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Kapitel III

Mittags befand sich Büchner wieder zu Hause. Seit fünf Tagen war er zum ersten Mal einen Moment allein ohne Ercole. Er hatte diesen Augenblick gefürchtet und die Gedanken, die ihm diese plötzliche Einsamkeit bringen würde. Aber nichts ward in ihm lebendig, was ihn quälte, nichts woran er seinen Geist zu heften suchte, gestaltete sich überhaupt deutlich. Sonst haßte er den Nebel über kommenden Tagen und spähte nach Licht ihn zu durchbrechen, was nach ein paar Wochen sein würde, lag nun vor ihm wie eine Zukunft, jahreweit und mehr. Und in der Gegenwart stand ihm nur dies eine klar vor Augen: daß er, um sich selbst zu erhalten, um nicht am Elend seiner Sehnsucht Hungers zu sterben, daß er, um leben zu können, mit allem, worüber er gebot an Kraft und Schlauheit, Leidenschaft und Liebenswürdigkeit Ercole an sich fesseln mußte, auf jede Gefahr hin herauslösen aus allem andern in der Welt, aus seinem Heim, aus seiner Ehe. Denn das wußte er, die aufgeschäumte, ausgebrochene Flut seiner Liebe, dies Wellenmeer zum zweiten Mal durch unterirdische, geheime Abzüge wieder zurück unter den platten Spiegel eines abgründig tiefen Sees zu leiten, die Gewalt besaß er nicht mehr, er wußte es.

Keinesfalls wollte er zu Ercole ins Haus, er wollte dessen Frau nicht sehen. Es war also verabredet, daß er einstweilen den Kranken weiter spielen solle; Bullmann zog man bei seiner Rückkunft aus Italien mit ins Vertrauen, damit er in Berlin über die Genfer Tage schwiege. Frau Tomei würde Ercole natürlich sogleich erzählen, Büchner habe geschrieben, er fühle sich unwohl, Ercole würde daraufhin scheinbar besorgt zu ihm eilen, wieder heimkehren und irgend etwas fabeln, von einem nicht ernsten, jedoch auch nicht ganz unbedenklichen Zustande und dabei einfließen lassen, der Arzt hielt es für notwendig, daß man Büchner recht oft Gesellschaft leiste. So konnte es sie nicht befremden, daß Ercole den Freund ganz gegen jede Gewohnheit von nun an täglich aufsuchte.

Büchner wollte ihm alles sein und schaffen. Was er liebte sollte er bei ihm finden in den beiden Zimmern draußen in der Vorstadt. Er mietete ihm einen Flügel, verstellte seine Möbel wieder und wieder ihm zu Gefallen und kaufte anderes und neues, um seine Räume behaglicher und wärmer auszustatten. Bei ihren kleineren Mahlzeiten fehlte es nicht an leckeren Bissen und feinstem Wein; Ercole hielt etwas auf Essen und Trinken.

Wenn der erste Abend sank, nach ein paar kurzen, glücklichen Stunden, dann ging Ercole. Büchner suchte diesen Augenblick von Tag zu Tag weiter hinauszuschieben, er kämpfte um seine Gegenwart, scheinbar unbefangen plaudernd, im Grunde aber ängstlich bemüht, dem Gespräch neuen Stoff zuzuführen. Und rückte der verhaßte Zeitpunkt näher und näher, so that er alles, was in seinen Kräften stand, den unruhigen Gast zu überlisten, ihn reden zu lassen, that er's doch so gern. Mochte er seine alten Stücke doch auftischen, seine alten Geschichten, die so hübsch und offen ehrlich ausgeschmückt waren, daß man dem lieben Helden des Abenteuers gewiß nichts am Zeuge flicken konnte. Und Büchner würde schon die Ohren spitzen, als gälte es das Neueste zu erfahren und so gern zuhören und glauben, alles glauben! – Aber nichts half; etwas früher oder später erhob sich Ercole. Und auch nun, wo sie sich trennten, bezwang sich Büchner und trug eine heitere Miene zur Schau. Also er blieb auch diesmal nicht. Ihn zu bitten wäre mehr als vergeblich – gefährlich; um keinen Preis durfte er sich beengt fühlen.

Dann kam der Abend, eine Zeit stumpfer Einsamkeit für Büchner, müßigen Alleinseins. Er war müde immer des gleichen Gedankens, derselben Frage und doch hatte er nichts anderes seinen Geist zu bevölkern, nur dies eine immerfort: Wie kann er sie auch lieben? – Lag draußen winterliche Nacht, daß er kaum zu fürchten brauchte, irgend jemand würde ihn erkennen, so verließ er wohl seinen Winkel oft und fuhr in geschlossenem Wagen hinaus aus dem dunkleren Stadtteil in die hellen, großen Straßen, um einzukaufen für den nächsten Tag, Gold und Seide für Ercole.

Aber der eingedämmte Strom der Eifersucht brach irgendwohin aus, Büchner spürte es nicht deutlich, woher sich seine bösen Launen schrieben und gerade darum ward er unfähig, gegen sie anzukämpfen. Niemals sprachen sie über Elly, aber die verhaltene Bitterkeit setzte sich bei ihm zu einer allgemeinen nörgelnden, reizenden Streitsüchtigkeit fest, die Qualen einsamer Stunden verwandelten sich sehr bald in ein unaufhörlich peinigendes Mißbehagen, das er nun auch in des Freundes Gegenwart an allen und jeden Dingen empfand, seien es auch die gleichgiltigsten der Welt. Und da nicht viel nötig war, Ercole in Harnisch zu bringen, geriethen sie oft genug an einander und zankten auf sich ein wie unsinnig. Bot sich ihnen kein besonderer Anlaß, so mußte weiß Gott was herhalten, Musik oder Religion oder Politik. Oder sie erklärten sich gegenseitig für manierlos und warfen sich ein ungeschliffenes Benehmen in Gesellschaft vor, oder was Andres. Büchner machte sich nach solchen Szenen jedesmal die heftigsten Vorwürfe, er wußte, wie dumm er handelte, aber nichts half, sie kehrten wieder diese Szenen und ihr Ingrimm wuchs stündlich. Er stichelte mehr und verstand es, dabei ganz still und verschlagen zu lächeln, Ercole blieb immer in gleicher Weise ehrlich ausfahrend. Einmal war er in hellem Zorn davongerannt aus Büchner's Stube. Andren Tages, als er wieder kam, dachte Büchner Frieden zu schließen. Ercole trat auf ihn zu, küßte ihn wie gewöhnlich, gar nicht so, als wolle er einer stummen Bitte um Vergebung Ausdruck geben oder selbst Verzeihung nachsuchen und schien unbefangen, als wäre nichts vorgefallen. Und Büchner begriff ihn. Es bedurfte dessen nicht mehr, sich jedesmal besonders zu versöhnen, es lohnte nicht der Mühe, nach einer halben Stunde brach es doch wieder los und der Strauß hob an.

Und so lebten sie sich in einen Zustand hinein, in dem jäh und plötzlich eine feindselige Stimmung in hastige Zärtlichkeit umschlug, jäh und plötzlich wortlose Ausbrüche glühender, verzehrender Leidenschaft ihr Gezänk erstickten.

Büchner's Nerven litten, seine Kräfte rieben sich auf. Nicht aus Interesse am Gedeihen seiner Arbeit, nur weil dieser unfruchtbare Müßiggang ihn quälte und in den Nächten keinen ruhigen Schlummer finden ließ, entschloß er sich, seine wissenschaftliche Thätigkeit wieder aufzunehmen und sie da fortzusetzen, wo er mit ihr stehen geblieben war. Abends, wenn sie sich getrennt hatten, räumte er den Tisch und holte seine Cladden und Hefte zur Stelle; an rechter Stimmung fehlte es ihm nicht und doch kamen seine Gedanken nicht in den sicheren Fluß wie sonst und mühsam nur brachte er Satz um Satz aus der Feder. Bald sah er sich genötigt Halt zu machen und die Anlage des Ganzen noch einmal zu prüfen. Dabei erinnerte er sich eines Bekannten, dem er vom Plan zu diesem Werk gesprochen hatte ohne ein zustimmendes, beifälliges Urteil zu finden. Damals war er keineswegs überzeugt worden, im Gegenteil, was man ihm auch dawider riet, es bestärkte ihn nur in seiner Ansicht gerade so zu arbeiten und nicht anders, die nur unsicher gegründeten Ausstellungen gerade rückten ihm seine Bestrebungen in ein doppelt klares Licht und bewiesen ihm ihre Bedeutung. Jetzt schien ihm, als hätte der Mann doch nicht so ganz Unrecht damit gehabt so manches abzulehnen und er fürchtete, den guten Weg zu verfehlen.

Er warf das Fragment bei Seite, griff zu seinen Büchern und las bunt durcheinander, Schopenhauer und Simrocks deutsche Volksbücher und Schelmenromane aus aller Herren Länder. Die meiste Zerstreuung gewährte es ihm noch, in Wörterbüchern zu blättern. Aber bei alledem dachte er zurück an seine Arbeit. Und er versuchte es zum zweiten Mal, nahm einen neuen Anlauf und begann entschlossen, um gleich wieder zu erlahmen; seine Hand war nicht glücklich, er fühlte es.

Drei Wochen konnten etwa verstrichen sein seit ihrer Rückkunft aus Genf, der Januar ging zu Ende, als Ercole eines Tages sehr vergnügt und gut gelaunt schien. Büchner betrachtete ihn prüfend und mißtrauisch, weiß Gott, wo das hinaus wollte. Ercole hielt nicht hinterm Berge: »Ich hab' mir nämlich was Neues ausgedacht, weißt du. Ich hab' Elly irgend etwas erzählt von einer Krisis und ähnlichen Geschichten, und daß deine Influenza ganz merkwürdig verläuft, wie man das noch nie gesehen hat. Und dann, daß der Arzt gesagt hat, daß du einen Menschen brauchst in der Nacht für diese Tage, um dich zu pflegen. Und der müßte ich sein. Der Arzt soll nämlich gesagt haben, daß deine Nächte sehr unruhig sind, hab' ich mir ausgedacht. Hat er Recht? Oder –«

»Sei nicht unartig,« schnitt Büchner ab, doch seine Augen leuchteten. »Hübsch ist das nicht gerade von uns,« besann er sich nach einigen Sekunden, spürte aber, während er sich das gestand, alle Süßigkeit ihrer heimlichen Liebe und Lüge auf der Zunge.

»Hübsch wahrhaftig nicht, sogar ganz scheußlich gemein sind wir,« meinte Ercole. Doch fuhr er gleich fort: »Ich hab' gedacht, wir könnten bei Dressel oder irgendwo, wo's recht nett ist, soupieren, im cabinet particulier natürlich, damit dich niemand sieht und später dann noch irgend etwas unternehmen, es muß dir doch langweilig sein, immer zu Hause zu sitzen.«

Büchner war natürlich einverstanden und als es dunkel ward, fuhren sie hinaus. Nach Tisch beim letzten Glase brach Ercole unvermittelt vom Zaun: »Sag' doch, Gerhart, warum bin ich so ein Mensch? Du wirst mir wieder nicht glauben, du hast für solche Dinge keinen Kopf, aber ganz bestimmt, als ich mich mit Bullmann einließ, hatte ich solche furchtbare Gewissensbisse, schrecklich war es, aber jetzt sind sie vorbei, vorüber gegangen, diese Selbstvorwürfe und so was. Wie kommt das? Ich glaub' von dem Moment an, wo ich dich in Genf sah, hab' ich nicht ein einziges Mal mehr Gewissensbisse gehabt. Ich bin jetzt so furchtbar schlecht, weißt du, noch viel schlechter als du glaubst. Außerdem kommt es mir so selbstverständlich vor, daß ich euch beide liebe – mach kein dummes Gesicht, hörst du!« unterbrach er sich und schmiegte sich an Büchner – »du weißt, ich lieb' dich doch ein bischen mehr, weil wir so heimlich leben müssen.«

Büchner lächelte und schenkte ein. »Wollen wir anstoßen, das ist jetzt nun nicht anders, ich bin ja ganz ebenso ›schlecht‹, vor deiner Frau sind wir doch beide ausgemachte Hallunken; si nous causions d'autre chose. Stoß an, lieber Galgenstrick, wollen wir das vergessen, nicht daran denken und nicht an morgen denken, merk' dir das.« Und er lehnte zurück, trank aus und schloß die Augen.

»Gerhart, jetzt sprichst du so wie ich,« rief Ercole schadenfroh. »Ich wußte gar nicht, daß du so – so – wie nennt man das? – gelehrig bist. Das hab' ich dir schon in Genf gesagt – nicht an morgen denken – ich brauch mir das gar nicht mehr zu merken!«

Büchner sah auf, wirklich ganz überrascht. »Wahrhaftig, ja! das hatt' ich von dir,« entfuhr es ihm. »Weißt du, ich meine, das ist das Seltsamste im Leben, der Wechsel. Auf diese Weise weiß man eigentlich nie, wer man ist. Ich meine, wann bin ich denn wirklich, der ich bin, jetzt wo ich mit dir Champagner trink', oder war ich's damals, sagen wir vor einem Jahr, wo ich ganz einsam war und arbeitete – ohne dich. Jetzt hab' ich dich wieder – das ist alles so zum Träumen hier im fremden Zimmer, draußen rollen die Wagen, so dumpf und einschläfernd, es ist Winter. Jetzt bin ich wieder bei dir, aber ich muß immer zurückdenken an damals, als ich einsam war und mich nach dir sehnte, da hört' ich auch Wagen rollen auf der Straße, es war auch Winter, aber nicht ganz so hell im Zimmer wie hier, auch nicht so viel Goldrahmen waren da und Spiegel. Das ist das Unheimlichste im Leben, dabei lernt man das Gruseln, ich mein', daß man sich bei allem immer an etwas Andres erinnert. So ähnlich, so ähnlich ist alles und nie gleich. – Aber ich schwatz' immer drauf los und es ist ja gar nicht irgendwie originell, was ich da zusammenred',« unterbrach er sich plötzlich wie enttäuscht.

Ercole lachte ihn aus. »Halt' dich doch nicht immer für so klug! Trink' nur weiter – man ist ja froh wenn du einmal durcheinander sprichst und man nicht alles so zerkaut in den Mund kriegt. Übrigens – jetzt hab' ich eine famose Idee. Wir bestellen jetzt Kaffee und Chartreuse – den gelben, nach einer halben Stunde ist's zwölf, dann fahren wir hinaus in die Ballhäuser und überall hin wo's Rumor giebt und dumm geputzte Weiber und namentlich Musik – du weißt, das ist das milieu, in dem man am besten fühlt, wie man zusammengehört und sich liebt. Du weißt, in München thaten wir's auch so, wenn wir recht froh und glücklich zusammen waren, im Karneval damals, erinnerst du dich noch? Lauter Frauenzimmer am Tisch – und wie wir ihnen die Cour schnitten und uns dabei ansahen! Es ist doch so herrlich zu leben – die Welt ist so hübsch und dumm! – Später bleiben wir irgendwo zusammen und nächtigen in einem recht obscuren Hotel im Zentrum. Ach Gerhart, du bist doch der einzige Mensch, der mich versteht, obgleich ich so oft das Gegenteil sag' und wir uns immerfort zanken.«

»Ich versteh' dich schon, da hast du Recht,« rief Büchner lachend – »du bist der leibhaftige Gottseibeiuns, der wahre Teufel, oder vielmehr so ein halber Heide, und so ein halber Christ dabei, so einer, der niemals mit sich ins Reine kommen kann – weißt du, das gerade liebe ich bei dir –«

»Sei nicht so häßlich, sprich nicht so, hörst du, ich will das nicht,« bat Ercole ganz erschrocken, »du wirst noch machen, daß ich wirklich glaub', daß ich so was bin.«

Und auch die folgende Nacht nahmen sie herüber, überall und nirgends sich tummelnd, bei Wein und rauschender Musik. Am nächsten Vormittag aber meinte Ercole: »Du mußt jetzt wieder gesund werden, Gerhart, ich fürchte, Elly wird mißtrauisch sonst. Es ist doch überhaupt nur so eine Laune von dir und gar nicht nötig, diese Krankheit, jetzt geht das doch nicht weiter. Ich hab' erzählt, du wärst jetzt beinahe genesen und solltest morgen schon an die Luft; dann mußt du zu uns, Elly erwartet dich natürlich. Ich komm' dich natürlich immer weiter besuchen, es wird ihr ja nicht so auffallen. Übrigens, ich mußte ihr versprechen, dir diese Früchte zu bringen.« – Und er kramte seine Taschen aus.

Büchner sah ihm schweigend zu. Einige Birnen rollten zu Boden, er that, als hätte er es nicht bemerkt und keiner von ihnen hob sie auf. Was sollte er erwidern? Früher oder später mußte es ja so kommen, warum diesen Besuch noch länger hinausschieben. »Nun also gut, morgen; ich werde da sein,« sagte er langsam, gedankenverloren.

Als Ercole gegangen war, spürte Büchner das atembeklemmende Nebelgrau des Alltags, wie es still und dicht sank. Und doch verlangte es ihn eben nicht nach dem Rausch der letzten Nächte. Er empfand seine Unfähigkeit, planmäßig zu handeln. Warum verstand er es nur nicht, etwas anderes aus ihrem Verhältnis zu machen? Was gewann er dabei, wenn er ihn verwöhnte und ihm alles zu Willen that? Und ihn mit Geschenken überhäufte? Nein, auf diese Weise konnte er Ercole nicht seine ganze blutwarme und zärtliche Liebe fühlen lassen. Es mußte einen anderen Weg geben, einen, der höher hinauf führte. Sonst zog Ercole ihn zu sich, anstatt daß er sich überwältigt an Büchner schloß.

Obgleich er todmüde war abends, wollte er nicht ruhen gehen sondern sann und sann. Es drängte ihn dazu, irgend etwas zu entscheiden und er hob die Augenlider mühsam immer von Neuem, wenn sie ihm schwer wurden. Immer so weiter von Tag zu Tag, morgen, übermorgen – immer so weiter? Er sah nichts deutlich. Und im Bett fand er trotz seiner Mattigkeit erst späten Morgenschlaf.

Es kostete ihm einige Selbstüberwindung, sein Versprechen zu erfüllen. Tagsüber hatte er auf Ercole gewartet; und wäre er auch gekommen, es gab ja doch keinen Ausweg, Büchner mußte hin. Nur diese Fragen, dies Ausholen über seine vermeintliche Krankheit, dies Aufhebensmachen, ihm graute davor.

Als die Droschke hielt, sprang er rasch hinaus, löhnte ab und eilte über die Stiegen, die letzten Sekunden, bis er die entwöhnte Schwelle übertreten sollte, peinigten ihn. Oben am Ziel vor der hellfarbigen Thür, die Hand hatte sich schon nach dem Knopf gestreckt, zögerte er noch, er hörte ihn spielen – feingelenke, flüchtige Trillerketten, zitternd und schaukelnd wie durchhitzte Luft am Sommertag –; und all' seine Hast ward gelähmt für eine kurze Weile. Dann schellte er laut und stark.

Er hatte geglaubt, es müßte ihm peinlich sein, das Bewußtsein einer Schuld würde ihn quälen, eine Anwandlung von Reue auf ihn eindringen, aber ganz anders war ihm zu Mut, als sie ihm nun entgegentrat, ihn warm und herzlich begrüßte und zu fragen begann. Gleich ihre weiche, freundliche Stimme brachte ihn gegen sie auf, empörte ihn, daß er an sich halten mußte, um sich nicht ganz zu vergessen. Dabei überraschte ihn ihre äußere Erscheinung im höchsten Grade, so, daß er sie stumm sekundenlang anschaute und sich nicht gleich überwinden konnte, ihr in fließender Rede zu antworten und von seinen körperlichen Zuständen zu fabeln. Ein ganz falsches Bild von ihr hatte er in diesem letzten einen Monat mit sich herumgetragen. Auf einmal ward ihm das klar. Und niemals zuvor erinnerte er sich, sie hübsch und anziehend wie in diesem Augenblick gesehen zu haben. War er denn blind gewesen? Nicht zu spüren, was sie ausstrahlte, den Feind so zu unterschätzen. Und er fühlte den Haß in sich, wie er größer und breiter auswuchs, den Widerwillen gegen dies Weib.

Er blieb nicht lange mit ihr allein vor dem kochenden Samowar und war froh, als sich andere Gäste zu ihnen gesellten, Verwandte Elly's. Als Ercole kam, bald nach fünf, wie immer, spielten sie ihre Rolle gleichmäßig, ohne daß die flüchtigste Miene sie hätte verraten können.

Büchner sah plötzlich die Möglichkeit vor sich, etwas zu erreichen. Was es sein würde, stand ihm noch nicht deutlich vor Augen, aber ein Weg lag vor ihm, auf dem er sich wenigstens ein Stück hinauswagen durfte. Als man gerade lebhaft durcheinander sprach, wandte er sich unbemerkt an sie, halblaut, mit einem Lächeln: »Nun, erinnern Sie sich, gnädige Frau, wir wollten doch klar Wetter machen.«

Sie begriff nicht gleich. »Ich wollte Ercole doch im Geheimen ein wenig aushorchen,« sagte er, noch einmal lächelnd.

»Ach so, ja natürlich – ich dachte Sie hätten das über Ihrer Krankheit ganz vergessen.« Sie schien auch jetzt noch ein wenig überrascht zu sein, Büchner wunderte das, es war ihm peinlich, sollte sie denn gar nicht neugierig werden? »Nun, wie Sie meinen, wir reden gelegentlich einmal darüber,« zog er sich zurück.

Aber sie besann sich und bat: »Kommen Sie doch morgen etwas früher – nicht wahr?« Und er versprach es.

Als sie sich anderen Tages allein gegenüber sahen, erstaunte Büchner selbst über sein Vorhaben. Daß er zu solchen Streichen fähig wäre. Und wieviel konnte ihm im Grunde daran liegen, daß sie für ein paar Wochen verreiste, um nach kurzer Frist eiligst wiederzukehren, wenn er das überhaupt erreichte? Aber lieber etwas thun als nichts.

Das Feuer im Kamin knisterte und flammte hoch hinauf in den Schlot, der erste Abend sank.

»Wissen Sie, ich glaube, Sie hatten damals doch recht,« meinte sie ein wenig befangen, ich hab' zu schwarz gesehen und mich unnütz aufgeregt – des Spiegels wegen und überhaupt. Wenigstens ist Ercole, seit er aus Genf zurück ist, wieder ganz so zu mir wie früher. Ich bin nur dumm gewesen, er hat mich gewiß immer so geliebt, wie er mich jetzt liebt und nie an eine andere gedacht.«

Das hatte Büchner nicht erwartet. Es kostete ihm Mühe, sein Staunen nicht zu verraten. Also jetzt, seit Ercole aus Genf zurück war, fühlte sie erst recht, wie er sie liebte. Büchner war so überzeugt gewesen, daß sie in ihren Zweifeln an seiner Treue namentlich in den letzten Wochen hätte bestärkt werden müssen. Anstatt dessen lebte sie in tausend Himmeln. Wie konnte das nur sein?

Mit Anstrengung verbarg er seine grenzenlose Enttäuschung und fragte noch einmal: »Also Sie haben das Gefühl, ich meine, daß er Sie jetzt von ganzem Herzen liebt?«

»Ja, Gott sei Dank,« erwiderte sie zuversichtlich – »ich hatte nur Gespenster gesehen, er liebt mich gewiß.«

»Das freut mich, dann ist ja wohl alles in Ordnung,« er suchte recht herzlich zu lächeln. »So hatte ich's mir ja auch gedacht, denn Ercole schien auch mir so, als ich etwas darauf ausging, ihn ganz behutsam auszufragen, ich meine, da schien er auch mir ganz und gar frei von irgend welchen Anwandlungen, ich meine, irgendwie an eine andere Frau zu denken. Sonach ist ja alles in Ordnung,« wiederholte er – »und ich brauche Ihnen weiter keinen Rat zu geben, den ich übrigens für alle Fälle schon parat hielt.«

»Welchen Rat?«

»Er wäre nun kaum am Platz.«

»Immerhin reden Sie, was meinen Sie?«

Büchner zuckte mit den Achseln. »Nun ja – vielleicht könnten Sie die Sache ein andermal, wenn es nötig ist, versuchen. Ich meine also, es ist nur so gesagt, ein junges Eheglück läuft leicht Gefahr blaß zu werden durch die Gewohnheit, da ist es denn Sache der Frau, zu sorgen, daß das Feuer nicht träger brennt, ich meine die Kunst des Schüren's, er muß sich nach ihr sehnen – zum Beispiel, Sie wollten immer einmal auf vierzehn Tage zu ihrer Mutter nach Königsberg – ich meine, wenn Sie reisten, er würde Sie schon bald zurückrufen.«

Sie schwieg. »Das ist sehr klug, was Sie da sagen,« begann sie nachdenklich, »und, wissen Sie, das werde ich vielleicht auch thun. Erstens würde meine Mutter sich gerade jetzt sehr freuen – und dann zweitens – sehen Sie, Ercole liebt mich ja und nur mich allein, daran zweifle ich jetzt keinen Moment, aber es ist doch anders in letzter Zeit zwischen uns geworden. Wie soll ich das sagen – er teilt nicht so mit mir in geistiger oder künstlerischer Beziehung wie früher, ich weiß nicht warum. Auch erzählt er mir überhaupt nicht mehr so viel von sich, seit einigen Wochen unterhält er sich weniger mit mir, ich weiß nicht warum. Wenn ich nun fortginge für eine Zeitlang, dann wird er sich nach mir sehnen, nach meinem Einfluß, denn er braucht es, von mir angeregt zu werden und niemand sonst kann ihm das bieten. Deshalb.«

Büchner atmete auf. Mir will sie das weismachen, dachte er höhnisch und selbstzufrieden bei sich – ihren »Geist« sollte ich fürchten! Also Ercole weiß jetzt doch, wo sie ihn nicht verstehen kann, was er an ihr nicht hat. »Ich denke wohl,« sagte er, »daß er Sie recht bald vermissen wird.«

»Lange würde ich ja auch nicht fortbleiben, es ist nur weil es sich so trifft, daß meine Mutter mich so wie so einmal wiedersehen will.«

Sie berührten das Thema nicht weiter. Frau Tomei schlug vor am Abend gemeinsam in die Oper zu gehen und später unter den Linden zu speisen, Ercole wäre gewiß einverstanden. Und er sagte zu.

Nach ein paar Tagen reiste sie wirklich. Ercole schien das nicht weiter aufzufallen, nur äußerte er gelegentlich einmal die Absicht, sie vielleicht späterhin selbst abzuholen.

Büchner versuchte jetzt hin und wieder etwas Andres in ihr Verhältnis zu bringen, etwas mehr Ernst, etwas mehr Stille. Er ahnte, daß ihnen etwas verloren gegangen war bei diesem steten Aufundnieder zwischen seligem Übermut und böser Laune. Vielleicht hatten sie es auch nie besessen. Vielleicht hatte Ercole im Grunde nie so ganz empfunden, was alles er Büchner war, wie Büchner an ihm hing, sein ganzes Wesen ihm angliederte. Versichern, überhaupt sagen ließ sich das nicht, wenn er es nicht selbst fühlte, fühlen wollte oder konnte, – Büchner hatte das Meiste dabei versäumt, jetzt war es schwer genug damit anzufangen, man durfte nicht damit vom Zaun brechen, es sollte unmerklich zu Ercole überfließen.

Aber um keinen Schritt kam er vorwärts, zu oft fehlte es ihm an einem glücklichen Wort und er schwieg; und Ercole verstand ihn nicht und langweilte sich.

Übrigens nötigte ihn die saison neben seiner Arbeit ein buntes, geselliges Leben zu führen und so wurden ihre einsamen Stunden seltener. »Als Künstler darf man nicht vergessen werden,« meinte er und Büchner sah das ein und wählte von den Übeln das kleinere, er ließ sich von ihm mitschleppen in die musikalischen cercles, um seine tägliche Gegenwart nicht zu entbehren.

Kaum atmete er auf unter dem Gefühl von Ercole's Frau befreit zu sein, so quälte ihn schon die Angst vor ihrer Rückkunft. Sollte denn alles so weiter gehen wie früher? Würde er das ertragen? Und wenn nicht? Aber dies eine wenigstens hatte er seit ihrer Abreise gewonnen, ein Zusammensein spät Abends nach den Gesellschaften, das durch keine Unruhe Ercole's gestört wurde. Jetzt erwartete ihn niemand.

Nun wo sie häufiger als in andren Jahren in der großen Welt zusammenkamen, entdeckte er, daß sich so manches früher in seinen Augen wie Jugendthorheit ausgenommen hatte, was doch vielmehr Ercole's eigenste Natur war. Er vermißte jede Reife, jedes unbefangene Urteil. Noch immer bestrebte sich Ercole bei allen Gelegenheiten und in jedem Kreise seine Erfolge als Künstler, an denen man ja gar nicht zweifeln konnte, den Leuten ins Gedächtnis zu rufen. Was dabei allerdings versöhnte und wie aus innerstem Wesen quellend so treuherzig ansprach, war seine offene Eitelkeit, sein sorgloser Eigendünkel seine Vertrauensseligkeit – er schien ganz davon überzeugt, daß sich alle Welt an seinem jungen Ruhm mitfreuen müßte. Aber Büchner ward bisweilen doch unbehaglich zu Mut, wenn er ihn von seinen Triumphen erzählen hörte und dann so manche kleine Ungenauigkeit und Übertreibung mitunterlief. Würde es wohl an Solchen fehlen, die sich so heimlich und schnell in einem kurzen, tückischen Lächeln verstehen?

Und diese Unzuverlässigkeit Ercole's übertrug sich auch auf andere Dinge; niemals gab er eine klare Auskunft, der man vollen Glauben schenken durfte und paßte es ihm gerade, so entstellte er die Wahrheit ganz willkürlich in gröbster Weise. Äußerte Büchner einen leisen Zweifel, wagte er anzudeuten, die Sache möchte sich am Ende doch anders verhalten, so warf Ercole sich tiefgekränkt in die Brust und beteuerte, daß er auch zur kleinsten Lüge unfähig wäre.

Bisweilen versuchte er es, ihn auf seine Unarten aufmerksam zu machen, zum Beispiel auf seine Gewohnheit, auch mit älteren Leuten immer nur von dem zu sprechen, was gerade ihm durch den Kopf ging. Daß er es überhaupt nicht verstand, sich einer Unterhaltung anzupassen, und oft genug eine unhöfliche Teilnahmlosigkeit zeigte, wurde von Dingen geredet, die seine Person nicht betrafen.

Aber Ercole hörte nicht auf ihn und schalt seine Ermahnungen »deutschledern«. Übrigens ließ er sich durch Büchner's ungläubige Miene keineswegs davon abschrecken ihm nach wie vor die abenteuerlichsten Geschichten zu erzählen. Drei Tage konnte er sich darüber freuen, daß die Gemahlin des italienischen Botschafters ihn nach ihrem souper gebeten habe zu spielen, er aber, weil es ihm gerade nicht recht gewesen, schlankweg abgelehnt und dabei entschieden und doch sehr fein bemerkt hätte, er rühre das Klavier nie an, wenn er so gut gespeist wäre.

Mehr und mehr erkannte Büchner, daß Ercole durchaus nicht geleitet sein wollte und jeden Rat in den Wind schlug. Er hatte sein Vertrauen eingebüßt, wer wußte wie.

Eine wortkarge Bitterkeit wühlte beharrlich unter seinen Gedanken, lähmte ihm die Zunge und befremdete und kränkte den Freund. Und allein in schlaflosen Nächten, drängten sich immer dieselben Bilder in sein Phantasieren, er besaß keine Macht, sie von sich zu schieben. Immer dieselben kleinen, bösen Worte schwirrten ihm im Kopf, alles was sie sich vorgeworfen, jedes kurze, häßliche Lachen, wenn sie sich mißverstanden, klang ihm so lange noch im Ohr. Und ging er dann im Geist, unwillkürlich langsam und genau und pedantisch, noch einmal das alles durch, was sie sich gesagt und wieder gesagt hatten, dann fand er jedesmal, daß er im Recht gewesen war und der andere im Unrecht, jedesmal. Und zu nächtlicher Zeit einsam im Bett schwatzte er mit seiner stummen Zigarette und schürte mit verzweifelter Behaglichkeit die Flammen seines Groll's, denen jeder Tag neue Nahrung zuführte.

Eines Morgens fand er sich bei vollem Bewußtsein und mit offenen Augen ruhig, bewegungslos daliegend, ohne auch nur das Geringste davon zu wissen; durchaus nicht konnte er sich darauf besinnen, erwacht zu sein. Er ahnte nicht, seit wann er nicht mehr schlief. Was das für ein Zustand war, in dem man nichts von seinem Körper spürte und in gänzlicher Gedankenlosigkeit ohne Erinnerungsvermögen gerad'aus auf die Wand guckte? – Ohnmachten verliefen doch anders. Er verfiel auf die Idee, er wäre krank, sehr krank. Doch erschrak er keineswegs bei der Vorstellung, im Gegenteil, sie berührte ihn angenehm – ließ sich nur irgend eine Wendung in seinem Schicksal absehen. – Gewiß war er krank, unbemerkt von einem bösartigen Leiden befallen, in der fortwährenden seelischen Erregung hatte er bloß nicht in zureichendem Maß auf sich geachtet. Er eilte zu einem Arzt und wollte untersucht werden. Der Arzt fragte ihn aus, hörte ihn mit außerordentlicher Bedächtigkeit an, entschloß sich aber, der Sache durchaus keine weitere Bedeutung beizumessen. So etwas könne eben vorkommen, namentlich bei nervösen Naturen und hinge keineswegs mit irgendwelchen organischen Veränderungen zusammen. Im übrigen brächte eine geregelte Lebensweise gewiß alles wieder in Ordnung Milchtrinken, wenig rauchen u. s. w., auch verschrieb er ein Pulver.

Auf der Straße entfaltete Büchner den Zettel – ein ganz gleichgiltiges Hausmittel! und er zerriß das Papier ärgerlich. Überhaupt hätte ihn jeder andere Ausgang der Konsultation mehr befriedigt.

Es fiel ihm auf, daß sich Ercole seit einigen Tagen in seiner Gegenwart nicht recht wohl sein ließ. Büchner glaubte selbst Schuld zu tragen, war er doch so oft mürrisch und wortkarg und er bemühte sich aus seinem verdrießlichen Wesen heraus munter und ohne Zwang fröhlich zu scheinen. Und ob es ihm damit auch ganz gut gelang, hatte er gleichwohl keinen Erfolg, Ercole's gute Laune wollte nicht so recht auftauen, er blieb zerstreut und gleichgiltig. Zweimal hielt er eine Verabredung nicht ein, ohne sich weiter viel zu entschuldigen.

Büchner verbarg seinen Kummer, keinesfalls durfte das wieder zu Streit und Zank führen, zuviel ging schon verloren auf die Art. In seiner Mutlosigkeit wußte er nichts zu thun und gab einem innern Bedürfnis nach, allein zu sein, ganz allein. Und er verließ seine Wohnung, ohne jemandem ein Wort zu sagen und durchwanderte ziellos die Straßen. Die Einsamkeit würde ihm wohlthun und irgend einen Entschluß in ihm zur Reife bringen, einerlei welchen. Aber kein Vorsatz befestigte sich. Immer nur zu fühlen, daß er, mochte er es auch versuchen wollen, niemals von ihm loskäme, während Ercole in seinem Leben nur mitlief.

Früh anderen Morgens eilte er zu ihm. Ercole rief ihm unwirsch entgegen: »Aber wo warst du denn gestern den ganzen Tag und am Abend? Zweimal war ich bei dir, wo treibst du dich denn herum?«

»Sei gut,« erwiderte Büchner – »wir wollen uns nicht streiten, wozu? Ich mußte allein sein, tant pis

»Murrpeter!« dann sprach Ercole etwas neugierig und freundlicher, offenbar befremdet von seinem müden Wesen: »Aber warum denn? Aus dir wird man nie klug – ohne ein Wort zu hinterlassen verschwindest du so. Ich hab' mich furchtbar geärgert. Immer so griesgrämig bist du.« –

»Weiß Gott, daß ich das nicht zu meinem Vergnügen gerade bin – aber es ist soviel Unausgesprochenes zwischen uns, obgleich wir eigentlich zu viel sprechen – übrigens.« – Er hielt inne und schaute durch die klaren, kalten, eckigen Fenster tief hinein in den aschgrauen Himmel und sagte nun lächelnd, gleichwohl aber ernst: »Soll ich anders sein? Gut pack deinen Koffer – oder pack' ihn nicht – aber komm, die Welt soll ja groß sein.«

Ercole begriff nicht gleich, wie das gemeint sei. Als er jedoch fühlte, daß es sich nicht nur um einen Scherz handelte, wenigstens nicht so ganz nur um einen müßigen Einfall, glitt ein Schmunzeln über sein Gesicht, wie immer, wenn ihm etwas so recht schmeichelte. »Aber Gerhart – durchbrennen?« Der Gedanke gefiel ihm. Doch er besann sich bald: »Das ist ja doch vollständig unmöglich. Und dann, ich lieb' dich ja vielleicht mehr, aber sie lieb' ich doch auch, man kann diese beiden Lieben überhaupt gar nicht vergleichen, sie sind zu verschieden, weißt du. Vielleicht würde kein Mensch die Sache begreifen, was meinst du? Aber nein, man würde doch kombinieren. Und dann – der Skandal! Cré nom d'un chien! Denk doch wie bekannt ich in Berlin bin. Und du auch. Und ihre Verwandten. Und sie selbst, Elly. Was du für verrückte Ideen hast, Gerhart, schäm' dich doch.«

Aber offenbar ergötzte es ihn außerordentlich sich diese verrückte Idee auszumalen und dabei tüchtig zu gruseln. Er lächelte noch immer. »Das wäre ein on dit im Herrenzimmer und ein Totschweigen im Salon. Ich glaub' so etwas ist überhaupt in der Welt noch niemals passiert. Was? Heiliger Joseph! Sei nicht böse Gerhart, aber das nur zu denken. –«

Büchner hatte wohl nicht vermutet, daß Ercole andere Miene zu seinem Vorschlag machen würde, jedenfalls schien er nicht besonders enttäuscht zu sein. »Ja das gäbe wohl eine Sintfluth von Klatsch und Ärgernis,« mußte er gestehen, »mich übrigens könnte das wenig kümmern.«

Für den Abend war es verabredet, daß sie sich auf einem Ball im englischen Hause treffen sollten; sie trennten sich um drei und Büchner ging seiner Wohnung zu.

Er setzte die Schritte mechanisch und langsam, es war ihm gleichgiltig durch welche Straßen gerade sein Weg ihn führen würde. Der glitzernde, kotige Fahrdamm lag da neben ihm und funkelte wie ein Ringpanzer im lichten, beständigen Sonnenschein und glänzte mit seinen tausend Pfützen aus den silberklaren Schaufenstern zurück. Irgendwo im Menschengewühl wurde ein Spiegel getragen, der grelle Blitz fiel Büchner zweimal ins Auge. Es thaute sehr stark und doch sog sich die feuchte, schwere Luft kalt und dünnflüssig strömend in die Lungen, als hauchten die Mauern und Steine den letzten Winter aus.

Er fühlte sich entkräftet und spürte kaum den auftretenden Fuß. Seine Gedanken flüchteten weit weg aus der Gegenwart, er ging wie betäubt von der strahlenden Wärme immer tiefer in den Rausch seiner Erinnerungen versinkend gleichmäßig immer weiter ausschreitend und bog vorsatzlos bald nach rechts, bald links ein, Zufall und Gewohnheit vertrauend, sie brächten ihn schon nach Hause. Wie pfundige Klumpen, so schwer lag es begraben und verschüttet unter seiner Brust, eine Wehmut, die nicht aufschluchzen konnte, eine Sehnsucht, die im Sterben lag und doch fiebernd pulste, eine Sehnsucht nach einem andern Frühling, nach einem vor Jahren einmal, als der junge Thauwind blies und ihm so eigen und weich zu Mut ward und er doch nicht gewußt hatte, warum das so über ihn kam und sich ihm so erlösend warm aus den Augen drängte. Das noch einmal haben, das! Wie er sich sah als Knaben am Fenster, ausspähend ins feuchte, sturmdurchbrauste Land! Ercole kannte er noch nicht, ganz allein damals auf der Schule zum erstenmal im Leben ohne die Mutter. Wie er das noch sah, das alles, die weiten Ebenen bis zum Waldsaum, die Scheuer zu Seiten auf dem Feld, den Wolkenhimmel – er öffnete und lehnte heraus aus dem unfreundlichen Zimmer und blickte die Straße entlang und schaute zu, wie die Arbeiter ihre Brechstangen mühsam hoben und niederstießen, daß die eiserne Spitze gegen das winterbegrabene Pflaster knirschte und die Kruste sprang. Alle zwanzig Schritt hatten sie die Fetzen der zerrissenen Schneedecke aufgeschichtet, unförmliche Stücke und Stückchen, hart, bräunlich, wie Salzklumpen, er erinnerte sich so genau. Aber der befreite Stein hauchte mehr Kühle aus. Vor ihm erschienen alle die eisigen kleinen Berge daneben – noch jetzt hätte er sie zählen können, die Häufchen. Und er atmete langsam, so kalt war es und doch Frühling – feuchter Erddunst in allen Lüften und Sonnenschein bis zum Waldsaum. Ihn fröstelte, aber ein Jubel hatte sich im Knaben gerührt, daß ihm der Blick schwamm.

Noch einmal die haben, die Stunde am Fenster damals, die Fluchtkraft, in tausend glückseligen Gedanken aus der dumpfen Stube hinaus ins strahlende Land zu schweifen.

Als Büchner die Thür zu seiner Wohnung aufschloß und eintrat, fühlte er sich erschöpft vom Gang; er war durstig und trank ohne abzusetzen. Hände und Gesicht glühten und brannten ihm noch von den frischen Windstößen. Der Straßenlärm dröhnte hart und leise vom Pflaster durch die doppelten Scheiben, die zuweilen flüchtig erzitterten; ihre Kreuzrahmen warfen keine Schatten mehr.

Er lag regungslos auf dem Divan ausgestreckt. Immer noch drangen die Bilder aus der Jugendzeit auf ihn ein. Es schwoll aus ihm empor so heimlich weh, daß es ihn danach sehnte zu weinen, wie das Kind weinte. Die Thränen kamen ihm ins Auge, aber sie spannten und trübten nur den Blick, lösten ihn nicht. Die Dämmerung flimmerte und stach ihm unter die Lider und mit seltsam geschärften Sinnen hörte er Hufschlag und Räder draußen und entschlummerte.

Als er erwachte war stockfinstere Nacht um ihn, von der Straße nur leuchtete ein trüber, gelber Schein hinauf. Er tastete nach Zündhölzchen; um seine Taschen zu durchsuchen, mußte er sich halb aufrichten, doch fand er auch hier nichts. Er erhob sich, sprang zur Thür und rief seine Wirtin. Niemand antwortete – ausgegangen offenbar. Ihn fröstelte während er behutsam der Küche zutappte. Er strich mit gespreizten Fingern über den Herd und stieß glücklich an ein Schächtelchen. Es war ihm nicht ganz geheuer in diesem Raum, den er fast nie betrat und er eilte sehr auf dem Rückwege in sein Zimmer, wo er die Kerzen vor dem Spiegel anzündete und nun endlich nach der Uhr sah. Er hatte sich verspätet und begann sich rasch zu kleiden, doch lag ihm der Schlaf noch schwer und dumpf in den Gliedern und er mußte mehrmals innehalten, um sich zu besinnen und am schwarzen Tuch und an der Wäsche handfest knöpfen zu können.

Wie Büchner im Frack vor dem Spiegel stand, musterte er sich eine Weile, dann blickte er still zu Boden. Als er den Kopf wieder hob, war es auf seinem Antlitz lebendig geworden, seine Lippen zitterten und er flüsterte: »Wohin jetzt? Dahin, wo ich ihn doch nicht finde?«

Es versuchte ihn, laut mit sich zu sprechen. Er hatte sich das längst abgewöhnt, nun brach er wieder damit aus. Er setzte sich schnell, beugte sich vor und redete gegen seine Kniee, zuerst langsam, dann rascher und leiser: »Ganz allein bin ich, ganz allein und kann das nicht mehr ertragen. Ich muß sorgen für Jemand, dem ich schenken kann. Alles gleitet von mir ab, ich kann nicht mehr lesen, ich vergeß' und vergeß' und begreif nichts mehr. Warum giebt es nichts sonst für mich, wenn ich an ihn denke? Nur gegen ihn ging es mir auf im Leben und er entwindet sich mehr – ach Gott – ja, das geht nicht so weiter und geht doch so weiter, weiß Gott wohin, vorüber aber kann's nicht. Ich muß leben und atmen im Dunst seines Körpers und seiner Seele. Ich will ihn führen auf allen Wegen, er soll sein wie ein Kind, das seinen Vater liebt, ich will ihn so glücklich machen, so glücklich, daß ich mich sonn' im Glanz seiner Augen. Dies Zudringen ans Herz und doch nicht halten können. Und wenn alles auf einmal aus ist.«

Ihm war, als hätte er stundenlang gesprochen und als hätte er sich mit seinen Worten an irgend einen im Zimmer gewandt, der nun jedenfalls antworten müßte und er spähte verwirrt um sich. Vor dem Spiegel brannten die Kerzen noch, so gleichmäßig und teilnahmlos, so leblos und wie entrückt jeder zeitgemäßen Gegenwart, als flammten sie dort schon eine lange Ewigkeit. Er räusperte sich vernehmlich, um die Stille im Raum zu unterbrechen, ehe er ihn verließ. Dann sprang er auf, warf den Mantel hastig um, löschte das Licht und eilte festen Schritts dem Flur zu und über die kalten Stiegen hinunter und hinaus.

Mit der nächtlichen Dunkelheit war auch der Frost wieder stärker geworden; die Straße entlang, ihm entgegen, zog der Wind scharf und ruckweise. Von Durst und Mattigkeit gequält, trat er in ein Café, bestellte sich Limonade und stöberte mittlerweile unter den ausgelegten Zeitungen und Zeitschriften, ohne daß er sich entschloß, irgendwas an seinen Platz hinüberzunehmen. Er trank und brach auf.

Im englischen Hause fand er schon zahlreiche Gesellschaft beisammen, bis über die Treppe schwirrte ihm der Tumult der Gespräche entgegen. Gleich im ersten Gelaß neben der Garderobe begrüßte ihn die Wirtin, eine liebenswürdige ältere Dame, die Frau eines bekannten Ingenieurs.

»Nun, und Herrn Tomei haben Sie nicht mitgebracht?« fragte sie.

»Ist er noch nicht da?« gab Büchner zurück, etwas betroffen, während er nach seiner Uhr griff.

Sie wurden unterbrochen. Es ist doch seltsam, dachte er, es ist bald elf. Er schritt weiter bis zur Thür des Saals, wo die Leute sich drängten, daß er umkehrte. Die Räume waren ihm nicht ungewohnt, Bekannte sprachen ihn an, er wußte sich in diesen Kreisen ziemlich frei zu bewegen und doch fühlte er sich so landfremd eben in dieser lichten Zimmerflucht. Unversehens im Durcheinander begegnete ihm die Hausfrau wieder; sie plauderten etwas.

»Die Musik hat sich heute rein gegen mich verschworen,« sagte sie fast unmuthig, »denken Sie doch, sie haben mich wirklich alle im Stich gelassen und ich hatte so fest darauf gerechnet. Der Geiger Brandel ist nicht da – Sie kennen ihn doch, nicht wahr? – und auch Ihr Freund Tomei ist ausgeblieben – und Bullmann auch, die beiden letzten sogar ohne abzusagen. Es ist zu merkwürdig!«

Büchner starrte sie an, als begriffe er kein Wort und doch hatte er ganz gut verstanden. Er wollte irgend etwas erwidern, eine Phrase nur, aber seine Lippen bebten und bewegten sich tonlos, er war unfähig zu reden und brachte es nur zu einem ganz ausdruckslosen Lächeln, auch als sie in der Meinung schlecht gehört zu haben kurz und aufmerksam »Wie« fragte.

»Sie sehen aus – so verloren und blaß, als wäre es Ihnen nicht recht wohl hier bei uns,« ließ sie sich ein wenig zögernd vernehmen, während sie ihn freundlich bekümmert anblickte. »Sorgen?«

Er faßte sich und beeilte sich zu widersprechen, doch sie betrachtete ihn auch jetzt ungläubig und befremdet. Doch mußte sie sich wegkehren, um andre Gäste zu begrüßen. Büchner starrte geradeaus ohne sich zu rühren. Dort vor ihm blies und geigte man den Walzer immerzu, der Boden zitterte selbst hier im Nebenraum unter seinen Füßen. Als er ein paar Schritte that, aufs geradewohl hin nach irgend einer Richtung, spürte er seine Beine so dick und schwer, als wären sie geschwollen. Der Verdacht war in ihn gefahren, wie der Blitz durch eine schwache Mauer.

Waren sie zusammen? Neulich schon hatte Ercole sein Versprechen nicht gehalten und Büchner warten lassen. Ging er zu Bullmann – oder trafen sie sich wo anders?

Das Licht um ihn bebte unruhig, die flammenden Kronleuchter und ihr Widerschein auf dem glatten Parkett reizten ihm die Augen, ein verzweifelter Zorn steigerte sich in ihm, aber zwischen seinen Lidern brannte es nur trocken. Er schritt unbemerkt durch ein Paar Zimmer bis zur Garderobe, fand glücklich bald Hut und Mantel heraus und entwischte über den Flur. Auf der kalten Straße blieb er stehen, ratlos.

Die einfältig barocke Melodie des Walzers brachte und brachte er nicht aus den Ohren, während er langsam die Friedrichstraße hinunterzog. Er wollte in ein Café, aber es war ganz überflüssig, er kannte Bullmann's Adresse ja, man brauchte nicht erst nachzuschlagen. Schließlich trat er doch irgendwo ein um sich zu vergewissern, merkte sich Straße und Nummer noch einmal genau und mietete einen Wagen. Am Ziel stieg er aus und ging sogleich über den Fahrdamm auf die andere Seite, um besser hinauf sehen zu können – im zweiten Stockwerk links – es war matthell hinter den verdeckten Scheiben. Nun löhnte er den Kutscher ab und geduldete sich einstweilen ruhig dastehend bis die Droschke an der nächsten Ecke einbog; ihm schien, er müßte das durchaus abwarten. Der Pförtner öffnete erst nach einigen Minuten und that etwas befremdet, doch brauchte es am Ende nicht vieler Worte, Büchner schob ihm ein Silberstück zu und stieg die Treppen langsam hinan, vor jedem Absatz ein neues Zündhölzchen aufstreichend. Er klingelte sogleich.

Die Thür sprang auf und er stand Bullmann gegenüber, das Licht fiel warm und hell aus dem Zimmer. Ihre Blicke prallten zusammen und saugten sich fest ineinander. Plötzlich ging Bullmann ein paar Schritte rückwärts, ohne die Augen wegzuwenden, seine Lider zuckten nicht einmal. Dann sprach er entschieden und sehr schnell: »Bitte eintreten.«

Büchner gehorchte ebenso schnell und zog die Thür hinter sich an. Er wollte reden, sagte aber nur: »Entschuldigen Sie.« – Es klang ganz ausdruckslos und er schwieg wieder. Er war fremd im Raum und doch empfand er, undeutlich aber ganz überzeugend wie in einem Weinrausch, daß alles hier seinen rechten Platz hätte. Die Laterne in Nickelfassung mit ihrem starken, stillen Licht mußte gewiß gerade da angebracht werden, an jener Wand. Er las auf Bullmann's Gesicht – Schrecken und ein unsicheres Mitgefühl. »Sie suchen ihn?« hörte er fragen. Büchner hatte mit einer kaum merklichen Kopfbewegung seitwärts in die halbdunkle Zimmerflucht gespäht, jetzt rückte er den Blick wieder fest auf Bullmann.

»Er ist nicht hier. Ich hab' ihn überhaupt nicht gesehen seit meiner Rückkehr aus Rom, ich kann Ihnen das versichern. Und wenn auch – ich würde nicht. Verstehen sie mich?«

Bullmann stockte plötzlich und lächelte. »Übrigens, Sie sehen so aus, daß ich durchaus nicht verlangen will, daß Sie meinem Wort glauben. Wünschen Sie sich selbst ein wenig umzuthun?« Und er gab den Weg frei.

Das wurde gar nicht ironisch gemeint, man wollte ihm nur freundschaftlich entgegenkommen, schien Büchner. »Nicht nötig, durchaus nicht nötig, gewiß, wenn Sie's nur sagen,« erwiderte er schnell. Während einiger Sekunden schämte er sich, daß es ihn zu einem so bösen gesellschaftlichen Schnitzer hingerissen hatte und er begann sich zu entschuldigen: »In der That, ich dringe hier ein und kann mich nicht einmal erklären – es ist mir sehr unangenehm, ich hab' durchaus kein Recht – – aber –«

»Aber ich bitt' Sie, was ist denn dabei,« wehrte Bullmann ab, »ich bin doch nicht der, der Ihnen so etwas übel nehmen wird. Was sollten wir denn überhaupt mit den gesellschaftlichen Formen anfangen!«

Büchner verstand ihn. »Ich begreife, es war ein dummer Gedanke von mir. Aber Sie sind nicht im englischen Hause heut' abend gewesen und er auch nicht – da kam ich eben drauf.«

Er sah sich nach der Thür um.

»Aber wo wollen Sie ihn denn jetzt suchen?«

Büchner zuckte die Achseln.

»Bleiben Sie doch ein wenig, erholen Sie sich, Sie sehen wirklich schlecht aus. Berlin ist ja so groß. Mir geht's auch ziemlich niederträchtig, leisten Sie mir doch Gesellschaft, lieber Herr, wir können ein wenig schwatzen – ich meine natürlich schwatzen auf so eine gewisse stumme Weise wie alle Egoisten.«

Erst als Büchner langsam abgelegt hatte, fiel ihm ein, daß er doch hätte gehen sollen. Übrigens kam ja nichts drauf an. Ihn würde er natürlich nicht mehr gesucht haben.

Hatte er nur Gespenster gesehen? Bullmann sprach jedenfalls ehrlich und sonst einen Anhaltspunkt, etwas zu befürchten, gab es ja gar nicht. Etwas ganz Gleichgiltiges würde Ercole bewogen haben, nicht auf den Ball zu kommen. Selbstverständlich.

Bullmann geleitete ihn durch ein längliches Zimmer in ein sehr geräumiges anderes daneben und bat ihn, sich hier ein wenig zu gedulden, er wolle währenddessen nach einem Tropfen sehen. Büchner war müde, setzte sich sogleich und atmete langsam und tief. Er streifte sich die Manschetten ab und stellte sie aufrecht neben sich auf den dicken, harten Teppich, seine kühlen Hände brannten ihm und er schob sie übereinander in die Ärmel bis zu den Ellenbogen. Dann schaute er sich um im reichen, nicht allzu dunkel abgetönten Gemach, ohne irgend einen Gegenstand gerade besonders ins Auge fassen zu können. Alles lag da im Halbglanz stiller Lampen, von zartestem Gewebe verhüllter Kuppeln, auch die Nebenräume zu beiden Seiten. Endlich fiel sein Blick auf einen Niederländer und ruhte längere Zeit. Im abendlichen Stubenlicht schwammen die herrlichen geballten Wolken gerade auf ihn zu aus dem Rahmen.

Bullmann kam wieder mit einer entkorkten Flasche und zwei Gläsern. Er goß ein. » Aleatico, trinken Sie das auch?«

»Gewiß, ja.«

Sie schwiegen fast eine Minute, nachdem sie sich zugetrunken hatten, während der träge, dickflüssige Wein von den benetzten Rändern langsam zurückglitt, tiefer hinab in die krystallenen Gefäße.

»Es ist sehr merkwürdig bei Ihnen, sehr seltsam, was thun Sie eigentlich in der Nacht hier, warum ist es so hell in allen Zimmern?«

Bullmann betrachtete ihn erstaunt, dann verzog er den Mund unter dem spärlichen Schnurrbart zu einem überlegen freundlichen Lächeln. »Es ist ja sehr erfreulich zu hören, daß es Ihnen so gut im Leben ergangen ist – trotz alledem. Es muß schön sein, niemals im Leben einsam gewesen zu sein.«

»O doch – ich meine, ich könnte es vielleicht wieder auf eine andre Art auch sehr wohl gekannt haben – das, die Einsamkeit.«

»Ich glaube nicht, ich glaube, Sie kennen nur ihr Gegenteil – die Sehnsucht nämlich. Sie haben das verwechselt. Jesus Maria, Sehnsucht ist doch nicht Einsamkeit. Da ist doch nicht das Sinnlose, das sonst in der Erwartung liegt. Übrigens, ich erinnere mich ja, Herr Tomei hat mir erzählt, daß Sie sich schon von der Schule an kennen – nun also! was braucht's mehr.«

Sie schwiegen eine gute Weile, dann ging die Rede über ganz gleichgiltige Dinge, als aber die kleinen Pausen wieder und wiederkehrten, fragte Büchner: »Sie sprachen es aus, es ginge Ihnen so schlecht?«

»Ach Gott, ja –; darüber ist nicht viel zu sagen, unsere Leiden sind zu verschieden. Mit einem Wort, es ist doch gut, wenn man so nur für Einen da ist. Ich möchte das auch, aber es ist mir unmöglich, die Lüge korrumpiert sofort – nicht etwa mich, sondern den, den ich lieben möchte. Verstehen Sie das wohl? Unsere Liebe ist nun einmal verfehmt, Sie wissen ja, wie man gegen uns zu Felde zieht, den flatternden Unterrock als Kriegsfahne schwingend – ach ja – die Blinden und Tauben mit ihrer mageren ›Gesundheit‹ – aber was wollte ich doch sagen? also ja – die Lüge, in der man leben muß, korrumpiert. Weiß der, den man liebt, in einen Schlupfwinkel zu kommen, meint er nämlich, er käme in einen Sumpf. Das ist's.«

»Doch nicht immer.«

»Aber sehr oft. Übrigens sind die meisten jungen Leute ja auch in der Mädchenliebe die reinen Stümper. Sie verstehen ja auch daraus nichts zu machen. Und das Geld.«

»Wenn einer nun viel mehr hat – warum sollte er nicht geben; es müssen eben Blumen dabei sein.«

»Sie sind ein Schwärmer und Träumer.«

»Und Sie erst!«

Bullmann lachte auf – »Weiß Gott, vielleicht haben Sie recht.«

Nach einer kleinen Pause begann Büchner wieder: »Und ist Ercole auch korrumpiert von der Lüge Ihrer Meinung nach.«

»Aber nein, über den hat die Lüge keine Gewalt – er ist zu vergeßlich und zu gut.«

Diese Worte berührten Büchner sehr peinlich. Er schwieg. Eine verspätete Eifersucht auf Bullmann erwachte in ihm – wie durfte noch ein Andrer es wissen, daß Ercole so »vergeßlich und gut war«. Gleichzeitig überkam ihn wieder die brennende Unruhe – wo ist Ercole, mit wem steckte er zusammen? Das Blut strömte ihm zum Kopf, er spürte die Farbe auf seinem Gesicht und schnellte empor vom weichen Divan.

»Ich muß gehen.«

»Es thut mir leid, aber ich will Sie nicht halten. Ich werde Sie hinunter begleiten,« erwiderte Bullmann langsam und erhob sich gleichfalls. Sie schritten nebeneinander ins Vorzimmer, ohne sich anzusehen. Noch ehe sie auf den Flur traten, sagte Bullmann, während er den Blick auf das unruhig schaukelnde Kerzenlicht im breitgefußten Leuchter in seiner Hand senkte, mit fester Stimme: »Ich bin überzeugt, er liebt Sie mehr als Sie glauben – trotz allem.«

Büchner zuckte die Achseln und sie stiegen schweigend hinab. Bullmann zog den schweren Thürflügel auf.

»Übereilen Sie sich nicht – im Übrigen, ich danke Ihnen.«

»Wofür?« Büchner sah ihn erstaunt an.

»Fragen Sie doch nicht,« meinte er mit einem Vorwurf im Ton – »braucht es denn immer einen Anlaß – genügt es nicht, daß man sich ein bischen versteht?«

»Verzeihen Sie, gewiß. Auch ich danke Ihnen.« Sie lächelten Beide einfach und sehr schnell. –

Um sieben Uhr in der Frühe erwachte Büchner; er war spät abends aus der Brückenallee nicht gleich heimgegangen, sondern noch irgendwo eingekehrt und hatte Bier auf den schweren italienischen Wein getrunken. Er fühlte sich todmüde, in allen Gliedern steckte ihm noch der heiße Schlaf, das Halbdunkel im Zimmer schloß ihm die Augen wieder, aber er fuhr bald auf und sprang aus dem Bett. Dann schellte er seiner Wirtin und kleidete sich geschwind an. Während er nach einem Glase Thee die erste Zigarette in schnellen Zügen aufrauchte, überlegte er. Es war doch so besser – warten bis Ercole kam. Wie er ans Fenster trat und hinausschaute in den frühen grauen Alltag, erfaßte ihn vor der Straße da unten und ihrem Leben ein Ekel, daß er in einer unwillkürlichen Geste seiner verzweifelten Laune Ausdruck gab. Dann stemmte er den Ellenbogen ans Querholz, schützte sich die Augen mit der Handfläche und stand so lange da. Müde und matt schritt er nach einer Weile zum Divan und streckte sich unbehaglich fröstelnd, war aber bald wieder eingeschlafen.

Gegen zehn Uhr erwachte er. Bald darauf schellte es und Ercole trat ein.

»Nun – wo warst du denn gestern, wir haben dich vergeblich erwartet.«

»Ich war unwohl – Zahnschmerzen, ich bin zu Haus geblieben. Ich hab' gar nicht gut geschlafen.«

»Zu Haus gewesen? Das ist jedenfalls gelogen. Wer ist's denn diesmal?« Büchner fragte das ruhig und ganz leise. Er lag noch immer auf dem Divan und rührte sich nicht.

Ercole brauste auf: »Das ist wieder deine kindische Eifersucht. Niemals kannst du einen in Ruh lassen. Dabei hast du ja gar nichts, was diesen dummen Verdacht beweisen kann. Was ist denn dabei auffallend, wenn ein Mensch sehr starke Zahnschmerzen hat? Man weiß schon gar nicht, was man machen soll. Du bist wirklich zu dumm. Wirklich, weißt Du, du bist ganz albern.« Der Zorn dämpfte seine Stimme und hielt inne.

Auch Büchner schwieg. Er war in seinem Mißtrauen bestärkt. Selbstverständlich würde Ercole nicht gestehen, es hätte gar keinen Sinn gehabt weiter in ihn zu dringen und so lenkte er ein, scheinbar ganz freundlich: »Nun, wenn du es sagst, gewiß, ich will dir glauben, dann hab' ich mich eben getäuscht und wir brauchen nicht mehr darüber zu reden.«

»Das will ich mir allerdings ausbitten, daß du mir glaubst,« sagte Ercole trotzig.

Weiter fiel kein Wort. Nach einer kleinen Pause, die Ercole offenbar sehr überraschte und sehr peinlich berührte, trotzdem er das Schweigen nicht unterbrach, begann Büchner von anderen Dingen zu reden und glücklich kam auch ein lebhaftes Gespräch über eine musikalische Tagesfrage in Gang. Er gab sich ganz unbefangen, wenn aber Ercole gerade nicht hinsah, den Kopf seitwärts wandte oder senkte, dann sogen sich unbemerkt Büchner's Augen an ihm fest und ruhten auf ihm, starr und kalt, zu äußerster Bewegungslosigkeit angespannt. Als Ercole ans Fenster trat, um einen Augenblick hinauszuschauen, schnellte er auf dem Divan unwillkürlich empor, blieb zuerst sitzen und richtete sich dann lautlos auf. So stand er ihm im Rücken ein paar Schritte weiter zurück, in ähnlicher Haltung wie Ercole, dem er einen stillen, feindseligen Blick minutenlang zuwarf. Währenddeß sprachen sie unentwegt über Musik.

Sie verabredeten sich für den Abend. Als Büchner allein war, fühlte er sich nach diesem Auftritt so erschöpft, daß er sich mit beiden Händen an die Lehne des Divan's stützte und danach rang tiefer und tiefer zu atmen. Ich weiß nichts, aber ich bin sicher – sprach er leise und schnell für sich. Dann eilte er ans Fenster, wie um ihm nachzusehen, ob er nach links oder rechts abbiegen würde. In seiner Hast verletzte er sich beim Öffnen des Fensters die innere Handfläche am Riegel, der Thauwind blies ihm entgegen und er beugte sich vor. Ercole stieg in eine Droschke. Büchner schaute ihm nach, wie er hinunterfuhr. Dann wieder sah er zurück in seine Stube, die Gardinen neben ihm flatterten luftig. Der Wind hatte einige Papiere vom Tisch auf den Boden geweht, Büchner ließ alles liegen, griff nach Hut und Mantel und ging fort.


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