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Des guten Herbstwetters halber hatte Fürstin Sophie eine Wagenfahrt nach dem idyllisch gelegenen Wallfahrtsorte Frauenberg bei Admont befohlen, und zwar nach dem Lunch. Als aber bei Aufhebung der Tafel Prinz Emil um Audienz in einer dienstlichen Angelegenheit bat mit dem Hinweise, daß die Besprechung wahrscheinlich längere Zeit beanspruchen werde, bestellte die erstaunte Mama den Wagen wieder ab.
Daß der Sohn der Mutter sich wieder nähert, eine Aussprache wünscht, sich um Herrschaftsangelegenheiten kümmert, erfüllte die Fürstin mit größter Freude. Und im voraus war sie gewillt, allen Vorschlägen des geliebten Sohnes zuzustimmen.
Als aber Emil mit dem von Gnugesser gelieferten Aktenmaterial im Zimmer der Mama erschien und von Schlägerung und Lohnaufbesserung sprach, ward die Miene der Fürstin etwas säuerlich. Und Mama verschanzte sich hinter dem Ausspruch des Jagdgehilfen Eichkitz, wonach die Jäger um jeden gefällten Baum heulen und »die Hirsche auch«.
Trocken und kurz erzählte Emil, weshalb der Eichkitz wegen grober Dienstesvernachlässigung entlassen worden sei.
Nun gab Mama jeden Widerstand auf, hütete sich auch, wegen der Entlassung des früheren Günstlings Eichkitz ein Wort zu äußern. »Tu was du willst, lieber Sohn! Wenn ich um eines bitten darf, tu nichts ohne Hartlieb gefragt zu haben, der ja Fachmann ist!«
»Gewiß! Selbstverständlich! Du wirst ja zweifellos während meiner Abwesenheit auch stets den Oberförster gefragt haben!«
Fürstin Sophie biß sich auf die Unterlippe und schwieg.
»So! Es ist alles erledigt! Wenn Mama gestattet, werde ich euch begleiten und mit nach Frauenberg fahren!«
»Da du mitfahren willst, kann Martina zu Hause bleiben!«
»Aber nein! Die Gussitsch soll nur mitfahren! Das arme Wurm versauert ja ohnehin auf ihrem Kammerl! Das bissel Vergnügen einer Wagenfahrt ist ihr schon zu gönnen! Vorausgesetzt, daß es in dem Nest etwas zu schnabulieren gibt! Ich habe heute einen merkwürdigen Appetit auf Backhühner und Steiererwein! Da der – mündige Prinz von Schwarzenstein naturellement die Zeche zu berappen haben wird, dermalen aber – horribile dictu – nur über lumpige zehn Kroneln verfügt, muß ich die durchlauchtigste Fürstin-Mama um Ausfolgung von Moneten allergehorsamst bitten!«
»Ja freilich! Wieviel wird denn das Backhendl-Vergnügen kosten?«
»Hundert Kroneln werden vielleicht genügen! Nichts Gewisses weiß man nicht!«
»Was? Hundert Kronen?! Das ist ja ein ganzes Vermögen! Hundert Kronen für ein Backhendl? Entsetzlich! Unerhört teuer!«
Schmunzelnd meinte Emil, den das Gejammer Mamas belustigte: »Ach wo! Ein Hunderter ist ungefähr soviel, wie wenn ein Ochs ein Veigerl frißt!«
»Ach Gott! Diese Ausdrücke! Schrecklich! Sie gehen mir auf die Nerven!«
Die Audienz endete damit, daß die Mama, die vom Geldwert und merkantilen Dingen nicht viel verstand, dem Sohne ganze zwanzig Kronen gab, die Emil gelassen in die Westentasche steckte. »Danke! Jetzt aber muß auch Norbert mitfahren!«
»Aber warum denn?«
»Das bleibt einstweilen mein Geheimnis! Untertänigsten Dank, liebe Mama!« Emil küßte der Mutter die Hand und empfahl sich.
Unten, und zwar in Nähe der Fenster von Martinas Zimmer, befahl Emil dem verdutzten Kammerdiener Norbert die Bestellung des viersitzigen Wagens absichtlich so lauten Tones, daß Fräulein von Gussitsch jedes Wort hören mußte. Richtig erschien auch Martina an einem der offenen Fenster.
Hinauf grüßend und mit den Augen zwinkernd rief Emil: »Bitte, sich rasch fertigzumachen! Dienstfahrt nach Frauenberg zu Backhendl und Steiererwein! Ich fahre ooch mit!«
»Nicht möglich! Che grandissimo onore!« kicherte Martina und verschwand vom Fenster.
In Gedanken nannte Emil das Hoffräulein einen »sehr netten Käfer«. Und auch die Wahrheit gestand er sich ein, daß er nur deshalb mitfährt, um die zum Anbeißen hübsche Martina etliche Stunden als Gegenüber betrachten zu können.
Als der Wagen vorfuhr, erteilte Emil dem Kammerdiener den Befehl: »Sie fahren als Reisefourier mit, verstanden?«
»Zu Befehl! Ich werde mich sofort mit dem Nötigen versehen!« Und hurtig verschwand Norbert, um ebenso rasch wieder zu erscheinen.
Noch vor der Abfahrt wurde eine Depesche gebracht, welche für den Abend die Rückkehr des Grafen Thurn ankündigte und einen Wagen zum Bahnhofe Admont erbat.
Fürstin Sophie meinte, daß man auf dem Rückwege von Frauenberg den Grafen in Admont abholen könne.
Davon wollte aber Prinz Emil, dessen Augen die schöne Martina anblitzten, nichts wissen; er heuchelte Sehnsucht nach familiärem Zusammensein, das gestört würde durch ein minutiöses Erscheinen am Bahnhofe.
Hocherfreut nahm die Mama diese spitzbübische Heuchelei für Ernst und gab Befehl, daß ein eigener Wagen für den Grafen Thurn gesendet werde.
Während der Fahrt durch das in den Farben des Herbstes prangende Ennstal verhielt sich Emil schweigsam. Gleichgültig gegen die Pracht der himmelragenden Felskolosse, die das Tal besäumen. Um so größeres Interesse verriet der Blick für das bildhübsche Hoffräulein. Zu Martinas Unbehagen, denn fängt die Fürstin nur einen einzigen dieser brennendes Interesse kündenden Blicke auf, so wird eine bitterböse Situation heraufbeschworen sein. Unangenehm war sie jetzt schon während dieser dem »Vergnügen« gewidmeten Fahrt durch die angespannte Aufmerksamkeit für die Gebieterin für den in jedem Moment möglichen Fall einer Ansprache, durch die Dienstesbereitschaft, durch den Zwang der Zurückdrängung von Gedanken, die sich mit Hartlieb beschäftigen wollten. Und wegen der brennenden Blicke Emils mußte Martina doch darüber nachdenken, wie sie der drohenden Gefahr entgegentreten solle, wie beizeiten die züngelnde Flamme gelöscht werden könne. Der erwachte Prinz muß toll geworden sein, von einem Sinnestaumel erfaßt; ein verzehrendes Feuer glüht in seinen flackernden Augen. Und der Tollgewordene wagte es sogar zu fußeln.
Martina mahnte mit einem tiefernsten Blick zur Vernunft, und scheu schielte sie nach der Fürstin, die gottlob von dem Gebaren des Sohnes nichts wahrgenommen zu haben schien und ihren Gedanken nachhing.
Emil gab auf die optische Mahnung hin Ruhe, aber am nervösen Zucken der Finger war zu erkennen, daß der junge Mann seine drängenden Sinne kaum länger wird beherrschen können.
Auf dem hochgelegenen Frauenberg angekommen, besuchte Fürstin Sophie, von Martina begleitet, sofort die doppeltürmige Wallfahrtskirche. Auch Emil ging mit, zur sichtlichen Freude der Mutter.
Als dann die Sehenswürdigkeiten besichtigt waren und der von Norbert gedeckte Tisch im schattigen Garten des behäbigen Gasthofes bezogen wurde, waren etliche Stunden verflossen. Immer noch zu früh für das von Emil geplante ländliche Diner. Und bei dem bestellten dünnen Kaffee mit trockenem Kuchen konnte die gewünschte Stimmung nicht eintreten. Das eisige Verhalten Martinas, die nur für die Gebieterin zu leben schien, machte Emil verdrossen.
Die Fürstin sprach von der überraschenden Stilverschiedenheit der Kirchen im Ennstale, besonders von dem Kontraste zwischen Admont und Frauenberg. Im Blasius-Münster edelste Gotik mit romanischen Portalen aus der Zeit des ersten Kirchenbaues, in Frauenberg hingegen ein italienischer Barockbau, prunkvolle Stuckarbeiten und prächtige farbenglühende Fresken. Zu Emil gewendet, sprach die Mama: »Du hattest doch Kunstgeschichte studiert, mußt also mehr verstehen als ich! Kannst du angeben, wie man dazu kam, just hier einen so reichen italienischen Barockbau auszuführen?«
Emil hatte keine blasse Ahnung von Kunstgeschichte, aber die Inschrift der Grabplatte vor dem Hochaltare hatte er gelesen, und darauf sich stützend, von plötzlichem Übermut erfaßt, schwatzte er davon, daß der Erbauer von Frauenberg, der hier zu Ende des 17. Jahrhunderts beigesetzte Admonter Abt Adalbert aus dem Geschlecht der Heufler zu Rasen und Hohenbüchel ein Italiener gewesen sei.
»Mit dem Namen Heufler zu Rasen ein Italiener? Wie ist denn das möglich?«
»Oh, der Name bedeutet nicht viel für die Nationalität! Es kann ein Stockböhmak und Urtscheche einen völlig deutschen Namen haben oder umgekehrt!«
»Ja doch! Wenn aber jener Heufler zu Rasen ein Italiener war, wie kam er in das Stift Admont?«
»Wahrscheinlich mit der Eisenbahn!«
Ob dieser handgreiflichen Aufschneiderei mußte Martina auflachen, sie konnte sich nicht bemeistern. Der Anachronismus war zu drollig, ebenso das spitzbübische Gesicht des Schelms, der es darauf angelegt hatte, die Mama reinfallen zu lassen.
Wie nun Emil sah, daß das von ihm vergötterte Hoffräulein vergnügt lachte, war er augenblicklich in rosigster Stimmung und bemüht, Martina in guter Laune zu erhalten.
Leise rügend sprach die Mama: »Du beliebst zu spaßen!«
»Verzeihung! Harmloser Ulk im Familienkreise! Kopie der alten Geschichte vom Kaiser Josef und der Bahnwärterstochter!«
Wieder ging die ahnungslose Mama dem Schalk ins Netz, indem sie sagte: »Davon ist mir nicht das geringste bekannt! Es wird sich doch der hohe Herr nicht so weit vergessen haben …?«
»Oh, Mesalliancen sind auch in früherer Zeit vorgekommen! Und in neuester Zeit gibt es deren massenhaft! Ich würde auch nicht locker lassen! Um keinen Preis der Welt!« Ein heißer Blick flog auf Martina.
Fürstin Sophie erwiderte ernsten Tones: »Die Vernunft muß immer über der Neigung stehen!«
»Verzeihung, Mama! Du meinst die Staatsräson! Für sie gilt allerdings dein Diktum immer und völlig! Bei mir wird es aber eine andere – Wurscht sein, da kommt die Staatsräson gar nicht in Betracht!«
»Gott! Diese Ausdrücke! Und dann dieses sonderbare Thema! Ich will nicht hoffen, daß du noch derlei gefährliche Absichten hegst! Du bist doch auch noch zu jung!«
»Oho! Bin schon vierundzwanzig Jahre alt!«
»Entschieden verfrüht!«
»Verzeihung, daß ich widerspreche.« Wieder flog ein heißer Blick auf die vor Schrecken erbleichende Hofdame.
In italienischer Sprache mahnte Mama: »Laß doch dieses Thema fallen! Bezahle die Rechnung! Ich wünsche heimzufahren, möchte vor Ankunft Thurns zu Hause sein!«
»Nana! Welche ›Pressiererei‹! Und die Backhendl, auf die ich mich so mächtig gefreut habe?«
»Bitte, rufe Norbert und erteile Auftrag, daß angespannt wird!«
Der Kammerdiener stand in einiger Entfernung dienstbereit und kam auf Emils Wink sofort herbei.
Gedehnten Tones sprach der Prinz: »Der Reisefourier soll seines Amtes walten! Abendessen abbestellen, aber bezahlen! Sogleich anspannen!«
Erstaunt fragte die Fürstin leise: »Was soll das mit dem ›Reisefourier‹? Warum zahlst du nicht die Zeche?«
Emil lachte nun vergnügt: »Werde mir hüten! Die zwanzig Silberlinge befinden sich unsäglich wohl in meiner Tasche! Der bezüglich der nicht bewilligten Backhendl verunglückte Ausflug soll nur aus der hochfürstlichen Kasse bezahlt werden! Norbert als Fourier wird schon verrechnen! Ich habe Rübchen: ätsch – ätsch! Mamale ist reingefallen! Diesmal bin ich der Schlauere gewesen!« Und lachend imitierte Emil das Rübchenschaben und verbeugte sich drollig.
Das geschah so nett und witzig, daß Mama nun doch lächelte und das Prinzlein einen ausgewachsenen Spitzbuben nannte.
Während der Rückfahrt attackierte Emil das Hoffräulein abermals mit heißen Blicken, rutschte quecksilbrig auf seinem Sitze hin und her und suchte Martinas Händchen zu erhaschen.
Dies bemerkte die Fürstin. Mit eisigen Worten bat sie den Sohn um ein anständiges Verhalten. »Später wird mehr zu sprechen sein!«
Martina erschauerte und war dem Weinen nahe.
Emil schien toll geworden zu sein. Er meinte: »Ach Gott! Wenn nötig, können wir sofort das Thema erörtern! Einmal muß es ja doch zum Klappen kommen!«
Scharf mahnte die Fürstin: »Still jetzt! Die Leute auf dem Bock haben Ohren! Bedenke, daß du Prinz Schwarzenstein bist!«
Emil verzog die Lippen und schwieg.
Als der Wagen an der Jagdvilla vorfuhr, bat Martina bebenden Tones um Gewährung einer außerordentlichen Audienz.
»Ich werde Sie rufen lassen! Vorerst habe ich mit meinem Sohne zu sprechen!« erwiderte sehr frostig die Fürstin.
Hildegard kam gesprungen, um die Fürstin in ihr Zimmer zu geleiten und beim Kleiderwechsel behilflich zu sein. Das mußte auf ausdrücklichen Befehl sehr rasch geschehen. Dann erfolgte der Auftrag, den Prinzen zu rufen und dafür zu sorgen, daß keine Störung erfolge.
Die Kammerfrau beteuerte, strengsten Türdienst leisten zu wollen. War doch ihre Neugierde übergroß.
Hochaufgerichtet, wie eine strafende Göttin, flammenden Blickes, empört und entrüstet, stand die Mama vor dem Sohne, der sich trotzig verhielt, zum Losplatzen bereit schien, aber doch gehorsam die gepfefferte Strafpredigt ruhig anhörte.
Aneinandergereihte Rügen für ein unartig gewesenes Kind, Tadelsworte, die mit der Frage endeten, was denn das Spiel heißen solle.
»Nicht Spiel, Mama! Ich liebe Fräulein von Gussitsch!«
»Ach was! Wo hast du nicht geliebt? In Dresden? In Dessau? Und in Berlin das bürgerliche Fräulein? Jünglingslaunen, Strohfeuer! Etliche kalte Umschläge, und der Fall ist erledigt! Bedauerlich, ja schmerzlich ist es für mich, daß ich die nette, mir sympathische Person nun entlassen, das arme Mädel in die grausame Welt hinausstoßen muß! Und das ist deine Schuld!«
Festen Tones erwiderte Emil: »Nein, Mama! Nicht Jünglingslaunen, denn ich bin volljährig! Und nicht Strohfeuer, denn es ist heftige Leidenschaft, brennende Liebe!«
»Bitte, nicht dieses Wort, nicht diesen Ton! Ich bin kein Bub mehr und auch nicht gewillt, mich gängeln zu lassen! Und ich will dir ganz ernsthaft einen Vorschlag machen, Mama! Du weißt, daß ich sehr gerne in Berlin weiterleben möchte! Dir zuliebe habe ich mich deinen Wünschen gefügt und bin zurückgekehrt! Nun bin ich bereit, auf ›Berlin‹ zu verzichten, wenn du mir erlaubst, daß ich Fräulein von Gussitsch heiraten darf! Martina oder keine!«
»Keine!« Es klang metallisch hart und schneidend, erbittert und eisig.
»Du lehnst meinen Vorschlag ab?«
»Ja, rundweg!«
»Gut! Für die Folgen hat die Mama aufzukommen!«
»Ich verbitte mir derlei Ausdrücke! Nun geh und sage Hildegard, daß sie die Gussitsch rufen soll!«
So zornig und erbittert verließ Emil das Boudoir, daß er die Verlegenheit der beim Horchen überraschten Kammerfrau nicht gewahrte. Grollend entledigte der Prinz sich des Auftrages, und dann schloß er sich in seinem Zimmer ein.
Martina sah elend aus, verweint und bleich, gerötet die Augen; schluchzend bat sie um Entlassung.
Die Fürstin fühlte nun doch Mitleid mit dem armen Mädchen, und weichen Tones sprach sie: »Zu meinem Schmerze werde ich sie leider wegschicken müssen! Doch will ich mich bemühen, eine ähnliche und passende Stellung für Sie zu beschaffen! Deshalb bleiben Sie vorerst noch hier! Ich bin dessen sicher, daß Sie verstehen werden, sich das – Kind vom Leibe zu halten! Kalte Umschläge werden den Jungen hoffentlich sehr bald zur Vernunft bringen!«
Martina wimmerte: »Ich bitte inständigst, mir zu glauben, daß mich nicht die geringste Schuld trifft! Das Aufflackern des Strohfeuers ist mir unbegreiflich! Ich habe nichts, aber wirklich nichts getan, um eine Entzündung herbeizuführen!«
»Das will ich gern glauben! Es kann ja dieses ›Feuerfangen‹ mit dem rasch erfolgten ›Aufwachen‹ meines Sohnes in gewisser Verbindung stehen! Ein psychologisch nicht genügend aufgeklärter Vorgang in der Jünglingsseele! Für Emil sicher bedeutungslos, weil vorübergehend! Eine Kinderei! Mißlich ist freilich, daß die Kinderei Ihnen die Stellung kostet! Vielleicht gelingt es, Sie durch eine Heirat in gute Obhut zu bringen! Hofdame für Lebenszeit werden Sie ja doch nicht bleiben wollen! Was ich zu Ihrer Versorgung tun kann, soll gerne geschehen, auch finanziell! Wollen Sie sich gegebenenfalls vertrauensvoll und offen an mich wenden!«
Todtraurig wiederholte Martina die Beteuerung, daß sie frei von jeder Schuld sei.
Und darob empfand die Fürstin ein starkes Befremden. Sie ärgerte sich, daß das vermögenslose Fräulein das finanzielle Anerbieten ignorierte, alle Schuld dem Prinzen zuschieben will. In übler Laune sprach die Gebieterin davon, daß die Hofdame nicht ganz frei von Schuld sein könne, die »Intervention« vermutlich zu wenig diplomatisch durchgeführt und dem Jungen eine Annäherung erlaubt habe, die zu üblen Folgen führen mußte.
Schluchzend wehrte sich Martina gegen diese Vorwürfe und verwies darauf, daß sie bei Entgegennahme des Auftrages zur Intervention auf die Gefahren derselben rechtzeitig aufmerksam gemacht habe.
Spitz klang die Antwort: »Sie werden doch nicht etwa mir Vorwürfe machen wollen? Erinnern Sie sich gefälligst, daß ich die Gefährlichkeit negierte in der selbstverständlichen Voraussetzung, daß das Hoffräulein klug und diplomatisch, mit Frauentakt interveniere! Genug davon! Was geschehen ist, soll totgeschwiegen werden! Damit Sie mit Emil möglichst wenig zusammentreffen, werden Sie für einige Zeit an der Tafel nicht teilnehmen, auf Ihrem Zimmer speisen! Auch sollen Sie einstweilen dienstfrei bleiben! Beschränken Sie Ihre Ausgänge auf das zur Bewegung unerläßliche Minimum, meiden Sie aber dabei jedes Zusammentreffen mit dem – Kinde! Und wenn nötig, weisen Sie den Jungen schroff zurück! Es tut mir leid, so sprechen und anordnen zu müssen, aber es muß eben sein! Ich hoffe, daß in einigen Wochen eine alle Teile befriedigende Lösung gefunden sein wird!« Eine Handbewegung, und Martina war entlassen.
Unmöglich war es Fräulein von Gussitsch, diesmal die strafende Hand der gnädigen Fürstin zu küssen. Zu sehr schmerzte jedes Wort, ganz besonders wurmten jedoch die Vorwürfe. Leise schluchzend verbeugte sich Martina und verließ das Zimmer.
Einer bösen, schlaflosen Nacht folgte ein kühler Morgen. Eingedenk des Befehles, Spaziergänge auf das Minimum zu beschränken und nach Möglichkeit ein Zusammentreffen mit dem »Kinde« Emil von Schwarzenstein zu vermeiden, entschloß sich Martina zu Ausgängen jeweils am frühen Morgen und späten Abend. Und so verließ sie an diesem Morgen die Villa zu einer frühen Stunde, da das Küchenpersonal noch nicht sichtbar war. Hinaus ins Freie, hinein in den nebelumflorten Bergwald, wo die Tannen geheimnisvoll flüstern und die Hirsche orgeln …
Spät des Morgens erwachte Prinz Emil. Mit einigem Haarweh als Folgen eines ausgiebig genommenen Schlaftrunkes am verflossenen Abend. Zwei Flaschen schweren Ungarweines, die sich Emil als Schlummerpunsch geleistet hatte, waren von guter Wirkung gewesen und hatten allen Ärger verscheucht und einen prächtigen Schlaf erzeugt. Jetzt am Morgen hieß es, Kater vertreiben, zunächst mit Kaltwasser den Schädel behandeln. Viel quellfrisches Wasser benötigte Emil. Und in diesem vielen Naß ertrank ganz jämmerlich eine gewisse Liebe zu einer gewissen Dame. Und nach Beseitigung des Haarwehs sagte sich Emil, daß er eigentlich doch sehr dämlich vorgegangen sei und sich überflüssigerweise eine böse Suppe eingebrockt habe. In der Gewissenserforschung kam er zu einem lebhaften Bedauern, die doch so nette Hofdame in eine sehr schlimme Situation gebracht zu haben. Unrecht hatte die Mama ja nicht, daß sie die Liebäugelei, den Flirt mit der Gussitsch nicht dulden wollte. Und völlig gerechtfertigt und einleuchtend ist der Protest gegen eine Heirat. Ordentlich froh war Emil, daß sich die Mama mit dem strikten Verbot als die Gescheitere erwies; denn jetzt am Morgen empfand er nicht die Spur einer heißen Liebe, nicht die geringste Lust, die Gussitsch zu heiraten. Dafür etwas wie Reue, sich in die Nesseln gesetzt zu haben. Das war erklecklich dumm. Dieser Selbsterkenntnis gesellte sich die Frage bei, wie auf gute und nicht schmerzhafte Weise die Folgen dieser Dummheit beseitigt werden könnten. Unvermeidlich wird ein Kanossagang zur Mama, eine ehrliche Beichte sein; muß aber gemacht werden, schon wegen der schlechten Finanzen. Und Fräulein von Gussitsch wird man um Entschuldigung bitten müssen.
Mit diesem guten Vorsatze fand Emil denn auch das seelische Gleichgewicht wieder, den leichten Frohsinn der Jugend. Er frühstückte mit Behagen. Und als er sich die Zigarette anzündete, wurde der Oberförster Hartlieb gemeldet.
»Ich lasse bitten, im Empfangssalon!« sprach Prinz Emil und fügte bei: »Seit wann versieht denn die Kammerfrau den Meldedienst? Wo steckt denn Norbert?«
Hildegard gab Auskunft, daß Norbert nach Admont gefahren sei, um die Post zu holen. Deshalb habe sie den Meldedienst übernommen.
»Danke! Führen Sie den Oberförster in den Salon!«
Die Kammerfrau verschwand.
Als gutmütiger Mensch wollte Emil den Beamten nicht unnötig warten lassen; es tat dem Prinzen zwar leid, die Zigarette wegzuwerfen, aber es geschah doch.
Beim Eintritt in das Zirbenzimmer fiel Emil der verstörte Gesichtsausdruck, die verzerrte Miene Hartliebs auf. Kalkweiß waren die Wangen, der Blick kündete bittersten Schmerz.
»Was ist Ihnen? Sind Sie krank?« fragte teilnahmsvoll der Prinz.
»Danke ergebenst! Mir ist nicht wohl!«
»Da wollen wir auf die dienstliche Besprechung verzichten! Gehen Sie sofort heim, schonen und pflegen sie sich! Der Forstwart kann Ihre Vertretung übernehmen! Lassen sie auch den Arzt kommen! Ich werde später Nachschau halten!«
»Vielen Dank! Es wird nichts von Bedeutung sein! Und den Holzverkauf zu guten Preisen dürfen wir nicht versäumen!«
»Machen Sie das alles nach Ermessen und Gewissen! Aber schonen und pflegen Sie sich! Nehmen Sie die Akten nur wieder mit! Apropos: Mama ist mit allen Vorschlägen einverstanden! Kann Ihnen im Vertrauen auch mitteilen, daß Mama viel auf den Fachmann Hartlieb hält!«
Erstaunt blickte Ambros auf. »Darf ich erfahren, wem ich das zu verdanken habe?«
»Das weiß ich nicht! Über die eingerissenen Übelstände hat mir Fräulein von Gussitsch gesagt, daß Sie der richtige Mann zur Sanierung seien und alles Vertrauen verdienen! Demgemäß habe ich bei Mama Vollmacht für Sie erwirkt! Nun aber Schluß! Sie zittern ja am ganzen Leibe! Wünschen Sie stärkende Tropfen oder Kognak? Donnerwetter, Mann, fallen Sie mir nicht um!«
Hartlieb mußte sich stützen, mit den Händen an einem Stuhle festhalten. Zuviel stürmte in dieser kurzen Spanne Zeit auf ihn ein.
Emil sprang in das anstoßende Speisezimmer, entnahm der Kredenz die Kognakflasche und brachte den stärkenden Schluck.
Dankend leerte Hartlieb ein Gläschen davon. Und dann verabschiedete er sich.
»Auf Wiedersehen! Gegen Mittag besuche ich Sie!« rief Emil dem Oberförster nach, der sich schwankenden Ganges entfernte.
Im Freien erholte sich Hartlieb rasch, und die Schwäche schwand. Er ging taleinwärts, um beim Rottmeister eine Schlägerung anzuordnen.
Wie er sich auf dem sonnenverklärten Sträßlein dem Sensenwerk näherte, kam ihm zu seiner freudigen und zugleich erschreckenden Überraschung Fräulein von Gussitsch entgegen. Verweint und eiligen Schrittes. Und beim Anblick des Oberförsters zuckte Martina zusammen, die Wangen erbleichten, die zierliche Gestalt erbebte. Als sie sich gegenüberstanden, rangen beide nach Worten. Am schwersten Hartlieb, der die bittersten Seelenqualen litt, nachdem ihm die Kammerfrau Hildegard die alle Hoffnungen vernichtende Neuigkeit zugeflüstert hatte, daß Prinz Emil die Hofdame von Gussitsch heiraten werde. Was soll jetzt der im Innersten so schwer getroffene, schlichte ehrliche Waldmann sagen? Wie danken, daß Martina sich zu seinen Gunsten verwendet hatte? Wie die Braut des Prinzen behandeln? Darf er gratulieren? Kann er es, der jede Hoffnung und sein Lebensglück verloren hat …?
Vergeblich mühte sich Martina ab, die Herrschaft über sich mit der nötigen Raschheit wiederzugewinnen. Wie gelähmt war die Gehirntätigkeit. Unmöglich war es, dem geliebten Manne zu sagen, daß sie tiefunglücklich sei und demnächst die Entlassung zu gewärtigen habe. Unmöglich, von Hartlieb jetzt Abschied zu nehmen … Und ganz unmöglich, in dieser Minute ein harmloses, nichtssagendes Gespräch zu führen. Alle Fähigkeiten der gutgeschulten, weltgewandten Hofdame versagten. Dagegen füllten sich die Augen mit verräterischen Zähren.
Hartlieb stützte sich auf den Stock, um nicht zu taumeln, und stammelte in abgehackten Worten seinen tiefgefühlten Dank für die wohlwollende Empfehlung bei den Herrschaften. »Ich, ich hab jetzt Vollmacht für, für alles! Aber, aber es freut mich nimmer -!«
Nun fand Martina doch so viel Kraft, um wehmütig zu lächeln und zu sagen: »Das wenige, was ich für Sie tun konnte, ist gern, von Herzen gern geschehen! Was mich wundert, ist, daß Sie von meiner geringfügigen Bemühung Kenntnis erlangt haben!«
»Vorhin hat der Prinz davon gesprochen!«
»Sie waren eben beim jungen Herrn?« rief überrascht Martina.
Hartlieb nickte. Das Übermaß schmerzlichster Empfindungen überwältigte ihn.
In der Sorge, dem Prinzen auf der Rückkehr zur Villa in den Weg zu laufen, erkundigte sich Martina nach der Richtung, die Prinz Emil eingeschlagen habe.
Ächzend stieß Hartlieb hervor: »Er ist noch daheim!«
»Danke! Dann muß ich mich beeilen, heimzukommen! Leben Sie wohl, Herr Hartlieb!« Ein Blick voll Liebe und Trauer. Dann huschte Martina hinweg und lief im Trab davon.
Ambros drehte sich um und guckte dem Fräulein nach. Und dachte: Wie sie es doch eilig hat, zum Bräutigam zu kommen. Alles verloren …
Gebrochen schleppte sich Hartlieb weiter, um den Rottmeister aufzusuchen.
Martina huschte in das Schlößl. Von den Dienerinnen begegnete ihr nur die Kammerfrau Hildegard, die höflich grüßte und dem in Ungnade gefallenen Hoffräulein einen spöttischen Blick zuwarf und grinsend fragte, ob jetzt der Kaffee auf das Zimmer gebracht werden dürfe.
»Ich bitte darum!« Dann verschwand Martina in ihrer Stube, die ein Gefängnis für sie geworden ist.
Leichter als erwartet vollzog sich Emils Kanossagang: die Bitte um Mamas Verzeihung wurde freudigst aufgenommen und sofort erfüllt. Aber wegen der Aufbesserung seiner Finanzen erlebte Emil eine grausame Enttäuschung. Nicht ein Wort wurde davon gesprochen. Antippen wollte aber Emil nicht. Und groß staunte er, als nach der Mitteilung, daß nun auch Fräulein von Gussitsch um Entschuldigung werde gebeten werden, Mama dem Sohne diesen Besuch verbot und befahl, es solle Emil schriftlich um Verzeihung bitten.
Enttäuscht verließ Emil die gestrenge Mama. Mit dem Entschluß, nun behufs Aufbesserung seiner trostlos schlechten Finanzen Schulden zu machen, egal wo und bei wem. Hauptsächlich in Admont, weil der Ort doch größer als das Dörflein Hall ist. Und der Satan flüsterte ihm den Rat ein: »Geh pumpen ins Kloster zu den Benediktinern!«
Im Forsthause besuchte Prinz Emil den vom Kuraufenthalte in Römerbad zurückgekehrten Hausmarschall Grafen Thurn. Diese Höflichkeitsvisite fiel sehr kurz aus, da Graf Thurn von der Reise ermüdet heimgekommen war und nicht danach aussah, als würde er geneigt sein, dem Prinzlein die Taschen mit Dukaten zu füllen. Liebenswürdig wie immer, ganz Hofmann und aalglatt, sehr dankbar für die ihm erwiesene Aufmerksamkeit. Wie der Weißbart sich nach den Ergebnissen der Reise erkundigen, gewissermaßen sondieren wollte, verabschiedete sich Emil mit dem Versprechen, darüber ein andermal referieren zu wollen.
Nun schlenderte Prinz Emil gemächlich nach Admont. Das von Sonnenstrahlen goldumwobene Münster mit den schlanken Doppeltürmen grüßte verheißungsvoll entgegen. Und die stolzen Gebäude des Stiftes erinnerten den Wanderer an das Hauptziel des Ausfluges. Aber besonders groß war Emils Zuversicht nicht, denn für ihn konnte doch nur ein einziger Stiftsherr in Betracht kommen: der Pfarrer von Hall, Pater Wilfrid. Andere Stiftsherren kannte Emil nicht. Den Abt zu behelligen, durfte überhaupt nicht gewagt werden. Bei Wilfrid stand zu hoffen, daß er nicht nur helfen, sondern auch schweigen werde. Mama darf unter keinen Umständen von dieser heiklen Angelegenheit Kenntnis erlangen, über den Rückzahlungstermin zerbrach sich Emil einstweilen den Kopf noch nicht.
Die lange Hauptgasse des Marktes Admont hinaufschreitend, erblickte Emil am Hotel »Zur Post« zu seiner freudigsten Überraschung seinen Adjutanten Baron Wolfssegg, der soeben wegfahren wollte. Sofort rief Emil den sehr länglichen, elegant gekleideten Zwetschgenbaron an. Und Wolffsegg verließ sofort den Wagen, als er den Prinzen erkannte, nahm eine stramme Haltung an und zwirbelte den rotblonden Bart auf. Im Schatten des ziemlich großen Strohhutes waren die unzähligen Sommersprossen auf Nase und Wangen nicht zu sehen, die vor der Erbschaftsübernahme den Reichtum Wolffseggs gebildet hatten.
Auf den ersten Blick gewahrte Emil, daß der zu Geld gekommene Adjutant sich jetzt fühlte, sich auch elegante Kleider zugelegt hat.
Wolffsegg erwies Reverenz mit erlesener Höflichkeit wie stets, aber doch mit einer Nuance, die merken ließ, daß man jetzt auch wer sei, nicht mehr der in Ehrfurcht ersterbende Habenichts und Bärenführer. Er lud den Prinzen ein, sich auf das Hotelzimmer zu bemühen. »Wollte soeben nach Hall fahren, mich melden bei den durchlauchtigsten Herrschaften!«
Emil lachte: »Bei mir ist die Meldung nicht mehr nötig! Mama wird sich freuen, den getreuen Wolffsegg, jetzigen Dukatenhamster, wiederzusehen! Gondeln Sie so bald wie möglich hinaus!«
»Zu dienen, Durchlaucht!«
Im Hotelzimmer angelangt, klopfte Emil auf den Busch mit der Frage, ob sich die Trauerfeier ausgiebig gelohnt habe.
»Untertänigsten Dank! Ausgiebig ist ein dehnbarer Begriff! So viel ist es, daß ich, falls dazu die Lust kommt, eigenen Kohl bauen und mir den Luxus einer Liebesheirat leisten kann!«
»Ah, was Sie sagen?! Also mächtig viel Moneten! Gratuliere heftig! Wissen Sie denn was anfangen mit dem vielen Zeug?«
»Einstweilen alles in sicheren Papierchen in einer soliden Bank deponiert!«
»Alles?«
»Wieviel wünschen Durchlaucht momentan?«
»Hm! Momentan genügt ein brauner Lappen! Wenn Sie so lieb, verbunden mit Diskretion, sein wollen!«
»Aus meiner Reisekasse kann ich momentan leider nicht mehr als hundert Kronen entbehren!«
»Her damit! Ist zwar verflucht wenig, aber in der Not frißt der arme Teufel auch Fliegen! Aber, bitte, absolute Diskretion!«
»Selbstverständlich!«
Emil dankte und schob die Scheine in die Westentasche.
»Wann soll ich den Dienst antreten?«
»Gar nicht! Hier wenigstens nicht! Es wäre denn, daß Sie mir helfen wollen, die Zeit totzuschlagen! Verdammt langweiliges Nest hier!«
»Aber, Durchlaucht haben doch prachtvolle Reviere …!«
»Die Jagd interessiert mich nicht!«
»Hm! Demnach bin ich eigentlich überflüssig geworden! Ich werde also demissionieren, mir ein Gut kaufen! Dürfte ich vielleicht vorher in Ihren Revieren jagen?«
»Soviel Sie wollen! Wenden Sie sich nur an den Oberförster Hartlieb, den ich verständigen werde! Und nun nochmals Dank! Auf Wiedersehen!«
Die Herren trennten sich. Wolffsegg fuhr nach Hall, Emil aber stapfte in das weitgedehnte Stift und suchte den Pater Wilfrid. Aber der Gastmeister des Klosters und Pfarrer von Hall war nicht anwesend. Wie es hieß, dienstlich unterwegs. Drei Tage hindurch pendelte Emil zwischen Hall und Admont hin und her, immer vergeblich; es glückte nicht, den auswärts im Pfarrdienst vielbeschäftigten Priester zu treffen. Bis zu später Abendstunde konnte der Prinz nicht warten, zum Diner mußte er im Jagdschlößl sein.
Warum er so erpicht war, sich eine größere Summe zu beschaffen, wußte Emil sich selbst nicht zu sagen. Unabhängig für einige Zeit durch Geldbesitz wollte er sein. Geld aber nur vom Hofpfarrer entlehnen, weil der Mann schweigen kann.
Wegen der Jagdwünsche Wolffseggs hatte Emil mit Hartlieb gesprochen. Etliche Tage später hörte er gelegentlich einer Begegnung vom Oberförster, daß der Baron von der Jagderlaubnis keinen Gebrauch gemacht habe und plötzlich abgereist sei.
Darob erstaunt, fragte Emil die Mama nach der Veranlassung des Verschwindens Wolffseggs. Die Verstimmung der Fürstin bemerkend, bereute Emil sogleich, die Mama mit einer ihr unangenehmen Frage belästigt zu haben.
Die Antwort enthielt zunächst die Klage, daß alles zusammenkäme, um der Gebieterin Verdruß zu bereiten. Nicht zum wenigsten der Sohn, der sich im Faulenzen übe …
Emil schluckte diese Rüge wortlos hinunter.
Sodann erzählte die Fürstin bitteren Tones von dem Riesenverdruß, den Fräulein von Gussitsch heraufbeschworen hatte, indem Martina sich rundweg weigerte, von einer prachtvollen Gelegenheit zur Rangierung Gebrauch zu machen.
Verblüfft fragte Emil: »Rangierung! Wieso denn?«
»Wolffsegg hatte geradezu edel gehandelt, der Gussitsch jenen anscheinend unglücklich konzipierten Brief völlig verziehen! Mich fragte er, ob ich zustimmen würde, wenn er um Martina werbe, wozu er durch die Erbschaft jetzt in der Lage sei! Im Interesse der Gussitsch habe ich natürlich zugestimmt! Martina aber hat den Heiratsantrag rundweg abgelehnt! Unbegreiflich! Und albern!«
»Geschmacksache, liebe Mama! Viel Sommersprossen, eine Glatze hat er auch! Und er ist so etwas wie ein Geldprotz, dem der Mammon in den Kopf gestiegen ist! Er trägt jetzt die Nase ziemlich hoch!«
»Ach was! Ein Mädel wie Martina, nach allem, was vorgefallen ist, soll froh sein, in eine glänzende Ehe kommen zu können!«
»Vielleicht war sie sich darüber klar, daß sie volles Eheglück an Wolffseggs Seite nicht finden werde! Wenn ich ein Mädel wär, ich würde eher ein Mondkalb heiraten, als den Wolffsegg!«
»Gott, diese Ausdrücke! Und dabei redest du wie ein Kind!«
»Verzeihung! Ich versteh es halt nicht besser! Reine Gefühlssache! Was geschieht denn nun mit der Gussitsch?«
»Ich weiß noch nicht! Ihre Anwesenheit ist lästig, aber es geht nicht an, das arme Mädel in die Welt hinauszustoßen! Es wäre dies grausam und unchristlich! Also soll sie in Gottes Namen bis auf weiteres bleiben! Ich werde mich schriftlich bemühen, für Martina einen anderen annehmbaren Posten als Hofdame zu beschaffen! Genug davon! – Was aber dich betrifft, wünsche ich, daß du dich endlich beschäftigst, um die Oberleitung kümmerst, Ordnung schaffst!«
»Hab ich ja bereits getan, wenigstens das Nötigste! Viel war ja nicht zu tun, da doch meine liebe, umsichtige Mama seither dirigierte und für Ordnung sorgte! Zur Zeit möchte ich ausschnaufen und ein bissel bummeln! Es ist ja so schön in Admont! Und sehr gerne besuche ich die Benediktiner, die doch gewiß ein guter Umgang für mich sind! Gentlemen, nobel und gastfreundlich!«
Daß der Schalk ulkte und stichelte, merkte die Mama nicht; sie hörte mit Freude, daß sich der Sohn die Admonter Stiftsherren zum Verkehr erwählt habe. Und so gab sie gerne die Zustimmung zu weiteren Besuchen im Stifte. Nur den erbetenen Hunderter gab sie nicht und motivierte die Ablehnung durch Wiederholung der Worte Emils, wonach die Admonter Benediktiner Gentlemen nobel und gastfreundlich sind, der Sohn also kein Geld für Speise und Trank benötige.
»Aber, Mama! Manica, bonamano, zu deutsch: Trinkgeld muß man den servierenden Dienern doch geben! Ein Prinz mindestens zehnmal mehr als ein bürgerlicher Gast des Stiftes! Und so die Paters rauchen, darf ich mich durch Zigarrenspenden doch auch nicht lumpen lassen!«
»Ja doch! Es ist schrecklich, was junge Männer Geld verpulvern!« Seufzend gab die Fürstin etliche Scheine aus ihrer Schatulle.
»Untertänigsten Dank, liebe Mama!« rief Emil freudestrahlend und ließ die Scheine in der Westentasche verschwinden. Und dann hatte er es eilig, ins Freie zu kommen und sich satt zu lachen …