Anzeige. Gutenberg Edition 16. 2. vermehrte und verbesserte Auflage. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++
Ich fasse nunmehr das Ergebnis meiner Untersuchungen zusammen.
Ich glaube, eins vor allem bewiesen zu haben: daß die Arbeiterfrage keine bloße Magen- und Lohnfrage, sondern auch eine Bildungs- und religiöse Frage ersten Ranges ist. Auch wenn die weitesten Arbeiterkreise die höchsten Löhne und das beste Auskommen hätten, würde sie, vielleicht in andrer Gestalt, aber doch existieren. Die Lohnfrage ist nach allen meinen Erfahrungen nur einer, nicht einmal der bedeutendste, gewöhnlich nur der anstoß-, keinesfalls der ausschlaggebende Faktor der Bewegung. Es ist natürlich richtig, daß die Agitation unter den Arbeitern immer bei ihren materiellen Nöten und Sorgen einsetzt und, wo keine herrschen, sie ihnen doch einzureden versucht; aber das, was die großen Scharen nun schon seit Jahrzehnten zu diesem »Massenkampfe« begeistert, was gerade auch die bestgestellten und nachdenklichsten Kreise an die Spitze dieser Bewegung stellt, ist, ich wiederhole es, nach allen meinen Beobachtungen diese Lohnfrage nicht, wenigstens nicht allein. Das ist vor allem die heiße Sehnsucht des ganzen Fabrikvolkes nach größerer Achtung und Anerkennung und, im Gegensatz zu der politisch-formellen, auch nach größerer sozialpraktischer Gleichberechtigung, das ist der Glaube an eine trotz allem mögliche bessere Ordnung der wirtschaftlichen Produktion und die dunkle Ahnung, daß gerade der jetzt zur Selbständigkeit erwachende Arbeiterstand am ersten berufen sei, diese durch den demokratischen Druck der parlamentarisch heute schon hoffähigen Masse heraufzuführen. Es ist der heiße Wunsch, in dieser nahenden neuen wirtschaftlichen Ordnung nicht bloß mehr die stummen ausführenden gedankenlosen Werkzeuge eines höhern Willens, nicht nur gehorsame Maschinen, sondern kraftvoll und originell mitwirkende Menschen, nicht nur Hände, sondern auch Köpfe zu sein. Es ist der unaufhaltsame Drang nach größerer geistiger Freiheit, das Verlangen nach den Gütern der Bildung und des Wissens und nach voller Klarheit auch über die höchsten und tiefsten Probleme der Menschenseele, die heute wieder trotz aller Jagd nach Gold und Glanz als neue Rätsel in neuen Gestalten vor der Menschheit emportauchen. Das alles prägt sich, roh noch und ungefüge, unklar und gärend, aber dem beobachtenden Auge deutlich und scharf genug in dieser elementaren deutschen Arbeiterbewegung aus. Und darum unterscheidet sich die deutsche von der aller andern Länder, auch von der Chartistenbewegung Englands in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts: dort waren es, wie auch sonst überall heute noch, in der That die jammervolle materielle Lage, die grausigen wirtschaftlichen Nöte, denen diese Bewegung ihren Ausdruck gab; dort wollte man in erster Linie Brot, höhere Löhne, bessere Kleidung, ein menschenwürdiges Dasein. Was sonst von andern Zügen in ihr war, hatte nur sekundäre Bedeutung. Bei uns ist das ganz anders, ist es so, wie ich es oben geschildert habe, und eben das macht diese deutsche Arbeiterbewegung so furchtbar ernst, zu einem so vielköpfigen Ungeheuer; aber das giebt auch die Gewähr, daß, wenn sie in ruhige Bahnen eingelenkt sein wird, eine ganz andre, größere, bleibende Frucht aus ihr für spätere Zeiten und Geschlechter zurückbleiben wird, als es schon die Gewerkschaftsorganisation der englischen Arbeiter ist.
Das zweite, was wir rundweg aussprechen müssen, ist die Thatsache, daß die so geschilderte deutsche Arbeiterbewegung ihren Ausdruck und ihre Repräsentation in der Sozialdemokratie hat. Die beiden sind heute und für die absehbare Zukunft aufs engste miteinander verknüpft, ja die Sozialdemokratie ist heute diese Bewegung selbst. Es ist darum ein Wahn, dem sich immer noch viele hingeben, zu meinen, daß es möglich sein könnte, sie zu vernichten, auszuroden, aus der Welt zu schaffen. Auf dieser Meinung fußte der Schöpfer des Sozialistengesetzes ebenso wie der Führer der christlich-sozialen Bewegung, die beide ihre Taktik und Thätigkeit nur nach der Qualität der Führer, und nicht auch der Hunderttausende einrichteten, die hinter den Führern stehen und ganz anders als diese geartet sind. In beiden Fällen hat sich gezeigt, daß es eine irrtümliche Meinung war. Die deutsche Sozialdemokratie ist heute so wenig mehr zu beseitigen, als es die moderne Arbeiterbewegung überhaupt ist. Im Gegenteil, es ist meine wohlüberlegte Ansicht, daß sie auch in Zukunft noch wachsen, daß sie vor allem sich auch in vielen Teilen des platten Landes ausbreiten wird. Sicher da, wo der Großgrundbesitz überwiegt und in Verbindung mit industriellem Großbetriebe, mit Zuckerfabrikation und Schnapsbrennerei auftritt, also eine der städtischen durchaus gleiche Arbeiterklasse geschaffen hat. Auch keine freisinnigen Gewerkvereine, keine christlichen Jünglings- und Männervereine, keine evangelischen Arbeitervereine werden diese Entwicklung aufhalten. Denn sie ist, wie mir scheint, zu einer geschichtlichen Notwendigkeit geworden. Zwar auch jene eben genannten Organisationen haben ihre Bedeutung und ihren Beruf. Vor allem die Arbeitervereine sollen alle die noch immer nach Tausenden zählenden Arbeiter, denen die Wogen der sozialen Stürme über den Köpfen zusammenschlagen, sollen die ruhigen sinnenden Seelen unter ihnen, denen die Kämpfe zuwider sind, und alle die in sich sammeln und stark machen, die ihren überkommenen christlichen Glauben nicht einzulauschen gewillt sind um den Preis friedlosen Suchens und Ringens nach dem Neuen. Aber darüber hinaus haben sie sicherlich keine Mission; und so schmerzlich es mir ist, es auszusprechen, muß ich es doch sagen: es ist eine Täuschung, in ihnen die kraftvollen Ansätze einer neuen sieghaften Gegenorganisation gegen die Sozialdemokratie zu sehen. Hier liegt derselbe Gedanke zu Grunde, der sich uns schon vorhin als falsch erwiesen hat, daß die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen sei. Das ist, wie gesagt, nicht möglich, nicht einmal wünschenswert. Aber möglich, wünschenswert und notwendig ist, daß sie erzogen, geadelt und geheiligt wird.
Dies geschieht sicherlich zunächst durch eine kraftvolle tiefgreifende Reformarbeit, durch die bedingungslose Erfüllung aller berechtigten Wünsche der millionenköpfigen Arbeitermasse, durch ihre Organisation zu einem besondern Stande und durch dessen Einpflanzung in den Rechtsboden des modernen Staates. Das aber ist die Aufgabe der Regierung und der gesamten im Parlament vertretenen Gesellschaft. Hier habe ich als Theologe kein Urteil und keinen Rat. Nur das eine bitte ich zu bedenken, die Erfahrung, die ich gemacht habe: daß alles, was für die Arbeiter geschieht, heutzutage durch sie, mit ihrer Hilfe und ihrem Willen geschehen muß. Wir sind über die Zeit des Patriarchentums hinaus: auch der Einzelne aus der großen Menge ist zur Selbständigkeit erwacht und will mitraten und mitthaten, wo es um sein eigen Wohl und Wehe geht. Darum, nur durch eine dauernde ernsthafte Mitbeteiligung an den sozialen Neuformationen der Zukunft wird auch die Arbeiterschaft wieder zu einer nüchternen, besonnenen, praktischen Haltung erzogen.
Aber die zweite, nicht geringere Hälfte jener Erziehungsaufgabe hat die Kirche zu lösen. Ich setze hier mit dem ein, was sich uns als drittes allgemeines Resultat meiner Studien ergeben hat, mit der Thatsache, daß die heutige deutsche Sozialdemokratie nicht nur eine politische Partei, auch nicht nur die Trägerin eines neuen wirtschaftlichen Systems, oder dies beides zusammen, sondern ihrem innersten Wesen nach die Verkörperung einer Weltanschauung, der Weltanschauung des konsequenten, widerchristlichen Materialismus ist. Aus diesem materialistischen Prinzip heraus wächst erst ihr ökonomisches und politisches System; dieses Prinzip, das Zerrbild einer sogenannten, von ihren Anhängern angebeteten »Wissenschaft,« bildet ihre feste Grundlage, giebt der Partei ihre Autorität und ihren Idealismus; und ebenso hat dieses Prinzip bewirkt, daß sie bis heute ihren verhängnisvollsten, nachhaltigsten Einfluß nicht sowohl auf die soziale und politische Gesinnung der Leute, sondern auf den geistigen und religiös-sittlichen Charakter der gesamten deutschen Arbeiterschaft ausgeübt hat. So ist der Arbeit der Kirche der Weg gewiesen: für sie gilt es allein die Auseinandersetzung mit dieser widerchristlichen Weltanschauung des sozialdemokratischen Materialismus. Die politischen Ziele, die sozialen Träume und Wünsche jener Partei sollten sie ebenso wenig beunruhigen, wie die Sorge um die Erhaltung der heutigen Zustände, um den Bestand der herrschenden Staatsform. Diese, ihre Träger und Interessenten, mögen und müssen sie und sich selber schützen. Die Kirche hat kein Interesse daran; sie kann sie ruhigen Herzens selbst untergehen sehen, wenn sich im Ringen der Geister ihre Kraftlosigkeit und Lebensunfähigkeit herausgestellt hat. Der Kirche und ihren Dienern ist es gleichgiltig, ob sie in einem Feudal-, Manchester- oder Sozialstaate wirken. Sie sind nicht um dieses, sondern um der Menschen willen da, die in ihnen leben. Und darum, wenn in ferner oder naher Zukunft selbst der radikalste sozialistische Staat Heraufziehen, wenn die Mobilisierung aller Staatsbürger in Arbeiterbataillone Wirklichkeit und Wahrheit werden würde – was thut das uns? So treten auch wir »evangelische Pfaffen« in ihre Reihen, so arbeiten auch wir unsre vier oder sechs Stunden in der Fabrik, im Bergwerk, auf dem Acker: und die übrigen zwanzig Stunden des Tages verkündigen wir, den Aposteln gleich, frei und stark vor allen, die es hören wollen, das Evangelium unsers Herrn. Aber noch sind wir lange nicht so weit. Noch gilt es ein näheres großes Ziel zu erreichen, zu verhindern, daß die Sozialdemokratie das vollendete Antichristentum wird. Es muß der Grundsatz durch uns zur Thatsache gemacht werden, daß auch ein Sozialdemokrat Christ und ein Christ Sozialdemokrat sein kann.
Dazu aber müssen wir der sozialdemokratischen Weltanschauung ihr materialistisches Rückgrat ausbrechen. Wir müssen die Autorität jener gefälschten Wissenschaft vernichten, die durch ihren Glanz heute die Augen der ehrlich ringenden Arbeiter blendet und deren Geister willenlos in ihre Ketten schlägt. Wir müssen dieser Pseudowissenschaft der sozialdemokratischen Volkslitteratur die Heuchlermaske vom Gesicht reißen, müssen der falschen die wahre, der parteiischen die unparteiische, der mißbrauchten die reine, keusche Wissenschaft gegenüberstellen. Das ist der soziale Beruf der wahrhaft Gebildeten unsrer Tage, der Männer der Schulen und Studierstuben, daß sie heute von ihren Lehrstühlen zum Volke hinabsteigen und ihm rückhaltlos mitteilen von den Schätzen ihres Wissens und ihrer Gedanken. Da unten ringt sich eine neue breite Volksschicht aus der sozialen Unsicherheit, aus der geistigen Verworrenheit machtvoll herauf. Kommen wir ihr entgegen, geben wir ihr das Licht, das volle Licht und die volle Wahrheit, nach der sie verlangt; lassen wir es nicht weiter zu, daß man sie mit vergiftetem Wissen nährt, schenken wir ihr alles, alles, was wir nach bestem Wissen und Gewissen selber haben. Gehen wir in die Fachvereine der Arbeiter, in ihre Wahlvereine, und wo immer sie sich zusammen finden; bieten wir uns ihnen zum Dienste an, freundlich, bittend, aber ohne Hintergedanken, ohne Agitationszwecke, ohne eigennützige Absichten, nur mit dem einen Ziele, ihnen die Schätze der wahren Wissenschaft zu erschließen, ihre Folgerungen nach rückwärts und vorwärts zu ziehen, aber ihnen besonnen und ernst die Schranken zu zeigen, die auch ihnen aufgerichtet sind, und vor ihrem Mißbrauche und vor Irrwegen zu warnen. Wir protestantischen Theologen fürchten diese Arbeit nicht, wir freuen uns darüber, wir bitten um sie. Denn wir müssen, daß die wahre, vorurteilslose, forschende Wissenschaft der Wahrheit unsers Glaubens nie schadet, nur nützt. Auch auf unsern menschlichen Augen liegen noch Schleier über Schleier. Der ist uns willkommen, der sie uns herabziehen hilft. Nur immer tiefer, klarer, kraftvoller werden wir dann die ewige, unversiegliche herrliche Wahrheit unsers Glaubens ergreifen und den Frieden suchenden Menschen bringen, nur um so besser, schneller, gründlicher wird die evangelische Kirche ihre oberste soziale Aufgabe in dieser Zeit erfüllen können: den modernen Arbeitern ein modernes Christentum zu bieten.
Denn darüber ist mir nach allen meinen Studien kein Zweifel mehr übrig, daß wenigstens der sächsische Industriearbeiter, der infolge der sozialdemokratischen Agitation durch moderne Gedanken- und Wissenskreise hindurchgegangen ist, in seinem Empfinden, Denken und Auffassen ebenso wenig mehr wie der sogenannte Gebildete unsrer Zeit auf die geistige Verfassung vergangner Zeiten zurückzuschrauben ist. Auch nicht auf die der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt, der Zeiten des Neuplatonismus und der Schöpfung unsers überkommenen Glaubensgebäudes. Es geht den modernen »aufgeklärten« Arbeitern wie den Angehörigen unsrer Mittelstände, unter denen die Egidysche Bewegung unendlich viel Staub, leider wohl nur Staub aufgewirbelt hat, – sie, die sich wie alle tiefer empfindenden Menschen nach wahrhaftem Frieden sehnen, können ihn im Christentum nicht mehr finden, weil ihnen seine ewig unveränderlichen Heilsgüter in einer Form und Fassung dargeboten werden, die für sie heute unannehmbar ist. Und da sie, wie die Kaufmanns- und Beamtenkreise des Mittelstandes, weder die Zeit noch die Bildung und den geistigen Überblick haben, selbst diese Form und Fassung zu zerbrechen, um den Kern und Edelstein zu behalten, so werfen sie, obendrein ergriffen von dem Strudel des Genusses und Glanzes der Zeit, das ganze kostbare Kleinod hin und verlieren mit der Hülle den Inhalt. Nun wohl, so müssen wir, die Diener der Kirche, dies weggeworfene Gut wieder aufheben, müssen die Arbeit, die jene heute nicht thun können, oft schon nicht mehr thun wollen, für sie thun, die alten Formen zerbrechen und den trotz alledem sich danach sehnenden die ganze Herrlichkeit und Wahrheit unsers Glaubens in neuen Gedankenkreisen, in neuen Ausprägungen, in Auffassungen, wie sie dem modernen Menschen allein kongenial sein können, übermitteln. Und der ganze Apparat der modernen echten Wissenschaft soll und kann uns dabei Helferdienste leisten. Wir brauchen dabei kein Fünkchen von der Kraft und dem Wesen, das nach unsrer Erkenntnis das Christentum ausmacht, beiseite stellen und verlieren. Der Inhalt ist ewig, die Form ist vergänglich. Ich habe freilich an dieser Stelle diese Arbeit nicht zu thun. Kein einzelner vermag sie überhaupt zu thun, die von vielen hohen Geistern seit langem schon vorbereitet ist. Nur im gemeinsamen Ringen, allmählich, Schritt für Schritt, in Eintracht, mit Ernst und Besonnenheit, aber auch mit Mut und Kraft haben wir alle, die berufenen und die künftigen Diener der Kirche, sie zu leisten und dabei immer anzuknüpfen an die geschichtliche Person Jesu von Nazareth, vor deren stiller Hoheit auch der Arbeiter sich heute allein noch beugt. Aber geleistet muß diese Arbeit werden – sonst, das ist meine feste, aus bitterster Erfahrung geschöpfte Überzeugung, geht es da unten und wohl auch anderswo auf lange hinaus zu Ende mit dem Christentum. Die Sozialdemokratie ist, vom religiös-kirchlichen Standpunkte aus betrachtet, die erste große geistige Bewegung seit den Tagen der Reformation, die auch den einzelnen kleinen Mann aus dem Volke vor die Frage stellt, sich zu entschließen, ob er für oder wider Christum sein will. Sie faßt mit diesem Zwange der Entscheidung jedes Einzelnen innerste Persönlichkeit, all seine seelischen und geistigen Fähigkeiten an: nutzen wir diese wunderbare geschichtliche Gelegenheit aus, bringen wir es dahin, daß diese Entscheidung ein: Ja Herr, ich glaube! wird, so wird die sozialdemokratische Bewegung dereinst zwar als eine schwere Krisis bedauert, aber als ein unendlicher Segen und als das Mittel eines neuen großen auch religiös-kirchlichen Fortschrittes gepriesen werden. Die wir aber nicht gewinnen werden, denen werden wir dann wenigstens durch die Kraft der wissenschaftlichen Überlegenheit, die von neuem in unserm Dienste steht, imponieren. Und auch das thut nicht weniger not.
Aber der künftige Sieg unsers Glaubens, die Wiedereroberung des arbeitenden Volkes für ihn, ruht nicht in dieser apologetisch-wissenschaftlichen Arbeit, in dieser Vermählung der alten Heilswahrheiten mit den neuen Erkenntnisformen allein, sondern ebenso sehr in der Kraft frommer Persönlichkeiten, die den zweiten, den Thatbeweis für die Wahrheit des Christentums führen, den vor allem die Arbeiter – ich erinnere an einige im sechsten Kapitel mitgeteilte Gespräche – erst fordern, ehe sie wieder glauben zu können vorgeben. Christliche Persönlichkeiten aber wachsen allein auf dem Boden der kleinen lebendigen Gemeinde. Sie zu schaffen ist darum heute eine soziale Notwendigkeit. Daß sie in jenem Vororte, wo ich Arbeiter war, seit Jahren gefehlt hatte und nur erst wieder in den leisesten Anfängen vorhanden war, daß die Arbeitsgenossen dort wie verlassen in der Mitte einer fast toten kirchlichen Gemeinschaft dahin lebten, daß sie keinen moralischen Halt, keine Stütze, keine Hilfe in ihr fanden, ja daß sie sie überhaupt nicht mehr fanden und suchten, das machte sie noch viel weniger widerstandsfähig gegen die Angriffe der Gegner, als sie es ohnehin schon waren, das vor allem ließ ihnen den Glauben an irgend welchen praktischen Wert des Christentums für ihr leeres Leben gänzlich verlieren. Aber ich brauche für den Gemeindegedanken nicht noch mehr Worte zu machen: er steckt heute schon in allen Köpfen, und seine Verwirklichung ist allenthalben auf den besten Wegen. Was wird das einst in zwanzig, dreißig, vierzig Jahren für eine Freude sein, wenn auch die Großstädte nur kleine Gemeinden von 5-8000 Seelen haben, wenn überall in ihnen frisches Leben pulsiert, wenn die Predigt und die Seelsorge wieder bis in jedes Haus sorgsam hineingetragen, wenn sie getragen und mitgeübt wird von einer zahlreichen Schar begeisterter frommer Laien aller Stände, aber gleicher, edler, heiliger Gesinnung, und wenn in ihr alle Werke der Liebe und Barmherzigkeit an den Armen, Kranken und Schwachen werden gethan werden. Dies ist keine Utopie, wie Bebels freilich wohl ehrlich geträumter Zukunftsstaat: das ist nur eine Frage der Organisation, an die heute bereits Hand angelegt ist, und die Schritt für Schritt ihrer Vollendung entgegen geführt wird. Und wenn dann die Verhetzten, die Verschüchterten, die Gleichgiltigen, die Spötter verwundert aufsehn und uns fragen werden: Aus was für Kraft thut ihr das? so werden wir antworten wie die ersten Christen: In der Kraft Jesu von Nazareth! und werden auch die neuen Heiden überwinden.
Eines aber wird auch diese Zukunftsgemeinde nicht vermögen: die Nöte beiseite zu schaffen, die aus den großen, jetzt kranken wirtschaftlichen Zusammenhängen stammen. Die innere Mission, in jenes Gemeindeleben zum größten Teile organisch eingefügt, kann nur die Wunden waschen, die Schmerzen lindern, die die Anzeichen einer schweren Krankheit des ganzen Volkskörpers sind. Diese Krankheit selbst aber kann sie nicht verhindern, hat sie bisher kaum in ihrem Wesen erkannt. Diese Arbeit hat für die evangelische Kirche ein andres, das junge Unternehmen des Evangelisch-sozialen Kongresses zu thun. Ich schreibe an dieser Stelle von ihm nicht in offizieller Eigenschaft, als sein Generalsekretär. Ich schreibe hier, wie ich mir persönlich am liebsten und ausführbarsten seine Zukunft denke. Ich glaube, der Evangelisch-soziale Kongreß hat eine doppelte Aufgabe. Seine Waffe ist die Ethik des Evangeliums. Mit ihr soll er rücksichtslos, offen und ehrlich, ohne Ansehen der Partei oder Person Kritik üben an den Zuständen unsrer Tage; er soll darüber wachen, daß diese sittlichen Grundsätze des Evangeliums in den sozialen Neugestaltungen unsrer Zeit nicht abermals unberücksichtigt bleiben, und nicht abermals nur materielle Interessen ausschlaggebend werden; er soll die führenden und gebildeten, auch die leitenden industriellen Kreise, wenn nicht anders so durch den Druck der öffentlichen Meinung zwingen, daß das gesamte Wirtschaftsleben künftig auch als um der Menschen willen vorhanden angesehen wird, die, wie vor allem die Arbeiter, von ihm abhängig sind; und er soll dafür sorgen, daß auch die industriellen Werke allmählich Stätten werden, an denen alle, die in ihnen beschäftigt sind, nicht nur ihren ausreichenden Unterhalt, sondern auch innere Befriedigung und einen zweckvollen, sittlich fördernden Lebensberuf finden. So wird er in der That eine evangelisch-soziale, eine sozial-ethische Instanz werden, deren Gewicht der Staat und die gesetzgebenden Körperschaften künftig werden ebenso berücksichtigen müssen, wie beispielsweise den Zentralverein deutscher Industrieller und die sozialdemokratische Reichstagsfraktion. Aber der Kongreß hat meines Erachtens, indem er jener eben geschilderten Verpflichtung gerecht wird, noch eine zweite Aufgabe zu erfüllen: er hat der Kirche, ihren Organen und Dienern die wahren Quellen der materiellen Not, d. i. die wirtschaftlichen Zusammenhänge aufzudecken, hat ihnen das Auge für diese wirtschaftlichen Probleme zu öffnen und ihnen zu zeigen, daß auch diese Probleme bei aller kirchenregimentlichen, kirchlich organisatorischen und seelsorgerlichen Thätigkeit künftig zu berücksichtigen sind. Der einzelne Geistliche vor allem soll sich auf den jährlichen Kongressen die Kraft und die Fähigkeit holen, seine Gemeinde und die Verhältnisse ihrer einzelnen Glieder auch einmal unter diesen wirtschaftlichen Gesichtspunkten anzusehn, ihre Notstände zu untersuchen, deren Einflüsse auf den sittlichen und religiösen Charakter seiner Pfarrkinder zu verstehen, diese mit ihren angesehenen Gliedern in dem seelsorgerischen Umgang, den er mit ihnen hat, zu besprechen und auch ihnen den Blick für diese Zustande zu erschließen und das Bewußtsein der Verantwortung zu wecken, damit auch sie an ihrem Teile, in ihrem öffentlichen wie Privatleben eine ernste soziale Gesinnung bethätigen. Erfüllt der Evangelisch-soziale Kongreß diesen doppelten Beruf, so hat er eine hohe Mission, so ist auch er ein Machtmittel, um das der evangelischen Kirche gesteckte Ziel endlich doch zu erreichen: die Erziehung, die Veredlung, die Christianisierung der heute noch wilden, heidnischen Sozialdemokratie, und die Vernichtung ihrer widerchristlichen materialistischen Weltanschauung.
Druck von Carl Marquart, Leipzig.