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Die Macht des Genies.


Über dem Golfe von Neapel lag der goldene Glanz eines Spätnachmittags; das ganze Gestade von Portici bis Castellamare, Vico und Sorrent schimmerte in der Farbenpracht des Südens, und dahinter erhob sich ernst und düster das braungraue Haupt des Vesuvs, dem nur eine leichte durchsichtige Rauchwolke entströmte. Und vor dieser entzückenden Landschaft breitete sich das prächtige tiefblaue Meer in seiner ganzen Schöne aus und lockte mit allen seinen bestrickenden Reizen. Eine grosse Menge von Barken und Booten wiegte sich daher auf den leichten Wellen; wer nur konnte, gönnte sich den erquickenden Genuss einer Meerfahrt. Fast alle Fahrzeuge der Marine von Sorrent, dem Hauptplatze, von welchem die Partien auf das Meer und nach Capri hinüber unternommen werden, waren daher ausgelaufen, und als nun noch eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft ankam, die ebenfalls dem Zauber des Meeres sich hingeben wollte, da war guter Rat teuer; keine passende Barke wollte sich mehr finden. Endlich ward aber doch noch ein, wenn auch etwas zu grosses Boot entdeckt und sofort mit Beschlag belegt. Die ganze Gesellschaft, aus Herren und Damen bestehend, stieg gewandt ein, die Marinari stiessen ab, und dahin ging es, unter frohem Jauchzen. Bald darauf ertönte Guitarrenklang, leise setzten einige Stimmen ein, wurden langsam lauter und lauter, voller und schmelzreicher, dann traten noch einige tiefere Stimmen dazu, und noch war das Boot noch keine Viertelstunde vom Strande entfernt, so klang der prächtigste Gesang über die weite Wasserfläche dahin. Die Insassen der übrigen Barken und Boote horchten entzückt auf.

»Gewiss Signor Barbaja mit den Seinen,« sagte da und dort einer, »mir ist es, als hörte ich die Stimme der Fronari.«

Und die das meinten, täuschten sich auch nicht. Der stattliche Herr mit den blitzenden schwarzen Augen, der da in der Mitte des Bootes sass und bisweilen taktschwingend den Arm hob, war der bekannte und beliebte Signor Domenico Barbaja, der Direktor der Oper von Neapel, die blendend schöne Sängerin vor ihm die Primadonna Angelina Fronari, der Liebling Neapels, der ihr zur Seite lehnende junge Mann mit dem schwärmerischen Blick der erste Heldentenor Pietro Sagasta, der Abgott aller neapolitanischen Damen, und auch die übrigen gehörten sämtlich zu der beliebten Operngesellschaft, selbst der etwas blasse junge Mann am Bug des Fahrzeuges, der mit seinen grossen geistvollen Augen träumerisch hinüberschaute nach der berauschend schönen Küste; er war der Kompositeur der Truppe, Signor Gioachimo Rossini.

Unterdessen glitt das Boot immer weiter hinaus in die Flut, und je mehr sich die Küste in blauen Dunst hüllte, desto mehr versenkten sich Sänger, Sängerinnen und Zuhörer in den Zauber der Melodien und vergassen nach und nach die ganze Welt um sich.

Eine Stunde mochten sie so im süssen selbstvergessenen Genusse dahingerudert sein, als sie plötzlich mit ihren Gedanken wieder in die Gegenwart zurückversetzt wurden: der erste Schiffer trat zu Signor Barbaja und bat ihn, umkehren zu dürfen, da ein Gewitter am Horizont emporsteige. Das war eine unliebsame Störung – nur von so kurzer Dauer sollte die schöne Fahrt sein! Alle waren dagegen; die kleinen Wölkchen dort weit hinten sahen ja nicht im geringsten beängstigend aus! Ehe sie herauf kämen, würde es Mitternacht sein, und ausserdem wäre es gewiss ganz romantisch, einmal ein richtiges Gewitter auf dem Meere zu erleben.

Um den Mund des Schiffers zuckte ein Lächeln. Es werde bei dem Gewitter auch einen Sturm geben, bemerkte er, aber wenn sich die Herrschaften davor nicht fürchteten, so solle die Fahrt nicht unterbrochen werden. Alle stimmten bei, versicherten, nicht die geringste Furcht zu haben, und so ging es weiter hinaus.

Mittlerweile ballten sich aber die Wolkenmassen immer dichter zusammen, dann und wann fuhr auch ein Windstoss über die weite Wasserfläche, dass das Meer aufschäumte, und schliesslich zuckten gleich mehrere Blitze auf einmal durch den dunkeln Himmel; zugleich begann das Meer zu tosen und warf das Boot hin und her. Auch das ganze Landschaftsbild veränderte sich schnell; auf die Küste lagerte sich ein grauer Dunst, und die Bergformen schienen sich schwankend zu verändern; es wurde schnell dunkler und dunkler – und um den Mut der meisten war es nun geschehen. Besonders die Damen verlangten dringend die Rückkehr, aber die Schiffer musterten kopfschüttelnd den Himmel und erklärten sodann, dass man den weiten Weg bis Sorrent nicht mehr zurücklegen könne, das Wetter sei rascher herauf gekommen, als sie selbst gedacht, und so müsse eine Landung auf dem nahen Capri versucht werden.

Niemand wagte diesen Ansichten der Erfahrenen zu widersprechen, denn immer grässlicher begann der Sturm zu heulen, immer tosender rollten die Wogen daher und spielten dem Boote immer grausamer mit. Mit jeder Minute stieg die Gefahr, und zu allem Unglück näherte sich nun auch noch eine kleine Barke mit fünf hilferufenden Insassen dem Boote. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte das kleine Fahrzeug bereits viel Wasser geschöpft und konnte unter der ersten besten nächsten Woge versinken; man musste sich also der Armen annehmen. Die Schiffer machten eine geschickte Schwenkung, die das Boot dicht an die Barke brachte, ein Dutzend Hände ergriff schnell die Bedrängten, zog sie herüber – und das Rettungswerk war vollbracht. Gleich darauf verschlang eine Sturzwelle die Barke. An ein Danken und Sichaussprechen war aber vorläufig nicht zu denken, es galt jetzt, mit aller Energie auf Capri zuzurudern; jeder musste dabei sein möglichstes tun, und den vereinten Kräften gelang es denn auch endlich, noch den rettenden Hafen der Insel zu erreichen.

Bleich und zitternd von der gewaltigen Aufregung, stieg die Gesellschaft mit samt den fünf Aufgenommenen, einem Schiffer, drei Herren und einer Dame, ans Land, und als man sich nun dort beim Scheine einer Laterne näher betrachtete, brach man gegenseitig in die lebhaftesten Ausrufe der Verwunderung aus: der Direktor Barbaja, Signor Sagasta und Signor Rossini begrüssten in dem einen der Männer den würdigen alten Maestro Paisiello, in dem anderen dessen Neffen Nicolo Partero und in dem dritten den reichen Kauf- und Handelsherrn Colbrano, den Freund beider, worauf der letztere der Gesellschaft in der jungen Dame seine Tochter Isabella vorstellte.

Darauf trat man zu einer allgemeinen Beratung zusammen, um sich über das zu wählende Nachtquartier zu einigen, und kam nach kurzem Erwägen überein, noch den Weg nach dem Städtchen Anacapri zu machen. Man hatte dabei zwar noch viele Felsenstufen zu steigen, denn das Städtchen liegt oben hoch auf der Insel, aber man war auch wieder guten Mutes und unterzog sich gern noch der kleinen Strapaze, in der Hoffnung, ein gutes Nachtessen und einigermassen behagliche Schlafstätten zu erhalten. Trotz des tobenden und heulenden Sturmes machte man sich auch unverzüglich auf, ja man behandelte bereits den ganzen Unfall mit Humor, und Signor Colbrano erklärte sogar, er werde sämtliche Mitglieder der Oper verklagen, da sie ihn mit Kind und Freunden in die schrecklichste Lebensgefahr gebracht, denn sie hätten ihn und die Seinen mit ihrem Gesange so bezaubert, dass er blind ihrem Boote gefolgt sei und des heraufziehenden Gewitters gar nicht geachtet habe. Sollte er jedoch nicht klagen, da er ein Feind aller Prozesse sei, so werde er sich wenigstens ernstlich rächen. Und mit dieser Rache begann er denn auch schon am selben Abend; er übernahm in dem kleinen Wirtshause zu Anacapri, wo die Gesellschaft einkehrte, die Sorge für das Nachtessen und liess, natürlich auf seine Kosten, eine so vorzüglich besetzte Tafel herrichten, dass sich die Gesellschaft an ihr in behaglichster Weise gütlich tun konnte. Das erhöhte selbstverständlich auch die allgemeine Stimmung, und es war daher auch nichts natürlicher, als dass man, nachdem man sich genügend gestärkt, auch wieder zu musizieren begann. Die Fronari sowohl wie Sagasta trugen verschiedene Arien von Paisiello vor, und als darauf Nicolo Partero, der Neffe Paisiellos, auf einem Eckbrett eine Zither entdeckte, fand sich auch Isabella, die eine Meisterin auf diesem Instrumente war, bereit, einige Beiträge zur allgemeinen Unterhaltung zu spenden. Sie bot zunächst ebenfalls einige Arien von Paisiello, dann aber ging sie zu einer Phantasie über »Tancred« über, jener Oper, welche damals noch die beste Rossinis war. Dabei wusste sie den Charakter der einzelnen Melodien so vortrefflich wiederzugeben, die einzelnen Schattierungen so vorzüglich hervorzuheben, dass alle entzückt lauschten und das Herz des Komponisten, der weiter in den Hintergrund zurückgetreten war, in immer tieferen und erregteren Schlägen pulsierte. So hatte noch niemand seine Schöpfungen verstanden, so innig war noch niemand in ihren Geist eingedrungen und so vollendet hatte sie noch niemand zu Gehör gebracht. Er trat daher auch sofort, als Isabella endete, zu ihr heran und dankte ihr in den herzlichsten Worten. Bei dem reichen Lobe des Komponisten über ihre vollendete Technik schüttelte sie zwar mit einem reizenden Lächeln den Kopf, aber der Anerkennung, die er dem Arrangement der ganzen Phantasie zollte, schien sie sehr erfreut zu lauschen. Sie gestand, dass sie diese selbst hergestellt, und fragte nun rückhaltlos um Rat über verschiedene Passagen, die ihr noch nicht nach Wunsch waren. Dadurch entspann sich schnell ein lebhaftes Gespräch zwischen den beiden, welches sich dann trotz der verschiedenen Versuche Nikolos, es zu unterbrechen, auch auf das gesamte Gebiet der Musik ausdehnte und Rossini immer deutlicher erkennen liess, dass Isabella die feinfühligste und im Reiche der Töne erfahrenste junge Dame war, die er je kennen gelernt hatte. Nichts war daher auch natürlicher, als dass er, nachdem man sich zur Ruhe begeben, immer und immer wieder ihr Bild sah, den schönen Kopf mit den grossen dunklen Augen und den feingeschnittenen Mund, der ihm ja wiederholt so lieblich gelächelt.

Am anderen Morgen herrschte wieder, das prächtigste Wetter, von dem Gewitter erblickte man keine Spur mehr, und gern hätte Signor Colbrano, der sich in jovialster Laune befand, mit der ganzen Gesellschaft nun, da man sich einmal auf der Insel befand, auch noch die malerischen Ruinen der Paläste des Tiberius besucht, allein Signor Barbaja hatte notwendige Proben abzuhalten, und so musste sich der Kaufherr damit begnügen, ein heiteres Zusammensein mit den Künstlern und Künstlerinnen auf später zu verschieben. Er lud daher, als man sich in Sorrent trennte, alle recht freundlich ein, die Villa Colbrano in Neapel so bald als möglich aufzusuchen und somit den freundlichen Verkehr weiter zu pflegen, der in so lebensgefährlicher Weise begonnen worden war.

Und diese Aufforderung hatte Signor Colbrano an das Künstlervölkchen nicht vergeblich gerichtet; bald kam der eine, bald der andere; am öftesten aber stellte sich Gioachimo Rossini ein. Er brachte meist Noten mit, kleine neue Kompositionen von sich, oder Neuerschienenes von Adam oder Boieldieu, und dann ging es an ein Musizieren, Kritisieren, Bewundern und Verurteilen, dass die Stunden wie Minuten dahin eilten. Die jugendlichen Herzen schlossen sich dabei immer fester aneinander, und bald gewann Rossini die Überzeugung, dass eine Trennung nicht mehr möglich sei, dass Isabella die Seine werden müsse, solle er nicht für das ganze Leben Friede und Freude verlieren. Er wagte daher eines Abends seine Werbung bei ihr, und sie streckte ihm hochbeglückt ihre Hand entgegen, sie hatte ja längst auf das Geständniss gehofft.

Mit diesem Bunde der Herzen war nun aber der Weg zum Glück bei weitem noch nicht eröffnet. Isabella wusste sehr wohl, dass der Wunsch des Vaters eine Ehe mit Nicolo Partero war, und dass dieser sich auch bereits so halb und halb als ihren Verlobten ansah. Aber sie hatte von jeher keine Neigung zu ihm fassen können, er war ihr ein eingebildeter Mensch und dabei ein sehr kleinlicher Kaufmann, der sich über Kaffee und Reis einen ganzen Abend unterhalten konnte, dass sie immer ein Grauen überkommen war, hatte sie sich überlegt, dass sie dereinst an seiner Seite ihr Leben verbringen sollte. Als sie dann den genialen Rossini kennen gelernt hatte, da war Nicolo schnell bei ihr in den Hintergrund getreten, und nun stand es bei ihr fest – ihm, nur ihm, dem gottbegnadeten Gioachimo durfte sie angehören!

Sie riet daher einfach dem Geliebten, ganz frei vor den Vater hinzutreten und um seine Einwilligung zu ihrem Bunde zu bitten, das weitere werde sich dann schon finden. Das war nun allerdings sehr kühn, und fast wollte es Rossini bedünken, als sei es sogar gefährlich, allein Isabella sprach doch so zuversichtlich, dass ihm schliesslich alle Bedenken schwanden und er den gewagten Schritt beschloss.

An einem der nächsten Vormittage machte er darauf Signor Colbrano eine feierliche Visite und hielt in aller Form um die Hand der Tochter an, aber zu seinem Schrecken machte der Kaufherr zu der wohl überlegten Rede durchaus nicht das entsprechende Gesicht; er schien seine frühere Jovialität ganz eingebüsst zu haben, so dass dem armen Komponisten die letzten Worte fast in der Kehle stecken blieben. Er rang sie aber doch noch mit aller Anstrengung heraus und blickte nun Signor Colbrano mit hochklopfendem Herzen erwartungsvoll an. Dieser brauchte die Antwort nicht erst zu überlegen.

»Bei allen Heiligen!« rief er in seiner lebendigen Art, »was ist das für eine Tollheit! Ich werde meine Tochter nach Rom zu ihrer Tante schicken, dass sie auf andere Gedanken kommt, ich sehe, ich kann sie hier nicht mehr in den gehörigen Schranken halten! Und Ihnen, mein lieber Signor Rossini, muss ich zu meinem Bedauern mitteilen, dass über Isabella bereits verfügt ist, aber auch wenn sie noch frei wäre, würde ich sie Ihnen nicht zur Frau geben können, das würde denn doch zu sehr gegen die Traditionen meiner Familie verstossen. Ein Paisiello können Sie mir zwar einwenden, habe ja seinerzeit eine Verwandte meines Hauses geheiratet, aber, verzeihen Sie in diesem Falle auch meine Offenheit, das war eben auch ein Paisiello

Bei diesen letzten Worten regte sich der Künstlerstolz in Rossini. »Und meinen Sie, dass Paisiello für mich unerreichbar wäre?« rief er.

»Ich habe alle Achtung vor Ihren Talenten,« versetzte Colbrano, »Sie leisteten ja auch in Ihrem »Tancred« sehr Treffliches.«

»›Aber immerhin nichts Bedeutendes‹, glauben Sie wohl bei sich noch hinzusetzen zu müssen,« entgegnete Rossini. »Sie vergessen jedoch dabei, dass ich meine künstlerische Laufbahn erst begonnen habe und dass ich wohl hoffen darf, bei ernstem Streben mir dereinst unter den Komponisten Italiens einen ehrenhaften Platz zu erringen!«

»Ich will Ihnen hierin nicht im geringsten widersprechen,« gab der Kaufherr zur Antwort, »allein ich muss Ihnen bemerken, dass ich in meiner langjährigen kaufmännischen Laufbahn stets den Grundsatz befolgt habe, niemals auf Hoffnungen zu bauen.«

Rossini trat erbleichend einen Schritt zurück. »Und auch das Lebensglück Ihrer Tochter wollen Sie nach kaufmännischen Grundsätzen zu gründen suchen, ohne die Rechte des Herzens dabei zu beachten?«

»Es dürfte das meinem eigenen Ermessen anheim zu geben sein,« versetzte Colbrano mit kalter Höflichkeit, »und da nun wohl auch unsere Angelegenheit erledigt ist – –«

Rossini hörte gar nicht mehr, was Colbrano weiter sprach – er war wie betäubt von der grausamen Wahrheit, dass es aus sei mit seinen wonnigsten Hoffnungen, dass er entsagen müsse. Das Herz krampfte sich ihm schmerzhaft zusammen, er schwankte zur Türe und verliess ohne Gruss das Zimmer. Erst als er wieder draussen auf der Strasse stand, wurde es ihm wieder freier, er blieb einen Augenblick stehen und holte tief Atem, dann aber eilte er mit raschen Schritten davon, um aus dem Banne des Hauses zu kommen, in dem er das süsseste Glück gekostet und die bitterste Erfahrung seines Lebens gemacht hatte.

Es wusste erst nicht, wohin er ging, er stürmte nur immer vorwärts; die Gedanken wühlten chaotisch in seinem Hirn, und er hörte wieder und wieder die tief schmerzenden Worte: »das war eben auch ein Paisiello!« Ja, es lag auch eine bittere Wahrheit in diesen Worten, er war kein Paisiello, und doch fühlte er, dass er weit mehr sein konnte als dieser. Aber er hatte sein Genie niemals in seiner ganzen Macht wirken lassen; zuerst war es ihm nur die Ernährerin gewesen, die ihm Brot schaffte, und dann hatte er wohl zu viel auf die Wünsche der Theaterdirektoren gehört, die immer nur leichte abwechselungsreiche Tagesmusik verlangten. Infolgedessen hatte er nur einmal einen Anlauf zu gediegeneren Schöpfungen in seinem »Tancred« genommen und dadurch die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen; dann aber hatte er die Hoffnungen, die er erweckt, nicht erfüllt. Statt höher zu steigen, war er wieder zur leichten Tagesmusik zurückgekehrt, und er durfte sich nun nicht wundern, wenn man jetzt der Ansicht war, dass er mit »Tancred« seine Kraft bereits erschöpft habe. – Das sollte, das durfte man aber nicht, denn wohl fühlte er, dass sein Genius noch ganz anders die Schwingen regen und ihn weit, weit über Paisiello emportragen werde, ja, wahrhaftig, alle Lässigkeit wollte er jetzt abstreifen; um die Wünsche Barbajas wollte er sich nicht im geringsten kümmern; ganz frei von allen Einflüssen wollte er schaffen, und dann musste ihm all das Glück wieder hold sein, dann musste er sich auch sie noch erringen!

Er war mittlerweile zum Strand hinabgeschritten und liess sich nun dort auf einen Felsblock nieder, um zu überlegen, was er zunächst für Wege zur Erreichung seines Zieles einschlagen müsse. Eine neue Oper wollte er komponieren, das stand bereits bei ihm fest, aber welcher Richtung sollte er sich zuwenden?

Da hörte er plötzlich nicht weit von sich ein lautes herzliches Lachen; verwundert schaute er sich um und traute seinen Augen kaum: etwa fünfzig Schritte weiter am Strande hinauf lag behaglich unter einem Ölbaume ausgestreckt sein Freund Sterbini, ein Buch vor sich, in dem er angelegentlich las. Das war ja prächtig, da traf er ja gleich jemanden, dem er sich mitteilen und den er um Rat fragen konnte.

»Wahrhaftig!« rief er, sich erhebend, hinauf, »das sieht sich ja reizend an, als lebten wir noch im goldenen Zeitalter!«

Sterbini blickte auf, und als er den Freund erschaute, sprang er im Nu empor und kam, das Buch in der Hand, herbeigeeilt.

»Das ist ja köstlich,« versetzte er dabei lustig, »Dich müssen die gütigen Götter hergeführt haben. Noch eben wünschte ich, dass Du hier sein möchtest. Ich habe etwas für Dich gefunden, was für Dich wie geschaffen ist: einen Operntext, wie Du ihn Dir schöner nicht denken kannst!«

Rossini sah den Freund ungläubig an; sollte sich sein Wunsch so schnell erfüllt haben, dann musste er ja ein Günstling der Götter sein.

Sterbini kehrte sich aber nicht an den Zweifel. »Es ist so, wie ich sage,« fuhr er fort, reichte Rossini die Hand und schritt nun mit ihm weiter am Gestade entlang.

»Das geniale Buch,« fuhr er dabei fort, »welches mich auf diesen neuen Operntext gebracht hat, enthält nichts Geringeres als die Lustspiele des Beaumarchais.«

»Aber diese sind ja leider bereits in Musik gesetzt worden von Mozart und von Paisiello!« rief Rossini enttäuscht.

»Von Mozart,« erwiderte Sterbini mit einem komischen Pathos, »das ist richtig, und an diesen Heros wollen wir nicht rühren. Es wird niemand kommen, der etwas Besseres komponiert als ›Figaros Hochzeit‹. Aber den ›Barbier von Sevilla‹, den der Maestrino primario Paisiello ans Tageslicht gefördert, den wird ein Rossini in den tiefsten Schatten stellen. Ich kannte bisher nur die Operntexte, nicht die Lustspiele selbst, heute kommen sie mir in die Hände und ich bin nun erstaunt über den Reichtum von Witz, der darin enthalten ist und den Paisiello nicht im geringsten zu verwerten wusste. Du wirst die Sache anders angreifen, Du wirst einen ganz prächtigen Kerl aus diesem Cicero aller Barbiere, aus diesem zungenfertigen, schlauen, verschmitzten Figaro machen, Du wirst auch die schalkhafte Rosine mit ganz anderen Reizen ausstatten, wirst den dummstolzen Doktor Bartholo charakterisieren, dass das Volk in lauten Jubel ausbricht – o, ich sehe sie schon alle, wie Du sie regierst, denn ich weiss, das ist so gerade Deine eigenste Domäne, die Schilderung des frohen, heiteren Lebensgenusses!«

»Den soll ich verherrlichen?« brach es jetzt aus Rossini hervor. »Nun, dann könntest Du mir auch ebensogut empfehlen, die Ziegen in den Abruzzen zu hüten, denn wenn einer gerade jetzt nichts weniger als geneigt ist, sich in die Heiterkeit des Lebens zu versenken, so bin ich es.« Und nun berichtete er dem Freunde von seinem Unglück.

Sterbini hörte ihm aufmerksam zu; als Rossini aber geendet, hatte der Freund seine gute Laune noch keineswegs verloren und sein Projekt noch keineswegs aufgegeben, ja er behauptete sogar, die Situation wäre in gewisser Hinsicht nur noch günstiger geworden. Überzeugender werde er dem alten Colbrano gar nicht beweisen können, dass er denn doch ein ganz anderer Kerl als der weichliche Paisiello sei. Auch allen sonstigen Bedenken Rossinis wusste Sterbini zu begegnen und nahm ihm schliesslich das Versprechen ab, sich unverzüglich an die Arbeit zu machen, sobald er das Libretto, das er ganz neu mit engerer Anlehnung an Beaumarchais schreiben wolle, ihm eingehändigt haben werde.

Noch am selben Tage begann Sterbini die Anfertigung des Textbuches und gab sich dieser mit solchem Eifer hin, dass er es schon nach verhältnismässig kurzer Zeit Rossini fertig vorlegen konnte. Darauf begaben sich beide jungen Männer zum Direktor Barbaja und machten ihm von dem Projekte Mitteilung.

Der stets nach Novitäten ausschauende Theaterregent war über diesen Plan sehr erfreut, er setzte sofort einen Kontrakt auf, den Komponist und Librettodichter unterschrieben, und nahm Rossini noch insofern in seine Hut, als er ihm versprach, während der ganzen Zeit, in welcher er an der Oper arbeitete, Speise und Trank zu liefern, damit er nicht nötig habe, das Wirtshaus aufzusuchen, was ihn leicht zerstreuen könne.

Rossini nahm dies Anerbieten gern an, schon weil es mit seiner Kasse schlecht bestellt war; er kehrte unverzüglich in seine Wohnung zurück und gab sich das Versprechen, sie nicht eher wieder zu verlassen, als bis er sein Werk vollendet habe, und dieses Versprechen hielt er auch. Mit einem Eifer, den er bisher noch nie entwickelt hatte, vertiefte er sich in seine Arbeit, und liess er je einmal ermattet die Hand sinken, so trat ihm das holde Bild seiner geliebten Isabella vor die Seele, und zugleich war es ihm, als hörte er den alten Colbrano neben sich sagen: »Das war eben auch ein Paisiello!« Dann raffte er sich schnell wieder auf, und der Quell herrlicher Melodien begann aufs neue zu strömen.

Aber auch Barbaja hielt sein Versprechen, er versorgte den Komponisten täglich mit einem besonders vorzüglich besetzten Mittagstisch und versetzte ihn dadurch immer in eine gewisse behagliche Stimmung. Schon damals regte sich in Rossini die grosse Vorliebe für feine Speisen, die sich dann ja später bis zur Gourmandise ausbildete.

So schritt die Arbeit rüstig vorwärts, und als eines Tages, es war Ende Januar 1816, Sterbini den Freund besuchte, teilte ihm dieser mit strahlenden Blicken mit, dass er soeben das letzte Terzett und den Schlussgesang vollendet habe, es fehle jetzt nur noch die Ouvertüre.

Das war eine Freude für den wackeren Sterbini! Er schloss den Komponisten in seine Arme und küsste ihn herzlich, dann aber ergriff er die Partitur, setzte sich ans Klavier und ging sie Szene für Szene durch. Gleich das Morgenständchen des Grafen Almaviva fand seinen Beifall; bei der lustigen Kavatine Figaros: »Ich bin das Faktotum der schönen Welt!« jauchzte er laut auf, und je weiter er kam, desto mehr wuchs sein Entzücken. Eine so anmutige, frische Musik, einen so lustig sprudelnden Humor hatten seine kühnsten Träume nicht zu erhoffen gewagt. Als er daher den Schlussakkord gespielt, sprang er auf, ergriff die Hand Rossinis und rief begeistert:

»Du hast ein Meisterwerk von grösster Bedeutung geschaffen, das Deinen Namen unsterblich machen wird. Du wirst Dich damit auf die Sonnenhöhe des Glückes schwingen und auch das Mädchen Deines Herzens Dir erringen! Vergiss dann auch Deinen alten Freund nicht, der Dir so hoch nicht zu folgen vermag!«

Rossini war über das reiche Lob des Freundes ganz betreten; einen solchen Erfolg hatte er nicht erwartet. Er hatte zwar wacker gearbeitet, aber es war ihm doch nichts wirklich sauer geworden; freilich bedachte er dabei nicht, dass er hier sein Genie am freiesten hatte walten lassen können, und dass der Hinblick auf den schönen Preis, auf Isabella, ihn ununterbrochen angespornt hatte.

Darüber weiter nachzusinnen liess ihm auch Sterbini keine Zeit, er nahm den Komponisten beim Arme, ergriff die Partitur, und nun ging es zu Signor Barbaja, der die neue Schöpfung von Anfang bis zu Ende anhören musste.

Der kluge Theaterdirektor erkannte natürlich noch viel klarer als der Librettodichter die grosse Bedeutung der Komposition; er wusste sehr bald, dass er hier ein Zug- und Kassenstück von grösster Wichtigkeit vor sich hatte, und versäumte daher auch nichts, um die Oper sobald als möglich in Szene gehen lassen zu können.

Dabei kam allerdings auch die Nachricht unter das Publikum, dass Rossini eine neue Oper komponiert habe und dass dem Libretto ganz dasselbe Lustspiel Beaumarchais' zugrunde liege, das bereits Paisiello zu einem Texte habe dienen müssen, und nun waren alle Verehrer des alten Meisters im höchsten Grade gespannt, wie »der junge Anfänger« mit dem Stoffe wohl fertig geworden sein würde. Die Neugier verwandelte sich aber bald in Verstimmung, als es sich mehr und mehr herumsprach, dass die Arbeit eine sehr bedeutende sei. Wie könne der junge Mann es wagen, riefen sie, einem so würdigen Komponisten in so ordinärer Weise den Rang abzulaufen! Ein solches Beginnen müsse notwendig mit einer grossen Blamage enden; besser wie bei Paisiello könne der »Barbier von Sevilla« gar nicht in Musik gesetzt werden. Da aber ruhiger Denkende und auch die Freunde Rossinis anderer Meinung waren, so teilte sich das Publikum von Neapel sehr bald in zwei Parteien, die mehr und mehr eine feindliche Stellung zueinander einnahmen. Besonders die Anhänger Paisiellos eiferten sich von Tag zu Tag in eine gereiztere Stimmung hinein, denn sie waren auch dahinter gekommen, dass es mit der neuen Oper noch eine ganz besondere Bewandtnis hatte, dass Rossini sich damit die bereits halb und halb dem Neffen Paisiellos versprochene reiche Isabella Colbrano erobern wolle, dass also die Familie Paisiellos doppelt geschädigt werden solle.

Mit der Inszenierung und Einstudierung der Oper ging es unterdessen rüstig vorwärts. Rossini wurde aber von der Aufregung, die im Publikum herrschte, so erregt und auch von dem Zweifel, ob er auch wirklich mit seinem Werke durchschlagen und den Preis erringen werde, mehr und mehr so gepeinigt, dass er keine Sammlung finden konnte, um noch die Ouvertüre für sein Werk zu schreiben, bis ihn endlich am Tage der Aufführung Barbaja aufs ernsteste mahnte, worauf er nun das Gewünschte in einem Zuge aufsetzte. Noch nass wanderte das Manuskript eiligst zu den Kopisten, die darauf schnell die Stimmen ausschrieben. Schliesslich hatte das Orchester gerade noch so viel Zeit, die Komposition noch einmal durchzuspielen; unmittelbar darauf musste es sich in das Theater begeben, wo bereits ein dicht gedrängtes unruhiges Publikum der Aufführung harrte. Jeder befand sich in einer gewissen fieberhaften Aufregung, denn dass sich etwas Ungewöhnliches abspielen werde, entweder auf der Bühne oder im Zuschauerraum, war ja mit Bestimmtheit zu erwarten. Als die Ouvertüre begann, ward es ruhiger, als sich jedoch der Vorhang hob, fingen bereits die feindlichen Stimmen, in erster Linie Nicolo Partero und die seinen, an, sich zu regen, und beim Erscheinen Figaros entstand ein Zischen und Pfeifen, ein Poltern und Brummen, dass der arme bestürzte Sänger, ein gewisser Sommeni, sein munteres Liedchen kaum zu Ende bringen konnte; ähnlicher Lärm erhob sich bei dem Auftreten Rossinis, ja er steigerte sich sogar noch, als die Freunde Rossinis eine Beifallsäusserung wagten. Man hielt sich aber immer noch in gewissen Schranken, denn die Rosine sang ja die allbeliebte Fronari. Als diese dann jedoch dem Doktor Bartholo die Szene überliess, da brach der völlig entfesselte Sturm los; die Oper sollte ja doch auf alle Fälle vernichtet werden. Die Freunde des Komponisten räumten aber auch ihrerseits nicht so ohne weiteres das Feld, es kam zu Konflikten und gegen das Ende der Aufführung hin entspann sich ein solcher tumultuarischer Kampf, dass die Hitzigsten sogar zu Tätlichkeiten übergingen und Rossini nur mit Lebensgefahr aus dem Theater flüchten konnte.

Noch am selben Abend verbreiteten sodann die Paisielloisten die Nachricht, dass Rossinis »Barbier von Sevilla« kläglich durchgefallen sei, dass das Werk wohl nie wieder das Licht der Lampen erblicken werde.

Darin irrten sie sich jedoch. Der Direktor Barbaja änderte, trotz dieses ersten Misserfolges, sein Urteil über die neue Oper keineswegs; er war sogar so kühn, die zweite Aufführung schon auf den nächsten Tag wieder anzusetzen. Dieser so raschen Wiederholung stellten sich jedoch grosse Schwierigkeiten in den Weg; bei dem Tumulte der ersten Aufführung war sowohl die Ouvertüre, als auch diejenige Arie, welche Rosine in der Singstunde vorzutragen hat, verloren gegangen und Rossini, der sich in der traurigsten Gemütsverfassung befand, war nicht imstande, die beiden Kompositionen noch einmal aufzuschreiben. Man half sich aber, indem man für die abhanden gekommene Ouvertüre diejenige zu »Elisabeth«, eines früheren Werkes des Komponisten, wählte (die man nun auch noch heutigen Tages bei der Aufführung des »Barbier von Sevilla« spielt), während die Fronari sich schnell entschloss, für die verlorene Singstundenarie ein neues Lied einzulegen, von dem sie hoffen durfte, dass es gefallen werde. Nun waren alle Hindernisse beseitigt, und pünktlich begann die Aufführung, freilich ohne Rossini, der sich nicht entschliessen konnte, das Theater so bald wieder zu betreten, aber abermals vor einem völlig besetzten Hause, das sich diesmal jedoch ganz anders verhielt, wie dasjenige der ersten Aufführung. Jede Ruhestörung, die auch jetzt wieder gleich im ersten Akte versucht wurde, wies es energisch zurück, und als Figaro mit seiner munteren Kavatine erschien, lauschte es mit Entzücken und brach am Schluss in lauten Beifall aus. Damit war aber auch das Schicksal des Werkes für alle Zeiten entschieden; der Applaus wuchs mit jeder Szene, und als das Finale ausklang und der Vorhang herabrauschte, da brach ein Jubel aus, wie ihn der Direktor Barbaja seit vielen Jahren nicht erlebt hatte. Die Macht des Genies siegte eben mit voller Gewalt über alle die niederen Ränke der Missgunst und des Neides.

Hundertstimmig wurde nun nach dem Komponisten gerufen, da dieser jedoch nicht zur Stelle war, so trat Barbaja hervor und eröffnete, dass Rossini nicht gewagt habe, an der Vorstellung teilzunehmen. Das machte die allgemeine Begeisterung nur noch mehr emporlodern. »Auf, wallfahrten wir zu ihm, bringen wir ihm unsere Huldigung persönlich dar!« tönte es durch den Saal und alles stimmte ein.

Das ganze Publikum mit samt den Sängern und Sängerinnen machte sich auf den Weg; vor dem kleinen bescheidenen Häuschen Rossinis trat Sagasta, der den Almaviva gesungen hatte, aus der Menge hervor und begann das Ständchen aus dem ersten Akte der Oper. Verwundert trat Rossini ans Fenster; als er aber die Menge sah, ahnte er sofort den Umschwung, öffnete – und nun scholl ihm ein donnerndes Hoch! entgegen.

Von nun an war er der Held des Tages. Sein Ruf verbreitete sich schnell über ganz Italien; schon wenige Tage später musste Barbaja mit seiner Truppe auf dringende Bitten des Herzog Cesarini, des Eigentümers und Direktors des Theaters Argentina in Rom, nach der ewigen Stadt kommen und dort verschiedene Aufführungen des »[Barbier] von Sevilla« veranstalten. Auch dort wurde das Werk, obgleich auch da noch die Anhänger Paisiellos einen Widerspruch wagten, mit Enthusiasmus aufgenommen.

Die Rückkehr Rossinis und Barbajas nach Neapel glich darauf einem wahren Triumphzuge – und nach diesem erachtete auch der Komponist die Zeit für gekommen, nochmals in der Villa Colbrano anzuklopfen. Jetzt konnte ihm der Kaufherr die Hand der Tochter nur abschlagen, wenn er sie ihm überhaupt nicht geben wollte. Dies konnte freilich auch der Fall sein, und darum wurde trotz der gänzlich veränderten Verhältnisse dem Komponisten der Schritt sehr schwer. Kaum hatte er aber den Hausflur der Villa betreten, als eine Tür zu seiner Rechten aufflog, Isabella daraus hervorstürzte und im nächsten Augenblick in seinen Armen lag.

»Ich kannte Dich ja, Geliebter, ich kannte Dich ja!« rief sie einmal über das andere, und die Tränen der Freude rannen ihr über das Antlitz. »Du würdest nun zu stolz sein in Deinem Glück und Ruhm, sagten sie mir. Du würdest Dich nun meiner nicht mehr erinnern. Aber das konnte ich nicht glauben, ich wäre dann ja auch vergangen vor Kummer und Gram! Nun aber bist Du mein auf ewig!« Sie presste einen heissen Kuss auf seine Lippen.

In demselben Augenblicke ward auch eine Tür zur Linken Rossini's geöffnet und Signor Colbrano trat daraus hervor, dem Komponisten die Hand entgegenstreckend.

»Können Sie mir verzeihen?« rief er.

»Lassen wir das Vergangene!« versetzte Rossini, die Hand ergreifend, »gemessen wir ganz und ungetrübt die Gegenwart, wir sind ja glückliche Menschen!«

Damit war auch der letzte Schatten beseitigt, und Rossini trat in eine neue Phase seines Lebens ein, die nur hellen, freundlichen Sonnenschein für ihn hatte.

Zunächst richtete der alte Colbrano eine glänzende Hochzeit aus, bei der natürlich der Direktor Barbaja, der treue Sterbini, die Fronari, Sagasta und der lustige »Barbier« Sommeni nicht fehlten, und dann flog das junge Paar hinaus in die Welt, zunächst nach Deutschland, dann nach England und zuletzt nach Frankreich, überall mit Enthusiasmus empfangen und mit Ehren überhäuft. Isabella war auf allen diesen Kunstreisen Rossini eine liebevolle Gattin, die ihm mit ihrem klaren Verstande und ihrem feinfühligen Herzen stets treu zur Seite stand, ihn sorgsam vor allem Ungemach bewachend, und die ihm dann in Paris und in Passy, wo er sich schliesslich dauernd niederliess, ein trautes Heim einrichtete, in welchem er noch manches schöne Werk, besonders den herrlichen »Tell«, komponierte, und in welchem er immer bei heiterem Lebensgenuss einen anregenden Verkehr mit den hervorragendsten Geistern seiner Zeit pflegte. Kam dabei die Unterhaltung auch einmal auf Honorare, wie dies bei Komponisten und Schriftstellern nicht selten der Fall sein soll, so pflegte er gern mit einem schalkhaften Blick auf seine Gattin zu sagen: »Ich habe mein bestes Honorar nicht, wie andere, erst erhalten, als ich bereits ein völlig berühmter Mann war, sondern schon als ich eben erst anfing Lärm zu machen, damals in Neapel, als mein »Barbier von Sevilla« durchschlug!«


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