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Sprechende Personen:
Scipio, Jugurtha, Cajus Marius, zwei Gesandte aus Numancia, römische Soldaten, Quintus Fabius Maximus, Scipio's Bruder. Scipio und Jugurtha.
Scipio.
Dies schwierige, dies lastende Geschäft,
Das der Senat in Rom mir aufgebürdet,
Bedrückt so sehr mich, daß der Sorgen Schwarm
Schon über mich Gewalt bekommen hat.
O diesen Krieg, der schon so lange dauert,
So vieler edeln Römer Blut schon kostet,
Wer wird nicht zweifelnd ihn zu enden streben,
Wer nicht auf's neu' ihn zu beginnen fürchten?
Jugurtha.
Wer, Scipio? Wer? Nun, wen das Glück begünstigt,
Der nie geseh'ne Muth, der Dich erfüllt,
Und diese beiden geben Dir Gewißheit,
Daß Du in diesem Kampf den Sieg erringest.
Scipio.
Ein hoher Muth, beherrscht durch kluges Denken,
Kann auch der höchsten Berge Gipfel eb'nen;
Doch rohe Kraft in einer thör'gen Hand
Zerstört das Glatte nur und macht es rauh.
Es ist, wie ich wohl sehe Noth, zu dämpfen,
Die Raserei, die in dem Heere wüthet,
Das Ruhm und Siegeszeichen hat vergessen,
Und in der Wollust Schooß versunken liegt.
Nur dies verlang' ich, dies nur ist mein Wunsch:
Ein neu Betragen in dem Volk zu schaffen,
Denn hab' ich nur den eignen Freund gebessert,
Dann unterwerf' ich schneller mir den Feind.
Marius!
Cajus Marius (tritt auf).
Herr!
Scipio.
Gib den Befehl sogleich,
Den man dem ganzen Heer bekannt soll machen,
Daß Jeder schleunig hier zur Stell' erscheine
Und unter keinem Vorwand ferne bleibe,
Denn eine kurze Rede will dem Heer
Ich halten.
Cajus Marius.
Gleich soll es geschehn, mein Feldherr.
Scipio.
So eile, denn sie müssen Alle hören,
Was ich beschlossen, und wie sie gefehlt.
( Cajus Marius geht ab.)
Jugurtha.
Herr, keinen Krieger gibt's, kann ich Dir sagen,
Der nicht zugleich Dich liebt, und fürchtete;
Und weil nun Deines hohen Ruhms Gerücht
Von Süden bis nach Norden sich erstreckt,
So wird ein Jeder wilden Muthes voll,
Wann der Trompete Ton zur Schlacht ihn ruft;
In Deinem Dienst gedenkt er zu vollbringen,
Was selbst die alten Fabeln übertrifft.
Scipio.
Zuerst ist's Noth, das Laster einzuzügeln,
Das unter Allen sich verbreitet hat;
Denn zwing' ich dieses nicht, so achten sie
Für nichts des Ruhmes heiliges Gebot,
Und kann ich dieses Uebel nicht zerstören,
Greift um sich seine grause Schreckensflamme,
So kann das Laster schlimmern Kampf uns bieten,
Als der mit unsern Feinden je gewesen.
(Trommelschlag hinter der Scene; man hört folgenden Befehl ausrufen:)
Es ist unsres Feldherrn Wille,
Daß bewaffnet alle Krieger
Ohne Zögern sich versammeln
Auf dem Waffenplatz des Lagers.
Keiner soll zurücke bleiben
Von der Musterung, bei Strafe,
Ausgelöscht aus dem Verzeichniß
Röm'scher Krieger gleich zu werden,
Jugurtha.
Ich zweifle nicht, mein Feldherr, daß es gut sey,
Ein hart Gebiß den Kriegern anzulegen,
Die Zügel jedem Einzelnen zu kürzen,
Wenn er dem Unrecht frevelnd sich ergibt.
Des Heeres Kraft wird immer dann geschwächt,
Wenn es auf feste Ordnung nicht sich stützt,
Und wären auch in seinem Kreis enthalten
Viel prächtige Geschwader und Paniere.
(Es treten so viele Krieger auf, als möglich, unter ihnen Cajus Marius. – Scipio besteigt einen auf der Bühne befindlichen Felsen und betrachtet die Krieger.)
Scipio.
An Eurer stolzen Haltung, an der Waffen
Erhab'nem Schmuck, an krieg'rischer Geberde,
Erkenn' ich, Freunde, wohl als Römer Euch,
Als starke, muthbelebte Römer, sag' ich;
Doch nach der zarten Hände weißer Farbe,
Nach der Gesichter blühendem Erglänzen,
Scheint in Bretagne's Fluren ihr erzogen,
Und von flamänd'schem Stamme nur zu seyn.
Die allgemeine Trägheit ist's, Ihr Freunde,
Das Nichtbeachten Eurer heil'gen Pflichten,
Was die gefall'nen Feinde wieder hebt
und Eure Kraft, wie Euern Muth verringert.
Die stolzen Mauern jener Stadt, die immer
Noch, Felsen gleich, auf festem Grunde stehen,
Sind Zeugen Eures schwachen, eiteln Willens,
Und daß Ihr nur den
Namen Römer führet.
Dünkt's Euch, Ihr Freunde, wohl ein rühmlich Thun,
Daß vor dem röm'schen Namen Staaten zittern,
Und Ihr allein in Spanien nur denselben
Vernichtet und zum Abgrund niedersenkt?
Welch eine Schwachheit selt'ner Art ist das?
Welch eine Schlaffheit? – Doch, wenn ich nicht irre,
So ist sie Tochter Eures Müßigganges,
Des größten Feindes aller großen Thaten.
Die sanfte Venus und der eh'rne Mars,
Nie können sie ein dauernd Bündniß knüpfen;
Sie fröhnt der Ueppigkeit, er folgt den Pfaden,
Die zur Vernichtung und zum Blutbad führen, –
Von jetzt an sey uns Cyprus Göttin fern,
Und uns'res Heeres Kreis verlass' ihr Sohn,
Denn unter Kriegsgezelten ist nicht Wohnung
Für den, der Fest' und Tafelfreuden liebt.
Glaubt Ihr: des Mauerbrechers Eisenspitze
Sey schon genug, die Zinnen umzustürzen,
Und bloß der Krieger Menge und der Glanz
Der Waffen könnte Schlachten Euch gewinnen? –
Wenn Kraft sich nicht und Weisheit eng vereinen,
Die Alles ordnen, Alles unterstützen,
Dann hilft Euch wenig der Geschwader Menge,
Der Vorrath wenig, den Ihr angehäuft.
Denn wenn ein Heer – auch noch so klein – sich füget
Der strengen Kriegszucht rauher, ernster Stimme,
Dann wird es leuchten, wie die helle Sonne,
Und kühn den Gipfel hohen Ruhms ersteigen.
Doch, wenn es feig der Schlaffheit sich ergibt,
(Ob's eine kleine Welt auch in sich fasse,)
Dann wird's in einem Augenblick vernichtet
Durch wahren Muth, den feste Ordnung zügelt.
Erröthet ob der Schmach, Ihr starken Männer,
Daß, uns zum Trotz, in kühnem Uebermuthe,
Der Spanier kleine, eingeschloss'ne Schaar
Noch stets dies Nest Numancia kühn vertheidigt.
Schon mehr, als sechzehn Jahre sind verflossen,
Seit sie im Krieg mit uns begriffen sind,
Und frech sich rühmen, daß schon viele Tausend
Von Römern unter ihrer Faust geblutet.
Doch,
Ihr nur laßt den Sieg aus Eurer Mitte,
Ihr selbst, besiegt von weibischem Gelüste;
Denn Bacchus Rausch bethört Euch, Venus Hände
Entwinden Euch der Waffen würd'ge Last.
Erfüll' Euch nun, wenn es noch nicht geschehen,
Die Schaam, daß dieses kleine, span'sche Häuflein
Noch den bewährten, röm'schen Kriegern trotzt
Und, unterdrückt schon, um so mehr beleidigt.
Ich will daher, daß aus des Lagers Räumen
Die frechen Buhlerinnen sich entfernen,
Denn nur aus diesem Samen ist das Uebel
Entkeimt, das tausendarmig uns umfängt.
Zum Trinken bleib' ein einz'ger Becher nur;
Die weichen Pfühle soll man streng vernichten,
Auf denen die Hetären sonst sich streckten –
Auf harter Erd', auf Reisern soll man ruhn.
Kein anderer Geruch soll fürder laben
Den Krieger, als Geruch von Pech und Harz;
Nicht soll, um leckern Gaumen zu erfreuen,
Mit Kunstgeschirr der Kochplatz sich erfüllen:
Wer diese Künste sucht im ernsten Kriege,
Wird schwer des Panzers rauhe Last ertragen.
Nichts will ich von Genüssen oder Freuden,
So lang' in jenen Mauern Spanier leben. –
Nicht schein' Euch rauh und hart, Ihr tapfern Männer,
Das ernste Machtwort, das ich hier gesprochen,
Denn daß es nützlich ist, sollt Ihr erkennen,
Wenn Ihr erlangt habt Eures Strebens Ziel.
Ich weiß es wohl, es wird Euch Mühe kosten,
Den alten Brauch in neue Form zu schmiegen,
Doch, thut Ihr's nicht, so wird er nie beendet,
Der Krieg, der Schmach auf Eure Stirnen drückt.
Auf weichem Lager, unter Wein und Spiel
Weilt Mars nicht gern, der Vater der Beschwerde,
Denn andern Schmuck sucht er, und and're Wege,
Und and're Arme schwingen seine Fahnen.
Es muß ein Jeder sein Geschick bereiten,
Denn Keinen schützet hier das blinde Glück;
Die Trägheit mag im Staube sich bewegen,
Indeß der kühne Muth sich Reiche gründet.
Bei alledem bin ich gewiß versichert,
Daß Ihr als Römer noch Euch zeigen werdet,
Und darum halt' ich auch für unbedeutend
Die Mauer, von Rebellen nur vertheidigt,
Und ich versprech' und schwör's bei meiner Rechten,
Daß ich freigebig Euch belohnen werde,
Daß Euer Lob ich wahrhaft will verkünden,
Wenn Euern Muth Ihr kühn und treu bewährt.
(Die Krieger sehen sich unter einander an, und geben dem Cajus Marius Zeichen, für sie Alle zu antworten.)
Cajus Marius.
Wenn aufmerksamen Blicks Du hast betrachtet,
Ruhmwürdiger Feldherr, was auf den Gesichtern
Der Krieger, die Du hier versammelt siehst,
Sich zeigt, als sie der kurzen Rede lauschten,
Dann hast Du Manchen wohl erbleichen sehen,
Und Manchen auch erglühn – ein sich'res Zeichen,
Daß Furcht und Schaam zugleich sie ängstigen,
Betrüben und mit Kümmerniß erfüllen;
Die Schaam, so tief gesunken sich zu sehen
Durch eig'ne Schuld, und für gerechten Tadel,
Womit Du sie belegst, auch nicht ein Wort
Genügender Entschuldigung zu haben;
Die Furcht, weil viele Fehler sie begingen.
Die Selbstbeschuld'gung nied'rer Trägheit fesselt
So sehr sie, daß sie lieber stürzen möchten
Dem Tod entgegen, als dabei verharren.
Da ihnen aber Zeit und Raum noch bleibt,
Um Besserung und neuen Muth zu zeigen,
So ist auch nicht so streng erniedrigend
Das Selbstbewußtseyn ihrer eig'nen Schmach.
Von heut' an wird mit freiem, frohem Willen
Auch der Geringste unter Diesen streben,
Ohn' allen Widerspruch in Deinem Dienste
Zum Opfer Leben, Gut und Blut zu bringen –
So nimm denn an ihr reuiges Erbieten,
Den guten Willen nimm, o Feldherr, an;
Bedenke, daß es Römer sind, die bitten,
Die niemals ganz der alte Muth verließ.
Ihr aber, Freunde, hebt die rechten Hände,
Zum Zeichen, daß Ihr mein Gelübd' bestätigt.
Viele Krieger.
Das, was Du hast gesagt, bestätigen,
Beschwören wir!
Alle Krieger.
Ja, wir beschwören's Alle!
Scipio.
Nun dann. gestützt auf dieses Anerbieten,
Wird auch von heut' an mein Vertrauen wachsen,
Wächst nur der kühne Muth in Euern Herzen,
Und ändert Ihr das weiche, müß'ge Leben.
Laßt das Versprechen nicht vom Wind verwehen,
Bewährt es mir durch hohe Waffenthaten;
Das Meinige soll sich als wahrhaft zeigen,
So weit Ihr Euer Wort mir halten mögt,
Ein Krieger.
Zwei Numantiner bitten um Geleit,
Vor Dir als Abgesandte zu erscheinen.
Scipio.
Und warum zögern sie? Was hält sie auf?
Der Krieger.
Sie warten auf Erlaubniß von dem Feldherrn,
Scipio.
Die haben sie, wenn sie Gesandte sind,
Der Krieger.
Gesandte sind's.
Scipio.
So führe sie herbei.
Denn ob mit wahrer oder falscher Rede
Der Feind sich nahe – immer bringt es Nutzen.
Nie hat die Falschheit sich so sehr verschleiert
Mit dem Gewand der Wahrheit, daß sie nicht
Ein kleines Zeichen, eine Lücke ließ,
Wodurch man ihre Bosheit kann entdecken.
Gar wohlgethan ist's, wenn den Feind man hört,
Denn immer nützen wird es, niemals schaden;
Im Krieg hat die Erfahrung oft gezeigt,
Daß, was ich sagt', ein gründlich Wissen sey.
(Zwei numantinische Abgesandte treten auf.)
Erster Numantiner.
Wenn Du uns, Herr, Erlaubniß willst gewähren,
Die Botschaft auszusprechen, die wir bringen,
So wollen wir, sey's hier, sey's Dir allein,
Warum wir kommen, unumwunden sagen.
Scipio.
Sprecht ungescheut, denn Jeden hör' ich an.
Erster Numantiner.
So will ich unter des Geleits Vergunst,
Das Deine königliche Huld uns gibt,
Beginnen, was uns herführt, Dir zu sagen. –
Die Stadt Numancia, wo ich Bürger bin,
Ruhmvoller Feldherr, sendet mich zu Dir,
Dem Tapfersten der röm'schen Scipionen,
Den je die Nacht verhüllt, der Tag gesehen.
Sie bittet Dich, die Hand als Freund zu heben,
Zum Zeichen, daß der wilde Kampf sich ende,
Der grausam schon so manches Jahr gewüthet,
Und Dir, wie ihr, zum Nachtheil hat gewaltet.
Sie spricht: sie würde niemals den Gesetzen
Von Rom's Senat sich frech entzogen haben,
Wenn nicht der Consuln frevelhaftes Fordern
Und streng Gebot zuletzt erzürnt sie hätte.
Mit harter Satzung wollten diese fröhnen
Der eig'nen Habsucht und dem rauhen Stolz,
Und drückten solch ein Joch auf uns're Hälse,
Daß wir gezwungen uns davon befreiten.
Die ganze Zeit nun, die der Kampf gedauert,
Der beide Theile wild entzweite, haben
Wir keinen Feldherrn je gefunden, der
Zu friedlichem Verein geneigt sich hätte;
Doch jetzt, da unser Fahrzeug von dem Schicksal
Geführt ist worden in so guten Hafen,
Ziehn wir des Krieges blut'ge Segel ein
Und sind bereit zu billiger Bedingung.
Doch glaube nicht, daß Furcht uns hat bewogen,
Dich um den Frieden flehendlich zu bitten,
Denn die Erfahrung hat es längst bewiesen,
Daß Muth und Kraft uns nie gemangelt haben.
Nur Deiner Tugend hoher Werth vermochte
Zu diesem Schritt uns, der wohl größern Vortheil,
Als wir es denken, uns noch bringen mag,
Wenn wir als Herrn und Freund Dich anerkennen.
Dies ist die Ursach' uns'res Hierseyns, Herr,
Nun gib uns Antwort, wie es Dir gefällt.
Scipio.
Spät gebt Ihr Zeichen einer wahren Reue,
und Eure Freundschaft kann mir wenig nützen.
So übt auf's neue denn die Kraft des Armes,
Denn was der meine kann, will ich versuchen,
Weil das Geschick die Macht ihm hat gegeben,
Mir Ruhm und Euch den Untergang zu schaffen.
Nicht wird die Unverschämtheit langer Jahre
Durch dieses Flehn um Frieden ausgeglichen;
Verfolgt den Krieg, erneuert die Gefahren,
Die tapfern Schaaren sammeln neu sich wieder.
Zweiter Numantiner.
Ein falsch Vertrau'n muß Täuschung öfters leiden!
Bedenke, was Du thust; der Uebermuth,
Den Du uns zeigst, er wird auf's neu erwecken
Die alte Kraft in uns'rer starken Rechten.
Weil Du den Frieden uns verweigert hast,
Um den in guter Meinung wir Dich baten,
So wird von heut' an auch des Himmels Wille
Mit unsrer Rache seyn und uns behüten,
Und eh' Numancia's Boden Du betrittst,
Wirst Du die Wuth derjenigen erfahren,
Die Deine Feinde sind und doch so gern
Dir unterthan und Freunde wollten seyn.
Scipio.
Habt Ihr noch mehr zu sagen?
Erster Numantiner.
Nein; wir müssen
Nun handeln, da Du, Herr, es also willst,
Da Du verschmähst die Freundschaft, die wir bieten,
und nicht mehr seyn willst, der Du sonst gewesen.
Nun aber sollst Du sehn, was wir vermögen,
Wenn Du uns zeigst, was Du wohl könntest thun;
Denn
Eines ist's, um Frieden unterhandeln,
Ein
Andres, durch der Feinde Reihen brechen.
Scipio.
Du redest Wahrheit, und um Euch zu zeigen,
Ob ich zu handeln weiß in Krieg und Frieden,
Will ich Euch nicht als meine Freund' erkennen,
Noch jemals Freund von Euerm Lande seyn,
Und hiermit könnt Ihr Euch zurück begeben,
Zweiter Numantiner.
Und hierin ist Dein ganzer Will' enthalten?
Scipio.
Ich sprach schon Ja.
Zweiter Numantiner.
Nun dann, wohlauf, zum Kampfe,
Denn Krieg erfreut der Numantiner Herzen!
(Die Gesandten gehen ab.)
Quintus Fabius.
Die Lässigkeit, in der bisher wir lebten,
Macht Euch so kühn, auf solche Art zu reden;
Doch hat die Zeit verhängnißvoll begonnen,
Die unsern Ruhm und Euern Tod Euch zeigt.
Scipio.
Nicht eitles Prahlen ziemt dem tapfern Herzen,
In welchem Ehre, Muth und Stärke wohnen;
Deshalb, o Fabius, mäßige Dein Dräu'n
Und schweig, und zeige Deinen Muth im Kampfe,
Obgleich die Numantiner ich zu hindern
Gedenke, mit uns handgemein zu werden.
Besiegen will ich sie auf eine Art,
Die größern, wicht'gern Vortheil mir gewährt,
Denn beugen will ich ihren Stolz und Witz,
Daß er der eignen Wuth zum Opfer werde.
Mit tiefem Graben will ich sie umgeben,
Sie überwinden durch des Hungers Macht;
Denn röm'sches Blut – so will ich – soll nicht mehr
Den Boden dieses Landes purpurn färben.
Es ist genug an dem, was diese Spanier
In diesem wilden Krieg vergossen haben.
Es mögen Eure Hände nun sich üben,
Der Erde Schooß zu brechen, zu durchhöhlen;
Die Freunde mögen sich mit Staub bedecken,
Da Feindes Blut sie nicht bedecken soll.
Zurück von dieser Arbeit bleibe Keiner,
Und Keiner halte für beschimpfend sie;
Arbeiten mag Soldat und Vorgesetzter,
Kein Unterschied des Ranges finde Statt;
Ich werde selbst des Eisens Last ergreifen,
Und leicht damit den harten Boden spalten;
Thut Alle so wie ich, dann sollt Ihr sehen,
Daß
meine Arbeit Euch genügen wird.
Quintus Fabius.
Mein tapf'rer Herr und Bruder, deutlich zeigst Du
In diesen Reden Deine Weisheit uns,
Denn Aberwitz, nicht anders, wär's zu nennen,
Ein Zeichen wär' es größ'rer Thorheit nur,
Zu kämpfen gegen toll entbrannten Muth,
Der diese wild Verzweifelten beseelt.
Nein, besser ist es, Deinem Rath zu folgen
Und bei der Wurzel ihren Muth zu fassen.
Die Stadt kann leichtlich eingeschlossen werden
Bis an die Stelle, wo der Strom sie badet.
Scipio.
So laßt uns unverzüglich denn beginnen
Mein neues, ungewöhnliches Verfahren
Und wenn der Himmel sich uns günstig zeigt,
So muß in Kurzem Spanien unterliegen
Dem römischen Senat, wenn es gelingt,
Den tollen Hochmuth dieses Volks zu beugen.
( Spanien tritt auf, vorgestellt durch eine Jungfrau mit einer Mauerkrone auf dem Haupte, und einer Veste in der Hand)
Spanien.
Erhab'ner, heit'rer, weitgespannter Himmel,
Der Du mit günst'gem Einfluß immer waltest
Ob meinem Land in seinen meisten Theilen,
Und es erhebest über viele and're,
Laß meinen Schmerz zum Mitleid Dich bewegen,
Und weil Du den Betrübten gern erhörst,
So hör' auch mich in meiner großen Noth,
Denn Spanien bin ich, traurig und zerlassen.
Es sey genug, daß schon in frühern Zeiten,
Du mir die starken Glieder wild entzündet,
Und einen Weg der Sonne hast geöffnet,
Zum Reich der Bösen, tief in meinem Innern.
Tyrannen gabst Du tausend reiche Schätze,
Die Griechen und Phönizier durften herrschen
In meinen Reichen, weil Du so es wolltest,
Vielleicht, weil ich durch Fehltritt' es verdiente.
Ist's möglich aber? Muß ich unaufhörlich
Die Sklavin seyn von fremden Kriegervölkern,
und soll ich auch auf kurze Zeit nicht sehen,
Daß meine Fahnen frei entfaltet werden?
Mit vollem Recht jedoch – wohl fühl ich das –
Bedrückt mich solcher schweren Leiden Strenge
Weil meine tapfern und berühmten Söhne
In bösem Streit sind unter sich zerfallen,
Nie mochten sie zu ihrem Wohl vereinen
Die muthigen, doch wild entbrannten Herzen;
Sie trennen sich, im Gegentheile, stets,
Wenn kluges Bündniß ihnen nöthig wäre.
So lockten sie durch ihrer Zwietracht Walten
Die gierigen Barbarenvölker an,
So daß sie kamen, meine Schätze theilten
Und Grausamkeit auf meinem Boden übten.
Numancia war's allein, die, muthentflammt,
Das scharfe Schwert mit starkem Arm geschwungen,
um sich auf Kosten ihres Herzgeblütes
Die Freiheit, die geliebte, zu erhalten.
Doch ach! Schon seh' ich ihre Zeit verrinnen,
Schon seh' ich bang die letzte Stunde nahen,
Wo sich ihr Leben, nicht ihr Ruhm beschließt,
Der Phönix, den die Flammen neu gebären.
Und diese vielen, aber feigen Römer,
Die nach dem Sieg auf tausend Arten streben,
Sie meiden es, im Kampfe sich zu messen
Mit jenen wen'gen, tapfern Numantinern.
O würden ihre Listen doch vereitelt,
O wäre doch ein Traumbild ihr Beginnen,
Daß für Numancia's kleinen, engen Raum
Gewinn aus ihrem Untergange keimte!
Doch ach! Schon haben sie die Feind' umschlossen,
Nicht bloß mit Waffen, die die Spitzen kehren
Auf ihre schwache Mauer; nein, sie wußten
Mit selt'nem Fleiß und schnell gewandten Händen
Es zu bewirken, daß mit hohem Wall
So über Höhen, wie durch Tiefen hin,
Ein Graben sich rings um die Stadt jetzt zieht,
Und nur die Seite, die der Fluß benetzt,
Wehrt noch das kühne, nie geseh'ne Streben.
So sind in ihren Mauern eingeschlossen
und hart bedrängt die edeln Numantiner;
Sie können nicht heraus und niemand kann
Hinein, und vor dem Stürmen sind sie sicher;
Bei dem Gedanken schon, daß sie nicht können
Die Kraft der starken, tapfern Arme üben,
Begehren sie mit Schreck erregender
und lauter, fürchterlicher Stimme
Krieg.
Da nun die Seite, wo der breite Duero
Die Stadt mit seinem Strom bespült und netzt,
Die Einz'ge ist, die ein'ge Hülfe bietet
Dem eingeschloss'nen Numantinervolke,
So will ich, ehe noch Gerüst' und Thürme
Auf seinen klaren Fluthen sich erheben,
Den wasserreichen, weltbekannten Strom
Um Hülfe bitten für mein armes Volk. –
Du schöner Duero, der in sanften Bogen
Den Busen, Kühlung bringend, mir befeuchtet,
So mögst Du immer goldne Körner führen
In Deinen Fluthen, gleich dem reichen Tajo,
So mögen reizende, verschämte Nymphen
Von Wies' und Hain demüthig sich Dir nahn,
Dir nicht verweigernd ihres Reizes Anblick,
Und reich Dir spendend ihrer Gunst Bezeugung,
Wie meinen bittern Klagen Du Gehör
Verleihest und sie zu vernehmen kommst,
Und solltest Du auch Scherz und Spiel verlassen
Auf kurze Zeit und meinen Wunsch erfüllen.
Denn wenn Du nicht mit steigenden Gewässern
Mich rächst an diesem stolzen Römervolk,
Dann seh' ich für das Heil der Numantiner
Auch nicht den schmalsten, sichern Ausweg mehr.
(Der Fluß Duero tritt auf, nebst drei andern als Flußgötter gekleideten Jünglingen, welche Bäche vorstellen, die in den Duero fallen.)
Duero.
Schon lange ist's, o Spanien, theure Mutter,
Daß Deine Klagen mir das Ohr verwunden;
Doch, säumt' ich, aus dem tiefen Grund zu steigen,
So war es, weil ich hülflos mußte kommen.
Es naht sich, nach der Sterne böser Stellung,
Der Unheil schwang're Tag Numancia's Mauern,
Und mit Gewißheit fürcht' ich, daß kein Mittel
Vermögend sey, die Noth hinwegzuscheuchen.
Schon schwellt ich mit den Wassern dreier Flüsse,
Mit Orvions, Menuesa's, Tera's Wellen,
Den Busen mir, daß dem gewohnten Bette
Er wild entstieg, nicht achtend seiner Ufer;
Doch, ohne Furcht vor meinem wilden Laufe,
Als wär's ein Bach nur, seh' ich, daß sie streben –
O müßtest, Spanien, Du es nie erblicken! –
So Wäll' als hohe Thürme zu errichten
Auf meiner Fluthen wellenreicher Fläche.
Doch, wenn auch des Geschickes rauhes Walten
Für Dein geliebtes Numantinervolk
Ein traurig Ende seines Daseyns fügte,
Weil seine Kraft die letzten Schwingen regt,
So bleibt ihm doch der Trost in seinen Schmerzen,
Daß nie die Sonne seiner hohen Thaten,
Die immer glänzen soll in ew'gen Zeiten,
Die Schatten des Vergessens decken werden.
Und wenn auch jetzt mit stolzem Herrscherfuße
Die Römer Deine fruchtbar'n Auen treten,
Wenn sie in ihres Hochmuths thör'gem Wahne
Dich hier bedrücken, oder dort beschimpfen,
So wird – denn so erforscht es Proteus, dem
Die Götter hellen Schauens Kraft verliehn –
Die Zeit erscheinen, wo die eiteln Römer
Besiegt von denen werden, die sie jetzt
In stolzem Wahn durch Unterdrückung schänden.
Entfernter Länder Schaaren seh' ich nahen,
Die sich an Deinen warmen Busen legen,
Nachdem, was Du gewünscht, sie kühn vollbracht,
Der Römer Uebermuth gezügelt haben.
Die Gothen sind's, in heller Waffen Rüstung,
Die ganz die Welt mit ihrem Ruhm erfüllen;
Sie werden kommen und in Dir sich sammeln,
Die Thaten Deines Volks neu zu beleben.
Den heut'gen Schimpf – ihn rächt in künft'gen Zeiten
Die schwere Hand des wilden Attila;
Das stolze Römervolk wird er besiegen
Und zwingen, seiner Satzung zu gehorchen.
Der Stolz des Vaticanes wird gebrochen
Durch Deine muth'gen Söhn' und and're Fremde,
So daß der Steuermann des heil'gen Schiffes
Zur eil'gen Flucht die Segel wenden muß.
Und eben so kommt eine Zeit als Zeugin,
Daß span'sche Klingen über röm'schem Halse
Geschwungen werden, der nur durch die Nachsicht
Des trefflichen Albaners, jenes Führers,
Noch athmet. Dieser wird das Spanierheer
Zurücke führen, schwach an Menschen zwar,
Doch nicht an Muth, so daß es kühn sich messen
Wohl kann mit einem vielmal größern Heere.
Und wenn bekannter wird der große Schöpfer
Des hohen Himmels und der niedern Erde
Dann wird auch der, der Stellvertreter Gottes
Auf Erden wird, die Kön'ge Deines Volkes
Mit einem Namen nennen, der sie ehrt.
Katholische wird man sie Alle nennen,
Die würdigen Söhne jener starken Gothen.
Doch wer die Hand erheben wird am kühnsten
Zu Deiner Ehr' und allgemeinem Heil,
Wer hoch des Spaniernamens Ruhm wird heben,
Daß glänzend er vor allen andern strahle,
Ein König ist's, von dessen hohem Sinne
Mein Geist mir hoch erhab'ne Dinge zeigt.
Genannt wird er, dem sich die Welt ergibt,
Philipp der Zweite, der der Einz'ge ist,
Und unter seiner hochbeglückten Herrschaft
Wird unter
einer Krone Ring vereinet
Drei Reiche man zum heil'gen Ganzen sehen,
Und Dir zum Frieden, die getheilt jetzt sind.
Der lusitan'sche Saum, der weit berühmte,
Der einst gelös't ward von dem Prachtgewande
Des herrlichen Castiliens, wird von neuem
Mit ihm verbunden werden, sich ihm einen.
Geliebtes Spanien! Neid und Furcht wirst Du
Bei andern fremden Völkern viel erregen,
Mit ihrem Blute wird Dein Schwert sich färben,
Auf ihren Fluren wird Dein Banner wehen! –
Dies mag Dein Trost in diesem Leiden seyn,
Das wohl gerechte Thränen Dir entlockt,
Denn wenden kann des Schicksals Schluß sich nimmer,
Der schwer schon auf Numancia's Zinnen ruht.
Spanien.
Dein Wort, erhab'ner Duero, hat zum Theil
Mir Trost gewährt in meines Leidens Noth,
Bloß weil ich glaube, daß Betrug und List
An dieser Weissagung nicht Antheil haben.
Duero.
Darauf kannst Du, o Spanien, sicher bauen,
Sind auch die Tage solchen Glücks noch fern!
Nun lebe wohl, denn meine Nymphen harren.
Spanien.
Der Himmel mehre Deine klaren Fluthen.