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Ein Künstlerschicksal.
Im deutschen Künstlerverein zu Rom war in den letzten Wochen, die der Verein noch in seinen alten Gesellschaftsräumen im Palazzo Poli verbringen konnte, ein aussergewöhnlich reges Leben.
Die alten Herren stellten sich allabendlich zahlreicher denn je ein, denn es war ihnen allen weh ums Herz, dass sie die schönen Räume, in denen sie so manche Stunde fröhlicher Geselligkeit genossen, nun bald nicht mehr betreten sollten, und suchten daher jeden Abend wahrzunehmen, an dem sie noch in diesen gemütlichen Zimmern, in den behaglichen Winkeln und Nischen bei dem wundersamen Rauschen der Fontana di Trevi zusammensitzen und noch einmal aller derer gedenken konnten, mit denen man hier einst geplaudert hatte. In den neuen Räumen – wer weiss, ob man dort jemals heimisch wurde!
Die jungen Künstler dagegen, die Leute der Gegenwart, bereiteten unterdessen alles zum Umzuge vor, verpackten die wertvolle Bibliothek und holten von allen Gesimsen und Eckbrettern, sowie aus den Wandschränken die mannigfachen kleinen Kunstwerke, Gefässe, Jagdtrophäen und dergleichen herunter und hervor, die sich dort im Laufe der Jahre aufgespeichert hatten. Denn damals war es noch Sitte, dass jeder, der in den Künstlerverein eintrat, diesem etwas spendete. Am meisten erfreute immer etwas von eigener Hand Geschaffenes, und daher kamen denn jetzt auch viele solcher Sachen zum Vorschein, neben den verschiedensten Büsten allerlei wunderliche und drollige Figürchen, ein armer Teufel, der sich in seiner Not Fliegen fängt, eine spanische Tänzerin in der verwegensten Stellung, ein betrübter Falstaff, der keinen Tropfen mehr im Glase hat, und vieles andere.
Alles war nett und zierlich, auch aus einem gewissen Künstlerhumor heraus geschaffen, aber es fesselte doch nicht tiefer.
Eines Abends jedoch – es war schon ziemlich spät – entstand unter den jungen Leuten eine gewisse Bewegung. Ganz hinten aus einem Wandschrank hatte man eine kleine Bronze-Figur hervorgezogen, die allgemeine Bewunderung hervorrief. Sie stellte einen tanzenden Centauren dar, der in den Händen blinkende Schellenbecken hielt, die er eben zusammengeschlagen hatte, und über deren lautschallendes Getöse er nun eine ausgelassene Freude zeigte. Aus dem ganzen Gesicht strahlte eine unbändige faunische Lustigkeit.
Erstaunt blickten alle auf die etwa zwanzig Zentimeter hohe Figur. Sie war so genial hingestellt, in allen Bewegungen so lebenswahr, und aus dem Gesichtsausdruck des Centauren sprühte dem Beschauer eine solche sprechende Lebendigkeit entgegen, dass jeder sich ganz eigentümlich gefesselt fühlte.
»Etwas Exquisites!« »Etwas wahrhaft Geniales!« »Fast wie antike Kunst!« riefen verschiedene durcheinander.
»Aber wer hat's gemacht?« fragte einer.
Man suchte unten an der Figur herum, ob man den Namen des Schöpfers entdecken könnte, fand aber weder einen Buchstaben, noch sonst ein Zeichen.
»Mein Gott!« rief da ein blonder Krauskopf ungeduldig, »ist denn gar keiner hier, der über ein solches geniales Kunstwerk etwas sagen könnte? Es wäre doch eine Schande für den Künstlerverein, wenn niemand – –«
»Na, die Alten dort drüben werden ja doch was wissen!« warf ein anderer ein.
»Versuchen wir's,« rief da der Blonde, ergriff die Statuette, trug sie zu der Gruppe der Alten hinüber und stellte sie mitten auf den runden Tisch.
»Pompeji im Palazzo Poli!« rief er dabei.
Die Alten schoben ihre Chianti-Flaschen beiseite – und im selben Augenblicke zuckte der alte Kuff zusammen. Er war der Älteste unter den Weisshaarigen, ein uralter Landschafter, der noch Cornelius gekannt hatte.
»Schockschwerenot!« fuhr es aus ihm heraus. »Was wird da alles ausgegraben!«
»Kennen Sie die Statuette?« – »Wissen Sie etwas über sie?« – »Haben Sie den Schöpfer gekannt?« riefen gleichzeitig verschiedene.
»Und ob ich ihn gekannt habe – den Ulrich Donat,« knurrte der Alte. »Hat mir lange genug in den Knochen gelegen, die Geschichte. Als mir mein grosses Bild verbrannte: »Schafe in den Sabiner Bergen«, bin ich nicht so deprimiert gewesen, wie damals, als die Geschichte mit dem jungen Donat passierte. Deshalb haben wir damals den Centauren ganz weit hinten in den Wandschrank geschoben – er sollte uns ganz und für immer aus dem Gesichtskreis kommen.«
»Nun er aber wieder aus seiner Verborgenheit hervorgezogen worden ist, müssen Sie uns auch berichten, weshalb er in Nacht und Dunkel verbannt wurde,« drängte der Blonde, der die Statuette auf den Tisch gestellt hatte.
Kuff kraute sich in seinem weissen Bart. »Hm!« machte er. »Das ist leichter verlangt, als getan. Aber,« fügte er dann hinzu, »es ist wahr, man sollte doch einen solchen genialen Kerl nicht mit Totschweigen strafen – was konnte er dafür! Wir andern waren nur so feige Subjekte; uns war die ganze Sache so unheimlich; wir wollten sie so bald als möglich vergessen – darum schoben wir den Centauren in den hintersten Winkel ~ – und doch waren wir Narren! Das Ganze war ein Künstlerschicksal, freilich eins, das nur wirklich genialen Kerlen passiert. Wer so bloss dreist und gottesfürchtig seinen Ton knetet oder seinen Pinsel streicht, der wird nie auf solche Weise, wie der Ulrich Donat, zugrunde gehen.«
»Da war er wohl ein Mitglied des Künstlervereins?« fragte ein junger Maler.
»Natürlich,« erwiderte Kuff, »und hier an diesem Tische hat er gesessen, und hier, wo jetzt der Centaur steht, da hat der auch damals gestanden. Und wir alle, die wir um den Tisch herumsassen – heute bin nur ich noch davon übrig – haben die Statuette genau so verwundert angeglotzt, wie Ihr heute. ›Der kann was,‹ sagte sich jeder im stillen. ›Schockschwerenot, das ist ein Kerl.‹ Und dann sahen wir uns den jungen Menschen an, der da mit am Tische sass und der dem Vereine die Statuette dediziert hatte. Ein famoser Kerl. Breitschultrig, Bild der Gesundheit, herrliche Stirn, leuchtende Augen. Dabei von bezaubernder Liebenswürdigkeit. Wenn ich ein Weibsen gewesen wäre, ich würde nicht wieder von ihm losgekommen sein.«
Alle lachten.
»Na ja,« machte der Alte. »Aber es ist mir ernst. Um es feiner auszudrücken: er erregte unser grösstes Interesse, und bald wurde die Frage laut, wie er auf den Gedanken gekommen sei, einen solchen Centauren zu schaffen. Da die Figur so vorzüglich herausgekommen war, musste ihn eine besondere Begeisterung für den Vorwurf erfüllt haben.
Er wollte anfangs nicht recht mit der Sprache heraus, bald aber schien die Erinnerung doch so mächtig in ihm geweckt zu werden, dass er von den allgemeinen Bemerkungen, die er anfangs nur über seinen Entwicklungsgang gemacht hatte, rasch auf die Schilderung kam, wie sich der Genius in ihm gemeldet hatte.«
Der Alte hielt einen Augenblick inne. »Ja,« stiess er dann, sichtlich erregt, hervor, »es ist oft wunderbar, wie ein junger Mensch gepackt wird, wenn sich in ihm der Drang zum künstlerischen Schaffen zu regen beginnt. Manchmal ist es wie eine dämonische Macht, die über ihn kommt. Hier ging diese dämonische Macht von dem Centauren aus, und sie war wild und gewaltig, wie die Centauren sind.
Wenn Ulrich Donat sich von vornherein darüber klar gewesen wäre, dass ein bildender Künstler in ihm steckte, dann hätte sich sein Bildungsgang gewiss ganz einfach entwickelt. Sein Vater, der schon während seiner Kindheit verstorben war, hatte ihm ein hübsches Vermögen hinterlassen, seine Mutter wollte nur den Sohn glücklich sehen und stellte ihm vollständig frei, welchem Berufe er sich widmen möchte. Wie es aber so oft geht: es gor in ihm, ohne dass er sich bewusst wurde, was in ihm eigentlich nach Betätigung rang. Das Schönheitsideal stieg oft vor seiner Knabenseele auf, aber er wusste nicht, welchen Altar er ihm errichten, wie er zu ihm beten sollte. Da kam eines Tages um die Osterzeit ein grosser Zirkus nach Leipzig, seiner Vaterstadt, mit ganz wunderbar schönen Pferden, und diese riefen in dem sechzehnjährigen Knaben, der überhaupt von jeher ein begeisterter Freund edler Pferde gewesen war, das höchste Entzücken hervor. Er besuchte den Zirkus fast täglich, freundete sich auch sehr bald mit dem Personale an und durfte sogar, da er schon ein ganz geübter Reiter war, dann und wann in den Proben ein Schulpferd besteigen und mit ihm die hohe Schule durchnehmen. Schliesslich war sein ganzes Denken und Sinnen so vollständig von dem Zirkus gefangen genommen, dass er, als der nach München aufbrach, mit ihm verschwand. Von München aus bat er dann Mutter und Vormund himmelhoch, ihn beim Zirkus zu lassen. Er werde hier seinen Weg machen; er fühle, diese Kunst erfülle ihn ganz; nur in ihr werde er glücklich sein.
Da war denn nicht viel zu machen; die Mutter willigte schliesslich ein, stellte die nötigen Existenzmittel bereit und bat den Direktor dringend, sich des Sohnes jederzeit, anzunehmen. Das tat denn auch der Direktor, aber nach seiner Art. Er nutzte den Jungen in jeder Weise aus, gebrauchte ihn, da er eine hübsche Figur machte, bei jeder Pantomime und zwang ihn sogar, mit als Clown den Reiterinnen das Springtuch zu halten. Von einer Ausbildung in der Reitkunst war keine Rede. Da schwanden denn die Illusionen schnell dahin. Bald sah er nur in allem den fadenscheinigen Flitter, ein handwerksmässiges Getriebe, dem jede Begeisterung fehlte. Aber in dem täglichen Trubel, der schon früh morgens mit dem Putzen der Pferde begann und erst abends spät mit dem Wegräumen all' der mannigfachen Sachen und Gegenstände, die während der Vorstellung gebraucht worden waren, endete, wurde er sich seiner kläglichen Situation gar nicht recht klar, sondern lebte immer nur in der Hast von einem Tage zum andern hin.
Von München ging der Zirkus nach Mailand und von dort nach Rom. Es war mittlerweile Winter geworden, und das Weihnachtsfest rückte heran. Die Italiener feiern ja bekanntlich Weihnachten ganz anders, als wir daheim in Deutschland. Für sie ist Weihnachten ein lärmhaftes Fest, bei dem möglichst viel gegessen und gejubelt wird. Dieser Neigung der grossen Masse wollte auch der Zirkusdirektor Rechnung tragen und arrangierte einen grossen Triumphzug des Bacchus mit allerlei phantastischen Tänzen. Und um auch etwas ganz Originelles zu bieten, sollte sich im Gefolge des Bacchus auch ein Centaur zeigen. Zwei Clowns mussten den Pferdekörper mit den vier Beinen bilden, und vorn wurde Ulrich Donat aufgesetzt, um den menschlichen Teil des Centauren abzugeben. Nach vielen Proben, und nachdem der Pferdekörper mit Fellen so ziemlich naturgetreu hergestellt worden war, kam denn auch wirklich ein leidlicher Centaur zustande, und als er dann in der Vorstellung am Weihnachtsabend im Triumphzuge des Bacchus erschien, jubelte ihm das Publikum in heller Freude zu, die sich jedesmal noch steigerte, wenn Ulrich die Schellenbecken, die er in die Hände bekommen hatte, laut schmetternd zusammenschlug. Es war also ein Erfolg, den dieser Centaur zu verzeichnen hatte; dennoch fühlte sich Ulrich durch den Mummenschanz aufs schmerzlichste berührt. Die fratzenhafte Nachbildung des Centauren verletzte ihn. Bisher hatte er immer mit einer gewissen Scheu zu diesem mythischen Wesen emporgeschaut wie zu einem Halbgott, und jetzt hatte er ihn zu einer lächerlichen Figur, womöglich zu einem Popanz gemacht! Auf welche Bahn war er gekommen! Ein Gefühl unsäglichen Unglücks kam über ihn. Von all dem Lärm der italienischen Weihnachtsfeier mochte er nichts sehen und hören, in den stillsten Winkel wollte er sich verkriechen. In seiner Wohnung war das nicht möglich; dort durchtönte wohl der Lärm das ganze Haus. Aber wohin? Da blickte er in den Zirkus. Es war stockdunkle Nacht in ihm, alles totenstill. Er tappte vorwärts und setzte sich in eine Bankreihe und starrte ins Dunkel. Da sass er nun also, und daheim feierten sie Christfest. In den leuchtenden Baum blickten sie, die Mutter und die beiden Schwestern, und sprachen wohl auch von ihm, wie er einst jubelnd um den Christbaum gesprungen war. Sie ahnten nicht, dass er so gottverlassen im dunkeln Zirkus sass. Entsetzlich elend wurde ihm zumute, die Tränen rannen ihm über die Wangen; schluchzend lehnte er den Kopf auf die Rückenlehne der vorderen Bankreihe. Und nun stieg seine fröhliche Kinderzeit immer lebhafter vor seinem geistigen Auge auf, das wohlige Elternhaus, der Kreis der Spielgefährten, Hof und Garten, wo eine Robinsonhütte gebaut wurde. Doch über den Garten war ein merkwürdiges Dunkel gebreitet, das sich sogar mehr und mehr verdichtete. Schliesslich konnte er gar nichts mehr von Hütte und Garten sehen, dagegen begann langsam ein gelber Schein aufzudämmern. Das seltsame Licht wurde immer heller und heller, und auf einmal gewahrte er, wie mitten aus dieser Helligkeit etwas hervordrang, lebhaft sich bewegte – und schon im nächsten Augenblicke sah er, es war ein Pferd, nein, wahrhaftig – ein Centaur, der in kühnem Sprunge über die Manege-Brüstung setzte und im Galopp in der Reitbahn dahinsprengte. Dreimal jagte er in der Manege herum, dann schlug er gellend die Schellenbecken, die er in den Händen hatte, zusammen und stellte sich in der Manege Ulrich gegenüber. Der zitterte vor Schrecken an allen Gliedern, aber er blickte auch mit staunender Bewunderung auf den Prachtkerl, der da vor ihm stand. Der Pferdekörper zeigte alle Formen in entzückender Vollendung, prall und doch wundervoll geschmeidig, und vorn aus der Brust hob sich, etwas zurückgelehnt, der breitschultrige Mann mit grossem, kräftig ausgebildetem Kopf, den dichtes Haupthaar und ein zottiger Bart umflatterten. Die leuchtenden Augen waren fest auf Ulrich gerichtet. Dann begann er mit den Vorderhufen die Erde zu scharren, darauf mit den Hinterbeinen auszuschlagen, dass der Sand der Manege wie eine Wolke hinter ihm aufwirbelte. Und nun fing er auf einmal an zu reden. Aber Ulrich verstand ihn nicht. Starr vor Verwunderung blickte er zu ihm hinüber. Da lachte der Centaur hämisch, dann aber sprach er plötzlich ganz deutlich, so dass Ulrich alles, jedes Wort, so fremdartig es auch klang, verstand.
›Armseliges Bübchen! rief er. ›Du unternahmst es mit deinen täppischen Händen, uns nachzubilden, die wir aus göttlichem Geschlechte stammen! Ein Scheusal hast du zuwege gebracht! Wie ein Tölpel bist du durch die Manege getappt. Nicht noch einmal wage dich hervor mit dieser Verhöhnung, sonst werden wir furchtbar an dir Rache nehmen!‹
Vor Scham hätte Ulrich in die Erde versinken mögen. Jawohl, er hatte sich schwer versündigt. Jetzt, da er den herrlichen Centauren vor sich sah, fühlte er sich doppelt schuldig.
›Also niemals wieder!‹ rief der Centaur noch einmal, dass es durch den ganzen Zirkus dröhnte. Unmittelbar darauf schlug er nochmals seine Schellenbecken gellend zusammen – und im Augenblicke erlosch das helle Licht, von dem er bisher umstrahlt gewesen war.
Erschrocken fuhr Ulrich auf und blickte um sich. Tiefdunkle Nacht umgab ihn. Eine Totenstille herrschte im Zirkus. Er rieb sich die Augen; war er etwa blind geworden? Nein, durch die Bretterwände des Zirkus glitzerten einige dünne Lichtstrahlen von der Strasse her. Mühsam tappte er die Bankreihe entlang dem Ausgange zu. Dann, als er draussen stand, atmete er tief auf. Noch immer vermochte er sich mit seinen Gedanken nicht zurecht zu finden. Mit einem Male aber ging es ihm blitzartig durch den Kopf – keinen Tag länger mehr in dieser Sklaverei, heraus aus diesem Irrwege!
Er stürmte in seine Wohnung, packte in aller Hast sein Köfferchen und eilte dann die Via nationale hinauf, dem Bahnhofe zu. Bald sass er im Eilzuge, der nach dem Norden führte; ohne Aufenthalt jagte er Tag und Nacht über die Alpen hinweg der Heimat zu, bis er schluchzend in den Armen der Mutter lag. – –
Es dauerte erst mehrere Tage, bis er sich von der nervösen Überreiztheit so weit erholt hatte, dass er sich einigermassen über seine Situation klar werden konnte. Doch war seine Mutter verständig genug, ihn nicht zu drängen. Er sollte sich in aller Ruhe überlegen, was er nun beginnen wolle.
So ging er denn wochenlang insichgekehrt umher; zumeist aber besuchte er das Museum und sass dort oft stundenlang in den Sälen der Skulpturen, bis er die feste Überzeugung gewonnen hatte, dass der Schönheitsdrang in ihm nur gestillt werden könne, wenn er sich der bildenden Kunst widmete und Bildhauer würde. Als der Entschluss endlich fest gefasst war, verfolgte er sein Ziel mit aller Energie, und da ihm auch alle Mittel zur Ausbildung zur Verfügung standen, kam er rasch vorwärts. Sein Talent offenbarte sich besonders bei der Modellierung von graziösen Tieren, hauptsächlich von Pferden, denen er stets eine reizvolle kühne Haltung zu geben vermochte. Als er sich dann um den Staatspreis bewarb, schuf er den Centauren, der ihm seit jener Nacht im Zirkus fort und fort vor dem geistigen Auge gestanden und zu dessen plastischer Darstellung er sich wie von einer geheimen Zaubermacht – so sagte er – getrieben fühlte. Die Arbeit erregte Aufsehen nicht nur wegen der vorzüglichen Behandlung des Pferdekörpers, sondern auch weil der menschliche Körper des Centauren, besonders das Antlitz, in dem etwas Dämonisches und Faszinierendes lag, lebhaft fesselte. Er erhielt also den Preis mit Auszeichnung und kam nach Rom. Als Geschenk für den Künstlerverein brachte er diese verkleinerte Wiedergabe seines Werkes mit. –«
Der Maler schwieg. Nur mühsam kämpfte er die Erregung nieder, in die er mehr und mehr während seiner Erzählung geraten war.
Alle hatten ihm mit gespanntester Aufmerksamkeit zugehört. Als er nun aber scheinbar mit diesen letzten trockenen Mitteilungen schliessen wollte, machte sich eine allgemeine Enttäuschung bemerkbar, und ein junger Bildhauer fragte schliesslich verwundert:
»Damit ist aber nur die Entstehung des Kunstwerkes erklärt – Sie sprachen doch auch von einem tragischen Künstlerschicksal. Wie hat sich denn nun die weitere Entwicklung des Künstlers noch gestaltet?«
»Ja freilich,« riefen verschiedene, »das müssen Sie uns doch auch noch berichten!«
Kuff nickte. »Ich tue es nicht gern,« sagte er dann. »Aber es ist ja begreiflich, dass Sie auch wissen wollen, was nun hier aus ihm wurde. Ja – – er studierte zunächst viel, in den Sammlungen, Antike, besonders Pferde – – und es war merkwürdig – immer wieder fesselten ihn die Centauren – – manchmal konnte man meinen, all' sein Denken und Sinnen beschäftige sich nur mit diesen sagenhaften Geschöpfen, als habe er sich ganz eingesponnen in diese mythische Zeit der Centauren.
Ich beobachtete das mehr und mehr und geriet darüber schliesslich in Sorge. Wiederholt versuchte ich, ihn in andere Gedankengänge hinüber zu leiten – – dadurch traten wir uns näher. Schon glaubte ich, ihn für eine Brunnenfigur interessieren zu können, die eine süddeutsche Stadt für ihren Marktplatz wünschte, als plötzlich alle meine Hoffnungen wieder wie ein Kartenhaus zusammenstürzten.
Es war an einem Morgen im Mai. Ich ging nach meinem Atelier und schritt eben den Corso entlang, als Ulrich von der anderen Seite der Strasse eiligst auf mich zu kam. Schon von weitem sah ich ihm an, dass er sich in einer gewissen Aufregung befand.
›Sie werden nicht erraten, woher ich komme!‹ rief er mir entgegen. ›Denken Sie, ich habe soeben in Zirkus Bondi die drei arabischen Schimmel bewundern können, die der Direktor vom Vizekönig von Egypten zum Geschenk erhielt; er hat sie mir selbst vorgeführt!‹
Ich hatte noch gar nichts von dem Zirkus Bondi gehört und musste mich erst aufklären lassen, dass er vor etwa acht Tagen hier angekommen sei und auf der Piazza della Pilotta eine Reihe von Vorstellungen geben werde. In Cairo habe der Zirkus einen solchen Enthusiasmus hervorgerufen, dass der Vizekönig schliesslich allabendlich erschienen sei und dem Direktor bei der Abschiedsvorstellung sogar drei wunderschöne Hengste geschenkt habe.
Während Ulrich ganz entzückt die Schönheit dieser Pferde pries, hörte ich ordentlich, wie meine Brunnenfigur klatschend ins Wasser fiel.
Mehrere Tage sah und hörte ich dann wieder nichts von ihm, bis er eines vormittags zu mir ins Atelier kam, abermals lebhaft erregt.
Schon von der Tür aus rief er mir zu: ›Heute abend müssen Sie dabei sein – so etwas haben Sie noch nicht gesehen!‹ Dann stockte er einen Augenblick.
Betroffen schaute ich zu ihm hinüber. Sein Gesicht hatte sich merkwürdig verändert. Eine starke Übermüdung und Überreizung prägte sich in den schlaffen Gesichtszügen aus, in denen es beständig seltsam zitterte, während es in den Augen unheimlich flimmerte.
›Mein Gott!‹ rief ich unwillkürlich. ›Wie sehen Sie denn aus! Ist Ihnen etwas zugestossen?‹
Ja, ein gehöriges Stück Arbeit habe ich geleistet!‹ versetzte er aufatmend. ›Aber Sie werden nicht ahnen, was ich getrieben habe. Man kehrt ja bekanntlich immer wieder gelegentlich zu seiner ersten Liebe zurück, so ist es auch bei mir jetzt geschehen; ich bin wieder einmal in den Bann eines Zirkus geraten!‹
Ich mochte bei dieser Eröffnung wohl ein sehr verwundertes Gesicht machen, denn er setzte gleich hinzu:
›Na, das heisst – so einmal für eine Gastrolle. Ich konnte von den arabischen Pferden nicht loskommen. Besonders der Achmed, der Blauschimmel, hat es mir angetan, ein wundervolles Tier – ein Springer – einfach grossartig! Na, Sie werden sehen – ich habe ihn nämlich noch weiter zugeritten, so dass er jetzt mit Grazie und Eleganz die höchsten Barrieren nimmt. Und heute abend werde ich ihn nun vorführen – da müssen Sie hinkommen und sich den Prachtkerl einmal ansehen!‹
Es verstand sich von selbst, dass ich der Einladung Folge leistete, und so sass ich denn am Abend in einer der ersten Reihen des Zirkus und harrte erwartungsvoll und mit einer gewissen Beklemmung der Vorführung des Springpferdes Achmed, geritten von »Signor Don«.
Als die Glocke für den Beginn der »Nummer Achmed« erklang, fuhr ich unwillkürlich zusammen. Das Herz klopfte mir heftig, eine peinvolle Angst überkam mich. In demselben Augenblicke sprengte Ulrich auch schon in die Manege und grüsste das Publikum vornehm. Ein eleganter Reitanzug stand ihm vorzüglich. Wie ein hochfeiner Aristokrat sass er auf dem in leichter Gangart die Manege umkreisenden, in der Tat ganz wundervoll gewachsenen Blauschimmel. Mehre Male liess er das Tier um die Manege traben; dann wurde die erste, noch ganz niedrige Barriere eingestellt, die der Blauschimmel mit Leichtigkeit und Eleganz nahm. Darauf erfuhr die Barriere eine nicht unbedeutende Erhöhung. ›Hoppla!‹ rief Ulrich mit scharfer Stimme, und mit kühnem Satze schnellte das Tier über das Hinderniss hinweg. Ein Sturm des Beifalls brach los; ich aber bebte vor Erregung; es wurde mir siedend heiss und dann wieder eiskalt.
Ulrich liess das Tier jetzt einige Male langsamen Schritts um die Manege gehen. Es schnaufte heftig und die Nüstern bebten. Unterdessen wurde die Barriere abermals erhöht, der salto mortale sollte ausgeführt werden, die grösste Leistung. Ulrich klatschte das Pferd mit der flachen Hand liebkosend am Halse, das aber warf den Kopf nach rechts und links und schleuderte dicke Flocken von Schaum auf den Sand.
Jetzt setzte die Musik wieder lauter ein und das Pferd wollte, sichtlich stark erregt, in eine schnellere Gangart übergehen, aber Ulrich zog die Zügel an und hielt das Tier auch jetzt noch im langsamen Schritt. Er war merklich blass geworden; seine Züge hatten etwas Straffes und Hartes angenommen. Wiederholt sah er sich um, als sei hinter ihm etwas nicht in Ordnung. Dann jedoch liess er plötzlich die Zügel etwas los, gab dem Pferde mit der Reitgerte einen leichten Schlag, schnalzte mit der Zunge – und im Nu griff das Tier aus, jagte um die Manege, dass der Sand hoch auf flog, nahm vor der Barriere einen gewaltigen Ansatz – aber merkwürdigerweise sah sich in diesem Momente Ulrich wieder um, das Pferd wurde durch diese Bewegung mitten in der höchsten Anspannung seiner Kräfte irritiert, erreichte nicht ganz die nötige Höhe und schlug mit den Hufen der Hinterfüsse krachend gegen die Barriere. Dann stürzte es kopfüber in den Sand. Der Reiter wurde auf die Brüstung der Manege geschleudert.
Ein allgemeiner Schrei des Entsetzens ging durch den Zirkus. Während die Stallknechte herbeieilten, um das Pferd wieder auf die Beine zu bringen, sprang ich über die Sitzreihen, um Ulrich aufzurichten. Ein Stallmeister half mir, und so trugen wir ihn hinaus und legten ihn zunächst auf ein Bündel Stroh, das neben einem Pferdestande lag. Dabei hörten wir, wie der Direktor von der Manege aus laut in den Zirkus hineinrief, dass der Unfall keine ernsten Folgen gehabt habe und deshalb die Vorstellung ihren Fortgang nehmen könne.
Allerdings, das Pferd hatte merkwürdigerweise keinen Schaden gelitten, aber Ulrich war offenbar bei dem Anprall an die Brüstung der Manege erheblich verletzt worden. Er presste die linke Hand krampfhaft gegen die linke Seite und stöhnte schwer. Dabei flackerte es seltsam in seinen Augen.
Während nach dem Arzt geschickt wurde, suchte ich ihm durch eine möglichst passende Lage einige Erleichterung zu schaffen. Da fasste er mich plötzlich mit der Rechten am Rock und zog mich zu sich herunter.
›Haben Sie ihn nicht auch gesehen?‹ stiess er halblaut hervor.
›Wen?‹ fragte ich.
›Den Centauren!‹ versetzte er. ›Er war den ganzen Abend hinter mir her wie ein Schatten, und als ich vor dem salto mortale in der Manege herumritt, flüsterte er fortwährend: ›Pfui! Welch' abscheuliche Dressur! Ist's nicht ein Frevel, solch' ein edles Tier zu diesem Schaustück zu missbrauchen? Pfui über die Menschen, die mit ihren rohen Händen – –‹
Er brach ab; er vermochte nicht weiter zu sprechen.
›Ihre Phantasie hat Ihnen einen Streich gespielt‹, erwiderte ich. ›Sie waren überreizt! Von einem Phantom haben Sie sich erschrecken lassen!‹
Er schüttelte den Kopf.
Inzwischen kam der Arzt, untersuchte den Verletzten und ordnete die Überführung nach dem Krankenhause an.
Ich drückte ihm noch einmal die Hand, während sie drinn im Zirkus einen lustigen Walzer spielten – und dann habe ich ihn nicht wieder gesehen. Er hatte drei Rippen gebrochen, dadurch war die Lunge schwer verletzt worden – und bei dem Versuche, die Rippen wieder zurecht zu drücken, war es zu einem Blutsturz gekommen; er starb noch in derselben Nacht«.
Der Alte holte tief Atem, und das klang wie ein Seufzer.
»Ja,« sagte er dann halblaut vor sich hin, »es muss doch noch manches geben zwischen Himmel und Erde, von dem sich unsere Weltweisheit nichts träumen lässt.«
Doch kaum hatte er die letzten Worte gesprochen, so sprang er in heftiger Erregung auf.
»Schockschwerenot!« rief er, »aber man kann sich auch wehren!« Und ehe sich noch der Kreis der Zuhörer klar geworden war, was er meinte, hatte er auch schon den Centauren ergriffen und schleuderte ihn mit aller Wucht mitten durch das Fenster.
Ein Klirren der zertrümmerten Fensterscheiben und dann ein lautes Krachen. Die Statuette war auf das Pflaster geprallt und wahrscheinlich in tausend Stücke zersprungen.
Alle waren starr vor Schrecken. Keiner brachte ein Wort über die Lippen.
Kuff stand leichenblass da, in seinen Augen flimmerte es unheimlich.
Endlich tat er einen Schritt seitwärts, griff nach seinem Hut, der dort an einem Kleiderhaken hing, stülpte ihn auf und stampfte schwerfällig zur Tür.
»Gute Nacht, meine Herren!« brachte er mit dumpfer Stimme hervor. Gleich darauf schlug er die Tür hinter sich zu.
» Den hatte der Centaur auch,« wagte jetzt einer zu sagen.
»Ob er ihn nun los geworden ist?« fragte ein anderer.
»Wer weiss,« bemerkte ein alter Bildhauer, »Künstlerschicksale sind oft wunderbar!«
Am andern Tage wurde dem Künstlervereine gemeldet, dass der alte Kuff in der Nacht vom Schlage gerührt worden sein. Sein Antlitz zeige friedliche Züge; er sei wohl sanft entschlummert.
Wir alle empfanden es: erst jetzt war der Bann des Centauren vollständig gebrochen.