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Ein schönes Wort, das Otto Erich Hartleben von dem alten Epigrammatiker Logau braucht, stimmt tief und echt auch zu Knut Hamsun, dem Norweger. Das Wort von der »edelgeborenen, aus einem verfeinerten Empfindungsleben stammenden Überlegenheit und Hilflosigkeit angesichts des umgebenden Lebens. Jener Überlegenheit und Hilflosigkeit, die nun einmal allezeit ein glücklich-unglückliches Menschenkind zum Dichter gemacht hat.«
Die Überlegenheit der inneren Schwingungen ist es, des aufsaugenden allumfassenden Gefühls, der heiligen Zuversicht: ich bin mehr und reicher schau ich und lausche ich als die Menge; die Natur spricht zu mir mit tausend Stimmen, von denen ihr nichts ahnt. Und auf einen Wink meiner Hand steigen unsichtbare Königreiche aus den Wolken und Ariel führt mich zu den Gärten des Okeanos.
Und dazu die Hilflosigkeit der irdisch gebundenen, äußeren Menschlichkeit, die verbannt und verwunschen in Knechtsgestalt armselig das Pflaster tritt, die ohnmächtig gegen die brutalen Attacken der täglichen Sorge ist, die durch die Sensitivität, durch die gesteigerte Reizbarkeit, aus der die höchsten Genüsse kommen können, andererseits alle Hemmungen und Reibungen peinlicher, qualvoller empfindet.
Solcher Hilflosigkeit und solcher Überlegenheit eint sich die überschauende Menschen- und Selbsterkenntnis, die sich selbst fest und rücksichtslos ins Auge faßt und grimmig das Mißverständnis wägt, die ohne sich zu schonen, höhnisch Schmach und Lächerlichkeit der äußeren Existenz noch übertreibt, die in den Wunden wühlt, und sich an der Schamlosigkeit, die eigenen Blößen aufzudecken, herb berauscht. Knut Hamsun gleicht dem Wedekindschen Herrscher, der vertrieben wiederkehrt, sein tragisches Schicksal singt und als Komiker verlacht wird, und der nun aus Trotz und Verachtung zum Narren wird.
Ein bitterer Narr ist auch Hamsun. Als Wehr und Tarnhülle seiner dünnen Haut, auf der die Nerven bloß liegen, entdeckt er sich den Witz des Bizarren. Epater les bourgeois, das ist sein Spiel. Er verblüfft die Spießer, er überschlägt sich in Einfällen unglaublicher Maßlosigkeit, er läßt wie Hamlet das Gesindel tanzen und sticht es mit Pointen tot: der Hohn grinst aus ihm und sein wahnsinniges Gelächter übertönt den eigenen Schmerz. Das Hämische, Trollhafte wird übermächtig, aus der Zerrissenheit und der Vergiftung steigt das Böse mit verzweifelter Laune und die Lust am Grausamen. Dann wird er tückisch und boshaft gerade zu denen, die er liebt: er verzerrt sein eigenes Bild und das Bild der Geliebten, er besudelt, beschimpft es und tritt es in den Kot; das ganze Leben verstellt sich ihm zu einer ungeheuerlichen Grimasse.
In diesem entsetzlichen Wirrsal und Chaos graut es ihm vor sich selbst, die überspannten Saiten reißen und zusammenbrechend starrt er auf Vernichtung und Scherben. Ähnlich scheint die Complexion jener Stimmung, die Hebbel beschreibt: »Oh, es ist eine solche Verwirrung in meiner Natur, daß mein besseres Ich ängstlich und schüchtern zwischen diesen chaotischen Strömen von Blut und Leidenschaft, die durcheinander stürzen, umher irrt, der Mund ist dann im Solde der dämonischen Gewalten, die sich zum Herren über mich gemacht haben, und ganz bis ins Innerste zurückgedrängt, sitzt meine Seele, wie ein Kind, das vor Tränen und Schauder nicht zu reden vermag und nur stumm die Hände faltet.«
So folgen sich in dieser Hamsun-Welt in toll jagender Hetze, mit der Rapidität der Fieberdelirien atemlos gescheucht, wunderfern leuchtende Gefühlslandschaften, lyrische Träume voll klingender Herrlichkeit, voll auflösender Symphonien in Farben, Tönen und Düften, und graue, schmutzig fahle Alltagsausschnitte voll Gewöhnlichkeit und Misere, mit verbissener Genugtuung an dem Jämmerlichen und Niederträchtigen der äußerlichen Existenz gemalt. Tränen rinnen in versteckten Winkeln, aus tiefster Tiefe schreit ein geschlagenes Geschöpf zu den unbekannten Mächten, verflucht sie und sich; müde, weiche Sehnsucht klagt und streckt die Hände nach einer ewigen Liebe, die bang mit Traumflügeln die Seele streift und nie sich erfüllt. Doch die traurig-zärtlichen Gesichte zerfließen und in wüstem Reigen tanzen Fratzen auf, Carneval menschlichen Humbugs, ein Pandämonium gräßlich-komischer Karrikaturen, und der Dichter wählt sich selbst die lächerlichste und trübseligste Maske und tummelt sich mit. Er peitscht die anderen und peitscht sich selbst in irrer Selbstzerstörung; erschöpft bricht er zusammen, bis ihn die unbändigen Triebe des chaotischen Inneren wieder packen und von neuem die Jagd beginnt, auf der das Wild ein Dichter und der Jäger der Wahnsinn ist.
Das sind die Mysterien Knut Hamsuns, und in dem Roman, der diesen Titel führt Wie alle Hamsun-Bücher bei Albert Langen in München erschienen., hat er in einem frappanten, flackernden Stil, in einem Stakkato, und einem Blitze-Zickzack der Schilderung, in einem unerhörten psychischen Impressionismus ein Abbild solcher Hetzjagd der Seelenzustände gegeben: seelische Kinematographien.
Artur Schnitzler hat einmal in seiner virtuosen Skizze »Lieutenant Gustl« eine Studie rapider Gedanken- und Vorstellungsflucht versucht, ein Bravourstück der Analyse, aber kühl, nur voll der Neugier des Forschers. Bei Hamsun sieht man die blutenden Schmerzenswunden.
In den »Mysterien« erreicht der Jäger das Wild, der Wahnsinn verschlingt den Gepeinigten. In seiner Lebensangst ertrinkt er. Hamsun selbst jedoch, Hamsun der Künstler, scheint geschwinder als der drohende Verfolger. Das ist das Phänomen des Künstlerischen, das ist auch jene der Hilflosigkeit verbundene Überlegenheit, daß aus der hellsichtigen Kenntnis der eigenen Zustände, aus der stetigen Kontrolle der eigenen Wechsel, aus der Katharsis durch das dichterische Abreagieren immer wieder in dem inneren Haushalt eine Regulierung stattfindet und daß die Kunst, die von Hamsun in seinen finsteren Stunden so erbittert gehaßte den Menschen am Leben hält und ihn vor dem krallenden Feind beschützt.
Der große Kenner der Zustände, Hebbel, der in alle Abgründe gesehen, hat sich einmal über solchen Umgang des Dichters mit dem Wahnsinn ausgesprochen, über die Sicherheit, die an die Tierbändigergewalt erinnert. Als ein Kritiker ihm den Irrsinn prophezeite, sagte er überzeugt und ruhig: »Das wird nie geschehen, nie, ich fühle etwas von einem ehernen Reifen im Kopfe, und habe in Todkrankheiten schon die Erfahrung gemacht, daß selbst die wildesten Fieberphantasien das Bewußtsein in mir nicht überwuchern konnten, daß ich, wenn ich sie auch nicht ganz zu ersticken vermochte, sie doch innerlich bespöttelte und verlachte.«
Das ist auch der Fall Hamsuns, und gleich sein erstes Buch vom Hunger zeigte in der äußeren Hilflosigkeit die erstaunliche künstlerische Überlegenheit. Die Vivisektion am eigenen Leibe, am Leibe eines zusammenbrechenden Menschenkadavers, die zerfleischende, fast lüsterne Neugier des künstlerischen Anatomen, der, während sein Körper im Folterschmerz sich krümmt, während seine Seele vergeht vor Empörung und demütigender Schmach, mit überwachem Gehirn jede Regung belauscht, grausam auf alles unfreiwillige Lächerliche paßt und mit einer das Blut erstarrend machenden Sachlichkeit alle Phasen notiert, bis zur furchtbarsten, dem blendenden Hungerrausch, der gleich Opium-Phantasien tropische Riesenfernen malt.
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Wie Hamsun, der künstlerisch so außerordentlich alle Variationen seelischer Direktionslosigkeit auszudrücken weiß, selbst über diesen eigen erlebten Krisen zu stehen fähig ist, beweisen seine Bücher der Polemik. In ihnen zeigt er sich als Satiriker seiner Zeit und seines Landes. Er wetzt schadenfroh und rachsüchtig seinen spöttischen Geist an Kristiania, »der seltsamen Stadt, die niemand verläßt, ehe sie ihn gezeichnet hat«. Er schüttet seinen Hohn über Norwegen aus. Im Bilde des Eingeborenen stellt es sich ihm dar, der mit dem dick-doppelten Wollshawl um den Hals, damit nur ja keine frische Luft an ihn käme, daher trottet, »mit einem Brot unter dem Arm und der Kuh auf den Fersen, der brave Viking«.
Mißmutig sieht Hamsun überall nur: »Transtiefel, Ungeziefer, alten Käse und Luthers Katechismus und die Menschen sind ihm mittelgroße Bürger in drei Stock hohen Hütten. Sie essen und trinken zur Notdurft, lassen sichs wohl sein bei Toddy und Wahlpolitik und handeln tagaus, tagein mit grüner Seife und Messingkämmen und Fischen. Aber in der Nacht, wenn es donnert, dann liegen sie da und lesen vor lauter Angst im Gesangbuch.«
Diese Satire gegen die Kleinlichkeit und die alltägliche Selbstbehaglichkeit bildet Hamsun in seinen Romanen »Neue Erde« und »Redakteur Lynge«, in seinen Dramen »An des Reiches Pforten« und »Abendröte«, die übrigens künstlich schwächer sind, weiter aus zu bitterbösen Invektiven gegen die Literatur-Cliquen, gegen den Größenwahn der Grand Café-Dichterlinge, gegen die Journalisten-Corruption, gegen die Überzeugungs- und Wahrheits-Fanatiker, die sich bei ihm schließlich als Cabotins entpuppen und in den Vorteilshafen einlaufen.
Ihrer beschränkten Inzucht, ihrem papierenen Schreibewesen voll Eitelkeit und Neid, von Kleinkabalen und aufgeblasener Wichtigkeit stellt Hamsun in der »Neuen Erde« des »Handels große und merkwürdige Poesie« gegenüber, sein brausendes, weltumspannendes Leben, das von der Einengung und der bornierten nationalen Selbstgerechtigkeit erlösen könnte.
Diese polemische Literatur hat, wenn sie sich auch catonisch-reformatorisch geberdet, im Grunde keine ernsten Ziele. Sie ist, wie alles bei Hamsun, Temperaments-Ausfluß, sie kommt aus Metier-Ekel, aus dem Unmut über den aufreizenden Stumpfsinn und der satten Befriedigung seiner Umgebung. Füchse mit brennenden Schwänzen ins Land der Philister jagen will er, und die lieben Zeitgenossen verblüffen und brüskieren. Bessern und bekehren wollen liegt seiner skeptischen Art, die sich gern an der Dummheit und Verbohrtheit sättigt, fern. Er selbst nennt seine Bitterkeit einmal eine lustige Bitterkeit. Weil der Idiodismus ihn aufreizt, will er den anderen ein Ärgernis und eine Torheit sein. Er will sie mit Paradoxen scheuchen, daß es ihnen angst und bange wird. Ähnlich vergnügte sich E. T. A. Hofmann; und dessen Kapellmeister Johannes Kreißler ist an Zerrissenheit, wild-grellem Humor, wüster Groteske und tief verschämtem Seelenschmerz Hamsuns Johannes Nagel sehr verwandt. Johann Nagel ist der traurige Held des Hamsunschen Lebensbuches, der »Mysterien«, und sie umfassen mit dieser Gestalt alle Gefühls- und Vorstellungsklimate des Dichters. Das Paradoxe, Satirische, und die Gesellschaftskritik der eben erwähnten Bücher tobt sich hier aus; schmerzhaft und selbstquälerisch verdichtete Alltagsstimmung herrscht, jene Stimmung des Leidens am Leben in grauer Verbannung, in einer falschen, verfluchten Erscheinungsform, und schließlich schwingt hier jener sehnsuchtsweite Hamsun'sche Lyrismus, der in tiefster Qual am Horizont die Berge seiner dichterischen Traumheimat aufsteigen sieht. Dann erwachen alle heimlichen Nerven in ihm, Musik kreist ihm im Blut, mit der ganzen Natur fühlt er sich verwandt, mit der Sonne und den Bergen, und aus den Halmen und Zweigen fühlt er sich von seinem Ich-Gefühl umbraust. Seine Seele wird groß und volltönend wie eine Orgel und die Musik schwebt in seinem Blut, auf und nieder. Auf dem Boot mit lichtblau seidenem Segel fährt er in trunkene Fernen und Märchen fühlt er, die ihm den Atem benehmen.
Wie Ausstrahlungen aus diesem Buch wirken die übrigen Werke Hamsuns, jene Bücher der Polemik, die wir streiften; die Bücher der Lyrik, der »Pan« und die »Viktoria«; und das Buch des Alltags, die »Königin von Saba.«
Im »Pan« braust wirklich Pansstimmung, tönender Alleinheitsklang mit Bäumen und Himmel und Meer. Das Tagebuch eines Jägers gibt es mit Bildern, die den Studien Liljefors an Gegenwartskraft und packendem Erfassen gleichen. Am Waldesrand haust in seiner Hütte der Jäger, eine verträumte, versonnene Natur, ein Einsamkeitsmensch. Die Hasen schießt er, die Birkhühner, die Schneehühner und die Seevögel. Hinaus rudert er auf den Holm, weit draußen vor dem Hafen. Lilafarbene Blumen blühen dort mit langen Stengeln, die ihm bis ans Knie reichen: in wundersamen Gewächsen watet er, zwischen Himbeerbüschen und grobem Strandgras. Die Vögel der Küste schreien und flattern über ihm. Und das Meer schäumt wild und umschlingt ihn von allen Seiten wie in einer Umarmung. Und seine hellen Sinne saugen sich aus dieser Umwelt volle Nahrung, die Spur des Schneehuhns verfolgt er im Schnee und seine Flugbahn erkennt er nach dem Abdruck der Flügel. An jedem Blatt, jedem Zweig und jedem Grashalm findet er Genuß für sein offenes Herz, und wie der heilige Franziskus von Assisi und wie Werther grüßt er naturselig Bäume, Steine, Gras, Hügel und Ameisen mit Namen, und seine Phantasie fliegt bis zu den brütenden Zwergfalken hoch oben in den Bergen.
Winters Ausgang ist's, von den schwarzen Bergwänden rieselt das Wasser. Thomas Glahn, der Jäger, kommt von der Jagd zurück, über der Schulter hängt ihm die Jagdbeute, losgekoppelt läuft sein Hund, Äsop, neben ihm. In Abendstille dämmert der Wald. Der Himmel glänzt offen und rein und strahlt in Lila und Gold. Es schmilzt das Eis, alles wandelt sich und wird neu geboren, ein jeder Tag zeigt andere Bilder und Thomas Glahn lauscht auf den Frühling. Und der Frühling kommt, der Wald leuchtet, die Drosseln schreien, der Wind trägt den befruchtenden Blütenstaub von Zweig zu Zweig. Dann werden die Nächte hell, eine süße, beklemmende Unruhe bebt durch die Natur, die Unruhe des Frühlings. Und es schwirrt und flüstert im Wald von Nachtfaltern und Vögeln, und alte Liebeslieder erwachen, von Schön-lselin, die zu dem Jäger in den Wald geht, sich den Schuhriemen binden zu lassen. Doch nach einer Stunde noch ist der Schuhriemen nicht gebunden, aber ihr Antlitz flammt und ihre Augen schwimmen wie in Verzückung. Und dann geht sie und kommt nicht wieder und geht zum nächsten Jäger. Alte Liebeslieder erwachen in Thomas Glahn, des Waldes Stimmung geht durch seine Sinne, das ganze ahnungsvolle, sehnsuchtsgespannte Leben um ihn zieht ihn in seinen Kreis. Er schläft die Nächte nicht mehr, er geht wie in Träumen. Aus diesen Träumen steigt aber eine Tragödie auf. Sie spielt zwischen Thomas Glahn, dem primitiv-elementaren Menschen der Natur, mit seinen starken Leidenschaften, und einem kleinen Mädchen voll Sensations- und Nervenhunger aus der Stadt unten an der Küste. Sie ist die Tochter des Großkaufmanns, ein verzogenes, junges Geschöpf, mit erhitzter, abenteuerlicher Phantasie, voll Drang in die Weite und voll kleiner Mädchenträume von einem Prinzen, der sie einmal fortführen wird übers Meer und ihr seine Schätze zu Füßen legen. Die feige Sinnlichkeit der Hedda Gabler steckt ihr im Blut. Der Sonderling da oben in der Hütte, der so für sich lebt und von dem man nur weiß, als daß er ein ehemaliger Offizier ist, reizt ihre Vorstellung. Als sie ihn in seiner Jägertracht gesehen, gefällt er ihr. Sein Auge mit dem heißen Blick, der auf sie wirkt wie der eines Tieres, verletzend und bannend zugleich, reizt sie auf. Und Thomas Glahn verfällt ihrem Spiel. Diesen Mann voll unverbrauchter Empfindung ergreift die Leidenschaft mit ganzer Stärke, er fühlt sie ungeteilt; das Weib hat tausend kleine Nichtigkeiten nebenbei, auf die es nicht verzichten will. Edvarda muß Gesellschaften arrangieren, Thomas sitzt in qualvoller Erwartung in seiner Hütte, sie kommt nicht. Dann muß er gar selbst ihre Feste mitmachen. Des großen Verkehrs ist er entwöhnt, allerlei gesellschaftliche Ungeschicklichkeiten passieren ihm. Evarda sieht ihn verächtlich an und kränkt ihn mit verletzenden Worten. Vor den Leuten behandelt sie ihn miserabel, es ist, als ob sie sich seiner schämt. Sie liebt ihn eigentlich nur, wenn sie allein sind und bald genug wirft sie ihn weg. Schmerzvoll wird geschildert, wie dem Starken von der kleinen Schwachen das Herzblut ausgesaugt wird, wie die qualvolle Liebe in ihrer ätzenden Mischung aus quälender Leidenschaft, qualvollster Eifersucht, und tiefsten tötlichen Kränkungen durch böse Worte der Geliebten, tiefe Risse in sein inneres graben. Armselig und elend wird er; sein Stolz ist dahin; er verglüht sein Leben. Nun folgt eine Variation jener Liebesgeschichte, deren Grundmotiv Maupassant entgültig in »Notre coeur« aufgezeichnet hat.
Dort ist's André Mariolle, der seine mondäne Geliebte mit tiefer Leidenschaft liebt, von ihr aber für diesen Reichtum an Gefühl nur Brocken erhält, die von ihrem Tisch fallen. Er findet in seinem zerrissenen Zustand Erquickung durch die Liebe eines einfachen Mädchens, das nur Zärtlichkeit für ihn ist, das nichts anderes sieht als ihn und in ihm aufgeht. Und so lebt in diesem Menschenherzen, das vielseitiger ist als die Alltagspsychologen, die nichts erlebt haben, glauben, eine Doppelliebe. Die schmerzvoll quälerische zu der Weltdame, und die heiter beglückende zu dem Naturkinde, dessen tiefe volle Neigung seine kranke Seele kosend hätschelnd umschmeichelt.
Solche Doppelliebe kommt auch über Thomas Glahn. Da ist Eva die Tochter des Schmids. Sie trägt ein schneeweißes Tuch über dem dunklen Haar und wenn der Jäger sie ansieht, errötet sie tief, sie blüht in Jugend und ihre Augen sind gut. Sie liebt ihn, und ist nur Liebe und gibt alles, ohne zu geizen, ohne zu rechnen, einen tiefen vollen Trunk. Und der Verschmachtete trinkt dürstend in langen Zügen. Diese Liebe tut Thomas Glahn wohl, sie rührt ihn und stimmt ihn weich, und wenn Eva nicht bei ihm ist, dann sehnt er sich nach ihr, daneben aber bohrt die andere Schmerzenspassion weiter tiefe Leidensbahnen in seine Seele. Dann empfindet er ein schmerzliches Vergnügen mit Eva von Edvarda, der Schlimmen, zu sprechen. Er schmäht sie und schilt sie, wenn aber Eva ihm Recht gibt, dann wird er heftig.
So schwankt sein Leben hin und her, bis eine Katastrophe den Schluß macht.
Eva stirbt, vom herabstürzenden Fels zerschmettert durch Glahns Schuld. Edwarda wird sich wohl mit dem fremden Baron verloben, den der Vater von seiner Reise mitgebracht hat. Thomas Glahn verläßt seine Hütte, er sagt Edvarda Adieu und sie macht ihm höflichst den höflichsten Knix, dann fährt er ab. Die Sommerliebe ist zu Ende. «Was weiter aus dem sonderbaren Kauz geworden, erzählt eine seltsame Nachschrift. Er fing ein wildes abenteuerliches Leben an, er ging nach Indien, jagte Löwen und Tiger und trieb es wüst. Er trank und berauschte sich in Alkohol, in Gefahren, mit den Weibern.
Er besaß immer noch jenen versengenden Tierblick, der die Frauen so toll machte.
Von einem eifersüchtigen Rivalen, den er bis aufs Blut gereizt, ist er einmal auf der Jagd erschossen worden.
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Dem »Pan« verwandt, eine Variirung gleicher Motive, ist »Viktoria«, die Geschichte einer Liebe. Bittere Passion klagt auch hier, wiederkehrt hier die Frauengestalt, die, eine herbe, trotzige Beute der Nervenlaunen, den Mann, der sie liebt, kränken und quälen muß bis aufs Blut und ihn verleugnet und verachtet vor den Leuten. Voll stammelnder Herzensnot sind diese Blätter geschrieben, und die Tragik, die hier schwingt, erzählt von dem Schicksal der Menschen, deren Fühlen verschüttet und mit Dornen umstrickt ist, daß sie und die, die sie lieben, sich daran die Herzen zerfleischen.
Immer wieder singt Hamsun das alte Lied auf neugestimmter Zither, auch dramatisch hat er es gebracht in seinem Eulenspiegel-Peer Gynt-Spiel vom »Munken Vendt,« das in Mummenschanz und Maskenzug alle Hamsunschen Humore und Traurigkeiten aufziehen läßt.
Bewußt in die Niederungen der Alltagstrivialität hetzt Hamsun dann das Motiv in seinem Novellenbuch »die Königin von Saba«.
Einen Medusenkopf sollte es tragen, aber nicht in der stolzen hohen Tragik der Medusa Rondanini, eher den einer Medusa Vulgivaga voll Vernichtungshohn und schrillen Gelächters. Eduard Munk könnte sie grimmig Spott zeichnen und darunter müßte dann ein Wort von Schopenhauer stehen: »... so muß, als ob das Schicksal zum Jammer unseres Daseins noch den Spott fügen gewollt, unser Leben alle Wehen des Trauerspiels enthalten, und wir können dabei doch nicht einmal die Würde tragischer Personen behaupten, sondern müssen im breiten Detail des Lebens unumgänglich läppische Lustspielcharaktere sein.«
Davon wird in diesem Buch gehandelt. In eiligen, nicht immer künstlerischen Szenen; in gehetzten Zeilen, in stammelnden Sätzen, wie sie ein schwer erschöpfter, der atemlos ins Zimmer stürzt, mühsam hervorstößt. Scheue Erregung unter jedem Wort, bitteres Lachen zwischendurch. Doch kein Pathos, keine tragischen Accente. Nichts von den zermalmenden Keulenschlägen des Schicksals, nur seine närrischen Peitschenschläge, seine gutgelaunten Schabernacks.
Der arme Clown aber, der da geprellt wird, ist eine empfindliche, feine Seele. Und immer wieder wird sie durch die Dummheiten des Lebens lächerlich und klein gemacht.
Gleich die erste Geschichte, »Die Königin von Saba«, gibt einen Varietépossenstoff. Was ist das für eine tolle, donquixoteske Brautfahrt, von der Hamsun erzählt! Von der jungen Schwedin, die ihm, als er wegmüde und mit zerrissenen Schuhen auf der Poststation Bärby kein Nachtlager fand, ihr Bett und Zimmer überließ und zur Wirtstochter ging. Am nächsten Morgen aber ist sie fort. Daß er sich in sie sofort verliebt hat, daß er ihr Bild nicht los wird, daß er sie sogleich in ihrem Stolz und ihrer Schöne zur Königin von Saba stilisiert, ist nicht wunderlich, das wunderliche kommt erst.
Nach vier Jahren sieht er in Malmö auf dem Bahnhof hinter dem Koupéfenster ein Gesicht. Sie ist es. Und er springt ihr nach.
Das könnte auch in einem Familienblattroman stehen. Da säße er nun mit ihr zusammen. Der Schaffner bekäme ein fürstliches Trinkgeld und alles wäre gut.
Die Geschichte Hamsuns ist aber viel komischer und viel trauriger, eine tragische Farce. Er springt natürlich nicht in ihr Koupé, sondern in ein ganz anderes. Und nun beginnt eine endlose Nervenmarter. Die Räder rollen und rollen, die Passagiere sprechen von der Maul- und Klauenseuche, und er sitzt da mit zusammengebissenen Zähnen, fiebernd, gereizt, verstört, und muß immerfort bezahlen, immer neue Billets von einer Station zur anderen, und immer einen Zuschlag dazu, und er ist ein armer Kerl.
Und das geht nun so weiter, als wäre es ein ganzes Leben. Aber gerade, als er sich mit heroischem Entschluß das Billet nach Stockholm genommen, steigt die Königin, statt im Zug zu bleiben, in den anderen, der nach Kalmar fährt. Und er stürmt ihr wie ein Wahnwitziger nach, wieder in ein anderes Coupé, und wieder beginnt das Zuschlagbezahlen und der Stumpfsinn der Fahrt. Bis sie dann in Kalmar ankommen und er zusehen darf, wie sie abgeholt und von ihrem Bruder geküßt wird. Das ist seine feste Überzeugung nämlich – wer anders als ihr Bruder sollte sie auch küssen?
Nun steckt er also in Kalmar. Er schlendert tagelang umher, wird matt und müde durch all die Dummheiten, mit denen er sich herumschlagen muß und die nur ihm passieren können. Endlich nach ein paar Wochen fruchtlosen Suchens, sieht er sie mit ihrem »Bruder« im Park, und er schwankt wie ein Betrunkener auf sie zu und weiß nichts Klügeres zu sagen, als daß er sie begrüßen wolle, und ob sie nicht mehr wisse, daß er vor vier Jahren in ihrem Bette geschlafen, er habe sogar sehr gut geschlafen …
Da läßt sie ihn natürlich stehen, der »Bruder« aber legitimiert sich als der Gatte, und er schleicht vernichtet und verelendet zur Bahn.
Das Lächerliche in dieser Geschichte ist scharf betont, aber das Lachen bleibt einem im Halse stecken und eine unendliche Traurigkeit ist der Rest.
Es ist das dem Dänen Hermann Bang verwandt. Der liebt es auch, die Menschen als Marionetten zu behandeln – la vie et le pantin – als unfreiwillige Spaßmacher des Lebens, mit Todestrauer im Herzen und einer Grimasse, die zum Lachen reizt – Alltagsgespenster.
Das Gespenstische aber, das die Bangschen Figuren durch das Automatenhafte ihrer Bewegungen bekommen, durch das Starre ihrer Linien, die an aufgezogene Puppen erinnern, ist bei Hamsun nicht. Er wünscht die Depressionswirkung noch krasser. Das Gefühl des Unheimlichen, das von den Gestalten ausgeht, könnte sie vielleicht doch einer höheren tragischen Sphäre nähern, und das will er nicht. Er will sie ganz erniedrigt, ganz im Kleinlichen erstickt, nicht mehr sonderlingshaft, sondern verschroben, erbärmlich, lächerlich.
Und mit flagellantischer Wollust sucht er sich die Momente, wo sich ein Mensch vor sich selber die ärgsten Blößen gibt, wo er hämisch und verächtlich wird und dabei in Verzweiflung über sich selbst gerät.
Er nagelt sein eigenes Bild fest, wie ihn die Wut über tückische Neckereien des Zufalls packt, über die vertrackten Situationen, in die nur er hineinstolpert. Das ist keine Wut, die Zittern erregt, es ist eine ohnmächtige, zappelnde Wut (an Shaws Dichter Eugen in der Candida muß man denken) mit Füßestampfen, Grimassenschneiden eines ungezogenen Jungen, eine Wut, der das Gefühl ungeheurer Blamage folgt. Und in dieser Blamage schwelgt Hamsun selbstquälerisch.
Er zeichnet seine Karikatur, wie er durch die Straßen rennt, um die Zeit totzuschlagen und sich Mißvergnügen zu erjagen. Wie er sich über den Zeitungsjungen ärgert, der ihm immer wieder, wenn er an ihm vorüberläuft, mit derselben blechernen Stimme zuruft: »Kauf'n Se doch d'n Viking«. Wie er ganz enerviert und gereizt dadurch wird und doch krampfhaft-schrullig wieder vorbeiläuft, um es noch einmal zu hören.
Und nun hat sich in ihm alles so heillos verzerrt, daß er in dem Jungen seinen Plagegeist, seinen Feind sieht und ihm einen boshaften Streich spielen muß. Er wirft ein Geldstück zwischen die Gitterstäbe eines Kellers und sieht mit schauderndem Vergnügen, Kindern gleich, die Käfern die Beine ausreißen, wie der Kleine sich quält, die Finger durch die Sprossen zu stecken, und wie ihm die armselige Haut an dem kalten Eisen hängen bleibt. Dann geht er befriedigt nach Hause. Eine Stunde später aber läuft er wie gescheucht durch die Karl Johannstraße mit einem Zweikronenstück in der Hand, um den Jungen zu suchen. Den findet er nicht mehr, aber die Erinnerung wird er nicht los.
Er zieht immer den Kürzeren. Wenn er auf dem kleinen skandinavischen Cariol über Land fährt, streikt natürlich sein Pferd und bleibt mitten auf der Chaussee stehen, nicht zu bewegen, weiter zu gehen. Und er wird ernstlich wütend und fängt an, dem Tier ins Gewissen zu reden, ganz empört, verbissen, verbittert und schließlich ganz verzagt, es hilft ja doch nichts, es ist ja schließlich alles ganz egal, eins so dumm wie das andere.
Wie lächerlich das Bild, der Dichter mit dem Kneifer auf der Nase, mit dem kleinen, kümmerlichen Gaul disputierend, der ihn stupide und freundlich ansieht, seelenruhig, überlegen, während sein Gegner aus der Haut fahren möchte. Und doch mehr als lächerlich, denn der andere leidet durch seine Reizbarkeit unter dieser dumm-komischen Geschichte vielleicht so viel, wie ein anderer unter einem Schicksalsschlag.
Hamsuns Helden von der traurigen Gestalt sind nicht wie Theodor Vischers »Auch Einer« Philosophen, die ihr Pech in ein System bringen und Begriffe prägen wie »die Tücke der Objekte«. Er schildert sie als Menschen des Moments, die, ohne Direktion, jeder Attacke auf ihre Nerven unterliegen, ja die zähneknirschend die Gefahr noch aufsuchen. Und den Erregungsrhythmus dieser gepeinigten Nerven weiß er in seinem Stil zu spiegeln, daß wir alle Skalen des Vibrierens mit durchlaufen.
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Aus dem Grauen vor der Banalität erwuchs die Wandersehnsucht Hamsuns. Nicht allein die Not, wenn sie auch vielleicht die äußere Treiberin war, zog ihn in die Weite, nicht nur der Hunger des Leibes, auch die dürstende Phantasie. Es kommt da etwas Gorki Verwandtes in Hamsun heraus, etwas vom Barfüßerwesen: Hungern und Elendsein, niedrige Arbeit verrichten, sich dem Zufall und dem Wechsel des Tages unterwerfen, dünkt ihm erträglicher, wenn ein anderer Himmel sich über ihm spannt, wenn ihn die Atmosphäre abenteuerlicher Fernen umwittert, etwas Wildes, Brennenderes als Christiania-Boheme und Christiania-Misere. Als Heizer fuhr er auf dem Ocean-Dampfer in die neue Welt. Auf der Prärie von Texas war er Arbeiter bei dem gewaltigen Dresch-Spiel mit Dampf, wo Spreu und Erde und Halme wie Wolken über die Prärie stoben. Auf den Bänken von New-Foundland lag er mit dem alten brüchigen Russenschiff und fischte Kabeljau: die Sommer und Winter kamen und gingen und sie lagen immer an derselben Stelle mitten im Meer, an der Grenze zweier Erdteile, Europa und Amerika und fischten Kabeljau. Nichts als Nebel und Meer, nichts als Wind und Wetter, und die Stumpfheit des ewigen Stillliegens. Nur manchmal, durch den Nebel fern verschwindend, ein Auswandererschiff, ein mächtiger, schattenhafter Koloß, der seine Wellen bis zu den verschlagenen Fischerbooten schleuderte. Die ungeheure Traurigkeit weltverlorener Einsamkeit liegt über diesen Seiten, an die »grande monotonie de la mer« der Loti'schen Island-Fischer erinnernd.
Und dann – in seinem jüngsten Wanderbuche erzählt er das – trinkt Hamsun die Wunder des Orients im Kaukasus. In den »Mysterien« schon sehnte er sich nach den Märchen aus Tausend und einer Nacht und er verachtete dort die nordischen Märchen, die er mit der natürlichen Ungerechtigkeit des Verbitterten und Paradoxen, »plumpe Ausgeburten einer Phantasie in Lederhosen« nennt; »ausgebrütet in Stockhütten, wo die Tranlampe von der Decke herabhängt«. Er spottete über die Märchen aus dem Gudbrands-Tal, diese »traurige, bäurische Poesie«, diese »Phantasie zu Fuß«, während doch seine eigenen so klingenden und tiefen Gedichte in Prosa und Versen, der ganze Munken Vendt, die Geschichte von Iselin, die den jungen Dundas liebt, vor Svend Herlufsen, aus nordischem Blute stammen. Voll träumerischer Sinnlichkeit und unheimlicher Lockung waren sie, wie das alte Lied von Erlkönigs Tochter, vom Helden Vendt, von Axel Thordson und Schön Walburg aus dem Kämpevieser. Sie schlangen einen Schattentanz um uns und wir waren verzaubert wie im Märchen.
Aber Hamsun verlangte es nun einmal nach einer andern Sonne, die norwegische ist ihm nur ein Mond, eine Laterne, die den Norweger gerade noch in Stand setzt, schwarz von weiß zu unterscheiden. Er verlangte nach einer Sonne, »die vor Licht schäumt und wogt, unter der das Gehirn geil vor Wahnsinn wird«.
Mit dem verwandelnden, steigernden Illusionsblick saugt er solche Nahrung auf dem kaukasischen Nomadenzug. Riesenvisionen empfängt er, urweltliche Bilder steigen ihm auf, als sich auf dem Darjal-Paß die mächtige Schlucht öffnet und der Eisgipfel des Kasbeck mit seinen Gletschern ragt, die in der Sonne weiße Funken sprühen; »Da steht er, uns dicht auf den Leib gerückt, still, hoch und stumm, wie von anderen Bergen heraufbeschworen, wie ein Wesen aus einer anderen Welt.« Ein Wirbelgefühl umfängt den Dichter, er fühlt sich vom Wege erhoben, aus den Fugen gerückt, als stünde er Auge in Auge mit einer Gottheit.
Und in den Nächten wandert er voll tiefsten Glückes der Ziellosigkeit und des einsam weiten Lebensgefühls, das diese Fernen schlürfend in sich saugt. Er genießt eratmend das Kontemplative des Ostens: »Je weiter nach Osten man kommt, um so weniger sprechen die Leute. Die alten Völkerschaften haben das Stadium des Schwatzens und Lachens überwunden, sie schweigen und lächeln«.
Auch auf diesen Seiten gibt es Ironie und Spott, aber er hat nichts Bitteres. Hamsun vergnügt sich an seinem eigenen Wohlwollen für alle Dinge, er höhnt sich nicht aus, er ulkt sich nur gutmütig an, er versteht seinen Spaß mit sich selber. Er ist leutselig zu dem Peter Schlemihl, den er in sich trägt, er sagt zu sich: Na, Kapitän, und na, alter Junge! Etwas behaglich-zuschauerhaftes, sanft herzlich geduldiges erfüllt ihn, und die Selbstironie ist hier keine geißelnde Furie, sondern ein unterhaltsamer, wohlgelittener Hofnarr.
In solchem Stimmungsklima beseligt Hamsun alles: der Lesgier, der phantastisch ausgeputzt, mit Säbel, Dolch, Pistolen im Gürtel, in seiner Lampenbude Zigaretten verkauft; die Leute unter den Akazien, die vor sich hinsummen und träumen; der Mann, der vor der Bude sitzt und auf den Saiten einer Balalaika klimpert, einfach, unbestimmt, eine Melodie aus dem fossilen Leben, und sie bedeutet Liebe und wogende Steppe und säuselndes Akazienlaub.
Und wieder denkt Hamsun an das Gegenbild im Norden: »An den langen Abenden heizen wir unsere Öfen und lesen. Lesen Romane und Zeitungen. Aber die alten Völkerschaften lesen nicht. Sie sind die Nächte hindurch im Freien und klimpern Lieder. Da sitzt nun der Mann unter der Akazie, wir sehen und hören ihn spielen – was ist das doch für ein Land. Als ein Barbarenkaiser europäisiert wurde, fing er an Kaukasien als Verbannungsort zu gebrauchen, und er verbannte hauptsächlich Dichter dorthin«.
Mit seltsam lächelndem Gefühl mag Hamsun diesen Satz hingeschrieben haben, auch er ein Dichter in der Verbannung. Aber frei, von eigener Wahl, und in der Verbannung die weite künstlerische Heimat findend, in der Fremde der heimliche König seiner inneren Reiche, – ein Spott des Alltags, daheim, in Christiania, »der seltsamen Stadt, die keiner verläßt, ehe sie ihn gezeichnet«.