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Siebentes Kapitel


Sittliche Zustände

Die sittlichen Zustände unter meinen Arbeitsgenossen waren noch viel deutlicher als ihre sozialen, politischen und religiösen Gesinnungen das gemeinsame Produkt der alten christlichen Sittlichkeit, neuer, durch diese noch nicht geadelter Lebensordnungen, sozialdemokratischer Lehren und menschlicher Leidenschaften, die nur halbgebändigt natürlich auch in diesen Menschen gären und glühen.

Über den ersten der vier Punkte bedarf es kaum noch eines Wortes näherer Ausführung. Das Sittengesetz des Christentums, das in der geschichtlichen Person Jesu von Nazareth als erfülltes Ideal uns von Gott offenbart ist, seitdem das starke Rückgrat aller christlichen Jugenderziehung, sitzt noch als das beste Stück ihres sittlichen Charakters und ihnen selbst oft unbewußt auch in den Herzen der mir nahegekommenen Arbeiter fest. Es gilt auch ihnen noch als Maßstab und Wertmesser für alle Handlungen und Gedanken, als die unsichtbare letzte Instanz, die Macht des Gewissens, die zwar oft beiseite geschoben, umgangen und zum Schweigen gebracht wird, die aber trotzdem auch in ihren Augen eine unantastbare Autorität und selbstverständliche und natürliche Ordnung ist. Zwar auch diese christlich-sittlichen Begriffe sind ihnen ebenso wie die religiösen Heilswahrheiten unsers Glaubens mehr nur anerzogen, als in ihrer Notwendigkeit und Schönheit erkannt und innerlich angeeignet. Aber hier ist diese Methode viel mehr Notwendigkeit und darum weniger schädlich; sie bleiben daher auch viel mehr als jene den Seelen eingeprägt, als ein niemals wieder ganz verlierbares Eigentum des einzelnen, in der That ein Teil seiner Persönlichkeit; und sie sitzen auch irgendwieweit noch im Herzen, wenn bereits die letzte religiöse Empfindung verflogen ist; aber sie verlieren dann freilich mit dieser ihren stärksten Halt, den immer erneuten Beweis ihrer Notwendigkeit und Wahrheit, ihren mächtigsten Impuls, ihren unmittelbarsten Schwung. Sie erstarren dann oft zu einer nur äußern Schale, hinter der nur wenig und verborgen noch Feuer des sittlichen Lebens glimmt. Aber sie sind doch, auch erstarrt, noch da; sie sind, gewollt oder widerwillig, stärker oder schwächer doch noch maßgebend für die ganze Haltung auch der Fabrikarbeiter und für die sittlichen Zustände, die unter ihnen herrschen, noch der Boden, aus denen diese herauswachsen.

Freilich wie überall nicht ungehindert, in Reinheit und Lauterkeit. Gerade die neuen, ungeordneten, nur durch das Interesse des Stärkern bestimmten sozialen Beziehungen, in die dieser neue Stand der großindustriellen Fabrikarbeiter hineingestellt ist, üben hier einen besonders verhängnisvollen, wenn auch nicht, wie die »Wissenschaft« der Sozialdemokratie behauptet, den alleinigen Einfluß aus. Man denke nur einen Moment an die Einkommens- und Wohnungsverhältnisse, wie sie im zweiten Kapitel angedeutet sind: sie machen es in den meisten Fällen den Durchschnittsmenschen auch beim besten Willen unmöglich, das alte schöne sogenannte christliche Familienideal zu verwirklichen, von dem man auf den Kanzeln so gern predigt. Man denke weiter an die elf- bis zwölfstündige Arbeit in der tosenden, schwülen Fabrik; wie schwer läßt sich daraus der evangelische Gedanke vom Berufe, den wir so oft verkündigen, anwenden! Wie soll sie dem Menschen innere Befriedigung und Freude gewähren und das Mittel werden, durch das sich seine Persönlichkeit zu entfalten und als ein geschlossenes, harmonisches, zweckbewußtes, lebens- und strebensvolles Ganze auszugestalten vermag? Man denke daran, wie die durch die Sorge um das Brot notwendige alltägliche lange Abwesenheit oft beider Eltern von daheim und dafür die Anwesenheit fremder selbst ungezogener und ungehobelter junger Menschen eine auch nur einigermaßen geregelte Erziehung der Kinder vereitelt. Man denke weiter auch daran, daß die unverhältnismäßig günstigen Löhnungsverhältnisse der unbeaufsichtigten Jugend notwendig zu dem Leichtsinn, der Roheit und der Verschwendungssucht führen müssen, die man unter ihnen in erstaunlichem Umfange verbreitet findet. Aber es ist nicht nötig, an dieser Stelle weitere Beispiele zum Beweise anzuführen. All das ist schon oft und objektiv genug von andern aufgezählt worden. Hier gilt es nur nochmals zu betonen, daß sie alle zu einem bedeutenden Teile die Folgen der anarchischen wirtschaftlichen Zustände sind, die der großindustrielle Fabrikbetrieb in seiner Verachtung sittlicher Rücksichten und Werte unter den Arbeitern gezeitigt hat.

Und diese Folgen mußten für den sittlichen Charakter der Leute um so verhängnisvoller sein, als in dem Maße, wie sie sich zeigten, zugleich auch die religiösen Fähigkeiten unter ihnen schwanden, die seine beste Stütze sind, und dafür die Lehrsätze der Sozialdemokratie in Wirksamkeit traten, die seinen Verfall beschleunigen.

Wir wissen, daß die Sozialdemokratie eine neue widerchristliche Weltanschauung hat. Sie hat dementsprechend auch eine andre, widerchristliche, wenn überhaupt eine Sittlichkeit. Nach ihr ist, wie schon oben angedeutet wurde, der Begriff der Sittlichkeit nur ein andrer Ausdruck für denjenigen der herrschenden Sitte. Diese aber wird wieder ausschließlich geschaffen durch die jeweiligen wirtschaftlichen Zustände, innerhalb deren sich eine Volksschicht befindet. Jede Schicht hat ihre eigne Sittlichkeit, die mit dem wirtschaftlichen Niveau wechselt. Es giebt also keine ewig giltigen, in den Menschen von oben eingepflanzten Sittengesetze. Man kennt darum auch keine Sittlichkeit um Gottes und des innern Gewissens, sondern nur um dieser materiellen Zustände, also um des irdischen Vorteils willen. Die Sozialdemokratie fordert freilich theoretisch für und von jedem einzelnen die Verwirklichung dieser »Sittlichkeit« mit Rücksicht auf das Befinden des andern, aber auch dies nur wieder um des eignen Vorteils willen, der verloren ginge, wenn der Bogen zu straff gespannt und das Behagen des einen mit dem des andern bezahlt würde. Dann würde dieser gereizt auch dem des andern ein schnelles Ende machen. So soll das Nützliche, nicht das Gute nach der Lehre der Sozialdemokratie das treibende Motiv aller sittlichen Handlungen sein. Der Egoismus ist, ganz parallel zu dem Geiste der Wirtschaftslehre des Manchestertums, auch von der Sozialdemokratie, nur in andrer Gestalt und andrer Begründung, als der Gott proklamiert, der alles regiert. Daß diese Grundsätze auf den durch ein mangelhaftes religiöses Bewußtsein und durch die soziale Unordnung an sich schon geschwächten sittlichen Charakter der Arbeiter neue schlimme Wirkungen üben müssen, ist selbstverständlich. Diese Wirkungen werden auch nicht verringert durch die Thatsache, daß diese philosophisch-ethischen Lehrsätze der »wissenschaftlichen« Sozialdemokratie nur von wenigen Arbeitern klar erkannt sind. Wenn sie sie auch nicht als Lehrsätze deutlich verstehen, umweht sie doch ihr Geist als die neue Atmosphäre, die sie seit den Erfolgen der sozialdemokratischen Agitation umgiebt, und der sie nicht entgehn können, wie sie der natürlichen Luft nicht entgehn können, die sie atmen müssen. Und eben in dieser Agitation selbst ist ihnen das beste Beispiel der Verwertung dieses neuen Geistes gegeben. Es ist der Geist der absoluten Gewissenslosigkeit, der ihr entströmt, und dem alle Mittel und Wege genehm sind, wenn sie der Parteisache nicht schädlich werden können; es ist der Geist der ungebändigten Leidenschaftlichkeit, der auch bei andern diese selben elementaren Leidenschaften des Hasses, der Verbitterung, der Verleumdung, der Vergewaltigung weckt, wenn nur ein Vorteil für die Partei erreicht wird; es ist direkt auch der Geist der bewußten, überlegten Fälschung, der mit klarem Blick und kaltem Blute herrschende Mißstände, also Ausnahmezustände, aus parteiagitatorischem Interesse als ideale Ansätze neuer sozialer Bildungen erklärt, sie theoretisch vervollständigt und ausbaut und wieder als neue treibende Prinzipien mit verstärkter Wirkung in das öffentliche Leben hineinwirft, und es so erreicht, daß jene Übelstände immer größer, daß die Ausnahmezustände chronisch, und dadurch die christlich-sittliche Gesinnung der beteiligten Arbeitermassen immer schwächer und widerstandsunkräftiger wird. Ich erinnere hier nur an ihre Lehre von der Ehe und ihr Schlagwort gegen das Sparen.

Freilich, auch eine Reihe idealer Kräfte weckt diese Agitation in der Seele des Volkes: die Begeisterung für ein neues, weites Bildungsziel, das Streben nach der Erhebung aus einer ewig stagnierenden wirtschaftlichen Lage, den Glauben an eine hohe, wirtschaftliche und politische Mission des vierten Standes und das allerdings überspannte Bewußtsein von dem Berufe einer internationalen Verbrüderung aller Völker über die Grenzen des eignen Landes hinaus. Aber auch diese idealen Kräfte verlieren durch den Charakter, mit dem sie zur Geltung gebracht werden, zum großen Teil den guten erziehlichen Einfluß, den sie in der That haben könnten, weil auch sie in den Dienst jener Nützlichkeitsmoral gestellt und von jener Agitation mißbraucht und entwürdigt werden, die nichts kennt, als das Interesse der Klasse und der Partei.

Und nun füge man zu dem allen noch die tausend verschiedenen Charaktere, die von Natur auch in der Arbeiterschaft, ja hier ursprünglicher als in andern Bevölkerungsschichten, weil hier weniger durch gesellschaftliche Schranken gehemmt, ausgeprägt sind, die Dutzende guter und schlechter Eigenschaften, die ihren Trägern angeboren sind, die mancherlei Neigungen und Hoffnungen, die dem einzelnen sein Lebensgang geweckt hat, die Leidenschaften, die auch in ihm gären und aus seinem Herzen oft mit rücksichtsloser Gewalt hervorbrechen, kurz, man nehme die Menschen, wie sie von Natur sind, mit ihren Sünden und Sorgen, ihren Wünschen und Vorsätzen, alle verschieden, jeder ein Unikum, und mische das alles mit den Wirkungen jenes höhern christlichen Sittengesetzes, das in ihrer Jugend in ihre Seelen gesenkt ward, jener oft erbärmlichen sozialen Zustände, unter deren Druck sie seufzen, jener wundersamen sozialdemokratischen Lehren, die wie die Luft sie umgeben, so wird das Produkt von dem allen ein ungefähres Bild der sittlichen Zustände geben, die in Wahrheit in der von mir beobachteten Arbeiterschaft herrschen. Sie sind wie überall ein Durcheinander von Gutem und Schlechtem, eine tragische Vereinigung von fremder und eigner Schuld. Und stets spiegeln sie sich in den Tausenden von Einzelpersönlichkeiten in tausend immer verschiedenen Schattierungen wieder. Es ist darum thöricht, wie es manchmal geschieht, zu meinen, eine Darstellung dieses sittlichen Charakters der Arbeiter durch Anführung einzelner besonders hervorstechender Züge geben zu können. Es gehört ein langes Studium, ein feines psychologisches Urteil und ein mit den Arbeitersorgen zusammenschlagendes Herz dazu, um die Tiefe ihrer Seelen, ihren ganzen sittlichen Charakter recht verstehn und schildern zu können. Auch ich maße mir nicht an, auf Grund meiner nur dreimonatlichen Beobachtungen dies leisten zu können. Ich vermag nur einige Gesichtspunkte zu geben, die mir besonders deutlich an ihnen geworden sind, und die zu einem ganzen Bilde zu vervollständigen ich spätern Arbeiten überlasse.

Eine Bemerkung, die sich an das eben Erörterte von selbst anschließt, muß ich der Wahrheit halber als die erste dieser beobachteten Thatsachen an die Spitze stellen. Man soll nicht meinen, daß unter den Arbeitern die enragiertesten Sozialdemokraten die sittlich anrüchigsten, die am wenigsten mit der Sozialdemokratie verknüpften die lautersten Naturen sind. Es ist ebenso oft das Gegenteil von beidem der Fall. Wo ein Mann schon von Natur edler und tiefer angelegt, in seiner Jugend durch guter Eltern und ehrenhafter Lehrer Erziehung hindurchgegangen ist und sich zu einem ernsten, strebsamen Charakter entwickelt hat, können ihn auch die drückenden sozialen Verhältnisse und die Sozialdemokratie nicht verderben, vielmehr werden jene nur noch seine Widerstandskraft und Energie stählen und diese ihn mit einem Enthusiasmus erfüllen, an dem das Schlechte wirkungslos abprallt. Es giebt schon in solch einem kleinen Kreise, wie ich ihn vor mir hatte, eine ganze Anzahl von Naturen, deren Typus August Bebel ist, ehrliche Menschen mit einem guten Kern, hochbegabt, aber trunken von den Resultaten der modernen »Wissenschaft«, deren rechte Konsequenzen nach rückwärts und vorwärts sie in ihrer leider nur halben Bildung nicht zu ziehn und zu werten vermögen, erfüllt von schwärmerischem Idealismus, der auch vom Materialismus wie von jedem geschlossenen Prinzip ausstrahlt, und doch nur zum teil angesteckt von dem Gifthauch, der mit ihm zugleich ausgeht und die sittlichen Kräfte der andern knickt. Ich erinnere des zum Beweise an jene vierzig freilich besser gestellten Chemnitzer Arbeiter, deren ich schon einmal Erwähnung that, von denen mir ein Weinreisender erzählte, daß jeder von ihnen ihm jährlich ein Füßchen Wein abnähme und prompt bezahlte, ja, was sonst niemand thäte, ihm das Geld dafür noch ins Hotel brächte. Sie alle hielt er für die ordentlichsten Menschen der Welt, für sparsame, strebsame Leute, gute Familienväter, tüchtige, ruhige Arbeiter, aber auch zielbewußte Sozialdemokraten. Vielleicht ist diese Schilderung etwas übertrieben; aber in ihren Grundzügen ist sie wahr; dafür kann ich selbst, wie gesagt, aus dem mir bekannt gewordenen Kreise ähnliche Menschen als Belege beibringen. Sie wachten mit peinlicher Gewissenhaftigkeit über ihren guten Ruf und setzten ihre Ehre darein, sittlich unanfechtbare Persönlichkeiten und gute Staatsbürger zu sein, und waren dennoch Sozialdemokraten, die auch das überlieferte Christentum von sich abgeschüttelt hatten. Anderseits gab es eine große Anzahl von Arbeitsgenossen, die – ich verweise hier auf den betreffenden Abschnitt meines fünften Kapitels – sich nur wenig oder gar nicht mit Sozialdemokratie abgaben und nicht das geringste taugten, die ärgsten Schreier und zweifelhaftesten Persönlichkeiten waren, ihre Familien, wenn sie welche hatten, arg vernachlässigten, ihre Arbeitsstellen immer nach kurzen Zwischenräumen wechselten, und so weiter. Und wieder zwischen diesen zwei Gruppen die wenigen, die sich tüchtige Menschen zu sein bestrebten und sich zugleich vor allen sozialdemokratischen Einflüssen ängstlich zu hüten suchten, und die vielen Sozialdemokraten, die auf dem sittlich nicht hohen Durchschnittsniveau der breiten Masse standen – alle zusammen ein Beweis für die Richtigkeit meiner Warnung, die heutigen sittlichen Mängel an unsrer Arbeiterschaft ausschließlich der Wirkung sozialdemokratischer Degenerierung zuzuschieben. Der sozialdemokratische Geist ist wie dicke schwere Fabrikluft, die gesunden« Lungen nichts schadet, schwache aber nur schwächer und schwindsüchtiger macht. Und das ist das eigentliche Verhängnis, daß die sittlichen Dispositionen der Mehrzahl eben bereits nur gering und schwach sind, sodaß auch hier die Sozialdemokratie nur die letzte Arbeit zu thun braucht.

Hiernach möchte ich ein weniges über die Art sagen, wie die Leute nach meiner Beobachtung Ausgaben zu machen pflegen. Ich kann freilich keine Arbeiterhaushaltpläne mitteilen, die allein für ein erschöpfendes Urteil über diesen Punkt maßgebend wären. Im allgemeinen habe ich beobachtet, daß ein niedriger Verdienst bis zu 25 Pfennigen die Stunde, also bis zu etwa 750 Mark das Jahr, bei einer ausgedehnten Familie ebenso zu peinlichster, geradezu heroischer Sparsamkeit erzieht, wie zu hoffnungsloser Liederlichkeit verführt, jedenfalls häufig wirtschaftlich unnormal macht, je nach dem Charakter des Mannes und der Frau. Dagegen glaube ich bemerkt zu haben, daß bei einigermaßen größerem Jahresverdienste bei weitem die Mehrzahl die Neigung zu einem geordnetem, verständigem, von höhern und edlern Bedürfnissen getragenen, sozusagen anständigern Leben hat und diese Neigung in vielen Fällen in mehr oder weniger glückende That umsetzt. Unter solchen, auch wenn sie Sozialdemokraten sind, finden sich dann auch einmal Äußerungen einer gewissen Zufriedenheit und einer Art von glücklichem Behagen, das sie nun auch ihren weniger günstig gestellten Genossen zu verschaffen und zu erkämpfen wünschen. Von der Jugend, das heißt von den Heranwachsenden und den unverheirateten Erwachsenen, ist weniger günstiges zu sagen. Sie lebten meist einfach in den Tag hinein. Was da ist, muß eben verbraucht werden und wird zumeist zum Vergnügen verbraucht. Für einen verheirateten, mit Kindern gesegneten Mann ist es auch schon bei höherem Einkommen über 1200 Mark selbstverständlich sehr schwer, zu sparen; dem vielfach gleich gut gelohnten unverheirateten jungen Manne wäre das aber eine Leichtigkeit. Aber gerade er thut es – ich kann hier ohne viele Worte zu machen die allgemeinen Klagen nur bestätigen – nur selten. Wenigstens der eigentliche, geborene Fabrikarbeiter, der Abkömmling von Fabrikarbeitern. Er gleicht in seinem lustigen, leichten Leben überraschend dem Bruder Studio, der sich ebenfalls austollen will, bevor er sich für immer in das lebenslängliche Philisterium des verheirateten Fabrikarbeiters begiebt. Etwas anders geartet ist ein Teil der direkt vom Lande und aus gut kleinbürgerlichen Kreisen in die Fabrik eintretenden jungen Leute. Unter beiden Gruppen habe ich doch manche ernstere, strebsame, an die Zukunft denkende, auch sparsame Menschen gefunden. Jene waren es wohl vor allem deswegen, weil sie im Verhältnis zu dem gewohnten Verdienst auf dem Lande sich wesentlich verbessert hatten und bei ihren bescheidneren Bedürfnissen ganz selbstverständlich manches übrig behielten, das ihnen ein Ansporn zu weiterer Sparsamkeit wurde; diese wurden häufig von daheim dazu angehalten und angespornt zum Streben nach bessrer Fachbildung, nach einstiger Selbständigkeit und größerm Behagen, wie sie es daheim gesehen und kennen gelernt hatten. Wie weit – um darauf noch einmal zurückzukommen – bei vielen Familienvätern die freilich oft durch andre wirtschaftliche Untugenden und Unfähigkeiten wettgemachte minutiöse Sparsamkeit geht, beweist die Thatsache, daß mancher unter ihnen die alte Sitte jugendlicher Völker wieder auffrischte und in seinem kleinen Haushalte, so gut er konnte, oft mit vieler praktischer Geschicklichkeit alle möglichen Arbeiten selbst verrichtete, derer, Besorgung man sonst Handwerkern überträgt. So war es vielverbreitete Gewohnheit, daß man sich allerhand Lederabfälle und altes Schuhzeug sammelte, um sein und seiner Familie Schuhwerk eigenhändig zu flicken und seinen Bedarf an Holzpantoffeln selbst zu befriedigen; daß man allerhand Zimmer-, Tischler- und Schlosserarbeiten, die sich daheim nötig machten, verrichtete, den Kindern höchsteigenhändig die Haare schor u. s. w. Und dementsprechend war es nicht selten, daß der einzelne, der einst ein Handwerk gelernt, es aber aus den verschiedensten Gründen in der Fabrik dauernd mit andrer lohnenderer Arbeit vertauscht hatte, es doch in seinen Feierabendstunden und des Sonntags noch betrieb und dies und das für gute Freunde um ein billigeres Geld, als es sonst jemand zu liefern vermocht hätte, anfertigte. So tauchen hier – ob als alte Reste oder neue Anfänge, überlasse ich dem berufeneren Urteile Sachverständiger zur Entscheidung – unter der Decke des großindustriellen Fabrikbetriebes, also unter neuen, bisher nicht vorhanden gewesenen Umständen wieder kleinhandwerkliche Erscheinungen auf.

Was das Schuldenmachen meiner Arbeitsgenossen anlangt, so vermag ich kaum eine maßgebliche Meinung zu äußern. Man sagte mir zwar manchmal: »Jeder Arbeiter hat Schulden,« aber ich habe, offen gestanden, nie recht erfahren können, wie das gemeint war. Ich glaube wohl so, daß jede Arbeiterfamilie gegen Ende der vierzehntägigen Lohnperiode häufiger oder seltner in die Lage kam, beim Kaufmann und sonstwo auf Borg einzuholen. Doch glaube ich auch, daß man diese Schuld meist wieder am nächsten Lohntage beglich. Größere und empfindlichere Schulden, die auch dem energischen Manne und der sparsamen Frau nur erst langsam wieder los zu werden möglich wurde, entstanden bei längern und schwerern Krankheiten in der Familie, bei Todesfällen, bei Arbeitslosigkeit und etwa während größerer Reserveübungen des Mannes. Ein gegenseitiges Borgen aber habe ich wenigstens unter meinen Arbeitsgenossen nicht, kaum einmal einen schwachen und dann vergeblichen Versuch dazu bemerkt. Einen Gesichtspunkt möchte ich schließlich noch unter diesem Abschnitte erwähnen: die Neigung aller meiner Arbeitsgenossen, sich am Lohntage, am Sonntage und am jedesmaligen Chemnitzer Jahrmärkte etwas Besondres zu leisten. Das waren in aller Augen Festtage, und an Festtagen läßt das Volk ganz selbstverständlich »etwas aufgehn.« Jeder freilich in seiner Weise. Gerade hierbei zeigte sich die Höhe der sittlichen Bildung, auf der jeder einzelne stand. Es gab ernste, oder gering gelohnte, oder mit Sorgen oder viel Familie beladene Leute, die begnügten sich des Lohntags Abends, nach Aushändigung des Verdienstes mit einer Cigarre und einem auf dem Nachhausewege im Vorübergehn getrunkenen Glase bairischem oder auch nur Lagerbier; es gab dann ihrer, die an diesem ganzen Abend bald allein bald mit der Frau »aus-,« d. h. zu Biere gingen und hier bald größere, bald kleinere Zeche machten und von da bald nüchterner bald weniger nüchtern nach Hause kehrten; und es gab ihrer, die an diesem Abend bald im Sonntagskleid bald noch im Arbeitsrock von Stehbierhalle zu Stehbierhalle, von »Destille« (Destillation) zu »Destille,« von Kneipe zu Kneipe zogen, bis sie schwer trunken nach Hause kamen. Unter die letztern gehörte namentlich ein gut Teil der gut verdienenden gelernten Jugend. Ich habe es erlebt, daß einige, die etwa 35 bis 40 Mark Löhnung auf vierzehn Tage erhielten, an einem solchen Abend 8 bis 10 Mark verfraßen, vertranken, verrauchten, verspielten und sonstwie verschleuderten. Aber ich habe es auch erlebt, daß einer nur 15 Pfennige ausgab, was freilich eine größere Seltenheit als das Gegenteil war. Im allgemeinen verthat man wohl 1½ bis 2 Mark an solchem Abend, durchschnittlich aber fast immer mehr, als man eigentlich im Verhältnis zur Löhnung gedurft hätte. Ebenso war es am Chemnitzer Jahrmarktstage, wo wir frei hatten, und ein jeder 10 Mark Vorschuß von der Fabrik zu Familieneinkäufen nehmen durfte. Und sehr viele nahmen ihn, um hiervon zwar in der That manches Nützliche einzukaufen, doch aber sich auch ein Gütchen zu thun, obwohl man genau wußte, wie schmerzlich der Ausfall des Zehnmarkstückes am nächsten Lohntage empfunden werden würde. Und dieselbe Erscheinung zeigte sich, wenn auch nicht so durchgängig und regelmäßig, an den Ausgaben, die man sich für Sonntagsvergnügungen leistete.

Auch über den Alkoholgenuß möchte ich einiges sagen. Am meisten und widerlichsten ist er mir in den Herbergen entgegengetreten. Die Klasse der eigentlichen Pennbrüder, die ich im ersten Kapitel kurz schilderte, besteht fast durchweg aus Säufern; von ihnen waren in den Chemnitzer Herbergen täglich einige stark betrunkene Exemplare zu finden. Aber auch unter den übrigen Herbergsgästen, mit Ausnahme der jungen eben aus der Lehre getretenen Wanderburschen, schnapste man tüchtig, wo immer man Gelegenheit dazu hatte, und immer ließ man dann Bier vor Branntwein stehen. Dort in einer der Herbergen traf ich auch einen schon erwähnten Barbier, der mir erzählte, daß er früher ein permanenter Schnapssäufer gewesen wäre, so sehr, daß er nichts als immer nur Branntwein hätte haben wollen und vor allzu starkem Zittern der Hände nicht mehr imstande gewesen wäre, zu rasieren. Seit einiger Zeit tränke er keinen Tropfen mehr, und zwar hätte er es sich selbst ganz allmählich abgewöhnt. Ich vermochte auch in diesem Falle nicht zu kontrollieren, wie weit diese Angaben der Wahrheit entsprachen; ich glaubte es aber doch hier mitteilen zu sollen angesichts der allgemein für unanfechtbar gehaltenen Behauptung, daß die Selbstrettung eines Branntweinsäufers unmöglich sei. Auch in der Fabrik hatte ich einen Kollegen, der früher Schnaps getrunken und ihn jetzt niemals mehr über die Lippen brachte, man mochte ihn ihm anbieten, so sehr man wollte.

Unter der seßhaften Fabrikbevölkerung herrschten bei weitem nicht so krasse Zustände. Es gab zwar auch in unsrer Fabrik einige stündige und periodische Säufer mit roten Nasen. Aber sie waren gegenüber der großen Menge eine verschwindend kleine Zahl und waren deutlich in vieler Arbeitsgenossen Augen mit einem Makel behaftet. Als einer einmal während der Arbeit in einem Anfalle von Delirium hinstürzte und hinausgebracht wurde, habe ich auch nicht ein Wort des Bedauerns und Mitleids, dagegen manches harte des Gegenteils vernommen. Hier hat das wohl schon jahrzehntealte, in den meisten Fabriken freilich sicher nur um der Arbeitsleistung und des Betriebes willen gegebene Schnapsverbot wirklich gute Dienste geleistet; in unsrer Fabrik wurde infolgedes in der That mit jenen wenigen Ausnahmen fast nie mehr Schnaps, dagegen, wie schon gesagt, viel unschädliches, doch gehaltvolles und den Durst löschendes einfaches Bier getrunken. Auch außerhalb der Fabrik trank man nicht täglich, wie das in den Mittelständen in Form der öden Stammtischkneipereien ausgebreitetste Sitte ist, Bier. Der Durchschnittsarbeiter von Chemnitz ging, außer am Lohntage und an den Sitzungen seines Wahlvereins, des Wochentagsabends selten aus. Er machte, wenn es schön war, seinen Abendspaziergang in die nahen Felder hinaus, aber ohne ihn in einer Kneipe zu beenden; denn dazu fehlte den meisten schon einfach das nötige Geld. Aber wenn dann einmal etwas los war, eben wie der Jahrmarkt oder ein Sonntagsvergnügen, wurde wacker gezecht. Ein jeder trank mit, und alle konnten erstaunlich viel vertragen. Und fast immer mußte ein Glas Schnaps dabei sein. Aber Schnaps allein trank man bei solchen Gelegenheiten doch nur noch selten. Sehr viele kannten dann keine Grenzen, nach echter Kinder- und Volksart, die weder in Leid noch Lust sich zu beherrschen vermag. Viele hörten darum nicht eher auf, als bis sie betrunken waren. Ja für manche war das der eigentliche Hochgenuß und von vornherein die letzte Absicht. Und selten sah man das als eine Schande, geschweige Sünde an. Ich sprach hierüber öfter mit den Leuten und fand fast immer dasselbe gleichlautende Urteil: einmal sich besaufen ist keine Schande; das thun die Großen auch, die nur heimlich, wir offen. In einem solchen Gespräch kam ich, wohl das einzige mal, beinahe in einen wirklichen Streit mit zwei sonst guten, gediegneren Leuten. Sie wurden ernstlich böse darüber, daß ich auf der gegenteiligen Ansicht stehen blieb. Ein zusammenfassendes Urteil kann man wohl so formulieren: unter der erwachsenen Wanderbevölkerung ist der Schnapsgenuß geradezu eine Pest; die seßhaften Arbeiter am Orte aber, soweit ich sie kennen lernte, trinken viel mehr Bier als Schnaps, trinken viel Bier, aber sind selten eigentliche Säufer.

Nun ein Wort über die Tanzböden. Ich habe fast jeden Sonntag einen oder mehrere, im ganzen acht bis zehn besucht. Es giebt feinere und gewöhnliche. Der schlimmste, den ich kennen lernte, war die »Kaiserkrone« in Chemnitz, vom Volke sehr bezeichnend der »blutige Knochen« genannt. Denn hier gehörte Keilerei und Tanzvergnügen wie in jenem Gassenhauer wirklich zusammen. Hier verkehrte das ärgste Gesindel, Huren und Fabrikdirnen niedrigster Sorte und ihre Zuhälter mit jungen Fabrikarbeitern und vielen Soldaten der Chemnitzer Garnison. Ich mache hierauf nachdrücklich aufmerksam, und mache es den Militärbehörden hiermit zur ernsten Pflicht, darauf zu achten, daß künftig nicht bloß sozialdemokratisch-anrüchige, sondern vor allem auch solche sittlich verwahrlosende Lokale den Soldaten verboten werden. Ein Mensch in anständiger Kleidung, allein, bleibt hier selten ganz unbehelligt. Ich war mit einem Arbeitskollegen etwa eine knappe Stunde dort. Und wie viele male sind wir in dieser kurzen Zeit trotz unsers unauffälligen Sonntagsgewandes namentlich von den Weibern, mit ihren frechen Gesichtern in der unflätigsten Weise und mit allen ihren Körperteilen angerempelt worden! Da muß man denn schließlich entweder so wie sie selbst mittollen und mit gemein sein, oder man bekommt Händel und darauf Schläge. Wir gingen beiden Möglichkeiten zeitig genug aus dem Wege, indem wir uns wieder entfernten. Beim Ausgang traf uns der junge Wirt und fragte uns, warum wir schon wieder gehen wollten, ob es uns nicht gefallen habe. Wir murmelten einige Worte der Antwort, und darauf sagte der Mann ganz stolz: Ja unter meinem Vater war der Saal tüchtig herunter; aber Gott sei Dank, jetzt habe ich ihn wieder in Schwung und in die Höhe gebracht.

Das Gegenteil von diesem Saale war das »Kolosseum« in Kappel. Es war der vornehmste von allen, die ich gesehen habe, durch die Ausstattung und den Umfang des Saales, die Musik, die da aufspielte, das Publikum, das ihn besuchte. Hier fanden sich nicht nur die gutgelohnten jungen Schlosser und Dreher unsrer Fabrik, sondern viele junge Kaufleute und auch – wie man mir versicherte – Referendare und Offiziere in Zivil zusammen. Und vom weiblichen Geschlecht traf man allerhand Ladenmädchen und Verkäuferinnen, aber auch »feinere« Huren, dagegen wenig Dienst- und Fabrikmädchen. Es ging wirklich beinahe wie auf einem Balle zu. Die Damen in modernster, oft kostbarer, fast immer geschmackvoller Toilette, und viele schöne Menschenkinder unter ihnen; die Herren meist in ebenso eleganten Anzügen, wenn auch nicht in Schwarz und Frack; alle zusammen in ihren Haltungen, Bewegungen und Verbeugungen gewandt und voll jugendlicher Elastizität. Die Fabrikarbeiter unterschieden sich kaum von den andern, nur durch den Mangel eines Klemmers auf der Nase und durch ihre größern, härtern, rauhern Hände. Denn niemand trug Handschuhe, was manche der Damen veranlaßte, ihren Herren beim Tanz mit stummer, aber verständnisvoller Gebärde ihr Taschentuch zu bieten, damit die schwitzende Hand des Tänzers, die die Taille umfaßt, das Kleid nicht beschmutzte.

Die übrigen Säle, die ich sonst sah, standen nach dem äußern Eindruck, den sie machten, etwa in der Mitte zwischen beiden. Meist waren es Vorortssäle mit halb städtischem und halb ländlichem Charakter und ebensolchem halb städtischen halb ländlichen Publikum. Hier mischten sich unter die modischen Toiletten der zur Stadt hereinkommenden Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen noch die unschönen Kostüme unsrer Dorfbewohner; hier waren die Mädchen mitunter noch im Kopftuch und mit vorgebundener schöner bunter Schürze. Auch die Musik war primitiver, der Eintrittspreis niedriger, nur 25 Pfennige etwa, während er in dem Kappeler Saale, wenn ich mich recht entsinne, 50 Pfennige betrug. Natürlich kostete hier wie dort noch jeder Tanz, den man tanzte, seine Extrasteuer, immer 10 Pfennige. So gab einer leicht am Abend 3 bis 4 Mark nur für das bloße Tanzvergnügen aus. Auch der Ton, der auf diesen Sälen herrschte, war freier als auf jenem. Man sang laut Lieder zu den Weisen, die die Musikanten aufspielten, man juchzte und rief laut über die Köpfe und den Saal hinweg. Manchmal war ein dichtes Gedränge und eine unausstehliche Hitze, daß der Schweiß nur so von der Stirne rann, und Glas auf Glas getrunken wurde. Aber dann wars am schönsten und die Freude am größten.

In den bessern Sälen ging es auch in diesem, aber auch nur in diesem Sinne anständiger zu. Da scherzte und lachte und tollte man sich denn an den einzelnen Tischen, im kleinern Kreise der Bekannten, in den Ecken und Nischen des Saales und auf den Galerien umso mehr aus. Da koste und umschlang und drückte man sich. Und hier wie dort, lachende, glühende, oft schöne Gesichter, leuchtende, lebensprühende Augen, kräftige Gestalten, volle, frische Formen. Hier wie dort ungebändigte Lust, steigende Erregung, sinnlicher Taumel, der seinen Abschluß und seinen Höhepunkt erreicht, wenn Schlag 12 Uhr die Musik verstummt, der Saal geräumt, die Lichter verlöscht werden. Dann zieht Paar nach Paar einsam von dannen, zu einem Nachtspaziergang ins freie Feld, wo nur die Sterne die Sünde sehn, die man hier begeht, oder bis in Liebchens Hausflur oder gar in Liebchens Wohnung und Bett. Denn das ist nach allen meinen Beobachtungen wenn auch nicht die durchgängige Regel, so doch in den weitaus überwiegenden Fällen der Abschluß jedes sonntäglichen Tanzvergnügens. Auf den Tanzböden, in den Nächten vom Sonntag zum Montag verliert heutzutage unsre Arbeiterjugend nicht nur ihren meist sauer verdienten Lohn, sondern auch ihre beste Kraft, ihre Ideale, ihre Tugend und ihre Keuschheit. Es ist ja auch kein Wunder; es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre. Man überlege nur einmal. Während der Woche, Tag um Tag in regelmäßiger Einförmigkeit in der häßlichen Fabrik, bei oft langweiliger Arbeit, in Schmutz und Schweiß; des Mittags ohne behagliche Ruhe; die Abende der Werktage auf der Straße vor der Thür oder im Hofe des Arbeiterhauses oder in der kleinen engen, oft dürftigen Stube des Logiswirts mit Kindergeschrei und Küchendunst; die Nächte in armseligen Schlafstätten; dabei ein leidlicher Verdienst, ohne Kontrolle, ohne Aussicht, ohne elterliche Fürsorge und Liebe, kurz ohne den segensvollen Einfluß eines starken Familienverbandes, Jugendkraft in den Gliedern, Jugendlust in Kopf und Herzen – und nun kommt der Sonntag mit seinem Ausschlafen, seinem Ausruhn, seiner Freiheit, die ihnen niemand kürzt, deren rechten Gebrauch sie keiner lehrt: da locken die Töne der Musik; da lachen junge frische Mädchengesichter; da strahlt lichter Glanz; da wölben sich die hohen weiten Hallen des schön gemalten Saales; ja hier ist Ersatz für das häßliche Einerlei der Woche, an einem Abend, in einer Nacht hundertfacher Ersatz für die hundert häßlichen Eindrücke der ganzen Woche! Ist es da wirklich noch verwunderlich, wenn sich die Ungebundenen da hineinstürzen in den herrlichen, entzückenden Strudel, ihre Seelen an ihm berauschen, ihr Bestes in ihm verlieren? Ich klage nicht an, ich entschuldige auch nicht, ich schildre nur, wie es in Wahrheit ist, und erkläre, wie es mit Notwendigkeit so kommen muß.

Ich behaupte, daß infolgedes kaum ein junger Mann oder ein junges Mädchen aus der Chemnitzer Arbeiterbevölkerung, das über 17 Jahre alt ist, noch keusch und jungfräulich ist. Der geschlechtliche Umgang, auf den Tanzböden vor allem groß gezogen, ist unter dieser Jugend heute im weitesten Umfange verbreitet. Er gilt einfach als das Natürliche und ganz Selbstverständliche; von dem Bewußtsein, daß man damit eine Sünde begeht, ist selten eine Spur vorhanden. Das sechste Gebot existiert in diesem Sinne da unten nicht. Zwar mit Huren, die sich bezahlen lassen, giebt man sich fast nie ab. Das gilt als Schande, und diese selbst werden verachtet. Aber fast jeder hat seine Liebste und jede ihren Liebsten, die sich mit wenigen Ausnahmen diesen ganz selbstverständlichen Dienst thun. Daneben sucht der junge Mann, wo immer es gerade einmal geht, auch andre Mädchen zu benutzen, die sich ihm dazu hergeben, was wiederum nicht schwer und selten ist. Gleichwohl hat auch die schon einen kleinen Makel in vieler Augen an sich, die sich gleich bei der ersten Bekanntschaft gebrauchen läßt. Mit dieser »geht man« dauernd wenigstens nicht. Wird eine dann schwanger, so heiratet man sich in der Regel auch, ganz gleich, ob man schon lange oder nur erst wenige Wochen beisammen ist, ob man sich kennt oder nicht, ob man etwas taugt oder nicht, zusammenpaßt oder nicht. So treiben der Zufall, der Geschlechtsgenuß und seine etwaigen Folgen, selten echte Liebe, inneres Bedürfnis und vernünftige Überlegung die jungen Leute in die Ehe zusammen.

Und daraus vor allem erklärt sich mit der Jammer der Arbeiterehen, die Klagen aller, auch der Sozialdemokraten, die es mit den Leuten wirklich gut meinen, darüber, die Sehnsucht nach einer Erhebung, einer Emanzipation des Weibes und das neue sozialdemokratische Ideal von der Ehe. Ich verweise hier auf die Bemerkungen am Schlusse des zweiten Kapitels. Die Frau ist in der That in vieler Männer Augen nichts als das Mittel zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, ein Hindernis für das Fortkommen, höchstens, wenn es gut geht, der tüchtige Haushaltungsvorstand, der energisch auch den Mann im Zaume hat. Die Ehe ist nach der Äußerung mehrerer meiner Arbeitskollegen die »letzte und größte Dummheit, die einer machen kann.« In manchen Familien ist es ja besser, und zwischen manchen Gatten tritt allmählich sogar einige gegenseitige Achtung und Zuneigung ein. Ja ich fand trotz alledem auch mehrere wirklich schöne, durch ernste Liebe vertiefte Ehen: aber im allgemeinen gilt doch die Thatsache, daß die Frau dort unten von den Männern unendlich viel niedriger geschützt, viel weniger geachtet, viel schlechter behandelt wird als in den andern Ständen. Sie wird hart gehalten und sehr häufig geschlagen. Dabei fordert der Mann von ihr ehrliche Treue, ohne sich selbst ihr zu einem Gleichen verpflichtet zu fühlen. Auch sonst zeigt sich überall ein großer Mangel des Bewußtseins der gegenseitigen sittlichen Pflichten, die die Ehe vorschreibt.

Ein Lichtpunkt in diesem trüben, bestenfalls gleichgiltigen und einförmigen Eheleben sind für Vater und Mutter zugleich die gemeinsamen Kinder. Was sie selbst an gegenseitiger Zärtlichkeit fehlen lassen, übertragenste vielfach auf diese, so sehr, daß auch sie manchmal mit eine Ursache der mangelhaften Erziehung, der Verziehung derselben wird. Ihnen thun sie an, was sie können; für sie sorgen sie, so gut sie es vermögen; mit ihnen geben sie sich ab, machen sie des Abends und des Sonntags ihre üblichen Spaziergänge. Und viele setzen ihre ganze Kraft und ihren höchsten Ehrgeiz darein, die Jungen, wenn es nur Halbwegs die Verhältnisse erlauben, etwas »Ordentliches,« d. h. jedenfalls etwas mehr lernen und werden zu lassen, als der Vater ist. Der Handarbeiter sieht seinen Sohn gern als Dreher, Schlosser, Tischler, kurz als gelernten Arbeiter, dieser wieder den seinigen am liebsten als Kaufmann, Subalternbeamten oder etwas dem ähnliches. Überbeschäftigt wurden die Kinder in den Familien meiner Arbeitskollegen jedenfalls nicht. Wenn sie gelegentlich einmal etwas mit verdienen konnten, dann gut; regelmäßig angestrengt und zum Verdienen ausgenutzt waren sie meinen Beobachtungen nach nur wenig. So lange es ihm möglich war, gönnte jeder seinem Kinde Freiheit und Ruhe. Und wenn eines krank wurde, war immer die Sorge groß, ward alles gethan, um es am Leben zu erhalten. Da gab denn auch der strenge Sozialdemokrat, der natürlich auch ein Feind der zunftmäßigen Medizin war und manchmal gar selbst dokterte, seinen verrannten Standpunkt auf, ließ sich von den Bitten seiner Frau erweichen und holte den teuern Arzt. Die Liebe zum Kinde war doch noch größer als der Dünkel einer alles besser wissenden Halbbildung.

Eine andre Bemerkung darf ich an dieser Stelle unvermittelt einschieben, eine Klage über das unerhörte Fluchen der Leute. Fast jedermann that es: der Arbeiter in der Fabrik, die jungen Burschen unter sich, die Mädchen des Abends auf den Straßen und daheim. Man fluchte in allen Tonarten, bei jeder harmlosen Gelegenheit; oft wußte mans selbst nicht mehr, wenn man es that. Alle Empfindungen drückten sich in diesen Flüchen aus: Jähzorn, Haß, Verbitterung, drolliger Witz, Affektiertheit und Großthuerei. Ich habe einmal die Flüche zusammengezählt, die ich an einem Tage so zufällig hörte: wenn ich mich recht entsinne, zählte ich fast hundert. Ich glaube bestimmt, daß das eine Frucht und ein Geschenk unsers Militärwesens ist. Hier zeigt es sich als nichts weniger denn als ein sittlich erziehendes Institut.

Dagegen habe ich in der Fabrik unter meinen Arbeitsgenossen nie eine Spur von Diebstahl gespürt, wohl aber desto mehr in den Herbergen. Da mußte man in der That immer sehr auf seiner Hut sein. Ein Messer, das man unbemerkt auf dem Tische oder Stuhle liegen ließ, ein Stock, den man achtlos in die Ecke gestellt hatte, war leicht verschwunden und wanderte schleunigst zum Trödler, worauf der geringe Erlös daraus sofort wieder in Branntwein umgesetzt wurde. Ich will damit nicht sagen, daß jeder, der in der Herberge verkehrte, mauste. Aber von jenen alten echten Kunden verschmähte fast keiner diesen bequemen Weg der Selbstbereicherung. Man gab darum immer gleich bei seiner Ankunft in der Herberge Stock und Berliner dem Herbergsvater zur Aufbewahrung, und lieferte des Nachts auch seine sonstigen Wertsachen ab. Wenn einer Geld aus der Tasche in die Stube verlor, durfte sich keiner rühren, nur der Betroffene bückte sich und suchte selbst und ganz allein seine paar Pfennige zusammen.

Mehrmals habe ich bereits die innere Stellung meiner Arbeitsgenossen zu einander erwähnt, ausführlich ihren Verkehr bei der Arbeit geschildert. Ich möchte hier noch einige ergänzende Bemerkungen dazufügen. Bei aller Kameradschaft, die unter ihnen herrschte, und die sich namentlich in jenem schon durch den Betrieb geforderten In-die-Hände-arbeiten während der Arbeitsstunden äußerte, traten doch in dem einförmigen Einerlei des kleinen Alltagslebens die Züge der Solidarität, der Gemeinsamkeit, der innerlichen Übereinstimmung mehr und mehr zurück und dafür die besondern Eigentümlichkeiten der einzelnen Charaktere, ihre guten und schlechten Seiten hervor, machten sich kleinliche Interessen untereinander geltend, kamen Eifersucht und Neid, Hochmut und Geringschätzung, Klatschsucht und Kriecherei, Streitsucht und Jähzorn, Selbstsucht und Niederträchtigkeit, Gleichgiltigkeit, Bitterkeit und Mißtrauen wie überall in einer durch den Zwang der Verhältnisse geschaffenen Gemeinschaft zu oft abstoßendem Ausdruck und riefen wie überall dieselben Spaltungen, Gruppierungen und Vorgänge hervor, deren Druck dann oft stärker ist als das Gemeinsame, das diese Leute verbindet. Es ist eine Kleinigkeit, die aber viel Wahres enthält, was mir mehrmals einige klagten: Die Arbeiter sind nie unter einen Hut zu bringen; sie halten nur in Versammlungen zusammen. Oder: Wenn einer nur fünfzig Pfennige mehr Lohn hat als die andern, so sieht er sie gleich über die Achseln an und dünkt sich wunder was. Ein andrer sagte mir einmal, als er mir einen guten Dienst thun wollte: Du darfst den andern nicht soviel von deiner Vergangenheit erzählen; viele machen sich dann hinter deinem Rücken nur darüber lustig. Derselbe Mann warnte mich auch vor einer allzu intimen Aussprache gegen einen andern mit den Worten: Der alte X ist ein Zwischenträger! Und doch stand auch von diesem meinem getreuen Eckehardt an den Holzwänden der Abtritte mehrmals die wutschnaubende Bleistiftnotiz: N. ist ein Fuchsschwanz! Wieder einer, freilich ein etwas griesgrämiger, verbitterter Geselle, meinte einmal: Es giebt viele Halunken hier in der Bude. Und dieselben Erscheinungen zeigten sich fast noch deutlicher selbstverständlich in den Arbeitermietskasernen, namentlich unter den Frauen.

Über die Arbeit herrschte eine doppelte Auffassung unter den Arbeitsgenossen, die sich innerlich kaum berührte. Den einen galt die Arbeit nur als Last. Niemand arbeitet zum Vergnügen, warf einer einmal gelegentlich hin. Dann ein andermal entspann sich während der Frühstückspause ein Gespräch mit ähnlichem Resultat in Anknüpfung an eine Wurstschale. Die suchte und wickelte ein Schlosser sorgfältig zusammen: Ich will sie meinem Hunde mit zuhause bringen, fügte er hinzu.

Wozu brauchst du denn einen Hund? fragte sein Nachbar; der kostet ja doch nur Steuern.

Nur zum Vergnügen. Man will doch auch seine Freude haben, entschuldigte sich jener.

Das ist überflüssig. Du sollst Freude genug an deiner Arbeit haben, erwiderte ihm ebenso ironisch als bezeichnend der andre.

Arbeit und Nichtsthun waren dieser zahlreichen Gruppe die ganz parallelen Begriffe zu Last und Lust, Langerweile und Abwechslung. Die »Reichen,« die »großen Herren,« die nichts zu arbeiten brauchen, hatten in ihren Augen nie Langeweile. Die »fressen, saufen, reisen, lesen, sehen sich schöne Bilder und Gegenden an und haben schöne Weiber.« Einmal wagte ich dagegen energischen Widerspruch und wollte meinem Gegenüber zeigen, daß wenigstens für tiefer angelegte Menschen, die ja freilich die »Reichen« nicht immer sind, gerade in dieser Beschäftigungslosigkeit und Ungebundenheit, dieser Ziel- und Zwecklosigkeit des Daseins die größere Qual, die ärgste Langeweile, die schlimmste Last liege. Aber damit stieß ich auf absolute Verständnislosigkeit. Unsinn, war die kurze scharfe Antwort, mit der er mich abfertigte, die Reichen können gar nicht Langeweile haben! Die Arbeiter wissen gar nicht mehr, daß es auch heute noch eine Bevölkerungsschicht giebt, die fleißig arbeitet, dabei noch echten Idealismus hat, die diesen idealen Sinn mit bescheidenen äußern Ansprüchen verbindet und in einem edeln geistigen Genuß wahrhaft glücklich ist.

Mit dieser Auffassung verband sich dann immer ein eisiges Gefühl der Kälte, der Entfremdung, des Mißtrauens gegen diese »vornehmen« Klassen, ein ausgeprägtes Bewußtsein von der unendlichen Kluft zwischen ihnen und jenen, das zwar selten eine persönliche Spitze hatte, aber gerade deswegen für die allgemeine Betrachtung einen um so trüberen Eindruck gewinnt. Einer meiner Freunde nannte das einmal treffend einen objektiven Haß. Häufig kommt er, veredelt, mit einem gewissen Stolz, den man seinerseits ebenfalls jenen obern Klassen entgegensetzt, zum Ausdruck. Eine Episode, die auch nach andern Seiten hin interessante Schlaglichter zu werfen geeignet ist, zeigt dies besonders gut. Es war in einer Sitzung unsers Wahlvereins. Ein Redner verlas einen langen Artikel irgend eines auswärtigen Blattes, das eine Erklärung des Vorstandes für die Chemnitzer Ferienkolonien enthielt mit, wenn ich mich recht entsinne etwa dem Inhalte, daß man sich wegen des zunehmenden agitatorischen Charakters der Chemnitzer Arbeiterbewegung genötigt sähe, künftig Kindern erklärter Sozialdemokraten nicht mehr die Wohlthat der Ferienkolonien zukommen zu lassen. Da stand einer in ernster Erbitterung auf und redete etwa also: Genossen! Ihr habt gehört, wie man ein sogenanntes Liebeswerk zu einem parteipolitischen Kampfmittel mißbraucht. Aber das ist Bourgeoisart. Wir wollen still sein und dem nur ein doppeltes entgegen setzen: Wir wollen mit ganzer Kraft danach streben, daß unsre Kinder gar nicht mehr diese »Wohlthat« zu beanspruchen brauchen und dann – nicht gleiches mit gleichem vergelten! Wir wollen es uns auch heute wieder versprechen, daß es nach wie vor dabei bleibt: Wenn ein Arbeiter eines Reichen Kind in Not und Gefahr sieht, so wollen wir auch künftig unser Leben daran setzen, es dieser Gefahr zu entreißen!

Die zweite Ansicht über die Arbeit, die jener eben geschilderten nebenher lief, steht höher und ist doch gerade für die künftige Arbeit des Theologen verhängnisvoller. Die Leute, die ihr anhingen, waren nicht der Meinung, daß jedes Arbeiten ein Unglück für die Menschen wäre. Aber sie hatten nur Achtung vor der Arbeit, die unmittelbar materiellen Gewinn bringt. Unter diesem Gesichtspunkte stand ihnen die körperliche, die Hand-, die Fabrikarbeit der geistigen völlig gleich, die wie die des Kaufmanns und des Technikers sich unmittelbar mit Geld bezahlt macht. Für die geistige Arbeit des Wissenschaftlers, des Theologen, die man um ihrer selbst oder wieder nur um geistiger Interessen willen thut, hatten sie nur wenig oder gar kein Verständnis. Daher der Dünkel über die unfruchtbare »kindische« Arbeit des Geistlichen, daher vor allem auch beim besten Willen die Unempfänglichkeit für die geistig-sittlichen Beweise der Wahrheit des Christentums, wie sie uns im vorigen Kapitel mehrfach entgegengetreten ist.

Dieser materialistische Zug ist überhaupt die Signatur für die ganze sittliche Entwicklung, in der sich die Gruppe meiner Arbeitsgenossen eben befindet. Sie alle haben ja neben vielen schlechten viele gute, liebenswürdige Eigenschaften an sich und stehen überhaupt nach meiner festen Überzeugung verhältnismäßig sittlich nicht tiefer als die übrigen Schichten unsers Volkes. Aber diese guten Seiten, die sie haben, sind zusehends immer weniger ethisch-religiös, immer mehr wirtschaftlich und ständisch bestimmt; der Idealismus, der sie erfüllt, ist der Idealismus nicht um des Guten, sondern um des Nützlichen willen. In notwendiger Folge davon zeigt sich der so sich gestaltende sittliche Charakter immer weniger fest und widerstandsfähig, verliert also zusehends gerade die Tugenden, die bisher seine Kraft und sein Bestes ausmachten. Ich glaube nach allem Ausgeführten nichts Unrichtiges und Unrechtes zu sagen, wenn ich auch diese bedauernswerte Entwicklung nicht nur den wirtschaftlichen Zuständen, sondern zu einem großen Teile mit der Agitation der Sozialdemokratie in die Schuhe schiebe. Es zeigte sich mir überall deutlich, daß hier die andre Stelle ist, wo jene ihre verderblichste Wirkung geübt, ihren größten Erfolg bisher errungen und die eigentliche Gefahr für die Zukunft heraufbeschworen hat. Ich vermag auch nach allen meinen Erfahrungen nicht zu hoffen, daß es in nächster Zeit damit besser wird.


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