Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

O mia bella Venezia!

Aus dem Tagebuche einer Malerin.


Die Schneeflocken tanzen in dichten Scharen vor dem Fenster des Ateliers, und ich sitze im Schaukelstuhle vor dem Kamin. Die Einladung für heute abend habe ich abgelehnt, denn seit ich von meiner italienischen Studienfahrt zurückgekehrt bin, möchte ich am liebsten in tiefer Einsamkeit leben, womöglich auch mit geschlossenen Augen; ist es mir doch, nachdem ich die Farbenpracht des Südens geschaut, als wandelte ich nun hier beständig in dunkler Nacht.

Da greift meine Hand wie zufällig nach dem Fächer auf dem Tischchen zur Rechten, schlägt ihn auf und – O mia bella Venezia! rufe ich unwillkürlich. Eine reizvolle Ansicht des Dogenpalastes und der Piazetta leuchtet mir trotz der Dämmerung entgegen. Und nun sehe ich mich wieder in der Märchenstadt, auf dem schimmernden Kanal, im Zauberdunkel der Markuskirche und auch bei der freundlichen Wirtin, die mir so manche wohlige und interessante Stunde bereitete. Ja, ich höre sogar ihre klangvolle Stimme wieder – ich sitze wieder vor ihr, um Abschied zu nehmen, und sie widmet mir noch ein Plauderstündchen.

Einen Fächer wollte ich mir noch zum Andenken mitnehmen, hatte ich ihr gesagt, einen solchen mit einer Ansicht von Venedig, wie ich deren verschiedene in den Schaufenstern gesehen, und nun weiss sie mir den besten Rat zu geben: »Einen solchen dürfen Sie nur bei Concetta kaufen, nur sie hat die wirklich künstlerisch gemalten. Sie werden es sehen, – in ganz Italien weiss man es. Selbst von Neapel her bekommt sie Bestellungen. Freilich hat dazu nicht wenig ihr guter Engel, die schöne Königin Margherita, beigetragen.«

»Ah, die Königin Margherita?« fragte ich verwundert.

»Keine geringere,« versetzte die Wirtin. »O, die Königin hat einen feinen Geschmack. Sie liebt nicht den Prunk, aber das wirklich Schöne, und das weiss sie überall sehr bald herauszufinden. Auch bei Concetta hat sie es schnell erkannt, und das war die letzte Rettung für die Ärmste.«

»Für die Ärmste?« warf ich ein. »Sagten Sie nicht, dass sie ein grosses, blühendes Geschäft besitze?«

»Jetzt allerdings,« entgegnete die Wirtin, »aber damals, o, damals war sie tief unglücklich. Oft kam sie in dieser Zeit hierher zu mir und suchte Trost und Rat; wie manchesmal hat sie hier neben mir gesessen und schmerzlich geweint! Ich war von jeher ihre vertrauteste Freundin, und so weihte sie mich in alle Geheimnisse ihres Herzens ein.« »Sie machen mich in der Tat gespannt,« rief ich, »alle Geheimnisse ihres Herzens – die Königin Margherita« –

Die Wirtin lachte. »Es ist keine grosse romantische Tragödie im Stile der Lucrezia Borgia oder der Caterina Cornaro, zudem weiss die einfache Geschichte jetzt ganz Venedig, ich kann sie Ihnen also frei erzählen, ohne indiskret zu sein.«

»Das schönste Angebinde zum Abschied!«

»Nun, so warten Sie.« Ein Lächeln flog über ihr lebhaftes Gesicht, dabei setzte sie sich behaglich in ihrem breiten Korbstuhl zurecht.

»Sie war das Kind eines kleinen Beamten,« begann sie, »und diese bekommen hier gerade so viel, dass sie mit genauer Not leben können; wenn sie aber frühzeitig sterben, so gerät ihre Familie fast immer in Not. So war es auch bei Concetta. Ihr Vater verunglückte am Canale Grande, als sie eben erst zwölf Jahre alt war, und nun kam die Witwe mit dem Kinde in grosse Bedrängnis. Da verfiel Concetta auf den Gedanken, das Malen zu erlernen; von jeher hatte sie dazu grosse Lust gehabt. Sie nahm Stunden bei dem alten Matteo an der Riva degli Schiavoni und machte schnell solche Fortschritte, dass sie schon nach einem halben Jahre Arbeiten für Geschäfte übernehmen konnte. Doch war sie noch fort und fort bemüht, sich weiter auszubilden, machte auch Studien nach der Natur in den Giardini Pubblici und auf dem Lido und arbeitete sich so sehr bald zu einer Künstlerin empor. Mit Vorliebe malte sie Fächer, sowohl mit Blumenstücken wie mit Landschaften; oft waren ihre Bilder so reizvoll, so duftig, dass ich mich gar nicht satt sehen konnte. Natürlich bekam sie nun auch viele Aufträge von den Geschäften, aber trotzdem war ihr Verdienst nur ein geringer; den meisten Profit zogen eben die Händler, das ist nun so in der Welt. Doch konnte sie immerhin, wenn auch nur bescheiden, so doch bequem, mit ihrer Mutter leben.

Es kamen nun stille Jahre der Arbeit, ich besuchte sie oft, und abends gingen wir meist zusammen auf dem Markusplatz und auf der Piazetta spazieren. Da verlobte ich mich, viele neue Pflichten traten an mich heran, ich konnte nur noch selten zu ihr gehen. Und in dieser Zeit der Vereinsamung kam die Liebe nun auch über sie. Ich freute mich anfangs herzlich darüber, denn ich kannte den jungen Mann, dem sie ihr Herz geschenkt, als einen sehr tüchtigen und wohlgebildeten, bald aber machte ich mir die bittersten Vorwürfe, dass ich sie so vernachlässigt hatte; dem kurzen Sonnenblick folgte eine lange Reihe sehr trüber und schmerzvoller Wochen.

Paolo hatte nur eine kleine Stelle in einem der Luxusgeschäfte unter den Colonnaden des Markusplatzes und war im übrigen eben so mittellos wie sie. Ihre Mutter, eine immer sehr gewissenhaft rechnende Frau, wollte deshalb die Verbindung auf keinen Fall zugeben. »Wohin soll das führen?« sagte sie jedesmal, wenn man versuchte, sie umzustimmen. Oft klang das recht hart – aber wenn man sich alles überlegte – nun, genug, ich weinte manche Träne mit Concetta. Dann aber nahmen mich wieder meine eigenen Angelegenheiten vollständig in Anspruch, ich verheiratete mich, musste nun hier der Wirtschaft vorstehen, und Sie können sich wohl denken, dass mir da keine Zeit für andere blieb, nicht einmal für die liebste Freundin.

Da, eines Nachmittags, die Table d'hôte war eben vorüber, die Gäste waren bereits in ihre Zimmer gegangen, um das Mittagsschläfchen zu halten, und ich stehe an der Tafel und lege die Servietten zusammen, tritt Concetta in den Saal und eilt, als sie mich erblickt, laut schluchzend an meine Brust. Ich war vor Schrecken zunächst ganz bestürzt, dann nahm ich mich aber zusammen und führte sie zu einem Sopha. Sie konnte sich anfangs gar nicht fassen, endlich aber gelang es mir, sie zu beruhigen, und nun erzählte sie mir:

Sie solle einen anderen heiraten, ihre Mutter wolle es so. In letzter Zeit sei sie, da es ihr daheim so drückend, so beklemmend gewesen, öfter hinausgegangen nach den Giardini Pubblici und habe Blumenstudien gemacht. Die Rosen blühten gerade, und dann gibt es dort immer einen prächtigen Flor. Während sie nun nicht weit von der Punta in einem abgelegenen Wege gesessen und eifrig gezeichnet und gemalt habe, sei öfter ein junger Mann an ihr vorübergekommen, er habe sie immer und immer wieder aufmerksam betrachtet und schliesslich sogar angeredet. Sie sei anfangs über diese Kühnheit sehr erschrocken, aber der junge Mann sei bei seiner Anrede doch sehr höflich gewesen, ausserdem habe sie an dem Accente sofort den Fremden erkannt – gegen einen Fremden ist man in diesen Fällen ja viel nachsichtiger; sie habe ihm also ebenso höflich geantwortet, und so sei eine kurze Unterhaltung zustande gekommen. Bald nachher habe er sie wieder getroffen, sehr freundlich begrüsst und wieder eine Unterhaltung mit ihr angeknüpft, habe ihr erzählt, dass er ein Engländer sei, grossen Grundbesitz und auch einen sehr schönen Rosengarten habe, dass er ein ganzes Jahr in Italien gewesen, in Florenz, Rom und Neapel, und dass er jetzt von diesem schönen Lande Abschied nehmen und heimkehren müsse. Aber das werde ihm schwer, so sehr er auch seine Heimat liebe. Weiterhin habe er von ihr gesprochen, ihre Bilder gelobt, manches von ihr erfragt, über ihr Leben, ihre Mutter, ihren Verdienst, dabei sei auch einmal beiläufig von ihrer Wohnung die Rede gewesen, inbetreff des Lichtes beim Malen, und nun sei er – o, sie hätte gemeint, vor Schrecken vergehen zu müssen, als sie seinen blonden Kopf an der Treppe hätte auftauchen sehen – ja, nun sei er in ihrer Wohnung erschienen und habe um ihre Hand angehalten. Er werde ihr ein grosses Atelier bauen lassen, und Rosen solle sie Sommer und Winter haben. Er verlange auch nicht eine Entscheidung auf der Stelle, er werde in vierzehn Tagen wiederkommen, er werde mittlerweile Dalmatien besuchen, dann aber werde sie einwilligen, er sei überzeugt, und dann wolle er sofort mit ihr abreisen.

Wie gelähmt sei sie gewesen, keines Wortes mächtig; sie habe auch gar nicht gesehen, dass er wieder gegangen; nur die Mutter habe sie sprechen hören – freundliche Worte, o, entsetzlich freundliche Worte, dass sie hätte aufschreien mögen vor Schmerz.

Ich suchte sie zunächst zu trösten, dass es ja noch vierzehn Tage hin sei bis zur Entscheidung; mittlerweile könne sich noch manches ändern; auch ich würde noch mit ihrer Mutter sprechen; übrigens sei ja schon manche Venetianerin glücklich geworden durch eine Heirat mit einem Engländer.

Sie schüttelte bei diesen Worten heftig mit dem Kopf, wurde aber doch mehr und mehr ruhig und fand endlich ihre ganze Fassung wieder; ihr leidenschaftlicher Schmerz war einer tiefen Niedergeschlagenheit gewichen.

»Noch vierzehn Tage,« sagte sie tonlos, vor sich hinstarrend. »Nun wohl, ich will meine ganze Hoffnung auf diese Spanne Zeit setzen, ich will zu allen Heiligen um Hilfe flehen, ich will auf Mittel zur Rettung sinnen Tag und Nacht, o, ich will« – Die Stimme versagte ihr; sie drückte noch einmal krampfhaft meine Hand und ging dann schnell zum Zimmer hinaus.

Und nun kam ihre schwerste Zeit. Sie hat es mir später oft erzählt. Tag und Nacht zermarterte sie ihr Gehirn; sollte sie ihm folgen, wie die Mutter es wünschte, oder sollte sie Paolo treu bleiben, wie ihr Herz es verlangte? Wiederholt liess sie sich durch die langen Reden der Mutter bestimmen, in den glänzenden Antrag einzuwilligen; sass sie dann aber des Nachts weinend auf ihrem Bett, und klangen plötzlich die hellen Glocken des Campanile durch die Stille, so war wieder alle Ergebung rasch dahin. »Nein, nein!« schrie es in ihr, »ich kann dir nicht untreu werden, Paolo, ich kann dich auch nicht verlassen, du, mein einzig-schönes Venedig.«

Nach und nach ward sie aber doch so erschöpft, dass sie kaum noch Kraft finden konnte, den fortwährenden eindringlichen Vorstellungen der Mutter zu widerstehen, und als ich eines Morgens zu ihr kam, fand ich sie so entsetzlich abgespannt, dass ich dringend riet, ein Seebad auf dem Lido zu nehmen, ja ich bewog sie, gleich mit mir zu gehen, ich könne sie dann bis zur Dampfschiffstation begleiten. Sie entsprach auch meiner Aufforderung, nahm ihr Skizzenbuch und ging mit mir hinab. Das war aber auch alles, was ich über sie vermochte; in ein Gespräch, mit dem ich sie gern etwas aufgerichtet hätte, liess sie sich mit keinem Worte ein. Wie abwesend, ich möchte sagen wie eine Nachtwandlerin, schritt sie neben mir dahin, und als sie dann das Schiff bestiegen hatte und ich ihr noch Abschied zuwinkte, da nickte sie kaum mit dem Kopfe.

Mir blutete das Herz, Tränen traten mir in die Augen, und ich nahm mir vor, ihrer Mutter noch einmal ernstlich vorzuhalten, wie traurig sich das Los Concetta's trotz alles äusseren Glanzes gestalten könne. In den nächsten Tagen fand ich jedoch hierzu keine Zeit, da zwei grosse Gesellschaften aus Triest bei uns abgestiegen waren, und als ich dann schliesslich kam, hatte das Geschick Concetta's plötzlich eine unerwartete Wendung genommen.

Als die Arme an jenem Tage so trost- und hoffnungslos nach dem Lido fuhr, da hingen ihre Augen unverwandt an dem Panorama, das sich mehr und mehr vor ihr entfaltete, an dem Dogenpalast, den Kuppeln von San Marco, dem Campanile und all den Türmen, Kirchen und Palästen, die aus dem Häusermeere sich emporhoben und im sonnenbeglänzten Wasser sich spiegelten. Das ist ja auch ein Bild so schön, wie es kein zweites gibt; nicht nur die Fremden entzückt es, auch uns Venetianer erfüllt es stets mit Stolz und Freude. Auf die aber, welche von der Heimat Abschied nehmen wollen, wirkt es wie mit einem geheimnisvollen Zauber; es ist dann, als wolle San Marco sein Kind nicht ziehen lassen, als umklammere er es mit beiden Händen. Auch Concetta wurde von diesem geheimnisvollen Zauber ergriffen, und um ihn zu bannen, schlug sie ihr Skizzenbuch auf und begann, halb unbewusst, halb wie im Traume, zu zeichnen. Ganz wie es sich fügte, warf sie die leichten Striche hin, und so erstand, ohne dass sie es selbst recht gewahr wurde, alsbald ein seltsam reizvolles Bild von dem Dogenpalaste, der Piazetta mit den beiden stolzen Säulen, der Riva degli Schiavoni, dem schimmernden Kanal mit seinen Gondeln und dem leuchtenden Himmel über allem. Nach und nach hatte sie sich so in das Bild vertieft, dass sie zuletzt alles andere um sich her vergessen hatte, und als das Dampfschiff an der Insel hielt, da stieg sie zwar mit den übrigen Passagieren aus, aber sie fuhr nicht mit dem Tramway zum Bad hinüber, sondern ging seitwärts am Strande entlang, liess sich schliesslich in dem Schatten eines Baumes nieder und begann dort von neuem zu zeichnen. Sie kannte ja jedes Fenster an der Piazetta und der Riva, sie konnte also ergänzen und vervollständigen, auch ohne das Ufer vor Augen zu haben. So sass sie, bis die Leute vom Baden zurückkamen und die Rückfahrt angetreten wurde. Dann setzte sie sich auf dem Schiffe abermals an die der Stadt zugewandte Seite, und als nun die sonnenbeglänzten Paläste wieder aus der Flut aufzutauchen begannen, da hob sie noch rasch das ganze Bild in die richtige harmonische Beleuchtung und brachte es so zum künstlerischen Abschluss.

Ihre seltsame Erregung war damit aber keineswegs beschworen, ja, sie hatte sich womöglich noch gesteigert. Raschen Schrittes eilte sie nach Hause. Dort fand sie einen neuen Auftrag vor. Der Inhaber eines grossen Geschäfts unter den Colonnaden des Marcusplatzes, dem sie vor einiger Zeit einmal ihre Blumenstudien gezeigt, hatte ihr ein gleich in den Rahmen gespanntes Stück kostbaren weissen Atlasses geschickt, und sie sollte nun auf die bereits für einen Fächer vorgezeichnete Fläche ein Blumenstück malen. Eine solche Arbeit kam ihr gerade recht, vielleicht gelang es ihr, durch angestrengte Tätigkeit die Unruhe zu bezwingen und zu bannen. Sie ging daher sogleich mit dem Rahmen in ihr kleines Atelier und setzte sich für die Arbeit zurecht. Als sie nun aber ihre Blumenstudien durchmusterte, um diejenigen Blumen auszuwählen, die sie zu ihrem Bilde verwenden könnte, da ward ihr die Wahl ausserordentlich schwer; bei dieser und jener erinnerte sie sich, dass Master Johnson neben ihr gestanden, als sie die Blätter gemalt und die Ranken gezogen. Als sie eine dunkle Rose aufschlug, meinte sie fast seine eigentümliche, etwas heisere Stimme zu hören; hier hatte er ihr von England und den weiten englischen Triften erzählt, und als sie zu einem üppigen Hollunderzweige kam, da war es ihr schier, als gewahrte sie zwischen den Blättern seine fragenden, wasserblauen Augen. Das Herz krampfte sich ihr zusammen, sie warf die Studienblätter beiseite – o nein, o nein! schrie es in ihr – und wie mit einem Zauberschlage stand wieder der prächtige, sonnenbeschienene Dogenpalast mit der Piazetta und all dem bunten Leben vor ihrem geistigen Auge. Und an der Säule des Löwen von San Marco stand Paolo und blickte tief traurig zu ihr hinüber. Ohne weiter zu überlegen, griff sie zum Stift und deutete da und dort auf dem Atlas eine Linie an, dann wurde sie eifriger, und nicht lange, so hatte sie ein ganzes Gewirr von Conturen auf die Fläche geworfen. Nun nahm sie den Pinsel zur Hand, und unter diesem wuchsen rasch die Formen hervor, bauten sich schnell die mächtigen Fronten auf. Eine Stunde nach der andern verging, und als die Sonne sich zu San Maria dei Frari neigte, da stand es fertig vor ihr, das leuchtende Bild von dem schönsten, dem prächtigsten Ufer der Welt. Klopfenden Herzens trat sie einen Schritt zurück – ja so war es, so prangte die Riva am Morgen im Sonnenschein; nur ein leiser melancholischer Hauch lag über dem Ganzen gebreitet. Sie vermochte nicht sich dagegen zu wehren, die Tränen traten ihr in die Augen – und mit leichten Zügen schrieb sie unter das Bild: O mia bella Venezia!

Da mit einem male wurde es ihr bewusst, dass sie ja ein ganz anderes Bild auf den Atlas gemalt, als der Händler bestellt hatte. Bestürzt griff sie sich an die Stirn; wie hatte sie das nur so vergessen können! Was würde er nun sagen; würde er wohl gar verlangen, dass sie den kostbaren Atlas ersetze? Sie wollte sich gleich Gewissheit verschaffen, schlug also ein Tuch um den Rahmen und ging sofort zu dem Händler hinüber. Natürlich war dieser zunächst etwas betroffen, er hatte bei der Bestellung eine bestimmte Käuferin im Auge gehabt, als er aber das Bild genauer ansah, da sagte er kein Wort des Tadels; mit scharfem Kennerauge erkannte er sofort, dass Concetta sich hier zur vollendeten Künstlerin erhoben hatte. Freilich sagte er ihr das nicht, denn er ist, wie alle Händler, ein sehr kluger Mann. Er meinte nur, dass es ihm vielleicht gelingen werde, auch einmal einen solchen Fächer zu verkaufen, und schon während sie den Laden verliess, stellte er den Rahmen ins Schaufenster.

Dort hat das Bild nun wohl kaum eine Viertelstunde gestanden; die Königin Magherita, die damals mehrere Wochen hier weilte, wandelte die Colonnaden entlang, und als ihr Blick auf das Bild fiel, blieb sie sofort an dem Schaufenster stehen. Sie war überrascht von der Naturwahrheit des Colorits und fühlte sich zudem lebhaft angezogen von der leisen Wehmut, die trotz der heiteren Sonnenpracht das Bild umfloss. Krankte doch damals auch ihr Herz an bitterem Weh. Ein Mörder war in Neapel mit dem Dolche in der Hand auf ihren Gemahl eingedrungen, auf den geliebten Mann, der ihr alles ist. Sie war davon aufs tiefste erschüttert worden, hatte sich zunächst in die Einsamkeit von Monza zurückgezogen und war dann nach dem stillen Venedig gekommen, dessen reizvolle Melancholie ihr von jeher zu Herzen sprach. Sie trat daher in das Geschäft und kaufte das Bild, zugleich mit dem Auftrage, ihr den entsprechenden Fächer daraus zu machen. Ausserdem erkundigte sie sich nach dem Namen der Malerin, und am anderen Morgen liess sie Concetta zu sich bescheiden. Mit holder Freundlichkeit, die wir ja alle an ihr kennen, wusste sie rasch die Befangenheit des Mädchens zu verscheuchen, und als sie sich dann nach Concetta's Lebensverhältnissen und künstlerischen Bestrebungen erkundigte, da erschloss ihr die Ärmste schnell ihr ganzes Herz. Und nun war es mit aller Not und Seelenpein für immer vorbei. »O nein, o nein!« rief die Königin. Sie solle doch ja nicht weggehen von dem schönen Venedig, und sie solle auch keinen andern wählen als den, nach dem ihr Herz verlange. Für die Anerkennung ihres schönen Talents aber werde sie selbst angelegentlich bemüht sein; zunächst bestelle sie gleich vier, fünf solcher Fächer mit Ansichten von Venedig; sie werde dieselben ihren Freundinnen in Rom als Andenken mitbringen.

Sie können sich denken, sie flog mehr nach Hause, als sie ging, im Wohnzimmer aber brach sie ohnmächtig zusammen; ihre Mutter musste sie hinüber aufs Bett tragen. Dort fand ich sie noch, als ich etwa eine Stunde später zu ihr kam, doch sie hatte sich bereits erholt, sodass sie mir alles sofort erzählen konnte.

Ich habe ihr dann die Hochzeit ausgerichtet; hier an dieser Tafel haben wir alle fröhlich gesessen, und wenn der Königin Margherita unterdess nicht fort und fort die Ohren geklungen haben, dann ist kein wahres Wort an dem alten Glauben.

Jetzt hat Concetta natürlich ein grosses, weitbekanntes Fächergeschäft; ihr Gatte leitet umsichtig den kaufmännischen Teil und sie den künstlerischen. In einem grossen Atelier beschäftigt sie viele Frauen und Mädchen, die sämtlich nach ihren Angaben und unter ihrer Mithilfe Fächer mit Ansichten von Venedig malen; in ganz Italien aber trägt man nun mit Vorliebe die venetianischen Fächer in Concetta's Geschmack und sicherlich nicht nur, weil die Königin Margherita diese vor allen anderen bevorzugt.«

»Doch einen Fehler,« schloss die Wirtin, »haben diese Fächer trotz alledem, besonders für die Fremden aus dem Norden, und ich darf die Warnung nicht schuldig bleiben. Es ist gewiss, wer sich zum Andenken an Venedig einen Fächer von Concetta kauft, der trägt mit diesem für immer die Sehnsucht nach Venedig in die Heimat. Wollen Sie's also dennoch wagen?«

Sie lächelte, und ich wagte es. Dabei lernte ich Frau Concetta kennen, eine schöne, stattliche Frau von gewinnender Liebenswürdigkeit und feinem Takt, sodass man fast von ihr glauben möchte, sie wüsste es gar nicht, dass sie eine Zauberin ist. Denn die Wirtin hat in der Tat vollkommen recht. Seit lange bin ich in die nordische Heimat zurückgekehrt, aber die Sehnsucht nach Italien hat mich noch keine Stunde wieder verlassen, und schlage ich den Fächer von Concetta auf, so klingt es mir unwillkürlich durch den Kopf: O mia bella Venezia!


 << zurück weiter >>