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Sie ist nur aus Not gezimmert,
Kummer band dann ihre Teile,
Bittre Sehnsuchtstränen spannen
Und die Leiden ihre Saiten …
heißt's in den Volksliedern der Finnen von der Kantelar, der altnationalen Laute. Die Not und der Kampf hat dies Volk, hoch oben im äußersten Norden, das letzte Kulturvolk Europas, singen gelehrt. Nicht in den Rosenlauben der Anakreontik, nicht auf ewig heiteren musischen Gefilden, wuchsen ihre Lieder; die Einöde, die unendlichen Heiden, die düsteren fahl glimmernden Moore schrien sie zum schwarz lastenden Winterhimmel, an dem es nie Tag wird; zwischen den kahlen, das Land zerreißenden Schären, wo sich das Meer dumpf brüllend einwühlt, klangen sie klagend; über den vom Nachtfrost geschlagenen Feldern, aus denen das Gespenst Hunger grausig drohend winkt, hallte ihre Verzweiflung; und ihre Sehnsucht weinte in den hellen Sommernächten, wenn am Himmel alle Wunder des Lichts erwachen und das Märchen auf die Erde gestiegen scheint.
Im Ringen mit dieser Natur, die ihnen eine grausame, strenge Herrin ist, in der Hingabe an sie, die ihnen nach den Zeiten der Entbehrung und der Winternacht auf kurze Frist das Leben vergoldet und ihnen Farben spendet, von denen sonst nur die Kinder des Südens träumen, hat sich bei diesem Volk eine Eigenart herausgebildet, seltsam gemischt aus zäher stählerner Energie und schwermütig fatalistischer Resignation. Aus der schmerzvollen Liebe zu dem Boden, den sie sich täglich neu erobern mußten, blühte ihre Dichtung auf. Und das Einsamkeitsleben grub tiefe Gänge nach Innen und weckte verborgene Gefühlswelten und schuf charakteristische Sonderheiten, wie sie sich bei Akklimatisationsmenschen mit dauernd nachbarlichem Austausch der Eigenschaften nicht entwickeln.
Europa hat sich um dies Volk nicht viel gekümmert. Die Finnen, die es kennen lernte, sprachen europäisch, der Maler Edelfeld, der in Paris die Schule seiner Kunst gefunden; der kapriziöse Kleinplastiker Vallgren, dessen impressionistische Bronzestatuetten voll Raffinement des Linienwuchses und allen Reizen momentanen Einfalls aus einem Atelier vom Montmartre stammen könnten; der internationale Tavastjerna, der zwar Romane aus Finnland geschrieben, der aber, trotz des starken Heimatszuges, seine Stoffe nicht mehr als Finne ansah, sondern mit dem Auge des Weltreisenden von einem andern Stern herab auf diesen verlorenen Fleck der Erde. Und auch Juhanni Aho, den wir erst seit einigen Jahren kennen und als Künstler verehren, zeigte in dem Roman, in dem wir ihn zum ersten Male sahen, in »Ellis Ehe«, in der Verquickung der Landschaftsstimmung und der Seelenstimmung, allgemein skandinavische Züge. Die Szenerie und ihre Gefühlswirkung konnte ebenso gut norwegisch sein.
Wir Lesenden haben ein Gefühl für das Norwegische mit seinen Problemrätseln, für das Dänische mit seiner Grazie und seinen artistischen Neigungen und seiner Melancholie, die nicht wie in Norwegen aus der Übergewalt der über dem Menschen schwebenden Naturmächte, sondern aus einer Kulturmüdigkeit stammt; für das Schwedische mit seinen stolzen phantastischen Schwungfittichen, wie sie die Kunst der Selma Lagerlöf bisher zeigt. Die Vorstellung des Finnischen erweckt uns keine Assoziationen.
Jetzt aber ruft dies verwunschene Land, dem Niemand nachgefragt, plötzlich stärkste Anteilnahme wach. Die Stimmen »pro Finnlandia« tönen bis hierher und erzählen von dem stummen erbitterten Kampf eines kleinen in sich stolz beharrenden Volkes gegen die unwiderstehliche Umschlingung und Erdrückung einer Riesenmacht. Rußland will Finnlands Sonderexistenz streichen, eine ganze Kultur, Sitte, Sprache, Kunst soll nivelliert werden und in dem anderen Organismus aufgehen. Und nun besinnt man sich und fragt, was bedeutet dieses Finnland und was kann es uns sein. Ein zur guten Zeit erschienenes Buch »Finnland im Bilde seiner Dichtung und seine Dichter« von Ernst Brausewetter Mit Novellen, Gedichten, Schilderungen, Charakteristiken und sechzehn Porträts. 1900. Schuster & Löffler. Berlin und Leipzig. gibt darauf anregende Antworten.
Stärker als alle Adressen und Appelle verficht das Buch die Existenzberechtigung Finnlands durch das indirekt wirksame Mittel, dies Land durch seine Zeugen selbst sprechen zu lassen. Die Kunst seiner Schriftsteller wird uns durch meist glücklich und charakteristisch gewählte Proben nahe geführt. Die fehlenden Linien werden durch ergänzende Schilderungen des Herausgebers ausgefüllt, dem es freilich bei seinem Streben nach Vollständigkeit nicht immer gelingt, alles, was er mit Namen nennt, auch zur Anschauung zu bringen. Aber das, was uns aus diesem Buch an Bildern und Gestalten bleibt, ist höchsten Interesses wert und erobert uns durch alle die, hier in ganz eigene Beleuchtung getauchten Züge, die wir in der Kunst der Schwesterländer des Nordens lieben.
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Ein Naturgefühl umspinnt uns, wie es sich in solcher Intensität nur bei den Menschenkindern der Einsamkeit entwickeln kann.
Wie ein flimmerndes frostklares Bild von Liljefors wirkt die Stimmung einer Winternacht, die Jacob Ahrenberg festhält: funkelnder Sternenhimmel mit flammendem Nordlicht, knarrender Schnee, blaubleiche Schatten über die Waldwege. Zwischen den schneeumwühlten Stämmen der Tannen in wilder Flucht ein Füchslein, das ein weißes Hühnchen gestohlen hat. Am Ende des Waldes der weite freie Blick über einen zugefrorenen See; in weiter Ferne, in der Kälte und dem Schnee der letzte Schimmer des roten Fuchses und seiner weißen Beute.
Und Topelius, der Weise Finnlands, der die Märchen und Sagen gesammelt, von dem Tavastjerna sagte, daß seine Schilderungen Finnlands Schönheit und den Farbenton der ganzen nordischen Landschaft ihm und den finnischen Landsleuten lebendiger und deutlicher gemacht haben, als die Natur selbst, daß er sie die Birke und den Stern, das Schilf und den Binnensee, den Sturzbach und den Wildbach und den Wolkenflug lieben gelehrt habe, rahmt einen Landschaftsausschnitt mit einfachster, aber gefühlsstärkster Kunst:
Ein Waldweg. Tannen, Felsen und Schneewehen.
Links Waldbrandspuren, ein verheerter Waldplatz,
Verkohlte, schwarze Stämme auf dem Schnee.
Spukhaft bizarr gestreckte Arme.
Und rechts der Mond, in einer Tanne hängend
Und klar beleuchtend einen Gaul am Schlitten
Und einen Mann im Pelz. Beim muntren Trab
Glaubt man der Schellen hellen Klang zu hören …
Und neben diesem Bild der Winternacht die Feerie der lichttrunkenen Sommernächte, die ohne Sterne strahlen, ohne Dämmerung, ohne Mondschein, mit dem Schimmern der weißen Möwen über dem See. Eine Landschaft in verklärtem Licht: »Es fließt daher, doch merkt man nicht, von wo; es strömt von all den Dingen selber aus. Und alles ruht und strahlt.«
Aber stärker als die weichen schwelgerischen Stimmungen erregen die Dichter Finnlands die düsteren Farben und die Schrecken der Einöde. Und in den Tristien vom Leidensstrand, die das grausam Zerstörerische dieser Natur und ihre furchtbaren apokalyptischen Gespenster, die Not, den Hunger, die Seuche, dichterisch zwingen, kommt das charakteristisch Finnische markanter heraus, als in der allen Skandinaviern gemeinsamen träumerisch pantheistischen Schönheitshingabe.
Da streckt sich in furchtbarer Monotonie die Einöde, die den Klang der Menschentritte in ihrer gähnenden Stille verschlingt. Flache sumpfige Seen voll trägen schwarzen Wassers, umstanden von dickem undurchdringlichen Schilf. Von dem grauen schmutzigen Herbsthimmel unendlicher Regen. Das Riedgras steht unter Wasser bis zum Waldsaum. Und der Wald ist eine einzige undurchdringliche Wildnis, und die einförmig gleichhohen spitzigen Tannen sehen wie ein mächtiges Distelland aus. Und wie verschollene Reste gestorbenen Lebens verlassene verwahrloste Behausungen voll grenzenloser Resignation. Eine schornsteinlose Hütte, die fast in die Erde sinkt; die Fensterlöcher mit Lumpen zugestopft, am halbverfaulten Zaun erfrorene Kartoffelblätter, im Sumpf steckend ein altes Boot, halb mit Wasser gefüllt, in dem eine Angelrute schwimmt, ein verkohltes, geteertes Stück Holz.
Juhanni Aho hat in einer noch nicht vollständig übersetzten Skizze diese Szene gezeichnet. Den erschütternden Vorgang, der zu dieser Bühne stimmt, gibt eine Novelle des in Deutschland bisher kaum bekannten Juho Reijonen »Im Notjahr«.
Eine schlicht einsetzende Armeleutegeschichte, die wie ganz selbstverständlich damit beginnt, daß die Zeiten schlecht waren, und daß oben im nördlichen Karelien die Bauern Birkenrinde ins Mehl nahmen, und daß dann die Birkenrinde ausgeht und als letzte Hoffnung der Bauer sich ausmalt: wenn man doch wagte, gute Tannen- oder Fichtenrinde aus dem Kronwald zu nehmen – oder wenn man noch einige Garben Stroh bekommen könnte, dann brauchte man auf lange Zeit nicht von Not zu reden.
Aber diese Geschichte, die am Eingang so ganz einfach ohne unterstreichende Worte und ohne Einwirkung des Autors nur durch die Vorstellung der Menschen in ihrer selbstverständlichen Leidensergebenheit und ihrer Trostbereitschaft durch die erbärmlichste Hoffnung wirkt, steigert sich im Verlauf zu einem grandiosen Epos der Not.
Der Hungertyphus bricht aus. Die Überlebenden lassen die Höfe im Stich, die mögen verfallen, sie scharen sich zu einer Armee des Jammers und ziehen ins Ungewisse, Rettung zu finden irgendwo, irgendwie, sie wissen es selbst nicht, der Schrecken scheucht sie. Die Elenden, jeder für sich kläglich, werden in der Masse zu einem erschauern machenden Bild. Die traurige Feierlichkeit menschlichen Leidens liegt über ihnen, groß und gewaltig. Ein geschlagenes Heer des Glücks.
Wie ein schwarzer Strich zieht der zerlumpte Haufen durch klaren stillen Morgen der aufgehenden Sonne entgegen. Von den Höfen verfolgen sie bellende, verhungerte, zottige Hunde, und aus dem Schnee heulen sie ihnen nach. Die reifbedeckten Wälder glänzen mit funkelnden Edelsteinen, und die Eisschichten, die vor Kälte springen, schießen gleichsam den Ehrensalut für die vorbeiziehende zerrissene Schar. Hier und da lockt die schneidende Kälte noch eine Rosenröte auf einer bleichen Wange hervor. Schweigend schreiten sie hinter der mageren Mähre, die die Schwächsten und Kleinsten im Schlitten zieht. Das Todesheulen der Hunde tönt ihnen werstweit nach und dann umfängt sie stumme, endlose Wald- und Heide-Einöde. Und nun kommt das Schneewehn über sie und schlägt ihre Augen und Glieder. Wie durch Schleiergewölk sieht der Nachbar den Nachbar lautlos versinken in weiche, schimmernde, unergründliche Tiefe. Wie von ferne tönt der hysterische [Psalmenreigen] der Frauen. Die Opfer fallen. Und von den Überzähligen, die ein Obdach erreichen, schleppt mancher am Arm, statt des Bruders, statt des Kindes, das er gerettet glaubt, eine Leiche. »Auf der Keroheide lag die Schneedecke glatt und blendend rein, wie das weißeste Leichentuch … im Frühling wurden dort sechzehn rohe Holzkreuze errichtet, und seitdem nannte man die Stätte »das Hungertal« oder »die Heide der Sechzehn«.
Die Finnen sind Kinder der Not und Kämpfer. Immer schwebt das Schicksal über ihnen. Der Kampf mit den Naturmächten ist das Thema ihres Lebens und Dichtens. Der Frostnebel, der über Nacht kommt und am Morgen dann in meilenlangen weißen Streifen über den Äckern liegt, schlägt den Fleiß ihrer Hände, und nun kommen die »harten Zeiten«, von denen so viele dieser Erzählungen reden.
Sie sind nicht nur Schilderungskunst, l'art pour l'art. Die Schriftsteller in diesem Volk betrachten sich in partriarchalischem Fühlen durchaus als die geistigen Führer, die Präzeptoren, als Propheten und Richter, die berufen sind, dem Willen ihrer Brüder die Zunge zu lösen, ihre Freude und Schmerzen auszudrücken, zu warnen und zu raten.
So steht hinter den Büchern von der Not scharfe soziale Kritik. Die Bevölkerung der Städte soll aus ihrer Gleichgültigkeit aufgerüttelt werden zu tätiger Teilnahme. Die weisen Herren in der großen Stadt weit unten an der finnischen Klippenküste, wo die weißen Steinhäuser blendend die Sonnenstrahlen zurückwerfen, die weisen Herren, die beruhigt schlafen, da »sie dem Erzbischof und dem Volk übertragen hatten, Gott um eine gute Ernte anzuflehen«, sollen geweckt werden aus ihrer Trägheit, daß sie Hilfe bringen, daß etwas geschieht, daß das Land erlöst werde von dem Fluche.
Und eins ist die zürnende Liebe aller dieser Dichter, der Wald, der Wald, den der Unverstand der Menschen mordet, und damit den stärksten Schutz zerstört gegen die Fröste und die Winde der Sümpfe. »Ohne Wald kann niemand leben, der in Finnlands Dörfern wohnt.«
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Das ethnographische Element reizt die Dichter besonders. Die charakteristischen Äußerungen des primitiven auf jahrhundertalter Tradition beruhenden Lebens auf dem Lande lockt ihre Schilderung mehr als das durch mancherlei fremde Einflüsse bedingte und in der Eigenart verwirrte Wesen der Städter.
Das Leben in den Schären Ostfinnlands hat Jacob Ahrenberg in anschaulichen Szenen gegeben. Das seltsam Starrsteife, Holzgeschnitzte in den Linien der Tracht und in den verwitterten Zügen furchiger Gesichter erinnert an die eckigen harten Bilder Munthes.
Die Männer im gelben Sonntagssüdwester und blauen Jacken, die Weiber in kurzen grellfarbigen Leibstücken ohne Ärmel, daraus die starren Puffen der Hemdärmel, der Rock dunkelrandig, die Schürze wie ein Brett, auf dem Kopf die Mütze mit zwei Hörnern. Am Strand auf dem blassen graugrünen Grase und den großen Rollsteinen ist Gottesdienst. Der Küster, ein alter dicker Mann, singt die Psalmenmelodie, die anderen stimmen ein. Wenn sie sich manchmal in die Sandbänke und Blindschären verlieren, ruft der Küster: »na, na«. Sie schweigen, und er führt mit seiner dünnen Stimme die verunglückte Melodie wieder in offene See. Der Pastor ist eine Landratte. Er predigt von den Tälern Sarons, von Weizen, Weintrauben, von Sämännern und Schnittern. Schwerfallende Müdigkeit senkt sich über die Hörer. Da verirrt er sich in die Geschichte von Petri Fischfang und von Jonas im Wallfischbauch, und nun leuchten die Gesichter auf, das verstehen sie. Aber die Andacht findet jäh ein Ende, denn ein Boot legt an und bringt eine Nachricht, – wie der Wind fliegt sie von einem zum andern –: Der »Porhorn« ist gekommen.
Was ist das, der Porhorn? fragt der unmaritime Pastor, ein Fahrzeug? Nein, Herr Pastor; ein Fisch! heißt's zur Antwort, und schon sind die Männer mit ihren Netzen fort auf die viereckigen flachen Kähne, die auf der Wasserfläche wie Schneeschuhe auf dem Schnee hingleiten, in die schilf- und binsenbewachsenen Buchten, auf die langerwartete Beute.
Auch das Leben der Holzfäller, die schneeumwirbelt, schweißtriefend im Morgendunkel die Föhren schlagen und mit den kleinen wolligen Pferden die Äste zum Flußufer treiben, hat Jacob Ahrenberg gezeichnet. Ihr dumpfes Tagewerk und ihre elenden Nächte, im Regen, im Tauwetter, im Schneesturm, wenn die Kälte so scharf ist, daß die Vögel tot von den Zweigen fallen, immer in der gleichen offenen Hütte, vor der das Feuer brennt, um die wilden Tiere des Waldes fernzuhalten und den Männern die Füße zu wärmen.
Reizvolle Motive ergibt die Berührung der Primitiven mit den Städtern. Tenvo Pakkala hat in seiner Novelle »Bootfahrt den Uleafluß hinunter« humorvoll lebendig geschildert, wie die großen Kinder voll harmloser Genußsucht auf alle die unglaublichen Wunder dieser neuen Welt sich stürzen. An die russischen Matrosen mußte ich dabei denken, die in breiter Reihe, die kleinen Finger ineinander gehenkelt, als fürchteten sie sich zu verlieren, in den Straßen Kopenhagens sich schwenkten, alles mit den Augen verschlingend.
Mit den Teerbooten kommen sie an in Uleaborg und als sie ihre Ware abgeladen, ziehen sie durch die Stadt. Das Gesicht der Weiber ist ein einziges breites Lachen, ihr Kopf geht wie eine Flagge im Winde und die Nase ist meist im Rücken. Die Männer betrinken sich, schließen schnell neue Freundschaften und tauschen gerührt die Uhren. Das Karussel wird den Weibern eine Offenbarung und die Unteroffiziere ein Erlebnis.
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Die finnischen Dichter betrachten ihre Personen nie als bloße Studienobjekte, als dankbare Modelle. Sie hängen an ihnen. Sie fühlen sie als Blut von ihrem Blut. Und sie möchten, daß ihre dichterischen Gestalten den Urbildern draußen im Lande etwas wären und etwas sagten.
Bei der Betrachtung der Primitiven hat diese Dichter besonders häufig ein Gedanke beschäftigt, das Eindringen der Kultur, überhaupt fremden Einflusses in diese seit Urväterzeit gefestigten und eingesessenen Sitten. Die Stimmen darüber gehen auseinander. Fanatisch gegen den Einfluß aller neuen Ideen ist Ahrenberg, dessen Stärke in der Schilderung des charakteristisch Ethnographischen besteht. Er hat ein leidenschaftliches Stammesgefühl und sieht in allem, das von außen über die wohlgehegten Grenzen heranrückt, den Feind. Sein Volk scheint ihm in sich stark, neue Elemente würden es zersetzen. Sein Haß gilt vor allem der Annäherung an Rußland und sein heißester Zorn – hier spricht wirklich ein grollender Richter seines Volkes, – strömt gegen die aus, die sich durch den Verkehr mit der russischen Gesellschaft, durch Anpassung an russische Gewohnheiten, durch Heiratsvermischung mit Russen gesteigert fühlen. Aber nicht nur das Russische – darin sind ziemlich alle einig –, sondern überhaupt alle europäischen Reformideen, z. ;B. die Selbständigkeit der Frau, weist er hartnäckig ab. »Je mehr homogen ein bedrängter und kleiner Volksstamm ist, desto größer sind die Garantien dafür, daß seine Lebenskraft Bestand hat«, ist seine Anschauung.
Im extremen Gegensatz zu ihm wollen andere, vor allem Minna Canth, der satirische Santeri Ingmann und auch Tavastjerna, der einmal zornig ausruft: »dieser verdammte Abendfrieden, der über dem ganzen Lande Tag und Nacht ruht, trotz allem Sprachgezänk und Winkelpatriotismus ist es, der mich aufreizt«, die Mauern einreißen, um modernen europäischen Ideen Eingang zu verschaffen. Diese Bestrebungen sind aber absolut nicht identisch mit einer Begünstigung der russischen »Reform«pläne. Denn auch die Anhänger des Neuen wollen doch vor allem die nationale Eigenart als festen Boden bewahrt wissen. Dichterisch am reinsten hat solche Gedanken Juhanni Aho gestaltet.
Er hat in zwei gemütstiefen Skizzen: »Wie Vater die Lampe kaufte« und »die Eisenbahn« die Wirkung neuer Kulturprodukte auf die Primitiven in den entlegenen Landesteilen geschildert. Und er erreicht hier melancholische Vergänglichkeitsstimmungen: der alte Knecht, der letzte Sproß der absterbenden Zeit, der früher die Kienfackeln geschnitten, zieht sich nun ein überflüssiger Mann in seine Hütte zurück. Er schnitzt hier weiter seine Kienfackeln. Um die Dämmerstunde aber schleichen die Kinder zu ihm und bei dem schwelenden trübflackernden Licht, das ihren Eltern und Ahnen geleuchtet, lauschen sie, die Kinder einer neuen Welt, seinen Sagen und Liedern der Vorzeit.
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Aus den Büchern der Dichter erwächst uns ein lebendig sprechendes Charakterbild des Finnen. Ein starker Heimatszug ist seine Haupteigenschaft, dies innige Verwachsensein mit dem Boden, das die Bürger der großen Länder nicht mehr kennen. Nicht der politische Patriotismus, sondern der elementare physische, unzerstörbar wie eine Naturgewalt und von fast trotziger Wildheit: »gleich dem Heidekraut klammern wir uns fest mit Händen und Zähnen in dem Mark unseres Landes. Wer uns von dort losreißen wollte, behielte nur Blätter in seiner Hand, aber die Wurzeln würden in der Tiefe zurückbleiben und neu aussprießen,« sagt Juhanni Aho, und aus diesen leidenschaftlichen Worten grollt es wie das Brüllen eines edeln Wildes, dem man seinen Herrenwald streitig machen will.
Aus dieser Eigenschaft der klammernden Organe ergibt sich zähe Beharrlichkeit überhaupt, das starre Festhalten, die Steifnackigkeit im Guten und Bösen und der brennende Rechtsfanatismus. Diese Finnenherzen sind der fruchtbare Boden für den Kampf ums Recht.
Die Literatur ist daran nicht vorübergegangen.
Juhanni Aho, der in dieser Sammlung seinen finnischen Rassezug stärker zeigt, als in seinem Roman, hat in seinem »Alten von der Landspitze« den Typus des Rechtskämpfers gezeichnet. Diese Gestalt hat aber andere Züge, als die verwandten Gestalten in der deutschen Literatur. Hier sprühen aus dem Zusammenprallen Funken; der in seinem Rechtsgefühl Beleidigte wird entflammt, Unrecht zeugt Unrecht. Solche Aktivität liegt im Finnenblut nicht. Es scheint mehr passive Resignation, keine jähe Wechselwirkung. Aber die zähe latente Eigenwilligkeit, die das für richtig Erkannte ums Sterben nicht aufgibt, erreicht viel mehr, als die überhitzte Gewaltantwort. Der Alte, den die Erben seines Herrn aus seiner Hütte an der entlegenen Landspitze vertreiben und sie einreißen, zieht sich grollend wie ein Bär zurück. Als sie aber fort sind, baut er einfach von neuem. Und an diesem schweigenden Beharren, von dem kein Steinchen abzubröckeln ist, werden seine Widersacher mürbe. Aho hat in seiner Novelle »Friedlos« und Tavastjerna in seinem »Eingeborenen« die tragische Seite solchen Zusammenstoßes natürlicher aus dem Instinktsleben des Einsamen geborener Rechtsauffassung mit der konventionellen Gesellschaftsmoral als Motiv genommen.
Vilhelm Hammershøi, Fünf Portraits
Originalabbildung im Buch schwarz-weiß.
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Aus der Natur heraus, aus dieser Landschaft mit [ihren] unermeßlichen Weiten und Öden, in der die Menschen ohne die enge Berührung und Anpassung mit anderen Menschen dahinleben, entwickelt sich die Intensität des Innenlebens, die Wortkargheit nach außen, das scheue Verschließen der Gefühle. Diese Einsamkeitsmenschen schämen sich, wenn sie ihr Herz entblößen, und ihr Lächeln ist still und nach innen gekehrt und ihr Lebenstraum ist im tiefsten Grunde resignierte Beschaulichkeit, Abendfriedensehnsucht, wie sie das Lob der Melancholie atmet, das Juhanni Aho gesungen. Es träumt von einer kleinen Hütte, weit draußen auf einer Landzunge, am Ufer eines einsamen Waldsees. Die Katze auf dem Herd, das Heimchen in der Ecke, der Mond draußen über den Schneefeldern, sein Schein von einer Bodendiele zur anderen gleitend, und die Eisblumen am Fenster. Nur das Klingen der kupfernen Kantelarsaiten. Nicht toben, nicht weinen, nicht an die Brust schlagen, – nur lindernd die letzten Wellenbewegungen vergangener Stürme dämpfen lassen …
Und geschwisterlich mit diesen Gedanken der Einsamkeit wächst ein mystisches Fühlen. Jonas Lie hat im »Finnenblut« an diese Geheimnisse gerührt. Die Norweger sind ja hierin den Finnen verwandt. Beide stehen unter dem Joch der übergewaltigen Riesennatur, die drohend über ihnen hängt und ihnen ihre unheimliche Macht in jedem Moment fühlen läßt. Diese Schauer zeugen Ahnungen und Schicksalswittern.
Die Bootsleute sehen in der Nacht über die Reling den Neck mit blutgesprenkelten grünen Augen glotzen und mit den dünnen bleichen Lippen lachen. Und unter den Holzfällern gehen leise geflüsterte Sagen von den Einöden des Harparwaldes, der seine Opfer fordert an den Tagen, da große Wolken am Himmel hineilen und starke Windstöße mitten in der Stille kommen. Wen er sich ausersehen hat, der entgeht seinem Schicksal nicht, wenn die Fichte fällt …
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Finnland ist uns nun nicht bloßer Name und Begriff mehr. Und wenn wir jetzt hören, daß es um seine Art und Kunst ringend kämpft, dann wissen wir, daß Edles auf dem Spiele steht.