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Zu gewohnter Stunde, im Flur brannte das Licht schon einige Zeit, schellte Büchner und trat nun rasch ein, als die Thür sogleich aufsprang. Mitten im Raum stand er und musterte über die Schultern rechts und links seinen schneebedeckten Mantel und dann unschlüssig den freundlichen, hellen Teppich zu seinen Füßen. Der Diener half ihm behutsam abzulegen und trug das nasse Bündel ans Feuer.
Dr. Gerhart Büchner fand die Hausfrau allein vor der goldbauchigen Theemaschine, neben sich auf der bunten Steinplatte des niedrigeren Seitentisches die weißen, sauberen Tassen in Reih und Glied.
»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, gnädige Frau – ein Hundewetter,« sprach er seufzend nach kurzem Gruß.
»Machen Sie sich's gemütlich, es scheint ja ganz fürchterlich zu sein; ich bin gar nicht ausgegangen. Ich glaube außer Ihnen wird sich niemand zu uns herauswagen.«
»Ercole ist zu Hause?«
»Giebt noch Stunde, drüben. Ein neuer Schüler, Amerikaner – aber hören Sie nicht spielen? Freilich die Thüren sind alle fest.«
»Doch doch, gewiß, ich höre, ich hatte nicht darauf geachtet.«
Er schlürfte langsam seinen Thee. Im Zimmer war es still, gedämpfte, sicher rollende Läufer klangen von Weitem herüber, dann schwoll ein Triller scharf im Diskant auf und zitterte gleichmäßig stark anhaltend, rein und klar wie ein Sturzbach in der Sonne.
Er blickte nieder, die zierliche Tasse in der regungslosen Hand, noch immer bebte der helle Doppelton. Als sie den Krahn am Kessel schraubte und das kochende Wasser in die Kanne sprudelte, ließ ihn dieses unvermutete Geräusch leise zusammenfahren und sie flüchtig ansehen. Er trank weiter und begann nach wenigen Sekunden von Neuem: »Was für ein Klima! Man kann sich bedauern. Und die armen Pferde, jetzt laufen sie zu dreien nebeneinander und bringen die schweren Wagen doch kaum vom Fleck. Alles verstürmt und eingeschneit. Meiner Meinung nach sind die Pferdebahnen überhaupt eine miserable Erfindung. Anstatt beim einfachen Omnibus zu bleiben. Aber sie halten den für ›unvornehm‹. Gründe sind unbekannt.«
»Doktor Büchner, ich glaube, Sie haben Berlin ein bischen satt.«
»In der That,« – fiel er ihr ins Wort, »wollte ich meine Studien zudem recht fördern, so sollte ich nach – nun, sagen wir Samarkand zum Beispiel. Da ist gute Luft für einen armen Archäologen.«
»Das liegt ja am Ende der Welt.«
»Ein Vorort von Berlin ist es allerdings nicht – tant mieux.«
Sie wurden unterbrochen, man rief die gnädige Frau in die Wirtschaft.
Als sie ihn verlassen hatte, erhob sich der Doktor und ging langsam auf und ab. Er hielt den Nacken gebückt, sein Blick haftete am Boden, dann richtete er ihn ganz plötzlich auf die Wand ihm gegenüber und sah scharf und schnell einmal über jedes der einfach gerahmten Bilder dort. Nicht so flüchtig betrachtete er die Lorbeerkränze zur Seite, in der Ecke. »Ercole Tomei seine dankbaren Verehrer« las er vom blauen breiten Bande, über die hellen Buchstaben verstreut ruhte hier und da der zierliche Schatten eines dunklen Blattes. Und daneben leuchtete es goldgelb auf rotem Grunde, die Schleife fiel im prallen, unter dem kreisrunden Schirm herausstechenden Glanz der Kaminlampe über einen buntgeblümten Polsterschemel, – Ad Ercole Tomei i suoi riconoscenti ed incantati ammiratori e compatrioti.
Jetzt schenkte Doktor Büchner seine Aufmerksamkeit dem schweren Tuchwerk, das die Fenster verhüllte. Er empfand die Stille ringsum, vielleicht da so viel Licht im schweigenden Zimmer brannte, als etwas ganz Eigentümliches.
Jedesmal wenn er in diesem Hause allein war, auch eine Minute nur allein, musterte er alle Dinge, die ihn umgaben, achtsam, mit einer Art Neugierde, hielt Umschau, wie verschlagen an den seltsamsten Ort der Welt. Und doch konnte ihm hier nichts fremd sein, täglichem Gast dieser wohnlichen Räume während zwei langer Jahre. Aber immer wieder zwang es ihn heimlich in unbewachtem Augenblick, die Winkel zu durchspähen, sich das Alles einzuprägen, genau, scharf, für sein ganzes Leben, kam es einmal so.
Es beruhigte ihn, ringsum dasselbe am selben Platz unverändert zu sehen, die freundliche Wärme im Gemach ließ ihn behaglich Atem holen, er trat an den Lesetisch, wählte aus den rauchledernen Mappen ein paar Blätter und setzte sich. Drüben ward nicht mehr gesungen, im Kamin glühten die stillen, roten Kohlen; von der Straße, gedämpft durch doppelt verhängte Fenster, läutete es fünf.
Sie war bald zurück und goß den frischen Thee ein. Währenddeß betrachtete Büchner sie. Eine seltsame Art sich zu kleiden! Dieser steife Sammetkragen, der den Hals so fest umschloß, und die kleinen, blitzenden Kugelknöpfe dicht neben einander getupft von oben nach unten in gerader Linie über dem dunklen Stoff. Die etwas kurzen Ärmel mit den schmalröhrigen, weißen Stulpen an der Handwurzel; alles knapp, beinahe eng. Ob das vielleicht beabsichtigt war? Gewollt, um einen Gegensatz zu diesem runden, weichen Gesicht zu finden? Zu diesem Köpfchen so hübsch und so gewöhnlich – wie es wenigstens ihm erschien.
Es hatte geschellt, zwei Damen traten ein, Mutter und Tochter, Leute, mit denen Frau Tomei jahraus jahrein freundschaftlich oberflächliche Beziehungen aufrecht hielt. Der Wagemut, das Wetter nicht gescheut zu haben, fand unumwundene Anerkennung und trug den Gästen reiches Lob ein, sodann, als man sich die Brust über den schlimmen Winter draußen gehörig freigeredet hatte, brachte Doktor Büchner das Gespräch auf andre naheliegende Dinge. Er redete nicht laut, ziemlich langsam, besonnen, als wäre jedes Wort, ehe es über die Lippen trat, schon ein gutes Stück Zeit im voraus gewählt. Einwürfen und Fragen, auch wenn sie sich oft recht überflüssig ausnahmen, schenkte er doch volle Aufmerksamkeit, bemüht, überall wohl verstanden zu werden und wohl zu verstehen. Dabei wußte er eine leise, quälende Unruhe geschickt zu verbergen. Es war bald halb sechs. Was that er drüben? Hatte er noch zu arbeiten? Mit der Vortragsstunde mußte er doch um fünf Uhr fertig sein. Oder gab er noch eine bis sechs?
Aber die Thür, über die sein Auge heimlich wieder und wieder gestreift war, wurde geöffnet und der junge Hausherr trat ein. Sein etwas zerstreuter, müder Blick gewann an Freundlichkeit, als er Büchner kurz ansah, bevor er die Damen begrüßte.
Die behutsame Art Büchner's, auf seinen Nachbar einzugehen verwandelte sich alsbald in ein Springen hierher und dorthin, von Punkt zu Punkt ohne Rast und Rücksicht. Die Achtung, die er jedem Einwände zollte, schmeichelte unbewußt, man fühlte, daß auch dem kleinsten Wort ein gewisser Wert beigemessen wurde und das nötigte einen jeden sich in Zucht zu nehmen, was man in seine Rede setzte auch zu rechtfertigen. Jetzt, wo Ercole Tomei das Gespräch führte, tauschte man seine Gedanken nicht mehr aus wie in gediegenem Kaufhause gute Münze überlegend gegen gute Ware, man scheute sich jetzt nicht, schlechte Prägung anzubieten wie auf dem Markt, man wußte ja, daß der Gegenüber auch nicht sein Bestes gab. Bei alledem schienen die Damen wie von einem gewissen Zwang befreit, ein belebender, freundlich warmer Luftstrom durchzog die Gesellschaft, was that es, daß im fröhlichen Geplauder Frage und Antwort kein Ganzes mehr bildeten. Auch der Doktor fand sich in die neue Ordnung der Dinge, sprach er auch weniger als die Andren rund um ihn, so nahm er doch teil an Allem und Jedem.
Bald trug die Unterhaltung ein rein persönliches Gepräge, man forschte nach Ercole Tomei's Absichten und Plänen, auch waren die Gäste begierig von seinen Abenteuern in der großen weiten Welt zu erfahren. Und strömten ihm die Erinnerungen ohne Reihenfolge zu, so fesselte wohl der unstäte Wechsel bunter Bilder. Ercole Tomei erzählte nun von langen Reisen und fernen Ländern, von all dem Glanz seines jungen Künstlerlebens, und dabei leuchtete kindlicher Stolz in seinen braunen Augen. Büchner lauschte aufmerksam mit den Andern im Kreise, bisweilen lächelte er wie jemand, der's zufrieden ist, oft Gehörtes wieder einmal zu hören.
Wenige Minuten nachdem sich die Gäste verabschiedet hatten, erhob sich auch der Doktor, um zu gehen.
»Aber bleiben Sie nicht heute einmal bei uns zum Mittag?« fragte sie.
»Kaum möglich – ich habe noch einen tüchtigen Haufen zu thun.«
»Wenn auch; Sie müssen doch Mittag essen bei alledem. Einmal ausnahmsweise – was meinen Sie? Ich glaube, der Schmaus wird heute ganz gut geraten sein, immer besser als in ihrem Restaurant, wo Sie dazu allein sind.«
»Ja, aber dort verplaudere ich mich nicht bei den paar hurtigen Bissen, das ist's,« antwortete er nicht ganz sicher.
Auch Ercole suchte zu überreden. Aber Büchner meinte, heute wäre es ihm durchaus unmöglich, küßte der Hausfrau die Hand und schritt ins Vorzimmer hinüber. Ercole folgte ihm dorthin, zog die Thür zum Saal hinter sich an und begann, als sie nun allein waren, leiser wie sonst, als dürfte er da drinnen nicht gehört werden: »Warum willst Du nicht bleiben, wenn wir Dich bitten, Gerhart, Du hast doch nichts Wichtiges vor –«
»Aber ich bleibe ja nie an Wochentagen bei Euch zum Mittag, Du weißt es doch, nur am Sonntag,« fiel ihm der Doktor schnell ins Wort. Er sprach ganz gegen seine Gewohnheit ungeduldig, doch halblaut, wie Ercole, als wünschte auch er im Saal daneben durchaus nicht gehört zu werden.
»Kannst doch einmal eine Ausnahme machen.«
»Ich lebe nach der Uhr – du weißt es,« beschied er den Freund mit leiser Hast.
»Einmal! Du bist so – so.«
» Tant pis – wie ich bin. Klingele bitte, Franz hat meine Sachen.«
Der Diener war sogleich mit dem Mantel zur Stelle, half beim Anziehen und schlug die Thür auf. Ein kalter Luftstrom durchzog den Raum, Ercole fröstelte. Büchner drückte ihm warm die Hand, sah ihm freundlich in die Augen und sprach ruhig, jetzt mit ungedämpfter Stimme: »Also morgen um fünf Uhr.«
Ob sie etwas haben mögen, daß ich durchaus bleiben sollte, dachte er, die breiten Treppen langsam hinabsteigend, sonst kam Ercole doch niemals mit solchen Vorschlägen.
Als auch der Diener fort war, kniff Ercole seine Augenbrauen zusammen, wie um recht scharf nachzudenken und verweilte fast eine Minute regungslos, bevor er in den Saal zurückkehrte, noch immer sinnend, offenbar nicht im Klaren mit seiner Rechnung. Frau Tomei las, die Ellenbogen stützten sich rechts und links auf den Tisch, ihre Wangen lehnten gegen die Handflächen. Er fühlte etwas wie eine Verpflichtung, sich seiner Frau zu nähern und ihr ein paar freundliche, zärtliche Worte zu sagen, sich irgendwie in liebevoller Weise zu äußern. Ein Grund dafür lag allerdings nicht vor, es hatte keinen auch noch so geringen Zwist gegeben, trotzdem wußte er, daß sie etwas derart von ihm erwartete, waren sie doch zum erstenmal heute allein mit einander. Aber ihm fiel beim besten Willen nichts ein, was geeignet sein konnte, eine behagliche Stimmung auszuströmen und er war's zufrieden, als das Mädchen abzuräumen kam. So gewann man einen kleinen Aufschub, vielleicht würde sich nach einigen Minuten das rechte Wort finden. Er blätterte ihr gegenüber gleichgiltig in einer Zeitschrift.
»Warum blieb Büchner eigentlich nicht?« fragte sie mittlerweile. »Ist er denn wirklich so sehr beschäftigt? Kann er seine Arbeit nicht – ich weiß nicht – irgendwie anders einteilen?«
»Er hatte heute etwas Besonderes vor, deshalb mußte er fort,« behauptete Ercole und fügte schnell hinzu, um nicht weiter ausgeforscht zu werden: »Weshalb batst du ihn eigentlich zu bleiben?«
»Wieso? Es wäre dir doch recht gewesen?«
»Aber natürlich! Ich will dich gerade bitten, liebe Elly, ihn nächstens wieder zu überreden – hoffentlich haben wir dann mehr Erfolg. Heute eben, wie gesagt, war's nicht möglich. Aber laß dich nicht abschrecken, nächstesmal wird es dir bestimmt gelingen, ihn herumzukriegen, ich bin ganz sicher. Nun, was giebts Gutes zu essen?« –
»Wart' mal noch ein wenig,« sie ging ins Speisezimmer, er hörte ihre Schritte dort hin und hertappen, sie sah wohl selbst nach dem Rechten. »Also komm, Ercole,« rief sie durch die halboffene Thür.
Beim Mittag tauschten sie ihre Meinungen über eine unlängst aufgeführte neue Oper aus, ziemlich lebhaft, aber ruckweise und sich oft wiederholend. Als sie dann zurück ins Wohnzimmer gegangen waren und ihren Kaffee tranken, stockte das Gespräch. Elly setzte sich an den Lesetisch und meinte unbefangen: »Mit der Novelle in der Rundschau muß ich aber doch noch heute fertig werden, sie ist wirklich hübsch.« –
Ercole rauchte gelassen im Lehnstuhl und sah vor sich hin. Plötzlich schaute er auf und sah sie an. Vielleicht liest sie nur, weil ich nicht rede, dachte er, sonst thut sie's doch nie am Abend, wenn wir allein sind. Ich soll's wohl nicht merken, daß es ihr unbehaglich ist, weil ich so bin, so still. Und noch vor ein paar Tagen waren wir so glücklich. Aber wir sind es ja noch, es ist ja nur – eine Stimmung. – Er erhob sich und that einige Schritte, langsam und doch unruhig. Dann setzte er sich wieder.
Sie klappte das Heft leise zu und stand auf. – »Meine Augen schmerzen, ich lese lieber morgen weiter.«
»Ist es wirklich so interessant?« Er trat an den Tisch und wie um einen flüchtigen Eindruck von der Novelle zu gewinnen, blätterte er eine Weile im Heft, das sie wieder aufgeschlagen und ihm hingereicht hatte.
»Ich war auf dem Kirchhof,« sagte sie nach einer kleinen Weile.
Ercole wandte sich ihr zu. »Heute?«
»Ja, am Morgen. Ich trug ein paar Blumen hin. Es ist jetzt so hübsch draußen, das Grab ganz im Schnee.«
»Am Sonntag wollen wir wieder einmal zusammen hinaus, nicht wahr?«
»Aber gewiß, Ercole.«
Sie sprachen während einiger Minuten nicht, ein gemeinsamer Schmerz verband sie und sie suchten nicht nach Worten. Als Elly in die Küche ging nach der Wirtschaft zu sehen, dachte er noch immer an die Zeit, als der Tod in ihr junges Haus einzog. Nur ein halbes Jahr hatte sein Söhnchen gelebt. Ercole hatte ihn geliebt ohne ein klares Bewußtsein davon, erst wie der Kleine krank ward und die Sorgen kamen und er dann starb, begriff er, wie er an seinem Knaben hing, was er ihm war. Ja, zuweilen schien ihm, er hätte noch mehr an ihm verloren als sie, als Elly. In diesem Monat vor einem Jahr hatten sie ihn begraben.
Später am Abend, bevor sie zu Bett gingen, trat Ercole noch in ihr Schlafzimmer, um gute Nacht zu wünschen. Es war kühl im Raum und halbdunkel, Stoffe und Teppiche fehlten beinahe ganz. »Nun Ercole, bist du so müde?« fragte sie und sah ihn voll an. »Oder willst du noch ausgehen?«
»Aber nein, warum denn.«
»Dann setze dich noch für ein paar Minuten, komm auf's Sopha.«
Er gehorchte und sie verweilten so Hand in Hand. »Es ist doch so schön« sagte sie, »nicht wahr, wenn es still im Hause ist und man sich lieb hat, so, daß man schweigen kann und sich dabei verstehen. So ist's doch heute.«
Er sah zu Boden, er wußte, daß sie ihn beobachtete, wußte, daß sie im Grunde unruhig war, befremdet von seinem Wesen, daß sie das nur so sprach um zu hören, was er erwidern mochte.
Aber ihm fiel nichts ein, er bestätigte bloß: »Gewiß ja, es ist schön.«
Sie verständigten sich noch kurz über den kommenden Tag, wie sie ihn einteilen wollten, dann küßte er sie und ging aus der Thür, mit der Empfindung, sie sähe ihm nach oder bliebe mitten im Zimmer stehen, gedankenverloren.
Er betrat den Saal und ließ das elektrische Licht aufglühen. Als das Gemach im Schein der ruhigen Flammen dalag, setzte er sich.
Von Zeit zu Zeit beherrschte ihn dieses Gefühl, ein Fremder im eigenen Hause zu sein. Wie kam er an diesen Ort, als Herr über all' die toten Dinge rings, Tische, Stühle, breitausgespannte bunte Fächer an der Wand, Teppiche und Blumen und als Herr über die Frau dort nebenbei?
Von der Straße dröhnte die Pferdebahn, die Räder brummten klagend auf dem harten, kalten Schienenstrang, Ercole kannte diesen Ton so genau, er rief ihm das tägliche nüchterne Leben ins Gedächtnis. Kein Zweifel, man war zu Hause. Morgen sollte es weiter gehen, gleichmäßig pflichtgetreu Stunde um Stunde. Die Sehnsucht nach Freiheit oder – er wußte nicht wonach, erfaßte ihn. Ausharren da, wohin einen der Wind einmal verschlagen. Diese Stimmungen kamen von Zeit zu Zeit, aber sie gingen wieder und ein jedesmal setzte man ein Stückchen zu an Kraft. Bald würde er gefeit sein gegen solche Versuchungen. Und da er den ganzen Ernst gewählt hatte, endgiltig Verzicht geleistet, würde sich aus diesem stillen Winkel nicht gerade der Weg finden, ihn hinauszuführen, bergan, dem Gipfel glänzenden Ruhmes zu? Hier konnte er in voller Muße schaffen, geborgen vor allem Unwetter draußen. Und was wollte er denn anders als seiner Kunst dienen – wahrlich, er hatte Ursache genug dieses gleichmäßige Leben zu führen, gewann doch seine Arbeit dabei. Und zudem, zwei- oder dreimal in der Woche abends in Gesellschaft, das brachte ja die nötige Zerstreuung reichlich. Nein gewiß, er durfte nicht klagen, so wie es gekommen war, war es gut, mit fünfundzwanzig Jahren so viel Erfolge schon, das mußte anspornen weiterzustreben, nicht laß zu werden. Die Jugend lag hinter ihm, abgeschlossen.
Er war mittlerweile aufgestanden, durchs Zimmer geschritten und lehnte nun schon seit ein paar Minuten am verlöschenden Kamin, das Antlitz dem goldgerahmten, hohen, viereckigen Spiegel auf dem Gesimse zugewandt. Er betrachtete sich, seine braunen Haare, die vollen Lippen, ohne eigentlich zu wissen, daß er's that, gedankenverloren. Aber plötzlich sah er das Spiegelbild sehnsüchtig und traurig lächeln, es leuchtete wie geheime, wehmütige Erinnerungen vom Antlitz dort im Glase, wie Widerschein versunkener Sterne. Und er fühlte sich erbleichen, kaum unterdrückte er einen leisen Aufschrei, seine Hand bedeckte hastig die Augen und er prallte zurück, wie vor einer drohenden Gefahr, als wäre ihm ungerufen, unvermutet ein Feind erstanden. Er hielt schnell, erschreckt Umschau, durchspähte alle Winkel – doch nein, niemand war da, niemand hatte gesehen, was selbst er nicht sehen durfte.
Er eilte in sein Schlafzimmer, den Leuchter mit der brennenden Kerze vergaß er mitzunehmen – also im Dunklen jetzt schnell zu Bett und morgen wieder vernünftig. Und er begann sich zu entkleiden, den Rock warf er über einen Stuhl, doch glitt er gleich darauf an der gepolsterten Sammetlehne nieder. Ercole fuhr zusammen, als die Knöpfe an der Diele anschlugen; die Weste streifte er sich mit einem Ruck ab, ebenso hastig dann seine Stiefel. Dann mußte er innehalten, um zu atmen, die überstürzten Bewegungen hatten ihn gänzlich erschöpft.
Er setzte sich auf den Bettrand und ließ den Kopf bis fast auf die Kniee hinabsinken. Eine brennende Lust, in den Saal zurückzukehren, quälte ihn, er suchte seine Begierde niederzukämpfen und schlug wieder und wieder das Kreuz. Aber ihm fehlte alle Sammlung, um zu beten, keine hilfreiche Macht spürte er über sich, nur diesen Durst in den Eingeweiden und die Angst, er würde nicht widerstehen können zu trinken.
Nach einigen Minuten erhob er sich, um ruhiger zu überlegen.
Und wenn er hinüberging? So groß war die Sünde am Ende nicht. Einmal und nicht wieder. Nie, nie wieder. Er würde bereuen, gewiß schon morgen würde er beichten und Verzeihung erflehen. Und niemals wieder.
Ercole zögerte noch; eine kleine Zeit verstrich, ohne daß er sich rührte. »Was ist denn Großes dabei« redete er sich endlich zu – »übrigens hab' ich vergessen das elektrische Licht auszuschrauben und auch keine Zündhölzchen hier, ich kann mich doch nicht im Dunkeln auskleiden.«
Er schritt langsam, unhörbar auf Strümpfen in den Saal, das Haupt gesenkt. Er überzeugte sich davon, daß die Vorhänge der Fenster die Scheiben gänzlich zudeckten, schloß lautlos die Thüren zum Speisezimmer und zur Entree und trat ohne aufzusehen vor den Spiegel. Mit einer schnellen, sicheren Bewegung streifte er sich das Hemd vom Oberkörper und knotete die Ärmel auf den Rücken zu. Dann schaute er auf, sich in die Augen. Die nackte freie Brust, das feste kernige Fleisch leuchteten sanft und hell gegen die schweren faltigen Stoffe, deren Dunkel vom Grunde des Zimmers hinübergeworfen aus dem Spiegel zurückfiel. Und er hob seine Arme und breitete sie aus. Dann beugte er sich vor und wie sein Atem das kühle Glas trübte, küßte er seine Lippen im Nebel ihres Hauchs.
Er trat zurück und stand da, wie in einem freundlichen Traum, noch immer in den Anblick eigener Schönheit versunken. Er wandte sich und schritt lautlos bis zum Klavier, öffnete und starrte ruhig minutenlang auf die Tastenreihe, die im Schatten des ausgespannten Flügels leise zu ihm aufschimmerte. Er setzte sich und schlug einen Dur-Akkord fest an, das Pedal unter seinem Fuß bannte den Klang, er beugte das Haupt weit hinten über, schloß die Augen und seine Gedanken zogen aus, fernhin auf mitternächtigen See. Der Wind ging leise mit dem Schiff, nur selten und langsam hob sich das Vorderdeck und glitt um ein weniges dann still wieder zurück in die Fluten. Von hohen Masten unter sternendem Himmel glänzten farbige Lampen, bisweilen scholl eine zage Welle von der Seitenwand hinauf. Andren Morgens lag die Küste weit im Rücken, dann versank sie. Die Sonne brannte heißer, strahlte heller auf der stillen Fläche, aus silbernem Gekräusel blitzte ihr Licht viele Meilen zurück in sein trunkenes Auge. Das Holz am Rande, auf dem er hinauslehnte, hauchte ihm einen trockenen, warmen Dunst durch die Kleider und ins Antlitz, und der ausgeflossene Theer am Boden durchglühte seine Sohlen. Und wieder Nacht und Tag und Nacht und er sah das Gestade, sah die weißen Felsen auf tausendjährigem Posten ins blaue Meer ausspähen.
Und sein Fuß trug ihn hinein in die seltsame Stadt. Ein neues Leben strömte ihm entgegen, wunderbar in seiner Gestalt, überreich an Sonnenlicht und Blumen und duftender Wärme, schön wie ein Märchen zur Winterszeit. Und dem Fremden war, als sei er nach mühseliger weitschweifender Reise in altvertrautes Land wiedergekehrt, als habe er Verlorenes wiedergefunden, die Heimat nach kargen Wanderjahren.
Tief in sich fühlte er eine große Freude aufleuchten, aus seinen Augen schimmerte das Glück wie kühler Thau am Morgen. So zog er ein durch die Gassen, schweigend, aber sein Antlitz grüßte: Ich bin wieder bei Euch. Und die Leute sahen ihn an, grüßten ihn – gar nicht erstaunt, nicht wie einen Fremden. Und alle dort liebten ihn – wie ehrfürchtig der Beduine auf ihn zutrat – ziehe mit mir, sprach er, sei mein Herr, ich will Dir dienen, ich mit meinen Brüdern und meinem Vater. Sei unser Herr, groß und weit ist mein Gebiet, Dein sei mein Reichtum, willst Du, so jagen wir Hyänen zur Zeit, wo die Wolke sich rötet.
Abends hören wir Pfeifen, Du sollst tanzen sehen, wenn die Feuer brennen.
Ich liebe Dich. Sei mein Herr.
Und er zog mit ihm durch die Wildnis nach seinen Zelten und blieb bei ihm Tage und Nächte, zärtlich beschenkt und dankbar seinem Freunde.
Ercole sah auf, ihn fröstelte, die Saiten hatten längst ausgeklungen, er erhob sich mit einem Ruck und griff nach einer Decke auf dem Divan neben sich, zog die wärmende Hülle fest über die nackte Brust zusammen und barg die Arme unter dem wolligen Tuch.
Das Alles lag so fern zurück. Hier im kalten Norden verschneit, gebannt in dumpfe Zimmerflucht, wie sehnte es ihn nach den duftenden Blumen versunkener Gärten.
Hier kannte ihn niemand. Doch – einer, Büchner. Aber aus dem ward man nicht klug. In zwei Jahren war er kaum zwei Stunden mit ihm allein gewesen.
Liebte Büchner ihn noch? Ein paar Tage vor Ercole's Hochzeit hatte er sich von ihm losgesagt. Ercole erinnerte sich noch der kurzen Worte, die Büchner damals gesprochen, als sie schieden: Du hast zwischen ihr und mir gewählt – gut. Aber du wirst deinen Schwur am Altar halten, du bist kein Kind mehr. Unser Leben ist heute begraben. Morgen werden wir uns gegenüber treten wie Fremde – nichts, nichts darf erinnern an das, was zwischen uns gewesen ist, keine Silbe, kein Blick. Leb' wohl. – Und er hatte ihn zum letztenmal geküßt, traurig und still.
Aber wer konnte denken, daß er es damit so buchstäblich nehmen würde. So was sagte man ja wohl im Zorn. Wirklich, keine Silbe, kein Blick in den zwei Jahren seiner Ehe hatte das Gedächtnis vergangener Zeiten wachgerufen, kein zärtlicher Händedruck an verklungene Tage gemahnt. Ercole und Gerhart lebten wie Fremde neben einander, Gerhart kam um fünf und ging um halb sieben pünktlich und am Sonntag speisten sie gemeinsam mit Elly.
Liebte Büchner ihn noch? Ercole sann. Nein, gewiß nicht, es war unmöglich jahrelang so kalt zu scheinen, so zu schauspielern. Er konnte nicht mehr dasselbe empfinden, was er früher empfunden hatte, diese eisige Ruhe konnte nicht erheuchelt sein. Aber auf der andren Seite – warum trennte sich Gerhart nicht gänzlich von ihm? Warum kehrte er Tag für Tag pünktlich wieder? Da muß doch noch irgend etwas sein, daß er nicht von mir loskommt, dachte Ercole und dieser Gedanke schmeichelte ihm und ließ ihn vor sich hin lächeln, zufrieden, wie es ein Kind ist.
Er ging in sein Schlafzimmer, legte sich nieder und war bald eingeschlafen.
Andern Morgens erwachte er ziemlich früh; das Sturmwetter draußen hatte aufgehört, ein goldener Sonnenstrahl leuchtete manchmal durch eine Spalte des Fenstertuchs an sein Bett hinüber. Von der Straße brummte die Pferdebahn eintönig herauf. Er war sehr unzufrieden, wieder hatte er mit diesen Dummheiten angefangen, das schickte sich doch gar nicht mehr. Am besten, man drehte alle Spiegel im Hause um. Aber er würde es ja nicht mehr thun, ganz und gar endgiltig niemals.
Er kleidete sich an und beschloß in aller Stille aufzubrechen und einen tüchtigen Spaziergang in den Tiergarten hinaus zu machen. Am Nachmittag mußte er in der Stadt einige Stunden geben, frühstücken würde er irgendwo im Gasthaus und erst um fünf Uhr Elly wiedersehen. Aus der Thür getreten, schlug er sogleich einen Weg ein, der zum Potsdamer Platze führte und schlenderte dann gemächlich durch die Bellevue-Straße. Im Tiergarten ließ es sich bequem gehen auf dem sauber ausgekehrten, breiten Fußpfad, der Schnee lag hoch links und rechts zu beiden Seiten des Wegs angefegt, blitzte und flimmerte und stach ihm in die Augen wie mit tausend blanken Nädelchen. Von Zeit zu Zeit eilte ein hurtiger Schlitten an den langsamer fahrenden Wagen vorbei.
Seine Gedanken beschäftigten sich fortwährend mit Büchner und er wurde nach und nach ganz ärgerlich. Schließlich fiel ihm etwas ein, was Büchner ihm vor Jahren einmal gesagt hatte. Du bist ein Mensch, der, wenngleich mit einigem Willen ausgerüstet, es dennoch nicht vermag seine Kräfte zu disziplinieren, seine Energie mit Sicherheit auf einen Punkt zu entladen. So ungefähr war's gewesen, das heißt noch etwas mehr, so daß man es natürlich nicht genau behalten konnte. Was für ein Pedant, dieser Professor Doktor Büchner! Als ob mit solchen Redeschnörkeln irgend etwas bewiesen wäre. Energie entladen, Kräfte disziplinieren – oh diese deutsche Gelehrsamkeit. Er war doch ein ganz unklarer Kopf bei all' seinem vielen Studieren. Was in ihm überhaupt vorgehen mochte während der letzten Jahre? Ercole erinnerte sich an tausend Kleinigkeiten, die ihm an Büchner aufgefallen waren, aber er begriff eigentlich nichts und ward in Gedanken ganz wütend auf diesen Spießbürger.
Er blieb stehen um Atem zu schöpfen, er war tüchtig ausgeschritten, nun spürte er eine wohlige Wärme seinen Körper durchströmen, mit ihr zugleich hatte sich ein gründlicher Hunger eingestellt. Er bog ab, den Linden zu, unter denen er alsbald ein Restaurant aufsuchte.
Nach Tisch betrat er die Hedwigskirche, doch beichtete er nicht, sondern sprach nur ein kurzes Gebet. Aber er fühlte sich danach nicht gekräftigt wie sonst, im Gegenteil, Unlust und Mattigkeit befielen ihn, wie er sich's nun vorstellte, daß er an die Arbeit gehen sollte, an seine Klavierstunden. Und er ließ es bleiben und streifte ziellos durch die Straßen, ohne recht zu wissen, wonach er sich sehnte, was er suchte.
Nach einer Weile kam er plötzlich auf den Gedanken, bei Büchner vorzusprechen. Ob er es wohl wagen dürfe? Ercole war von ihm gebeten worden, ihn niemals zu besuchen. Es sollte nun einmal nicht anders sein.
Nein, lieber doch nicht, er würde sich ärgern, der Pedant.
Verdrießlich und unmutig strich er noch eine Zeit lang die Gassen auf und nieder, dann machte er sich auf den Heimweg. Er traf Elly nicht zu Hause an, erst nach einer halben Stunde kehrte sie zurück. Gleich darauf schellte auch Büchner, die Uhr ging auf sechs.
Sie waren alle drei für den Abend zu einer größeren Gesellschaft geladen, Büchner wollte eigentlich nicht mit, doch überredeten sie ihn glücklich und es ward ausgemacht, daß sie zusammen aufbrechen sollten. Bis dahin fühlte sich Ercole leidlich wohl, plauderte aufgelegt und spielte auch eine gute Weile; unterwegs in der Droschke aber stellte sich die böse Laune wieder ein. Als der Wagen hielt und Elly und Büchner ausgestiegen waren, warf er den Beiden von seinem Sitz einen sehr verdrossenen Blick nach, ehe er ihnen folgte.
Droben mit den vielen guten Bekannten und fremden Leuten zusammen, in diesem einförmig geschwätzigen Durcheinander, empfand er unerträgliche Langeweile. Er litt unter ihr, wie unter einem heftig anwachsenden Schmerz, der sich durchaus nicht verscheuchen ließ.
»Was ist dir denn? Du schaust so unzufrieden drein,« fragte Büchner.
»Aber was soll denn sein? Gar nichts.«
Nach dem Essen ward der berühmte Sänger und Opernkomponist Bullmann Ercole vorgestellt. Seine höchst gewählte, dabei jedoch einfache Kleidung war Ercole schon aufgefallen, jetzt, wo sie, sich gegenüber stehend, ein paar höfliche Redensarten austauschten und auch später, als einige Damen auf sie zutraten, bewunderte er die Sicherheit in jeder Bewegung des etwa dreißigjährigen Mannes sowie die Fähigkeit über die Dinge wegzuplaudern. Einen gewissen weichen, zutraulichen Tonfall, den seine Stimme manchmal anschlug, wenn er das Wort an Ercole richtete, wußte Ercole anfangs nicht zu deuten. Später jedoch, als man ihn zu singen nötigte und er flüchtig den Saal überschauend, ehe er begann, dem prüfend auf ihn gerichteten Blick Bullmann's begegnete, glaubte Ercole sich nicht mehr zu täuschen, dann, während die Begleitung eine Reihe von Takten allein zu spielen hatte, empfand er eine brennende, quälende Neugierde, sich Gewißheit zu verschaffen, sich vollständig zu überzeugen. Er hob langsam den Kopf, sein Blick fiel auf eine alte grauhaarige Dame in einem Sessel nahe am Klavier, glitt nach links über mehrere Frauengesichter tiefer in den Saalgrund und ruhte endlich während einer Sekunde auf dem Antlitz des berühmten Komponisten. Ohne daß Ercole es wollte, zuckten seine Lippen wie verstohlen hinübergrüßend und fast gleichzeitig sah er einen Widerschein seines unwillkürlichen Lächeln's aus Bullmann's Augen zurückleuchten. Ercole erschrak: wenn Büchner bemerkt hätte? Sonst konnte wohl Niemand aus der Gesellschaft verstehen. Er lugte vorsichtig zu ihm hin, aber nein, Büchner hielt das Haupt gesenkt, wie immer, wenn Ercole sang.
Man klatschte Beifall, die Hausfrau trat auf ihn zu um zu danken, alsbald drängte sich Bullmann durch die Gruppen Plaudernder. »Prächtig, ganz prächtig,« er drückte Ercole fest die Hand und rief scheinbar entrüstet, im Ton eines ernsthaften Vorwurfs: »Aber ich begreife gar nicht, warum Sie mir das nicht schon vorhin gesagt haben, daß Sie so gut singen.«
Rings im Kreise der Frauen belustigte diese liebenswürdig pfiffige Redewendung ungemein. Bullmann fuhr sogleich fort, etwas leiser, ohne die Damen zu beachten: »Was meinen Sie, signor Tomei zu einem Konzert zusammen in Genf? In den nächsten Tagen. Die Bedingungen sind nicht schlecht, ich würde Ihnen morgen darüber Nachricht geben. Dann brauch' ich nicht den ganzen Abend allein zu klimpern, wissen Sie, das lieb' ich gar nicht.«
Ercole fühlte sich befangen, dabei erschien ihm dieser plötzliche Vorschlag des berühmten Mannes äußerst komisch. Ohne recht zu überlegen, erwiderte er, daß er's wohl zufrieden sein könnte in einem seiner Konzerte mitzuwirken. Aber noch ehe er zu Ende gesprochen hatte, ward ihm klar, daß er ganz entschieden ablehnen müßte, ganz entschieden. »Das heißt, ich habe Verpflichtungen in Berlin, ich kann keineswegs sicher zusagen,« wollte er sich wieder herausziehen.
»Nun ja – eventuell – wir sprechen nächstens darüber – ich gebe fünfhundert Mark und les frais.«
»Das ist ja enorm viel,« dachte Ercole.
Bullmann wandte sich den Damen zu und tischte alsbald ein paar drollige kleine Geschichten auf. Ercole stand neben ihm und empfand deutlich genug, daß Alles das erzählt wurde, um ihn zu unterhalten, daß er ihm zu Liebe diese lustigen Schnörkel in seine Redeweise einschob, daß Bullmann mit diesem Durcheinander von Seltsamkeiten ihm gefallen wollte.
Die Gesellschaft löste sich alsbald auf. Als Ercole neben Elly in der Droschke durch die kalte Winternacht fuhr, machte er sich heftige Vorwürfe. Wie konnte man so wenig auf sich Acht geben. Wieder anzufangen. Was ihm nur einfiel – diesem wildfremden Menschen plötzlich Grimassen zu schneiden. Er würde ihm natürlich nachlaufen und sich ärgern. – Ich muß ihn durchaus loswerden. Morgen früh schlag' ich im Adreßbuch seine Wohnung auf und schreib' ihm ganz kurz, daß ich keinesfalls nach Genf reisen kann, daß es mir meiner Stunden wegen schlechterdings unmöglich wäre Berlin zu verlassen. Mit dürren Worten. Er soll schon begreifen.
Sie schwiegen. Der Wagen rollte behutsam auf der dunklen Straße. Er blickte sie an und wie um seine Gedanken abzubrechen, schüttelte er unmerklich den Kopf, umfaßte ihre feine Gestalt mit dem rechten Arm und preßte sie an sich. Sie lehnte ihren Körper gegen ihn, er sah eine freudige Bewegung ihr Antlitz überleuchten, dann entwandte sie sich ihm. »Man kann hineinschauen« und sie wies auf die Laternen zur Seite des Weg's.
Als sie beisammen im Halbdüster ihres Schlafgemach's weilten, nur eine Kerze brannte, sprach sie: »Fast eine ganze Woche hast du dich nicht um mich gekümmert, schäm' dich Ercole.« Doch das klang nicht wie ein Vorwurf, sie hatte schon vergeben, er hörte es am weichen Tonfall ihrer Stimme: »Aber jetzt,« erwiderte er lächelnd, umschlang sie leidenschaftlich und küßte sie inbrünstig, wie um sich zu betäuben, alles das Andre in der Welt über sie zu vergessen. –
Sein Diener weckte ihn anderen Morgen's früher als gewöhnlich, schon um halb zehn, schob die Gardine vor einem der Fensterflügel behutsam ein wenig zur Seite und überreichte ihm nun, als der schneehelle Tag aus dem Rahmen der Vorhänge ans Bett leuchtete, eine Karte.
»Jakob Bullmann,« las Ercole schlaftrunken.
»Der Herr wird warten bis der Herr Tomei fertig ist,« sprach Franz. Er ist in den Saal gegangen.
Ihn nicht empfangen, das geht nicht, überlegte Ercole, es wäre lächerlich, auch ist er viel zu berühmt dazu. Ich muß also sehen ihn so los zu werden. »Schön, ich komme in zehn Minuten,« sagte er.
Er fand seinen Gast aufrecht stehend im Saal, den Blick geradeaus auf die Thür gerichtet, durch die Ercole eintrat. Auch diesmal überraschte ihn die gewählte Tracht Bullmann's, sie gefiel ihm eben so wie dieses Antlitz, diese blauen Augen, diese freie Stirn unter dunkelblondem, reichem Haar. Mund und Kinn waren nichts weniger als hübsch, aber der Kopf blieb Ercole sympathisch trotzdem.
»Sie haben gut geschlafen, hoff' ich,« begann Bullmann.
»Danke schön – ja gewiß, aber setzen Sie sich doch –«
»Ich bin eilig, nur für einen Augenblick gekommen, des Konzerts wegen. Also was meinen Sie, sind Sie bereit? 500 Mark und keine Unkosten. 100 Mark verjuxen wir, 400 kommen nach Haus. Was?«
»Ja – es ist nur meiner Stunden wegen,« antwortete Ercole nicht ganz sicher, er wußte nicht, wie abzulehnen. – »Ich glaube es wird mir kaum möglich sein, ich fürchte eben –« Er schwieg.
»Für ein paar Tage läßt sich doch so etwas immer arrangieren. Zudem haben Sie, wie ich hörte, in Genf, überhaupt im Süden der Schweiz noch nicht konzertiert. Sie würden sich nicht übel einführen, es ist immer besser ohne Zweifel sich für eine fremde Stadt mit jemand zusammen zu thun, der das Terrain sondiert oder das Gelände aufgeklärt hat, in gutem preußisch gesagt. Diese Singerei ganz allein – ja nun, was meinen Sie?«
»Freilich, es lockt mich sehr mit Ihnen zusammen – Sie können sich das denken.« Er überlegte im Stillen. Jedenfalls, es würde für ihn einen Schritt vorwärts bedeuten, ihm viel Reklame machen. Sein Name neben dem des berühmten Komponisten, das konnte ihm in mancher Beziehung Vorteil bringen. Zum zweitenmal bot sich die Gelegenheit vielleicht nicht. Sie würden volles Haus haben, auch sehr angenehm.
Bullmann begann von Neuem: »Das mit den Stunden ließe sich bestimmt irgendwie arrangieren, wie gesagt, und sonst sehe ich wirklich nichts, was Sie abhalten könnte.« Und er blickte sein Gegenüber gerade und scharf an, als suche er nach der verborgenen Ursache dieser ihm unbegreiflichen Ausflüchte.
»Also warum nicht? Warum wollen Sie nicht, Herr Tomei?« wiederholte er sehr unbefangen und erstaunt. »Ich selbst werde Sie begleiten.«
»Das ehrt mich sehr, aber –«
Ercole wurde verlegen. Vielleicht hatte er sich gestern doch getäuscht.
»Also was meinen Sie, ich wage kaum weiter zu überreden.«
»Nun ja, wenn ich meine Stunden verschieben kann.«
»Also Sie kommen?«
»Gut ja – und ich danke Ihnen« entschloß sich Ercole.
» Il n'y a pas de quoi – sehr schön, ich gehe jetzt gleich, um zu depeschieren. Wir reisen dann morgen früh. Übrigens das Programm. Ich werde meines natürlich abkürzen.« Bullmann schwieg, er schien zu überlegen. »Ja das müssen wir nun in aller Muße zusammenstellen, ich bin sehr eilig eben,« er zog die Uhr, »Jesus Maria schon über zehn! Also vielleicht essen wir heute gemeinsam, componieren das Programm und telegraphieren es dann nach Tisch – Sie haben doch nichts vor?«
»Nichts Wichtiges – nein, also bei Hiller.«
Im Vorzimmer reichte Bullmann ihm die Hand und sprach nicht überlaut, in freundschaftlichem Ton: »Es ist doch eigentlich sehr viel netter, wenn man nicht so allein zu reisen braucht.«
»In der That – ja,« erwiderte Ercole. Es war zu wenig Licht im Gemach, er suchte vergeblich etwas aus Bullmann's Antlitz herauszulesen.
»Ich bin gestern doch nicht ohne Grund mißtrauisch gewesen,« dachte Ercole, als er die Thür geschlossen hatte, während er langsam in den Saal zurückkehrte. – »Nein, ich habe mich nicht getäuscht. Und das Programm konnte man ja in fünf Minuten hier machen, deshalb bei Hiller zu dinieren – das kennt man.«
»Aber du warst doch gestern fest entschlossen abzulehnen?« rief Elly überrascht und etwas traurig, als Ercole ihr mitteilte, er würde nun doch mit Bullmann nach Genf gehen. »Dann bleib ich wieder eine ganze Woche allein,« fügte sie niedergeschlagen hinzu.
»Er hat mich eben überredet, ich gewinne auch wirklich sehr viel, ich spreche nicht vom Gelde, ich meine, es wird mir viel Reklame machen. Und er hätte sich geärgert, wenn ich abgesagt hätte, und eine ganze Woche wird's auch nicht dauern.«
Als Ercole, wie verabredet, pünktlich um eins in die Weinstube trat, fand er Bullmann vor einem Ecktisch, die Karte durchblätternd. Er schritt auf ihn zu über den schweren Teppich, setzte sich und sie bestellten alsbald. Bullmann meinte, es wäre notwendig, das Programm sogleich nach Genf zu telegraphieren, die Leute dort würden sonst ungeduldig, und so gingen sie gemeinsam an die kurze Arbeit, während man den Fisch zerlegte. Sie einigten sich ziemlich schnell, Ercole billigte die Vorschläge des erfahrenen Künstlers fast in allen Stücken. »Nun, es ist gut so,« meinte Bullmann und fuhr dann langsam fort, als überdächte er die festgesetzte Reihenfolge noch einmal: »Ja, es ist gut, die einzelnen Glieder bilden schon ein Ganzes, wir werden uns gegenseitig nicht stören. Übrigens, da das Programm gut ist, soll's der Wein auch sein.« Und er griff nach der Karte.
Sie saßen bald in eifrigem Geplauder da, größtenteils bestritt Bullmann die Kosten der Unterhaltung, er schien aufgeräumt, aufgelegt zu erzählen und die Dinge nach seiner Gewohnheit und dem Zauberspiegel einer tollfrohen Lebensanschauung seltsam zugestutzt in die Welt zurückzuspiegeln. Diese Art von Sprechen war Ercole ganz neu, und sie gefiel ihm wie sie ihm gestern gefallen hatte. Übrigens entging es ihm nicht, daß es Bullmann gern sah, wie aufmerksam und lustig seinem Feuerwerk zugeguckt wurde.
Nach dem ersten Glase Champagner zog Ercole plötzlich seine Uhr. »Wissen Sie, ich hab' Stunden zu geben diesen Nachmittag.«
»Jesus Maria – ich auch,« rief Bullmann erschrocken. – »Wie Sie den Menschen aufstören in seiner Behaglichkeit, konnten Sie das nicht eine halbe Stunde später sagen. Jetzt ist nichts zu machen.«
»Ja, wir werden eben gehen müssen.«
»Aber das meinte ich doch nicht! Ich meine, jetzt ist nichts zu machen, wir sind gezwungen, uns der peinlichen Mühe zu unterziehen, den Leuten abzuschreiben. Wie Sie einen mißverstehen können.«
Ercole lachte. Es brauchte nicht vieler Künste ihn zu überreden, er fühlte sich wohl im behaglichen Fensterwinkel, bequem in den Sessel gelehnt hier am reichen Nachtisch. Geborgen vor aller Unruhe und Kälte draußen sah er die Menschen auf der Straße zu Fuß und im Wagen geschäftig vorübereilen.
Als sie dann später ins Freie traten, dämmerte es. Bald flammten die stillen, weißen Kugeln aus dem entlaubten Geäste der Linden und ließen Flocke und Flocke hell aufleuchten, wie sie an ihnen vorbei niedersanken. Es wehte abendkühl die Straße hinunter, kein Stern am Himmel. Sie schritten ein gutes Stück in den Tiergarten hinein, Bullmann schlug vor, gemeinsam eine Tasse Thee in seiner Wohnung zu trinken und rief eine Droschke an.
Sie rollten ziemlich schnell durch den verschneiten Parkwald der Brückenallee zu, wo Bullmann im zweiten Stockwerk eines sehr eleganten Neubaues seine Zimmer hatte. Als das Gefährt hielt, entschuldigte er sich, er wolle voran gehen, um aufzuschließen und Licht zu machen. Ercole stieg ihm langsam nach über das bunte Treppenzeug. Auf dem ersten Absatz blieb er zögernd stehen und spähte hinab in den geräumigen, hellen Flur. Das würde nicht mehr möglich sein. Also weglaufen – schnell!
Etwas wie Neugierde ließ ihn hinaufschauen zum aufgestoßenen Thürflügel. Bullmann war steinreich von Geburt, da oben gäbe es viel zu sehen und zu bewundern, namentlich eine Sammlung alter Meister, Ercole hatte oft davon reden hören.
Übrigens darauf kam es natürlich nicht an. Das Konzert, das war's; so wie so mußte er ja mit ihm nach Genf. Und er überschritt langsam die zweite Stiege.