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Neue russische Erzähler
Lydia Sejfullina
Wirinea
Von der Vorkriegszeit bis in die dramatische jüngste Vergangenheit führt der Roman dieser russischen Bäuerin, die das Leid verkörpert, das in verbitterten Todesmut umschlägt
Textprobe: Umfang 243 Seiten
»Du bist aber großartig! Hast wohl viel Geld verdient? Das Mädchen in die Lehre schicken! Wenn es wenigstens ein Knabe wäre, was für einen Sinn soll es aber für ein Mädchen haben?! Ob du sie nun etwas lernen läßt oder nicht, sie wird sich schließlich doch einem Mann fügen müssen und nicht selbständig bleiben.«
»Das will ich machen, wie ich es selbst für richtig halte. Wie ich will, so werde ich's halten. Sag' nun von dir selbst: hast du keine Lust, zu mir zu kommen? Ist es denn besser, sich so herumzutreiben?«
Wirka runzelte ärgerlich die Brauen.
»Es zieht mich nicht besonders zu dir hin, denn die Kost bei dir wird nicht übermäßig fett sein. Ich hab' schon was von der Welt gesehen und weiß wohl, daß du mich nicht nur zur Verrichtung der Tagarbeit zu dir in die Hütte nehmen willst. Wirst gewiß auch des Nachts verlangen, daß ich dich beglücke. Ich mach' das aber, wann ich mag, für ein Stück Brot aber, oder für Geschenke kann man mich nicht dazu kriegen. Ich werde nicht zu dir kommen. Such' dir eine andere!«
Sie rückte das Tragjoch auf ihren Schultern zurecht und ging weiter.
»Warte einmal!«
»Nun, was willst du noch? Ich sagte dir doch, ich habe keine Lust.«
Pawel zögerte einen Augenblick, blickte sie an und sagte mit schlichter, angenehmer Stimme:
»Ganz umsonst wendest du alles zu deinem Nachteil, Bäuerin. ›Wo es besser ist –… will ich nicht hin, ich will ins Allerschlimmste untertauchen‹, so sagst du dir. Ich habe alles über dich gehört. Ich habe keine Lust, viel Worte zu machen, das aber sag' ich dir: du bist ein arbeitsames Weib, bist noch nicht vollständig verludert. Komm' zu mir und übernimm die Frauenarbeit. Umsonst werde ich dich nicht füttern: denn ich bin kein Kaufmann und auch kein gnädiger Herr. Wenn du aber arbeitest, so werde ich dir reichlich von dem zu essen geben, was ich auch für mich selbst verdienen werde. Was das Belästigen, das nächtliche Geschäft anbelangt, so will ich kein Gelübde leisten. Ich bin noch jung, du bist jung, wir werden dicht beieinander leben, wie sollte man da nicht in Leidenschaft geraten? Doch das sage ich dir, Gewalt werde ich dir nicht antun. Wenn du nicht magst, –… so magst du es bleiben lassen. Doch auch das will ich offen sagen, daß du, solange du in meiner Hütte leben wirst, auch mit anderen Männern nicht sündigen darfst. Dann sollst du keusch leben und für dein Seelenheil sorgen. Was mich anbelangt, so werde ich dir keinen Zwang antun.«
»Eigenes Laster riecht nicht, fremdes stinkt.«
»Das ist nun einmal so. Mit etwas anderem bin ich nicht einverstanden. Wenn du's nicht aushältst, so kannst du fortgehen, du bist nicht an mich gebunden. Immerhin wirst du dich wenigsten erholen. Und auch ich kann unter keinen Umständen ohne Weib sein. Du bist zu den Kindern freundlich, ich habe es selbst gesehen. Schlag' es also nicht geradewegs ab. Überlege es dir heute, und morgen kannst du mir es sagen.«
Wirka schüttelte den Kopf und sagte dann leise:
»Die Leute werden dich auslachen. Es war hier viel Gerede über mich.«
»Das kommt daher, weil du selbst am allermeisten von dir redest. Wenn du erst eine Zeitlang ruhig bei mir gelebt haben wirst, so werden auch die Leute sich ruhiger zu dir verhalten. Wenn ich dich ansehe, so möcht' ich meinen, daß du eigentlich mehr von deiner Sünde redest, als du wirklich sündigst. Hast du dich viel mit Männern herumgetrieben?«
»Nein! Nur mit einem Flüchtling, um die Leute zu ärgern, doch habe ich ihn nicht an mich herangelassen. Mit dem Schmied aber habe ich es gehabt, das ist wahr. Doch habe ich mich oft schamlos benommen, habe mich betrunken auf der Straße herumgewälzt und vor den Leuten mit den Mannsbildern schlimmen Unfug getrieben. Aber du fragst mich aus wie der Pope in der Beichte? Pfui! Und ich schwatze auch drauf los … Scher dich fort von mir, du zärtlicher Köter! Du willst ja auch nur dasselbe von mir wie alle die andern, machst aber erst noch soviel Redensarten. Pfui! Pfui! Pfui! Die Erde soll dich verschlingen, du verfluchter Kerl. Der schlimmste Schuft bist du unter allen Schuften!«
Schnellfüßig ging sie den steilen Pfad vom Flüßchen hinauf, spürte die Last der vollen Eimer nicht. Das Herz klopfte ihr in der Brust, und Tränen, die nur selten in Wirkas Augen traten, verschleierten ihr den Blick.
Auch in der Nacht noch weinte sie.
Neue russische Erzähler
Marietta Schaginian
Abenteuer einer Dame
Eine russische Aristokratin schildert in diesem Roman die Abenteuer, die sie während des Krieges und der Revolution in den verschiedensten Ländern Europas durchlebte. Ein künstlerisch und historisch wertvolles Kulturdokument
Textprobe: Umfang 224 Seiten
Wir hielten uns in Rom nicht länger auf. Wie an einen Traum erinnere ich mich an den dreitägigen Aufenthalt in Neapel, an das schmutzige Städtchen Brindisi, an den bespuckten Hafen, der nach Knoblauch und Teer stank. Die See war stahlblau, stürmisch, mit weißen Wellenkämmen. Der griechische Dampfer, der nach dem Piräus ging, wäre fast bei Archipelagos gescheitert. Wir wurden so geschüttelt, daß meine sieben Koffer wie Billardkugeln umherkollerten. Babette lag in der Kajüte und verfluchte Griechenland und die Griechen. In den Pausen zwischen den Anfällen der Seekrankheit schrie sie:
»Wenn ich Diplomat wäre, ich hätte es diesen Kanaillen, Bestien, Dieben, Koofmichen schon gezeigt! Sie verlangen Geld für die Table d'hote und lassen das Diner durch Läuten anmelden während eines solchen Wellenganges! Daß ihnen doch die Eingeweide eintrockneten, diesen Marinaden, diesen Schuften, daß doch … Geht doch zu Tisch!«
»Aber, Mütterchen, Warwara Sergejewna, es hat ja noch gar nicht geläutet!«
»Schadet nichts! Setzt euch vor dem Läuten hin! Eßt die Horsd'oeuvre, diese Marinaden! Sagt nur, daß ihr, be –… ach! –… vollmächtigt seid, für das Gezahlte –… ach! –… zu essen …«
Die unglückliche Babette mußte sich aus dem Fenster hinauslehnen, von wo ein durchdringender Geruch von Salz, Jod und Dampf hereinkam.
»So ist die Gnädige immer«, flüsterte mir Pawla Pawlowna mit tiefer Baßstimme zu, als wir zum Speisesalon hinaufstiegen. »Sie lebt nur von ihrer Phantasie. Es peinigt sie, daß sie für ihr Geld nichts essen kann. Eine andere würde ruhig verzichten, Warwara Sergejewna aber nimmt es sich sehr zu Herzen.«
An uns vorbei zogen die von Menschen und Göttern verlassenen Gipfel der griechischen Gebirgswelt. Der erste Schnee bedeckte ihre Spitzen, die den weiten, blauen Himmel schroff wie ein Schrei durchdrangen. Nun hatten wir den Boden der Antike betreten.
Neue russische Erzähler
Alexandra Kollontay
Wege der Liebe
3 Erzählungen
Textprobe: Umfang 420 Seiten
Er war ein ›großes Tier‹ geworden, die Gouvernementszeitungen zeigten seine Ankunft an.
Ich wußte, daß er in derselben Stadt weilte, und wie früher versetzte mich schon dieser Gedanke in Erregung und duldete keine ruhige Arbeit. Aber ich mied ihn. Ich wünschte keine neue Begegnung. Doch kam die Polizei mir auf die Spur. Die Kameraden warnten mich. Ich mußte mich schleunigst retten, wenigstens bis zum Morgen einen sicheren Unterschlupf finden, weniger um meinetwillen als wegen der Papiere, die ich bei mir hatte und nicht verbrennen wollte. Ich kam auf den Gedanken, zu M. zu gehen. In seiner Fabrikwohnung, wo er als Ehrengast lebte, war ich geborgen. Und ich ging zu ihm. Der Diener meldete mich. Ich nannte meinen früheren Namen. M. trat aufrichtig erfreut zu mir heraus. Als wir aber allein waren, und ich ihm den Grund meines Besuches sagte, verlor er den Kopf, bekam Angst, und sah mich gar nicht mehr freundschaftlich an. Keine Spur früherer Liebe lag in seinem Blick.
Als zwei völlig fremde Menschen standen wir uns gegenüber und müssen uns wohl beide gefragt haben: Ist es wirklich möglich, daß wir einander einmal lieben konnten? vor Sehnsucht nacheinander vergehen wollten? Mir schien, als stehe nicht M. vor mir, sondern ein entfernter Verwandter von ihm. Irgendeine Ähnlichkeit mit dem Gesicht, das ich geliebt hatte, war vorhanden, aber sonst –… ein absolut uninteressanter, fremder Herr.
Ich bedauerte, daß ich gekommen war, aber der Papiere wegen beschloß ich, fest zu bleiben, möge der Bourgeois innerlich über mich schimpfen und Angst ausstehen. Es schadet ihm nicht. Er wird etwas Fett verlieren.
Er bemühte sich seinerseits, mir höflich zu verstehen zu geben, daß meine Anwesenheit ihm äußerst ungelegen sei; ich tat als verstünde ich das nicht und berief mich auf die Rechte der alten Freundschaft.
Es blieb ihm nichts übrig, als mich für die Nacht zu beherbergen. Aber, mein Gott, ich kann mir denken, wie schlecht M. diese Nacht geschlafen hat. Ich habe ausgezeichnet geschlafen.
Druck von J. B. Hirschfeld (Arno Pries) in Leipzig