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Vierter Act.


Erste Scene.

(Man bläst mit großer Eile zu den Waffen; Scipio, Jugurtha und Cajus Marius treten auf.)

Scipio.

Was ist's, Hauptleute? Was bedeutet dieses
Lärmblasen jetzt, zur ungewohnten Zeit?
Sind in das Lager Thoren eingedrungen,
Im Wahnsinn schnelles Grab sich zu bereiten?
Wie? Oder hätt' Empörung wohl im Lager
Die Wehr ergriffen mit verweg'ner Hand?
Denn wahrlich, vor dem Feind bin ich so sicher,
Daß ich mehr Furcht vor eig'nen Freunden hege.

( Quintus Fabius tritt auf, mit entblößtem Schwerte.)

Quintus Fabius.

Beruhige Dein Herz, o weiser Feldherr,
Man weiß den Grund schon dieses Waffenrufes,
Obgleich dabei der Deinen Blut geflossen,
Und solcher zwar, die Kraft und Muth vereinen.
Zwei Numantiner, stark und kühn und rüstig,
(Ihr Muth ist, bei den Göttern, lobenswerth!)
Sie übersprangen Graben, Wall und Mauer,
Verbreitend Kampf und Tod in unserm Lager.
Sie griffen wild die Außenwachen an,
Sie stürzten dreist in tausend Lanzenspitzen
Und kämpften so voll Wuth und tollen Rasens,
Daß man den Weg zum Lager öffnen mußte.
Nun drangen sie bis zu Fabricius Zelten
Und zeigten dort so hochbewährten Muth,
Daß augenblicklich sechs der besten Krieger,
Von ihrem Stahl durchbohrt, zu Boden sanken.
So schnell dringt nicht der Sonne glüh'nder Strahl
Im raschen Flug durch Aether und durch Wolken,
Noch streicht so rasch der leuchtende Comet
Um Himmel hin in übereiltem Lauf,
Als diese Beiden mitten durch die Menge
Der Krieger drangen, roth die Erde färbend
Mit Römerblut, das ihrer Schwerter Schneide,
Wohin sie traf, in Strömen fließen machte.
Dort liegt Fabricius mit durchbohrter Brust,
Horazius aber mit gespalt'nem Haupte;
Olmida büßte ein den rechten Arm,
Und wird sein Leben wohl sehr bald beschließen.
Und auch dem wackern Statius half gar wenig
Die Leichtigkeit der immer schnellen Füße,
Denn daß er sich dem Numantiner nahte,
War nur Verkürzung seines Wegs zum Tode.
Nun eilten flüchtig sie mit regem Eifer
Von Zelt zu Zelte, bis ein wenig Zwieback
Sie fanden, es in wilder Hast ergriffen,
Und rückwärts nun, doch immer kämpfend, zogen.
Der Eine ist in schneller Flucht entkommen,
Und tausend Schwerter tödteten den Andern,
Woraus ich schließe, daß die Hungersnoth
Sie antrieb zu dem kühnen Unternehmen.

Scipio.

Wenn ausgehungert sie, und eingeschlossen
So übermäßig kühn sich noch bezeigen,
Was würden sie wohl thun, wenn frei sie wären,
Und volle Kraft und vollen Muth noch hätten?
Ihr Ungezähmten sollt gezähmt nun werden,
Denn gegen Euer thöricht blindes Wüthen
Wird sich bewähren uns're höh're Kunst,
Die stolze Nacken wohl zu beugen weiß.

( Scipio geht mit den Seinigen ab, und gleich hernach bläst man Lärm in der Stadt, worauf Morander auftritt – verwundet, und voller Blut, mit einem weißen Körbchen am linken Arme, worin sich ein wenig blutiger Zwieback befindet.)

Morander.

Kommst Du nicht, Leonzius, Theurer?
Ha, wo bist Du, edler Freund?
Ach wenn Du nicht mit mir kommst,
Wie kann ich allein dann kommen?
Liegst Du wohl im Arm des Todes?
Hat Dich seine Hand erfaßt?
Bliebst an meiner Seite fest,
Und ich habe Dich verlassen?
Ist es möglich wohl, daß Zeichen
Dein zerstückter Leib noch gibt,
Um wie hohen Preis dies Brod
Von mir ist erworben worden?
Ist es möglich, daß die Wunde,
Die dem Leben Dich entriß,
In demselben Augenblick
Nicht auch mir das Leben raubte?
Ach, des Schicksals feindlich Walten
Konnte nicht in diesem Kampf
Auf mich häufen größ'res Leid,
Und Dir größ'res Glück gewähren!
Doch, der treuen Freundschaft Palme,
Edler, hast Du Dir erkämpft,
Und bald werd' ich, schuldbefreit,
Meinen Geist mit Dir vereinen.
Ja, schon reißt der wilde Kummer
An dem regen Leben mir,
Während ich dies bitt're Brod
Meiner holden Lyra bringe,
Brod, den Feinden abgewonnen.
Doch, gewonnen ward es nicht,
Nein, es ward gekauft mit Blut,
Von zwei unglücksel'gen Freunden.

( Lyra tritt auf mit einigen Sachen, als wenn sie dieselben zum Verbrennen tragen wollte.)

Lyra.

Ha! was sehen meine Augen?

Morander.

Was sie bald nicht weiter sehn,
Denn es eilt mein schwerer Gram,
Bald das Leben mir zu nehmen.
Sieh erfüllt hier mein Versprechen,
Mein beharrlich-treues Wort,
Das Du nimmer sterben sollst,
Wann das Leben ich noch habe.
Deutlicher noch will ich sagen,
Was Du bald wohl sehen wirst,
Daß Dir Speise übrig bleibt,
Während mir das Leben schwindet.

Lyra.

Ach, was redest Du, Geliebter?

Morander.

Stille Deinen Hunger nur,
Während grausam das Geschick
Meines Lebens Faden trennet;
Doch, mein Blut, das ich vergossen,
Und das dieses Brod hier färbt,
Mag, geliebte Lyra, Dir
Traurig bitt're Speise werden.
Sieh, wohl achtzigtausend Feinde
Hüteten hier dieses Brod,
Und zwei Freunden kostet es
Das so hochgeliebte Leben.
Und damit Du sicher wissest,
Daß ich werth bin Deiner Gunst,
Sieh, so sterb' ich, holde, schon –
Auch Leonzius ist gestorben.
Nimm den reinen, treuen Willen
Meiner Liebe gütig auf,
O dann freuet sich mein Herz
Mehr, als über leck're Speise,
Und da Du in Sturm und Ruhe
Mir Gebieterin stets warst,
So empfange meinen Leib,
Wie Du aufnahmst meine Seele.

(Er sinkt todt nieder; Lyra nimmt ihn in ihren Schooß.)

Lyra.

O Morander, süßes Leben,
Sag', was ist's, was fehlet Dir?
Wie verlierst Du doch so schnell
Des gewohnten Muthes Wallen?
Aber ach, ich Unglücksel'ge,
Todt ist schon mein Bräutigam!
O welch schauderhafter Fall!
O welch namenloses Leiden!
Wer gab Dir, mein Heißgeliebter,
Tapferkeit im reichen Maaß,
Treue Liebe, ohne Falsch,
Aber Unglück nur als Krieger?
Einen Ausfall thatst Du muthig,
O Du ewig treuer Freund,
Mich zu retten von dem Tod,
Und nun muß ich doch erbleichen.
O du Brod, voll seines Blutes,
Das er gern für mich vergoß,
Nicht für Brod seh ich Dich an,
Nein, für Gift muß ich Dich halten.
Nicht, um mich durch Dich zu retten,
Führ' ich Dich an meinen Mund,
Sondern nur, um dieses Blut,
Das Dich röthet, heiß zu küssen,

(Hier tritt Lyra's Bruder, ein ohnmächtig redender Knabe, auf.)

Der Knabe.

Lyra, Schwester, schon verschieden
Ist der Vater, und dem Tod
Ist die gute Mutter nah,
Wie auch ich bald werde sterben.
Aufgezehrt hat sie der Hunger;
Schwester, hast Du etwas Brod?
Aber ach! Es kommt zu spät,
Denn der Bissen stockt im Munde,
Und der Hunger schließt die Kehle
Mir so allgewaltig zu,
Daß, wär' Wasser auch dies Brod,
Ich es doch nicht schlingen könnte.
Nimm es weg, geliebte Schwester,
Denn zu meiner größern Pein
Seh' ich es, und dennoch muß
Ich das Leben von mir lassen,

(Er sinkt todt nieder.)

Lyra.

Hast Du ausgelitten, Bruder?
Ja, sein Leben floh dahin
Unglück nennet man noch Glück,
Wann es nur allein erscheinet!
O Geschick, warum, verdoppelst
Deine wilden Streiche Du,
Daß Du mir im Augenblick
Bräutigam und Eltern raubst?
O Du Schaar der wilden Römer,
Deine Wuth hat mich umringt
Mit zwei lieben Todten hier,
Mit dem Gatten, mit dem Bruder.
Ach, nach welchem soll ich blicken
Bei so schmerzlichem Gefühl,
Da im Leben Jeder mir
Theurer war, als selbst das Leben?
Süßer Braut'gam, zarter Bruder,
Gleich in Liebe bin ich Euch,
Denn ich will zum Himmel bald,
Oder in die Höll' Euch folgen!
Doch, auch in der Art zu sterben,
Ahm' ich Euch, Ihr Theuern, nach,
Denn mein Daseyn soll das Schwert
Enden, und der wilde Hunger!
Einen Dolch will ich versenken
In die Brust, nicht dieses Brod –
Dem, der lebt im bittern Gram,
Ist der Tod nur ein Befreier.
Nun, was harr' ich? Bin ich feige?
Ist mein Arm denn abgespannt?
Harret nur, ich komme schon,
Süßer Gatte, theurer Bruder!

(Eine fliehende Frau tritt auf; verfolgt von einem numantinischen Krieger, der einen Dolch in der Hand hat, um sie zu morden.)

Die Frau.

O ew'ger Vater, mitleidsvoller Zeus,
Errette mich aus dieser großen Noth!

Der Krieger.

Und wenn Du auch im schnellsten Lauf enteiltest,
Soll doch der Tod von meiner Hand Dir werden.

(Die Frau entflieht.)

Lyra.

Den spitzen Stahl, des rüst'gen Armes Stärke,
O Beides, wack'rer Krieger, wend' auf mich;
Laß leben, wer noch Lust am Leben findet,
Und nimm ein Daseyn mir, was mich bedrückt.

Der Krieger.

Zwar ist es streng befohlen vom Senat,
Daß keine Frau mehr soll am Leben bleiben,
Doch, wessen Herz ist wohl so roh und wild,
Daß er solch schöne Brust durchbohren könnte?
Ich, hohe Herrin, bin nicht so von Sinnen,
Und nicht so roh, daß ich Dich könnte tödten;
Ja, eine andre Hand, ein andrer Dolch
Mag Dich ermorden – ich kann Dich nur preisen.

Lyra.

Dies Mitleid, das Du gegen mich willst üben,
Du tapf'rer Kriegsmann – sieh, ich schwör' es Dir,
Und auch den Himmel ruf' ich an zum Zeugen –
Es ist für mich die allergrößte Härte.
Für meinen besten Freund will ich Dich halten,
Wenn Du mit wildem Muth und sich'rer Faust
Das kummervolle Herz mir schnell durchbohrst,
Und von dem bittern Leben mich befreist.
Willst Du indeß mitleidig Dich bezeigen,
Ganz wider meinen Willen – nun so hilf
Den trauten Gatten mir zur Erde bringen
Und ihm die letzte Ruhestatt bereiten,
So wie auch meinem Bruder, der bereits
Befreit ist von des Erdenlebens Fesseln.
Mein Gatte starb, um Leben mir zu schaffen,
Und meinen Bruder mordete der Hunger.

Der Krieger.

Bereit bin ich, zu thun, was Du befiehlst,
Mit der Bedingung, daß Du mir erzählest,
Was Deinen Bräut'gam und den lieben Bruder
So schnell im bittern Tod erblassen machte.

Lyra.

Das Reden steht nicht mehr in meiner Macht,

Der Krieger.

So weit bist Du? Fühlst schon des Todes Nahen?
So nimm den Bruder, weil er minder lastet,
Den schwerern Gatten aber will ich tragen.

(Sie gehen ab und nehmen die Leichname mit.)


Zweite Scene.

(Es tritt ein bewaffnetes Weib auf, die Kriegsgöttin vorstellend, mit einem Schild am linken Arm und einem Wurfspieß in der Hand; mit ihr kommt die Krankheit, auf eine Krücke gestützt, den Kopf in Tücher gehüllt, und mit einer bleichen Larve vor dem Gesicht. Ferner erscheint die Hungersnoth, in einem gelben Gewande, mit einer farbelosen Larve.)

Die Kriegsgöttin.

Du, Hunger, und Du, Krankheit, Ihr Vollbringer
Von meinen strengen, schrecklichen Befehlen,
Ihr, allen Lebens, allen Wohls Zerstörer,
Bei denen nicht Befehl, noch Bitten gelten,
Da meine Meinung Euch bekannt schon ist,
So brauch ich nicht auf's neu' Euch zu verkünden,
Wie mich's erfreu'n wird und befriedigen,
Wenn mein Gebot Ihr Augenblicks erfüllt.
Die unbegrenzte Macht des ernsten Schicksals,
Die nie vergebens ihre Wirkung äußert,
Sie zwingt mich, daß ich hülfreich mich beweise
Den schlauen, kriegerischen Römerschaaren.
Stolz werden sie für jetzt das Haupt erheben,
Die Spanier unterdrückt von ihnen werden,
Doch werd' ich einst mein Thun gar sehr verändern,
Dem Hohen schaden, dem Geringen helfen,
Denn ich, des Krieges allgewalt'ge Göttin,
Umsonst verabscheu't von so vielen Müttern,
(Obgleich, wer mich verflucht, auch oft sich irrt,
Weil meines Armes Werth er nicht erkennt)
Ich weiß recht gut, daß auf dem ganzen Erdkreis
Mich span'sche Tapferkeit erheben soll
In jenen schönen Zeiten, wo da herrschen
Ein Karl, ein Philipp und ein Ferdinand.

Die Krankheit.

Wenn uns're treue Freundin Hungersnoth
Voll Eifer es nicht unternommen hätte,
Mit grauser Wuth die Mörderin zu werden
Von Allen, die da leben in Numancia,
So hätt' ich Deinen Willen auch erfüllt,
und so, daß bald der Römer leichter Sieg,
Noch besser, als man es erwarten konnte,
Als reich und voll erhoben könnte werden;
Doch sie hat schon mit aller ihrer Kraft
Das Numantinervolk so eng umsponnen,
Daß zu der Hoffnung eines günst'gen Ausgangs
Ihm auch der kleinste Weg versperrt schon ist.
Die starre Lanze ungezähmter Wuth,
So wie der Einfluß unheilschwang'rer Zeichen,
Sie herrschen so gewaltsam auch und rauh,
Daß Hunger nicht und Schmerz mehr nöthig sind.
Wuth und Verzweiflung, die Dir treulich folgen,
Sie thronen in der Brust der Numantiner,
Daß Jeder nach dem eignen Blute dürstet,
Wie sonst nach Blut von der Quiriten Schaaren.
Mord, Feuersbrunst und Zorn sind ihre Feinde,
Im Sterben finden sie ihr höchstes Glück,
Und um den Römern den Triumph zu rauben,
Ermorden sie mit eig'nen Händen sich.

Die Hungersnoth.

Blickt dorthin, und Ihr werdet brennen sehen
Numancia's stolze, ragende Palläste;
Hört nur die Seufzer, die zum Himmel auf
Aus tausend Angst beklomm'nen Herzen steigen;
Vernehmt das Angstgestöhn, das laute Schreien
Der schönen Frauen, deren zarte Glieder
Verwandelt schon in Asch' und Feuer sind,
Und wo nicht Vater, Freund, noch Bitten helfen.
Gleich wie der Lämmer sorgenlose Schaaren,
Wenn sie der Wolf blutgierig überfällt,
Auf irren Pfaden zitternd sich zerstreuen,
Voll Furcht, ihr armes Leben zu verlieren,
So fliehn hier – schrecklich Schicksal! – zarte Knaben
Und Mädchen vor dem mörderischen Schwerte
Aus einer Straße in die andere,
Nur um den sichern Tod noch zu verzögern.
Die Brust der jungen, vielgeliebten Gattin
Wird von des Gatten scharfem Stahl durchbohrt,
Ja, gegen seine Mutter fühlt der Sohn –
O unerhörtes Unglück! – kein Erbarmen,
Und gegen seinen Sohn erhebt der Vater
In wüthendem Erbarmen seine Hand,
Um selbsterzeugtes Leben zu vernichten,
Und bleibt zurück, befriedigt und betrübt.
Es gibt nicht Haus, nicht Straße, Platz, noch Winkel,
Wo blut'ge Leichen nicht den Raum erfüllen,
Das Eisen tödtet, Feuers Gluth verzehrt,
Und finst're Wuth spricht das Verdammungsurtheil.
Bald werdet Ihr, der Erde gleich gemacht,
Die höchsten Thürm' und stolzen Mauerzinnen,
So wie in heiße Asch' und Staub verwandelt
Die herrlichsten Palläst' und Tempel sehen.
Kommt, um zu sehen, wie Theogenes
Des mörderischen Schwertes grimme Schneide
Am theuern, vielgeliebten Fleisch erprobt
Der zarten Kinder und der eig'nen Gattin;
Wie er, nachdem er sie gemordet hat,
Sein abgemattet Leben wenig achtet,
Und mit dem eig'nen, sonderbaren Tod
Noch And'rer Tod eng zu verbinden strebt.

Die Kriegsgöttin.

So kommt; doch mag deshalb sich von Euch keine
In Uebung ihrer Kraft nachlässig zeigen;
Im Gegentheil soll Jede aufmerksam
Und treu das, was ich ihr befahl, vollbringen.


Dritte Scene.

( Theogenes tritt auf mit zwei kleinen Söhnen, einer Tochter, und seiner Gattin.)

Theogenes.

Wenn mich die Vaterliebe nicht verhindert,
Was ich beschloß, auch wüthend zu vollbringen,
O, dann bedenkt, Ihr Kinder, wie gewaltsam
Mein edler Eifer mich gefesselt hält!
Zwar schrecklich ist der Schmerz, der so weit kommt,
Daß er des eig'nen Lebens Quell versetzt;
Doch schrecklicher der meine, weil das Schicksal
Zu Euerm grausen Henker mich bestimmt.
Ihr sollt, geliebte Kinder meiner Seele,
Nicht, Sklaven werden, und es soll den Lorbeer
Des Sieges Euch der Römer Macht nicht rauben,
Wenn auch ihr Muth Euch Unterjochung droht.
Doch gibt's nur einen Weg, der zu der Palme
Des Friedens und der Freiheit uns kann führen;
Ihn zeigt, ihn führet uns des Himmels Wille –
Er gehet durch des Todes schwarze Pforte.
Und Du, bis jetzt Gefährtin meines Lebens,
Nicht sollst Du in Gefahr Dich seh'n, daß Römer
Mit lüsterner Begierde Deinen Busen
Berühren und in Deinen Reizen schwelgen.
Von dieser Noth soll Dich mein Schwert erretten;
Der Feinde Absicht soll es wohl vereiteln,
Und ob sie auch die Habsucht mächtig reize,
So werden sie doch nichts, als Asche finden.
Ich war's, geliebte Gattin, der zuerst
Es äußerte, daß allgemeiner Tod
Uns besser ziem, als daß wir feige Knechte
Des lastenden, des Römerjoches würden,
Und nicht der Letzte will ich seyn im Sterben,
Nicht meine Kinder sollen's.

Die Mutter.

                              Wenn wir könnten
Auf anderm Weg' dem Schicksal noch entgehen,
Dem schrecklichen, wie sollt' es mich erfreuen!
Da es jedoch nicht seyn kann, wie ich sehe,
Und schon der Tod mir ernsten Schrittes nah't,
So nimm, o Herr, die Blüthe meines Lebens,
Daß nicht der freche Römerstahl sie mähe.
Doch, weil der Tod mein Loos ist, möcht' ich sterben
Dort in Dianens heil'gen Tempelhallen:
Dort führ' uns hin, Gebieter, übergib
Dem Schwert uns dort, dem Strang, den wilden Flammen.

Theogenes.

Es sey! Doch laßt uns hier nicht mehr verweilen,
Da einmal das Geschick dem Tod uns weiht.

Ein Knabe.

Warum, o Mutter, weinst Du? Wohin geh'n wir?
O bleib, denn meine Schritte hemmt Ermattung!
Wohl besser wär's, wenn wir uns Speise suchten,
Denn schon erschlafft der Hunger meine Kräfte.

Die Mutter.

O komm, geliebtes Kind, in meine Arme
Da blüht im bittern Tode Leben Dir!

(Sie gehen ab. Viriatus und Servius, zwei fliehende Knaben, treten auf.)

Viriatus.

Wohin sollen wir entfliehen,
Servius?

Servius.

         Freund, ich folge Dir!

Viriatus.

Geh nur schneller! Du bist matt,
Deine Schuld ist's, wenn wir sterben.
Siehst Du nicht, o Unglücksel'ger,
Daß uns tausend Schwerter droh'n?

Servius.

Ach, wir können nicht entflieh'n
Denen, die uns wild verfolgen;
Doch, was willst Du nun beginnen?
Sprich, was ist für uns zu thun?

Viriatus.

Dort, in meines Vaters Thurm,
Dort gedenk' ich, mich zu bergen.

Servius.

Freund, Du kannst dahin wohl kommen,
Aber ich bin schwach und matt,
Daß ich Dir nicht folgen kann,
Weil der Hunger an mir naget.

Viriatus.

Folgst Du?

Servius.

            Ach, ich kann nicht weiter!

Viriatus.

Wenn Du nicht zu geh'n vermagst,
Wird auf jeden Fall Dich hier
Schwert, Furcht, oder Hunger tödten.
Doch, ich gehe, denn ich fürchte
Hier den Tod im Hinterhalt,
Der mich mit dem Schwert bedroht,
Oder mit des Feuers Flammen.

(Er geht ab, und Theogenes tritt auf mit zwei entblößten Schwertern und blutigen Händen; Servius entflieht, als er ihn kommen sieht.)

Theogenes.

Blut, vergossen aus dem eig'nen Herzen,
Weil du das Blut von meinen Kindern bist,
Hand, erhoben zu des Selbstmord's Wüthen,
Belebt von edlem, aber grausem Eifer,
Geschick, zu unserm Untergang verschworen,
Du, Himmel, für des Mitleids Stimme taub,
Zeigt mir in meinen schweren, bittern Leiden
Ein ehrenvolles, aber nahes Ende.
Ihr tapfern Numantiner, denket nun:
Ich sey der hinterlist'gen Römer Einer,
Und rächt in meiner Brust den bittern Schimpf,
Und färbet Schwert und Hand mit meinem Blute.

(Er wirft eines der beiden Schwerter von sich.)

Eins dieser beiden Schwerter biet' ich Euch:
In Zornes Wuth und wildem Schmerze dar,
Denn weniger, wenn man im Kampfe fällt,
Fühlt man den Drang des letzten Augenblickes.
Der welcher schnell den warmen Lebensfaden
Vom Herzen eines Andern löset, werfe
Den unglücksel'gen Körper in die Flammen,
Dann wird er einen frommen Dienst ihm leisten.
Wohlan! Was zögert Ihr? Auf! Kommt herbei!
Vergießt als Opfer meines Lebens Ströme
Und wandelt Eure Freundeszärtlichkeit
In grimme, fürchterliche Feindeswuth.

Ein Numantiner.

Wen rufst Du, wackerer Theogenes?
Welch' eine Art zu sterben willst Du suchen?
Und warum reizest Du und rufst uns auf
Zu so viel schauderhaften Schreckensthaten?

Theogenes.

O tapf'rer Numantiner, wenn die Furcht
Nicht Deine Kraft bereits verringert hat,
Dann nimm dies Schwert und tödte Dich mit mir,
Als wenn Du Feindes Blut vergießen wolltest,
Denn solche Todesart behaget besser
In uns'rer Lage mir, als jede and're.

Der Numantiner.

Auch mir gefällt sie und befriedigt mich,
Da einmal unser Schicksal so es will;
Doch geh'n wir nach dem Platze, wo die Flamme
Des Scheiterhaufens wild gen Himmel flackert,
Damit der Sieger den Besiegten schleunig
Hinstürze in den glüh'nden Feuerpfuhl.

Theogenes.

Wohl hast Du Recht, doch folge mir; mich drängt
Der Wunsch, in schnellem Tode Ruh' zu finden,
Denn sey nun Feuer oder Schwert mein Loos,
So seh' ich Ruhm aus jedem Tod' entsprießen.

(Sie gehen ab.)


Vierte Scene.

( Scipio, Jugurtha, Quintus Fabius, Cajus Marius, und einige römische Krieger,)

Scipio.

Wenn mein Gedanke nicht mich gänzlich täuscht,
Und die gescheh'nen Zeichen mich nicht trügen,
Die aus Numancia Ihr vernommen habt,
Der Lärm, das Klag'getön, die glüh'nden Flammen,
So schließ' ich ohne Zweifel d'raus und fürchte,
Daß uns'rer Feinde rohe Zorneswuth
Auf eig'ne Brust die wilden Streiche führe.
Kein Mensch läßt auf der Mauer sich mehr sehen,
Der muntern Wachen Ruf ertönt nicht mehr,
Und Alles ist in Still' und Ruh' versenkt,
Als ob das stolze Volk der Numantiner
In Sicherheit und tiefem Frieden lebte.

Cajus Marius.

Sogleich kannst solchen Zweifel Du Dir lösen,
Denn wenn Du's wünschest, so erbiet' ich mich,
Die Mauer zu ersteigen (ob ich gleich
Der lauernden Gefahr entgegen gehe),
Nur um zu sehen, was in jener Stadt
Jetzt uns're übermüth'gen Feinde thun.

Scipio.

So lege eine Leiter an die Mauer,
Und thu', o Marius, was Du hast versprochen.

Cajus Marius.

Holt mir sogleich die Leiter! – Du, Ermilius,
Laß eilig meinen runden Schild mir bringen,
Und meinen weißen Helm, den Federn schmücken,
Denn wahrlich, diesen Zweifel will ich lösen
Dem röm'schen Lager, oder untergehen!

Ermilius.

Hier ist Dein runder Schild und auch Dein Helm;
Die Leiter bringt Olympius dort herbei.

Cajus Marius.

Empfehlet mich dem hohen Jupiter.
Ich gehe, mein Versprechen zu erfüllen.

Scipio.

Erhebe mehr den Schild noch, edler Marius,
Zieh ein den Leib und decke Dir das Haupt!
Nun muthig, denn Du nahst bereits der Höhe! –
Was siehst Du?

Cajus Marius.

                  Heil'ge Götter, was ist das?

Jughurta.

Was staunst Du

Cajus Marius.

                  Daß ich einen rothe See
Von Blut erblick', und tausend todte Körper,
Die in den Straßen von Numancia liegen.

Scipio.

Und ist kein Lebender dabei?

Cajus Marius.

                                       Nicht Einer;
Zum wenigsten erblick' ich keinen Einz'gen,
So weit ich auch das Auge spähen lasse.

Scipio.

So spring' hinein und sich genau nach Allem!

(Cajus Marius springt in die Stadt.)

Und Du auch folg' ihm, Freund Jugurtha, nach –
Doch nein, wir folgen Alle!

Jugurtha.

                                    Nicht geziemt
Solch Unternehmen Deiner hohen Würde.
Bleib' Du zurück, Gebieter, und erwarte,
Bis Marius oder ich Dir hinterbringen,
Was in der übermüth'gen Stadt geschieht.
Fest haltet mir die Leiter! O Ihr Götter,
Welch traurige, welch schreckenvolle Scene
Erblickt mein Aug'! O wunderbar Ereigniß!
Es badet heißes Blut den ganzen Boden
Und Leichen füllen Straßen an, und Märkte.
Ich muß hinein, um Alles wohl zu seh'n,

( Jugurtha springt in die Stadt.)

Quintus Fabius.

Die Numantiner haben ohne Zweifel,
Barbarisch aufgereizt von blinder Wuth,
Als rettunglos ihr Schicksal sie erschauten,
Es vorgezogen, mit den eig'nen Waffen
Verzweiflungsvoll ihr Leben zu zerstören,
Als unsern Sieg gewohnten Händen sich
Zu übergeben, die sie schrecklich hassen.

Scipio.

Wenn nur ein Einz'ger noch am Leben wäre,
So würde man mir den Triumph nicht weigern
In Rom, das stolze Volk gezähmt zu haben,
Das Feindschaft unserm Namen stets geschworen,
Das rasch, mit festem, kühnem Willen sich
Der schrecklichsten Gefahr entgegen stürzte.
Nein, nimmer wird ein Römer sich berühmen,
Daß feig ein Numantiner ihn gefloh'n,
Denn ihre Tapferkeit und Waffenübung
Zwang ja auch mich zu solchem Auskunftmittel,
Gleich ungezähmtem Wild sie einzuschließen
Und über sie durch Kunst und List zu siegen,
Weil durch Gewalt es mir nicht möglich war. –
Jedoch ich glaube, Marius kommt schon wieder!

( Cajus Marius kommt wieder über die Mauer zurück.)

Cajus Marius.

Vergebens, o erlauchter Feldherr, hast
Du Deine Kraft voll Weisheit angewendet,
Vergebens hast Du eifrig Dich bewiesen,
Denn nur in Rauch und Wind ist aufgegangen
Die schöne Hoffnung des gewissen Sieges,
Die Dein bewährter Geist uns zugesichert,
Der Untergang, die traurige Geschichte
Numancia's, dieser unbesiegten Stadt,
Verdient ein ewiges Gedächtniß wohl.
Gewinn ist ihnen ihr Verlust geworden;
Sie haben Deiner Hand den Sieg entrissen
Und standhaft sind, großmüthig sie gestorben.
Vergebens ist all' unser Müh'n gewesen,
Denn mehr noch hat ihr edler Geist vermocht,
Als die vereinte Macht der Römerschaaren.
Das tief gebeugte Volk – mit wilder Kraft
Hat es des Lebens Elend rasch geendet
Und schreckbar seiner Rechnung Schluß gemacht.
Numancia ist in einen See verwandelt
Von rothem Blut, gefällt mit tausend Leichen,
Die eigne Härte nur gemordet hat,
Und kühnen Muth's, von aller Furcht entfernt,
Sind sie entgangen jener schweren Kette
Der Sklaverei, die ihren Händen drohte.
Dort, auf des Platzes Mitte, steht geschichtet
Ein furchtbar lodernd, Grau'n erregend Feuer,
Genährt von ihrer Hab' und ihren Körpern.
Zu rechter Zeit noch kam ich hin, zu sehen,
Wie jener tapfere Theogenes,
Des Wunsches voll, sein Daseyn zu beschließen,
Verfluchend seines bösen Schicksals Walten,
Von grausem Wahnsinn schrecklich hingerissen,
Sich mitten in die wilde Flamme stürzte
Und dabei ausrief: Himmelstochter, Fama,
Auf diese That hier wende Deine Augen,
Mit ihr beschäft'ge Deine tausend Zungen –
Sie ruft Dich auf, sie würdig zu besingen!
Kommt, Römer, nehmt die Beute dieser Mauern,
Die schon in Asch' und Rauch verwandelt ist,
Und deren Frücht' und Blüthen schnell verwelkten. –
Mit eil'gem Fuß und fliegenden Gedanken
Durchzog ich einen großen Theil der Stadt,
Ging ungewissen Schrittes durch die Straßen,
Und hab' nicht einen Menschen mehr gefunden,
Den ich Dir lebend hätte bringen können,
Damit er Dich noch unterrichtet hätte,
Warum sie, und auf welche Art und Weise,
So furchtbar aberwitz'ge That begonnen,
So schnell den Weg zum Tod betreten haben.

Scipio.

War denn vielleicht mein Busen ganz durchdrungen
Von wildem Stolz, und heißem Durst nach Mord,
Und gänzlich leer von dem Gefühl des Rechts?
Ist's meiner Sinnesart so ganz zuwider,
Den Ueberwund'nen gütig zu behandeln,
Wie's doch dem edelmüth'gen Sieger ziemt?
Schlecht kanntet Ihr fürwahr, Ihr Numantiner,
Mein Herz, das für den Sieg geboren ist,
Doch nach dem Siege willig auch verzeiht.

Quintus Fabius.

Mehr wird Jugurtha, Feldherr, Dich befriedigen
In dem, was Du zu wissen sehnlich wünschest,
Denn sieh, dort nah't er, voll Verdruß und Kummer.

( Jugurtha kommt ebenfalls über die Mauer zurück.)

Jugurtha.

Vergebens, weiser Feldherr, wendest Du
Hier Deinen Muth an– brauch' an andern Orten
Die beispiellose Klugheit, die Dich schmückt,
Denn in Numancia ist nichts mehr zu thun
Für Dich; todt sind sie Alle, und nur Einer
Lebt, wie ich glaube, noch, Dir zum Triumph.
In jenem Thurm, der uns entgegen steht,
In jenem Thurm war eben noch ein Knabe
Von scheuem Blick, doch lieblich anzuschauen.

Scipio.

Bewährt sich dies, so ist es mir genug,
In Rom als Triumphator einzuziehen,
Und das ist's, was am meisten ich begehre,
Wir wollen hingehn, doch bemühet Euch,
Daß lebend jenen Knaben wir bekommen,
Denn dies ist jetzt von höchster Wichtigkeit.

Viriatus (spricht vom Thurme herab).

Woher, Quiriten? Und was suchet Ihr?
Wenn Ihr wollt eingeh'n zu Numancia's Thoren,
So könnt Ihr's leicht und ohne Widerstand;
Doch geb' ich von hier oben Euch die Nachricht,
Daß ich die schlecht verwahrten Schlüssel habe
Von dieser Stadt, die nur der Tod besiegte.

Scipio.

Sie will ich haben, Jüngling, deshalb komm' ich;
Doch will ich auch, daß Dich Erfahrung lehre,
Ob Mitleid nicht in meinem Busen wohnt.

Viriatus.

Zu spät, Grausamer, bietest Du Erbarmen,
Denn Keiner lebt mehr, der es brauchen könnte,
Und ich auch will des Urtheils Strenge leiden,
Das meinen Eltern, meinem Vaterlande
– O bitterer, beklagenswerther Trost! –
Ein schrecklich Ende furchtbar hat bereitet.

Quintus Fabius.

So sag', ob das Geschick so weit Dich treibt,
Daß in dem blinden Wahnsinn Du verabscheust
Die blüh'nde Jugend, und das zarte Leben?

Scipio.

Bezähme, armer Jüngling, Deinen Trotz,
Gib Deinen jungen Muth in meine Hände,
Und unterwirf Dich meiner größern Macht,
Denn meine Treu verpfänd' ich Dir, mein Wort,
Daß Du allein, von Allen anerkannt
Sollst Herr von jetzt an Deiner Thaten seyn;
Geschmeide sollst Du, Prachtgewänder haben,
So viel Du wünschest, und ich Dir kann geben,
Wenn Du freiwillig Dich mir unterwirfst.

Viriatus.

Die ganze Wuth von Allen, die da starben
In dieser Stadt, die nun in Trümmern liegt,
Ihr Flieh'n vor Uebereinkunft, Unterhandlung,
Ihr Weigern, je sich feig zu unterwerfen,
Ihr Zorn, und auch ihr offenbarer Haß,
Dies Alles wohnt vereint in meiner Brust –
Der Muth von ganz Numancia ist mein Erbtheil!
Nun seht, ob's Thorheit sey, mich zu besiegen?
Geliebtes Vaterland, unglücklich Volk!
O fürchte nicht – Du hast mich ja gezeugt! –
Daß ich nicht wüßte, was zu thun mir ziemte,
Daß mich Versprechen abhielt, oder Furcht
Mir fehle Grund und Boden, Himmel, Schicksal,
Die Welt verschwöre sich, mich zu besiegen,
Unmöglich ist es, daß ich unterlasse,
Den schuldigen Tribut Dir abzutragen.
Denn wenn ich auch aus Furcht mich hier verbarg,
Aus Furcht vor nahem, schauderhaftem Tode,
So tret' ich doch viel dreister jetzt hervor,
Beseelt vom Wunsche, Dein Geschick zu theilen.
Aus niederm Schreck, den ich schon von mir bannte,
Will ich gebessert mich und stark erheben;
Unschuld'ger, zarter Jugend Fehltritt büßen
Will ich durch einen freien, kühnen Tod.
Ich schwör' es Euch, Ihr muth'gen, tapfern Bürger,
Durch mich soll nimmer Euer Streben scheitern,
Den Schaaren der verrätherischen Römer
Nur Sieg ob uns'rer Asche zu gewähren.
Umsonst soll ihre List an mir sich üben,
Sie mögen dräu'n mit den bewehrten Fäusten,
Mich blenden wollen durch Versprechungen
Von einem Leben voller Pracht und Freude!
Schau't, Römer, beuget nieder Euern Stolz,
Erspart die Müh' Euch, diesen Thurm zu stürmen,
Denn wenn auch größer Eure Macht noch wäre,
So schwör' ich Euch, Ihr sollt mich nicht besiegen.
Mein Vorsatz aber trete schnell ins Werk,
Und ob die Liebe heilig war und rein,
Die ich zu meinem Vaterlande fühlte,
Das soll mein Sturz von diesem Thurm bezeugen!

(Er stürzt sich vom Thurme herab.)

Scipio.

O unerhörte, beispiellose That,
Die werth ist einer alten, tapfern Brust,
Denn nicht Numancia nur, ganz Spanien, hat
Durch sie des Ruhmes Gipfel nun erreicht.
Vor Deiner Heldentugend, edler Jüngling,
Erbleichet das, auf was ich Anspruch machte;
Durch diesen Sturz hast Du empor gehoben
Den eigenen Ruhm, und meinen Sieg zertrümmert.
O, stände noch Numancia unversehrt –
Wenn Du noch lebtest, sollt es mich erfreu'n,
Denn Du allein hast den Gewinn gezogen
Von diesem langen, edeln, selt'nen Kampf.
So lebe denn, o Knabe, Dein Gedächtniß,
So wie Dein Ruhm, vom Himmel Dir beschieden,
Daß einem Gegner fallend Du besiegt,
Der aufwärts steigend, tiefer ist gefallen!

(Trompeten; Fama tritt auf.)

Fama.

Von Volk zu Volk ertöne meine Stimme
Und fülle süßen, schmeichelhaften Tones
Die Herzen Aller mit dem heißen Sehnen,
Der Ewigkeit solch hohe That zu weih'n.
Erhebet, Römer, die gebeugte Stirn,
Nehmt weg von hier den Leichnam, der's vermochte,
Noch in so jugendlichem Alter, Euch
Den Sieg, der Ehr' Euch brächte, zu entreißen.
Ich, Fama, die Verkünderin der Thaten,
Will mich bemüh'n, so lang' am hohen Himmel
Die ew'gen Sphären rauschend sich bewegen
Und niedern Welten Stärk' und Kraft verleihen,
Mit stets wahrhafter Zunge zu verkünden,
Mit schnellem Flug' und mit Gerechtigkeit
Numancia's Ruhm, der einzig ist und ewig
Von Pol zu Pol, von Bactria bis nach Thule.
Ein Zeichen hat nun diese That gegeben,
Von jener Tapferkeit, die Spaniens Söhne –
Die Erben solcher Väter – üben werden
In künft'gen, glücklichen Jahrhunderten.
Nicht diese Beute des gefräß'gen Todes,
Und nicht der schnelle Strom der flücht'gen Zeit
Verhindert mich, Numancia's Ruhm zu singen,
Und ihrer edeln Bürger Tapferkeit,
Denn Alles, was in jener Stadt ich fand,
Ist werth, in meinem Liede zu ertönen,
und gibt mir Stoff zu einem Lobgesange,
Dem wohl Jahrtausende noch lauschen sollen:
Die unbesiegte Kraft, den edeln Muth,
Der Feier werth des Redners und des Dichters;
Doch, weil sich mein Gedächtniß überfüllt,
Sey auch die Sage glücklich nun beschlossen.


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