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Das direkte Eingreifen der Fürstin in jagdliche Angelegenheiten, der Befehl, daß die Jagdgehilfen ihr direkt Berichte zu erstatten haben, all das mußte zur Ignorierung des Instanzenzuges führen, die Dienstesverhältnisse nachteilig beeinflussen, die Charaktere ungünstig verändern. Die Jagdgehilfen merkten sehr rasch, daß sie williges Gehör fanden, sie kamen wegen jedes Pfifferlings, machten sich wichtig, betonten die Mühen ihres Dienstes, ihre Aufopferung, und versuchten Geldgeschenke herauszuschinden. Um den Jagdleiter Hartlieb kümmerten sich die Jagdgehilfen kaum noch. Erteilte er Befehle, so wurde mit der Befolgung gewartet, weil nach entsprechend gefärbtem Bericht von der Fürstin ja doch Gegenorder gegeben wurde. Offene Auflehnung gegen den Oberbeamten wagten die Jäger natürlich nicht; aber sie freuten sich diebisch, daß so vieles über den Kopf Hartliebs hinweg angeordnet, dem Jagdleiter die Hände gebunden, ihm Stellung und Dienst sehr sauer gemacht wurden.
Am frechsten gebärdete sich der schmucke, von Durchlaucht ganz besonders bevorzugte Jäger Eichkitz. War er doch eine Art »vortragender Rat« in Jagddienstangelegenheiten geworden, täglich zum Bericht befohlen. Und fast immer geschah, was er befürwortete. Die täglichen Gänge zur Villa gaben einen willkommenen, leicht zu begründenden Anlaß zur Dienstschwänzung, zu Erleichterungen. Die Rennerei in die hochgelegenen Pyrgas-Reviere hatte ein Ende. Klug deckte sich Eichkitz den Rücken gegen das Eingreifen des Oberbeamten, indem der fesche Bursch die Gebieterin aufmerksam machte, daß er nicht gleichzeitig an zwei Orten sein könne; nicht in der Villa bei der gnädigsten Fürstin und nicht zur selben Zeit auf dem Pyrgas. Das begriff die Gebieterin, und sie befahl, daß den Dienst in den Pyrgas-Revieren ein anderer Jagdgehilfe zu machen habe; Eichkitz solle nur zeitweilig behufs Kontrolle nachschauen.
Eichkitz trug die Nase hoch; aber so klug war er doch, um sich durch Brüskierungen nicht unnötigerweise Feinde zu schaffen. Groß war freilich die Verlockung, den Kammerdiener Norbert hochnäsig zu behandeln oder doch zu verulken; Eichkitz sagte sich aber, daß er vielleicht den wegen seines Einflusses nicht zu unterschätzenden Mann gelegentlich brauchen könnte, und stellte sich in dieser Erwägung auf guten Fuß mit dem Haushofmeister. Der Kammerfrau Hildegard, der noch immer stattlichen Witib, gegenüber spielte er den aufmerksamen, demütigen Jüngling, huldigte ihr und verdrehte die Augen, seufzte wohl auch, wenn just kein Beobachter vorhanden war, und bettelte um Protektion. Nicht vergebens, denn die geschmeichelte Kammerfrau steckte ihm manchen Bissen zu. Da Eichkitz zur Schonung seines Geldbeutels freie Verköstigung zu Lasten, doch ohne Wissen der Fürstin anstrebte, mußte [er] logischerweise mit der fürstlichen Hofköchin anbandeln. Dies gestaltete sich aber schwerer, als der hübsche Frechdachs es sich vorgestellt hatte. Die üppige Köchin mit dem ungewöhnlichen Taufnamen Restituta war keineswegs blind, sah ganz gut, daß der Jäger ein bildhübscher Kerl war, aber sie hatte unerschütterliche Grundsätze. Restituta machte auch Eichkitz gegenüber, als er sie erstmals anschmachtete, kein Hehl daraus, daß sie gelobt und geschworen habe, genau den gleichen Lebenswandel zu führen wie ihre Namenspatronin, nämlich »jungfräulich« zu bleiben und »mutig« durch das irdische Leben zu gehen, auf daß die Köchin wie die heilige Restituta genau an einem 17. Mai sterbe und von einem Spezialengel in das himmlische Paradies geführt werde. Im tiefsten, heiligsten Ernste hatte Fräulein Restituta dies gesagt und dabei einen Blick verfrühter Verzückung zum Küchenplafond gerichtet. Eichkitz aber kämpfte mit übermenschlicher Kraft, um das Lachen zu verbeißen und den Anschein zu erwecken, als glaube er jedes Wort und er sei ein Verehrer der Restituta von wegen ihres »Mutes«. Nur sprechen konnte er in jener Stunde nicht, der Lachkitzel war zu stark.
Bei einem zweiten Versuch der Anbandelung war der Frechdachs aber schon imstande, zu fragen, ob die Restituta auch – wohltätig gewesen sei.
Davon war der Köchin nichts bekannt; sie wußte sich aber zu helfen, indem sie dem andächtig zuhörenden Jäger mitteilte, daß laut der Heiligenlegende die selige Jungfrau Restituta aus einer – adeligen Familie stammte. Weil sie dann Christin wurde und hinterdrein ob ihres Märtyrertodes heilig, muß sie auch wohltätig gewesen sein.
Eichkitz beschattete mit der Hand die listig funkelnden und lachenden Augen, und süßlichen Tones sprach er die Überzeugung aus, daß sicherlich auch die Köchin Restituta willens sei, sich durch ausgiebige Wohltätigkeit den freien Eintritt in das Himmelreich zu verdienen.
Wie erhofft, biß die dicke Köchin auf diesen Köder, indem sie herausplatze: »Aha jo! Gärn aa no! Wos möcht er denn, der Jaaga?«
»Der Hunger tut weh, Fräuln Restituta! Besonders tut der Hunger weh, wenn der Mensch kein Geld nicht hat! Sind Sie vielleicht auch aus einer adeligen Familie, Fräuln Restituta? So etwa vom Landadel?«
Hochgeschmeichelt meinte die Köchin mit wonnekündendem Lächeln: »Därweil no net!«
Der Lohn für die kecke Schmeichelei bestand darin, daß Eichkitz ein großes Stück Paprikaspeck bekam. Und als der enttäuschte Schelm jammerte, daß der Paprika viel Durst erzeuge, gab ihm Restituta auch noch Geld zur Durstlöschung. Und dazu den Rat, zu jener Stunde in die Küche zu kommen, wenn für das Hauspersonal das Essen verabreicht werde. Wo für so viele Leute Speise und Trank vorhanden sei, könne ein armer, frommer Jäger auch mitessen.
Und so erreichte der Frechdachs sein Ziel doch. Aber schon nach etlichen Tagen juckte ihn der Übermut, er verulkte die heilige Restituta so drollig und witzig, daß die Hausangestellten vor Vergnügen brüllten, die entrüstete Köchin aber den Spötter mit dem Besen fortjagte.
*
Oberförster Hartlieb war sich darüber völlig klargeworden, daß er unter den so gründlich und ungünstig veränderten Dienstesverhältnissen nicht auf die Dauer in seiner Stellung bleiben könne. Mannesehre, Stolz und Berufsliebe zwingen dazu, den Posten aufzugeben, sich um eine andere Stellung zu bewerben, anderswo unter einem Jagdherrn und Sachverständigen zu dienen. Der Weiberwirtschaft im Jagdbetriebe war Ambros Hartlieb bis zum Ekel überdrüssig geworden. Von einem richtigen normalen Jagdbetrieb konnte überhaupt nicht mehr gesprochen werden. Überflüssig war der Jagdleiter, er wurde nicht gerufen, erhielt auch keine Befehle. Kam er in die Reviere, traf er den einen oder anderen Jagdgehilfen im Dienst, so war ziemlich deutlich eine gewisse passive Resistenz zu beobachten. Nicht offene Weigerung, die Befehle Hartliebs zu befolgen, nur verhaltener Widerstand, Verzögerung. Lauernde Blicke, spöttisches Lächeln, widerliche, mit Hohn gemischte Unterwürfigkeit; Mienen, die zu künden schienen: Jagdleiter bist du nicht, hast nichts mehr zu befehlen, kannst mir auf den Buckel steigen!
Keine Abschußerlaubnis. Keine Einladung mehr. Diese Ignorierung tat Ambros allerdings nicht wehe, im Gegenteil, der Forstmann und Jäger freute sich, daß ihn die Gebieterin in dieser Beziehung vergessen zu haben schien. Für den Hofdienst schwärmte Hartlieb nicht, hatte von der ersten Stunde an nichts Gutes erhofft. Aber doch nicht geglaubt, daß alles so schlimm für den Waldoberbeamten und Jagdleiter unter der Damenherrschaft kommen würde. Unerträglich und empörend war die Lage für den ernsten, einsamen Ambros geworden. Entwürdigend! Dirigent ist der Jagdgehilfe Eichkitz, Frechdachs und Schmeichler in einer Person. Ein falscher Tropf, aber ein fescher Bursch. Verlogen, faul, Egoist, eine Null als Jäger und als Mensch.
In einsamen Stunden fragte sich Hartlieb oft, warum er sich nicht aufraffen kann, den Dienst aufzukündigen und den früheren Jagdpächter Grafen Lichtenberg brieflich zu fragen, ob er eine Stellung für ihn habe.
Etliche Gründe hatte Ambros für seine Unentschlossenheit, für das Hinausschieben des entscheidenden Schrittes.
Die Hirschbrunst wird demnächst beginnen. Will die Gebieterin Brunsthirsche schießen, so muß sie sich ja doch an ihren Jagdleiter wenden. Unmöglich kann die Hirschbrunst ganz ignoriert bleiben; sie ist doch die Hohe Zeit, das Herrlichste im Jagdbetriebe und für den Jagdherrn!
Wenn Hartlieb die Weiberwirtschaft verfluchte, so galt die Verdammung genau genommen nur der Mißwirtschaft auf der Seite der launenhaften und in ihren Entschlüssen unberechenbaren Gebieterin. Keineswegs der Hofdame, die ja nichts zu sagen, nichts anzuordnen hat.
Dachte Ambros an das ihm sympathische Fräulein von Gussitsch, so hüpfte das Herzelein vor Wonne. Und dem einsamen ernsten Beamten war zumute, als müßte er himmelhoch jauchzen. Wie zierlich, nett, hübsch das Hoffräulein doch ist! Wie ein Edelmarder geschmeidig und elegant! Ob Mustela in diesem Leben Frau Hartlieb werden könnte?
Können und wollen ist zweierlei!
So hoffte Ambros Hartlieb und wartete; erlitt alle Qualen trostloser Verliebtheit …
Über seine triste Lage hätte er gerne mit dem Grafen Thurn gesprochen, sich dem alten liebenswürdigen Hausmarschall anvertraut. Aber der Graf hatte infolge der miserablen Witterung das Reißen bekommen und sich mit längerem Urlaub zum Gebrauch der berühmten heißen Quellen nach Römerbad in der südlichen Steiermark geflüchtet.
Am Mittag eines naßkalten Herbsttages war es. Hartlieb hatte sich von Frau Amanda Gnugesser eine Fleischkonserve warm machen lassen, deren Inhalt er in der Kanzlei verspeiste. Der Gang zum Wirt in Hall war erspart. Eine Zigarre am Fenster schmauchend, hielt Ambros stehend kurze Siesta und blickte auf das zum Jagdschlößl führende Sträßlein im nebelerfüllten Halltale.
Plötzlich zuckte Hartlieb zusammen. Jähe Röte schoß ihm in die Wangen, ein Zittern lief durch den Körper, das Blut hämmerte und klopfte.
Das Sträßlein kam Mustela-Martina herangestapft. In neckisch-praktischem Lodenkleid, fußfrei der kurze Rock, so daß die Stiefelchen sichtbar waren. Schneidig auf dem hübschen Köpfchen thronend das grüne Ausseer Hütel. Die geschmeidige Mustelagestalt freilich neidisch verhüllt von einem wasserdichten Regenmäntelchen. Ohne Regenschirm. Der zaghaft fallenden Schnürltropfen lachend, so daß die Marderzähnchen blinkten. Offenbar mußte das bildhübsche Hoffräulein sehr vergnügt sein.
»Ob Mustela zu mir in die Kanzlei kommt?« fragte sich flüsternd Ambros. Und des Zigarrenqualmes wegen, zur Lüftung der Kanzlei, riß er die Fenster auf. Und grüßte respektvollst.
Und das Hoffräulein dankte mit einem allerliebsten Kopfnicken und munterem Lächeln. Und steuerte trippelnd dem Forsthause zu.
Martina kam nicht herauf. Sie besuchte die Forstwartsfrau. Wie Ambros die überspannte Amanda Gnugesser um diesen Besuch beneidete!
Der Uhr nach war es Zeit, den Dienstgang anzutreten. Hartlieb schloß die Fenster, machte sich marschfertig, und – blieb in der Kanzlei. Wartete und horchte auf das seltsame Klingen im Herzen.
Frau Amanda begrüßte die hübsche Hofdame strahlenden Auges und mit einer gewissen stolzen Feierlichkeit. Sie hatte brieflich um Audienz gebeten in der Absicht, die Fürstin gewissermaßen scharfzumachen, als Vorspann zu benützen und wegen der heillos unangenehmen Kanzelrede gegen den Pfarrer auszuspielen. Der Eitelkeit schmeichelte es nicht wenig, daß die Fürstin eigens die Hofdame schickt, um den erhofften, sehnlichst gewünschten Bescheid zu bringen, der nach Amandas Auffassung nur die Gewährung der Audienz sein konnte. Frau Amanda stutzte, als Martina von Gussitsch es dankend ablehnte, Platz zu nehmen und höflich mitteilte, daß auf Wunsch der Fürstin künftighin Zuschriften nicht an sie selbst, sondern an das Marschallamt oder an die Hofdame vom Dienst gerichtet werden sollen.
Der Glanz in Amandas Augen erlosch, der Blick ward hart, die Lippen bleich. Und eine tiefe Falte zeigte sich auf der Stirne. Schwer enttäuscht sprach Frau Gnugesser: »Um mir das zu sagen, haben sich gnädiges Fräulein selbst herbemüht?«
»Eine willkommene Bewegung in frischer Waldluft vor dem Lunch! Mündlich Bescheid zu geben, ist mir lieber als das Schreiben von Briefen! Allerdings überbringe ich einen Bescheid, der Ihren Wünschen nicht entsprechen wird!«
Amanda rief erbittert schrillen Tones: »Meine Bitte um Audienz ist abgelehnt? Der Empfang verweigert? In einer so wichtigen Angelegenheit? Nicht zu glauben! Erst volles Interesse, jetzt Ablehnung! Ein erstaunlicher Wankelmut! Da wird wohl die Predigt eine Rolle gespielt haben!«
»Bitte, beruhigen Sie sich! Ich bin über die Gründe, die Durchlaucht zur Ablehnung Ihrer Bitte veranlaßt haben, nicht informiert, kann also keine Auskunft geben! Die Fürstin wünscht, daß die Agitation eingestellt werde!«
Heftig und gereizt wies Amanda darauf hin, daß die Agitation reine Privatsache sei und man demnach die Fürstin weder um ihre Meinung zu fragen noch um Erlaubnis zu bitten habe.
Kühl und höflich erwiderte Fräulein von Gussitsch: »Die Wünsche der Fürstin werden von jenen Frauen respektiert werden müssen, deren Ehemänner im fürstlichen Dienst stehen!«
»Soll das eine Drohung sein?«
»Nein, nur eine gutgemeinte Mahnung zur Vorsicht!«
Spitz und giftig rief Amanda: »Ach was, Papperlapapp! Der Mann im fürstlichen Dienst erfüllt seine Pflicht, die Frau steht nicht im fürstlichen Dienst, sie ist Privatperson, und was die Frau tut, das geht die Fürstin keinen Pfifferling an! Will sich die Fürstin um uns kümmern, so soll sie die Hungerlöhne aufbessern! Auf diesem Gebiete kann sie sich nützlich machen!«
»Meine Mission ist beendet! Guten Tag, Frau Forstwart!«
Amanda begleitete das Hoffräulein bis in den Flur, und zum Abschied höhnte sie gründlich verbittert: »Empfehl mich! Meinen Handkuß, wenn ich bitten darf! Und wegen einer Einladung zum Essen soll man sich nicht mehr strapazieren, wir gehen grundsätzlich nicht zu Hof!« Und wütend kehrte Amanda in ihre Wohnung zurück und warf die Tür krachend ins Schloß.
Dieser Spektakel war für Hartlieb ein hochwillkommenes Signal, daß der Besuch beendet sein mußte. In Wehr und Waffen sprang der Oberförster die Treppe herab, und glücklich erwischte er Martina in nächster Nähe des Forsthauses. Weniger glücklich war er in der Wahl einer Anrede. Ansprechen wollte er Mustela, er mußte einige Worte an Martina richten, um die Wonne ihrer Nähe für einige Augenblicke zu genießen. Und so stammelte er denn: »Verzeihung! Keinen Befehl für mich?«
Martina machte kehrt, und lachend zeigte sie die blitzenden Marderzähnchen: »Hofdamen haben bekanntlich nichts zu befehlen! Das könnte der Herr Oberförster und Hofjagdleiter wissen!«
»Darf ich Sie begleiten?«
»Aber ja, es wird mir ein Vergnügen sein! Vorausgesetzt, daß der Dienst Sie auf den gleichen Weg führt!«
Der brave Waldmensch konnte nicht lügen, Ambros platzte mit der Wahrheit heraus: »Dienstlich sollte ich in entgegengesetzter Richtung wandern! Aber ich möchte Sie begleiten und ein ganz klein bisserl mit – Mustela plaudern!«
Martinas zarte Wangen färbten sich. Der Verlegenheit wurde das Hoffräulein rasch Herr. »Also schwänzt der Oberbeamte den Dienst! Ein leuchtendes Beispiel für die Untergebenen! Apropos: mit wem wollen Sie ein ganz klein bisserl plaudern?«
Jetzt war die Reihe zum Rotwerden an Hartlieb. Und in hilfloser Verlegenheit stammelte er das Geständnis, daß Fräulein von Gussitsch ihn besonders dann lebhaft an die Geschmeidigkeit und Zierlichkeit des graziösen Edelmarders, der lateinisch » Mustela martes« heiße, erinnere, wenn das Fräulein ein hochgelbes Halsband trage.
Die Bäcklein Martinas flammten glutrot. »Ei der Tausend! Soll ich mich durch diesen Vergleich geschmeichelt oder beleidigt fühlen? Der Marder ist doch ein Raubtier, nicht?«
»Allerdings! Scheu, listig, beherzt, der denkbar kühnste Räuber, aber schön von Gestalt, vornehm besonders der Edelmarder in jungen Jahren mit dem hochgelben Hals! Ein schneidiges Kerlchen!«
Martina kicherte im langsamen Weiterschreiten: »Außerordentlich dankbar bin ich für diesen schmeichelhaften Vergleich! Entzückend nett, daß der Herr Oberförster das harmlose Hoffräulein mit dem ›denkbar kühnsten Räuber‹ vergleicht! Können Sie mir vielleicht sagen, was ich bereits – geraubt habe?«
So locker zwei Worte auf Hartliebs Zunge saßen, so leicht die Antwort wäre, er wagte nicht, sie zu geben. Die Blutwelle in Martinas Wangen kündete, daß Fräulein von Gussitsch die zwei ungesprochenen Worte erraten hatte. Und nun zappelte Martina mit beschleunigten Schritten heim.
Um doch etwas noch zu sagen, stammelte Ambros: »Die Schneid Mustelas ist so groß, daß der schöne Edelmarder Tiere angreift, die ihm an Kraft und Körpergröße weit überlegen sind!«
»So? Greift ›Mustela‹ auch – Menschen an?«
»In seltenen Ausnahmefällen auch Forstbeamte!«
»Huhu! Höchst gefährlich! Sehen Sie sich vor, Herr Oberförster, daß Ihnen ›Mustela‹ nicht mal plötzlich ins Gesicht springt und die Äugelein auskratzt!«
Hartlieb lachte vergnügt: »Soll nur springen!«
»Lieber nicht! Addio!« lispelte Martina und flatterte hastig wie ein aufgescheuchtes Vögelchen dem nahen Schlößl zu. Wie ein Lohgerber den fortschwimmenden Fellen, guckte Ambros dem Hoffräulein betrübt nach. Dann kehrte er um und wanderte in den Wald auf der entgegengesetzten Seite …
Im Speisesaale des Schlößls stand Norbert vor der Suppenterrine am Büfett und wartete auf das Erscheinen der Fürstin. Martina hatte in aller Eile Dinerkleider angelegt, kam genau auf die Sekunde in den Speisesaal und guckte verwundert.
Norbert flüsterte ihr zu: »Kann eine Weile dauern, Durchlaucht lesen einen soeben aus Berlin eingelaufenen Brief!«
Stehend wartete Martina auf das Erscheinen der Fürstin.
Fürstin Sophie las den Brief ihres Sohnes.
»Liebste Mama! Über Berlin zu schreiben, werde ick mir hüten; diese großartige Weltstadt möge ein Schriftsteller von Gottes Gnaden und Beruf schildern. Nach so kurzer Zeit ein Urteil über eine total fremde und imponierende Millionenstadt abzugeben, wäre dumm und frech. Eines spüre ich schon beim Kaffee jeglichen Morgen: Wien ist Wien, und Berlin ist janz anders! In allem und jedem! Abstoßend und anziehend wie – Tiroler Rotwein besserer Sorte … An Damen habe ich hier vielerlei Exemplare kennengelernt. Adelige und nichtadelige. Hübsche und alte. Was meinst Du zu einer bürgerlichen Gattin? …«
Als Fürstin Sophie den Brief zu Ende gelesen hatte, lag ein schwaches Lächeln auf den Lippen.
Einen Blick warf sie auf die Uhr. Dann eilte die Fürstin in den Speisesaal, wo sie sich wegen der Verspätung bei Fräulein von Gussitsch entschuldigte.
Wortlos verbeugte sich Martina.
»Rasch servieren, Norbert! Und nur zwei Gänge! Nach Tisch bitte ich Sie, liebe Gussitsch, zu mir zu kommen!«
»Zu Befehl, Durchlaucht!«
Kein Wort wurde während des abgekürzten Lunches weiter gesprochen.
Für Martina war es leicht zu erraten, daß der neue Brief des Prinzen den Befehl veranlaßt haben werde. Einen drolligen Bericht vermutend, der wahrscheinlich abermals die hyperempfindlichen Nerven der Gebieterin irritiert, sah das Hoffräulein der Aussprache im Wohngemache mit voller Ruhe entgegen.
»Bitte schreiben Sie das Telegramm, das ich Ihnen diktieren werde!«
Gehorsam holte Martina das Schreibzeug und ein Telegrammformular und harrte alsdann des Diktates.
Sophie sann und überlegte. Und plötzlich diktierte sie die Adresse und den Text: »Brief erhalten, erbitte Heimkehr! Drahtantwort wegen Ankunft und Wagen zum Bahnhof Admont. Mama.«
Fräulein von Gussitsch schrieb die Worte.
Dann sagte die Fürstin: »Lassen Sie anspannen, fahren Sie mit dem Telegramm zum Bahnhof, damit Zeit gewonnen wird! Und studieren Sie die Fahrpläne der Schnellzüge, die mein Sohn benutzen kann!«
Martina gehorchte …
Als alles nach Auftrag besorgt war, der Wettergott ein Einsehen hatte und etliche Sonnenstrahlen in das Ennstal sandte zur Erquickung eingeregneter Menschen, da schickte Martina den Wagen zurück; sie wollte laufen, dem Dienst ein Schnippchen schlagen … Frei sein für ganze zwei Stunden! Auf die Gefahr hin, bei Rückkehr von Durchlaucht einen Wischer in zugespitzten Worten zu bekommen.
In Gedanken nannte Martina sich eine »nette« Hofdame, die auf das »Dienstschwänzen« erpicht ist. Doch dicht neben der Erkenntnis dieser schweren Sünde saß auch schon die Entschuldigung: ein Hoffräulein hat ja noch weniger vom Leben als die hohen Herrschaften, nicht einmal die Ausgangsfreuden der Dienstmädchen an Sonntagen! Ein mittelloses Hoffräulein, auf die Stellung angewiesen, besseres Zimmermädel, weiter nichts!
Merkwürdig, wie schnell die Gedanken des »besseren Zimmermädels« plötzlich sich mit der Frage beschäftigten, ob »man« denn lebenslang in dieser Abhängigkeit ausharren könne?
Jedes Dienstmädel hofft und ersehnt Befreiung, möchte, bevor die Haare grau werden, heiraten und Frau sein.
Martinas Gedanken flatterten in das stille Forsthaus zu Hall und umspielten den ernsten lieben Oberförster Hartlieb und erbauten in rasender Eile ein Luftschloß, das zwei sich liebende Menschen bewohnen …
Wie sich Martina aber vergegenwärtigte, daß sie als Frau Hartlieb ständig im einsamen Forsthause würde leben, viele Monate im Jahre mit der Fürstin in Berührung kommen müssen, da fiel das kühnragende Luftschloß jäh zusammen …
Traurig promenierte Martina durch die stiftische Eichelau zur Ennsbrücke und pilgerte auf dem Sträßlein gen Norden zum Dorfe Hall. Fest entschlossen, niemals wieder Luftschlösser zu bauen. Aber dieser Vorsatz zerschellte an einem neuen Gedanken, an der plötzlich aufgetauchten Frage, ob denn Hartlieb genötigt sei, lebenslang im Haller Dienste zu bleiben?
Eine Wegstunde hindurch beschäftigte sich Martina mit der Frage, was die Hofdame wohl tun würde, wenn Hartlieb einen anderen Posten annehmen und um Fräulein von Gussitsch anhalten würde? Soll die Antwort ein »Ja« oder ein »Nein« sein? Zur Bejahung gehört doch die große, alles überwindende Liebe!
Martina schüttelte das hübsche Köpfchen, in dem so viele Fragen durcheinanderwirbelten. Und sie flüsterte dem Tann zu: »Soweit sind wir ja noch gar nicht! Ich weiß ja gar nicht, ob Hartlieb mich liebt!«
Im grünen Tann seufzte der abendliche Bergwind.
Der erwartete Wischer erfolgte nicht. Die Kammerfrau Hildegard meldete der heimgekehrten Hofdame in flötendem Tone, daß die Fürstin das Diner abgesagt, sich zurückgezogen und auf jede Dienstleistung seitens des Fräuleins von Gussitsch verzichtet habe.
Somit war Martina ein freier Abend beschieden. Dienstfrei, aber selbstverständlich an das Haus gebunden.
Im stillen Kämmerlein einsam und alleine lesen, schreiben. Und denken … »Viel denken macht Kopfweh!« Schmerzliche Gefühle stellten sich ein, da Martina nach langem Sinnen erkannte, daß ihr so ziemlich alle Eigenschaften einer Hausfrau fehlen. Eine »schlechte Partie« würde Hartlieb mit dem Hoffräulein machen. Ganz abgesehen von der betrüblichen Tatsache, daß auch noch die Mitgift fehlte …
Also an der Kette bleiben, besseres Dienstmädel …
Salzige Kügelchen rannen über die Wangen …
Ein klarer kühler Morgen brach an, einen Prachttag kündend.
Des lachenden Sonnenscheins vermochte sich Martina nicht zu freuen, da sie der Folgen des gestern nach Berlin abgegangenen Telegrammes gedachte. Von Stunde zu Stunde bangte Martina einer unangenehmen Antwort und der Berufung der Fürstin entgegen.
Dienstbereit harrte das Hoffräulein auf dem Zimmer.
Gegen elf Uhr brachte Norbert ein Telegramm. Unwillkürlich fragte Martina, ab auch Durchlaucht eine Depesche erhalten habe.
»Bis jetzt noch nicht, gnädiges Fräulein! Ist denn etwas Besonderes los?«
»Danke, nein! Sie können gehen, lieber Norbert!«
Der Kammerdiener entfernte sich schwer enttäuscht und geärgert.
Martina bereute, Norbert gefragt zu haben; aber eine Gewißheit wollte sie doch darüber haben, ob auch die Gebieterin eine Depesche erhielt. Da dies nicht der Fall ist, kann das an die Hofdame gerichtete Telegramm nur von Baron Wolffsegg stammen, und der Inhalt muß unangenehm sein.
Ein Blick – und Martina stieß einen Schrei des Schreckens aus.
Die befürchteten Folgen des Befehles waren da: der Prinz will Berlin nicht verlassen, Wolffsegg ersucht die Hofdame, der Fürstin die Bitte um sofortige Entlassung zu unterbreiten.
Eine heillose Bescherung. Wie nur mit pflichtschuldiger Rücksicht und Zartheit der Fürstin diese Hiobspost beibringen?
Martina biß die Marderzähnchen aufeinander, nahm die Depesche zur Hand und ging in das Vorzimmer, wo sie Hildegard dienstbereit wartend traf: »Bitte, melden sie mich! Dringliche Dienstangelegenheit!«
Hildegard zögerte und fragte flüsternd, neugierig und zudringlich: »Doch nichts Unangenehmes? So früh am Tage Unangenehmes! Durchlaucht müssen geschont werden, haben eine schlechte Nacht gehabt!«
So leise gesprochen wurde, die Fürstin mußte doch etwas gehört haben. Sie öffnete die Türe. Bleich, übernächtig sah sie aus, brennend die Augen, tiefe Sorgenfalten im Gesicht.
Die Hofdame erblickend, zwang sich die Fürstin zu einem freundlichen Lächeln. »Schon dienstbereit? Bitte, kommen Sie zu mir herein! Hildegard soll warten!«
Im Zimmer seufzte Sophie schmerzhaft. »Was bringen Sie, liebe Martina?«
»Zu dienen, Durchlaucht! Soeben erhielt ich aus Berlin eine Depesche des Barons Wolffsegg …«
Die Fürstin las das Telegramm langsam. Und mit einer das Hoffräulein überraschenden Ruhe sprach sie: »Ähnliches habe ich befürchtet, nämlich die Weigerung Emils! Nicht aber die Demission Wolffseggs, von der keine Rede sein kann; wenigstens jetzt nicht und bis Emil an meiner Seite ist! – Wir hätten anders depeschieren sollen …!«
Den im Nachsatze steckenden Vorwurf schluckte Martina gehorsam hinunter, wiewohl er schmerzte. Ein ganz ungerechtfertigter Vorwurf, denn der Text war doch diktiert, stammte nicht vom Hoffräulein …
Sophie sprach weiter: »Es kann auch sein, daß Wolffsegg von früher her verärgert ist, ob des Briefes, den Sie ihm gesendet haben! – Depeschieren Sie, daß die Demission nicht angenommen wird!«
Der zweite Vorwurf tat Martina bitter wehe. »Befehlen Durchlaucht noch etwas?«
»Danke, nein! Ich will abwarten, was Emil antworten wird! Die Depesche an Wolffsegg hat übrigens keine Eile! Sie bleiben zur Disposition! Danke! Auf Wiedersehen!«
Nun weinte Martina wirklich. Wimmerte eine geschlagene Stunde. Wischte aber hastig die Tränen weg, als es klopfte. »Herein!«
Ein Blick, ein Aufspringen und Entgegeneilen. »Durchlaucht geruhen selbst …!«
Güte, Herzlichkeit und warme Freude kündete das Antlitz der hohen Frau. Weichen Tones sprach die Fürstin: »Ja, selbst! Muß ja Abbitte leisten dafür, daß ich Ihnen Vorwürfe gemacht habe! Also: Verzeihung, liebe Martina! Will mich bessern! Und Sie, liebe Martina, sollen die erste sein, die einzige, der ich die Freudenbotschaft mitteile: Emil fügt sich doch! Er wird morgen nach Admont kommen! Das Schmerzlichste: Ungehorsam und Auflehnung bleibt mir also erspart! Gott sei Dank dafür! – Aber nun sagen Sie mir, liebe Martina, was meinen Sie: wie könnte ich dem Sohne zum Dank für seine Fügsamkeit eine besondere Freude machen?«
Martina machte aufmerksam, daß sie in keiner Weise informiert sei, nicht die hohe Ehre hätte, den Prinzen zu kennen; demnach außerstande, irgendwelche Meinung zu haben und zu äußern.
»Das Haller Jagdgut kann ich Emil nicht schenken, weil er sich – einstweilen – noch nicht besonders für die Jagd interessiert! Gekauft habe ich das Jagdgut ja nur für ihn!«
So ratlos Martina war, ein Gedanke blitzte auf. »Wie wäre es, wenn Durchlaucht dem Prinzen die – Oberleitung übertragen würden? Als Beweis der Dankbarkeit und zugleich des Vertrauens! Und der Prinz würde dadurch Beschäftigung haben, sich im Verkehr mit dem Oberförster mählich doch für Wild, Forst und Jagd interessieren!«
»Hm! Zwar glaube ich nicht recht daran, aber man kann es ja versuchen! – Und nun eine private Bitte, sprechen Sie mit Hartlieb, auf daß der Oberförster für einen schönen Empfang meines Sohnes sorgt, ja?«
Martina erglühte wie eine Pfingstrose.
Das jähe Erröten gewahrend, meinte die Fürstin: »Nanu! Was ist Ihnen denn? Doch nicht Fieber?«
»Verzeihung! Mir ist arg heiß geworden -, die Freudenbotschaft plötzlich, die wider Erwarten doch günstige Wendung nach dem vorausgegangenen Ärger …«
»Nu, nu! Hofdamen dürfen sich nicht ärgern! Nun bitte ich Sie, den Oberförster vertraulich zu verständigen! Und laden Sie ihn zum Lunch ein! Auf Wiedersehen, liebe Martina!«
Fräulein von Gussitsch küßte der Fürstin die Hand und geleitete die Gebieterin bis in den Korridor.
Da saß nun Martina in der düsteren, ärmlich und streng dienstlich ausgestatteten Forstkanzlei vor dem Oberförster Hartlieb, beide stumm. So freundlich, ja freudig die Begrüßung war, ein gedämpftes Aufjauchzen sehnsüchtiger Seelen, die fröhliche Situation wurde durch zwei Worte verändert: »Zu spät!«
Mit munterer Wichtigkeit hatte Fräulein von Gussitsch berichtet, daß künftig Prinz Emil sozusagen »Jagdherr« sein werde, der Oberleiter, und Hartlieb seine rechte Hand und oberster Berater, der sich wohl bald in einen Vertrauensmann und Freund verwandeln werde. Daß Martina der Fürstin diesen Gedanken eingeblasen hatte im Interesse Hartliebs, verschwieg das Hoffräulein, um nicht zuviel zu verraten. Nur ganz wenig hatte Martina durchblicken lassen, daß nach Rückkehr des jungen Prinzen das »Weiberregiment« ein wohltätiges Ende finden werde. Einen Freudenschrei aus Hartliebs frohbewegter, von Druck und Sorgen befreiter Brust hatte Martina erwartet. Ambros Hartlieb aber hatte tiefernst mit tonloser Stimme geantwortet: »Zu spät!«
So bestürzt war Martina, daß sie gar nicht fragen konnte, was geschehen sei.
Wie erloschen schien Lebensfreude und Zukunftshoffnung in Hartlieb, da er nach einer Pause sprach: »Zu spät kommt diese Botschaft, denn ich habe Schritte getan, um eine – andere Stellung zu erhalten! Hier sind die dienstlichen und sonstigen Verhältnisse unerträglich geworden!«
In Martina quoll nach dem ersten lähmenden Schrecken jetzt doch eine kleine Hoffnung auf, auch der Mut zu fragen, ob denn ein Stellungswechsel sich so rasend schnell vollziehe, daß es für hier »zu spät« sein müsse.
Ein leises Lächeln huschte über Hartliebs ernstes Antlitz: »Das wohl nicht! Ich habe an den früheren Jagdpächter von Hall, Grafen Lichtenberg, geschrieben, ihn um gnädige Vermittlung und Empfehlung gebeten …«
»Ach so!« rief Martina im Tone der Befreiung von schwerer Sorge. »Demnach ist noch nichts abgemacht, Sie können also abwarten und zusehen, wie sich die Dienstesverhältnisse – bessern werden! Und sind sie ›erträglich‹ oder gar – was ich hoffe und wünsche – gut geworden, so wird der Herr Oberförster doch wohl hierbleiben! Landschaftlich ist es ja doch wundervoll im Halltale, nicht?«
»Gewiß! Nur schweren Herzens würde ich von hier scheiden! An eine günstige Gestaltung der Verhältnisse vermag ich aber nicht zu glauben!«
»Warum nicht?«
»Weil es heißt, daß der junge Prinz wenig oder gar kein Interesse für das Weidwerk habe!«
Rasch warf Martina die Frage ein: »Woher wissen Sie denn das?«
»Vor einiger Zeit, vor Ankunft der Frau Fürstin, hatte Graf Thurn die Frage an mich gerichtet, ob die Jagdausübung in den herrlichen Haller Revieren einen jungen apathischen Mann aufrütteln, die Weidmannslust erwecken könne. Namen wurden nicht genannt! Ich werde mich wohl kaum irren, wenn ich in dem ›apathischen jungen Manne‹ den Prinzen Emil vermute! Wenn die Weidmannslust in einem Menschen erst – geweckt werden soll, dann ist doch sicher ein Jagdinteresse nicht vorhanden!«
»Das ist allerdings richtig gefolgert! Wer weiß aber, ob sich nicht doch ein gewisses Interesse einstellt! Der Jagdleiter selbst kann da einen großen Einfluß ausüben, je nachdem er den jungen Herrn behandelt, ihm Weidmannsfreuden verschafft! Nach meiner Auffassung ist das Wichtigste, daß der Herr Oberförster in engsten Konnex mit dem Prinzen kommt, den jungen Herrn führt und leitet! Das Weitere ergibt sich von selbst! Und die Günstlingswirtschaft wird wohl bald ein Ende finden!«
»Das wäre freilich ein Segen!«
»Hoffen wir das Beste! Und einstweilen bleiben Sie, ja?«
»Versprechen kann ich nichts! Hat Graf Lichtenberg ein Jagdgut gekauft und wünscht er mich, so werde ich seinem Rufe Folge leisten müssen!«
Martina sann und murmelte: »Lichtenberg, Lichtenberg?«
»Zu dienen: Graf Udo von Lichtenberg!«
Munter rief Martina: »Hab ihn schon! Vor kurzem las ich in der Zeitung, daß Graf Udo Lichtenberg nach Afrika abgereist sei, um im Sudan zu jagen! Demnach werden Sie von ihm in den nächsten Tagen kaum Nachricht erhalten!«
»Was? Nach Afrika? Das kann nicht stimmen, nach Afrika zu Jagdzwecken reist man gewöhnlich um die Jahreswende! Und dem Grafen Lichtenberg sieht es nicht gleich, daß er die Hirschbrunst in heimatlichen Bergen ignoriere!«
»Ist alles egal, Sie bleiben bis auf weiteres, ja?«
»Bis auf weiteres, ja!«
»Sagen wir: auf ein Jahr, ja? Hand darauf!«
Ambros zögerte; es schien ihm bedenklich, sich zu binden.
»Auf Manneswort, mir zuliebe, Herr Hartlieb!«
Bewegt rief Ambros: »Ach Gott, was tät' ich nicht alles – Mustela zuliebe?«
»Hand darauf!«
Hartlieb legte seine sonnengebräunte Hand in das ihm von Martina gereichte schmale Händchen.
Und nun kicherte das vergnügt gewordene Hoffräulein: »Den mir aufgebrachten ›Spitznamen‹ ›Mustela‹ muß ich mir also gefallen lassen! Ist übrigens nicht ohne, die neue Situation: Mustela fängt den Jäger! Ansonsten ist es doch umgekehrt, nicht?«
Ambros gab Martinas Händchen frei. »Darf ich erfahren, warum gnädiges Fräulein mein Verbleiben wünschen? Sind Sie denn gern im fürstlichen Dienst?«
»Beide Fragen kann ich nicht beantworten, ganz unmöglich! Und nun zum Schlusse – die Zeit drängt und der Dienst ruft: Besorgen Sie gütigst alles für den festlichen Empfang, auf daß der Prinz recht angenehm überrascht wird und Sie liebgewinnt! Addio! Herr Oberförster!«
Martina hatte es merkwürdig eilig, aus dem Forsthause zu kommen. Hartlieb aber hatte ein Gefühl, als sei seinerseits etwas sehr Liebes und Großes gründlich versäumt und verpatzt worden …
Spät am Abend kritzelte Martina in das Tagebuch: »So ein Zottelbär, dieser Ambros Hartlieb! Führt seinen Namen zu Recht, denn es geht ›hart‹ mit seiner ›Liebe‹! Aber ich hab' ihn gern, schrecklich gern und hoffe auf einen guten Ausgang in späterer Zeit! – Gute Nacht, lieber Hartlieb!«