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Zehntes Kapitel.
Assap und Jen

Da nun von Assap, dem Frosch, die Rede gewesen ist, den der Elf besuchte, will ich seine und die Geschichte seines Bruders erzählen, es ist immer gut, man weiß etwas Näheres über die Leute, mit denen man in Berührung kommt.

Assap war durchaus nicht etwa auf der Waldwiese geboren, sondern viel weiter abwärts im Bach, dicht vor seiner Einmündung in den Eulensee, der ganz zwischen uralten Weiden lag und seinen Namen von den Eulen bekommen hatte, die ringsumher in den hohlen Weidenstämmen hausten. So hatte er und sein Bruder Jen schon in frühesten Tagen zur Nacht den Eulenruf gehört, und da sich nach Meinung der Frösche nun einmal Unheil damit verbindet, so hatte er nie so recht an eine aussichtsreiche Zukunft geglaubt. Sie waren damals noch sehr jung, hatten gerade ihre Beinchen bekommen, besaßen aber noch ihre Schwimmschwänze, mit denen die jungen Frösche sich anfänglich im Wasser fortbewegen. Das war ein Zustand, der ihnen nicht besonders behagte, sie wußten nicht recht, ob sie sich noch zu den Kaulquappen rechnen mußten, oder ob sie schon zu den Fröschen gehörten. Immerhin, der Morgen war strahlend schön, und sie hockten vergnügt am Rand eines Huflattichblatts im sanft fließenden Wasser und betrachteten den Morgenhimmel, der langsam blau wurde. Jen summte leise seinen Frühgesang vor sich hin, leider dachte er sich nicht viel dabei, was er eigentlich hätte tun müssen.

Gott, der du im Himmel bist,
über allem Leben,
sorge, daß hier Wasser ist
und auch Land daneben.

Segne unsrer Schenkel Schwung,
sende große Fliegen,
nämlich ohne einen Sprung
kann man sie nicht kriegen.

Assap nickte behaglich vor sich hin und dachte an die Zeit, in der der Fliegenfang für sie beginnen sollte. O, es mußte eine große Zeit sein! Da schrie plötzlich sein Bruder Jen entsetzt auf und starrte, halb umgewandt, mit einem Ausdruck von großer Bestürzung ins Wasser.

»Mein Schwanz!« rief er, »er ist ab und schwimmt fort!«

Assap sah ins Wasser. In der Tat, es ließ sich nicht in Abrede stellen, dort trieb der Schwanz seines Bruders in den Strudeln, drehte sich um sich selbst und entfernte sich langsam immer weiter.

»Das geht auf keinen Fall«, rief Jen außer sich. »Ich muß ihn wiederhaben, er gehört mir!« Und er machte Miene, sich ins Wasser zu stürzen, um seinem Besitztum nachzuschwimmen; aber Assap, der überhaupt der Besonnenere von den beiden war, hielt ihn zurück und sagte rasch:

»Denk an die Hechte im Eulensee! Wenn der Bach dich in den See treibt, kannst du sehen, wie du das Ufer ungefressen wieder erreichst. Was willst du denn mit deinem Schwanz tun, wenn du ihn zurückhast?«

Dem kleinen Jen kamen Tränen in die Augen, es war, als würde er sich dessen für einen Augenblick bewußt, daß dort draußen im Bach seine Kindheit schwamm, die nie mehr zurückkehren sollte. Aber er fühlte sich doch recht getröstet, als sein Bruder mit einem bewundernden Blick sagte:

»Du siehst aus wie ein richtiger Frosch.«

Der kleine Jen sah durch seine Tränen in die Flut nieder und versuchte sich im Wasserspiegel an der Stelle zu erkennen, wo sein Schwanz nicht mehr war. In der Tat, er sah ungemein erwachsen aus, abgerundet und fertig.

»Herrlich«, sagte er, ganz still vor Entzücken. »Hättest du das geglaubt, Assap?«

»Nun ja,« meinte der Bruder, deutlich ein wenig von Neid geplagt, »etwas Ähnliches mußte wohl eines Tages geschehen, der alte Burr sagte etwas derart, als er einmal von den Mondkonzerten zurückkam. Alle Kaulquappen verlieren ihren Schwanz eines Tages, um Frösche zu werden.« Er sah vor sich nieder und dachte nach.

Ach, es ist schade, daß ich hier nicht vom alten Burr erzählen kann, es würde zu weit führen, aber er ist einer der erfahrensten Frösche des ganzen Bachs, ja man kann sogar ruhig auch des Sees sagen; leider ist er in seinen Gewohnheiten etwas heruntergekommen, aber ungemein witzig und gescheit. Vielleicht, daß ich in einem anderen Buch sein Leben erzählen kann, es ist außerordentlich abwechslungsreich, und er gehört zu den ganz seltenen Fröschen, die einmal in der Gewalt des Storches gewesen und wieder entronnen sind. Es kam, weil der Storch lachen mußte, man weiß nicht worüber – jedenfalls glaubt Burr noch heute, daß jener es nicht gewagt hätte, einen Mann von seiner Erfahrung als Nahrungsmittel zu verwenden. Von ihm stammt auch das Volkslied, das noch viel im Traulenbach und im Eulenteich von den Fröschen gesungen wird:

Ach, wie mir das Herz zergeht
unter großem Weh,
wenn der Mond am Himmel steht
und zugleich im See.

Meine Seele ahnt es dann,
tiefbewegt und still,
daß der Frosch nicht fliegen kann,
auch nicht, wenn er will.

Auch Assap und Jen kannten dieses Lied bereits, wenn sie auch bisher noch keine Erlaubnis gehabt hatten, es öffentlich mitsingen zu dürfen. Aber in diesem Augenblick dachten sie an alles andere eher, besonders Assap wurde immer nachdenklicher, je mehr er sich mit seinem Bruder verglich, der nun ein fertiger Frosch geworden war. Und so plötzlich! Niemand hatte vorher irgend etwas Bestimmtes vermutet.

»Faß an, Jen, Bruder!« rief er plötzlich, »wir reißen ihn aus!«

»Wen denn?« fragte Jen etwas erschrocken.

»Meinen Schwanz, Bruder. Es ist unmöglich, daß er noch besonders fest sitzt, wenn der deine sich ohne besondere Mühe, ja geradezu von selbst entfernt hat, bedenke, wir sind am selben Tag geboren!«

Jen sah es ein. »Wir wollen es versuchen«, sagte er etwas unsicher. Eigentlich wünschte er sich heimlich, es möchte nicht gelingen, denn er wäre gar zu gern eine Weile allein schon ein fertiger Frosch gewesen und hätte seinem Bruder davon erzählt, wie es ist, schon erwachsen zu sein.

Sie mußten einen Augenblick warten, denn es kam eine große Latte den Bach heruntergeschwommen, auf der zwei kleine Waldschnecken saßen, grau und klebrig, wie solche Tiere von Haus aus nun einmal sind, eine blaue Fliege und ein Ohrwurm. Der Ohrwurm war sehr aufgeregt, er lief hin und her und rief irgend etwas, indem er den Arm schwenkte. Die Frösche verstanden nicht alles, es scholl etwa herüber zu ihnen von »verlassener Heimat«, »Wanderfahrt« und »großem Strom«. Endlich hörten sie noch: »Mein selbstgewolltes Erdenschicksal!«

So fuhr er auf dem großen Holzfloß dahin in der Sonne, und das Uferschilf warf rasche Schatten, als ob man an einem Gitter vorüberführe.

Assap schüttelte den Kopf und sah dem Fremden nach:

»Was will er denn?« meinte er, »er scheint ganz von Gott verlassen.«

»Vielleicht treibt das Holz eines Tages ans Ufer, er steigt aus und gründet eine neue Heimat«, meinte Jen nachdenklich; »so was soll vorkommen.«

Assap nickte. »Jetzt zieh, was du kannst«, sagte er gefaßt, und Jen tat es mit brüderlicher Hingabe, bis der Schwanz glücklich riß und jeder von ihnen nach einer anderen Seite ins Wasser stürzte. Assap tauchte als erster und nun auch als fertiger Frosch aus den Fluten empor, und die Brüder umarmten einander und beschlossen, ihr Leben lang in Treue zusammenzuhalten. Es ist gewöhnlich so, daß man in einer glücklichen Stunde des Erfolgs gern gute Vorsätze für die Zukunft faßt, und das ist auch durchaus so am Platz.

Leider wurde den beiden jungen Fröschen keine Gelegenheit zur Ausführung ihrer gemeinsamen Lebensfahrt gegeben, denn der kleine Jen geriet unvermutet in die Gefangenschaft eines Knaben. Er tat alles, was ein vernünftiger Frosch zu tun pflegt, wenn sich ein Storch, ein Mensch oder sonst ein gefährliches Wesen dem Bach nähert: er sprang ins Wasser, tauchte unter und wühlte nach Möglichkeit den Boden des Bachs auf, damit er in der getrübten Flut nicht mehr gefunden werden konnte. Aber diesmal nützte es ihm nichts, denn der Knabe hatte ein Netz bei sich, das an einer Stange befestigt war und vermutlich in der Regel dem Fang von Schmetterlingen diente. Jen wurde emporgezogen, und als das Wasser im Netz sich verlaufen hatte, zappelte er zwischen einigen Schilfhalmen auf dem Grund und war fassungslos, weil er in keiner Weise an die Möglichkeit einer solchen Einrichtung gedacht hatte.

Der Knabe sah erwartungsvoll in das Netz, und Jen entsetzte sich über die Maßen über die großen blauen Augen des Menschen, die unter gelben Haaren, die im Sonnenschein funkelten, auf ihn niedersahen. Er hörte eine fürchterlich laute Stimme dicht über sich und sah durch die Maschen des Netzes einen zweiten Menschen über die Wiese kommen, der sich nun auch über das Netz beugte, ebensolche Augen hatte, aber bei weitem längeres Haar und eine feinere Stimme.

Es wurde mancherlei über ihn gesprochen, die Laute kamen aus den roten Mündern hervor, und man sah weiße Zähne dahinter blitzen. Jen dachte, während er verzweifelt an der Wand des Netzes emporzukommen suchte, es müßte doch hundertmal besser sein, in die Gewalt des Storches zu geraten, als dem Menschen in die Hände zu fallen. Was er rief und bat, wurde nicht verstanden, soviel ließ sich bald erkennen. Auch er verstand die Laute nicht, in denen die beiden Menschen sich unterhielten.

»Ach Gott,« sagte der Knabe zu dem kleinen Mädchen, das mit ihm auf die Sommerwiesen gelaufen war, »es ist wieder nur ein ganz gewöhnlicher brauner, ich hätte so gern einmal einen echten grünen Laubfrosch gefangen.«

»Ja,« antwortete das kleine, blonde Mädchen, »es ist nur ein brauner, aber er ist hübsch klein und nicht so garstig wie die großen.«

Der Knabe schien zu überlegen. »Ich will ihn jedenfalls mitnehmen,« entschloß er sich, fuhr mit der Hand in das Netz und ergriff Jen, »vielleicht versteht er doch etwas vom Wetter, oder ich kann es ihm beibringen.«

Er hatte Jens Bein erwischt, zog ihn daran empor und hielt ihn gegen den Himmel. Das Mädchen öffnete eine ovale, grüne Büchse, die ihr Bruder, über die Schulter gehängt, bei sich trug. Jen verschwand in der Öffnung wie im Rachen eines grünen Ungeheuers und hörte noch einen ohrenbetäubenden Knall, der wie ein Donnerschlag dröhnte, denn die Büchse mußte rasch wieder zugeschlagen werden, weil noch eine ganze Reihe andere Gefangene darin untergebracht worden war. Dann wurde es dunkel.

Bald merkte er, daß er sich in einem Gefängnis befand, aber zu seinem Entsetzen wurde er gleich darauf gewahr, daß er nicht allein war. Es brummte, surrte und krabbelte rings um ihn her, in einem ganz unbeschreiblichen Durcheinander von Beinen, Flügeln und feuchten und trockenen Leibern. Dabei herrschte ein unerträglich scharfer Geruch von allerhand Kräutern und Blumen, mit denen die Büchse fast bis an den Rand gefüllt war. Das Entsetzen des kleinen Jen war um so nachhaltiger, als beim besten Willen nicht das geringste deutlich zu erkennen war, und wenn man schon einmal von Angst gequält wird, so wird sie durch die Ungewißheit, die die Dunkelheit herbeiführt, meist noch um vieles größer.

Er hörte Klagerufe und tiefes Seufzen und so inniges Bitten um Befreiung, oder wenigstens um etwas Licht, daß ihm Tränen in die Augen kamen, und er empfand, daß um ihn her ein großes Sterben war, wie auf einem Schlachtfeld. Er kannte die Stimmen der Blumen und Pflanzen nicht, aber so viel ließ sich ihrem Seufzen leicht entnehmen, daß sie in großem Elend waren. Dabei stieß und schaukelte die Büchse erbarmungslos, und man war beim besten Willen nicht in der Lage, eine bestimmte Stellung einzunehmen, immer wieder befand man sich plötzlich anderswo.

Einmal kam Jen neben eine Blindschleiche zu liegen in der äußersten Ecke des Gefängnisses. Der Knabe hatte die Büchse abgehängt und ins Gras gelegt, so daß es einen Augenblick still geworden war.

»Mein Gott,« sagte die Schlange zu Jen, »ist Ihnen so etwas schon einmal passiert?«

»Wie kommen Sie darauf?« fragte Jen, »dies ist ja einfach unfaßlich. Wo sind wir denn, und was soll das alles?«

»Der liebe Himmel weiß es«, seufzte die Schlange und wickelte sich auf. »Aber ich werde schon sehen, daß ich entwische. Über eine solche Behandlung läßt sich überhaupt nicht reden. Wenn man noch giftig wäre, aber so …«

Über ihnen flüsterte es aus den Blättern hervor:

»Ach, es war hell über den gelben Blumen.«

Es war ein Schmetterling, der mit gebrochenen Flügeln in die Pflanzenstiele eingeklemmt war. Er lag im Sterben und sagte deshalb von nun ab nichts mehr. Eine große Weinbergschnecke, der sehr übel geworden war, weil sie das Schaukeln der Büchse nicht vertragen konnte, sagte schluchzend: »Wenn ich nur mein Haus nicht bei mir hätte, ich würde eine Geschwindigkeit an den Tag legen, die man so leicht nicht wieder bei einem Tier fände.«

Nach einer Weile begann das unangenehme Rütteln von neuem, diesmal in gleichmäßigen, derben Stößen, denn der Knabe hatte sich verspätet und mußte nun laufen, um womöglich noch rechtzeitig zu Hause anzukommen. Dort flog endlich das Gefängnis mit einem donnerartigen Krachen auf den Tisch, und dann wurde es für lange still und blieb unheimlich dunkel, und jedes der gefangenen Tiere versuchte sich darüber klar zu werden, wieviel von seinem Leben noch übrig war.

Jen machte noch eine Reihe angenehmer Bekanntschaften, aber es hatte viel gegen sich, einander im Finstern vorgestellt zu werden, es kamen die peinlichsten Verwechslungen vor, und die Stimmung war allgemein gedrückt. Der einzige, der die Laune nicht verlor, war ein Grashüpfer, immer wieder glaubte er, sich durch einen Sprung aus seiner Gefangenschaft retten zu können, aber jedesmal stieß er aufs neue an und fiel zurück, und man hörte ununterbrochen in kleinen Abständen das Ticken, das entstand, wenn er mit dem Kopf an die Wand stieß. Als er einmal auf eine Eidechse fiel, erregte er Ärgernis bei diesem gutmütigen Tier:

»Geben Sie endlich Ruhe«, sagte sie mürrisch.

»Ich kenne Sie überhaupt nicht«, sagte der Grashüpfer, »reden Sie nicht mit mir, wenn Sie nicht vorgestellt sind.«

»Dann springen Sie mir auch nicht auf dem Rücken herum, ohne vorgestellt zu sein«, gab die Eidechse ärgerlich zurück.

»Wenn Sie mich Ihren Buckel herunterrutschen lassen«, rief der Grashüpfer, »so deuten Sie doch damit bereits an, daß Ihnen nichts an meiner Bekanntschaft liegt. Übrigens, wenn Sie springen könnten, täten Sie es auch. Jeder springt, wenn er kann.«

Die Eidechse seufzte. Es war besser, nicht auch noch Streit anzufangen, sie meinte deshalb nachsichtig:

»Sie sollten sich die unglückliche Lage, in der wir uns alle befinden, so weit zu Herzen nehmen, daß Sie wenigstens nur bescheidene Äußerungen tun.«

»Was nützt mir Bescheidenheit, meine Liebe!« rief der Grashüpfer, »ich verlasse mich lieber auf meine Beine, mit ihnen komme ich weiter. Passen Sie auf, sobald die Büchse geöffnet wird, werden Sie sehen, wozu Beine gut sind, wie ich sie habe.«

Jen hörte aufmerksam zu. »Wie interessant,« dachte er, »einmal vom Charakter der Leute etwas zu erfahren, die man bisher nur gefressen hat. Übrigens werde ich mir die Pläne des Grashüpfers zunutze machen und springen, sobald das Gefängnis geöffnet wird.«

Dies geschah kurz darauf. Der Knabe hatte die ganze Familie um den Tisch versammelt, auf den er seine Botanisiertrommel gelegt hatte, und war willens, alle seine Lieben an der Freude teilnehmen zu lassen, die seine Beute ihm bereitete.

Jen war durch den grellen Lichtschein geblendet, der plötzlich in die Nacht des Kerkers drang, er sah anfänglich so gut wie nichts, nur einige Menschenköpfe glaubte er zu unterscheiden, die dicht über den Ausgang gebeugt waren. Er dachte an die Pläne des Grashüpfers und sprang blindlings drauflos, so hoch und weit er konnte. Er landete auf einer harten blanken Platte, und in seiner Verwirrung achtete er nicht darauf, daß sich plötzlich die Hand des Knaben über ihn legte und ihn fest umschloß.

Die Hand war warm, bebte ein wenig und drückte heftig, aber gleich darauf öffnete sie sich wieder, und Jen fiel zu seiner unaussprechlichen Freude in klares Wasser, auf dessen Grund es von allerlei Pflanzen grün schimmerte. So rasch er konnte, tauchte er unter und verkroch sich, so gut es ging, unter Schilfblättern, etwas erstaunt darüber, daß sich der Boden nicht aufwirbeln und das Wasser nicht trüben ließ.

Er ahnte nicht, wo er sich befand, noch wußte er, daß er ohne seinen Willen durch seinen voreiligen Sprung zum Erretter eines großen Teils seiner Leidensgefährten geworden war, denn sowohl der Grashüpfer wie ein Teil der übrigen Tiere hatten die allgemeine Aufregung benutzt, um sich davonzumachen. Dies gelang ihnen in der Hauptsache deshalb, weil sich die Erschließung ihres Kerkers gottlob auf der Hausveranda zugetragen hatte, die unmittelbar in den Garten führte.

Die Zeit verging langsam, und es wurde dämmerig, der Abend sank nieder. Der kleine Jen hatte bald herausgebracht, daß er sich nicht in der Freiheit, sondern in einem engen, runden Käfig befand, dessen Wände durchsichtig wie Wasser waren, aber so hart wie Stein. Er hatte seine Bemühungen aufgegeben, dieser Gefangenschaft zu entrinnen, saß still und traurig an der glatten Wand und sah in die Abenddämmerung, in den Garten hinaus. Einmal war der Deckel seines Käfigs geöffnet worden, und jemand hatte einen Grashüpfer zu ihm ins Wasser geworfen, der nun ruhig, alle Beine weit vom Körper abgespreizt, auf der Oberfläche schwamm. Er war tot. Jen glaubte in ihm seinen Gefährten aus dem ersten Gefängnis wiederzuerkennen, aber er war dessen nicht sicher.

Glaubt man etwa, ich fräße den? dachte er. Hungrig genug war er, aber kein gesitteter Frosch frißt einen toten Grashüpfer. Ein Grashüpfer, der verschlungen werden soll, muß springlebendig sein, munter und jung. Man muß ihn noch eine ganze Weile im Magen rumoren fühlen, ganz von dem angenehmen Kribbeln zu schweigen, das er verursacht, wenn er den Hals hinuntergleitet.

Jen war unbeschreiblich traurig. Was sollte werden? Draußen über dem Garten ging der Mond auf und schien in den gläsernen Käfig. Der tote Grashüpfer drehte sich langsam an der Oberfläche des Wassers, und sein Schatten bewegte sich, schaurig anzusehen, grau und groß auf dem Fensterbrett, auf dem der Glaskäfig stand. Dort sah Jen auch seinen eigenen Schatten, rund und plump, wie einen feuchten Fleck zwischen den silbrigen Streifen vom Wasser, vom Glas und vom Mondlicht. Alles war fremdartig und unheimlich, und an Schlaf war unter diesen Umständen kaum zu denken. Einmal kam, gegen Mitternacht, eine Maus auf dem Fensterbrett daher, sie sah durch das Glas, schien aber niemand zu erkennen und entfernte sich dann rasch wieder, weil sie unten, in der Dunkelheit, gerufen wurde.

Kurze Zeit darauf mußte der kleine Jen doch aus Erschöpfung eingenickt sein und lange geschlafen haben, denn als er erwachte, war es heller Tag, und draußen funkelte der Sonnenschein im Grünen. Der Knabe, der ihn gefangen hatte, kam nach einer Weile und schaute neugierig durch das Glas, wobei er seine Nase so dicht an die Wand des Kerkers drückte, daß sie an der Spitze glatt und rund wurde. Er öffnete den Deckel und nahm Jen heraus, legte ihn auf ein weißes Tuch, das er über ihm zusammenschlug, und dann rieb er ihn von allen Seiten, um ihn abzutrocknen Jen ging der Atem aus, er glaubte jeden Augenblick zu ersticken. Hierauf wurde das Tuch wieder geöffnet, und der Knabe rührte mit der einen Hand Farbe in einem kleinen Topf an, mit der anderen hielt er Jen fest und begann dann ihn grün anzustreichen, denn er wollte einen Laubfrosch aus ihm machen, der das Wetter ansagen sollte.

Jen kamen Tränen in die Augen, es war ihm unbegreiflich, weshalb dies geschah, und zu seinem Schrecken sah er zuerst seinen schönen hellen Bauch und dann auch den braunen Rücken und sein Gesicht über und über grün werden. Man kann sich nichts Peinlicheres denken. Alle Anzeichen, die Jen gab, um kundzutun, daß er dagegen war, wurden mißverstanden, der Knabe pinselte eifrig weiter und lachte vor Vergnügen, als Jen bald darauf als ein grüner Frosch auf dem Tisch umhersprang und überall Flecken zurückließ, wo er gesessen hatte.

Jen selbst war so verwirrt, daß ihm kein vernünftiger Gedanke mehr kam. Er wurde wieder in seinen Käfig gesetzt, der nur noch wenig Wasser enthielt, oben auf die Spitze einer kleinen Holzleiter, dort sollte er trocknen, auch gehörte es sich sowieso, daß er oben saß, denn das Wetter war schön, und dann muß ein Laubfrosch oben sitzen und nicht unten im Wasser. Jen galt nun als Laubfrosch und sollte die Verpflichtung übernehmen, die man von solchem Tier erwartet.

Trauriger kann das Leben nicht mehr werden, dachte er und wünschte sich, sterben zu dürfen. In diesem Aufzug konnte er sich ohnehin nicht mehr bei seinen Verwandten sehen lassen, und was würde Assap sagen?

Als er sich nach einer Weile allein sah, stieg er gedankenvoll und betrübt die Leiter nieder, um sich im Wasser etwas abzukühlen, denn die Sonnenstrahlen fielen heiß in seinen Kerker, und die Farbe brannte auf der Haut. Aber kaum war er untergetaucht, als er gewahr wurde, daß das Wasser sich langsam grün zu färben begann, während sein Körper wieder die alten Farben annahm. Jen glaubte, alles umher sei verzaubert, und von Angst getrieben, kroch er rasch wieder die Leiter empor und sah erstaunt auf das grüne Wasser nieder. Der alte Burr aus dem heimatlichen Bach mußte doch im Recht gewesen sein, wenn er früher oft gesagt hatte: »Hütet euch vor dem Menschen, er ist ein großer Zauberer.«

Das Schicksal des kleinen Jen geht nun unendlich traurig zu Ende, denn er ist von den Menschen vergessen worden und hat vor Hunger sterben müssen. Es kam daher, daß der Knabe, der ihn gefangen hatte, mit seinem Schwesterchen in die Ferien reiste, und da gab es so vielerlei zu sehen und zu erleben, daß beide nicht mehr an Jen dachten, der in seinem Glaskäfig auf der Fensterbank der Veranda stand. Sie hatten nicht einmal gewußt, wie er hieß.

Jen starb, nachdem er drei Tage und drei Nächte vergeblich auf Hilfe gewartet hatte. Es war eine sehr schwere Zeit für Assaps kleinen Bruder, und es ist nur gut, daß man im Traulenbach nichts von seinem Geschick erfahren hat. Nun ist ein Jahr darüber vergangen. In seinen letzten Lebensstunden mußte Jen oft an das klare Wasser des Bachs seiner Heimat denken und an die wilden Rosen, die über der Flut hingen. Mit solchen Gedanken schlief er eines Abends vor Schwäche ein und erwachte nicht mehr. Es war am vierzehnten August.


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