Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Er wurde auf der Station gefaßt. Er kaufte Lebensmittel bei den Händlerinnen auf. Er nahm die gewohnte Verhaftung heiter entgegen, zwinkerte dem grauen Mann mit dem Gewehr zu und fragte:
»Wohin führst du mich, Genosse? In die Transporttscheka oder in die Gouvernementstscheka?«
Der Soldat spuckte sogar aus:
»So ein geriebener Bengel! Weiß genau Bescheid!«
Man führte ihn in die Transporttscheka, dann in die Gouvernementstscheka. Dort saß er in Erwartung des Verhörs ruhig auf dem Fußboden. Beim Verhör gab er bereitwillig und guter Dinge Antwort:
»Dein Name?«
»Grigorij Iwanowitsch Peskow.«
»Aus welchem Gouvernement?« Die Stimme des ihn verhörenden Kommandanten klang undeutlich, verächtlich.
»Bin von weit her. Könnte den Weg zurück gar nicht mehr finden. Bin aus Iwanowo-Wosnessensk.«
»Wie bist du nach Sibirien gekommen?«
»Schönes Sibirien das! Bin schon viel weiter gewesen!«
Dabei sah er stolz um sich und musterte die Anwesenden.
»Ja, welcher Teufel hat dich denn aus Iwanowo-Wosnessensk hierhergebracht?«
Er berichtigte gelassen:
»Es war kein Teufel. Es war die Eisenbahn.«
Das lustige Lachen der Soldaten und des Mannes, dessen Feder über das Papier knirschte, beantwortete er, indem er auf den Fußboden spuckte.
»Die Amerikaner haben mich mit der Eisenbahn hergebracht. Sie haben viele Kinder mit Lehrern zur Erholung hierhergeschafft. Wird wohl das amerikanische Rote Kreuz gewesen sein. Mit einem Wort, es waren Amerikaner. Geht mich nichts weiter an. Lenin hat ihnen wohl Geld gegeben und gesagt: ›Füttert die Kinder da ein wenig auf!‹ Nun, und dann kam Koltschak. Manche fuhren weiter, manche starben, ich kam in ein Heim und bin von dort aufs Land geflohen.«
»Was hast du auf dem Lande gemacht?«
»Beim Popen als Knecht gedient. Wenn ich auch mager bin, arbeiten, das kann ich!«
»Hast du auch als Freiwilliger bei Koltschak gedient?«
»Ja. Bin aber bald geflohen.«
»Wie kamst du denn dazu, Freiwilliger zu werden?«
»Als die Roten kamen, flüchteten alle, ich mit. Niemand wollte mich aber haben. Da bin ich unter die Freiwilligen gegangen …«
»Warum bist du vor der roten Armee geflohen? Hattest du Angst?«
»Woher denn Angst! Ich gehöre selbst zur roten Partei. Nur weil alle geflohen sind, bin ich mitgeflohen.«
Die Soldaten fingen wieder an zu lachen. Der Kommandant schrie sie an und befahl:
»Untersucht ihn!«
Ebenso bereitwillig ließ er sich untersuchen, hob die Hände hoch mit gewohnter Bewegung. Die großen, grauen Augen blitzten munter und verschönten wie lichte Sonnenflecken das gelbe, abgezehrte, faltige Kindergesicht, den zerzausten, lausigen Kopf, der die Farbe von schmutzigem Stroh hatte. Im Sack des Jungen fand man einen großen Geldbetrag, ein Gebetbuch mit versilbertem Deckel, ein Pfund Tee und einige Meter Stoff. Das alles nahm man ihm weg.
»Woher hast du das Geld?«
»Einiges hab ich gestohlen. Einen Teil hab ich mir verdient.«
»Womit verdient?«
»Hab mit Zigarren, Zigaretten gehandelt, hie und da was gestohlen.«
»So ein Frechdachs!« brummte der Kommandant erstaunt. »Wo sind deine Eltern?«
»Vater ist im deutschen Krieg gefallen. Mutter hat andere Kinder gekriegt, fuhr dann irgendwohin, mit dem neuen Mann und den Kindern Brot holen, und mich hatten sie im amerikanischen Zug untergebracht.«
Abermals erwiderte ein blaues Leuchten seiner Augen den trüben Blick des Kommandanten. Der schüttelte den Kopf, wollte schon sagen: »Verlorene Menschenseele«. Doch die leuchtenden Augen Grischkas hielten ihn zurück. Er lächelte, kratzte sich am Kinn.
»Was hast du bei Koltschak getrieben?«
»Nichts. Ließ mich einschreiben und lief dann weg.«
»Also du gehörst der roten Partei an?« erinnerte sich der Kommandant.
»Ja. Erlauben Sie mir eine Zigarette anzustecken?«
»Du müßtest Prügel für dein Rauchen bekommen. Aber rauche nur. Wie alt bist du?«
»Bin am Tage des heiligen Gregors dreizehn geworden.«
»Die Heiligen scheinst du genau zu kennen. Wozu hast du das Gebetbuch mit?
»Der Pope hat darin meinen Vater eingeschrieben. Mein Vater, der im Himmel ist, wird sehen, daß man seiner gedenkt, und wird es dort leichter haben. Mutter hatte vergessen das zu tun, ich aber nicht.«
Der Blick des Kommandanten trübte sich wieder.
»Also Schluß. Wir müssen dich festnehmen.«
»Ins Gefängnis also? Meinetwegen. Das Essen dort ist nicht berühmt. Aber meinetwegen. Werde eben sitzen. Auf Wiedersehen!«
In der Tscheka erinnerte man sich noch lange an Grischka.
Aus dem Gefängnis holte ihn bald die Kommission für minderjährige Rechtsverletzer. In der Kommission gefiel es ihm viel weniger als in der Tscheka. Dort war man lustig, man lachte. Hier aber bedauerten einen alle, auch der Doktor quälte ihn lange.
»Wozu gibt er sich solche Mühe?« wunderte sich Grischka. »Hat meinen Kopf hin und her gemessen, auch die Finger! Wozu braucht er nur mein Maß? …«
Der Doktor hatte ihn auch so häßlich prüfend betrachtet. Vor der Untersuchung wurde Grischka sauber gebadet und gewaschen. Aber der Doktor sah ihn so an, als ob sein Körper noch immer schmutzig sei. Er fragte ihn auch über allerlei Peinliches aus. Das war häßlich von ihm. Grischka hatte viel gesehen und auch selber allerlei Unfug getrieben. Doch darüber brauchte man nicht weiter zu sprechen. Es ekelte ihn, daran zu denken. Er verspürte auch gar keine Lust mehr, wieder so etwas zu machen. Als er vom Doktor herauskam, war sein Gesicht gerötet, die Augen trübe und ohne Glanz. Der Doktor hatte zu viel in ihm herumgewühlt.
Doch abends im Heim für minderjährige Verbrecher gewann er seine Heiterkeit wieder, lobte das Essen.
»Das ist mal was anderes, als das Zeug in der Sowjetküche! Milch! Süßer Brei! Und Fleisch in der Suppe!! Das laß ich mir gefallen!«
Die Nacht war schlimm. Die Jungens kamen nicht zur Ruhe, und der »Lehrer« schrie sie in einem fort an. Irgendwie sah er dem Doktor ähnlich. Grischka konnte lange nicht einschlafen. Er verstand nicht, warum.
»Was ist mit mir los? Ich bin einfach nicht mehr gewöhnt, auf einem richtigen Kissen zu schlafen. Es stört mich!«
Die ganze Nacht hindurch, halb im Wachen, halb im Schlaf, wurde er von etwas gequält. Er sah die Mutter. Sie kämmte sein Haar und sagte:
»Wachse, Grischenka. Wachse und werde groß, mein Söhnchen! Wenn du groß bist, ruhen wir uns aus. Wirst Geld verdienen, Mutter und Vater versorgen … Du mein Herzenssöhnchen!«
Und sie küßte ihn.
Komisch. Seine Augen waren offen, und oben an der Decke brannte ein Licht. Er wußte, daß dies das Kinderheim war, daß Mutter gar nicht da war. Und doch spurte er ihren Kuß an seiner Wange und hatte Lust zu weinen. Er hüstelte wie ein Erwachsener, hielt das Weinen zurück und drehte sich auf die andere Seite … Bald sah er wieder den Doktor. Erinnerte sich an Weiber. Wieder erfaßte ihn Ekel. Wieder preßte etwas seine Brust zusammen. Er wollte beten, doch er konnte sich nicht mehr an das »Vaterunser« erinnern. Ein anderes Gebet aber kannte er nicht. So quälte er sich die ganze Nacht.
Ein Tag folgte dem anderen. Ein ganz gutes Leben hier, aber sehr langweilig. Morgens erhielt man Frühstück und wurde dann in den großen Saal geführt. Dort wurde vorgelesen. Doch immer langweiliges Zeug. Von einem guten Jungen und einem bösen … Am liebsten hätte er dem guten Jungen einen tüchtigen Stoß versetzt! Dann kamen allerlei Lehrerinnen:
»Kinder, wir machen jetzt ein Spiel und wollen dazu singen! Stellt euch im Kreise auf!«
Und man stellte sich zusammen mit den Mädchen im Saal auf. Die Mädchen tun schön und singen immer dasselbe: Vom Tannenbaum, vom Häschen, vom Laib Brot. Und dann machen sie noch so und dann wieder so mit den Händen, neigen den Kopf auf die eine, dann auf die andere Seite:
»Dort am Abhang, wo die Weiden sich wiegen …«
Zuerst reizte ihn dieses Treiben zum Lachen, dann ärgerte es ihn. Sein Kopf ist doch nicht aus Pappe! Man wackelt und wackelt mit dem Kopf und kriegt es bald satt! Am liebsten sang er noch die »Internationale« mit. Ein schönes, unverständliches Wort: Internationale! Ein Wort für Erwachsene, was anderes als der ewige Tannenbaum!
»Wacht auf, Verdammte dieser Erde!«
Das klang schön. Manchmal hätte er Lust gehabt, ganz allein für sich die Internationale zu singen. Doch manchmal kam ihm auch das langweilig vor. Wegen der »Internationale« hatte er dem Dreckkerl George die Schnauze vollgehauen. Dieser George, das ist so ein Bourgeoissöhnchen, dem irgendeine Tante immer schöne Kuchen bringt. George sagte einmal zu Grischka:
»Du mußt statt ›Wacht auf, Verdammte dieser Erde‹ ›Wach auf, verdammte Judenbrut‹ singen.«
Grischka aber gehörte der roten Partei an. Er wußte, die Juden sind auch Menschen. Damit beschimpfte man die Sowjetregierung, nur um sie zu ärgern. Das ließ er sich nicht gefallen und haute darum dem George die Schnauze voll. Seitdem wurde ihm das Heim noch unerträglicher: Er war für die Sowjetregierung eingetreten, und trotzdem schimpften ihn deswegen die ältere Tante, Sina und Konstantin Stepanytsch aus und nannten ihn »einen kleinen Verbrecher«. Und als im Heim Wäsche verschwand, wurde er mit noch zwei anderen, weil sie alle früher Diebe waren, ins Verhör genommen.
»Diese Dummköpfe! Hab ich nötig, hier zu stehlen? Bekomme ja gutes Essen! Was ist dabei, wenn wir früher gestohlen haben? Jeder wird stehlen, wenn sein Bauch leer ist. Wenn ich einmal von hier fortmache, dann stehle ich wieder!«
Der Gedanke wuchs: Fliehen! Weil es hier so langweilig ist! –… Man hatte ihnen versprochen, sie ein Handwerk zu lehren. Doch man tat es nicht. Man sagte, es fehle an Handwerkszeug. Er aber hatte es satt, immer und immer wieder ›Applikationen‹ aus Papier auszuschneiden. Einmal schnitt er eine große Menge solcher ›Applikationen‹ aus, klebte sie in der Toilette an die Wand und schrieb mit Bleistift darunter:
»Dieser Anblick gibt frischen Mut, wenn der Mensch sich erleichtern tut. Grigorij Peskow«.
Sonst war seine Schrift schlecht und schief, diesmal aber waren ihm die Buchstaben gut gelungen. Seitdem liebten ihn die Erzieher nicht mehr. Als ob ihm das nicht ganz gleich wäre! Dieser rothaarige Konstantin Stepanytsch hatte nur Interesse für Guitarre und Photographieren. Er hatte sie alle aufgenommen, der rote Teufel. Er darf die Kinder nicht hauen, doch er sticht einen mit den Augen, wie mit Schlangenbissen, und sieht einen immer so an, als wollte er einen beriechen: »Was für einer bist du?« Er selber raucht im Zimmer zum offenen Fenster hinaus. Den Kindern aber sagt er:
»Ein rechter Kerl raucht nicht.«
Grischka kümmert sich einen Dreck um's Rauchen! Er hat auch schon lange nicht mehr geraucht, hat es sich abgewöhnt und spürt keine Lust mehr dazu. Wenn aber Konstantin Stepanytsch das ewige Lied vom Rauchen beginnt und nicht aufhören will, zu schnüffeln und auszufragen: »Wer hat hier geraucht?« dann überkommt ihn die Lust, nun gerade eine Zigarette anzustecken. Und Tante Sina, die alle Kinder »Herzchen« nennt und ihnen den Kopf streichelt! So eine klebrige Person! Hat gar keine Lust dazu und streichelt doch! Und setzt einem mit ihren langen Reden zu:
»Das ist nicht schön, mein Herzchen! Man hat dich hier fein untergebracht, gibt dir gut zu essen und zu trinken, und du mußt dankbar sein, mein Lieber. Die Knöpfchen muß man alle schließen und das Haar ordentlich kämmen. Du bist ja schon groß. Möchtest du nicht, daß ich dir was vorlese? Willst du nicht etwas malen?«
So eine honigsüße Hexe! Und dann noch die ewigen Enqueten, mit denen sie einen quält! Jeden Tag soll man da schreiben, was man liebt, was man nicht liebt, was man möchte, welches Buch einem gefällt. Das letztemal brachte Grischka Tante Sina bei so einer Gelegenheit in große Wut. Er wollte keine Fragen beantworten und schrieb:
»Keen Enketten hab ich gern und wünsche nicht.«
Sie wurde ganz weiß im Gesicht, lächelte leise, spitzte die Lippen und sagte mit dünner Stimme:
»Dich lieb ich gar nicht. Du bist ein ungehorsamer Junge.«
Seinetwegen brauchte sie ihn nicht zu lieben. Mag sie ihren George lieben. Der kämmt sich ordentlich das Haar, zieht saubere Linien aufs Papier, beantwortet alle Fragen. Doch kaum dreht ihm Tante Sina den Rücken, macht er gleich was sehr Unanständiges hinter ihr her. Die Mädchen sind alle dreckig. Sie haben von Tante Sina gelernt, mit dünnen Stimmchen zu sprechen und immer schön zu tun. Im geheimen aber treiben sie schmutzige Sachen mit den Jungen. Nur Manjka aus dem Bergwerk geht noch an. Sie singt traurige Lieder und liest gern Bücher. Doch sie ist blaß wie Wachs und hustet ununterbrochen. Ist kränklich. Grischka sprach auch mit ihr nicht. Er hatte die Mädchen genügend kennengelernt und liebt sie nicht. Grischka liebt keinen Menschen. Alles ist ihm zuwider: Die Schlafstube, wo auf jedem Bett die gleiche Decke liegt, das Eßzimmer mit den neuen Tischen aus frischem Holz. Fliehen!
Das Kinderheim war in einem Kloster untergebracht. Vor dem Tor hielt ein Soldat Wache. Grischka dachte: Stimmt! Wir sind Rechtsverletzer! So steht es über uns geschrieben: ›Minderjährige Rechtsverletzer‹. –… Das klingt fein. Einfach heißt es: ›Diebe, Zuchthäusler‹, aber gebildet heißt es: ›Rechts-ver-le-tzer‹!
Der Name klang ebenso schön wie ›Internationale‹. Grischka war auf den Namen und auf die Wache vor dem Tor stolz gewesen. Doch jetzt störte ihn die Wache, da er fliehen wollte.
Der Frühling nahte. Wenn Grischka ins Freie kam, übermannte ihn Sehnsucht. Seine Nüstern bewegten sich wie bei einem Hund, und er bekam Lust, wie ein Vogel zu fliegen. Die Sonne wurde gütiger, wärmte mild. Der Schnee wurde weich. Das Wasser in dem schmalen Graben war nur noch mit einer ganz dünnen Eiskruste bedeckt. Die Schlitten knirschten nicht mehr über dem Schnee, sondern lärmten holperig. Die Pferdehufe klangen nicht mehr »tuk-tuk«, sondern »tschwak-tschwak« … Die Zweige der Bäume waren nackt und dünn. Im Herbst waren sie von toten Blättern, im Winter von Schnee beschwert. Jetzt hatten sie alles von sich geworfen, wurden leicht, beschwingt, wie nach einer langen, gut überstandenen Krankheit, sogen wonnig die Luft ein, baten den Himmel um Wasser. Die Jungen freuten sich des Frühlings, lärmten und schrien den ganzen Tag im Klosterhof. Wenn man nur fliehen könnte! Wenn man doch wenigstens draußen im Hof spielen könnte, wie man Lust hat! Aber so immer Reigen mit den Lehrern aufführen, danke!
Im Klosterhof wohnten Nonnen. Man hatte ihnen einen Teil der Räume weggenommen, sie aber noch nicht ausquartiert. Morgens und abends läutete traurig die Glocke. Schwarze Schatten tauchten dann aus den Winkeln hervor und bewegten sich leicht und gemessen, als ob sie schwömmen, der Kirche zu. Die Kirche stand an dem einen Hofende; ihr Hauptportal führte auf die Straße. Wenn die jungen und alten Nonnen in die Kirche gingen, sahen sie wie leblose Gestalten aus. Ganz anders waren sie am Tage, wenn sie geschäftig hin und her über den Hof und in die Bäckerei liefen. Da waren sie lebendige Frauen, die sich mit den Jungens zankten, kreischten. Den Kindern machte es Spaß, sie zu necken. Sie spuckten in den Brunnen. Einmal hatten sie die Kirchentüre aufgemacht und hineingeschrien:
»Lenin, Trotzki, Sownarkom!«
Die Nonnen beklagten sich beim Gouvernementskommissariat für Volksbildung. Seitdem führten die Kinder mit ihnen offenen Krieg. Das machte das Leben lustiger.