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Elftes Kapitel.
Ukus Nacht mit dem Elfen

In der Nacht, die den letzten Ereignissen auf der Waldwiese folgte, fand der Blumenelf auf seinem Mooslager keinen Schlaf; er sah hinaus in den Mondschein, der dicht vor dem Ausgang seiner kleinen Höhle glitzerte, und ihn verlangte danach, in die Freiheit hinauszukommen und in das Land zu schauen. So flog er empor bis auf einen Ast der Linde, und sein Leuchten begleitete ihn.

Die Welt war verklärt vom Licht des Mondes, der voll und rund hoch am Himmel über dem schlafenden Erdreich stand, inmitten unzähliger Sterne. Da der dürre Ast des Baumes vorragte, saß der Elf in der kühlen, hellen Luft zwischen Himmel und Erde, allein, wie er war, unter den vielen schlafenden Geschöpfen, unter denen er verweilen mußte, bis eine große Liebe ihn zu seiner himmlischen Freiheit erlöste.

Sein Goldhaar blinkte im Mond, wie einst, als er die Lilie verließ, um das Glück eines irdischen Wesens zu werden. Er dachte an die kleine Biene Maja, mit der er zu den Menschen geflogen war, und die nun in hohem Ansehen bei den Ihren daheim in der Bienenstadt des Schloßparks weilte. Und die himmlische Ungeduld, der irdische Teil aller Wesen, die das Gute von ganzem Herzen wollen, strahlte aus seinen Augen in ihrer Traurigkeit.

Gibt es aus der Erde diese große Liebe, die mich erlösen soll? dachte er. Ich will nicht in Bangen leben, die Nacht ist wundervoll. Mir wird geschehen, wie es im ewigen Rat bestimmt ist.

Er erschrak ein wenig, als ihn plötzlich jemand sanft, aber recht vernehmbar, von der Seite anstieß. Es war Uku, die Nachteule, die groß und dunkel dicht neben ihm auf dem Lindenast saß und ihn mit ihrem Flügel angestoßen hatte.

»Gute Mondfahrt«, sagte sie bedächtig, aber herzlich, auf ihre Art, und der Elf grüßte sie auf seine.

»Du schläfst nicht?« fragte Uku, »dir ist wohl in der Kühle und im sanften Licht; ist es nicht so? Ich werde die Leute nie recht begreifen lernen, die das grelle Sonnenlicht diesem milden Himmelssegen vorziehen.«

»Lebst du hier immer in der Linde?« fragte der Elf, der Uku wiedererkannte.

Uku nickte. Ihr großes Gesicht mit den schwarzen runden Augen sah merkwürdig genug aus, der kleine gebogene Schnabel hockte darin wie eine Nase, und sie hatte eine seltsam melancholische Art, ihre Augenlider ganz langsam zu öffnen und zu schließen. Man unterschied in ihrem weichen Gefieder kaum eine Färbung, es schimmerte grau und leblos, wie die Schatten der Blätter am Stamm. Wäre die vertrauensvolle Art des Elfen nicht frei von Furcht gewesen, so hätte ihn sicher ein heimliches Grauen vor seiner lautlosen Nachbarin befallen.

Uku schwieg lange und sah über die Felder auf das beschienene Land. Es lag ein feiner Nebelschleier über dem Korn, und von weit, weit her hörte man das Bellen eines Hundes.

»Ein stilles Land«, sagte sie endlich und seufzte aus tiefster Brust auf.

Der Elf wandte sich ihr zu und sah sie an.

»Quält dich etwas?« fragte er.

»Ich kenne dich schon lange,« entgegnete die Eule, ohne gleich auf seine Frage zu antworten, »ich habe dich unter Pflanzen und Tieren gesehen, mit Faltern, Rehen und dem kleinsten Gewürm, und habe mir viele Gedanken über dich gemacht. Ich bin ein alter Vogel, und du, der so vielerlei weiß, wirst auch wissen, daß ich es ernst nehme mit meinen Gedanken. Manche fragen mich um Rat, und ich gelte als weise. Ich kann, was ich sehe und erfahre, in meine Betrachtung der Welt einreihen, ich verstehe es auf meine Weise, aber dich verstehe ich nicht. Es ist meine Art nicht, viel zu sprechen, und auch du sprichst wenig. Dich liebt man, obgleich du schweigst, und ich schweige, obgleich ich weiß, daß ich deshalb nicht eben geliebt werde. Wenn ich es recht betrachte, so bin ich den Tieren des Waldes, den Geschöpfen des Tages verhaßt, du aber bist geliebt, wohin du kommst, und tust nichts, um es zu erreichen. Willst du nicht mit mir sprechen? Ich möchte verstehen lernen, was dich so lieblich macht, du mußt aus einer hellen Welt unvergänglicher Freude stammen.«

Uku schwieg und sah nun mit weitgeöffneten Augen in die Weite. Es war so totenstill im Baum und umher im Umkreis, als seien die Zweige und Blätter nicht aus zartem, beweglichem Lebensstoff, sondern erstarrt. Nicht die Spitze eines Blättleins rührte sich. Und über der leblosen dunklen Welt mit ihren schlafenden Geschöpfen lag das weiße, tote Himmelslicht und die feuchte Kühle der Sommernacht.

Der Elf hatte den Kopf geneigt. Nun warf er in holder Ruhlosigkeit sein schimmerndes Haar zurück und sah groß und gerade hinauf in den Mond.

»Uku, wie redest du denn?« sagte er leise. »Wäre ich ein Wesen wie ihr, so würde ich leiden und mich freuen wie ihr, aber ich bin nur ein verflogener Elf. Hast du nie von den Elfen gehört, daß du nicht weißt, woher sie stammen und wohin sie gehen?«

»Du liebst und leidest doch wie wir,« sagte Uku, »wenn du auch sagst, daß du es nicht tust. Ist nicht schon vieles in deinem Herzen anders geworden?«

Der Elf sah erstaunt auf, wandte sich der Eule zu, und seine Augen leuchteten, als habe er ein Wort des Danks auf den Lippen, aber er sagte es nicht, sondern barg plötzlich sein helles Angesicht in den Händen und schluchzte.

»Siehst du«, sagte die Eule, aber es klang unbeschreiblich liebevoll. Sie war in der Tat ein weiser und erfahrener Vogel. Und sie schwieg, denn sie wußte, daß Schweigen oft mehr Linderung bringt als die besten Worte.

Nach einer Weile hob der Elf sein Haupt ruhig empor, man sah keine Spuren von Tränen mehr in seinen Augen, und der Klang seiner feinen Stimme war so klar, als würde eine hohe Saite mit einem silbernen Hammer angeschlagen. Doch hatte diese Stimme nichts Fremdes oder Besonderes, sie war den vertrauten Lauten der Natur verwandt, dem Lied des Windes, dem Gesang der Vögel oder dem Fall des Wassers. Uku war ganz betört von dieser Stimme, und ihr schien, als träumte sie, als der Elf sagte:

»Wenn ich eure Freude und euer Leid teilen muß, so liegt es daran, daß ich mich verflogen habe. Meine Bestimmung war, ein irdisches Wesen zu seinem höchsten Glück zu führen und in die Helligkeit meiner Heimat zurückzukehren, nicht aber unter euch zu verweilen. Nun ich aber an die Erde gebunden bin, verwandelt ihr Wesen das meine langsam. So ist meine Seele nun geteilt, Uku; sie war berufen, eure Freude und eure Betrübnis zu verstehen, euer Verlangen und eure Schuld, sowie auch eure Schönheit und eure Armut. Nur für euch erwachte sie für kurze Zeit. Die Aufgabe meiner Seele war, alles zum Besten zu kehren, nach ihrer Kraft, und sie selber bedurfte der Erlösung nicht, denn sie selber war damals noch nicht an Vergängliches gebunden. So zog ich im silbernen Nachtfrieden durch das Tal der Welt, selig, da ich beseligen durfte, wunschlos und unaussprechlich frei. Aber nun ich durch meine Schuld an Vergängliches gebunden bin, Uku, bedarf auch ich der Erlösung, denn ich habe die irdische Sonne gesehen in ihrer Herrlichkeit, und wenn ein Elf sie gesehen hat, so ist er an ihr irdisches Reich gebunden.

Verstehst du nun, warum mein Herz zerteilt sein muß? Bei meinem Wunsch, nichts zu tun, als andere zu beseligen, empfinde ich nun auch das Verlangen nach eigener Seligkeit, ich wollte Leiden lindern und sehe mich nun in eigenes Leid verstrickt, ich wollte durch Freude Erlösung bringen, und nun harre ich selbst der Erlösung vom irdischen Bann. Daraus entsteht meine Traurigkeit.«

Uku hatte sich in die Dunkelheit abgewandt und schwieg. Es bewegte ihr Herz, was der Elf sagte. Nach einer Weile fragte sie:

»So bist du nicht mehr glücklich, Elf?«

»Doch,« antwortete der Elf, »ich bin es.«

»Was macht dich glücklich?«

»Daß ich lieben kann und Hoffnung im Herzen trage. Alles hat sich verändert, seit ich die irdische Sonne an jenem Morgen gesehen habe.«

»Ja, ja,« meinte Uku, »es ist eine ganz neue Liebe in dir entstanden.«

»Sie kann nicht beginnen oder aufhören«, sagte der Elf zuversichtlich. »Sie schlief in mir.«

Wieder war es eine Weile still in der feierlichen Nacht zwischen diesen beiden Geschöpfen, der großen dunklen Eule, die wie eine unförmige Figur auf dem Ast hockte, und dem Elfen, der licht und zart wie ein kleiner Engel neben ihr saß.

Bald darauf sagte Uku bedächtig und schloß für einen Augenblick ihre großen runden Augen, die, gerade wie beim Menschen, beide vorne nebeneinander unter der Stirn saßen:

»Auf unser Volk ist im Lauf der Jahrhunderte viel Wissen überkommen und hat sich getreulich vererbt, und so habe ich wohl immer erfahren, Elf, daß diejenigen Wesen, die Liebe im Herzen tragen, auch am zuversichtlichsten auf eine Erlösung hoffen, aber glaube es mir, Uku, der alten Eule: Nur wer wahrhaft weise ist, kann glücklich sein!«

»Nein,« sagte der Elf mit seiner kindlichen Stimme, »es ist umgekehrt, nur wer wahrhaft glücklich ist, kann weise sein.«

Uku war wirklich außerordentlich erstaunt über diese Antwort des Elfen und mußte sich sehr lange besinnen, bis sie eine Entgegnung darauf machen konnte.

»Daran muß ich nun Nacht für Nacht denken,« sagte sie endlich langsam, »ich bin eine alte Eule geworden und kann meine Ansichten nicht mehr ändern, aber soviel sehe ich aus allem, was du sagst und tust, du bist ein himmlisches Kind. Die Frage, die zwischen uns aufgekommen ist, ist so alt wie die Welt, um sie hat sich viel Streit der Gedanken auf Erden erhoben, und manche Stirn voll Hoheit und Kraft ist darüber ermüdet in die Nacht zurückgesunken. Denn die Wunden, welche die Gedanken schlagen, sind brennender und bitterer als die Verwundungen jedes anderen irdischen Kampfes. Aber davon sollst du nichts wissen, du Gesegneter in deiner Einfalt. Was unser letztes Ziel ist, ist dir von Anfang zugefallen. Dir und deinesgleichen, euch ist von den Heiligen der Welt das Reich versprochen.«

Der Elf saß ruhig mit gefalteten Händen da und schaute ins Land, er wehrte der Eule nicht, noch gab er ihr recht, man hätte wirklich nicht mit Sicherheit sagen können, ob er ihr zugehört hatte. Er erhob plötzlich seine helle Stimme und sang in die Nacht hinaus:

Meine Heimat ist das Licht,
heller Himmel meine Freude!
Tod und Leben wechseln beide,
aber meine Seele nicht.

Trauer du, mein irdisch Los,
über deinen bittren Gaben
will ich meine Seele groß,
will sie stark und glänzend haben.

Ein Wind erhob sich mit leisem Erbrausen der Blätter und mit feuchter Wiesenkühle und trug das Lied über das schlafende Land dem Morgen entgegen. Die Eule aber warf sich plötzlich in ihre weichen, lautlosen Flügel, totenstill, wie ein Schatten, flog sie davon, über die Kornfelder, dem sinkenden Mond entgegen, der sich rötlich färbte. Eine seltsame Traurigkeit begleitete sie und doch zugleich eine tiefe Beseligung. Sie sah das Land, das sie überflog, die Äcker, die Wälder und Wiesen mit ihren Weiden und die Häuser der Menschen, die dunkel und lichtlos zwischen Bäumen lagen, in der verschleierten Ebene. Alles erschien feierlich und zu Großem bestimmt, wie auch uns Menschen bisweilen die Dinge erscheinen können, wenn Musik erklingt.


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