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Es ist noch dunkel, so früh ist es; aber die Hunde auf der Straße haben uns geweckt, und wir können nicht mehr schlafen. Wir lehnen uns in die offnen Fenster und sehen hinaus und warten. In der Stadt hat bereits ein geschäftiges Leben begonnen, die Lazzaroni, die auf den Bänken längs dem Park gelegen haben, rühren sich, frösteln, richten sich auf; die Wasserträger und Obstverkäufer sind in Tätigkeit, die Kaffeehäuser öffnen ihre Türen. Kurz darauf, als es heller wird, sehen wir Haine von Palmen und Zypressen; ein weißer Schimmer über dem Hügel von Pera wird plötzlich ganz blank – und mit einemmal ist Sonne über den Minaretts der Stadt, Sonne über dem Goldnen Horn!
Es durchglüht das Innere mit einer roten Freude! Hat alles in einem die lange Nacht durch gedämmert und geschlafen – jetzt wird es wach! Unmöglich, länger drin zu bleiben! Das Hotel ist so groß und fein und europäisch; wir wissen, wir können zur Tür gehen und elektrisch nach einem Diener im Frack klingeln, aber wir unterlassen es, wir nehmen lieber unsre Stiefel ungeputzt wieder herein und ziehen sie an. Ins Frühstückszimmer können wir in dem Zustande nicht, ach nein – da rauschen so viele Yankeepaare in Seide und Goldbehang hinein, und Engländer mit Lackschuhen gehen umher; wir müssen uns draußen ein bißchen Nahrung suchen. Es wird wohl irgendwo eine Bude oder einen Stand oder Tisch auf dem Markt geben, wo andre Leute etwas zu essen finden.
Die Straßen füllen sich rasch; nach einem Spaziergang den Park entlang scheint die ganze Stadt auf die Beine gekommen zu sein. Hunde, Hunde überall, in allen Straßen wimmeln sie herum, gelbe Köter, Mißgeburten von Hunden; sie sind so hungrig, daß sie schreien, daß sie sich erbrechen, und bissig sind sie gegeneinander wie Wölfe. Und mitten durch diesen Lärm wandern Pferd, Esel, Kamel und alle Völkerstämme der Levante.
Wir treten in eine Bude mit drei Wänden; die vierte Wand, die nach der Straße zu stehen müßte, ist fort. Ringsumher sitzen da auf rotgepolsterten Bänken Männer mit Turban und Männer mit Tarbuch; sie haben die Beine unter sich auf die Polster gezogen und trinken Kaffee und rauchen. Es sieht gemütlich aus hier; das viele blanke Kupfergeschirr auf dem Herd scheint viel Gutes zu enthalten. Auch die Diener paffen im Hin- und Hergehen ab und zu eine Zigarette. Da meine Begleitung eine Dame ist, wird uns ein Platz in der besten freien Ecke angewiesen.
Es ist ein Kaffeehaus, in das wir geraten sind, und wir verlangen Kaffee. Niemand zeigt Erstaunen über unser Kommen, obgleich es vielleicht das erstemal ist, daß eine Frau diese Stätte betritt. Es ist, als hätten die Gäste sich alle das Wort darauf gegeben, uns nicht anzustarren. Der Orientale hält es für unter seiner Würde, Neugierde zu zeigen; wir haben in vielen Läden im Osten gesessen, sind mit Kaffee und Zigaretten bewirtet worden, und erst, wenn der Handel abgeschlossen war und wir uns zum Aufbruch anschickten, konnte es geschehen, daß der Besitzer fragte: Woher kommt ihr? Und wohin geht ihr? So wenig gingen wir ihn an.
Der Kaffee wird uns in kleinkleinwinzigen Tassen serviert; er ist stark wie Teer. Wir machen es wie die andern; jedesmal, wenn wir trinken, schütteln wir die Tasse ein bißchen, damit der Satz mitgeht. Auch darin machen wir es wie die andern, daß wir uns ein wenig zurücklegen und die Augen an der Decke ruhen lassen; denn das ist Mokka, was wir da trinken, Göttertrank! Wir müssen einander zunicken, daß wir noch nie solchen Kaffee geschmeckt haben. Aber er ist uns zu süß. Ob wir ihn nicht ohne Zucker kriegen können? Wir machen dem Diener Zeichen, aber er versteht uns nicht. Sans sucre! sagen wir. Da spricht ein Türke an der andern Wand ein paar leise Worte zu dem Diener; es zeigt sich, daß er uns verstanden hat. Der Diener bringt Kaffee ohne Zucker. Ich stehe auf und verbeuge mich vor dem Türken und danke ihm; auch er verbeugt sich, aber ohne aufzustehen, nimmt auch später nicht weiter Notiz von uns. Im Grunde ist dies ein vornehmer Standpunkt; wollte auch er aufstehen und sich verbeugen, so würde es ausarten. Und was gehen wir Touristen ihn an? Wir Abendländer, wir Barbaren, was gehen wir ihn an?
Der Diener blickt mich fragend an mit einem Nargileh in den Händen. Ja, nicke ich und nehme es. Der Diener macht alles bereit, zündet es mit einer glühenden Kohle an und reicht mir das Rohr. Das Mundstück an diesen Pfeifen ist zu dick, als daß man es zwischen die Zähne nehmen könnte; man setzt es nur an die Lippen. Und ich rauche. Aber ich habe schon früher, in London und Paris, auf türkische Weise geraucht, so daß es nichts ganz Neues für mich ist. Ich lasse die Pfeife, aus der ich mir nicht besonders viel mache, und stecke mir eine Zigarre an.
Eine Musikbande kommt mit Saiteninstrumenten und einer Trommel herein. Die Musikanten treten mit der Zigarette im Munde ein, lagern sich auf dem Fußboden und beginnen rauchend zu spielen. Die Musik ist uns ebenso unverständlich wie alle die Musik, die wir auf unsrer Reise jetzt gehört haben; sie ist unglaublich, sie verwirrt uns und wirft alles, was unsre Ohren früher gehört haben, über den Haufen. Plötzlich fängt einer aus der Bande an, Grimassen zu schneiden und zu tanzen. Dieser alte würdige Türke im Turban ist grotesk in seinen närrischen Sprüngen, und ein heiteres Grinsen geht durch die Bude. Der Tambour will unter diesen Umständen seinen Beitrag verdoppeln – er springt auf und fängt an, auf einem Fleck herumzuhopsen, während er zugleich aus Leibeskräften trommelt. Dann hört die Musik mit einem Schlage auf, und der alte Tänzer steht mitten in einer verrenkten Stellung still.
Jetzt geht die Blechschale herum. Wir kennen den Preis für eine Musik wie die, deren – wenn ich so sagen darf – Augenzeugen wir eben gewesen sind, nicht; aber auch wir legen ein bißchen Geld in die Schale. Ob nun wir es waren oder sonst jemand – irgendwer muß ausfallend gut bezahlt haben; jetzt ist es die Bande, die vor Zufriedenheit grinst, und der alte Tänzer will noch mehr leisten für das Geld; er beginnt aufs neue zu tanzen. Er kommt uns so nah, daß wir aufstehen und uns ganz in die Ecke drücken müssen, damit er seine Kunst voll entfalten kann! Noch nie haben wir einen alten Mann gesehen, der sich so wenig geschont hätte!
Dann zünden sich die Musikanten frische Zigaretten an und gehen. Sie grüßen niemand, danken nicht; sie haben musiziert und sind bezahlt worden – das Geschäft ist zu Ende.
*
Aber jetzt beginnt der Kaffee zu wirken. Ich werde behaglich matt davon, ich zittre ein wenig und meine Hand bebt. Wir müssen essen! Aber hier gibt's nichts zu essen. Poulet! sagen wir. Der Türke von vorhin übersetzt wieder; aber der Diener lächelt und schüttelt den Kopf, zum Zeichen, daß er nichts zu essen hat.
Aber wir möchten hier bleiben, hier ist gut sein; und weil wir außerdem matt sind vom Kaffee, rühren wir uns nur ungern vom Diwan. Bestich ihn ein bißchen! sagt meine Reisegefährtin. Und ich bestach ihn. Er tut, als wäre kein Geldstück in seine Hand gefallen; aber wir sehen, daß er über etwas nachgrübelt. Plötzlich faßt er einen Entschluß, geht auf die Straße und kommt nicht wieder. Da holt er jetzt das Huhn! denken wir. Unterdessen werden wir nicht vernachlässigt, ein andrer Diener gießt frischen Kaffee in unsre Tassen. Und wir lehnen uns zurück und sind Türken und blicken nach der Decke. Und unsre Köpfe beginnen zu denken. Wie ist das im Grunde wohlgetan von diesem Volk, das so nah bei Europa lebt, daß es sich so gut vor allem Gehetze wahrt! denken wir. Da liegen nun zwanzig Männer auf dem Diwan herum und genießen ihre Morgenstunde, anstatt in eine Fabrik oder auf ein Kontor zu hasten und sich dort den ganzen Tag zu schinden. Wovon leben diese Leute? Sie wechseln, einige gehen, andre kommen, alle scheinen sie Zeit zu haben, den Morgen zu genießen. Es sieht aus, als wären es Menschen verschiednen Standes, vom ärmlich gekleideten Arbeiter, der auf dem Markt nach einer zufälligen Beschäftigung herumschnüffelt, bis zum feinen Effendi mit dem Rubin am kleinen Finger. Einer von ihnen ist jedenfalls ein reiner Stutzer: sein Haar ist parfümiert, der Schnurrbart gewichst, seine Entari ist aus dunkelblauem Tuch, und an den Füßen hat er Lackschuhe. Aber näher bei uns, auf unserm Diwan, sitzt ein Handwerker; wir sahen ihn später wieder hinter seiner kleinen Bank auf der Straße; er war Hutmacher und plättete den Leuten ihre alten Tarbuche auf. Jetzt sitzt er hier, er hat die Zeit dazu und die Mittel dazu. Das Leben in diesem Lande kostet den gewöhnlichen Mann so wenig; eine Scheibe Brot, eine Zwiebel und ein Schluck Feigensaft mit Wasser vermischt kann für den Türken eine Mahlzeit sein. Und vor und nach beendeter Arbeit sitzt er im Kaffeehaus oder im Schatten eines Moscheetors und ruht und nährt sein Traumleben.
Während der Sozialist des Abendlandes über die Zeitung mit ihrem Geschrei herfällt.
Aber der Bauer draußen auf dem Lande – müssen wir nicht auch an den denken? Wenn man von Konstantinopel aus über Land den Ausflug nach der alten Stadt Brussa macht, fährt man durch üppige Landschaften, Wälder, Weizenfelder, Weinberge; aber um die Häuser der Bewohner ist es kümmerlich bestellt. Und ebenso kümmerlich ist es oft um ihre Kleidung bestellt. Der Breitegrad gestattet diese Kümmerlichkeit – wie der Breitegrad andrer Orte die Bambushütte und die Schürze aus Feigenblättern gestattet. Laßt uns die Hütte des Fellachen betrachten, ohne sie zu beweinen: er hat das Dach, das er braucht, an der einen Wand ist eine Feuerstätte, an der andern steht der Webstuhl. Schnüre sind aufgespannt zum Trocknen der Kleider, der Hausrat ist von Holz, Blech und Eisen. Im Gang steht Schuhzeug aus Holz und Leder, aber kein Fahrrad für den Sohn des Hauses. Und keins für die Tochter des Hauses. Mit Türen ist es schlecht bestellt; oft gibt es gar keine, wie im allgemeinen in den Ländern des Ostens überhaupt. Da der Türke niemals trinkt, bricht er auch nicht ein und stiehlt.
Aber der arme Fellah, – was ist das für eine Sorte Pflug, die er da im hellen Licht des Tages vorzuweisen wagt? Eine Holzstange mit einem Querholz. Ist das eine zeitgemäße Pflugmaschine – anderthalbtausend Jahre nach dem Propheten? Ein Agrarier aus dem Yankeeland würde mit Fingern auf diese Kuriosität deuten, sich, wer weiß wie, daran weiden und sagen: Seht doch den Pflug! In Amerika haben wir Pflüge aus Stahl, die für zwei Pferde sind und auf Rädern laufen!
Der türkische Agrarier hat keine zwei Pferde zum Pflügen, aber einen Ochsen. Und das Querholz in der Holzstange ist wirklich imstande, die Erde so weit aufzuwühlen, daß man darein säen kann. Und damit ist der Zweck erfüllt. Mit einem »rationellen« Betrieb, mit zwei Pferden vor einem Stahlpflug, würde die Erde allerdings besser umgegraben, und die Ernte wäre größer, sechzigfach größer. Aber der türkische Agrarier erwartet gar nicht mehr von der Erde, als sie ihm gibt. Und was sie ihm gibt, das genügt. Er hat so wenig Bedürfnisse – eine Scheibe Brot, eine Zwiebel, ein Schluck Feigenwasser sind für ihn eine Mahlzeit.
Und die Arbeit, die Plackerei, ist ihm nicht das einzige auf der Welt. Arbeit leistet er nur gerade so viel, daß es genügt. In Amerika schufteten wir wie die Verrückten unter der Arbeit des Tages, ab und zu schlangen wir ein Beefsteak hinunter, um mit frischen Kräften wieder hinaus aufs Feld – an die Arbeit – rennen zu können. Und wenn der Abend kam, liefen wir ebenso verrückt zu unserm Bett, damit wir für die Arbeit des nächsten Tages ausschlafen konnten. Und der Sonntag war wie der Montag in diesem zügellosen Kampf. Der Türke hat Zeit, den Freitag nach alter Sitte zu feiern. Und er hat Zeit, täglich viele Andachtstunden einzuhalten. Und abends sitzt er vor seinem kleinen Heim und überläßt sich bis tief in die Nacht hinein müßiger Ruhe und Träumerei.
Wer ist am glücklichsten? Schätze besitzen sie beide. Es handelt sich also darum, ob sich der Türke allzusehr darüber grämt, daß er den Stahlpflug entbehren muß. Aber es ist, als hätte der Türke John Stuart Mill gelesen, der da sagt: Es ist die Frage, ob die mechanischen Erfindungen den menschlichen Wesen das Leben erleichtert haben.
Oder es ist, als hätte John Stuart Mill diesen Zweifel vom Türken gelernt ,…
Jetzt kehrt der Diener von der Straße zurück mit einem Holztablett voll Obst. Er hat dies »Frühstück« aus einem Laden geholt. Kein Huhn mit Salat, nur ein paar kleine Zuckerbrötchen; aber der Diener bringt uns die Sachen mit einer Miene, als wäre das alles, was wir brauchten. Ach, er kennt unsre nordischen Bedürfnisse nicht! Her mit der Ochsenkeule!
Zum erstenmal essen wir rohe frische Feigen. Die Frucht schmeckt uns nicht, sie ist widerlich süßlich, breiig, ohne Saft und dazu voll von kleinen Kernchen, die sie klumpig machen. Nein, da waren die Feigen aus der Kinderzeit besser, die gepreßte Delikatesse, die der Krämer daheim in Kisten bekam! Das waren Feigen! Und die Trauben sind auch nicht wie die kaukasischen Trauben. Nichts in der Welt ist wie die!
Wir bezahlen und gehen.
Draußen auf der Straße taucht plötzlich der Hotelmann auf und will unser Führer sein. Der gewandte Mensch hat uns im Hotel vermißt und hat beschlossen, uns in der Stadt aufzuschnüffeln, koste es, was es wolle, damit wir seinen Diensten nicht entschlüpfen. Und er findet uns.
*
Der Führer ist ein Grieche. Er ist mit allerlei Herrschaften in vielen Ländern gereist; Yankees sind seine Spezialität – er ist auch in Amerika gewesen. Ein Türke führt keine Fremden. Dazu ist er zu stolz, er weiß, sein Volk hat die höchste Kultur besessen, als Rom noch barbarisch war. Fremdenführer sind die Griechen, die Armenier und die Juden. Der Türke ist Bootsmann, er rudert den Kaik auf den drei Wassern, er ist Lastträger, und er ist Taglöhner, aber er ist nicht Touristendiener.
Wir sind mürrisch und gereizt gegen unsern Führer; aber wir können ihn nicht los werden. Er sagt, es sei seine Pflicht, bei uns zu bleiben. Demnach scheint es, daß wir auf jeden Fall eine Rechnung von ihm kriegen, ob wir uns seiner bedienen oder nicht.
Er führt uns auf den Galataturm, von wo wir die Stadt in der Vogelperspektive sehen. Der Führer beginnt sogleich vorzuzeigen: Ladies and Gentlemen! sagt er, – obgleich wir nur je ein Stück von jeder Sorte sind –, dies ist Pera, hier Galata, dort Stambul, und da Skutari!
Wir unterbrechen ihn und bitten um Schonung! Noch nie hat er es mit so uninteressierten Konstantinopelfahrern zu tun gehabt – wir wollen überhaupt gar nichts wissen. Aber als wir auf die Straße hinunter kommen, besteht er darauf, Führer zu sein, deutet geradeaus und sagt: Zur Sofiamoschee.
Und wir folgen ihm.
Vor dem Eingang zur Moschee bekommen wir Bastschuhe über unsre Stiefel, damit wir nicht mit ungläubigen Ledersohlen den Boden des Heiligtums betreten. Wir können uns in diesem Schuhwerk nicht sehr schnell fortbewegen; aber wir kommen doch vorwärts. Es ist ein unermeßlicher Raum; aber da wir schon große Dome und Kathedralen gesehen haben, ist es nicht die Größe, die uns zuerst und vor allem auffällt, sondern es ist die Stärke, die Derbheit in der Architektur. Alles ist massiv und schwer. Da und dort hängen unter dem Gewölbe Menschen in Tauen und bessern die Decke aus, und diese Menschen sind klein wie Kinder, so hoch hinauf ist es bis zu ihnen; aber keine Säulen und Bogen streben schlank empor, und unser erster Eindruck ist, daß die Kirche niedrig sei.
Das Kreuzeszeichen ist überall sorgfältig ausgetilgt in dieser ursprünglich christlichen Kirche; auf den Mauern stehen jetzt Koransprüche; Abd ul Hamids Namenszug schimmert in Gold auf blauem Grunde. Keinerlei Prunk irgendwelcher Art ist zu sehen, allerwärts herrscht die graue Mauerfarbe; erst später entdecken wir, daß die Wände Mosaik sind. Da und dort sind Galerien, die der Männer offen, die der Frauen vergittert; es sind die Logen für den Sultan und seinen Harem. Als wir zu dem berühmten Fingerabdruck des Propheten an einer Säule kommen, will der Führer zu erzählen beginnen. Wir müssen grob werden und ihm sagen, daß wir die Geschichte wahrscheinlich ebensogut kennen wie er, nur damit er schweige. Der gute Mensch quält uns durch sein lautes Sprechen, und dabei sitzen doch da und dort in den Ecken Leute, die er dadurch stören kann. Schweigen Sie doch, Dragoman! Nur eines: was sind das für Menschen, die dort sitzen?
Studenten der Theologie.
Wir treten näher und sehen sie uns an: sie sind barfüßig und hager, überarbeitet; sie forschen in Schriften, sie haben Bücher vor sich und lernen auswendig. Es sind Jünglinge, die sich dem Dienste des Propheten weihen. Obwohl unser Führer laut gesprochen hat, hat doch keiner der Studenten aufgeblickt, auch nicht einer! Recht so! denken wir. Aus solchem Stoff können starke, prachtvoll fanatische Priester werden, die nicht kokettieren mit ihrer Religion, die keine Konzessionen machen, die nicht weichen. In der Christenheit, ja, da müssen die Priester ihre Lehre modernisieren. Sie müssen mit der Zeit fortschreiten, – nun ja.
Wir gehen durch die ganze Sofiamoschee von oben bis unten, aber wir kehren oft wieder zu den Studenten zurück. Da uns der Argwohn kam, sie säßen nur so da und machten sich mit ihrer Versunkenheit in den Koran wichtig, weil sie wüßten, daß Fremde da wären, veranlaßten wir unsern Führer, zurückzubleiben, und stahlen uns sacht zu dem einen oder dem andern Studenten zurück, um ihn heimlich zu beobachten. Aber alle lernten. Sie lernten ohne Unterlaß, den Oberkörper im Takte hin und her wiegend, wie Kinder, die ihre Aufgaben lernen. Lange standen wir versteckt und sahen einem jungen Menschen von außergewöhnlicher Schönheit zu. Er war barhäuptig, und sein Hemd und seine Entari waren auf der Brust bis zum Gürtel hinunter offen; er hatte die schönste Kopfform. Plötzlich, nach einer langen Weile, während der wir mäuschenstill gestanden hatten, schlägt er die Augen auf, richtet seinen Blick gerade auf unsre Gesichter und lernt mit dem Munde weiter, als überhöre er sich selber. Ich vergesse das nie. Dieser brennende Blick kam von weit her und ging weit an uns vorüber; als er wieder in sein Buch blickte, hatte er uns kaum gesehen. Wenn wir ein Königspaar gewesen wären in seinem ganzen Prunk, er wäre gleichgültig geblieben gegen unsre Anwesenheit. Vielleicht macht es das sich kreuzende Licht in der Moschee, daß er uns nicht sieht, denken wir in unsrer Schlauheit. Wir untersuchen; eins von uns geht bis ganz zu dem jungen Mann hin, während das andre stehen bleibt. Aber wir hatten uns geirrt; das Licht war das allerbeste.
Also war es ein gewaltiger Wille, die Worte des Propheten kennen zu lernen, wie sie da standen, der seine Augen blind machte. Er saß und lernte sie auswendig. Und dreihundert Millionen Menschen leben hier auf Erden mit dem gleichen Willen und der gleichen Kraft wie er. Der Prophet war nicht immer klar, der Stil seiner Visionen ist hoch und dunkel, ewig. Aber seine Worte werden nicht ins Alltägliche heruntergezogen und von einem beliebigen geschwätzigen Priester erklärt. Der Prophet wird vorgelesen, weiter nichts. Und angenommen.
Unser Prophet war auch nicht immer klar. Seine Jünger verstanden ihn nicht. Und wenn sie ihn um seine Ansicht über hohe und heilige Dinge befragten, so gab er ihnen Antworten, die sie ebenfalls nicht verstanden. Das Mysterium soll nicht verstanden werden, es ist nicht zur Unterhaltung da. Will man aber große und heilige Vorstellungen entstellen und verwischen, dann soll man das Mysterium »erklären«, es leichtfaßlich machen, es zum Verstande eines Kirchenpublikums herunterziehen, es amerikanisieren.
Der Führer schlägt vor, wir sollten jetzt ins Hotel zurückkehren und essen. Ganz gewiß nicht, gar keine Rede davon! Bringen Sie uns in ein türkisches Speisehaus! Es ist ein weiter Weg dorthin! sagt der Führer. Was tut das? Her mit zwei Tragsesseln; wir wollen es auf gut Türkisch haben!
Der Führer geht mit uns zu einem Wagen mit zwei Pferden. Ohne weiteres gibt er dem Kutscher den Befehl, über die Galatabrücke zu fahren.
Und wir steigen enttäuscht ein.
Wir hatten von etwas wie Tragsesseln mit einer Eunucheneskorte und einem Herold in vollem Staate geträumt, der uns mit dem Stab in der Hand den Weg bahnen würde; so soll es in den Großstädten Ägyptens sein. Aber hier war es eine Equipage.
Die Brücke ist ungeheuer lang und schwingt sich unter dem großen Verkehr wie eine Schaukel. Beim Einfahren auf die Brücke müssen wir Brückengeld zahlen. Ein unaufhaltsames Gewühl von Gehenden und Fahrenden begegnet uns oder ist auf demselben Wege wie wir; die roten Tarbuche färben die ganze Brücke, so weit wir sehen können. Ganz merkwürdig sieht das aus, Kopf an Kopf mit lauter roten Mützen, alle in Bewegung – ein langer Strom, auf dem rote Mohnblumen schwimmen. Wir kommen über die Brücke und in einen gemischten Stadtteil. Hier herrscht der Turban vor. Der Kutscher schlängelt uns mit bewundernswerter Sicherheit durch das Gewühl; wir fahren so rasch, als es der Zustand der Straßen und des Weges erlaubt, und kommen in eine stille Stadt. Gärten sind da, kleine Wälder von Akazien, Häuser mit grünen Gittern vor Fenstern und Balkons – wir sind in der Haremswelt.
Hier wohnt die Mutter des Sultans, erklärt der Führer. Keine Schildwache, kein Prunk irgendwelcher Art – bloß daß das Haus ein Palast ist – mit Gittern davor. Gleich darauf kommen wir zum Palast der Schwester des Sultans. Dieselben Gitter. Wir kommen zum Harem des Gouverneurs. Das Haus ist ein Schloß, der Gouverneur ist reich, er hat vierzig Frauen. Und der Grieche schüttelt den Kopf, um uns zu zeigen, daß sein Standpunkt ein christlicher Standpunkt sei – mit einer Frau.
Wir kommen zu dem Gasthause. Es zeigt sich, daß der abgefeimte Grieche uns zu ein paar ganz gewöhnlichen Landsleuten von sich geführt hat, die ein Restaurant haben. Es ist ein langweiliges Speiseetablissement in europäischem Stil mit Kellnern im Smoking mit Atlasaufschlägen. Aber jetzt half es nichts mehr, wir mußten tun wie der Führer sagte und essen.
Aber wir machten es kurz und gut.
Was jetzt? fragen wir den Führer. Wir wollen wieder fort. Sie können hier bleiben.
Es ist meine Pflicht, Sie zu begleiten, antwortet er. Wir haben heute »die heulenden Derwische«. Aber es ist noch zu früh, das ist erst am Nachmittag. Wir müssen den Basar besuchen.
Und wir fahren zum Basar. Jetzt müßte man ein morgenländischer Dichter sein! denke ich, und all das Herrliche besingen und sich in eine arabische Nacht versenken! Aber der Basar war nicht wie ein Märchen anzuschauen, es war ein Labyrinth von Läden, wo alle Arten von Waren verkauft wurden. Die Läden mit Seidenstoffen und die Läden mit Schmuck sind auch der Treffpunkt der Haremsdamen mit ihren Sklavinnen. Jede Gasse in dem Labyrinth hat ihre Spezialität: in der einen sind bloß Weber, in der andern bloß Metallarbeiter, in einer dritten nur Schlächter usw. In einer Straße mit duftenden Gewürzen müssen wir oft niesen. Vor jeder Tür stehen offene Spezereisäcke, und vollbeladene Kamele, die eben vom Osten her kommen, tragen mehr und mehr von derselben Warensorte herbei.
Was wollen Sie kaufen? fragt der Führer, bereit, uns den rechten Weg zu weisen.
Nichts! Nicht das geringste! antworte ich als Herr des Hauses. Mir fällt ein, daß ich heim muß ins Hotel; es könnten Briefe gekommen sein!
Aber der gewissenlose Mensch hält nicht zu mir. Wir befinden uns vor einer Schmuckwerkstätte. Der Führer sieht ganz unglücklich aus – es ist wirklich nur der reinste Zufall, daß er hier stehen bleibt.
Und hier bleiben wir.
Es nimmt eine Ewigkeit in Anspruch, alles zu besehen; ich treibe zum Weitergehen an.
Ob ich vielleicht nicht zugeben müsse, daß diese Kaffeekanne mit dem Smaragdrand niedlich sei?
Doch, das ist sie.
Und die winzige, kleine, süße Nadel hier mit einem einzigen großen Türkis, die ist auch hübsch; die ist gewiß auch gar nicht so besonders teuer.
Aber jetzt wird es mir zur Gewißheit, daß im Hotel Briefe liegen.
Wir können ja ein andermal wieder herkommen, sagt der Führer, als er merkt, daß ich ein beispiellos fester Mann bin.
Darauf gehe ich ein. Gewiß, wir werden morgen wieder herkommen. Und dann wollen wir ganz früh heraus, noch vor dem Frühstück.
Ja, aber da kann die Türkisnadel schon verkauft sein.
Oho! sage ich, als wäre ich schon öfter hier gewesen und kennte alles; tausend solcher Läden gibt es hier, wie den, und jeder Laden hat eine solche Nadel. Aber morgen soll es unser erstes sein, daß wir hierher gehen.
Durch dies Versprechen gelingt es mir, uns loszureißen.
Aber ich sah doch nach dem Laden zurück. Er war doch der Eingang zu einem Märchen. Schmuck gab es da aus einer fernen Welt, in einem unerhörten Fabelstil, von einer Phantasie, wie wir sie gar nicht kennen. Und es flammte uns entgegen von allen Steinen des Morgenlandes.