König, den Vogel Kakadu zum Stammvater hatte, so war er an der Reihe, König zu werden. Und er wäre König, sobald die Prügelzeremonie getan worden wäre, mit der der König eingesetzt wurde. Er fand sich in dieser heiligen Stellung Donnermund näher als alle andern, ja verwandt mit ihm, denn sein Totem war auch das Totem Kililikis gewesen, die vor ungezählten Zeiten zusammen mit dem Ulawun die Insel gegründet hatte.
Und auch Kililiki war vom großen Wasser gekommen. So bei sich rechnend, wie er seine neue Macht gewinnen und vergrößern könnte, weilten seine Gefühle ununterbrochen bei Donnermund und den Ereignissen des Tages, und von Stunde zu Stunde fühlte er sich enger in diese Geschehnisse hineingeflochten. Er wühlte sich weiter, blind und unaufhaltsam, wie eine Quelle im Boden. Er war tabu, er, der zweite Häuptling, morgen der König. Er war der, den Donnermund, wenn er über den Regenbogen zurück zur Heimat gegangen war, zurückgelassen hatte. Aber war Donnermund zurückgegangen? Saß er nicht etwa noch in seinem großen weißen Kanu vor dem Königshaus am Strand? Bereit, die sieben Dörfer zu verschlingen? Doch ihn verschlang er nicht. Er war aus seinem Mutterstamm.
Da sprach Möwenschnabel in das angeregte Plaudern hinein, bei dem die Männer rundum am Boden hockten:
»Donnermund ist mein Ohm!«
Erst wollte ein Schrei aus jeder Brust. Aber dann sagte sich jedes Gemüt: Solch etwas Großes muß wahr sein! Und einige Priester, die durch ihre Erziehung und ihren Beruf zur Schlauheit gelangt waren, spürten etwas von dem, was Möwenschnabels Willen anstrebte. Sie wußten, daß ihre Macht auf denselben Grundbalken stand wie die des Königs, und der Häuptling und der Priester Kokosbast vom zweiten Dorf sagte gleich: »Möwenschnabel wird jetzt unser König. Seine Lippen lassen nur Wahrheit aus seiner Seele.«
Möwenschnabel rief: »Wir müssen Donnermund Essen bringen.«
Hämisch und neidisch entgegnete der Häuptling Muschelkalk: »Donnermund ging über den Regenbogen heimwärts.« Er schwoll an vor Zorn, daß er nicht auf den Einfall gekommen war. Er kicherte lauernd, biß eine Betelnuß an und sprühte den ersten herben Saft gewaltsam zwischen seinen breiten Lippen vor sich in die Dunkelheit. Dann biß er die Nuß und die Pfefferschote wie ein Menschenfresser und stopfte sich zehn Holzlöffel voll Kalk ins Maul, bis kein Platz mehr drin war und kaute und spuckte.
Niemand antwortete ihm.
Möwenschnabel sagte: »Bringt Kokosnüsse, Bananen und Taro! Ich bring' dem Ohm im großen weißen Kanu Essen.«
Der Priester Kokosbast rief: »Bereitet euch zum Königsfest! Wir prügeln, wenn die Sonne dreimal stieg, den Häuptling Möwenschnabel zum König. Berührt zweimal zwischen Sonne und Sonne kein Weib!«
Durch alle Männer stieg wie eine befriedigte Wut die Lösung des schweren Tages, und sie schafften Kokosnüsse, Taro und Bananen herbei.
Möwenschnabel belud sich damit und ging geradeaus zwischen den Feuern in die Nacht hinein. Aber als er den Lichtkreis verlassen hatte, zerschlug er eine Nuß und spritzte den Saft über sich, und achtete sorgsam darauf, daß nichts auf den Weg fiel und von, bösen Geistern gefunden werden konnte. Er war nun gefeit. Doch je mehr er sich dem Dorf Vater näherte, um so dunkler und ungewisser bestrahlte ihn die Macht Donnermunds, und er bückte sich erst, und als er das Boot in den Sternen leuchten sah, legte er sich nieder und kroch mit seiner Last weiter. Er schlüpfte hinter das verlassene Königshaus, wand sich zwischen den Hauspfosten durch, um den Hag herum und erreichte zwischen Bambusbüschen den Bereich des großen Baumes. Er sah das Boot schief auf dem wasserlosen Strand liegen, und nichts rührte sich, und die Sterne »zwei Leute« leuchteten schon hoch, fern von ihrem östlichen Beginn, über den großen Baum. Da legte er sein Essen in den Sand und schlich zurück.
Und wie er dem Dorf Vater schon so fern war, daß er sich aufrichten und ruhig davongehen konnte, da sagte er sich: »Donnermund ist mein Ohm!«
Peter wachte bis tief in die Nacht hinein. Die Ebbe entführte das Wasser unter dem Boot und das Schiff legte sich schief. Er hatte daran gedacht, das Boot von Land zu stoßen und in die Nacht hinauszusegeln. Vielleicht fand er einen Platz, wo keine Dörfer waren. So sah er sich unerwartet gezwungen zu bleiben. Er rückte kaum auf seinem Sitz. Wie ein Sklavenvogt war der mächtige Wunsch zu leben hinter all seinen Sinnen her. Er schaute und horchte in die buschige Finsternis des Ufers hinein, das der Sternenglanz ungewiß bestrich. Es war ihm, als wöbe das feilende Schrillen der Grillen ein eisernes Netz über den Boden, und plötzliche, unsichtbare Flügelschläge schreckten ihn auf. Seine Haut war wie elektrisiert von der Spannung aller Nerven und empfand jede Änderung des Luftdruckes wie ein Quecksilber, und wenn die Müdigkeit doch Meister wurde, so schlug er hart mit den Knöcheln der Faust auf die Holzkante und der Schmerz erfrischte ihn auf Minuten. Wenn er so von neuem ganz erwachte, dann überströmte plötzlich das verschlungene leidenschaftliche Lärmen der Nachtinsekten seine Ohren, dann überfiel die unkenntliche, lebendige Krausheit der Nachttiefen seine spähenden Blicke wie ein wilder feindlicher Angriff … bis seine abspannenden Sinne, sein müd gemartertes Gehirn sich wieder nach und nach von der Außenwelt zurückzuziehen begannen, all das undeutlich Furchtbare, Unerkenntliche sachte sich mäßigte und zu einem milden Wogen sich dämmte und zu Nichts verschwand. Einmal wachte er nicht wieder auf. Im Schlafen sank er um und rutschte langsam von der Bank lang hin auf den Boden.
Er schlief, bis das Tageslicht hell auf seine Lider drückte und sprang auf, entsetzt, todesgewiß und sah nichts als ein leeres Dorf zwischen Bäumen und auf dem Strand zwei Kokosnüsse, ein Bündel Bananen und einige Taroknollen. Da überlegte er sich: Es war einer dagewesen, der das gebracht hatte. Peter hatte ihn nicht gesehen. Also war der Wilde gekommen, während er schlief. Der Wilde hätte ihn töten können. Weshalb legte er ihm Nahrungsmittel hin statt dessen? Fürchtete man ihn und getraute man sich nicht, ihn hinzurichten? Die Speisen waren vergiftet worden, weil man sich fürchtete, ihn selbst im Schlaf zu berühren. Er ließ sie liegen. Er knackte den Zwieback und trank laues Wasser dazu, und die mächtige Sonne stieg in seinem Rücken hoch und strahlte übers Meer und brannte geil über die fette Insel.
Da drang auf einmal am Ufer zwischen den Häusern eine große Schar Schwarzer hervor. Sie waren alle mit Blumen und Blättern, Muscheln und Farben geschmückt und trugen keine Waffen. Sie kamen wie im Tanz heran, und Peter griff erschrocken nach dem Revolver. »Es ist eine Falle!« sagte er sich. Die Schwarzen blieben hinter dem Hause des Königs stehen und einer kam aus ihnen heraus. Das war ein großer Mensch, mit einer gewölbten Brust, und er hatte einen fast sanften Kopf, auf dem sich die Frisur glänzend schwarz hochtürmte und wie eine Rokokohecke beschnitten war. Der kam wiegend heran, langsam und lächelnd. »Das ist eine Falle!« sagte Peter und war unschlüssig. Der Schwarze rief: »Ohm Donnermund, ich bin der Häuptling Möwenschnabel und werde, wenn die Sonne sich zum drittenmal aus dem Osten hebt, zum König geprügelt …«
Peter verstand nichts von seinen Worten. Er hörte nur: sie waren freundlich und sanft, und er war mißtrauisch und hielt den Revolver bereit. Er war entschlossen zu schießen, sobald der Schwarze die eine Baumwurzel erreicht hätte, die etwa dreimal so weit, wie das Boot lang war, sich aus dem Sande aufkrümmte. Und er schrie in seiner Erregung und der trotzigen Entschlossenheit: »Du schwarzer Laushund! Zurück! Ich schieße! Zurück!«
Und kaum hatte er ein Wort laut gesagt, so war Möwenschnabel wie ein Fisch schnellend zurückgesprungen und lief der großen geschmückten Schar zu, und die ganze Schar hatte kaum die Worte gehört, so warf sie sich herum, floh und brüllte: »Er ruft unsere Seelen aus dem Leibe.« Alle tasteten sich entsetzt ab, ob sie nicht das furchtbare kleine Löchlein irgendwo verspürten. Als aber Möwenschnabel die Fliehenden erreichte, da kicherten sie im Davonlaufen und meckerten und machten: »Krr! krr!« höhnisch und schadenfroh, und der Häuptling Muschelkalk zog Mund und Nase zusammen, daß sein Gesicht aussah wie zwei nebeneinandergeklebte schwarze, wellige Muscheln und feixte: »Der Ohm ist schlecht in der Laune. Krr! krr!« Aber Möwenschnabel sagte nur großhin: »Er hat mir zugerufen, daß er den sieben Dörfern noch zürnt.«
An dem Tag kamen sie nicht zurück. Peter hatte bei einer genauen Durchsuchung des Bootes eine kleine Eisenkiste gefunden, die mit Signalraketen gefüllt war. Es waren fünfzehn Raketen. Er sagte sich: »Ich brenn' sie ab. Drei an jedem Abend, eine jede eine Stunde nach der andern …« Aber welches Auge ging durch diese maßlose Abseitigkeit des Meers, um sie zu sehen? Er wußte, daß es nur Feuerwerk wäre, Sterne, die steigen und ersticken und sonst nichts sind. Er sah an der Stätte, wo die Menschen vorhin gestanden waren, ein Räuchlein aufsteigen und verließ zum erstenmal das Boot, um sich das Feuer zu holen. Es war brennender Bast. Er sammelte Holz und Bast und schürte am Strand ein Feuer und hielt sich's bis zum Abend. Gequält umging er den Haufen frischer Nahrungsmittel, der noch immer im Sand lag. Er ließ sie, so sehr sie ihn lockten. An den Häusern standen nur hohe Palmen, deren Früchte er nicht erreichte, und er mißtraute denen, die am Boden lagen. Er knackte Zwieback. Das Wasser war warm und riechend geworden. Er wußte, in den beiden Nüssen liegt eine köstliche Quelle. Der große Baum warf in den Stunden um Mittag einen fetten Schatten über sein Boot; der Schatten umstieg ihn wie ein laufeuchtes Bad. Er zog Jacke und Hemd aus und die Luft rötete rasch seine blonde Haut. Er begann auch im seichten Wasser zu baden, als die Flut kam, und hätte gern einen Fisch gefangen und verbrachte mit zahllosen, kleinen, immer in die Nähe des Boots gebundenen Verrichtungen den Tag; die Augen hatte er nie vom Revolver abgewandt, die Sinne waren ununterbrochen aufs Sterben gerichtet, und es war ihm, als überströme ein tiefer Fluß sein klares Bewußtsein und als läge er auf dem Grund des grünen, schwerfließenden Wassers, und droben über der gläsernen, zähen Halbdurchsichtigkeit stand das Leben.
Die Menschen aus den sieben Dörfern am großen Wasser durchzogen ihre Siedlungen eine nach der andern. Sie wußten nicht, was sie tun sollten. Daß Donnermund kein unbedingt böser Geist war, das mußten sie sich sagen. Denn er ließ alle Seelen in den Körpern und behexte niemanden, und Möwenschnabel soll er zugerufen haben, er zürne noch wegen des Angriffs. So mochte es wohl sein. Und morgen zürne er nicht mehr, sang es in ihnen, denn die Kokosnüsse wuchsen rascher auf den Palmen und die Taros gediehen dicker. Die Bananen reiften zahlreicher, als der Mund sie brauchte … Morgen zürnt Donnermund nicht mehr. Aber nehmen wir ihn nicht so in den Mund, sonst wird er immer wieder auf uns aufmerksam. Wir wollen ihm einen andern Namen geben, wenn wir von ihm sprachen. Sein Name sei Wolkenglanz. Denn seine Haut ist der Glanz der Wolken auf dem Rand des großen Wassers … Und dann sprechen sie wollüstig über Wolkenglanz, der nun nicht mehr hörte, wenn ihr Mund bei ihm weilte, und ihre Bäuche waren unruhig stechend und voll von seiner Rätselhaftigkeit, seinem Ungewissen und Unbekannten.
Aber, als es dunkel geworden war, gingen die Männer langsam und vorsichtig zum Dorf Vater. Sie gingen durch den Wald und über das Dorf hinaus und dann an die Küste, und wie sie den Sand betraten, auf dem Ebbe war, und den großen Baum erkannten, da stieg unter dem Baum unversehens die Feuerschlange auf, bohrte sich heftig wie ein Pfeil schräg übers Meer hinan und stieg und stieg, und in die Eingeweide der Männer raste wie ein Speer der gewaltige Schrecken. Sie fielen hin und stammelten und schauten der wilden Feuerschlange entsetzt nach. Nichts war in ihnen, wie das große leere Entsetzen. Aber auf einmal verlöschte die Feuerschlange. Ihr Kopf neigte sich in der Finsternis und spaltete sich langsam und sacht in zehn große strahlende Sterne, die stärker leuchteten als die Sterne der Nacht und lange und mild droben auseinander segelten und auf andere Sterne niederglitten.
Da schauten sich die Männer des großen Wassers an und lachten: »Kch! Kch!«, feixten ein jeder mit sich und riefen: »Schön! Schön!« und blieben im Sand sitzen, wundersam berührt, bis einer nach einer langen Weile sagte: »Wolkenglanz ist in der Feuerschlange zum großen Geist zurückgeflogen.« Aber der hatte das kaum aus dem Mund, so stieg eine zweite Schlange hoch und säete sich sacht droben auseinander und pflanzte ihre blinkenden Kugeln auf die Sterne. Da rief Möwenschnabel mit starker Stimme: »Der Ohm macht Sterne!«
Und langsam wurde Pirath zu einem Gott.
Der Schiffbrüchige, Einsame machte nun jeden Abend Sterne. Jede Nacht, wenn die Sterne »Zwei Brüder« weit von ihrem östlichen Aufgang standen und das Sternbild Schlange über den Rand des großen Wassers stieg, schlich Möwenschnabel mit Kokosnüssen, Bananen und Taro zum großen Baum und legte die Nahrungsmittel in den Hellen Sand. Peter sah den neuen Haufen an jedem Morgen neben dem alten Haufen liegen, und wenn er seinen hölzernen Zwieback knackte, sagte er sich, nicht mehr so entschlossen: »Sie sind vergiftet.« Die geschmückten Männer kamen jeden Morgen ins Dorf Vater, und Möwenschnabel trat jeden Morgen vor und Peter schrie, mit dem Revolver in der Hand. Aber er schrie jeden Morgen weniger heftig und weniger, und Möwenschnabel trat jeden Morgen weiter ans Schiff heran, und die Flucht wurde von Tag zu Tag weniger ungestüm …
Eines Morgens lag der fünfte Haufen am Strand. Da glaubte Pirath, daß er sicher sei, und er faßte einen Entschluß. Als Möwenschnabel dem Boot entgegenkam, nahm Pirath den Revolver in die linke Hand, ließ den Schwarzen möglichst nahe herankommen und sprang plötzlich mit einem großen Satz auf ihn zu. Der Häuptling schnellte herum, die Männer warfen sich im wirren Haufen dem Wald entgegen. Möwenschnabel hetzte wie ein Kasuar dahin, aber mit seinen langen Beinen erreichte Peter ihn bald, griff in seinen hohen schönen Haarwuchs und riß ihn rückwärts zum Boot zurück. Die Männer hielten ihre Flucht an. Sie versteckten sich in die Bambusbüsche und lugten zwischen den Stangen hervor, was Wolkenglanz mit dem Häuptling machen wollte. Sie atmeten kaum. Sie dachten alle: Jetzt reißt er seinen Mund so groß auf wie sein Kanu und schlingt Möwenschnabel hinunter.
Als Peter mit dem Schwarzen bei den fünf Haufen angekommen war, nahm er eine Banane, riß sie auf und steckte sie dem Wilden ins Maul. Er machte dazu mit dem Mund die Bewegungen des Essens. Der Schwarze ließ im Sand kniend seine dummen dunkeln Augen in den gelblichen Scheiben hin und her zucken, wie gefangene wilde Tiere, die mit der Kette davonspringen wollen. Dann aß er die Banane. Peter schlug mit dem kleinen Beil eine Nuß auf. Der Schwarze trank ihren Saft und aß ihr Fleisch.
Und da klopfte Pirach ihm wohlwollend auf die Schulter und sagte: »Gut!«
Auf Kililiki war aber der Schulterschlag die feierliche Begrüßung des Gastgebers an seine Gäste, und kaum hatten die Eingebornen in den Bambusbüschen diese Zeremonie gesehen, so sprangen sie heraus und tanzten und brüllten glückselig und riefen: »Wolkenglanz ist der Ohm des Häuptlings.« Und Peter sah Möwenschnabel auf einmal kindlich beglückt sich niederhocken. Die dummen schwarzen Augen leuchteten auf einmal kindlich fröhlich, und die rauhen schwarzen Hände strichen wie treue Hundepfoten über seinen Arm. Möwenschnabel brach eine Nuß auf und trank an, Peter nahm sie und trank weiter wie ein Marder an einem Hahnenhals; während Möwenschnabel eine andre aufbrach, verschlang Peter das Fleisch der ersten und nahm dem Schwarzen auch die zweite aus der Hand. Möwenschnabel aß dann eine dritte, und sie gingen zu den Bananen. Peter aß hastig. Alle Poren waren ihm offen nach frischer Nahrung. Möwenschnabel glaubte, mit ihm Schritt halten zu müssen, und sie verschlangen um die Wette Nüsse, Bananen und Taro. Währenddessen war die Schar der Wilden immer näher gekommen. Sie standen bald einige Schritte entfernt im Halbkreis um die Essenden und lachten und feixten, machten »O! O! O!« Der Priester Kokosbast ging unter ihnen umher und sprach auf sie ein, und Möwenschnabel aß Bissen um Bissen Wolkenglanz nach; dann hatte Peter genug, und auch der Schwarze hielt sofort auf, grinste Wolkenglanz brüderlich an, streichelte mit den Hundepfoten über den Ärmel und stieß zwei Rülpser aus. Peter lachte: »Mahlzeit!«
Die Wilden erschraken und zuckten auf, um kehrtzumachen. Aber es kam nichts nach hinter dem einen Wort. Sie begriffen nun schon, daß er Wörter hatte, die Fangkraft über die Seele und Wörter, die das nicht besaßen. Sie lachten und grunzten und wollten alle das Wort nachsprechen und kamen dabei immer näher an Peter heran und faßten tollpatschig nach seinen Händen, nach seinen Backen, und die weiße Farbe ging nicht ab. Peter wich allmählich zum Boot zurück.
Da auf einmal war es, als ob ein toller Schrei tanzend durch alle Kehlen fuhr. Die Schwarzen sprangen, reckten die Arme und ließen sie wie Hämmer niedersausen, und Peter sah plötzlich, daß sie sich alle über seinen Eßkameraden herwarfen und auf ihn einzuschlagen begannen.
Die ganze Schar geriet in eine kreiselnde Bewegung. Bald stampften sie in regelmäßigen Schritten, die wie leiser Donner im Boden widerschollen, um den Liegenden herum, bald verwirrten sie den schwerfälligen Reigen zu einem chaotischen Brüllen und sprangen, und ein jeder schlug auf Möwenschnabel ein. Der saß mit einem Gesicht in dieser wilden Gärung, als ob ihn die Schläge nichts angingen. Sein Herz war zufrieden. Der Ohm hatte geholfen. Er wurde König. Er dachte weiter an nichts. Aber auf einmal sah er den Häuptling Muschelkalk auf sich zudringen. Das kleine, in der Breite gezweiteilte Gesicht seines alten Gegners war wild gefältet, und Möwenschnabel bemerkte, daß der andre einen Stein in der Hand hatte. Da stieß er unversehens, ehe Muschelkalk bis an ihn herankommen konnte, zwischen den andern Tanzenden mit dem Fuß gegen den Bauch des Häuptlings. Dieser brach stumm in sich zusammen. Er wurde aus dem Kreis geschleppt. Die Zeremonie ging weiter. Die kreiselnde Bewegung machte die Männer toll, und die uralte Gewohnheit dieses Festes steigerte mit ihrem geheimen geisterhaften Sinn den heiligen Wahnsinn. Möwenschnabel blutete schon aus mehreren Löchern im Kopf, und eine Schulter war aufgerissen. Die Priester der Dörfer schlugen auf Trommeln, die aus gehöhlten Baumstämmen bestanden, den Takt und sangen alte Psalmen, deren Worte keinen Sinn mehr hatten und deren ferne dumpfe Melodie das Blut in allen Adern aufwühlte und glühend machte.
Peter sah dem zwiespältig erregt zu. Es war ihm rasch klar, daß die Wilden irgendeine Sitte übten, und er hatte oft gelesen, daß diese Tänze die Blutgier entzündeten. Er sah sich wieder in Gefahr und verschanzte sich ins Boot. Aber niemand kümmerte sich um ihn. Dann schlugen die Trommeln fünf regelmäßige dunkle Schläge, und auf einmal hörte der Hexensabbat auf, und die Männer setzten sich lachend und kichernd auf den Boden, plauderten und schrien. Möwenschnabel erhob sich. Er blutete über und über. Er ging an Peter vorbei und schickte dem Ohm ein zufrieden lächelndes »Ö!« zu. Dann stieg er ins Meer.
Der Fluch des Geborenseins war aus ihm herausgebleut. Die Wut der Männer hatte ihn gereinigt zum Königsein. Machtvolle Dämonie zog in ihn ein. Er war ein Vater, von alters her heilig und doch von Mißgunst und Bosheit der Menschen umlagert. Sie hatten ihm gezeigt, daß sie ihn, den Höchsten, töten konnten. Statt des Todes hatten sie ihm das Bewußtsein ihres Mißtrauens und ihrer Kraft gegeben. Und nun erstrahlte er vom heiligsten Tabu, und nicht einmal den Schorf der Wunden, die sie ihm geschlagen, durfte ihre kleinste Bewegung anrühren.
Am Abend dieses Tages verschoß Peter seine letzte Rakete. Er sah sie in die Gewaltigkeit des einsamen Sternenhimmels dringen, zuerst mit begehrlichem Zischen wie ein machtvoll brünstiger Ruf zwischen den Sternen dahinschießen, ein Ruf, der sich über die ganze Erde weben sollte. Und dann verglühte sie rasch in den märchenhaften, zarten Regen der Leuchtkugeln, die geräuschlos zwischen den hohen Sternen erloschen, und nichts war mehr in seiner Hand, den Menschen der andern Welt, der er angehörte, von ihm zu zeigen. Wiewohl er wußte, daß niemand seinen Ruf vernommen haben könnte, begann er in die Nacht hinein zu warten. Er entzündete ein hohes Feuer am Ufer, um die Stelle zu zeigen, wo er harrte. Aus der fernen Nacht scholl der Lärm der Tänze und Gesänge, mit denen man im zweiten Dorf die Königseinsetzung feierte, und die Garamut dröhnte dunkel hinein, wie ein Pulsschlag der fremden Erde, zu der er verbannt war.
Unter dem fernen Lärm stieg in seinem vergeblich harrenden Herzen Europa auf. Es stieg auf wie die letzte Rakete und begann geräuschlos und farbig zwischen den Sternen zu versinken. Die Schwarzen kannten seinen Revolver nicht. Das war gewiß. Und wohl nie hatten sie also einen Weißen gesehen. Gab es denn noch eine Insel auf der Welt, die so einsam war, daß kein europäisches Schiff sie erreicht hatte? Das fremde Singen und die dunkeln Stöße der Trommeln hetzten seine Gedanken. Er sah den Zug der Menschen in weißen Städten in mächtigem Mechanismus die Straßen überströmen, und Maschinen surrten zielstark unter niedern weiten Hallen, denen einmal alle seine heftigsten Gedanken gegolten hatten und verflohen wie ein prasselnder Regen auf einer Asphaltstraße. Er sank hin unter der drückenden Melancholie des grauen Verregnens. Er wachte in die blaue Nacht, und Europa sollte verschollen und versunken sein unter ihrer dampfenden Hitze. Er warf Holz übers Feuer, die Flamme loderte heißer auf, und seine Sehnsucht schwoll und sank wieder nieder, wenn das Reisig verbrannt war, und wurde auch tiefer, schwebender, verwehender Regen. Europa starb langsam und heftig in ihm. Es starb so, wie einst eine Frau in ihm erstorben war, von der er Erde und Himmel erhofft hatte. Fliegende Hunde stiegen wie flatternde dunkle Tücher über dem Lichtstrahl aus den Bäumen. Ein Schrei scholl im Wald. Die Grillen arbeiteten die Finsternis in grellen Lärm um. Im Wald flog der Schall des unbegreiflichen Festes der Wilden wie eine Seele, die ein Netz über die Insel, die Küste und ihn sponn, um ihn zu trennen von dem, was war.
»Als ob ich auf dem Mars wäre!« sagte er und biß die Zähne in die Lippen und schlug seine Fäuste raffend über die linke Brust, um seiner Tränen Meister zu werden. Er wachte und dachte die ganze Nacht und unterhielt sein vergebliches Feuer. Die Verlassenheit stand rauh und schroff über ihm wie ein ungeheuerliches Karstgebirg, und jenseits ging eine Welt unter für den Schiffbrüchigen.
Die Menschen kehrten zum Dorf Vater zurück. Peter sah, als er morgens im Schatten seines Baumes erwachte, ihre Scharen die Hüttenkreise füllen, dann und wann bis an sein Boot herankommen und wieder gehen. Er sah auf der Treppe des größten Hauses, das auf hohen Pfählen stand, den Schwarzen, den sie gestern geprügelt hatten. Möwenschnabel hatte seine Wohnung ins Könighaus verlegt. Der Schwarze winkte Peter zu, indem er erfreut lachte, einmal mit dem Kopf in die Höhe fuhr und »Ö!« rief. Da ging Peter zu ihm. Er stieg die Leiter hinauf und setzte sich neben ihn. Er öffnete den Mund und fuhr mit der Hand öfter hin, das Zeichen des Essens machend; der Schwarze unterlegte dies Zeichen mit einem Laut, und das erste Wort, das Peter von der Sprache Kililikis lernte, war das Wort für Essen.
Der Schwarze rief, und Frauen erschienen in den kleinen Öffnungen der Hütten, die hinten um das Königshaus herumlagen. Die Frauen brachten Kokosnüsse und zwischen Blättern gebackne kalte Fische. Das Dorf umstellte den dünnen Zaun des Königshags, und Männer und Weiber nickten mit dem Kopf in die Höhe, grinsten Peter glücklich zu und quetschten den kurzen Laut: »Ö! Ö!« aus ihrem Mund. Möwenschnabel aber nahm Peter ins Innere der Hütte, das ein einziger großer Raum, vollgestopft mit Gegenständen und Waffen war. Dort richtete er ihm am Essensplatz das Mahl auf kleinen Mattentellern an, und er schickte die Weiber fort, die sich in die Tür drängten. Und während Peter aß, nahm er den ersten Sprachunterricht beim König, und er lernte die Namen der einzelnen Speisen.
Als er fortging, nahm er einen der Bogen und ein Bündel Pfeile mit. Er wollte ihn gebrauchen lernen, weil er ihn zur Verteidigung des Lebens oder zum Erwerb seines Unterhalts nötig hatte. Dann zog er auf dicken Bambusrollen sein Boot hoch ans Land herauf, daß die Flut es nicht mehr erreichte. Er schob es an den Baum an und baute das große Segel als ein Dach darüber. In der Nacht war ein Regen vorbeigerauscht, der wohl nicht lange gedauert hatte; aber das Laub war doch nicht dicht genug, um das Wasser abzuhalten. Der König schickte ihm Matten, mit denen er sich ein Schlaflager machte. Er sammelte einen Haufen Kokosnüsse auf und brachte sie ins Boot, und als das die Eingeborenen sahen, schleppten sie alles Eßbare an, worüber sie verfügten. Peter war auf Wochen verproviantiert.
Als es dunkel wurde und die fliegenden Hunde aus dem Walde heraus in die Dämmerung stürzten und sich wie Lappen durch die Luft schwangen, schoß er danach. Es war ein merkwürdiger Zufall, daß er gleich beim ersten Schuß traf. Das sahen die Eingeborenen, und alle, die den fliegenden Hund im Totem hatten, wurden bang. Sie liefen zum Häuptling Muschelkalk und sagten ihm: »Wolkenglanz schießt unsern Stammesvater tot!« Den Häuptling, der von dem trächtigen Fußtritt Möwenschnabels daniederlag, beschlich eine wahnsinnige Furcht. Er wußte, daß er das heiligste Tabu verletzt hatte, denn aus Eifersucht und Neid sann er auf weiter nichts als darauf, daß er den glücklichen König Möwenschnabel beseitigen könnte, und er hatte schon zehn, zwölf wilde, blutdurstige Mordarten erwogen. Er fiel auf sein Lager zurück. Sein Unterleib begann fürchterlich zu stechen. Er rief: »Wehe, wehe! Wolkenglanz tötet den Stammesvater, und die Seele weiß nicht, wohin sie im Tod gehen soll.« Das Fieber durchraste ihn wütend. Der Fußtritt hatte ihm eine Ader gesprengt, an der er sich verblutete. Er aber glaubte, er müsse sich in den Tod hineindenken, weil er ein Tabu angerührt hatte, das an Macht das seinige zehnmal und öfter übertraf. Er starb in der Nacht. Die Garamut warf die Nachricht seines Todes rasch in die Küstendörfer. Alle des Stammes vom fliegenden Hund sahen ihre letzte Stunde gekommen. Sie versteckten sich im Wald und heulten, denn Wolkenglanz erschoß ihren Stammesvater, der ihre Seelen in die Steinbilder im Steinbruch Mutter getragen hatte. Und so wußten sie nicht, was ihrer elenden verfluchten Seele widerfuhr. Möwenschnabel aber nützte die Gelegenheit. Der fliegende Hund war der Rivalenstamm und hatte vordem durch eine Bluttat dem Totem Kakadu das Königshaus geraubt, bis der Ahn Möwenschnabels seine alten Rechte wieder eroberte, indem er den Ahn Muschelkalks erschlug.
Doch war der Stamm »Fliegender Hund« noch stark an der ungestillten Wut gegen diesen Mord. Er reizte sich ununterbrochen heimlich zur Rache auf an dem geschändeten Blut. Die Stellung Möwenschnabels war darum keineswegs sicher. Nun war es dem König in die Hand gespielt worden, seine Sache sicherzustellen. Wolkenglanz zeigte an, daß er die Vernichtung des Totems wollte, und der König machte sich daran, das Werk zu vollenden, das der weiße Gott symbolisch begonnen hatte, als er den ersten fliegenden Hund zufällig mit seinem Pfeil durchbohrte. Mit Hilfe der Priester, die seinem Stamm angehörten oder ergeben waren, wurde das Werk vollbracht. Sie schoben die menschliche Angelegenheit in die Schicht, die unsichtbar und dämonengefüllt über den Köpfen der Menschen stand. Man fing so viel Männer des fliegenden Hundes ein, als man erwischte, und man band sie an die Palmstämme. Dann umwickelte man die Gebundenen um die Stämme mit breiten Bananenblättern, so daß man nichts mehr von ihnen sah, und schnürte das Bündel von Fleisch, Knochen, Blättern und Holz mit Baststricken und Rotang so fest zusammen, daß die Seile gespannt waren wie Bogensehnen. Das geschah noch in der Nacht. Peter hörte die Weiber heulen. Sie flohen oder wurden mit Keulen erschlagen. Das Blut der Schwarzen schäumte gärend. Die Bewegungen, die Griffe, die Schläge, das Einbinden wurden heiß und scharf und machten sich mit knapper Sachlichkeit, wie bei Tieren, die Beute jagen. Die Nacht flimmerte rot von Blut und Totschlag.
Als Peter am nächsten Morgen ins Dorf ging, gesellte sich ihm Möwenschnabel bei. Möwenschnabel war ein junger sehniger Mensch, seine Haut hatte einen hellen Schimmer, sein Kopf war hoch und die Nase schmal und einwärts geschweift. Aber er hatte einen dünnen langen Mund, der sich spitzte wie ein Wolfsmaul. Möwenschnabel hatte brennend rote Hibiskusblüten in seinem hohen, gepflegten Haar. Seine Augen waren wie blau bestaubt und die großen Ovale fast orangenfarben angelaufen.
»Gelb und Blut!« sagte sich Peter, als er hineinsah. Möwenschnabel verzog das Maul zu lächelndem Gruß, entblößte das vom Betelkauen blutig gefärbte Gebiß und stieß sein »Ö!« hervor.
Aber da sah Peter die sonderbar formveränderten Palmstämme. Er trat an einen heran und erschrak. Ein leises Wimmern stieg in dem Blattpaket auf und gurgelte wie Blasen, die sich tief von einem moorigen Grund erheben. Er zeigte mit der Hand fragend hin und sah den Schwarzen an. Dorfmänner umringten die beiden rasch, lachten glückselig. Sie hatten alle rote Blumen in den Haaren. Der König ahmte das Bogenschießen mit den Armen nach und sprach ein Wort mehrmals dazu. Peter verstand nicht. Das gurgelnde Stöhnen erregte ihn. Er nahm sein Messer und schnitt die Stricke durch, begann die Blätter abzureißen, und plötzlich löste sich etwas vom Palmstamm und fiel plump nieder. Es war ein Mensch. Er wand sich zuckend am Boden. Die Augen quollen aus den Höhlen, der Mund war verzerrt aufgerissen, und Schaum und Blut sprudelten aus ihm. Peter lief zu einem zweiten Stamm, schnitt rasch auf, und der Mensch fiel und regte sich nicht mehr. Ein dritter lebte noch. Ein vierter war tot. Der fünfte war tot
Und zugleich, wo Peter dunkel zu verstehen begann, daß dies hingerichtete Feinde seines schwarzen Freundes waren, verwirrten sich seine Vorstellungen an der Grausamkeit des Geschehenen, sank all sein weißer Halt zusammen und rohe Gelüste sprangen ihn an wie Tiger. Es war ihm, als sei er wie eine Kugel auf einen Stein auf diese furchtbare Tat aufgeschlagen und prallte immer weiter, blutdürstig sie fortzusetzen. Er wollte dem farbigen Hund, der sie verrichtet, an die Kehle rasen und den roh springenden Adamsapfel zerfleischen, das Leben dieses Tiers zu Brei vernichten. Er sprang auf ihn zu. Aber im letzten Augenblick fand seine Wut nichts als eine furchtbare Ohrfeige, die mit einem plumpen Klatsch in das schwarze Gesicht sprang. Diese Ohrfeige war lächerlich gegenüber der dämonischen Erregung, aus der sie kam.
Möwenschnabel jedoch lächelte unbeirrt. Durch die Zuschauer lief ein freudiges Murren. Die Mäuler kamen in Bewegung und brachten frohe Laute hervor. Sie riefen: »Seht! Seht! Auch Wolkenglanz schlägt Möwenschnabel zum König. Der fliegende Hund ist niedergewürgt. Seine Seele irrt umher und findet den Weg nicht nach Mutter in den großen steinernen Gott. Wir müssen unser Essen, die Abfälle und unsern Speichel bewahren vor den bösen Geistern der Seele des fliegenden Hundes, daß sie uns nicht behexen. Aber Wolkenglanz, der Töter des fliegenden Hundes, steht uns bei.«
Peter sah fassungslos um sich. Das Rätsel blieb ihm starr verschlossen. Er war auf dem Mars. Eine kalte verlassene Wehmut rann durch seine Adern. Er ging zum Boot und brachte den Apothekerkasten heraus. Aber er wußte nicht, was er mit den beiden, wie Karpfen nach Luft und Leben zuckenden Leibern tun sollte. Er rieb die Quetschstriemen, die die Stricke gelassen, mit Salbe ein. Er faßte nach den schlagenden Armen und bog sie in einer regelmäßigen Bewegung ein und zog sie wieder aus, wie man Ertrunkenen das Leben wieder zu gewinnen versucht. Er hielt das Ätherfläschchen in ihre Nase. Die schlagenden Glieder dämpften nach und nach ihre Verzweiflung. Der Kampf erlosch, und die beiden Halbtoten fielen in Schlaf.
»Was tut der Ohm Wolkenglanz?« fragte der König. Aber Peter verstand und beachtete ihn nicht. Die Männer rundum sahen angstvoll dem Beginnen des Gottes zu und bissen erregt auf ihre Betelnüsse. Sie prusteten den ersten herben Saft wie einen Sprühregen aus und wagten nicht einander anzuschauen. »Er gibt die Seele in den Körper zurück!« stotterten sie. Und das Grausen packte sie, und sie gingen, sich in die dunkelste Ecke der Hütten zu ihren Lieblingsweibern hocken, sprachen nicht mehr und fürchteten die zweifeldunkle Kraft des Gottes. Die zwei Hingerichteten erhoben sich bald und gingen zu ihrem Dorf zurück. Niemand rührte sie an. Ihre Geschichte sprach sich eilig durch alle Dörfer herum, die Männer und Frauen, die man im Wald nicht aufgespürt hatte, kamen zurück, und Wolkenglanz stieg an Macht wie an Rätselhaftigkeit. Niemand fühlte sich mehr sicher vor ihm, und zugleich, wo in der Tiefe des beunruhigten Blutes roher Drang aufstieg und um den Gottesmord sich unbewußt die Adern erhitzten, dämpfte das furchtbar Drohende, ewig mit Donner und Verdammnis beladene Tabu diese urhafte Wildheit zu zitternder Straffurcht, zager Todessüchtigkeit und kindlich naiver Ergebenheit zurück.
Peters Kraft wurde nun jeden Tag beansprucht. Es kamen Verliebte, es kamen Rachsüchtige, es kamen eifersüchtige Verdächtler, es kamen Frauen, denen die Kinder immer starben, es kamen kranke Behexte … Sie sprachen ihn mit den schönen, bald wie ein Bach im Wald verschmelzenden, bald wie ein niederkrachender Baumstamm roh aufstoßenden, bald wie ein Vogelschrei kindlich tirilierenden Lauten ihrer Sprache an. Die Wörter merkten sich, wie naive Naturgeschehnisse, so leicht und tief. Pirath benahm sich eingehend zu jedermann, und wenn er nicht verstand, so nickte er lächelnd trostvoll oder suchte durch allerlei Zeichen seine Sprachkenntnisse weiter zu bilden und führte dadurch den Hilfesuchenden unbewußt so weit ab vom Gegenstand seiner Sorge, daß er seine Wünsche erfüllt glaubte. Die meisten Krankheiten waren ungepflegte, beschmutzte Geschwüre und Fieber, die aus den in die Küstenwälder zwischen die Dörfer gebetteten Sümpfen aufstiegen. Das konnte er alles heilen, und da die Menschen glaubten, eine jede Krankheit sei die Folge einer Behexung durch einen Fluch, so gewann die Gottwerdung Piraths von Tag zu Tag an Festigkeit und Umfang.
Er hielt die Phantasien der Menschen in Aufregung. Überall hin trug er sein europäisches Gewissen, wetterte gegen jeden faulen Schmutz, gegen Trägheit und Lässigkeit, gegen Grausamkeit und Mordlust. Das verstanden diese Menschen nicht, bei denen die Instinkte ein ungedeckter Brunnen waren und der Impuls so viel wie die Tat. Denn sie lebten zu lange mit der Natur zusammen, wie zwei, die im Beischlaf sich einander vermengen, und hielten sich an das mütterliche Beispiel, das sie an Pflanzen und Tieren, an Wasser und Wolken sahen. Oft sprachen sie über die Unverständlichkeiten des mächtigen Wolkenglanz. Aber ihre Liebe zum Plaudern ging damit heimlich und vorsichtig um, und sie wandten allerlei geheime Schutzmittel an, um sich ihrer Klatschsucht ungestraft hingeben zu können. Sie nannten ihn dann jedesmal, wo sie ihn erwähnten, mit einem neuen Namen, den sie im Augenblick des Sprechens erfanden und den dennoch jeder verstand. So bildete sich Pirath in diesen Gemütern zu einem Kreis von gesonderten Vorstellungen aus, von denen eine jede einen bestimmten Namen hatte. Die Menschen konnten ihn nicht in einen Begriff fassen. Er war in viele Kräfte der Natur gespalten. Sie verehrten, liebten, fürchteten und haßten ihn. Die Phantasien bildeten alles um, was mit ihm in eine Berührung kam, und so waren zum Beispiel jene wenigen, die von der allgemeinen Vertilgung des Totems Fliegender Hund errettet worden waren, fortan zu einer neuen, von dämonischer Scheu umgebenen, tabugeladenen Kaste geworden, weil Wolkenglanz den zwei Hingerichteten die Seele zurückgegeben hatte.
Etwas Besonderes reizte die Gemüter: Er ließ sich unbeweibt!
In den Dörfern lebten schöne Mädchen. Sie hatten ebenmäßige, gedämpft wilde Gesichter, die schlanken Beine stiegen in heißem Schwung der Schenkel in die Hüften, die Brüste standen wie große spitze Zitronen, hart wie unreife Früchte, reif wie goldene Bananen, und die Schultern überstiegen sie, breiter als die Hüften, und mit einer genauen Muskulatur, als ob sie allein die spitz starrenden festen Brüste, die gewölbte Kugel des Bauches, die ausschweifend zusammengehaltenen Hüften tragen müßten. Die farbige Haut, auf deren dunkelem Grund helle Töne flimmerten, war ihm wie ein Fell von seidigem Glanz, von lebendig polierter Bronze, in die sich die geile Sonne gefangen hatte. Peter schaute ihnen gereizt nach, wenn sie vorbeigingen und ihre weißen großen Gebisse vor dem glücklich scheuen Gruß: »Ö!« weit entblößten.
Alle Mädchen warteten, daß Wolkenglanz zum Mutterbruder ginge und um sie bat. Alle Stämme warteten, daß ihre Mädchen die Götterkinder im weißen großen Kanu empfängen und gebaren. Aber in Pirath bildete das Weiße seiner Herkunft eine sagenhafte Scheu aus vor dieser letzten, innigen Vermischung.
Fast wie in einem Wunder, so unversehens fühlte er sich diesem primitiven Volk hinwachsen. Er verstand Einrichtungen, Sitten, Verhältnisse aus seinem Instinkt heraus. Einige Monate vergingen. Er konnte schon mit den Menschen in den Lauten sprechen, die dieser Urwald zusammen mit der Meereseinsamkeit gebildet hatte. Er empfand auch, daß all die Mädchen und Stämme auf ihn harrten. Da war ihm über dem allem, als ob die körperliche Hingabe an die Weiber der letzte Verzicht auf Europa sei, und er wollte nicht verzichten – so verloren und verlassen Kililiki auch im Ozean lag. Der Krampf seines nach Europa sehnsüchtigen Herzens machte die Begehr nach den Weibern zu etwas Sündhaftem, machte seine Keuschheit zu einem Symbol; die Bewahrung der heimatlich weißen Persönlichkeit stand in ihr. Aber ach, er wußte, daß seine Anstrengungen, dies Symbol aufrechtzuerhalten, immer mehr blutlose Gebärde würden.
Monate flossen dahin, unaufhaltsam und sanft, und Peter erlebte in einer manchmal blutig gereizten, manchmal schwerfällig dunkeln Melancholie vorfrühlingshafte Änderungen in sich. Er erlebte, als sei es an einem Menschen neben sich, den er kannte, wie das europäische Gewissen, das Ummodeln jeder Erscheinung in geistig vermünzte Werte, langsam von dem Urwald überwuchert wurde, der um die Hüttenkreise der Dörfer vom gelben Sandufer aus, wie heimliches Frauenhaar über den Venusberg, sanft aufregend, verbergend, süßer Fruchtbarkeit willenlos ergeben, die Höhen überquoll. Er verspürte diesen Nebenmenschen, der ihm so innig verwachsen war, in ein weiches Aufgehen in dieser einsam fremden Natur versinken, und eine üppige Entfaltung der Phantasie drängte sich machtvoll durch. Impulse stiegen trächtig und greifbar wie Taten durch seine Adern. Die voraussetzungslosen Formen der Natur, die keine Erinnerungen in sein Blut geritzt hatten, wirkten vertiefend und beschleunigend hinein. Ihre sorglose Üppigkeit und selbstverständliche Begrenzung waren ihm wie eine erreichbare Ewigkeit. Die Zeit hörte auf. Er verlor das kurze Verrechnen der Tage gegeneinander. Tage und Jahre kosteten nichts. Die Zeit spaltete sich nicht mehr in Arbeitszeiten und Nächte. Sie war wie ein kreisender Globus von Glut und Schatten, die hellen Stunden heiße Flammen, die dunkeln schwarzes Versinken, aus dem mächtige Träume stiegen. Wie im Traum, so schränkte auch im Wachen keine Kraft die seinige ein. Er lebte, wie sein Blut ihn trieb. Er lebte wie die Pflanzen, von keiner Sorge gehindert, keine Hemmung kam ihm in die Quere.
Er wurde allmählich sich weniger wertvoll und wuchs immer inniger in die Natur zurück. Er war nicht mehr ein dunkles kleines Glied, beengt und gezerrt, verantwortungsvoll und bescheiden in die europäische Kette gespannt. Er war selber ein Urwald.
Durch Wochen hindurch vollzog sich dieser sachte Übergang. Kaum gab er sich Rechenschaft darüber. Einmal, als er in einem kleinen Kanu aufs Meer zum Fischen segelte, fühlte er an dem Benehmen der Fregattenvögel und Möwen, die über ihm hin und her strichen, daß etwas sich mit einer Spannung lud, daß etwas gefährlich und drohend wurde. Er wußte nicht, was geschah. Die Beobachtung sickerte unbewußt in sein Blut, pulste durch seine Adern und bewog ihn, sein Kanu landeinwärts zu drehen. Da hetzte es hinter ihm her wie eine wirbelnde Angst. Er erreichte das Land, bevor der furchtbare Orkan ausbrach, den keine Wolken und kein Wind angezeigt, dessen gefährliches Kommen aber die Vögel seinem Blut gemeldet hatten.
Von diesem Tag ab bemerkte er öfter plötzlich, wie er den schärferen Witterungsinstinkt der Tiere benutzte, um sich vor Gefahren zu schützen, um einen Rückweg von verlorenen Waldwanderungen zu finden, um Nahrung zu suchen oder das Wetter zu prüfen. Aber auch dies Bewußtsein begann nach und nach in die unsichtbare Tiefe zu sinken.
An einem Morgen, als alle Männer schon in den Wald gegangen, schickte sich Peter an, in seinem Kahn stehend, den Bogen zu spannen, wobei ihn junge Weiber umstanden.
Die Weiber schauten zu und plauderten mit ihm über ihre Kinder, ihre Männer, Essen und Wetter. Auf einmal, während er sich niederbückte, hörte er jähes Schreien. Er richtete sich auf.
Die Frauen stoben schon zwischen den Hütten davon, und nahe bei ihm am Ufer stand ein Mann, den er auf der Insel nie gesehen hatte.
Das Bild der Gestalt flog mit einem Blick den erstaunten Peter an. Der Fremde hatte eine rötliche Hautfarbe. Er war klein, mit einem kegelförmigen dicken Kopf, auf dem drahtiges Haar aufstarrte. Seine Nase unter den geschlitzten und schiefen Augen war nicht groß, aber schwer und hing in einer gebrochenen Linie auf den dünnen geschwungenen Mund zurück.
Der dicke fremde Kopf schaute Peter mit dumpfem Entsetzen an, einen Augenblick nur, dann schoß die kleine Gestalt in die Höhe, warf sich herum und raste davon. Peter setzte mit einem Sprung über den Bootsrand und flog mit seinen langen Beinen hinterdrein. Der Kleine durchstürmte das Dorf, lief am Wald entlang und schlüpfte wie eine Eidechse plötzlich ins Dickicht.
Peter lief ihm blind und ohne Gefühl nach, war nur mehr ein Jäger, dem das Blut in den Augen flimmerte. Nach einer Weile verlief sich der jähe Anfall.
Als Peter durch den Wald zurückging, fiel ihm plötzlich ein, wie die Weiber sich gegen den Fremden benommen hatten. Sie kannten ihn. Er gehörte einem Geheimnisse an, das man ihm vorenthielt.
Deshalb hatte er keine Aussicht, etwa von Möwenschnabel mehr zu erfahren, und Peter nahm sich vor, seine Waldstreifen weiter auszudehnen und einmal in einem Kanu ganz um die Insel herumzufahren. Das hatte er bis dahin sonderbarerweise nie getan, und es fiel ihm nachträglich auf, daß die Fischer ihn stets abgehalten hatten, nach dem Norden zu segeln.
Das dachte er sich nun und sagte zu Möwenschnabel:
»Wir segeln jetzt um die Insel!«
Möwenschnabel sagte erschrocken: »Nein!«
»Weshalb nicht?« fragte Peter.
»Im Norden wohnt in einem Loch am Ufer der böse Geist.
Der böse Geist hat unsere Mutter Kililiki getötet, hat ihre Seele behext und hält sie an einer langen, langen Rotangschnur und läßt sie, wie einen Falken über die Tauben, über die Menschen niederstürzen, die dort vorbeirudern.
Die verhexte Seele wohnt in der Luft und im Wasser. Sie kann von überall her über uns …«
Peter ließ Möwenschnabel weiter reden. Er horchte nicht zu.
Der König überschüttete ihn mit weitläufigen dunkeln Worten, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen.
Peter ging in sein Boot.
Er hatte die Tage, die er seit der Ankunft an der Insel in seinem Boot wohnte, mit Kerben am Bootrand eingezeichnet und sie in Gruppen zu zehn abgeteilt. Er begann diese Kerben abzuzählen. Er kam bis zu dreihundert, und es stand noch eine Reihe vor ihm. Da ließ er es plötzlich bleiben.
»Was ist hier Zeit?« fragte er sich. Ein Tag sind tausend Jahre und tausend Jahre sind ein Tag. Er war ein verschlagener Mönch von Heisterbach und ließ sich tief vor dem Wunder Kililikis versinken.
»Ich will die Tage nicht mehr anzeichnen! Was ist Zeit?« fragte er sich noch einmal.
Und plötzlich erschien in diesen geheimnisvoll versinkenden Vorstellungen das Bild eines jungen braunen Mädchens.
Sie hieß Seeschwalbe und war ihm einmal unvermittelt im Wald begegnet. Da war sie stehengeblieben. Ihre schlanken Hüften stiegen sonnenbraun aus dem grünen Gestrüpp, wie aus einem Bad. Sie öffnete zum Lachen den Mund, und ihr großes und leuchtendes Gebiß legte sich bloß und war mächtig und unwiderstehlich, wie ein junges Raubtier.
An diese Begegnung dachte Peter in hin und her hastenden Vorstellungen. Er hatte sich immer ausgemalt, seine Kraft bestünde darin, daß er die Weiber mied. Das fiel auf einmal lächerlich in ihm zusammen. Weiber waren, wie das atmende Laub an den Bäumen, wie die Ranken an den Lianen, menschliche Verknüpfungen mit der gewaltigen Natur. Sie waren die Wirklichkeit der Phantasie, das Gewähren der schöpferischen Güte, die dunkle innige Wölbung der Gebärmutter, aus der das Urleben sich herausschmiegte, die geheimnisvoll finstere Grotte, in der das Fleisch seine Haut und seine Lebensfähigkeit gewann.
Während er so grübelte, bemerkte er zugleich, daß die Vögel heftig über den Boden niederdrangen, plötzlich hochschnellten und im Bogen zur Erde zurückgingen. Gleich trieb ein Zug von Käfern am Bug vorbei und hastete dahin, wie in einer Flucht. Kleine Insekten überholten sie und Ameisen kamen, stauten sich, als sammelten sie Mut und in der Masse Kraft, es mit einem Feind aufzunehmen. Alles Leben trieb aus einer Richtung heraus auf den Bug seines Bootes zu. Die gleitenden Vögel, die sich wie Pfeilschüsse immer wieder auf die Erde warfen und wie Bumerangs im Bogen in die Luft zurückkehrten, näherten sich ihm rasch. Er stand auf und wartete, und auf einmal schlang sich um den Bug eine der giftigen schmalen und kleinen Schlangen herum.
Sie sah das plötzlich große Leben vor sich, unterbrach die aalende Wanderung, hob den Kopf und blies die Backen auf. Sie sammelte alle elektrische Kraft ihrer Ringe vor der großen Gefahr. Ihre Muskeln luden sich rasch und ballten sich, ihre Wirbel bereiteten sich zum Sprung, das Gift schwoll in der Drüse, die Stoßzähne zitterten. Aber bevor sie auf das weiße Feindliche losspringen konnte, hatte Peter mit einem Brett ihre Wirbelsäule zerbrochen. Die Schlange wand sich in unselig machtlosen, verdammten Krümmungen. Es war ihr, als ob der Sand sie umklammerte, als ob die Erde sie an sich saugte. Peter tötete sie vollends mit dem Brett und schleuderte sie zurück ins Gras. Die Seeschwalben stürzten über sie her und hackten im Flug in sie hinein. Die Ameisenarmee machte in Eilmärschen kehrt. Aber ein Reiher nahm die Schlange rasch mit übers Wasser. Sie hing wie ein totes Seil in seinem Schnabel, und er flog mit ihr vom Ufer davon. Die Seeschwalben stürzten in erregter Befriedigung, satt und glücklich vor Rache, hinter ihm her. Die Insekten, Käfer und Ameisen gingen, jede wieder von Sorge frei, der Richtung ihres Lebenserwerbs zu.
Übers Meer zog Regen heran. Wie eine schleifende graue Wand näherte er sich. Peter richtete das schützende Segel, das nur mehr aus Fetzen bestand, auf dessen größte Löcher Matten befestigt waren. Dann aber dachte er sich, es sei gut, wenn er sich auszöge und den seichten Strand hinab im Baden dem Regen entgegenginge. Seine Kleider mußte er vorsichtig behandeln. Das weiße Drilchzeug hatte der Zeit und Witterung und dem vielen Waschen schließlich nicht mehr standhalten können. Es war brüchig geworden. Er zog die Jacke und dann die Hose mit Sorgfalt aus, legte sie unter ein Brett ins Trockene und schritt dann dem Regen zu.
Da schimmerte auf einmal, wie ein Schlag durch die Luft, ein breiter mächtiger Regenbogen auf. Er stützte einen Fuß seiner Brücke scheinbar in den schweren alten Baum und trat mit dem andern, vor Farbigkeit strahlend, in das schieferdunkle Ungemessene des Raumes hinein. Peter schritt rasch aus. Er wollte in die farbige Nebelbrücke hinein. Die flimmernden Dünste wichen vor ihm zurück.
Aber Schildkröte, der ein Gefolgsmann des Königs war und nahe am Ufer im Sand saß, während das geschah, sah, wie Wolkenglanz rasch in die farbensprühende Säule des Regenbogens hineinging. Er erschrak. Zuerst verschlug ihm der Atem. Der Regen stürzte hastig heran. Wolkenglanz verschwand fast in den niederrauschenden Fluten. Der Regenbogen stieg breit in die dunkeln Wolken, wurde von ihnen halb verschlungen, wie von einem urhaften Krokodil, und Schildkröte sprang entsetzt auf, lief heulend ins Dorf, weinte, daß die Tränen wie der Wolkenbruch über die Blätter des Baumes an seinen Backen rannen, und brüllte:
»Der Gott Wolkenglanz verläßt Kililiki. Der Segen verläßt Kililiki. Die bösen Geister werden sich über Kililiki werfen!«
Männer und Frauen drangen aus den Hütten. Der Regen peitschte ihnen in die Augen. Sie sahen nichts. Nur die Trümmer des Regenbogens standen noch in der grauen Luft. Und alle erinnerten sich, daß Wolkenglanz über einen Regenbogen zu ihnen gekommen war. Und alle schrien auf einmal: »Der Gott Wolkenglanz ist auf dem Regenbogen zurückgekehrt. Wehe! Wehe!« Möwenschnabel trat, vom Lärm aus seinem dunkeln Hause geführt, auf die schmale Veranda über der Leiter, hörte und glaubte, sein letzter Augenblick sei gekommen. Die Regen rasten knatternd hernieder. Sie trommelten auf Blätter, Dächer und Erdboden wie Steine. So sang der ewige Geist des heimkehrenden Sohnes Wolkenglanz das Tanzlied. Das war der heftige Lärm des Regens und der ewige Vater brach hinter Wolkenglanz den Regenbogen ab. Deshalb sah man nur noch ein Stück des Bogens blaß in den hohen finstern Regenmassen.
Der Regen schleppte schwer und eilig über die Insel weiter. Er war bald davongerauscht, und gefrischt von der heftigen Kühle, über und über rinnend von Tropfen und Nässe, stand Wolkenglanz auf einmal wieder an seinem Boot. Die untergehende Sonne flog, wie leuchtende Tiere, auf seiner nassen Haut auf. Er flimmerte und blitzte und strahlte Licht aus und gehörte wieder Kililiki.
Da war heiße Freude im Dorf Vater, und die Männer, Frauen und Kinder kamen heran und tätschelten sein göttliches weißes Fell.
»Du, Ohm Wolkenglanz, warst beim väterlichen ewigen Geist!« meckerte Möwenschnabel, der sich nicht fassen konnte vor Glückseligkeit. Er ergriff mit blöden, schmeichelnden Fingern Peters Handgelenk, bald seinen Daumen oder eine Brustwarze oder den Oberarm und tänzelte um ihn. »Der Ohm Wolkenglanz liebt Kililiki. Kililiki liebt ihn. Du, Ohm Wolkenglanz, kommst von einer großen Reise heimwärts zu Kililiki, und wir Männer und Frauen werden deine Rückkunft feiern.«
Es wurde ein großes Tanzfest angesagt. In der übernächsten Vollmondnacht sollte es stattfinden. Die Tage, die nun kamen, änderten das Leben der Dörfer vollkommen. Auf einmal löste ihre sonnenbeladene Stille sich in ein Summen und Brummeln auf, das früh mit dem Tagesgrauen anfing. Die Männer und Weiber gingen kaum mehr in die Pflanzungen. Sie holten sich nur, was sie zum Essen nötig hatten. Wo eine Gruppe beisammensaß, begann sie bald leise die alten Tanzmelodien zu singen, einer stieß mit einem Holz an einen Hauspfahl den Takt der Garamut, und im Sitzen machten alle die uralten Bewegungen, deuteten mit den Füßen die Tanzschritte an, ließen die Arme gehen und wiegten den Oberkörper. Und dann konnte es vorkommen, daß auf einmal die ganze Schar ins Flammen geriet, aufsprang und eine der Figuren tanzte. Sonst verspann sich tagsüber das Summen der Tanzweisen mit der Sonne über die Dörfer.
Wenn es dunkel wurde, fanden sich die Tänzer zusammen und übten.
Im Dorf des Häuptlings Fischreiher, das das siebente Dorf war, lebte der alte Mangostein, ein Ohm von Seeschwalbe. Er war berühmt als Erfinder von Tänzen und brachte jedes zweite Jahr eine Neuheit, die rasch in allen Dörfern aufgenommen und Mode wurde; das brachte ihm viel Muschel- und Zahngeld ein, denn die Tänze und Lieder waren ihrem Urheber geschützt. Mangostein erfand einen Tanz, der das Erdkommen und Erdwandern Wolkenglanzes darstellte. Er nannte den Tanz »Regenbogen«, und das war auch der den Peter nun endgültig bekam.
Der Tanz sollte zusammen von den Männern aller sieben Dörfer getanzt werden, und man begab sich sofort an das schwierige Einstudieren. Mangostein ging zu den Holzschnitzern. Die mußten kleine Schnitzereien machen, die das Boot Peters darstellten, es aber halb als Kanu, halb als Muschel ausgestalteten und lebhaft bemalten. Es wurden viele Dinge darauf gemalt. Der Regenbogen stand darauf, die Wolke stand darauf, das große Wasser, die Insel Kililiki und die sieben Dörfer; das Farnkraut Tausendfuß war darauf gemalt, als das Zauberkraut gegen angehexte Krankheiten; ein Bogen und Pfeil und der fliegende Hund; der tote Mensch und der tote Geist, der weibliche Geschlechtsteil und der Bambus, der Regen und der große Geist über den Wolken …
Und während dies Kunstwerk hundertfältig entstand und in neuen Erdfarben frisch in den Häuptlingshütten erglänzte, ging die Seele Regenbogens hinein, wohnte drinnen, und das Schiff war das Symbol der Allgegenwärtigkeit des erdgekommenen Gottes. Abends wurde es den Männern gegeben, und sie übten den Tanz, in einer Hand die Seele Regenbogens darbietend, mit der andern Kräuter und Blumen schwingend. Pirath wurde darüber der Regenbogen, die Fleischwerdung, der Zusammenhang zwischen Kililiki und der Überwelt des großen Geistes über den Wolken.
Die Männer übten in den Mondnächten den Tanz bis zum Aufbruch der Sonne und fielen dann in ihren Hütten in die Schlafecke und erwachten erst nach der Mittagsstunde, wenn der Hunger in ihren Leibern herumstieß. Dann begannen sie gleich wieder, und ihr Leben war nur Spiel und Traum in diesen Wochen. Herrlich, wunderbar und gottgemacht nannten sie dieses Leben. Sonst dauerte das Einüben eines Tanzes, der so schwierig und vielfach wie der Tanz »Regenbogen« war, drei, vier anstrengende Monate. Die Aktualität der Ereignisse, die der Tanz »Regenbogen« darstellte – ein jeder hatte alles unmittelbar miterlebt –, war für alle ein Ansporn und ein heftiger Reiz. Sie brauchten sich nicht erst mühselig in den Sinn hineinzuleben. Sie nahmen mit immer wacher Kraft, mit fortwährend aufgestacheltem Verständnis die Erklärungen und Darstellungen des Tanzmeisters Mangostein auf. Sie gruben Melodien, Worte und Bewegungen sofort in sich ein, und als die Vollmondnacht sich nach fast zwei Monaten näherte, waren sie vorbereitet und warteten auf das Ereignis, das wie ein Wunder vor ihrem Lebensweg lag und nur darauf harrte, von den Menschen in Besitz genommen zu werden.
Peter wußte, was vorbereitet wurde. Er verhielt sich dagegen, wie Erwachsene vor einer Bescherung, mit einer gemäßigten Spannung und einer gespielten Diskretion. Er lebte in einem leidenschaftlichen Auf und Ab. Bald floß er wie ein dunkler Strom, voll nächtiger Melancholie, voll rauschender Unrast und Sehnsucht nach seiner Heimat, seinem Bruder, seiner Tätigkeit, und dann konnte es geschehen, daß dieser Strom plötzlich verrann und, wie ein drohendes Stauwehr seinen Wall endlich bricht, ergoß sich die Glückseligkeit und die paradiesische Erfüllung der widerstandslosen Natürlichkeit Kililikis über ihn. Er fühlte, daß seine letzten Vorfrühlingstage vor ihm standen und daß der Sommer wartete, dessen reifender Saft mächtig aus dem Schoß der schwarzen einsamen Südseeinsel in ihn drang.
Als er früh am Tage des Festes vom Baden kam und die Sonne rasch seine Haut getrocknet hatte, wollte er seine Hose anziehen. Da riß das eine Bein von unten bis oben auf; morsch wie es war, konnte der Schaden nicht mehr gutgemacht werden, und Pirath entschloß sich zu der großen, für ihn symbolisch werdenden Entscheidung, von nun an nackt zu gehen wie die andern. Er riß einen noch brauchbaren Streifen aus der Hose und machte mit ihm einen der schmalen Schamgürtel, die zwischen den Beinen durchgezogen und hinten und vorn an einem Strick befestigt wurden, der den Leib umspannte. Diesen Schamgürtel trugen von der Mannbarkeit an die Männer Kililikis.
Der erste Besuch, den Peter in seiner neuen Toilette empfing, war der der Frauen Möwenschnabels. Sie schienen die Veränderung nicht zu bemerken. Auch Möwenschnabel, der dann kam und glücklich, wie ein Kind bei einem frohen Fest, ihn anmeckerte, nahm offensichtlich keine Kenntnis von Peters geänderter Tracht. Er streichelte dem Ohm nur über die Arme und Hände und schlug ihn dann roh auf die Schulter zum Zeichen, daß er heute des Königs Gast sei.
Er nahm ihn gleich mit. Im Königsdorf, auf dem mit Sträuchern, Blumen und Pflanzen, mit Tanzmasken, Königswaffen und schönen Matten ausgeschmückten Platz vor dem Königshaus fand Peter die Häuptlinge der Dörfer im Kreis auf dem Boden sitzen. Mit offenem Mund rülpsten sie ihm fröhlich, aus tiefster Kehle gurgelnd, den Gruß »Ö! Ö!« entgegen.
Die Weiber arbeiteten unter der Kochhütte herum, wühlten mit Bambuszangen in den mit heißen Steinen gefüllten Gruben. Drinnen brieten Hühner und Tauben, zerstampfter Jam war, mit dem zu Brei geschabten Kokosfleisch gemischt und um zarte junge Taroblätter eingewickelt, zwischen zwei Lagen heißer Steine geordnet worden. In einem andern Kochloch wurden Taro, Jame und Bananen gedünstet, indem man die Matten, zwischen denen sie lagen, mit Wasser tränkte, das sich an den heißen Steinen auflöste. Haufen von Fischen, die zwischen Blättern gebacken worden waren, lagen schon bereit. Über drei offenen Feuern brieten Schweine am Spieß. Ein Hügel von gerösteten Brotfrüchten schichtete sich auf einer Matte um einen Pfosten der offenen Kochhütte auf. Suppen und süße Speisen wurden aus Papayafrüchten mit Stärkewurzel und Kokoskernsaft bereitet. Puddinge und Pürees, die aus Kokosmehl, Seewasser, Pfefferschoten und kleinen Zitronen bereitet wurden, kochten die Frauen in aufgerollten Bananenblättern und umgaben die Blätterhülle zur Verstärkung mit einem oben zugebundenen Beutel aus Brotfruchtblättern. Meertang und Tintenfisch, Taschenkrebs und das fette Fleisch der Tridaknamuschel, Taroklöße und Jam in Kokoskernsaft, Bananenbrei und Schnecken, Seeigel und Baumschlangen, Käferlarven und Würmer …
Es wurde ein gewaltiges, übermenschliches Essen.
Es dauerte bis in die Dämmerung, und im Kernpunkt saß Regenbogen, umstrahlt von dem Glück und der Anbetung des fressenden Kililikis. Zu seinen Ehren stopften sich die schwarzen Bäuche. Die Frauen und die Königsdiener rannten und schwitzten. Der Essensgeruch wurde von der heißen Sonne, die über den Baumkronen und Palmenköpfen ihren grellen hitzigen Glanz aufwölbte, niedergedrückt und änderte die Luft des Schattens zu einer schweren, gereizten Sattheit um. Das Schmatzen, Plaudern und Rülpsen füllte melodisch den Essensplatz.
Als dann die Sonne hinter dem Meer versunken war und es einen Augenblick lang war, als ob Tag, Dämmerung und Nacht zusammen auf der Erde ständen, erhob man sich. Zwischen dem ersten und dem zweiten Dorf war der Tanzplatz gemacht worden. Die Männer hatten dort unter Palmen, die der Urwald dicht umschloß, einen langen schmalen Platz eben gemacht und rundum mit Blumen und Sträuchern geschmückt. Pirath ging mit dem König an der Spitze zu diesem Tanzplatz. Er hatte sich, trotz allem Zurückhalten, zu voll gegessen, und er ging neben dem König in einer faulen Benommenheit dahin. Er fühlte seine Adern bleischwer seinen Körper durchfließen. Oft schloß er die Augen und wünschte, daß er sich gleich zu Boden werfen und schlafen könnte, und dann reizte fast in demselben Augenblick ein Ruf in der Dunkelheit, eine Bewegung über seinen Augen, eine holperige Stelle unter seinen Füßen ihn jäh wach. Er schimpfte, und eine dunkle Wut schwoll in ihm an. Er konnte seinen Zustand nicht in eins fassen. Zerhackt, wie ein Ball geworfen, verirrt in rauschende Unbekanntheit, so kam er sich vor.
Möwenschnabel wollte, während ununterbrochen das Genossene sich bei ihm laut zur Erinnerung brachte, konversieren. Peter antwortete nicht und horchte nur dem schaukelnden Rausch seines Innern zu, und nach und nach geschah es ihm wieder, als ob das vielfach Aufgewühlte in ihm sich zu jenem geheimnisvoll sachten Sturz dämpfte, mit dem er in die sorglosen Wucherungen der Seele der schwarzen Insel Kililiki versank.
Sie kamen bald an den Tanzplatz. Dort waren für Regenbogen, für den König, die Häuptlinge und die Priester und Zauberer an einer Stelle Matten niedergelegt. Während sie sich darauf niederließen, ordneten in dunkelm Wirren die Scharen der sieben Dörfer sich unter die Palmen. Die großen Garamuttrommeln wurden bereitgestellt, und als auf einmal ein leises goldnes Flimmern die schwarzen Gitter der Palmwedel über den Köpfen berührte, klang es in einem dunkeln und einem hellen Ton in den Trommeln auf; der Doppelton riß einen schwirrenden Hagel von rasch aufeinander rückenden Klängen aus dem Holz, und an einem Ende des Tanzplatzes jagten fünfzig Weiberstimmen jäh in die Höhe und kreischten das zarte Mondlicht an. Peter fuhr aufgestört mit dem Kopf dorthin. Er saß inmitten der Häuptlinge und Priester auf einer schönen Matte. Er sah nichts und hörte nur das grelle Psalmodieren der Frauenstimmen. Auf einmal stieß ein starker flötender Ton aus der schrillen Melodie, und zugleich drang in langsamen Schritten die tanzende Weiberhorde aus dem fetten Schatten der Bäume in die sanfte Dunkelheit des Tanzplatzes. An der Spitze schritt Seeschwalbe. Peter erkannte sie gleich. Seine Augen hefteten sich an den edeln Schwung, in dem ihre rutenschlanken Beine sich in die Hüften ausbogen. Sie blies in eine Muschel und schwenkte mit der andern Hand ein Büschel von Kräutern und Blumen.
Die Frauen folgten den Bewegungen. Sie gingen vier und vier in einer Reihe, und Seeschwalbe immer voran. Seeschwalbe bog in zarter Spannung ihre Knie heraus, drehte sich halb um und auf wie eine Schlange, die tonberauscht sich zu unbewußten Bewegungen aufrafft, und zog die andern zu denselben Schritten hin, blies hoch und tief eintönig in ihre Muschel, und das Bündel von Blumen und Blüten schaukelte durch die Dunkelheit heran, auf Pirath zu. Der sah die zwei ungleichen, starken und spitzen Brüste wie reife Kokosnüsse dunkel und fest sich unter den Schultern spannen. Am schönen Leib wedelten knisternde Blumen und Sträuße, und der Bauch war in seiner bronzenen Rundung nackt und unbeweglich. Das sah Peter herankommen, mit kaum betonten Rhythmen hin und her weichen, ruhig und eben, denn die Frau liegt still unter dem Leib des Mannes …
Peter saß da, alle fünfzig Weiber tanzten nur für ihn, all die schmalen Beine stiegen so schön in die Hüften nur für ihn, all die breiten Weiberschultern rundeten sich so edel in die Arme nur für ihn. In der mondgoldigen, sacht verklärten Finsternis dämmerten die beiden Kugeln, die von den Beinen getragen wurden, wie von Säulen, die aus lebendigen, verhaltnen Tieren gebildet waren. Die Kugeln ruckelten sich rundend auf und ab, ihm entgegen. Er saß da und war ein Pascha, die harrende Raserei eines göttlichen Begattens und Erzeugens schwoll ihm aus der Weiberschar und der millionenfach verschlungenen Waldesnacht entgegen. Schwellend wartete die rauschende Heimlichkeit des Waldes um den Tanzplatz, und der Liebestaumel von Leuchtkäferscharen knisterte hinter den Tänzerinnen im finstern Wald, entzündete sich, verlöschte, glühte wieder an, verschlang sich zu Licht und Nacht, zu Leben und Tod.
Peter löste seine heißen Augen nicht mehr von Seeschwalbe, die wie ein weiblicher Heros mit ihren melancholisch starren, unheimlich harten Muscheltönen und ihrem traumfremd behexten Vorausschreiten den Tanz leitete. Peter wußte, daß seine Stunde schlug.
Die Weiber wanden sich, wie zwischen Finsternis und Licht kletternd, mit den leis knatternden Blattbüscheln, den unerbittlich eintönigen, jähen Psalmen sinnloser Worte, mit Geruch von Käfern, Tigern und frisch geschälten Ruten an ihm vorbei über den langen Tanzplatz, und auf einmal verschlang die satte Finsternis wieder Ton, Tanz und Leib, wie sie am andern Ende des Platzes vorhin Ton, Tanz und Leib unversehens ins Flimmern des Mondlichtes geschoben hatte. Die Leuchtkäfer beeilten sich bei ihrem göttlichen Akt und funkelten über der Stelle, die die Weiber in Dunkelheit verschlungen hatte, wie Diamanten, die sich umkreiselnd vom Himmel fielen, aufblitzten und verlöschten und aufblitzten.
Peter stand auf und ging ruhig davon. Seine Umgebung hatte sich halb aufgelöst. Ein Teil saß, von der schweren Verdauung an den Boden geheftet, und schaute ihm blöden Sinnes nach. Sein hoher weißer Körper leuchtete in versprühenden Umrissen den Rand des Tanzplatzes dahin, wie ein heiliges, ehrfurchtbeladenes Tier. Er ging auf die Stelle zu, wo die Weiber verschwunden waren. Peter fand die Seeschwalbe gleich. Er legte seinen Arm über ihre edel gerundeten Schultern und zog sie sacht und selbstverständlich mit in den Wald.
Sie gingen rasch davon ins verschlungene Dickicht hinein, lange Zeit, bis die Entfernung und die Wirrnis der Pflanzen und Bäume den Lärm des Tanzplatzes von der Welt wegwischten. Dann sanken Lianen, junge Palmblätter, hundert Pflanzen, die von einem satten Drang emsig gefüllt waren, über sie. Tausend Käfer überstiegen das Hochzeitsgewölbe der Pflanzen und jungen Palmen. Zwischen dem an- und ausfunkelnden Liebesbegehren der Leuchtinsekten haschten sich Hunderttausende von dunkeln und unscheinbaren Kreaturen. Die Domhallen des Urwaldes breiteten sich hoch und schützend über ihnen aus, und der Mond, der vor einem Tag die Fluren Europas betastet hatte, schmückte den First der Kathedrale mit seinem ruhigen Glast und sickerte wie ein sanfter Segenquell des Alls zwischen den Blättern nieder bis auf das schwarze fette Bett Regenbogens und der Seeschwalbe.
Das Tanzfest, ganz hinten in der Welt, ging weiter. Dem Frauentanz folgten die Tänze der Totemgruppen der sieben Dörfer, in denen die Männer eines jeden Stammes pantomimisch das Tier vorführten, das ihrer aller Vater war. Die Tänze gingen bis in die späte Nacht, und dann kam der neue Tanz »Regenbogen«. Aber während die besten Tänzer der sieben Dörfer tanzten und sangen, wie der Gott Regenbogen nach Kililiki kam und was er dort verrichtete und welcher Segen er dort war, und während sie das farbig bemalte Symbol aus Holz, auf dem alle Ereignisse niedergezeichnet waren, mit Grazie und Kraft in ihren schlanken Armen hin und her steuerten, in schwierigen Sprüngen, Stellungen und Bewegungen die Erlebnisse Peters zu Religion werden ließen, ging dieser allein durch die finstern Wälder. Er hatte sich mit einer sanften Bewegung von Seeschwalbe getrennt, die noch immer die schwarze Erde umarmte, erdrückt vom göttlichen Wunder, das ihr widerfahren war. Sie hatte ihre Hände zwischen Pflanzen in den dampfigen Boden gegraben und spürte an ihren Fingerspitzen die Hochzeit mit dem Geist, der in der Erde drinnen lebte und webte, und ihr Gesicht, das, nachdem der Gott sich von ihr gelöst hatte, mit finstern Zügen, in wilder Begier sich in die Blätter drückte, lag dort auf einem Kissen, durch das alles Leben der Welt pulste, die sie kannte.
Peter schlug sich durch das Gestrüpp bis ans Meer. Es war Ebbe. Der helle Sand leuchtete im Mond, wie eine weithin schwingende Bahn zu einem Zauberland. Was in dem schweißigen Schoß des Nachtwaldes geschehen war, stürmte durch seine Adern, fiel und stieg immer wieder mit wollüstiger Gewalt in sein Herz, verebbte und flutete neu und gewaltvoll auf. Der Mond schien anders. Das Meer war nicht mehr wie sonst. Die Nachtvögel kannten ihn. Er war dem fliegenden Hund, der sich vor ihm von einer Palme warf, Bruder. Er spürte die harmlosen schönen schlanken Schlangen, die nah im Gebüsch schliefen. Er roch durch die Finsternis die Früchte auf den Bäumen und im Boden. Er sah die nächtlich erregten Käfer in den schwarzen Rinden der Bäume knisternd übereinanderfallen. Er hörte aus den nur sanft heranwogenden Geräuschen des Tanzplatzes die Menschen dem Pulsschlag der Schöpfung taumelig hinfallen.
Er schritt weit und stark aus und sah seinen weißen Körper die Dunkelheit, die an ihn anfloß, leuchtend zurückstrahlen. Die Kraft seiner Schritte gewann etwas Symbolisches: er ging mit ihnen hemmungslos machtvoll, einer wunderbaren großen Kindheit entgegen. Vor ihm stand der Beginn einer neuen Rasse. Die Welt kreiste um ihn in Metamorphosen. Es ging vor sich wie eine Änderung des Alls.
Als er nach einer langen Wanderung in die Nähe seines Bootes kam, bemerkte er, daß jemand drin saß, und er sah gleich Seeschwalbes großes, muschelweißes Gebiß herrlich durch die Nacht ihm entgegen leuchten. Er teilte mit ihr seine Matte, und sie schliefen mit starken und erregten Atemzügen neben einander.
Die tanzenden Dörfer waren noch beisammen. Die Musik war ihnen mit brutaler Hitze ins Blut gekommen und hatte sie über die Laute von Wogenschallen, Windesbrausen, Nachttönen, Donnergeknatter, Vogelsang, Insektenzirpen, Blattrauschen und die eignen, nach Wohllaut lechzenden Zungen, dem in aller Macht ausgeglichenen guten und bösen Herzen der Schöpfung zugeworfen. Als dieser verbindende, ursprüngliche Rausch aufs höchste gestiegen war, hatte Möwenschnabel einen großen Einfall bekommen. Er hatte Regenbogen mit der Seeschwalbe fortgehen sehen. Er wußte, daß Regenbogen nun auch die Weiber Kililikis nahm, und er sprach:
»Männer der sieben Dörfer, so spricht der König zu euch in der Tanznacht: Der Gott Regenbogen hat die Seeschwalbe mit in den tiefen Wald genommen. Der Gott Regenbogen setzt sich nun an die Quelle des Lebens, da er jetzt auch über unsere Frauen kommt. Der König aber weiß etwas. Der König weiß, daß Regenbogen nichts weiß von dem Steinbruch Mutter, von den rothäutigen Magiern und ihren himmelhohen Steingöttern, die Tag und Nacht sich unsere Seelen erwünschen. So spricht der König zu euch, o Männer: Die Steingötter im Steinbruch Mutter leben, um die Seelen von den Körpern zu trennen, denn seit unsere Mutter Kililiki und unser Vater Ulawun den Steingöttern die Insel abgekämpft und abgenommen und die Steinkünstler in den Steinbruch eingesperrt haben, leben die Steingötter von unsern Seelen. Aber der Gott Regenbogen, der vom ewigen Geist kommt, der Körper und Seele zueinander tut, wünscht, daß sie zusammen bleiben. Darum spricht der König also zu euch: Die Steingötter, die in die Wolken ragen und die blaue Matte auf ihren Stirnen tragen, sind dem Gott Regenbogen feindlich. Wir wollen sie uns verpflichten, damit wir ihre Macht besitzen gegen Regenbogen und er uns nicht beherrscht. Und es spricht der König so, daß die Steingötter auf die Seelen erpicht sind, und daß wir Männer der sieben Dörfer ihnen sieben Menschenleben opfern, um ihre Gunst zu gewinnen, in jeder der kommenden Vollmondnächte ein Menschenopfer …«
Es ging ein Zittern durch die schwarzen Männer. Ein jeder konnte das Opfer sein, viele waren mit den Mädchen in den tiefen Wald gewatet, und die Gier des Blutes überströmte sie dort wild und menschenfern. Aber Haufen standen noch am Tanzplatz und hielten Schau unter den Weibern. Möwenschnabel schritt geradeaus und Männer flüchteten nervös in die Finsternis. Seine Keule hieb einen von hinten nieder. Der Getroffene sank lautlos hin. Dann nahm der König ein Büschel weicher Farnkräuter, tauchte sie ins Blut des Getöteten und ging zu seinem Dorf. Er schritt bis ans Boot Regenbogens vor und spritzte von dem Blut auf die Sträucher rundum, schritt dann rasch bald geradaus, bald wieder zurückgehend, bald im Kreis, bald in Mäandern bis in den Wald und spritzte überall Blut aus und dachte sich, daß dieser Irrweg, den er mit dem Opferblut gezeichnet, die Schritte des Gottes Regenbogen abhielt, den Weg nach dem Steinbruch Mutter und zu seinen steinernen Feinden zu finden.
Als am nächsten Mittag Seeschwalbe damit beschäftigt war, in einem Kochloch der Kochhütte ihres Ohms Möwenschnabel für Regenbogen und sich das Frühstück zu bereiten, erschien auf einmal ein Trupp von Mädchen und Weibern im Dorf Vater, ging mit Lachen und Lärm zwischen den Hütten durch und auf den Strand zu. Sie kamen ans Gewese des Königs, blieben stehen und schoben sechs junge schöne Mädchen aus sich heraus. Eine ging vor und trat langsam, mit niedergeschlagenen Augen und doch lächelnd an das Boot heran, in dem Regenbogen saß, entblößte das langzähnige Gebiß, das im Schatten funkelte wie ein herrliches Gestein, legte die Arme im Kreuz auf die Brust übereinander und sagte:
»Rotmuschel spricht zu dir, o Gott Regenbogen, also: Rotmuschel will ihre Hütte neben dein Haus bauen und kleine Menschen mit dir zeugen.«
Dann trat Rotmuschel leis lachend und ernst, mit ihren schlanken hohen Beinen wieder in den Kreis der Frauen hinein, aus dem sich sofort eine zweite löste, zu Pirath trat und dasselbe sagte wie Rotmuschel. Eine dritte folgte. Dann kam noch eine vierte, eine fünfte, und mit der sechsten waren die Heiratsanträge erschöpft. Der Troß der Weiber trollte plaudernd und lachend von dannen und verschwand im Gebüsch aufs nächste Dorf zu.
Seeschwalbe kam zu Regenbogen. Sie lachte und sagte: »Wir wollen Pfahlhaus und Frauenhütten bauen und eine Kochhütte.«
Aber Peter war anfangs etwas überrumpelt. Auf Kililiki war es Sitte, daß die Mädchen um den Mann anhielten. Die sechs Mädchen, die diese Zeremonie gerade vor ihm erfüllt hatten, kannte er. Sie waren die schönsten Töchter der Häuptlinge. Die Auswahl zeigte ihm, daß die Bewerbung der Wunsch der Dörfer war. So sehr ihm Seeschwalbe in der ersten Zeit seines neuen Ehelebens zu genügen schien, so war ihm doch von Anfang an klar, daß er nicht »nein« sagen könnte. Seeschwalbe umsprang ihn den ganzen Tag, überschäumend von den neuen Dingen, in die er und sie auf einmal geraten waren, und sie plauderte ununterbrochen über das, was nun geschehen möge und müsse.
Er ging, den Forderungen der Gewohnheit folgend, zum Mutterbruder eines jeden der Mädchen und sagte, er nehme das Angebot an.
Und noch am Abend wurde das durch alle Dörfer bekannt. Ein Glücksrausch flutete durch Häuser und Hütten, und die Bräute waren Gegenstand verstärkter Achtung, wurden beglückwünscht und mit Schmuck aus Muscheln und Zähnen beschenkt. Es wurde eine Versammlung von Möwenschnabel zusammengerufen, und man beschloß, Regenbogen und seinen sieben Frauen einen Platz zu umhegen und ein großes Pfahlhaus und Weiberhütten und eine Kochhütte zu bauen. Die Männer sagten: »Regenbogen wird reif und süß wie ein Mango! Er wird unsern Mädchen junge Götter machen!« Es entstand ein heißes Wettbegehren unter den Dörfern um den Bau des Wohnhags. Gleich am nächsten frühen Morgen gingen alle Männer in den Wald und fällten Bäume. Die Holzschnitzer suchten sich gerade und fehlerlose Stämme und begannen sie schön auszuschnitzen und zu bemalen und jedem seinen Sinn zu geben, so wie ihn Haus- und Dachpfosten haben mußten. Ein Platz wurde neben dem Königshag gerodet und geebnet und die Arbeit rasch begonnen. Das Bauen der Hütten dauerte Monate. Zuerst erstand, größer und mächtiger als das Königshaus nebenan, reicher mit Schnitzereien und Malereien versehen, üppiger in der Formung, sorgsamer und verliebter in der Pflege der Einzelheiten, das Pfahlhaus. Es gedieh rasch hoch. Langsamer, weil der Schwung schon im Abebben war, entstanden rundum die sieben niederen Weiberhütten.
Währenddessen lebte Peter mit der Seeschwalbe in seinem Boot. Sie gingen zusammen fischen. Sie legten eine Pflanzung an. Seeschwalbe wob Matten, kochte und umgab den Mann mit einer schaumigen maßlosen Sorgsamkeit, wob ihn ein in ihre sorglose Heiterkeit, strickte ein liebliches Netz um ihn mit ihren Einfällen, die wie von jungen wilden Tieren so tolpatschig, so beißend spielerisch, so flammig rasend waren. Peter erlebte diese göttliche Zeit, als sei er ein Bergzug, der untätig unter Frühling und Sonne liegt und den von selbst Gärten und Wälder ansprießen. Die Scheibe der Tage und Nächte drehte mit ihm wie ein wunderbares, hastig mit Wollust und Sorglosigkeit, mit Musik und Farben erfülltes Karussell. Der sonnenbronzige Leib des jungen Weibes war um ihn und in ihm wie ein rauschender Bach, der die Kraft und die Frische des Gebirges trotzig durch die schweißige Sonnenniederung warf und Tiefen des Erschauerns und Gluten der Berührung hatte, die geheimnisvoll dunkel waren wie die Schöpfung, der er mit leidenschaftlicher Zweckergebenheit lebte. Peter sah mit Sorge der Zeit entgegen, in der er sein Boot und seine so sanft fließende Zweiheit mit Seeschwalbe aufgeben, in den Hag einziehen und für die Allgemeinheit der Insel leben mußte. Das Boot hatte sehr gelitten und brach schon überall morsch auf. Vom Segeldach war nichts mehr übrig. Er hatte ein Gestell aus Stämmen über das Boot errichtet, und die Eingebornen hatten es mit einem Palmblätterdach eingedeckt. Seeschwalbe trieb zum Umzug in den Hag. Ihre sozialen Gefühle verlangten gebieterisch diese Änderung, die ihrer Stellung, als erste und Hauptfrau Regenbogens, erst den vollen Glanz verleihen sollte. Mit einer kindlichen Hartnäckigkeit und einem raubtierhaften Egoismus betrieb sie ihre Agitation, war mit Spott und Anfeuern Tag für Tag hinter den arbeitenden Männern her. Aber sie konnte nicht hindern, daß der Schwung, mit dem begonnen worden war, hinstarb. War es in der ersten Zeit der Arbeit möglich gewesen, ein Dach in vier Tagen zu vollenden, so brauchte man jetzt zum Legen eines jeden Palmwedels die Zeit zwischen Frühstück und Abendmahlzeit, und viele Männer blieben oft aus.
Aber zugleich beschäftigten sich die Dörfer schon mit den Vorbereitungen zum Hochzeitsfest. Mangostein war dabei, einen neuen Tanz zu erfinden. Man sang und summte und machte im Beisammenhocken abends sitzend schon allerlei Tanzbewegungen und sprach nur noch vom Fest.
Da geschah es eines Morgens, als Regenbogen und Seeschwalbe zusammen in ihrer Pflanzung gearbeitet hatten, daß sie sich in ein am Rand des Ackers stehendes Gebüsch hineinzwängten. Sie wollten im dicken Schatten ausruhen. Sie saßen dicht aneinander, schauten stumm durch's Laub hindurch auf den sonnenbedeckten Acker, als auf einmal jener fremde Rothäutige mit dem dicken Kopf und den Schlitzaugen plötzlich jenseits aus dem Gestrüpp auftauchte und mit großen Sprüngen durch die sonnenbeschienene Pflanzung herüberhüpfte. Sowohl Peter wie Seeschwalbe sahen ihn. Peter merkte, daß das Weib, dessen Haut die seine berührte, heftig aufzuckte. Sie stieß einen kleinen Schrei aus, der sonderbar in zwei Tönen ging, so wie ihn Peter nie auf der Insel gehört hatte. Der kleine Mann mit dem dicken Kopf schaute einen Augenblick heftig um sich und glitt dann wie eine Eidechse über den Boden in das nächste Gebüsch hinein.
Peter tat zunächst nichts. Er verhielt sich so, als ob er den Geheimnisvollen nicht bemerkt hätte, und er überlegte den ganzen Tag, wie er diesem Unbekannten auf die Spur kommen könnte. Er wußte, daß selbst Seeschwalbe das Geheimnis nicht ohne weiteres preisgeben würde, denn es schien etwas mächtig Dämonisches darin verknüpft zu sein. Er erinnerte sich, wie aufgeregt Möwenschnabel ihm die Reise um die Insel ausreden wollte, als er damals zum erstenmal den Fremden gesehen hatte.
In der Nacht weckte Peter plötzlich Seeschwalbe. Sie lag neben ihm auf dem Boden des Bootes wie ein junger Baum in der Nacht. Er stieß sie an. Sie rührte sich nicht. Er fuhr ihr über die Augen, über den Leib, alles war vergeblich. Sie schlief wie ein ins Meer versunkener Stein, so schwer und unlöslich von ihren Träumen überwogt. Der Tod ihrer Nacht deckte sie gewaltvoll ein. Da erhob Peter sich, schöpfte in seinem Eimer Wasser und ließ es langsam über ihr Gesicht fließen. Nach und nach bewegten sich ihre Züge. Sie drehte sich im Schlaf um. Aber das Wasser verfolgte sie weiter. Sie riß die Augen auf. Peter faßte sie unter die Arme, zog sie hoch, und als sie saß und sich die Augen gerieben hatte, sagte er ihr rasch:
»Auf, auf, Seeschwalbe! Es ist ein guter Wind. Wir segeln zum Nordufer.«
Da war Seeschwalbe mit einemmal mit großen und entsetzten Augen ganz wach und rief: »Nein!«
Peter lächelte: »Weshalb nein?«
Seeschwalbe aber starrte ihn nur aus der Finsternis heraus an. Peter beugte seine Augen tief zu ihrem Gesicht nieder und sah, daß das Entsetzen darin stand. »Auf! Auf! Du Seeschwalbe!« sagte er noch einmal. Aber das Weib rührte sich nicht. Es war, als ob die Aufforderung sie mit einem dumpfen Zauber belegt habe. Peter hielt seine Augen nahe den ihrigen und sagte dann scharf und hart: »Ich will wissen, woher der Schiefäugige kommt!«
Seeschwalbe atmete mit einem Schrei auf und blieb stumm. Sie saß da und hüllte sich in die Schauer ein, die ihr über Herz und Haut liefen. Es war ihr, als schwirrten die bösen Dämone durch die Luft wie Eintagsfliegen. Sie zwang sich, mit keinem Nerv zu zucken. Vielleicht sahen sie sie nicht. Der Steinbruch Mutter lag im Norden der Insel als deren heiligstes Tabugeheimnis, und außer von des Königs Mund durfte sein Name nie ausgesprochen werden, durfte nie ein vorwitziger Willen ihn aufsuchen. Denn im Steinbruch Mutter, wo die Schlitzäugigen wohnten, wohnte auch der Tod.
Peter forderte Seeschwalbe auf, zu antworten. Sie zitterte und schwieg, und von plötzlicher Todesangst bewältigt, fiel sie zu ihm nieder, drückte sich an seine Beine an und preßte ihren Kopf von rasenden Schauern vergewaltigt, zwischen seine Knie. Er aber hob sie sacht auf, und ohne seinen strengen Ton zu ändern, beruhigte er sie. »Ich bin der, dem kein Gott etwas antut, du Seeschwalbe. Das weißt du!« Zum erstenmal wollte er die Macht benutzen, die Kililiki ihm gegeben hatte. »Wenn zehn mal zehn mal zehn böse Geister im Norden mit Rotangschlingen die Menschen unters Wasser ziehen, so weichen sie erschrocken und bang, wenn ich komme!« fuhr er fort. »Mein Tabu ist das mächtigste der Insel, und kein Lebender und kein Geist wagt es anzutasten. Das Verderben wäre ihm gewiß. Sieh, du Seeschwalbe, dies hier nehme ich …« Er ergriff die Revolver, die er stets in einer wasserdichten Kiste bereitliegen hatte … »damit hab ich den König getötet. Und wir segeln im Nachtwind nach Norden, Regenbogen und du, Seeschwalbe. So spricht Regenbogen zu dir, nicht bös, weil du unfolgsam bist, aber streng und gewiß.«
Seeschwalbe begann ein seufzendes Wimmern auszustoßen. Peter spürte, wie sie ihr Gesicht voll an seinen Leib drückte, um nur nicht in die Finsternis zu sehen. Ihre Hände griffen erregt um seine Rippen, und die Finger krallten sich in ihn. Er fühlte, daß die Angst vor dem Geheimnis, das in dem Schiefäugigen lag, sich lockerte, und fuhr fort: »So spricht Regenbogen zu dir, du Seeschwalbe. Er entbindet dich des Schweigens über den Schlitzäugigen. Es sind keine bösen Geister um dich in der Finsternis. Sie fürchten meine weiße Haut. Du kannst sprechen, du Seeschwalbe. Du mußt sprechen! Denn Regenbogen will es. Regenbogen wird deine Worte in sich nehmen und gleich zerstören. Kein Ohr auf der Insel, in der Luft oder im Wasser wird sie hören. So spricht Regenbogen.«
Peter kämpfte noch lange und heftig auf diese Weise mit ihr, bis schließlich seine weiße Energie ihre dunkle Weichheit besiegte, ihr kleines angstgemartertes Hirn mürbe machte, und wie sie sich einmal entschlossen hatte, das Geheimnis des Steinbruchs Mutter preiszugeben, da war all ihr Vertrauen mit kindlicher Sicherheit bei dem weißen Gott. Sie hatte keine Angst mehr. Jahrelang hatte das gefahrgeladene Tabu jenes heiligen Platzes ihre Phantasie schwer bedrückt und geknechtet. Nun war mit einemmal die Phantasie frei, und sie flog auf wie eine Schwalbe, die sich aus dem Maul einer Schlange retten konnte. Sie erfaßte Peters Hand mit ihren beiden Händen, setzte sich auf die gekreuzten Beine nieder und sagte: »Seeschwalbe will sprechen!«
Dann erzählte sie:
»Einmal begann es auch bei mir, da entfloß zum erstenmal meinem Leib das Blut. Da durfte mich vier Tage und Nächte kein Mann sehen. Und ich saß mit meiner Mutter in der dunkeln Hütte. Da sprach meine Mutter zu mir: ›Jetzt ist die Zeit da, daß ich dir vom Steinbruch Mutter erzähle.‹ Da erzählte die Mutter: Im Norden der Insel ist ein Loch in der Küste. Da ist ein großes Loch und hat hohe glatte Wände, und nicht vom Land kommt man hinein, sondern nur vom Wasser. In diesem Loch wohnen die schlitzäugigen Magier. Sie sind Menschen wie wir, und wenn die Seele sie verläßt, stirbt ihr Leib wie bei uns. Aber mit ihren Händen können sie sich von der Insel Kililiki versetzen, und dann leben sie über den Wolken, wo der große Geist alles Lebens wohnt. Dann ist es, als ob ein jeder in der tiefen dunkeln Weiberhütte droben über sich selber herfiele. Dann zeugt ein jeder mit sich selber, wie der Wurm sich in ein Altes und ein Junges abspaltet. Sie brauchen nicht Mann und Weib zu sein. Dann schlagen ihre Hände mit dem harten Nephritbeil große Menschen aus den Felsen, die mit den Füßen auf der Erde stehen und mit der Stirne die blaue Decke durchbrechen. Dann gehen Geister in diese Steine wohnen, die geheimnisvolle Macht über die Männer und Frauen haben. Als Kililiki vor vielen Zeiten übers große Wasser zu der Insel kam und zum erstenmal ihren Fuß aufs Ufer setzte, kamen die Schlitzäugigen aus dem Wald und wollten sie töten. Da rief Kililiki aus dem Wasser ein Krokodil herbei. Da kam das Krokodil und ging auf die Schlitzäugigen zu und zerknackte mehrere. Die andern aber sperrte es in das große Loch an der Nordküste ein. Kililiki baute ein Dorf. Das nannte sie Vater. Da nannten sie das Loch in der Nordküste, in dem die schlitzäugigen Magier wohnen: Mutter. Da bauten ihre sechs Söhne, die sie mit dem Krokodil erzeugte, ein jeder ein Dorf. Deshalb sind sieben Dörfer auf Kililiki. Das Krokodil aber hieß Ulawun.
Aber die Schlitzäugigen, die das Krokodil in das Loch eingesperrt hatte, schlugen aus den hohen Felsen ihre steinernen Götter. Sie trachteten nach den Seelen der Menschen. Denn sie würden zusammenfallen, wenn sie keine Seelen bekämen. Alle Seelen aber, die den Körper verlassen, werden vom Stammestier den großen steinernen Göttern in Mutter gebracht, und sie steigen langsam im Leib des Gottes hinauf, und wenn sie in die Stirn kommen, nimmt sie der große Geist über den Wolken wieder zu sich. Auch deshalb müssen die Steine immer neue Seelen bekommen. Die Schlitzäugigen arbeiten an jedem Steinbild so lange, wie Mutter und ihre Mutter und ihre Tochter leben. Dann ist immer ein Steinbild fertig. Dann ruft die Garamut, und die Männer der sieben Dörfer müssen alle nach Mutter kommen. Dann beben sie sehr. Dann steht am Fuß des fertigen Steines der älteste Mann der Schlitzäugigen. Er ist bemalt und geschmückt wie bei einem Tanzfest. Er bekommt sehr viel zu essen. Dann ist das Essen fertig. Dann legt er sich vor das fertige Steinbild. Vier Männer kommen, und an jedem Bein fassen ihn zwei an. Dann drehen sie ihn so lange herum, bis er wie ein Stück Holz in einem Strudel kreiselt. Dann schlagen sie seinen Kopf an den Fuß des steinernen Gottes, und seine Seele geht sogleich als die erste in den großen Gott wohnen und klettert in ihm hinauf, bis sie in die Stirn kommt und aus der blauen Decke herabschauen kann und ganz Kililiki sieht und jeden Mann und jede Frau sieht, deren Seele der steinerne Gott haben will. Das ist die Geschichte des Steinbruchs Mutter und der schlitzäugigen Magier. So erzählt sie dir die Seeschwalbe, so wie sie sie von ihrer Mutter gehört hat.«
»Wann waren denn die Männer der sieben Dörfer zum letztenmal im Steinbruch Mutter?« fragte Peter, den diese Erzählung geheimnisvoll aufwühlte und der aus ihr tiefe und ewige Ahnungen des Menschseins empfing, so dunkel, so verschlungen, wie die Erzählung selber war.
Seeschwalbe antwortete: »Lange bevor meiner Mutter Mutter Seele ihren Körper bezogen hatte. Ich wohnte noch beim großen Geist über den Wolken.«
Dann schwiegen beide. Seeschwalbe war frei und glücklich, daß sie einmal dies Schwere und Verborgene aus ihrem Herzen herausnehmen konnte und sicher vor Gefahr war, weil Regenbogen eine wunderbare, über die Geister gebietende Macht besaß. Sie rutschte von Peter ab und sank plötzlich hin. Sie lag gebogen wie eine Katze auf der Matte und war gleich im tiefsten Schlaf. Peter legte sich auch wieder hin. Aber der Schlaf floh ihn, und während der dunkle schillernde Himmel seine gläserne Starrheit hoch über die einsame Insel wölbte, grübelte Peter hinter dem Sinn und den Zusammenhängen der Erzählung her, in der die Zuwanderung der sieben Dörfer zu der ehedem von schlitzäugigen Menschen bewohnten Insel in verwirrtem Zusammenhang mit Teilen von einem Erschaffungsbericht und dem Glauben an einen Kreislauf alles Lebendigen vermischt war.
Es regte ihn auf, wie der Glaube dieser Menschen die Tätigkeit der steinhauenden Künstler mit dem geschlechtlichen und mit dem ewigen Schöpfungsprozeß gleichstellte und die Bildner der Steingötter ihren Erschaffungen eine übermenschliche, geisterhafte Macht über die Menschen und sich selber einhauchen konnten. Er dachte an den Schöpfungsbericht der Bibel, daß Gott aus Lehm einen Menschen formte und Leben in den toten Stoff blies.
Peter beschloß bei sich, am Morgen gleich zum Steinbruch Mutter zu segeln.
Als sie Bananen zum Frühstück gegessen und zu den kalten Resten eines Huhns Kokosmilch getrunken hatten, sagte Peter zu Seeschwalbe: »Du Seeschwalbe, du gehst heut allein in die Pflanzung. Ich bleibe hier.« Er dachte sich, Seeschwalbe widerspricht, argwöhnt und will mehr wissen. Wenn ich ihr sage, wohin ich gehen will, so erfindet sie Schauerdinge von Geistern, um mir es auszureden. Aber Seeschwalbe nickte nur stumm: Ja! und ging gleich mit dem Tragkorb davon. »Regenbogen geht jetzt nach dem Steinbruch Mutter!« sagte sie sich, als sie das Dorf durchschritten hatte und im Wald war. Geheime Schauer überrannen sie.
Sie dachte nach, was für einen Gegenzauber es gegen den Einfluß der Schlitzäugigen gab. Aber es bestand kein Kraut, kein Trank, keine Speise, keine Blume, keine Worte, keine Handlung, die den Menschen gegen den Steinbruch Mutter gefeit hätten, denn im Steinbruch Mutter wohnte die Höhle der ewigen Einkehr und Trennung. Zugleich sagte sie sich aber auch: »Du, Regenbogen, du bist weiß, wie ein Wolkenglanz, der übers Wasser streift, du bist groß und stark wie ein Irimabaum, du bist kampftüchtig wie eine Gottesanbeterin. Wer mag dir etwas antun können?«
»Hi! Hi!« lachte sie mit einem tiefen Ton kichernd und warf sich vor kindlichem Genuß über einen Strauch. Sie purzelte rasch über den weichen Zweigen nieder auf den Boden und blieb in der tiefen Wiege des Waldes liegen, in der sie Regenbogen zum erstenmal in sich empfangen hatte, und lachte gurrend wie eine Taube in den Palmen am Meer und krähte grell wie ein Kakadu. Eine kleine dicke Grille streckte vor ihren Augen den Steiß aus dem Boden und rieb sich klirrend die Hinterbeine an die Flanken. Seeschwalbes Finger ergriffen sie unversehens, ihr leuchtendes freudiges Gebiß zermalmte sie im Nu, und sie schluckte die Bissen jauchzend, als ob sie einen Strahl des Erdglücks verzehren dürfte.
Peter machte sich derweil reisefertig. Er verpackte seine beiden Revolver in einen kleinen bastgeflochtenen Beutel, lud Eßzeug ins Kanu und nahm dann, um Möwenschnabel zu täuschen, das Fischgerät und die Schlinge und Klapper zum Haifischfang mit. Der König rief: »Ö! Ö!« herüber. Peter sah die Ausleger des Einbaumes nach, zog die kleine Matte auf und stieß das Boot ins Wasser. Dann segelte er gleich nahe am Ufer um den Vorsprung, der ihn den Blicken des Dorfes entzog. Der Wind ging gut. Er kam von Südwest. Peter zog an der dorflosen Küste entlang, an der sich überall uralte Hünenbäume schwerfällig und gewaltig über den hellen Strand auswölbten.
Auch hier, wo keine Siedlungen waren, drangen Palmen empor, und ganze Scharen standen, wie steil erstarrte urhafte Riesenschlangen, über den Wald hinaus in der blauen Luft. Die Nüsse baumelten unter den Stützen der Blattwedel, orangenfarbig leuchtend in fetten Klumpen zusammen. Da dachte der einsame weiße Segler an die Pflanzung Matuntuduk und an ein Werk, das er einst verrichtet hatte. Menschenzüge strömten an ihm vorbei, die ihm einst nahe gestanden hatten, und alles war doch ungreifbar blaß, war wie eine Projektion aus der Raumlosigkeit heraus in die dampfig-heiß um ihn verrinnende Sonnenatmosphäre. Von der rasch verfließenden Vision behielt er nur einen Vorsatz in sich, über den er halb sich selber lächelnd leid tat und dennoch einen Atemzug von Zukunft empfing: er wollte die Einwohner der sieben Dörfer anlernen, ordentliche Palmenpflanzungen zu schaffen.
Die Insel war geformt wie ein Kreissegment. Der Bogen lag nach Süden und trug die sieben Dörfer in sich. Die beiden Schenkel waren nur unbegangener Wald und liefen nach Norden spitz in ein mäßig hohes baumüberschwemmtes Felsgebirge aus. Peter segelte an der Westseite entlang. Das Dorf Vater lag hier am Beginn des Kreisschnitts, als erstes Dorf der Reihe, und war man um die scharfe Ecke gesegelt, so war nichts mehr von Hütten oder Menschen zu sehen. Die Sonne stieg steil auf. Die niedern Berge näherten sich mit immer häufigeren, aus dem Wald aufsteigenden Felsklötzen dem Ufer. Das Kanu zog nun rasch vor dem Wind einher. Peter hielt es in Steinwurfweite vom Ufer. Er mochte vier Stunden unterwegs sein, als er in seiner Fahrtrichtung das kleine Gebirge gerade und plump aus dem Meer aufsteigen sah. Da stellte er das Boot noch mehr unter die Küste, und eine große Ungeduld erfaßte ihn. Er nahm die Revolver heraus und legte sie zurecht.
Nach einer langen Weile kam er unter den Felsen, an dem eine sanfte Dünung schaukelte. Er umfuhr den Felsen. Er sah, daß er wie eine Bastei ins Meer hineinragte, kahl und blaugrau und zeitgehämmerter Granit war. Der Wind trieb das Boot an. Peter strich rasch das Segel ein und ruderte. Jenseits des Felsens lag ein bewaldeter Uferstreifen flach auf dem Meer. Aus den Bäumen dieser Küste stieg dann wieder rasch das niedrige felsige Gebirge an. Peter ruderte den Einbaum an den Felsen. Er wußte, daß er an seinem Ziel war. Den Felsen sah er im Bogen durch den Wald rückwärts schweifen und zweihundert Schritte vom Strand über den Bäumen sich wie einen Zirkus runden. Er wollte am Ufer entlang rudern und den Eingang in diesen Zirkus suchen.
Da sah er plötzlich in Manneshöhe über dem Wasser, das Flut hatte, einen Fußweg wie ein Band sich am Felsen dahinschlingen. Er ruderte zu der Stelle, wo der Wald an den Felsen stieß. Dort zog er das Boot aufs Ufer, band sich die Revolver an und kletterte mit Hilfe eines Baumstamms auf den Steg im Felsen. Dieser Steg war nicht breiter, als sein Fuß lang war. Peter mußte sich mit dem Rücken gegen den Felsen weiterschieben. Die Äste der Bäume drückten sich fest an den Stein. Mühsam zwang Peter sich weiter hindurch. Dann verließ der Pfad den Felsen und wand sich ins Gestrüpp hinein, und mächtige Baumkronen, von hellen riesenhaften Stämmen getragen, über sich, drang Peter vor.
Auf einmal stand er am Rand eines Kessels. Er sah zwischen den Bäumen durch, unter denen er stand, untief zu seinen Füßen einen weiten, von Baum und Gestrüpp freien Kreis. Die Sonne schien hinein. Er trug die Spuren von Arbeit und Menschen, aber Peter sah keine Seele. Er hörte nur einen Lärm, wie ein auf Dächer prasselnder Regen. Auf einmal bemerkte er, daß der freie Platz jenseits einen Steinwurf weit an einer dunkeln Felswand aufhörte. Diese Felswand stieg steil und eben auf, hoch wie ein Seglermastbaum.
Peter stand erschrocken still. Die glatte ungeheure Wand sah schwarz aus wie ein rasender Gewitterhimmel. Peter strengte sich an, zwischen den Bäumen durchzuschauen, die sich auf seiner Seite über die Kante des Kessels warfen, und allmählich sah er, daß die Wand nicht glatt war. Er erkannte mit schlagendem Herzen, daß schwarzleibige Gestalten mit ungeheuren Leibern aus dem Granit hervorragten. Es war, als hockten sie auf kurzen plumpen Beinen im Gestein und der Leib reckte sich dann frei auf. Der Bauch stieg wie eine Kuppel über die Schenkel. Die Schultern rundeten sich ab, schwerfällig und drohend wie Bastionen. Die Arme lagen wie hünenhafte Schlangen über den Bauch gekreuzt, und über ihnen stieg die Brust auf und war aufgestautes steinernes Meer, das sich jeden Augenblick verhängnisvoll über die Insel loswälzen kann. Der Kopf war gebildet wie ein mächtiger oben sich ausweitender Kegel; als eine Balustrade baute sich die Stirn auf, niedrig und scharf vorgewölbt, und die großen schiefstehenden Augen waren flach und trugen die schauerliche Starrheit eines von Ewigkeit zu Ewigkeit dauernden Totseins in sich, das dennoch geheimnisvoll mit dem urlangsamen Wachstum des dunkeln Granits angefüllt war.
Peter sah eine Reihe von diesen steinernen Ungeheuern nebeneinander sich errichten. Sie waren wie Türme, denen ein Gott furchtbare, brutale Menschenformen gegeben hatte. Sie waren versteinerte Urtiere. Eines war wie das andere, und sie waren doch unterschieden unter sich. Schließlich erkannte Peter, daß seitwärts der Steinbilder der Felsen von zwei parallel in die Höhe laufenden Reihen kleiner Terrassen gefurcht war. Die Terrassen waren mit Bambusstangen untereinander bis auf den Boden und bis zum Scheitel der hohen Felswand verbunden.
Als er eine Weile angestrengt schaute, bemerkte er, daß auf den kleinen Terrassen sich etwas regte. Er trat unwillkürlich vor. Ein toter Ast zerkrachte unter seinem Fuß. Ein Ruf mit sonderbaren zwei gleichzeitigen Tönen stieß durch die Luft. Die Terrassen, die Peter durch das Laub nur in kleinen Flecken sah, schienen sich aufzulösen. An den hellen Bambusstangen rasten dunkle Leiber aufwärts. Peter, vom Schauer des Sehens, vom Willen zu nehmen, gestoßen, brach gewaltsam an die Kante des Kessels durch.
Er sah, daß sie nicht tiefer als eine doppelte Mannshöhe bis auf den Boden maß. Mit Hilfe eines überhängenden Astes ließ er sich hinabrutschen, fiel hin, sprang zugleich empor und lief, mit den Händen nach den Revolvern tastend, quer in den Kessel hinein, auf die Terrassen zu. Er sah einige kleine dickköpfige Menschen schon ganz oben an den Bambusstangen davonfliehen und erkannte zugleich, daß die Terrassen das Gerüst waren, von dem aus eine neue Steinfigur aus dem Felsen geschlagen wurde. Die kurzen schwerfälligen Beine waren schon fertig. Das Gewölbe des Bauchs hob sich über die Schenkel, die Brust, die Augen, die Stirn schauten auf ihn herab. Aber Leib und Kopf staken noch tief im Felsen drin.
Da rief eine Stimme: »He, du! Mann, Mann!«
Pirath schaute weiter in die Höhe, als ob er nicht gehört hätte. Er sagte sich: »Meine Ohren sausen von dem raschen Herabspringen und Laufen. Wie soll eine deutsche Stimme hierhin kommen?« Aber gleich rief es wieder: »Du! Du! Mann! Hier! Hier!«
Da wurde es Peter so schwach in den Beinen, daß er sich zu Boden legte. Über ihn wuchsen die schwarzen Urtiere, die starren Menschenungeheuerlichkeiten, die das Leben Kililikis in sich aufsaugten und voll von Gewittern staken, denen alles Blut Sklave war. Aber entsetzlicher, grauenerregender als die granitnen Furchtbarkeiten, die sich gewaltvoll über ihn bauten, überstürzte ihn diese plötzliche deutsche Stimme, die auf einmal wie eine Katastrophe die Einsamkeit der Insel Kililiki und seine eigne weiße, erwartungsloser Ewigkeit ergebene Vereinsamung donnernd zerschmetterte.
Peter lag am Boden. Sein Herz stach wie ein auf- und abschnellender, an beiden Enden gespitzter Pfeil. »Ich werde irrsinnig!« murmelte er. »Der Zauber des Steinbruchs hat mich vergiftet. In der Luft fliegt ein Wahnsinn. Die steinernen Götter sind alt und mächtiger als Europa …« stotterte er sich vor, halblaut, um seine Stimme zu hören und vergleichen zu können, ob die deutschen Worte, die immer zahlreicher, bald flehend, bald drohend, immer brüllender aus einem unsichtbaren Loch über ihn fielen, Laute einer anderen Stimme seien.
Nach und nach erholte sich Peter. Das niederschmetternde Entsetzen, das durch die grausame Plötzlichkeit dieser Laute ihn überkommen war, verlief sich in seinem Blut. Er erhob sich, die Stimme rief: »So komm doch, komm. Hier! Hier! …« Peter schaute rund um sich. Er sah eine Seite des Kessels in Höhlen ausgegraben, die wieder vorn zugebaut waren. Diese Höhlen bedeuteten wohl die Wohnungen der Schiefäugigen. Aber die Stimme kam nicht von dort. Peter ging langsam und angestrengt horchend auf die Laute zu. »Hier! Hier!« brüllte es. »Mehr rechts! In der Ecke!« Peter ging rasch ein paar Schritte vor, und dann bemerkte er, daß ein Winkel des Kessels mit jungen Bäumen bewachsen war, und daß ein haushoher Hag unter den Bäumen diesen Winkel abtrennte. Da eilte er dorthin, denn von dort erschollen die Rufe. Er suchte den Hag ab und fand bald eine kleine viereckige Tür aus dicken aneinandergebundenen Bambusstäben. Von außen konnte man sie mit einem Griff öffnen, und als er sie offen hatte und einen Augenblick sich besinnend zurücktrat, zwängte sich etwas in das offene Loch hinein, das Pirath zunächst für nichts andres als eine Masse hielt. Das Loch war eine Weile verstopft von der hellen Masse, die lebhaft arbeitete. Endlich zwang sie sich durch, und auf dem Boden lag ein ganz nackter weißer Mann, dessen Haut fast krebsrot gebrannt war und dessen Leib von einer mächtigen Überfülle an Fett schwabbelte.
Diese Gestalt rollte sich bis an Peter heran. Ein blonder kleiner Kopf hob sich aus der Masse heraus und stammelte zusammenhanglose Laute. Pirath sprach dem am Boden Liegenden nicht weniger verwirrte Töne zu, um ihn zu beruhigen. Aber auf einmal arbeitete der Koloß sich mühsam mit Händen und Beinen los und stand dann, ungeheuer, mit Falten von Fett behängt, vor Peter. Der kleine blonde Kopf mit kleinen blauen Augen saß wie eine Haselnuß auf den fettgepolsterten Schultern und öffnete plötzlich mit wütenden Lauten einen kleinen Mund. Es war Peter, als ob der Fettkloß ihn anbellte.
»Was! Du … du …!« zeterte der Dicke mit einer fisteligen, nach Worten happenden Stimme. »Du wolltest mich da liegen lassen! Du wolltest mich da liegen lassen, du Hund, du falscher Engländer!«
Peter gewann bald die Fassung wieder und warf rasche beruhigende Worte in die Rede des andern: »Nein, nein! Ich bin ein Deutscher und schiffbrüchig auf die Insel gekommen wie Sie. Beruhigen Sie sich! Wie heißen Sie? Wie kommen Sie her?«
»Einen Dreck!« brüllte der andere. »Einen Dreck, wie ich heiße und wie ich herkomme. Jetzt schaust du, daß ich aus diesem Loch davon komme. Nun lieg' ich lang' genug zwischen diesen schwarzen Schweinen …« Er hörte nicht auf zu schreien und rief ununterbrochen Unflätigkeiten.
Da dachte sich Peter: »Er ist verrückt geworden durch die Aussicht, vielleicht doch noch Europa wiederzusehen. Ich kann ihm nicht helfen. Ich laß ihn sich austoben.«
Er stellte sich ruhig hin. Der Dicke schrie und wütete. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten und legte sich bald hin und raste am Boden weiter mit wilden Worten gegen Peter, gegen die Insel, gegen ein Schiff, das er »Jingo« nannte, gegen die Schwarzen, gegen sich selber, gegen Europa … Peter wartete.
Allmählich wurde der Atem des Schimpfenden schwerer und stechender. In der Kehle pfiff es ihm. Und mit einemmal war er still. »Brandy!« sagte er noch. Aber Peter winkte nein, er habe keinen Branntwein. Der Dicke lag ausgestreckt am Boden, wie ein Tier, das sich sonnte. Peter betrachtete ihn und hatte dabei das peinliche Gefühl, daß er diesen Menschen nicht aus dem Kessel der Schiefäugigen retten wollte, weil er nicht wußte, was er auf Kililiki mit ihm machen sollte. Er warf diesen Vorstellungen vor, sie seien falsch, treulos, egoistisch. Aber er vermochte nichts gegen den dunkeln Instinkt, der ihm diesen Menschen störend und gefährlich erscheinen ließ, und seine erst zaghaften Bedenken wurden rasch zu einem unumstößlichen Entschluß.
Nachdem der andere eine Weile mit schwerfälligem Atem am Boden gelegen, richtete er sich in eine Sitzstellung auf und sagte, er wolle erzählen, wie er hergekommen sei.
Er begann eine verworrene Rede, in der er sich fortwährend im Erzählen wiederholte, die Erlebnisse zeitlich nicht auseinander zu halten vermochte, sie haltlos vermischte, und Pirath konnte nur mit Mühe verstehen, daß der Dicke mit dem englischen Dreimaster »Jingo« scheiterte und allein an die Insel geworfen wurde, wo ihn die Schwarzen auf einmal überfielen, festbanden und in den Steinbruch schleppten. Dort lag er tagelang in einer Ecke festgebunden, und er sah, wie sie einen hohen Hag bauten. Als der Hag fertig war, banden sie ihn los und führten ihn hinein. Er dachte, es ginge in den Tod. Aber weit entfernt! Im Hag waren sieben Weiber, die auf ihn warteten und sich alleweile mit ihm ergötzen wollten. Nie in seinem Leben habe er so tolle Weiber gehabt. Sie wollten ihn ganz auszapfen, so versessen waren sie auf ihn. Und Essen brachten sie und die Schwarzen, mehr als er wollte und konnte: Nüsse, Fische, Schweinebraten, Hühner, Tauben, Taro, Früchte, Bananen, Papayas, und wenn er nicht mehr essen wollte, kitzelten ihn vier Frauen, und die andern stopften ihm das Maul voll Essen. Aber aus dem Hag ließen sie ihn nicht hinaus. Sonst lebte er, wie er sich's nie besser gewünscht hatte. So wurde er dick.
Im Laufe der Jahre lernte er dann die Sprache und hörte von den Weibern, daß die Schwarzen glaubten, er sei ein Gott. So eine ähnliche Geschichte mit Weißen hätten sie sich immer vorher erzählt. Und wie er am Strand gefunden wurde, da haben sie geglaubt, er sei der angekündigte, gefährliche weiße Gott, und sie haben ihn unschädlich gemacht und für sich zu gewinnen versucht, dadurch daß sie ihm die tollen Weiber gaben und ihn mästeten.
Als er seine Geschichte erzählt hatte, fragte Pirath ihn über die Schlitzäugigen und über das Steinbild, an dem sie arbeiteten. Da wurde der andre auf einmal wieder rasend. Er schrie: »Leck' mich … Was soll es jetzt mit den Schwarzen, du … du …! Heraus will ich. Heim! Nach Buxtehude …
Pirath sagte: »Nein!«
»Was! Nein!« brüllte der Gemästete. »Nein? Du schuftige Laus. Willst mich hier verfaulen lassen. Willst mich … Wart', du … du …, ich …« Und damit wälzte er sich schwerfällig auf Pirath los. Der wehrte sich. Aber der Dicke griff nach den Revolvern in Piraths Gürtel, er bekam den Browning zu fassen, riß ihn heraus und stieß, ihn abdrückend an Piraths Leib. Pirath trieb mit aller Wucht seine Faust in das kleine knollige Gesicht, zweimal, dreimal, während er mit der andern Hand den Revolver von seinem Leib abzuschlagen versuchte. Der kleine Kopf fuhr zurück und richtete sich unter den Schlägen immer wieder auf. Die fette Hand stieß den Revolver immer wütender in Piraths Bauch und drückte knackend. Pirath selber wunderte sich, daß er keinen Schuß hörte, daß er nicht von einer Kugel zerfetzt hinstürzte. Aber auf einmal erinnerte er sich, daß er seine Revolver ja ganz ausgeschossen und im Boot nur Kugeln für den Revolver, nicht aber für den Browning gefunden hatte. Da ließ er dem Wahnsinnigen den Browning und lief der Stelle zu, wo er in den Kessel herabgestiegen war. Er kletterte rasch zwischen einem Baumstamm und dem Stein die niedere Felswand hinan. Der Dicke versuchte sich zu erheben. Eine wilde Flut von Unflätigkeiten sprudelte er aus sich heraus, und er warf ohnmächtig die Browning nach ihm, raffte Steine auf und schleuderte sie blind vor sich.
Pirath drang den Pfad durch den Wald rasch voran, fand den schmalen Felssteig und war bald an seinem Boot. Er schob es eilig ins Wasser, ruderte um den Felsen herum und zog das Segel auf. Dann ließ er sich einen Pfeilschuß weit ins Meer hinaustreiben und begann an der Ostseite wieder nach Süden zu segeln. Sein Kopf war angefüllt mit einem furchtbaren Chaos von Kampf und Friedensglück, von Schwarz und Weiß und von schwülen schleimigen unklaren Dingen.
Es war schon finster, als das Kanu beim Dorf Vater auf den Strand lief. Das ganze Dorf stand am Ufer. Die erste Gestalt, die Pirath erkannte, war Seeschwalbe. Sie hatte das Dorf so spät wach gehalten, und als Pirath dem Kanu entstieg, rief sie auf einmal in die Finsternis:
»Wißt ihr denn, Leute, von wo Regenbogen kommt? Er war im Steinbruch Mutter bei den schiefäugigen Magiern und den Riesengöttern!«
Auf einmal stand sie allein in der Dunkelheit. Alle Menschen waren mit dem Schrei des furchtbarsten Entsetzens zu Boden gestürzt und wanden sich dort, von heißen angststechenden Schauern durchstoßen. Es war ihnen, als ob die Luft, die um den hell in der Dunkelheit sprühenden Körper Regenbogens hing, mit Untergehen und Donner geladen sei. Sie beruhigten sich nur allmählich und schleppten sich verstört in ihre Hütten.
Pirath und Seeschwalbe blieben allein. Das junge Weib warf sich ausgelassen und mit quiekender Zudringlichkeit um ihn herum. Pirath wies sie sanft ab, und als er ihr schließlich ein strenges Wort sagen mußte, legte sie sich gleich hin auf ihre Matten und schlief fast im selben Augenblick tief ein. Legte sich Pirath auch hin, oder blieb er auf der Kante sitzen, den langen nackten Leib tief wie über sich selbst herübergebogen? Die Erlebnisse im Steinbruch Mutter schwemmten ihm wie eine stechende Ätze durch den Kopf. »Hat mich der Zauber des Steinbruchs vergiftet?« fragte er sich und preßte die Hände auf die Schläfen. Er dachte an die paar Augenblicke, wo der Fettkloß mit ihm gerungen hatte und ihn töten wollte. Es war ekelhaft und furchtbar. Und jener widrige Überfall und Mordversuch waren ihm jetzt doch wie die notwendige Folge seines Vorsatzes, den Dicken im Steinbruch zu lassen und ihn nicht zu retten.
»Ich hab mich von Europa losgesagt dadurch!« flüsterte Pirath in die stockige Nacht, in der von Weile zu Weile ein ferner Donner verrann. Die hitzige Luft drang auf ihn ein. Aber seine Haut blieb trocken auf der innerlich aufbrennenden Hitze. Ein Blitz nach dem andern verschwelte hinterm Laub des großen Baumes. Wellend dumpfig strich die Luft heran und füllte sich von Weile zu Weile fern oder nah mit der verzuckenden Grellheit der Blitzstrahlen. Da sah Pirath auf einmal auf dem Bootsrand gegenüber einen kleinen dunkeln Vogel sitzen. Seine Perlenaugen leuchteten schwärzer als die Nacht, und er piepste leis. Pirath verhielt sich bewegungslos. Es war ihm, als wollte dieses zarte Geschöpf Gottes seine qualvolle Einsamkeit teilen. Eine duftige Wärme erfüllte Piraths Herz, und dennoch ließ das schmerzende Pochen in Augen und Schläfen nicht nach.
Der kleine schwarze Vogel hörte nicht auf zu piepsen. Er fügte zwölferlei, zwanzigerlei dünne Laute aneinander, verschlang sie unter sich, begann wieder, trillerte süß und leis und piepste, schob den Kopf vor und umkreiselte mit dem Schnabel gleichsam die Laute, die ihm entquollen. Pirath hörte entzückt zu. Es war eine schmelzende Anmut in dem Geplapper, und Piraths Herz sagte dem Vöglein: »Du bist ein so süßes Gottesgeschöpfchen. Ich möchte deinen kleinen lieben Kopf küssen.«
Da antwortete der Vogel: »Du bist krank, Pirath!«
Pirath lächelte mild und leis und entgegnete: »Ja, ich glaub es selber!«
»Ja!« fuhr der Vogel fort, »lieber Pirath, dich haben die Mücken vergiftet. Was euch Menschen zur Qual da ist, das ist uns zur Lust da. Sie schicken durch die Adern das Fiebergift in eure Milz, lieber Pirath, aber wir fangen sie im Sturzflug zur Nahrung. Das ist ein wunderbarer Genuß!«
»Ist das so?« fragte Pirath erstaunt.
»Gewiß! Und das weißt du doch auch, du weißer Pirath. Denn du bist kein Gott!« piepste der Vogel.
Da gab Pirath dem kleinen Vogel bei sich rasch einen Namen, und er antwortete: »So sag mir, süßer Vogel Ewe, was bin ich denn?«
»Du bist der Sklave der Insel Kililiki!«
»Woher weißt du das, liebes Vöglein Ewe?«
»Das weiß, ich!«
»Aber so sag mir doch, wieso du das weißt, süßes Vöglein Ewe!« bettelte Pirath sanft und wehmütig.
»Wenn du dein Blut fragst, so hörst du die Antwort!« zwitscherte der Vogel.
»Ich frag mein Blut und höre nur, daß es mit giftigen Pfeilen in meine Schläfen und in meine Augen stößt. Bitte, bitte, mein innigstes Vöglein Ewe, so sag es mir doch, wieso ich der Sklave Kililikis bin.«
»So frag die Seeschwalbe!« entgegnete der Vogel hartnäckig.
»Die Seeschwalbe schläft, und um sie aufzuwecken, müßte ich Wasser in meinem Eimer holen, und wenn ich zu dieser Verrichtung aufstehe, so fliegst du fort. So sag's mir doch, du!« machte Pirath unruhig.
»So frag dein Kanu, das dort unterm Blätterdach liegt!« setzte der Vogel dem querköpfig entgegen.
Pirath wurde immer ungeduldiger. Es erregte ihn, daß er dies kleine Geschöpf nicht unter seinen Willen zwingen konnte. Er erwiderte barsch: »Das Kanu hat keinen Mund und kann nicht reden. Nun, mach keine Umstände und sprich, sonst …« Damit griff er listig, rasch und wütend durch die Nacht nach dem Vogel. Aber ein Blitz schlug auf, die Hand faßte ins Leere, der Vogel rief aus der Luft herab:
»So frag den dicken Weißen, den du nicht aus dem Steinbruch der Schlitzäugigen retten wolltest!«
Weil der Vogel mit diesen Worten sein tiefstes und erregtestes Innere getroffen hatte, sprang Pirath rasend auf und wollte nach dem frechen Vogel in die Luft springen. Aber da war es ihm, als öffnete er in seiner Villa zu Haus das Fenster im Schlafzimmer. Unten im Garten hatte eine Stimme gerufen: »Herr Pirath! Herr Pirath!« Er hatte die Stimme seines Kutschers, der ein Schwabe war, erkannt und war rasch aufgestanden, im Schrecken des plötzlich gestörten Schlafes, das Blut noch voll schwerer Schlafwärme, und ans Fenster geeilt. Er legte sich über die Brüstung und rief der Gestalt, die unten im Dunkeln stand, zu:
»Was ist denn?«
Der Schwabe antwortete: »Adihö, Herr Pirath, mueß in 'n Krieg!«
Die Stimme im Dunkeln war schwer vom wilden Zwang einer mühsamen Gleichmütigkeit. Pirath wußte, daß starke Spannungen sich in einige große Völker geladen hatten. Er sagte bewegt und ergriffen: »Nun, nun, Franz, das ist nicht so schlimm, wirst schon wiederkommen.« Aber Franz rief aus der Dunkelheit verhängnisvoll herauf: »Nein, nein, Herr Pirath, i komm' nimmer z'ruck!« Und er ging langsam und ein wenig torkelnd, wie betrunken davon.
Da legte sich Pirath wieder ins Bett. Neben ihm rekelte und mummelte sich eine kleine rosenhäutige Frau und versuchte an ihn anzuwachsen, wie ein Blutegel. Er stieß sie zurück. Er sagte ihr entsetzt und kalt:
»Ich werde dich einfach zuvor töten. Denn du wirst mir nur Leid bringen und mich hindern. Ich kenne dich. Du willst mir Kililiki nehmen.«
Aber sie begann zu erzählen. Sie wurde eine weißrassige neuzeitige Scheherazade, öffnete den kleinen roten Bogen ihres Mundes, und die Zähne perlten leuchtend, und dem Mund entfloß eine weite unaufhörliche Wendung aller Dinge, eine ganze Geschichte der Zeiten und Völker. Er sah des Weibes Blut in den Adern wie in einem Pumpwerk allmählich steigen. Es wurde Dampf. Die perligen Zähne hüpften wie Zylinder, und die schlanken greifenden Arme umtobten ihn, wie Kolben, die rastlos die zeugende Gebärde ausübten.
Was rosig und mummelig gewesen, ward ein dunkler Bergschoß, der vor Triebkräften schmetterte. Die ganze Schöpfung spannte sich an rasende Treibriemen und schleuderte sich zu einer wahnsinnigen Heftigkeit. Und doch war all dies Fließen Pirath so selbstverständlich … Doch blieb die Scheherazade das junge blonde Weiblein, das seiner begehrte.
Er stritt gegen sie. Er legte seine Finger an ihre Kehle. Aber sie hob nur, ohne sich um seine Finger zu kümmern, den Arm über das Bett und über ihn, und siehe! – der Arm ward eine Brücke. Diese kam aus der Tiefe der verflossenen Zeiten als ein Weg, der wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers weit hinten am Ursprung handschmal aus einer Höhle am Himalaja begann und ihm entgegen in unbegrenzte Breite wuchs.
Der nackte Adam hielt auf ihm seine Schlange in der Hand und schlug mit ihr nach dem Apfel. Salomon ging hinterher, eitel gereckt, und trug auf einem Buch feierlich das Lamm Gottes. Sieben Siegel baumelten aus den Seiten der Schrift. Das Lamm Gottes war umdampft von den Phantasmagorien der Offenbarung des Heiligen Johannes. Die Mutter Maria schritt, das Gesicht hoch in den Himmel gebadet, umfunkelt vom ewigen Glanz ekstatischer Tränen und ewig gewölbten Leibes zwischen den Männern.
Und vom Weg trat Homer auf die Brücke und schrie in skandierten Versen die Helden aus dem Nebel hervor. Aber niemand kam. Er schrie und schrie, daß Peter wütender über die Scheherazade herfiel und schon ihre Kehle zwischen den Knöcheln zu spüren vermeinte. Aber das Mädchen öffnete nur den Mund, und da stand auf einmal Attila vor Homer und hob die Faust, um ihm den singenden Mund zu schließen. Der kleine Napoleon jedoch schlug ihm mit finsterer Gebärde den Arm weg. Dürer ging auch in der Gruppe. Er zeichnete auf ein großes Blatt das Labyrinth der Melancholie, zu dem sich Goethe mit zerrauften Haaren und drei Blutstropfen auf der Schläfe, die ihm das Herz aus der Hirnschale getrieben, heftig, märtyrerhaft niederbeugte.
Mitten in einem Spiel goldener Glocken und zwischen schwarzen Sklaven und hellhäutigen jungen Perserinnen lustwandelte der Kalif Harun und lächelte mit seinem duftenden Gesicht, wie eine tropische Frucht. Kung Fu Tse wand sich durch die Schreitenden, bis er neben dem Lamm Gottes ging, und zeichnete mit stummer Beredsamkeit in die dunstigen Ausflüsse der Apokalypse das Fötuszeichen des Jinjangs, während er selber zu ertönen begann, wie eine uralte, mit Zeichen umkränzte bronzene Faßglocke und zu tönen nimmer aufhörte.
Da kam rasch und ruhig Röntgen und durchleuchtete die apokalyptischen Dämpfe, und Harun der Kalife lächelte schärfer, Dürer verwirrte das Wirrsal seiner Zeichnung noch mehr, und Goethes Augen wuchsen, und seine Schmerzen schlugen ihm zu Mund, Nase und Ohren heraus. Homer piepste nur noch, und Dehmel sang an seiner Stelle in einem Garten, daß die schwarzen Nächte voller Rosen und rauchschwelender Schlote vor schwerem Sternenglanz schweißig zerfielen.
Die Brücke ging vom rechten Tigrisufer nach dem Kaiser-Wilhelm-Hafen am linken Elbufer gegenüber von Hamburg, wo die »Vaterland« mit einer Stimme zur Abreise in die Welt rief, die alle Zeiten verschüttete.
Und aus aller Mund sprach die süße giftige junge Scheherazade. Pirath wich mit seinen rasenden Händen nicht von ihrer Kehle, mordete sie tausendmal, und tausend neue alte Leben entquollen dem Geheimnis dieses Mords und seiner Sprache, das von des Mundes roten Bogenrippen süß umwölbt war. Pirath schrie … schrie …
Denn die ganze Brücke voll Geschichte,
Die aus des Paradieses Schoß die Zeiten überwölbte
Und in der Zukunft fernem Dämmern niedersetzte,
Hatte zum Schlußstein,
Am Scheitel ihres Bogens,
Wild zerquetscht,
Piraths Herze eingefügt.
Und über dieses Herz hinweg
Wandelten jene Männer und Frauen der Zeiten.
Auf einmal sprang der wüste Zahn des Raubtiers
Aus der uralten Höhle, die von Anbeginn der Welt
Zum Ende aller Zeiten sich nie schließt,
Jach mitten in die Gruppen.
Die Töpferscheibe mochte mit dem runden Kreise
Ihrer Sonnenähnlichkeit, das steinern Beil,
Dem Zahn des Raubtiers nachgebildet,
Von Menschenhänden handhabt, in den Schoß
Der Völker friedlichen Keim versenken …
Die Keule und der Bruder Morgenstern,
Zweihand-Schwert, Büchse, Mitrailleusen halfen
Dem Raubtierzahn.
Die schwarzen Sklaven über die Hellhäutigkeit
Der persischen Kalifenweiber her! Und Attila
Blähte gespitzte Kiefern.
Surrend übersang Dynamos den Homer,
Unsichtbare Quellen überströmten aus den Spulen
Die Melancholeia, und Goethe stand,
Steinern, wie ein Roland,
Aufs Schwert gestützt und schaute, litt, erlebte, rang
Und überwand.
Das Lämmlein Gottes blökte mild und hilflos.
Sal'monis Herrlichkeit notzüchtete,
Derweilen Adam spaltete den Apfel mit der Schlange.
Der Jinjang grölte pustend wie ein Stahlwerk.
Personen schwanden vor Begriffen,
Aus Hirnen strebten Völker,
Öffneten sich zur Zerstörung
Und schlugen sich wie Pelikane, Zahn an Zahn,
Ins Blut der eignen Brust.
Pirath erfaßte seine Warze überm Herzen,
Sie war ein Quell geworden, dem das rote Blut entzischte,
Und die schöne, zarte und heimtückische Scheherazade
Öffnete darunter das Gewölbe ihres giftigen Mundes und fing
Den roten Springquell schlürfend ein und grausam.
Da rasten Völker wie zerborstene Vulkane.
Wie Wolkenbrüche patschten Kugeln durch die Heere.
Granaten sprengten Lehm und Bein zusammen
– Die Schöpfung riß –
Und warfen Wald und Stadt zum Himmel.
Und als sie wieder niederfielen,
Fielen sie auf das arme Herz des Peter Pirath,
Das den Schlußstein der erdgeistigen Brücke machte
Und als Jahreszahl Plus und Minus Unendlichkeit
in seine Kammern eingegraben trug, weil es verflucht war von der giftigen Scheherazade. Da schlug er kurz mit dem Steinbeil Kililikis nach ihrem Schädel, so schön er auch war. Aber sie lachte nur und entfleuchte und war nicht mehr bei ihm, war nichts mehr als Lug, Stank und Nichts.
Da schwoll sein Herz vor märzlicher Schmerzhaftigkeit glückselig an. Das Chaos seines Blutes stampfte von den Heerscharen des Todes, das über die gewaltige Bergstraße marschierte und, von üppigen Hengsten umsprungen und umwiehert, im donnernden Lärm gottstarker Geschütze zu Tal zog. Es war schon vom Zwang des Kriegs befreit, aber noch unter seinem Schatten. Es hatte schon den Pflugsterz, die Feder, den Hammer, das Steuer in der Hand, aber noch das Gewehr auf dem Rücken, und wohlig zur Ader gelassen, in machtladender neuer Jugend sang es in den Takten der scharf hinmähenden alten und schwermütigen Kriegsmärsche:
Das war der Herbst von Neunzehnhundertvierzehn!
Das war der Herbst, der unser ist! …
Während noch das große Morden sein Blut durchraste, begann aber schon das neue, das grenzenlose Ernten und Befruchten. Die gerechten Scheuern flogen mit unendlicher Geilheit auf. Aus dem Schoß der Erde donnerte das Kreißen einer neuen Zeit herauf, die sich an Größe mit allen Entwicklungen der gewesenen Menschheit maß …
Pirath lag die ganze Nacht in die blutende Qual eingeschlossen. Die Schwüle des Gewitters, das sich nicht entladen konnte, hielt ihn unter ihrem dampfigen Druck. Die wehen Fieber stöhnten durch sein Blut, und in stundenlangem Ringen erlitt er diese Vision, mit der sein fieberndes Ahnen den Raum brach und die gottgesandten Ereignisse heranzog, mit denen ein Volk seinen gerechten Thron zu erbauen unternahm.
Als Pirath erwachte, lag er auf dem Boden neben dem Boot. Der Schweiß quoll ihm wie heiße Küglein aus allen Poren. Sein Blut rann ermattet durch den Körper. Sein Kopf war schwach, und den Muskeln fehlte jede Spannung. Er erhob sich schlaff und ging zum Meer hinab. Das Ringen der Nacht lag wie ein geheimnisvoller Spuk mächtig auf all seinen Sinnen. Er verstand nichts von dem, was ihm widerfahren war. Er badete sich den Schweiß weg, aber sein Körper behielt vom Salzbad einen schleimigen und hitzigen Belag.
Seeschwalbe und die Eingeborenen hatten ihn neben dem Boot liegen gesehen. Sie hatten ihn nicht angerührt, denn sie glaubten, er sei im Kampf gegen die Dämonen des Steinbruchs Mutter dorthin gelangt. Als er sich erhob und baden ging, kamen sie alle aus den Hütten hervor, in die sie sich versteckt hatten. Sie waren glückselig und gingen gleich in die Dörfer und erzählten, Regenbogen habe den Steinbruch Mutter besiegt, und kein Mensch brauche mehr zu sterben.
In Wirklichkeit war die Sterblichkeit in den Dörfern sehr gesunken, weil Pirath sich überall um Reinlichkeit und Krankenpflege bemühte. So schien in der nächsten Zeit, solange das Interesse am Besuch Piraths bei den Schlitzäugigen die Phantasien in Spannung hielt, weil niemand starb, die Macht Regenbogens wirklich dieses unglaubliche Ziel erreicht zu haben, und die Männer machten sich daraufhin mit neuem Eifer an die Vollendung des Wohnhags Regenbogens, um ihn durch die siebenfache Kette der sieben Mädchen fester an die Insel zu binden. Eines Tages kam dann der König und sagte Pirath, die Häuser seien fertig und man veranstalte ein großes Fest. Das Fest fand statt und dauerte drei Tage, in denen fast ohne Unterbrechung gegessen und getanzt wurde.
Pirath verließ das überdachte Boot am Strand unterm großen Baum und bezog das hohe geräumige Haus, das auf Pfählen stand und dessen Dach- und Türbalken ausgeschnitzt und mit lebhaften Farben freudig belegt waren. Seeschwalbe ging in eine der niedern Hütten wohnen, die das Pfahlhaus umgaben. Sie wählte die Hütte, die die Männer ihres Dorfes gebaut hatten und die gleich links vom Eingang in den Hag, neben dem offenen Kochhaus lag.
Die andern Hütten blieben inzwischen noch leer. Die sechsfache Hochzeit wurde immer wieder verschoben, weil stets bald das eine, bald das andre Mädchen mit dem Tabu ihrer monatlichen Blutungen belegt war und keines Mannes Auge die Unwürdige sehen durfte.
Aber Seeschwalbes Leib stieg unversehens in heimlich treibender Fruchtbarkeit. Wie sie, bevor dies geschah, immer straff und gespannt, heftig schön war, wie ein polierter Bogen aus dunkelm Palmholz, so baute sie sich jetzt auf in einer schwerfällig mächtigen Fruchtbarkeit. Sie blieb oft im Schreiten zum Ausruhen stehen; von Sonne oder Schatten übergossen, erhob sie sich, steil im Kreuz aufgerichtet, um die Last des Leibes besser tragen zu können. Ihr Bauch war wie die Kugel einer neuen Erde. Ihre Brüste strotzten ausschweifend mit mütterlicher Kraft gefüllt, und in der Hitze sog sich aus ihren pflaumendicken und pflaumenblauen Warzen von selber die Milch heraus. Sie sickerte in kleinen Rinnsalen an den Halbkugeln hernieder.
Wenn Pirath dieses Stehenbleiben, diese ausschwellende, drangvolle Fruchtbarkeit sah, die sein Werk war, so erfüllten ihn mächtige Gedanken. Er war Vater einer beginnenden neuen Rasse, die sich Kililiki erobern mußte. Er wollte aus dem entstehenden Leben ein Geschlecht auferziehen, das sich auf ihn stützen und von ihm aus entwickeln sollte, das ohne Verbindung mit den vorwärtsdrängenden Völkern jenseits des Meeres einen unsichtbaren Anschluß an die Triebkraft des weißen Geistes finden sollte. Und wenn dann einst diese Insel entdeckt werde, so müßte sie sich in den Gang des Weltverkehrs ohne Mühe und Blut fruchtbar einordnen können; es dürfte ihr nicht so ergehen wie den schwarzen Inseln, auf denen er vor Kililiki gewesen war und auf denen die Eingeborenen an der ungestüm eindringenden Energie und Stetigkeit des weißen Geistes starben.
Pirath arbeitete schon lange an der Fleischwerdung dieses Gedankens. Er begünstigte die Künstler und bemühte sich, ihren rein symbolischen Werken eine neue, stärkere und geistigere Geltung zu verschaffen. Die Häuser und Hütten hatten sich überall verschönt unter seinem Einfluß, über die Bäche waren kleine Brücken gebaut worden, deren Geländer und Kappen in Schnitzereien ausgearbeitet waren. Die Menschen folgten diesem Eifer Regenbogens willig, denn er wandte sich ohne Vermittlung an ihre Phantasie. Die heimatliche Kunst des Farbigen war wie Musik. Sie war nicht im Erschaffen zusammenbändigend, sie löste auf, sie summte und sang die Erscheinungen der Schöpfung spielerisch und verliebt auseinander. Über ein Schnitzwerk konnte die Phantasie lange dahinstreifen und viele geheime Dinge auf sie beziehen.
Aber zugleich wo Pirath diesen Bedürfnissen des Herzens Nahrung gab, versuchte er auch, den Sinn für die Wirklichkeit, für die Dauer eines Lebens, für das Fortbestehen vergangener Zustände und Zeiten zu wecken. Er leitete Männer und Frauen an, regelrechte Palmenpflanzungen zu gründen. Er versprach ihnen einen späteren Lohn für die Arbeit der Gegenwart und bemühte sich ununterbrochen, die Phantasien vom Wert des zufälligen Augenblicks, dem sie sich weich und hinschmelzend stets ganz ergaben, abzulenken und alles Gegenwärtige in einen Zug zu bringen, der in die Zukunft strömte und irgendwo im Kommenden erst seine Ernten fand.
So versenkte er in die breiigen Massen, in denen die Einbildungskraft der Farbigen haltlos auseinander strömte, allmählich, wie eine ferne noch dunkel umbrandete Insel, den Anker des Gedankens.
Er wußte, daß es erfolglos sei, diesem Ziel die Männer und Frauen zuzuführen, und er ging sparsam mit seinen Kräften um. Er wandte sich nur an die Heranwachsenden, die noch weniger geformt waren; er schuf ihnen neue Werte, und er hatte Erfolg. Er hatte Erfolg, weil er zu gleicher Zeit, wo er mit stetiger Tatkraft die Werdenden auf seine Höhe heraufzog, auch sein eigenes Herz tief und weich sich in die Insel Kililiki eingraben ließ. In seiner unbegrenzten Vereinsamung verlor er ja den starren Maßstab, um das zu messen, was europäisch in ihm blieb und was südseeinselhaft wurde.
Was aber an weißer Erziehung in ihm verharrte, genügte, um von Weile zu Weile seinem Gottestum bei den Eingeborenen einen neuen Anstrich zu geben und den Einfluß seiner Macht immer frisch zu halten.
Eine geheime Mithilfe seines Blutes kam ihm dabei zustatten. Pirath war von Stechmücken vergiftet worden. Das Chinin, das er im Boot gefunden hatte, war ausgegangen, und er war der Malaria wehrlos ausgeliefert. In regelmäßigen Abständen schwärmten die neuen Bruten aus seiner Milz auf. Sie stürzten sich über seine roten Blutkörperchen und durchrasten seine Adern mit wilden Schmerzen. Dann lag er stöhnend auf einer Matte zu Füßen seiner hohen Treppe, und die Eingeborenen hockten sich um ihn. Sie sahen, wie er von Weile zu Weile diesem sonderbaren heftigen Gebaren anheimfiel.
Da erfand einer der Priester, daß in diesen Zeiten seine Seele den Körper verließe und zum großen Geist einkehrte, um sich mit neuen Kräften zu laden. Darüber jammerte und zuckte der Leib und schrie nach der Seele.
Wenn sich dann allmählich das Fieber löste und die plagenden Schwärme gestillt zurückstarben, dann überkam Pirath die Erleichterung seines Blutes wie eine Erlösung. Sein Herz erschwoll unter einem Ansturm von tiefen glückhaften Vorstellungen. Die Welt umschlang ihn in ewiger Liebe, und sein Mund ließ Worte von süßer, seliger Verbrüderung ausströmen. Die Menschen waren wie ein einziges, liebesgetränktes Herz, gierig, sich Gutes und Liebes anzutun, vom Geist geschaffen, damit das Glück, das im Erdschoß schlief, ihnen teilhaftig werde. Die Schwarzen hockten um ihn und horchten lautlos dem Zauber seiner Reden, der mächtig in ihr Blut einzog. Sie weinten vor weichen Gluten, die sie durchtränkten, vor geheimnisvollen Bildern, die sie durchzogen, und streichelten sich gegenseitig. Und ihre in nächtigem Dunkel erd- und tiergebundenen Phantasien durchbrach die erste Morgendämmerung des Menschwerdens.
Eines Frühmorgens sagte Seeschwalbe: »Meine Zeit ist da! Ruf die Mutter und die Verwandten!«
Sie setzte sich stöhnend an ihre Tür und umfaßte fest und gewaltig den Hausbalken. Ihr Leib arbeitete wie ein Vulkan. Die Schmerzensstiche durchrissen sie wie Erdbeben. Aber sie gab keinen Laut von sich, und als Mutter und weibliche Verwandte kamen, lag ein kleiner Knabe vor ihr. Mit einem Muschelscherben durchschnitt die älteste Frau die Nabelschnur und tröpfelte den Saft einer Pflanze auf die Wunde. Andre Weiber wuschen den Knaben mit Bachwasser und brachten ihn Regenbogen hin, der der Sitte gemäß den Wohnhag verlassen und, mit dem König sprechend, die Vollendung des Ereignisses abgewartet hatte.
Das Knäblein, das man ihm brachte, war fast ganz weiß. Pirath hatte das nicht erwartet und erschrak ein wenig darüber. Aber er hatte nie den Neugeborenen einer schwarzen Frau gesehen und wußte nicht, daß die Kinder alle die gottgesegnete weiße Farbe zur Welt mitbringen. Es brauchte dann auch nur etliche Tage Sonne und Luft, um die Haut zur Farbe der Insel zurückzuführen. Aber der Knabe, der gleich mit Haufen von Namen überschüttet wurde, behielt einen hellen Schimmer, der ihn von allen auszeichnete und der Seeschwalbe und ihre Sippe glücklich machte.
Nach drei Tagen war Seeschwalbe wieder auf den Beinen, und die großen Geburtsfeste begannen das Ereignis zu feiern. Die sieben Dörfer kamen vor dem Hag des Vaters zusammen. Pirath stand an der Treppe zu seinem Haus und bemühte sich um den Knaben. Auf einmal erscholl ein wüster Lärm. Die Dörfer hatten sich unversehens in Männer und Weiber geteilt und waren aufeinander losgegangen. Sie warfen sich mit Erdklumpen, Steinen, Früchten, sie schlugen mit Bambusstöcken aufeinander ein. Sie lachten und quietschten dabei und gingen doch rasch in eine leidenschaftliche Wut gegeneinander über. Es war, als entlüde die Natur in den beiden Geschlechtern einen langher aufgestapelten Haß, und Pirath erinnerte sich auf einmal, in seinem Innersten aufgewühlt, an den Satz aus dem Schöpfungsbericht: »Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und ihr!« Und die Schlange war nicht die Schlange, sondern war ein Sinnbild für das männliche Glied. Da legte er den Knaben nieder; von zwiespältigen, gereizten Gefühlen gepeinigt, warf er einen Blick voll mühseligen Hasses auf sein Weib und ihr Kind und mußte sich bezwingen, um nicht brutal mit in den Kampf einzugreifen und auf die Weiber loszuschlagen.
Aber der Kampf der Geschlechter hörte auf, wie er begonnen hatte, ohne Übergang; ohne Übergang, wie alles auf der Insel. Während die Männer und Weiber sich wieder glücklich krähend und meckernd vermischten und einige, die bluteten, ohne weiteren Ärger die Wunden mit Blättern eindeckten, mußte Pirath noch lange, in seinen zwiespältigen dunkeln Zorn eingeschlossen, verstört umhergehen. Das Fest nahm seinen Verlauf, üppig und ohne Einschränkung. Sieben Tage lang tat man nichts andres als essen und tanzen, sich begatten und schlafen.
Dann war auf einmal eine Zeit da, in der die sechs Bräute Regenbogens alle gesund waren. Man eilte sich. Ohne weitere Umstände und Zeremonien bezogen die sechs jungen Mädchen eine jede ihre Hütte zu Füßen des Pfahlhauses. Nur die Sippe kam der Reihe nach zu Besuch, brachte Geschenke und nahm kostbarere Geschenke als Ausgleich mit zurück und aß Piraths Speisevorräte auf.
Als diese Besuche vorbei waren, legte ein jedes der Weiber unter Piraths Leitung eine Pflanzung an, in der in genau gesonderten Feldern Taro und Jame, Bananen, Papayas gepflanzt wurden. Außerhalb des Hags wurde ein großer Schuppen errichtet, in dem die Schweine sich aufhielten. Pirath lehrte die Weiber die Arbeit zu teilen und Zeit zu sparen und erübrigte für die Palmenpflanzung, die am unbewohnten Westufer vor dem Dorf Vater entstand, einen Teil ihrer Arbeitszeit. Die Männer hatten sich begeistert und in zornigem Arbeitseifer über die Anlage gestürzt. Aber länger als für das Roden hatten Kraft und Lust nicht gehalten. Immerhin war das die schwerste Arbeit. Die Eingeborenen kannten freilich Methoden, durch Keile Holz zu sprengen, die die Arbeit weniger mühselig machte.
Aber im großen ganzen waren sie auf ihre Steinbeile angewiesen. Nur Pirath hatte das eiserne Beil aus dem Rettungsboot. Er verrichtete siebenfache Arbeit, und die Eingeborenen, die zum erstenmal die Kraft des Eisens erlebten, erhoben das Beil zu einer Gottheit und nannten es die schnelle Schärfe. Pirath hatte durch eine List ihre Tatkraft so lange wach gehalten, bis ein Geviert, das etwa dreihundert Schritte in der Länge und hundert Schritte in der Breite maß, von Bäumen frei war. Er sagte ihnen, daß jenes Steinbeil, das der schnellen Schärfe an Kraft und Raschheit nachkäme, von dem selben mächtigen Geist bezogen werde, der in seinem Eisen wohnte. Da schlugen sie drauf zu, und ein jeder hoffte, daß der Geist in sein Beil einzöge. Zum Aufsuchen und Eingraben von Pflanznüssen, zum Sauberhalten und Pflegen der jungen aufschießenden Bäume hatte Pirath nicht mehr soviel Kräfte nötig. Er konnte diese Arbeiten mit seiner jungen Garde und den Weibern bewältigen.
Pirath lebte als Erzeuger in die kommenden Jahre hinein. Er lebte zwischen den Frauen, fast unbewußt ihrer Gegenwart. Mit einem sonderbar fernen Anteil ging er zwischen diesen Geschöpfen, und von der einen zur andern führte ihn ein leicht zu erfüllendes Pflichtbewußtsein. Er war nur Erzeuger. Er ging fleißig von Hütte zu Hütte, als der große Gründer einer kommenden Rasse. Nie hatte er Schwierigkeiten mit den Frauen. Mit ihren Streitereien wagten sie sich nicht bis an ihn heran. Sie fürchteten seine stetige Strenge. Sie fügten sich alle von selbst unter die Herrschaft Seeschwalbes, die wie eine Prinzessin über Dienerinnen zwischen ihnen lebte und von Fruchtbarkeit und Glück strotzte.
Für Seeschwalbe allein wuchsen Gefühle von Zärtlichkeit und von innigem Zusammenhang in Piraths Herz. Ihr allein weihte er die Notwendigkeiten des Austausches von Gemüt zu Gemüt. Sie bewahrte ihre, oft plötzlich wie die Krallen einer Katze wild aufspringende, oft in süßer Trägheit dahindämmernde Grazie, und war er bei andern Frauen, so dachte Pirath sich zu ihr.
Die Frauen gebaren Jahr um Jahr. Eine starb. Das war Pirath nicht mehr, als ob er einen Tag dahinrauschen hörte. Sie wurde ersetzt. Andre wurden alt, häßlich und welk und traten von selber zurück. Im Laufe der Jahre wurde manche ausgewechselt.
Die Kinder erwuchsen. Der Vater nahm sich ihrer an, wie er auch die Kinder der Eingeborenen, die man bis dahin hatte frei herumlaufen lassen, in sein mildes aber stetiges überwachen und Erziehen genommen hatte. Die Ältesten gingen schon mit in die Pflanzung, in der die ersten Bäume Nüsse reifen ließen, und wurden mit leichten Arbeiten beschäftigt. Sie suchten die Käfer ab. Pirath erlebte an seinem Samen, daß er befähigter und anders war, und pflegte die Anlagen, in denen er sein Blut erkannte.
Aber zugleich, wo er so das Alte, was er aus dem weißen Erdteil herübergetragen hatte, so hoch in sich hielt und es in seiner Nachkommenschaft zur Blüte brachte, überstrickten ihn doch die Scharen der halbfarbigen Kinder, die aus seinen Weiberhütten quollen, wie ein Netz und verbanden ihn immer tiefer und enger der Muttererde Kililikis. Mit sachtem Verblassen schwand Europa stetig hin.
So stürzten zwischen Zeugen und Gebären, Festzeiten und sanften Alltagen, gemäßigt schreitender Arbeit und Sorglosigkeit die Jahre über ihn dahin und schienen sich nicht mehr um ihn zu kümmern als er um sie. Er maß die Zeit nicht. Er besaß rund um sich keinen Maßstab dafür, trotzdem die Alten starben und die Kinder aufwuchsen; denn er war das oberste Gesetz für die Insel; so wie die Insel ihm, so war er sich selber gleichermaßen untertan; wie ein mächtiger Saft strotzte er durch das Leben der Insel; er sah seinen Weg nicht, er folgte ungestümem Drang, denn wenn er nachts bei den Frauen lag und, sich mit ihnen vermischend, immer tiefer der fremden Seele zusank, so blieb doch vor ihm das Letzte, die endgültige Besitznahme, wie der Horizont, der von dem drauflos rauschenden Dampfer zurückweicht. Aber das war seine dumpfe Kraft, daß er Gemüt und Instinkt über Kililiki herrschen ließ und nicht das Hirn, dem der Weg zu der schwarzen Seele doch verrammt geblieben wäre.
Einmal in dieser ungemessenen Zeit erscholl die Garamut, und Pirath, der sich nun auf ihre Sprache verstand, hörte heraus, daß sie die Männer nach dem Steinbruch Mutter rief; ein neuer Gott war dort fertig geworden. Er sah den König Möwenschnabel, dessen ursprünglich heftige Energie immer erschlaffender sich ihm unterbötig machte, mit einer unausgesprochen bleibenden Frage um ihn herumgehen. »O! O!« machte Möwenschnabel. und blies vor Pein die Lippen aus wie ein Seelöwe. Pirath verstand. Er selber war nicht mehr im Steinbruch gewesen. Sein Abenteuer mit dem Gemästeten war durch die Jahre in ihm weitergewachsen. Die Qualen der Kriegserscheinung der auf den Besuch folgenden Nacht waren in ihm zu einer geheimnisvollen Wurzel gewachsen, die fortwährend Ranken ausschlug. Etwas Fernes plagte ihn, wenn er dran zurückdachte, und die Nachwirkung jener Visionen, die nicht sterben wollten, und die Formen, die die furchtbare Begegnung mit dem unflätigen Dicken im Laufe der Zeit annahm, waren nach und nach in ihm wie ein schmerzgeladenes Symbol davon geworden, wie er Europa nie ganz verlor und Kililiki nie ganz gewann, und wie sein Leben in der Vereinsamung doch etwas rätselhaft Volles war, das er nicht zu fassen vermochte. In der Erinnerung an die kurze, gewalttätige Berührung mit der geifernden weißen Fleischmasse, die gerettet werden wollte, hatte sich ein unsteter und unsicherer Haß entwickelt, der nicht nur dem Dicken galt, sondern auch insgeheim etwas in Pirath selber traf. Oft nahm Pirath seine Zuflucht zu diesem geheimnisvollen Haß. Er wühlte sich hinein, roh wie ein Schakal, falsch wie eine Schlange, grausam wie ein Falke, ganz und auflodernd wie ein Kililikimann. Dann war es ihm, als bestiege er ein heilsames, kriegerisches Bad, und Unsicherheit und Schwanken häuteten sich von ihm ab. Er entstieg seinem Haß, aufs neue Herrscher über Kililiki und die Einsamkeit des Stillen Ozeans.
Das war Pirath gegenwärtig, als Möwenschnabel so unentschlossen um ihn ging. Einen Augenblick stieg es verführerisch durch das Blut des Schwarzen auf: ich nehm eine Keule und schlag ihn von hinten tot! Dann kann ich machen, was ich will … Aber furchtsam machte er gleich einen heimlichen Zauber hinter diesen Einfall, damit Regenbogen nichts davon verspüren soll. Pirath aber sagte ihm einfach: »Die Männer werden nach dem Steinbruch Mutter gerufen! So spricht Regenbogen: Geht! Aber die jungen Leute, die in der Pflanzung arbeiten, gehen nicht und Regenbogen geht auch nicht.« Damit war der König nur halb befriedigt. Was sollte er sagen, wenn die Schlitzäugigen nach den jungen Leuten verlangten? Er drückte sich noch immer herum und wagte endlich seine Bedenken hervor: »Der König meint, die jungen Leute …« Aber Pirath schnitt ihm erregt das Wort ab und rief unwillig: »Regenbogen spricht: Die jungen Leute bleiben hier. Geh!« Da ging Möwenschnabel und tröstete sich mit dem Bewußtsein der Übermacht, die Regenbogen gegen den Steinbruch Mutter besaß.
Alle Männer, die an Pirath vorbeigingen, um ihre Kanus ins Wasser zu setzen, sahen bedrückt und furchtsam aus. Pirath verfiel in eine wüste und harte Stimmung. Er wollte die Männer nicht aufhalten, aber es beleidigte ihn doch etwas daran, daß sie zum Steinbruch gingen. Der Steinbruch war sein Feind. Aber vielleicht war der dicke Weiße in den Jahren gestorben? Doch seine Erinnerung klebte im Kessel. Der Haß umstieg Pirath. Er warf den Davonrudernden, die alle gedrückt sich in die Kanus füllten, Spottreden nach, und als der König Möwenschnabel, üppiger geschmückt als die andern und das schwere Halsband aus Muschelringen über Schultern und Brust, das er alle fünf Jahre einmal trug, sein Kanu bestieg, rief Pirath: »Der König verliert ja aus Angst vor den Schlitzäugigen seinen eigenen Dreck!«
Das war das Furchtbarste, was einem Kililikimann gesagt werden konnte. Denn die heftigste Scham und die entsetzlichste Angst hüteten die Leiberabgänge vor fremden Augen. Sie entstiegen dem innern Ort, an dem die Seele den Körper belebte und waren jeder Behexung aufs äußerste zugänglich. Alle Männer erschraken, als sie dies hörten, und der König blickte entsetzt unter sich. Er sah nichts, aber er glaubte. Ein finsterer Impuls schwoll in seinen Adern. Es war der Haß gegen den Unterdrücker Regenbogen, die Furcht vor dessen göttlicher Gewalt, die Liebe zu dessen Dasein auf Kililiki, die Grenzenlosigkeit zwischen Regenbogens Macht und der des Steinbruchs Mutter, dem sie entgegenfuhren, all der dumpfe Zwiespalt von Jahren. Regenbogen hatte etwas Neues gebracht, aber die alten dämonischen Säfte waren weiter durch Kililiki geflossen. Das alles ballte sich in ein rasendes Eins zusammen und durchwirbelte das Blut des Königs. Aber da in diesem Hirn Impuls und Tat keine genaue Abgrenzung kannten, genügte der dunkle Ansturm, um den König angstvoll niederzuducken und an einem geheimen Tabu Sühne und Sicherheit zu suchen.
Die Männer ruderten davon. Pirath sah, daß in den Kanus doch einige der jungen Leute saßen, denen er die Fahrt verboten hatte, und das steigerte seinen Zorn und Haß. Er geriet allmählich in eine Stimmung, an der er zu zerspringen drohte. Es war ihm, als zersprühten seine Nerven durch die Haut hindurch und als verlöre sein Körper den Halt. Jähzornig stieg er umher, warf sich bald hin und schnellte wieder empor, schoß mit dem Bogen nach allen Tieren, die er sah, raste durch die Weiberhütten und trieb die Frauen auf. »In die Pflanzung! Arbeitet!« schrie er. Er stürmte zur Pflanzung und fuhr mit heftigen Worten drein. Die Kinder heulten. Pirath schlug sich in den Wald, lief zwischen Hag, Pflanzung, Wald und Meer ruhelos stundenlang umher.
Als er sich entschloß, das Kanu ins Wasser zu schieben und aufs Meer hinauszurudern, sah er plötzlich zwei Kanus um die Ecke biegen. Die Kanus strebten mit aller Kraft der Ruder aufs Land zu. Sie flogen surrend über das ruhige Wasser. Da ließ er sein Kanu liegen und wartete auf die beiden andern. Kaum hatte der Bug den Sand berührt, so sprangen die Männer in der Hatz ans Land und liefen. Er hielt einen an. »Was ist?« rief er ihm ins Gesicht. Und der andre fiel in die Knie und stammelnd und ohne Zusammenhang mit schreiender Stimme: »Großes Kanu, so groß wie Kililiki, und aus einem Kopf Rauch! Und weiße Männer eingedrungen in den Steinbruch …«
Da verließ die Kraft Piraths Arme. Der Mann entriß sich ihm und stürzte wie ein Kasuar davon. Aber Piraths Herz war wie explodiert. Es war ihm beim ersten Wort klar, daß ein Dampfer den Norden der Insel angelaufen hatte, daß ihm ein Wiedersehen mit Europa bevorstand. Das Ereignis fiel über ihn her wie ein zusammenbrechender Steinbruch. Er war ihm nicht gewachsen. Seine flatternden Nerven verloren den letzten Halt. Seine Vorstellungen purzelten um. »Nun wird der Dicke gerettet!« stammelte er vor sich hin, von jenem kindischen Wahn umfangen. Er war niedergefallen. Langsam erhob er sich, und betäubt ging er davon mit immer demselben halblauten Stottern: »Nun wird der Dicke gerettet!« Da geschah es in der furchtbaren Verwühltheit seiner betäubten Sinne, daß die Dinge sich auswechselten. Er hatte einmal Europa in dem Dicken verraten, hatte es ununterbrochen durch seine Hingabe an die Insel verraten. Er wurde mit einemmal das schwarze Kililiki, und der Dampfer und die Weißen rückten ihm bedrohlich als Todfeinde entgegen.
Er eilte in sein Haus, schaffte allerlei Lebensmittel zusammen, nahm den Revolver und schlich sich dann in seinem kranken Trotz, von der Unfaßbarkeit jener plötzlichen großen Nachricht in die Flucht gejagt, in den Wald hinein. Er hatte auf Jagden gegen Kasuare ein Tälchen entdeckt, in dem Felsen mitten in einem Teich von Grün weit über moosigen Boden sich auswölbten. Unter den Felsen war es wie in einem geschlossenen Haus. Dorthin wühlte er sich durch den Wald. Es war schon dunkel, als er ankam, und die Ermattung des Waldlaufens und die Wirkungen des unversehenen Ereignisses mühten ihn gleich aus dem Wachen. Aber sein Schlaf war wie ein zuckendes Von-Traum-zu-Traum-Flüchten. Jeden Augenblick wachte er halb auf, und der folgende, im Ungewissen beginnende und rasch zu grausamer Körperlichkeit steigende Traum riß ihn ein Stück weit durch einen entsetzlichen Schlaf, bis er gleich wieder aufschreckte. Eine dunstige Hitze sickerte aus seiner Haut. Als das Frühlicht durch die grüne Wand bis in die Höhle brach, lag Pirath stöhnend im Moos und wälzte sich unglückselig und schmerzgepeitscht im Fieber.