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Sie, mein Herr Schriftgelehrter, haben den Anspruch auf besondere Bemerkungen. Ich habe das Gebiet Ihrer sonst ungestörten Alleinherrschaft betreten. Aber die Gefilde der Bibel sind ja kein verbotenes Land.
Ich nehme Ihnen auch nichts von Ihrem Eigentum, sondern ich füge hinzu. Die Textkritik kann unser Wissen vom Davidischen Zeitalter nicht mehr umwälzen. Jede Zeile, jedes Zeichen ist mit allen Lupen des Geistes durchforscht. Ausgrabungen könnten überraschende Aufschlüsse geben. Aber solange noch Mohammed über Moses und Christus auf dem Haram esch Scherif triumphiert, wird man die Grundpfeiler des Salomonischen Palastes und des Tempels nicht erspüren können. So müssen, wenn die Steine schweigen, Menschenzungen reden.
In diesem Falle – der Mund des Dichters. Und dies geschieht auch um Ihretwegen, mein Herr Schriftgelehrter. Denn nur der Dichter kann Ihre Arbeit ergänzen, erweitern und das kostbare Gut dorthin tragen, wohin wir, geleitet vom Leuchtfeuer der Erkenntnis, alle steuern sollen: In den Hafen der Wahrheit.
Dem Dichter wird vieles offenbar, was der Wissenschaft verborgen bleibt. Er schaut in die Seelen der gewesenen Geschlechter, den Geist der Toten erweckt er zum Sprechen; er allein lebt im Diesseits und im Jenseits zugleich.
Aber auch der Dichter darf nicht willkürlich wandern. Auch er muß sorglich auf die unscheinbaren Zeichen achten, die die Wege durch das Dunkel weisen. Um vorzudringen in das Schweigen der Vergangenheiten, muß man den Boden kennen, auf dem das verzauberte Schloß der Geheimnisse sich erhebt.
Zwei Fundamente stützen den Bau des biblischen Königsliedes. Es ist zunächst eine Parteischrift der Priester; deshalb stellt sie David dem antiklerikalen Saul gegenüber, rühmt Jahve und verherrlicht den später abtrünnig gewordenen Salomo, weil er den Tempel errichtete. Der zweite tragende Grund ist das nationale Unglück des Volkes nach dem Zerfall des Reiches, es umkleidet das untergegangene Königtum mit allem verherrlichenden Glanz, mit allem Gold der romantischen Sehnsucht. – Ob Olivenhain auf dem Ölberg oder Kyffhäuserforst oder vielleicht einmal der Sachsenwald – ein jedes Volk in seiner Not hat seinen Traum vom Barbarossa.
Unter diesen Gesichtspunkten klärt sich vieles. Der Besuch Samuels im Hause Isais und die Salbung des Knaben David zum Beispiel, den Sie, hochverehrter Herr Schriftgelehrter, so gar nicht in die zwei – oder drei? – Erzählungsfäden der David-Historie einknüpfen können, ist offenbar eine später aufgebrachte Legende der Prätendentenpartei. Auch andere Lückenfüllungen, die ich zu schärferer Hervorhebung der Beweggründe und Taten einzelner Personen vornahm, entfließen dem Gesetz des innern Zusammenhanges. Sicher trifft zu, daß die Priester den Anstoß zur Heimholung der Bundeslade gegeben, wenn es auch nirgends ausdrücklich erzählt wird, oder daß David Isboseths Ermordung angezettelt, Abners Tod gefördert, bei der Werbung um Michal zweideutig sich benommen hat, daß Salomo schon in seiner Knabenphantasie mit dem Tempelbau sich beschäftigt hat und anderes dergleichen. In andern Fällen aber, so, wenn ich Michal mit Paltiel nur in einer Josefsehe leben lasse, diktierte mir das dichterische Gebot, welches souverän ist auch über Wissenschaft und Lehre.
Grundsätzlich mußte ich mich zuvörderst entscheiden, ob ich die sogenannten Samuelischen Bücher als Geschichte des Volkes Juda-Israel oder als Bestandteil der gesamtasiatischen Kultur- und Religionsentwicklung ansehen wollte. Es wäre außerordentlich reizvoll, die Davidische Zeit als Mythos und religiöse Legende aufzufassen. Das könnte ein wundervolles Epos geben, verschüttete Brunnengänge aus dem Werden der Menschheit aufdecken (man denke bei David-Goliath an Hödur-Baldur, Apollo-Achilles, Hagen-Siegfried – Kampf in der Natur zwischen den Jahreszeiten; oder ethisch-religiös: Gut und schlecht, Ahriman wider Ormuzd, Gott gegen Satan). Aber dieses Gedicht zu schreiben, überlasse ich andern. Ich habe zwar mit besonderem Genuß aus Jeremias (»Das Alte Testament im Lichte des alten Orients«) Belehrung und Anregung geschöpft, den pan-babylonischen Turm aber doch nicht zu ersteigen unternommen. Selbst dort, wo der symbolische Einschlag höchstwahrscheinlich ist, wie beim Sonnenstrahlspeer Sauls oder beim Mondbogen Jonathans, habe ich der Versuchung widerstanden, mythisch und vielleicht gar mystisch mich zu ergehen. Vielmehr habe ich die Geschehnisse und die handelnden Menschen durchweg als irdische Realitäten aufgefaßt.
Unter Anwendung der beiden von mir gefundenen Grundregeln und durch die Zusammensetzung im Gefäße der Dichtung gelangen Analyse und neue Synthese fast ausnahmslos. Selbst die zumeist als unlösbar erachteten Wirrnisse der Königswahl Sauls, des Bruches mit Samuel, der Art, wie David an den Hof Sauls gelangt, die Episode der Hexe von Endor habe ich bis auf schwache Reste zwanglos erhellen können. Auch die offenbaren Dubletten, Abigail-Bath-Seba, Absalom-Adonia, ließen sich ohne aufdringlichen Parallelismus dem Werke einordnen. Nur von den beiden gar zu gleichartigen Fassungen der Schonung Sauls durch David mußte ich eine fallen lassen. Ich behielt die Höhle bei statt der Wagenburg, als die örtlich besser in die Flucht Davids passende und als den für die dichterische Behandlung stärkeren Vorwurf.
Neben der psychologischen Durchdringung der Ereignisse und Gestalten wollte ich ein allgemeines Kulturbild zeichnen; besonders von der Stellung und dem Leben der Frauen. Hierzu mußte ich die andern Quellen, so die Tell-Amarna-Briefe, neben der Bibel heranziehen. Mein Wissen auf diesem Gebiete verdanke ich im wesentlichen Bertholet (»Kulturgeschichte Israels«) und den von ihm zitierten Autoren und Urkunden. Zeitlich bin ich dabei nicht allzustreng verfahren. Wenn ich bei der Schilderung der Toilette der Frau (Michal vor ihrem Aufbruch von Mahanaim nach Jerusalem) auch Jesajas und Hesekiel verwendete, so macht mir die Vordatierung um einige Jahrhunderte keine Beschwer. Immerhin habe ich den Anachronismus möglichst überbrückt und die Motive deshalb gehäuft. Isboseth mußte die Schwester, da es die Ehre der Sauliden gegenüber dem Parvenü David und einen Akt von diplomatischer Bedeutung galt, sicher bestens ausschmücken. Ich habe ihn auch noch zum Juwelenliebhaber und Sammler gemacht. Und da Jesajas die Prunksucht der Bürgerfrauen schilt, darf man annehmen, daß Königstöchter schon geraume Zeit vorher sich ähnlich kostbar getragen haben. Die Juwelen, die ich erwähne, sind übrigens späterhin sogar auf den Schild Aarons zurückbezogen worden. Aber es kam mir auch gar nicht auf pedantische Genauigkeit an, sondern auf den Duft der Dinge. Getrost habe ich jerusalemitische Mägde aufgeführt, die der Herrin den Stuhl zum Gottesdienst nachtragen, obwohl dies zwar für den Tempel des Marduk möglich war (ich entnahm diese Funktion der Dienerinnen dem Ehevertrag der Taram-Sagila und ihrer Sklavin Iltani mit Arad-Schamasch), nicht aber für die Höhengottesdienste Jahves. Und bei einer besonders charakteristischen Zuspitzung erwähnte ich die der Davidischen Sphäre unbekannten Eunuchen, weil der Begriff Harem dadurch mit einem Blitze aufgeblendet wird. Das sind Lichter auf dem Gemälde; ob ich sie aufsetzen durfte, hatte ausschließlich der Gestalter in mir zu entscheiden. Ich führe diese Kleinigkeiten auch nur an, damit Sie, Herr Schriftgelehrter, mich nicht der Unwissenheit oder Nachlässigkeit zeihen. Wo ich Zeitwidriges einflocht, geschah es bewußt, mit der Freiheit der dichterischen Erlaubnis.
Auch in der Charakterschilderung bin ich nicht willkürlich von der Überlieferung abgewichen. Ich habe nur den Kern aus der Verkrustung herausgeschält. Die unrichtige Anschauung von David und Salomo, ihr unberechtigtes Ansehen bei der Nachwelt beruhen zum großen Teil darauf, daß man mit ihrem Namen die vollendeten Dichtungen, Lieder, Psalmen, Hohes Lied und die Sprüche und Predigten der Weisheit verband. Sie, mein Herr Schriftgelehrter, haben aber längst unwiderruflich nachgewiesen, daß sie nicht von ihnen herstammen. Eine andere Ursache der irrigen Vorstellungen über Vater und Sohn ist die eindringliche Macht der Kunst. Wir sehen David so, wie Michelangelo uns den Jüngling sehen lehrte, oder man denke an Schillers »frommen Knaben Isais« oder an die Märchen des Orients von dem prächtigen und weisen König Salomo, der ungebärdige Genien in Krüge einsiegelte und ins Meer versenkte und die Sprache der Vögel verstand. Aber dem Forschenden und Seelenerspürenden enthüllen sie ihr wahres Antlitz, und ich glaube, es richtig erschaut zu haben. – Bei Saul, den die Bibel mehr skizzenhaft behandelt, war größere Freiheit im Ausmalen gestattet, auch der Kontrastwirkung zu David halber erforderlich.
In der religiösen Anschauung stehen wir wohl sehr weit voneinander, aber wir bewegen uns doch auf derselben Kreislinie, wie ja der Verlauf allen Lebens, auch des geistigen, sich in sich vollendet und der Gottesbekenner und der Gottesleugner irgendwo sich begegnen müssen. Und vielleicht ist eben nur dieser Treffpunkt Gott. Sie werden, wenn auch vielleicht mit Mißbehagen, zugeben müssen, daß die ursprünglich etwas obskure Stammes- oder Dorfgottheit Jahve-Jehova von mir im Rahmen Ihrer eigenen Feststellungen gehalten ist, besonders auch im Abschnitt über die Bundeslade. Daß der Gottesliebling David noch kleine Privatgötzlein neben Jahve im Hause hegte, steht nach dem hierin gewiß unverfänglichen Zeugnis der Schrift fest. Der »Herr der Beulen und der Mäuse« Jahve ist in seinem ergötzlichen Kampf mit dem mächtigen Dagon übrigens für seine Zeit eine recht achtbare Erscheinung. Mit der reinen Gottesidee, die in ihrer überwältigenden Schönheit und hinreißenden Eindringlichkeit später gerade diesem Jahve angegliedert wurde – ein Zufall – hat all dies nicht das geringste zu tun. Auch wer den guten alten Jahve mehr humoristisch auffaßt, nicht allzuhoch über die Fetische der Naturvölker stellt und die Orakel seiner eifrigen und geschäftskundigen Priester nicht viel über die Tätigkeit anderer Medizinmänner bei weißen und roten Indianern, kann Gott in sich haben und in Gott sein.
Den Text selbständig auszudeuten, habe ich unterlassen. Meine nur geringen Kenntnisse des Hebräischen und Griechischen verboten mir diesen reizvollen und in Ihren Kreisen so eifrig betriebenen Sport. Wo ich die Bibel zitierte, geschah es im allgemeinen mit dem Ausdruck Luthers, des Neuschöpfers unserer Sprache. Wenn aber der Vergleich mit andern Übersetzern offenbare Fehler des Reformators oder sinnentstellende Lesarten ergab, wählte ich das für meine Arbeit Geeignetere. Auch hier war ars mihi suprema lex. Zu unausgetragenen Streitfragen habe ich nach meinen Zwecken von Fall zu Fall Stellung genommen. In dem hitzigen Zwist, ob der Gnadenstuhl den ganzen Thron Gottes oder nur seinen Fußschemel darstellt, bin ich, schon weil die Anordnung der Cherubim mir für eine Sitzgelegenheit unsachgemäß erscheint, der Partei der Schemelanhänger beigetreten. Das schwere Problem, ob der Rock der jungfräulichen Prinzessinnen bunt oder mit Ärmeln versehen war, habe ich dahin gelöst, daß ich Thamar ein buntes und mit Ärmeln bedachtes Kleid anzog; dies schien mir vom Standpunkt ästhetischer Schneiderkunst aus recht brauchbar. Andere Entscheidungen aber sind erheblicher. Nachdenken verlangte zum Beispiel, daß Thamar nach ihrer Verjagung aus dem Hause Amnons ihr Haupt mit der Hand bedeckt. Als Trauergeste kommt dies nicht in Betracht, es mußte eine andere Erklärung gesucht werden. Hier glaube ich in Anlehnung an die heute noch geübte gleiche Art der symbolischen Kopfbedeckung gesetzestreuer Juden beim Segensspruch, wenn kein Hut zur Hand ist, und an den »Scheitel«, den die orthodoxe Jüdin auflegt, wenn sie geheiratet hat, einen Hinweis auf vielleicht jahrtausendalte Zusammenhänge gefunden zu haben. Ich lege die Handbewegung Thamars deshalb als gleichartig mit dem Zerreißen des Jungfrauenkleides aus: eine Kundgebung, daß sie zur Frau geworden sei, also ein öffentliches Bekenntnis ihrer Entehrung.
Ein wenig eigenmächtig bin ich mit dem Hohen Liede verfahren. Nicht in der Gleichstellung der Sulamitin mit Abisag, denn diese Hypothese ist schon vor mir aufgestellt und löst viele Schwierigkeiten. Auch der Verlockung, frei umzudichten, habe ich nicht nachgegeben. Selbst die uns ungebräuchlichen und nicht recht anschaulichen Bilder (»Haare wie eine Ziegenherde«, »Zähne wie geschorene Mutterschafe«) habe ich beibehalten, weil sie sehr charakteristisch sind. Aber ich habe einige Umstellungen mir vorzunehmen erlaubt, die eine bessere rhythmische Wirkung oder eine Bereicherung des Inhalts ergaben. So sind die »Töchter Jerusalems« in dem schalkhaften Gedichtchen zum Lobe der Landmädchen eine Zeile später aufgeführt, um einen hübscheren Sinn zu erzielen. Aus dem gleichen Grunde habe ich den Anfang des berühmten Wechselgesanges hier als Schlußzeilen angefügt. Wer unter Ihnen dichterisch begabt ist, wird mir ohne weiteres Absolution erteilen. Er wird auch verstehen, daß mich im »Hochzeitskanon« weder Luthers unverständlicher »Tanz von Mahanaim« noch die Übersetzung der Septuaginta-Lesart » machanim« und der daraus sich ergebende »Heereslagertanz« (Budde bei Kautzsch) befriedigen konnte. Um allen Fallstricken zu entgehen, habe ich den umfassenden Begriff »Reigen« gewählt.
Soweit es mir möglich war, habe ich die geistige Rüstung aus Ihrem Zeughaus gewissenhaft benutzt. Aber es geschah stets in dem Bewußtsein, nicht dadurch gefesselt zu sein, sondern nach freiem Recht gestalten zu dürfen – und zu müssen. Ich darf es mir deshalb auch versagen, alle Autoren aufzuführen, deren Werke ich, mit größtem Gewinn für mich persönlich, gelesen habe. Ich schrieb keine Doktordissertation mit obligatem, möglichst reichhaltigem Literaturverzeichnis, sondern behandelte einen alten Stoff als freischaffender Künstler.
Aber die für mich bedeutsamsten Genossen des langen und oft recht schwierigen Weges will ich doch zum Abschied noch einmal begrüßen: Kittel, Bertholet, Bänsch, Döller, Caspari, Dibelius, Jeremias. Vor allem aber und immer wieder gelesen und durchsonnen, verglichen und beglückt in mich aufgenommen: die Schrift selbst. Drei Übertragungen in mein geliebtes Deutsch geleiteten mich: Martin Luthers granitne Gewalt und hellseherische Sprechkunst. Das Sammelwerk derer um Kautzsch, dies Wunder höchsten wissenschaftlichen Fleißes, überwältigender Gründlichkeit und liebevoller Hingabe an den uns allen so teuren Stoff. Und die weiche, oft hohen poetischen Reiz ausstrahlende Übersetzung von Ludwig Philippson.