Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Es war die Nadel mit dem Türkis.
Kein Mensch konnte die Nadel so ganz und gar vergessen haben wie ich! Aber andre dachten daran. Und heute ist Sonnabend – nichts andres zu machen, als in den Basar zu gehen! Der Grieche ist zur Stelle. Ich bestimme die Route. Denn schließlich – ein bißchen was hab' ich doch auch noch zu sagen. Zuerst gehen wir auf den Fischmarkt, bestimme ich, dann zum Pfeifenbasar, später nacheinander zur Gewürzgasse, den Hallen mit den alten Kleidern, den Tabaksläden, den Waffenwerkstätten, den Webereien, dem Juwelenbasar, der Seidengasse. Zum Schluß gehen wir dann noch einmal zum Pfeifenbasar zurück; denn sicher werde ich da eine Pfeife gesehen haben, die mir ansteht.
Die Route ist fertig. Los!
Aber schon gleich zu Anfang weicht der Grieche von meiner Route ab. Er streicht den Fischmarkt. Es sei kein Fischmarkt heute, sagt er.
Ob er mir vielleicht weismachen wolle, es sei nicht jeden Tag Fischmarkt?
In der Regel jeden Tag. In der Regel. Aber nun ist doch heute Samstag, und es gibt vielerlei, was es am Samstag nicht gibt. Die Juden halten heute Sabbat.
Aber die Fischer von Konstantinopel sind keine Juden, sondern Türken! wende ich ein.
Da antwortet der Grieche:
Sie können sich auf mein Wort verlassen – es gibt vieles, was es heute nicht gibt. Zum Beispiel die Läden mit alten Kleidern – die Besitzer sind lauter Juden, und die sind heute nicht da, denn heule ist Sabbat!
Was hatten die Läden mit alten Kleidern und der Fischmarkt miteinander zu schaffen? Unmöglich, mit dem Griechen zu reden! Aber jedenfalls hat er mir schon zwei gute Sehenswürdigkeiten entwunden. Die Tabaksläden umging er auch; er gab vor, dorthin könne er mich aus Rücksicht auf meine Begleiterin nicht führen. Und kurz und gut, es sei ihm eine Freude, uns zum Pfeifenbasar zu führen.
Die Sache ist ganz einfach die: alle Hotelführer haben Einnahmen durch die Opfer, die sie im Basar herumführen. Von jedem zustande gekommenen Handel kriegen sie Prozente. Und was für einen Handel hätten wir auf dem Fischmarkt abschließen können? Und auch wenn wir zu den Juden gingen und ein paar abgelegte Kleidungsstücke kauften – wie hoch würde sich das in Prozenten belaufen? Im Pfeifenbasar dagegen waren die Aussichten ganz andere!
Wir wandern also hier von Tisch zu Tisch und sehen uns Pfeifen an. Kein Mensch hat je herrlichere Wunder gesehen! In diesen Ländern ist der Tabak kein Luxusgenuß, sondern eine wahre Notwendigkeit, gleich unentbehrlich im Zelte des Nomaden und im Harem der Frauen wie im Palast des Sultans und im Rat der Hohen Pforte. Der Prophet verbot die »berauschenden Genüsse«; aber der Prophet kannte den Tabak nicht; darum war es der Wein, den er verbot. Spätere Koranausleger sollen versucht haben, auch den Tabak unter die »berauschenden Genüsse« einzuschmuggeln; aber es ging nicht. Nicht in der Türkei. Nur in Bukhara ging es. Für den Türken blieb der Tabak nächst dem Brot und dem Wasser des Lebens wichtigstes Gut.
Kein Wunder, daß vielerlei Arten Pfeifen von ihm erfunden wurden!
Da gibt es nun Pfeifen aus Rosenholz, dessen Geschmack der Rauch annehmen soll, ehe er fett und füllig in den Mund kommt. Aber das sind nicht die vornehmsten. Da sind Pfeifen mit Tonkopf und steifem Rohr – man glaubt vielleicht, das seien die einfachsten? O ihr unaufgeklärten Raucher, ihr Kinder und Pfuscher – das sind nicht die einfachsten! Seht nur den Tonkopf: der ist aus einer ganz bestimmten Sorte Lehm und stammt aus der Werkstatt Hassans in Findeklis; und besagter Hassan ist ein Zauberer in Tonköpfen. Und seht das Rohr an: ist es nicht aus dem Jasminholz von Druffa mit der samtartigen Rinde? In dieser Pfeife raucht man Tabak von Jenidsche wardar, und auf türkisch heißt der Ala Göbek. Nichts, gar nichts wißt ihr Abendländer! Dieser selbe Tabak muß monatelang in eben der Luft getrocknet werden, in der er gesproßt und gewachsen ist, und nachdem er monatelang in dieser Luft getrocknet ist, muß er jahrelang lagern, bevor er gebraucht wird. Und stopft man sich dann etwa einfach so eine Pfeife und raucht sie? O ihr Anfänger in der Kunst, ihr niedrigen und ganz unaufgeklärten Barbaren! Das raucht man nicht bloß so weg und immer einfach drauflos! Wenn die Pfeife gestopft ist, muß sie zwei Tage lang eingeschlossen liegen, bevor sie angezündet wird; der Ton muß nämlich erst etwas mit dem Tabak anstellen, bevor der richtig schmeckt. Man könnte ja sagen, Tabak sei Tabak und sei einfach ein Kraut, das aus dem Boden wachse. Aber stammt nicht auch der Ton aus der Erde? Und so soll sich denn der Ton mit dem Tabak verbinden an einem verschlossenen Ort und etwas damit anstellen!
So eine Art Pfeife ist das! Und bei der rechten Sorte von Türken hat die auch einen ganz besondern Diener, der sie wartet.
Wollt ihr etwa immer noch die Nase rümpfen über den Ton? Da ist z. B. der Kirgise. Mitten auf der Steppe raucht er ohne Pfeife. Man kann davon lesen in alten tatarischen, arabisch geschriebenen Büchern, o ihr zwiefältig Unwissenden, die ihr keine alten tatarischen Bücher lest, um viel Wissen zu erwerben! Der Kirgise gräbt ein kleines Loch in die Lehmsteppe, dahinein legt er seinen starken Tabak, der Rafanek heißt. Dann steckt er einen hohlen Strohhalm schräg auf den Grund des Loches, und die Pfeife ist fertig! Er schlägt Feuer und legt sich neben den Strohhalm auf den Bauch und raucht ,…
Aber was sind das alles im Grunde für Pfeifen? Auch die beste braucht nur einen Diener und läßt sich sofort überblicken. Aber es gibt auch Pfeifen zu drei Dienern, und das sind die Art Pfeifen, die der Türke Nargileh nennt. Um ein Nargileh zu bedienen, sind zwei Personen nötig: denn einer bewältigt nichts weiter als den Kopf, und der andre nichts weiter als das Rohr. Der wichtigste der drei Nargilehdiener hat auf allen Reisen seines Herrn ein eignes Pferd zu seiner Verfügung.
Solch eine Pfeife stand mir an, und ich fragte nach dem Preise. Die Pfeife war wirklich ganz besonders beschaffen. Sie bestand aus einem Wasserbehälter aus Glas, ferner aus einem aufrechtstehenden Mittelglied, einer schwarzen Säule von einem Fuß Höhe, besetzt mit runden Gipskugeln, die Perlen glichen; ferner aus dem Pfeifenkopf, der emailliert und mit blauen, roten und weißen Glasstückchen in Arabesken übersät war; das Rohr endlich war eine lange Schlange mit blanken Ringen um den Leib. Was wollte er für diese niedliche Pfeife haben?
Zwanzigtausend Dukaten, antwortete der Mann.
Da lachten wir beide, die wir abwechslungsweise den Kopf und das Rohr besehen hatten.
Aber der Grieche, der die Prozente bedachte, begann die Sache zu erklären. Er sprach in vollstem Ernst. Eine Weile spaßten wir mit ihm und pufften ihn in die Seite, er solle nur weiter so aufschneiden. Lüg du nur zu, Grieche! sagten wir und lachten aus vollem Halse. Schließlich wurde der Kaufmann ärgerlich und hielt uns die Pfeife mitsamt der Schlange dicht unter die Nase: Ob wir denn nichts, gar nichts verstünden? Ob das ein Nargileh wäre, über das man lachen könne? Es zeigte sich, daß es ein ganz apartes Nargileh war.
Der Wasserbehälter war von Kristall und stark vergoldet. Die schwarze Säule war aus Ebenholz und fabelhaft mit Kostbarkeiten eingelegt; was wir für Gipskugeln gehalten hatten, waren echte Perlen. Und die Glasstücke am Kopfe – waren das vielleicht ehrliche und rechtschaffne Glasstücke? Edelsteine waren es, jawohl, Saphire, Rubine und Brillanten! Es war also nicht bloß Wichtigtuerei von dem Manne, daß er die ganze Pfeife aus einem Kasten mit Watte nahm. Die Schlange war mit Golddraht umwunden und reich mit Ringen besetzt, die wiederum mit kleinen Steinen eingelegt waren. Es war eine Pfeife, die man als mächtigen Schmuck hätte auf der Brust tragen müssen.
Aber zwanzigtausend Dukaten! Allerdings verlangen ja diese Händler immer dreimal so viel, als die Ware wert ist; und als ich das bedachte, hörte sich die Sache gar nicht mehr so schwindelerregend an. So etwas kauft sich die Sultanin oder ein steinreicher Pascha, sagt der Grieche und hilft dem Kaufmann, die Schlange zusammenzuraffen und sie in ihren Kasten zu legen.
Warten Sie ein bißchen! sage ich und halte sie davon ab, den Kasten zu schließen.
Warum sollen sie denn warten? fragt mein Reisekamerad verwundert.
Es hat ja wohl keine solche Eile! antworte ich. Es ist wirklich eine schöne Pfeife!
Ja, aber zwanzigtausend Dukaten!
Na, es wird ja doch nur ein Drittel kosten! erwidere ich. Und überhaupt – die Pfeife gefällt mir. Legen Sie sie vorsichtig hinein! befahl ich. Und lassen Sie sie einstweilen. Ich bin keiner von denen, die vor einer Ausgabe zurückscheuen, wenn es wirklich gilt ,…
Wenn ich gemeint hatte, der Basar sei kein Märchen, so habe ich mich geirrt! denke ich, während wir uns von dem Pfeifenhändler entfernen.
*
Jetzt überspringt der Grieche alle andern Läden auf unserm Wege und geht direkt zu der Nadel mit dem Türkis. Ach, was ist diese Nadel im Vergleich mit der Pfeife! Keine Perlen und Edelsteine darauf, bloß ein armseliger Türkis mit einem arabischen Zeichen! Ich rümpfe ein bißchen die Nase über die Nadel.
Dieser Ausdruck meiner Geringschätzung wird durchaus nicht verstanden. Ich versuche einen andern Ausdruck: ich pfeife. Derselbe Mangel an Verständnis! Die Gier nach der grünen Nadel ist nicht zu verkennen; ich höre zu meinem Schreck, daß man nach dem Preis fragt und feilscht. Da mag ich die böse Lust nicht länger durch meine Gegenwart unterstützen; ich verziehe mich sacht.
Auf eigene Faust ging ich nun in Stambul herum.
Da sah ich wirklich Läden und wundersame Werkstätten, wie ich sie sonst nirgends zu sehen bekommen hätte. Ich wanderte durch von Kuppeln überdeckte Gewölbe, schritt durch Gänge mit Arabesken auf den Mauern und prunkvollen Säulen aus schwarzem und weißem Stein. Moscheen gab es da und Springbrunnen, geheimnisvolle Hinterhöfe mit Menschen von allen Arten darin. Eine ungeheure Menschenmenge schwirrt an mir vorüber: Lastträger mit großen Bürden rufen: Obacht! Züge von verschleierten Weibern machen, von Eunuchen begleitet, ihre Runde in den Basars, Kaufleute bieten alle Arten von Waren feil, Beduinen aus der Wüste kommen und gehen, die Büchse auf der Schulter, das Messer im Gürtel, Derwische stöhnen wild und händeringend zum Himmel empor, Bettler umringen einen, werfen sich einem vor die Füße und wollen keine noch so schonende Abweisung verstehen, sondern halten einem ihre Almosenschale dicht vor die Brust; Esel und Hunde vollführen einen fürchterlichen Lärm; schwere Kamele kommen schwankend durch das Gewimmel, beladen mit duftenden Waren aus Indien und Ägypten.
Eine arabische Nacht! denke ich und vergrabe mich ganz in die Herrlichkeit.
Bei einem Waffenladen steht ein armenischer Kaufmann und schreit mir entgegen, hoch über seinem Kopf eine Stahlklinge schwingend. Er nimmt die Klinge zwischen die Hände, biegt sie zu einem Dogen und läßt sie wieder springen; es macht ssss in der Luft. Er schlägt mit der Klinge gegen die Wand – es gibt einen silbernen Klang. Er wirft ein kleines Bündel Stahldraht in die Höhe, haut zu und schneidet den Draht mitten durch. Dann zeigt er mir lachend die Schneide der Klinge: sie ist ohne Scharte.
Vor ihren Läden sitzen türkische Kaufleute. Sie haben gewaltige Turbane auf und sitzen mit gekreuzten Deinen, ohne ihre Stimme zu erheben. Wenn ich bei ihnen etwas kaufen will – sie haben Salben und Essenzen und Rosenöl und duftende Pillen in vergoldeten Flakons zu verkaufen. Und alle Sorten Wasser haben sie, für Odalisken und für Effendis, wenn die duften wollen, und Pulver, die den Augen Glanz verleihen, und Tropfen in den Kaffee, die eitel Freude bewirken. Aber mag das sein, wie es will – ich will hier nichts kaufen. Will ich aber nichts kaufen, dann ist es ihnen auch recht. Würdevoll und unbeweglich sind diese Kaufleute, ihre Nasen sind gewaltig. Sie sitzen und lassen sich Träume und Märchen und die Erlebnisse vieler Tage durchs Gehirn ziehen. Mag der Armenier heulen und der Jude flüstern und schmeicheln und sich krümmen vor dem fremden Ungläubigen – keiner von ihnen hat den Frieden des Türken, und keiner von ihnen wird in den ewigen Gärten des Propheten wandeln.
Jener Mann da mit dem weißen Turban ist ein Araber. Er besteht nur aus Sehnen und Knochen, und seine Haut ist braun wie Leder. Er ist stolzer als der Armenier, der Jude und der Türke zusammengenommen; er sieht auf diese Völkerschaften herab als auf Dumme und Ungebildete. Er allein ist der Landsmann des Propheten und spricht die heilige Sprache! Und die Seidenwaren und die andern Kostbarkeiten, die er verkauft, hat er selbst einmal auf Kamelen hierher nach Stambul gebracht; wenn er sie um teures Geld verkauft hat, schickt er nach seinem fernen Land um mehr; und wenn er zum zweitenmal seinen Laden ausverkauft hat, macht er die weite, frohe Reise nach Arabien zurück und kehrt nie wieder.
Ich komme zu den Buden mit den alten Kleidern. Was war es doch, was der Grieche mir weismachen wollte? Daß die Juden hier im Basar Sabbat hielten? Die Buden waren offen. Und was hatte er sonst noch geschwätzt? Daß Juden diese Läden hielten? Es waren gar keine Juden! Hier herrschte die arabische Nase! Die Juden halten sich an Galata, an ihr eigenes, intimes Ghetto, wo sie einander nach Herzenslust prellen. Es wimmelt auch in Konstantinopel von ihnen; aber sie sind Zwischenhändler für die seßhaften Kaufleute, sind Dolmetscher, Hausierer, Makler, Fremdenführer. Einige sind auch Schuhmacher, sie tragen ihre Werkstatt auf dem Rücken und setzen sich mitten auf der Straße hin, um einen Schuh zu flicken.
Im Kleiderbasar sind nicht bloß abgelegte Kleider zu haben, sondern auch andre alte Sachen, die zur Tracht gehören mögen – von uralten Krummsäbeln bis zu Kinkerlitzchen und gestickten Taschen. Lumpen in allen Farben gab es da, Farben in allen Schattierungen, Kleidungsstücke aus grauem Beduinenfries, aus Samt und Seide und kostbaren Fellen. Alle Rangklassen treffen sich hier: Brokatröcke vom Hofe, seidne Hosen aus dem Harem und Derwischmäntel und Judenkutten. Das Auge kann sich müde schauen an all den angehäuften Massen und den aufgehängten Reihen von Stoffen, Stoffen in jedem nur möglichen Zustande der Zerlumptheit, der schäbigen Abgetragenheit und an Stoffen, die so gut wie neu sind; bis zu den zerrissenen Schleiern haben die Harems alles hergeschickt! Aber auch herrlich gestickte Seidengürtel, mystische Gürtelschlösser und gestickte Pantoffel und Jacken aus vergoldeten Federn gibt es da. Ein paar alte Pantoffel liegen in einem Kasten. Sie sehen nach nichts Besonderem aus, aber sie sind über dem Spann mit Smaragden besetzt. An einem Uniformrock hängt ein Orden.
Ich werde ganz müde von dieser verwirrenden Mannigfaltigkeit abgedankter Pracht und versuche, zu meiner Begleiterin zurückzufinden. Obgleich ich mir jede Biegung gemerkt habe, verirre ich mich und suche ziemlich lange herum, bis ich zu der Nadel mit dem Türkis zurückkomme.
Da stand meine Gefährtin und hielt getreulich aus vor allen den zauberischen Steinen. Es war nicht mehr bloß die Nadel, um die es sich handelte, sondern es kam noch ein Armband von recht ansehnlichem Wert in Betracht. Aber diesmal war ich schlau und machte Gebrauch von meiner großen Pfiffigkeit: Siehst du denn nicht, daß das der Knöchelreif einer Odaliske ist? sagte ich. Du wirst doch so etwas nicht ums Handgelenk haben wollen! Und das Armband ward sehr eilig zurückgeschoben. Was die Nadel betrifft, so ist sie ja in ihrer Art recht niedlich, sagte ich weiter, äußerst schlau. Wir wollen's uns überlegen, sie läuft uns ja nicht davon. Aber sieh bloß einmal mich an – ich bin völlig von Kräften vor lauter Herumstehen und -gehen! Wir wollen doch irgendwohin, wo wir sitzen können!
Das sagte ich und erweckte Mitleid damit.
Und der Führer brachte uns zum Seidenbasar.
*
Das war nun freilich der allerschlimmste Ort, an den wir kommen konnten. Es war ein großes Lokal. Wir wanderten treppauf, treppab, bevor wir hinkamen. Der komplizierte Weg brachte mich ordentlich in Verwirrung; aber ich glaube, wir landeten irgendwo im ersten Stock. Viele Ladentische waren da, und an allen den Ladentischen saßen oder standen Gruppen verschleierter Frauen mit ihrer Eunuchenwache; sie schwatzten und lachten und besahen sich die Waren. Ein Mann kam demütig und verbindlich murmelnd auf uns zu; er ist gebildet, er stellt sich vor: Abdullah! In Europa gewesen. In Amerika auf der Weltausstellung. Spricht alle Sprachen.
Das war der Jude.
Wenn Sie uns nicht augenblicklich einen Türken zur Stelle schaffen, ist's aus mit Ihnen, denke ich. Ich habe soeben eine Klinge gesehen, die wie für Sie gemacht ist, für Ihren Hals, Ihr Herz! Basta! Wir möchten einen Türken sprechen! sage ich laut und tue überhaupt gewichtig. Der Jude tritt zurück und verschafft uns einen Türken. Der Türke ist nach unserm Sinn, er kann überhaupt nicht mit uns reden, er ist der Sohn des Kaufmanns und zeigt keinerlei Kriecherei.
Ruhig öffnet er Laden und Kasten und holt die Herrlichkeiten hervor. O du alter Orient! Deine Basare sind trotz alledem ein Märchen! Ich falle auf einen Diwan nieder und schaue mir die Augen blind. Mehr und mehr legt der Türke auf den Ladentisch. Erfahrung hat ihn gelehrt, uns nicht mit einemmal zu überwältigen, was uns verrückt machen könnte, sondern nur so ganz nach und nach an unserm Verstand zu rütteln, so daß wir ganz sachte zu Narren werden. Alle Arten von gestickten Dingen gibt es hier, Perlenstickereien, gold- und silberdurchwirkte Seidenstoffe, Brokate, kostbare Wunder in allen Farben aus dem ganzen Orient. Da sind Seidenstoffe aus Indien, dergleichen wir noch nie gesehen haben. Stoffe, so dünn wie Spinngewebe und so dick wie Filz, Schärpen aus Bengalen, Federmäntel, Gürtel mit Diamanten, silbergestreifte Schleier, Kissen mit Goldblumen, Tischdecken, Schals, purpurne Samtmäntel, übersät mit silbernen Halbmonden. Manche der Seidenstoffe wollen nicht von den Fingern los, andre sind so glatt, daß man sie kaum erfassen kann. Ein paar lichtrote seidene Frauenhemden sind überhaupt kaum von dieser Welt; es sind Hemden für Erwachsene, aber man kann sie so zusammenfalten, daß sie in meiner hohlen Hand Platz haben! Man wird ganz hilflos und fragt bloß fortwährend:
Wozu ist das?
Das ist ein Wandschmuck, zum Aufhängen!
Und das?
Das ist zum Draufliegen – es ist ein Matratzenstoff!
Aber das? Was ist das? Es ist viele, viele Meter lang, Myriaden winziger Perlen bedecken es ganz, und es hat vergoldete Kanten.
Das ist ein Kleiderstoff, antwortet der Türke.
So, sage ich. Jetzt klappe ich vollständig zusammen und frage gar nichts mehr.
Aber wenn auch ich gerade nichts mehr zu sagen weiß, so ist es darum doch keineswegs still an unserm Ladentisch. Im Gegenteil. Meine Begleiterin kommt mehr und mehr in ihr Fahrwasser; es wird gefragt und geantwortet, Draperien werden vor Türöffnungen gehängt, zum Probieren, Stoffe werden in verführerischem Faltenwurf emporgehalten, an meinem eignen Halse wird eine Spitze probiert, weil ich zahm und stumpf dasitze und mich nicht wehren kann.
Dann kommen zwei Diener mit Mokka und Zigaretten. Ich lasse mich nicht lange bitten, mich an beidem zu erquicken, damit ich wieder meine leitende Stellung einnehmen kann. Aber es ist schon zu spät: ein ganz artiger Stapel gekaufter Gegenstände liegt auf dem Ladentisch. Und fortwährend öffnet der Türke neue Fächer und Kasten – der Spitzbube – er ist auf Seiten der Gegenpartei.
Ich gehe jetzt! sage ich und stehe auf.
So wart' doch noch ein bißchen! Es sind nur noch ein paar Fächer. Du vergißt die Nadel, sage ich, denn die Nadel war viel billiger. Heute bin ich gar nicht so sicher, daß nicht einer kommt und sie kauft.
Die Nadel will ich lieber lassen, wird mir zur Antwort.
Jedenfalls ist es eine recht seltne Türkisnadel, sage ich, wundersam lockend. Aber man hört nicht mehr auf mich. Und mannigfache neue Kasten und Fächer mit neuen Herrlichkeiten kommen zutage. Es wird eine Ewigkeit dauern, bis sie durchgesehen sind. Jetzt geh ich ganz einfach fort, zu ein paar von den schönsten Haremsdamen, und schwatze ein wenig mit denen! sage ich.
Ja, tu das! Dann störst du uns nicht ,… Jetzt das Fach dort! Was ist das? Zu einem Mantel? Halten Sie es hoch! Noch höher! Ja, so! Was kostet das?
Da ging ich zu den Haremsdamen.
Wenn schon ein Schleier vor einem Gesicht sein muß, so kann ich mich über diese Schleier wenigstens nicht beklagen, denke ich. Sie sind fast wie Luft, so dünn sind sie.
Aber das Betrübende dabei ist diese Schüchternheit der Türkinnen! Nicht die Frauen sahen mich an, sondern die Eunuchen. Es ist eine Unsitte in einem Lande, diese Eunuchen! Sie sind mannsbissig! Sie laufen mit wüsten Peitschen herum. Und weil man die Sprache nicht kann, so hat man keine Möglichkeit, ihnen gut zuzureden und sie einstweilen mit irgendeinem Auftrag wegzuschicken. Da stehen sie nun und machen alle Hoffnung zuschanden! Ich näherte mich einer Schönen und sah sie an. Sie war blutjung und voller Fröhlichkeit, wirklich eine seltene Frau. Plötzlich höre ich einen Mißton, ein Röcheln, und ein großer Eunuch beugt sich nach mir vor. Er blickt mich steinern an und beginnt mit den Kinnladen zu kauen. Da ist man am besten vorsichtig! denke ich und verziehe mich. Ich gehe zu einer andern. Allem Anschein nach war sie ganz unvergleichlich; es würde mir Spaß bereiten, ein kurzes, geistvolles Gespräch mit ihr zu führen! Sie hatte beides, einen Eunuchen und auch Sklavinnen, um sich; also eine vornehme Dame! denke ich! ich muß es bei ihr mit den paar französischen Brocken versuchen, die ich kann.
Ein Gebrüll antwortete mir, und der Eunuch schlug mit der Peitsche aus aller Kraft auf den Ladentisch. Er rollte die Augen wie ein Wahnsinniger. Und die Schöne, was tat die? Sprang sie auf, um mich mit ihrem eignen Leibe zu decken und zu schreien: Nimmst du sein Blut, so nimm erst das meine? Ganz und gar nicht! Keinen Finger rührte sie! Sie zuckte ein bißchen zusammen, als die Peitsche niederfiel, fuhr aber fort, die Waren zu besehen und zu plaudern. Da verließ ich sie. Wenn ich nichts für sie bedeutete, so hatte ich da auch nichts mehr zu schaffen!
Ich rettete mich zu meinem Diwan zurück, trank mehrere Mokkas und blickte nach meiner Walstatt hin: ein mißglückter Sturm, keine Kapitulation! Die Türkinnen taugen nicht zu so was. Stundenlang sitzen sie da und besehen sich Tand und Flitter und Waren und bilden sich nicht durch geistvolle Gespräche. Darum werden sie auch ganz minderwertige Menschen, – sie lachen über Bagatellen, sie schmücken ihre Kinder mit Blumen. Betrübt streckte ich den Finger nach den beiden Schönen aus, mit denen ich eben ein bißchen was zu schaffen gehabt hatte, und sagte: Ich hätte euch mit nach Europa nehmen und euch im Klavierspiel und im Stimmrecht und im Romanschreiben ausbilden können! Ihr zieht es vor, eure Tage im Basar zu vergeuden, statt eine Anstellung auf einem Kontor zu haben oder eine Schule zu leiten; seht ihr den Unterschied? Liegt ihr nicht müßig und töricht auf euren Diwans und laßt euch Zigeuner von der Straße kommen und euch etwas vortanzen? Liegt darin etwa Kerngesundheit? O, ihr braunen Hanim und Odalisken, ihr werdet noch die Türkei zugrunde richten! Ihr treibt das Leben im Basar und auf dem Diwan so weit, daß ihr eines schönen Tages gar keine Mütter mehr sein könnt! Ihr werdet nicht mehr dazu taugen. Wie könnt ihr dazu taugen, wenn ihr nicht auf eure Menschenwürde pocht und mit Aschenbeuteln in der Tasche herumlauft, um sie frechen Effendis ins Gesicht zu werfen! Wie könnt ihr dazu taugen, wenn ihr nicht allerhand Kleinejungen-Sport treibt und auf Schneeschuhen in euerm ganzen Vaterland herumkraxelt! Hanim und Odalisken, ihr werdet die Türkei zugrunde richten ,…
Meine Begleiterin hat endlich ihr Geschäft abgeschlossen; drei Pakete liegen auf dem Ladentisch. Ich ziehe die Börse – diese meine kleine, gesegnete Börse, die schwer ist von edlem Metall, und fange an, zahllose Goldstücke aufzuzählen. Der Grieche zählt mit. Noch fünf solche, sagt er, dann bekommen Sie etwas heraus. Ich lege noch fünf dazu und nenne ihn einen Blutsauger. Wir kommen wieder auf die Straße. Jetzt heißt's, direkten Kurs und unaufhaltsam ins Hotel heimsteuern, denke ich. Aber der Grieche macht Anspielungen auf einen Wagen.
Wozu denn?
Ihretwegen; es ist ein weiter Weg.
Ich sah ihn an, er trug wirklich schwer an den Paketen; aber er ist unser Diener. Meinetwegen denn einen Wagen! sagte ich widerwillig.
Und wir fahren fort.
Aber als wir an der Brücke sind, schnalzt meine Reisegefährtin plötzlich den Pferden zu und will den Kutscher umkehren lassen.
Was ist los? frage ich.
Die Nadel! ruft sie. Die Nadel mit dem Türkis!
Da lächelte ich sehr bitter und schüttelte bloß den Kopf, auf eine ganz eigne Art, die so gut war wie ein Verdammungsurteil!