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Dritter Act.


Erste Scene.

Sprechende Personen:
Scipio, Jugurtha, Cajus Marius, Quintus Fabius.

Scipio.

Gewiß, ich bin zufrieden, daß ich sehe,
Wie, sehr das Glück sich meinen Wünschen eint,
Daß dieses freie, stolze Volk ich zähme
Durch Klugheit nur, und nicht durch Anstrengung.
Fest halt ich immer die Gelegenheit,
Denn sie enteilt – das weiß ich – gar zu schnell,
Und läßt im Kriege man sie blind vorüber,
Vernichtet sie den Ruhm, zerstört das Leben.
Wohl hieltet Ihr's für unweis' und für thöricht,
Den Feind auf diese Art umringt zu halten;
Ihn auf gewohntem Weg nicht zu besiegen,
Das, glaubtet Ihr, brächt' unserm Ruhme Schimpf.
Wohl, Freunde, wird man so gesprochen haben,
Doch bin ich sicher, daß geübte Krieger
Auch sagen werden, daß der Sieg am höchsten
Zu achten sey, je wen'ger Blut er kostet.
Welch einen höhern Ruhm kann es wohl geben,
In Kriegsbegebenheiten, die ich meine,
Als, ohne daß man nur ein Schwert entblößt,
Den Feind zu unterwerfen, zu besiegen?
Denn wenn der hohe Sieg errungen wird
Durch Ströme Blut's der eig'nen, theuern Freunde,
Dann ist die Freude kleiner, als sie wäre,
Wenn ohne Blut man ihn errungen hätte.

(Auf der Mauer von Numancia wird Trompete geblasen.)

Quintus Fabius.

Hörst Du, o Herr, wie von Numancia's Mauern
Trompetenton herab schallt? Ganz gewiß
Will man von dort Dir etwas offenbaren,
Weil dort die Mauer das Herausgeh'n hindert.
Auf einem Thürmchen zeigt sich Corabinus;
Kommt, geh'n wir näher hin!

Scipio.

                                    Ja, geh'n wir näher!

Cajus Marius.

Nicht weiter, denn von hier versteh'n wir ihn.

( Corabinus stellt sich mit einem weißen, an eine Lanze geknüpften Panier auf die Mauer.)

Corabinus.

Ihr Römer, ho, Ihr Römer, könnt Ihr wohl
Von hier aus meiner Stimme Ton vernehmen?

Cajus Marius.

Und wenn Du auch noch leiser wolltest sprechen,
So wird man hier doch jedes Wort versteh'n.

Corabinus.

So sagt dem Feldherrn, daß er hierher komme
Zum Graben; eine Bothschaft habe ich.
Ihm mitzutheilen.

Scipio.

                        Nun, dann sprich sogleich,
Denn ich bin Scipio.

Corabinus.

                              Hör denn meine Rede!
Numancia bittet Dich, o weiser Feldherr,
Wohl zu bedenken, daß seit vielen Jahren
Des Krieges Flamme wild und wüthend lodert,
Entzündet zwischen Roms und unserm Volke.
Um zu vermeiden, daß sie weiter greife,
Die gift'ge Pest so schwerer Unglücksfälle,
So will die Stadt, wenn's Dir gefällt, sie enden,
Durch einen kurzen Zweikampf schnell entscheidend.
Ein Krieger bietet sich von uns'rer Seite
Zum ernsten Kampf in enggeschloss'nen Schranken,
Mit einem Tapfern aus der Euern Mitte,
Um zu beenden diesen schweren Streit.
Und wenn so feindlich das Geschick es fügt,
Daß Einer das geliebte Leben läßt,
Und unsrer ist's, ergibt sich Dir die Stadt,
Ist's Eurer, sey der ganze Krieg vorbei.
Zur Sicherheit für diese Uebereinkunft
Sind wir erbötig, Geißeln Dir zu stellen.
Daß Du d'rauf eingehst, bin ich überzeugt,
Denn Deiner Krieger Werth bist Du gewiß,
Von denen der Geringst' im off'nen Felde
Vermag, dem Tapfersten der Numantiner
Kopf, Stirn und Brust im eig'nen Schweiß zu baden,
So daß Du jetzt schon Sieger Dich kannst nennen.
Nun gib mir Antwort, ob Du es bewilligst,
Damit zur Ausführung wir mögen schreiten.

Scipio.

Spott ist Dein Anerbieten, Spiel und Posse,
Und wer es annähm', wär' ein großer Thor.
Den Weg demüth'ger Bitte schlagt nur ein,
Wenn Euer Hals entschlüpfen soll der Schärfe
Des immer unbesiegten Römerschwertes,
und der Gewalt und Strenge uns'rer Arme.
Das wilde Thier, das wegen seiner Stärke
und Wuth man fest in einen Käfig schließt,
Kann man darin durch Kunst vortrefflich zähmen,
So wie durch Zeit und andre kluge Mittel;
Wer aber frei es wollte laufen lassen,
Der würde Zeichen großer Thorheit geben.
Nur wilde Thiere seyd Ihr, und gefangen
Halt' ich Euch da, wo Ihr bezähmt sollt werden;
Mein soll Numancia werden, Euch zum Trotz,
Und mir nicht den geringsten Krieger kosten.
Doch der, den Ihr für Euern Besten haltet,
Der breche hier durch dieses Grabens Wall,
und glaubt Ihr durch mein Handeln Euch berechtigt,
Für eingeschüchtert meinen Muth zu halten,
So mag der Wind auch diese Schmach verweh'n,
Und nach dem Sieg den Ruhm zurück mir bringen.

(Scipio geht ab mit den Seinigen.)

Corabinus.

Nichts hörst Du weiter, Feigling? Du entweichest?
Du fürchtest gleichen und gerechten Kampf?
Wie schlecht entsprichst Du Deinem hohen Rufe,
Wie schlecht kannst Du auf solche Art ihn wahren!
Kurz, wie ein Feiger nur hast Du gesprochen,
und Feige seyd Ihr, Römer, nied're Seelen,
Vertrauend Eurer Menge Uebermacht
Und nicht der starken Arme rüst'gem Walten.
Wortbrüchige, treulose, falsche Seelen,
Grausame, tygerherzige Tyrannen,
Habsüchtig, undankbar, im Staub geboren,
Halsstarrig, wild und roh, des Hochmuths voll,
Und Ehebrecher seyd Ihr, und bekannt
Durch Eure list'gen, aber feigen Thaten.
Und welchen Ruhm wird unser Tod Euch bringen,
Da Ihr uns haltet in so engen Schranken?
Sey's in geschloss'nen Schaaren, sey's zerstreut
Im off'nen Felde, wo den wilden Sturm
Des Mordgefechtes nicht der breite Graben,
und nicht des Walles hohe Brustwehr hindert,
Da solltet Ihr, ohn' einen Fuß zu wenden,
Ohn' Euerm Schwerte jemals Ruh' zu gönnen,
Mit Euerm großen, tapfern Heere kommen,
Und unserm Schwachen Euch entgegen stellen.
Doch, weil Ihr immer die Gewohnheit habt,
Durch List und feige Künste nur zu siegen,
So kann auch Euer trüglich Wesen nicht
Auf Tapferkeit gestütztes Thun gestatten.
Ihr, in des Löwen Haut gehüllte Haasen,
Rühmt und vergrößert immer Eure Thaten –
Doch hoff' ich noch zum großen Jupiter,
Daß einst Numancia Euch Gesetze gibt.

(Er steigt hinab und kommt gleich darauf mit allen Numantinern zurück, die im Anfange des zweiten Aufzuges auftraten, den Marquinus ausgenommen, der sich in das Grab gestürzt hat. Auch Morander tritt auf.)

Theogenes.

Uns hält das Schicksal in so engen Schranken,
Daß es ein Glück noch seyn wird, Ihr Gefährten,
Wenn unser Leiden durch den Tod wir enden.
Als sich'res Zeichen unsres Mißgeschicks
Saht Ihr des Opfers traurigen Erfolg,
Saht, wie den Zauberer das Grab verschlang.
Die Ausford'rung, sie ist zu nichts geworden,
Und unser Thun weiß ich auf nichts zu lenken,
Als auf ein schnelles, ehrenvolles Ende.
In dieser Nacht mag sich die Kühnheit zeigen,
Die unsre Brust, Ihr Numantiner, schwellt,
Ins Werk gesetzt soll unser Entschluß werden.
Vernichten wollen wir des Feindes Wall,
Hinaus ins Feld, dem Tod entgegen gehen,
Und nicht, wie Feige, sterben hinter Mauern.
Ich weiß es wohl, daß diese kühne That
Nur uns're Todesart verändern kann,
Denn Tod ist unauflöslich ihr verbunden.

Corabinus.

Auch ich, Ihr tapfern Freunde, bin der Meinung,
Und jenen Wall durchbrechend, will ich sterben,
Und meine Hand allein soll ihn vernichten;
Doch bleibt mir übrig noch ein mächt'ger Zweifel:
Wenn unsre Frauen diesen Anschlag hören,
Dann wird unausgeführt er sicher bleiben,
Als wir schon einmal vorgesetzt uns hatten,
Sie zu verlassen und hinaus zu stürmen,
Auf unsern Muth, auf uns're Rosse trauend,
Da raubten sie, als sie den Plan erfuhren,
Uns alle Zäum' aus unsern Ställen weg,
Und ließen auch nicht einen uns zurück,
So hintertrieben sie den Ausfall damals,
Und eben so wird's ihnen jetzt gelingen,
Wenn, so wie damals, ihre Thränen fließen.

Morander.

Was wir beschlossen haben, es ist Allen
Bekannt schon, und von ihnen ist nicht Eine,
Die sich darüber bitter nicht beschwerte.
Sie wollen, wie sie sagen, Glück und Unglück
Und Tod und Leben willig mit uns theilen,
Wär' ihre Gegenwart uns lästig auch.

(Es treten vier, oder noch mehr numantinische Frauen auf und mit ihnen Lyra. Alle Frauen, ausgenommen Lyra, haben Kinder auf den Armen, oder an den Händen.)

Seht, wie sie nah'n, um flehend uns zu bitten,
Daß wir in solcher Noth sie nicht verlassen –
Und wär't Ihr auch von Stahl – dies muß Euch rühren.
Mit Euern zarten Kindern auf den Armen
Geh'n sie daher– seht Ihr, mit welcher Liebe
Sie ihnen noch die letzten Küsse geben?

Erste Numantinerin.

Ihr Gebieter, wenn in allem Unglück,
Das bis hierher Numancia hat betroffen,
Und welches größer ist, als selbst der Tod;
Wenn in des Glückes Tagen, die vergangen,
Wir immer uns als treue Weiber zeigten,
So wie auch Ihr uns treue Gatten waret;
Warum wollt Ihr dann in der Schreckenszeit,
Die jetzt der Himmel über uns verhängt,
So schwache Zeichen Eurer Lieb' uns geben?
Wir wissen es, und klar ist's uns geworden,
Ihr wollt Euch in der Römer Waffen stürzen,
Weil ihre Schärf' Euch minder schrecklich dünkt,
Als es der Hunger ist, der schon uns drückt,
Und uns mit hagerm Arm so fest umschlingt,
Daß an Entkommen nicht zu denken ist.
Im Kampfe wollt Ihr Euer Leben opfern,
Uns aber ohne Schutz zurücke lassen,
Der Unehr' und dem Tode preis gegeben.
O, lieber senkt die eig'nen Schwerter in
Die Herzen uns – solch Ende ziehn wir dem,
In Feindes Arm entehrt zu sterben, vor.
Ich hab' in meinem Herzen fest beschlossen,
Wenn meine Kraft mich nicht zu früh verläßt,
Da, wo mein Gatte stirbt, auch mit zu sterben,
Und eine Jede wird dasselbe thun,
Die zeigen will, daß nicht die Todesfurcht
Sie hindern kann, zu lieben, wen sie liebt,
In Glück und Unglück, wie in Freud' und Trauer.

Eine andere Numantinerin.

Sagt, was wollt Ihr thun, Ihr Männer?
Wie, besteht Ihr immer noch
Auf dem schrecklichen Entschluß,
Zu entfliehn, uns zu verlassen?
Wollt Ihr wohl dem röm'schen Stolze,
Zur Vollendung uns'rer Schmach,
Und zu Eurem eignen Spott,
Numantin'sche Jungfrau'n lassen?
Wollt Ihr uns're freien Söhne
Lassen in dem Sklavenjoch?
Wär's nicht besser, wenn Ihr sie
Mit der eignen Hand erwürgtet?
Möchtet Ihr wohl gern erfüllen,
Was die röm'sche Habsucht will?
Soll die fremde Herrschaft frech
In den Staub uns nieder drücken?
Sollen etwa fremde Hände
Stürzen unser Eigenthum?
Wird der unentweihte Leib
Uns'rer Jungfrau'n Römerbeute?
Irrthum ist's, uns zu verlassen,
Denn viel Unheil wird daraus,
Wenn allein die Heerde bleibt,
Ohne Hund und ohne Hirten.
Wollt den Graben Ihr erstürmen,
Gut, so laßt uns mit Euch ziehn,
Denn für Leben halten wir's,
Wenn vereint wir mit Euch sterben.
Eilt nicht auf den Weg des Todes,
Denn die strenge Hungersnoth
Zieht schon ihr Gewebe fest
Und beschleunigt unser Ende.

Mehrere Numantinerinnen.

Kinder solcher armen Mütter,
Was ist das? Ihr redet nicht?
Wollt Ihr nicht mit Thränen flehen,
Daß die Väter Euch nicht lassen?
O, des Hungers schrecklich Wüthen
Drückt Euch schon mit herbem Schmerz,
Und daran ist's wohl genug –
Röm'sche Härte ist nicht nöthig.
Sagt es denen, die Euch zeugten,
Daß Ihr frei geboren seyd,
Und daß Euch der Mütter Treu'
Auch in Freiheit hat erzogen.
Saget ihnen (da so schrecklich
Uns des Schicksals Hand berührt),
Daß sie Euch dem Tod auch weihn,
Wie sie Euch das Leben gaben.
O ihr Mauern dieses Platzes,
Rufet laut, wenn ihr es könnt,
Wiederholt es tausendmal:
Freiheit, Freiheit, Numantiner!
Uns're Tempel, uns're Häuser
Hat die Eintracht aufgebaut,
und um Mitleid flehn Euch an
Eure Kinder, Eure Frauen.
O erweicht, Ihr starken Männer,
Eurer Herzen Diamant,
Zeigt als Numantiner Euch,
Mit der Brust voll treuer Liebe.
Dadurch, daß den Wall Ihr brechet,
Kürzt Ihr unser Unglück nicht,
Denn es wird des Schicksals Hand
Näher Euch und sich'rer treffen.

Lyra.

Auch die zarten Jungfrau'n legen
Ihr Geschick in Eure Hand;
Sichert sie vor Schimpf und Schmach,
Mildert ihren bittern Kummer.
Laßt nicht in der Habsucht Händen
Solcher hohen Schätze Werth,
Denn Ihr wißt, die Römer sind
Hung'rige, begier'ge Wölfe.
Nur Verzweiflungsschritte sind es,
Die Ihr unternehmen wollt;
Kurzen Tod und langen Ruhm
Können sie Euch nur erwerben.
Aber, wird auch mehr gelingen,
Als ich denke, solcher That,
Welche Stadt in Spanien wird
Dann die Thore wohl Euch öffnen?
Mein beschränkter Geist ersieht es,
Daß durch solchen Ausfall Ihr
Wohl dem Feinde Leben gebt,
Aber ganz Numancia tödtet.
Eures herrlichen Entschlusses
Spotten dann die Römer nur,
Denn Dreitausend können nichts
Gegen Achtzigtausend leisten.
Wären auch die Mauern offen –
Von Vertheidigung entblößt,
Würdet dennoch Ihr mit Hohn
Schlecht gerächt und schnell gemordet.
Besser ist's, Ihr lasset walten
Des Geschickes mächtige Hand,
Daß mit Leben oder Tod
Es uns hebe oder stürze.

Theogenes.

O trocknet die, von Thränen feuchten Augen,
Ihr zarten Frau'n, und haltet Euch versichert,
Daß eben so wir Euern Kummer fühlen,
Als er zu uns'rer hohen Liebe stimmt.
Ob nun der Schmerz auch wachse, oder ob
Zu unserm Heil des Kummers Last sich mind're,
Nicht todt, nicht lebend wollen wir Euch lassen,
Im Tod und Leben aber wohl Euch schützen.
Zum Graben zwar gedachten wir zu gehen,
Mehr, um zu sterben, als um zu entfliehn;
Im Tod noch wollten wir das Leben suchen,
Wenn wir im Sterben noch uns rächen könnten.
Weil dieser Vorsatz nun entdeckt ist worden,
Und es wohl Thorheit wär', ihn auszuführen,
So wird von heut', geliebte Frau'n und Kinder,
Noch mehr Euch unser Leben angehören.
Nur das ist zu bedenken, daß den Feinden
Aus unserm Fall nicht Sieg und Ruhm erwachse,
Daß sie vielmehr erstaunte Zeugen werden,
Die ihn verewigen und preisen müssen,
Und wenn Ihr Alle, was ich sage, billigt,
Wird unser Ruhm Jahrtausende wohl dauern. –
In unsrer Stadt, ist meine Meinung, bleibe
Nichts, was dem Gegner kann Gewinn verschaffen.
Ein Feuer werd' entzündet auf dem Markte;
In seine wilden, angeschürten Flammen
Versenke man des Reichthums Schätze alle,
Von dem geringsten, wie vom höchsten Werth.
Dies mögt Ihr für ein heit'res Spiel wohl achten,
Wenn ich die Absicht Euch erklären werde,
Die rühmliche, die man in's Werk soll setzen,
Wenn Feuer unsern Reichthum hat vernichtet.
Um nun den Hunger etwas nur zu stillen,
Der grimmig schon in unserm Innern nagt,
Mögt ungesäumt die Römer Ihr zerstücken,
Die schändlichen, die hier gefangen sind,
Und ohne Unterschied sie gleich vertheilen,
Dem ganzen Volk, dem Kleinen wie dem Großen,
Mit ihrem Fleische noch ein Mahl zu feiern,
Durch grause Noth zu solcher That gezwungen.
Was dünkt Euch, Freunde, wohl von diesem Rath?

Corabinus.

Ich stimme ein in Deine kluge Meinung,
Und schleunig mag sie ausgeführt auch werden,
Die seltene, die ehrenvolle That.

Theogenes.

Ich sag' Euch meine fern're Meinung dann,
Wenn das geschehen ist, was wir beschlossen.
Jetzt, Freunde, laßt uns mit einander eilen,
Die heißen, reichen Flammen anzufachen.

Erste Numantinerin.

Und wir, wir wollen nun sogleich beginnen,
Freiwillig unsern Schmuck herbeizuschaffen,
Und auch das Leben wollen wir Euch opfern,
So wie die Herzen wir geschenkt Euch haben.

Lyra.

Nun denn, so kommt, laßt uns von hinnen eilen,
Und die Trophäen sollen schnell verbrennen,
Die sonst mit Reichthum Römerhände füllten,
Und auch wohl gar noch Römerhabsucht nährten.

( Alle gehen ab; Morander hält Lyra'n beim Arme zurück.)

Morander.

Eile nicht so schnell von hinnen,
Lyra, laß mir den Genuß,
Der im Tode mir gewährt
Noch das Glück des heitern Lebens.
Laß auf Deiner Schönheit Strahlen
Noch verweilen meinen Blick.
Weil mir das Geschick nur Gram
Zugetheilt, und herbe Schmerzen.
Holde Lyra, o Du tönest
Stets in meiner Phantasie,
Mit so reinem, süßem Klang,
Daß zur Freude wird mein Leiden!
Sag', was fesselt wohl Dein Sinnen,
O Du Wonne meiner Brust?

Lyra.

Ich bedenke, wie mein Glück,
Und das Deine so verschwindet.
Ach, es ist nicht die Berennung
Wilder Feinde unser Tod!
Früher, als der böse Krieg,
Wird mein Leben sich beschließen.

Morander.

O, was sagst Du, süßes Leben?

Lyra.

Hungers Wuth umfängt mich so,
Daß sie bald entblättern wird
Meines ird'schen Daseyns Blüthe.
Welch ein Brautbett kannst Du hoffen,
Da ich ganz vernichtet bin,
Und der Tod mich wohl umfaßt,
Eh' noch eine Stund' enteilet?
Gestern starb mir schon der Bruder
In der grausen Hungersnoth,
Und die Mutter würgte schon
Ebenfalls der bleiche Hunger.
Wenn nun auch des Hungers Wüthen
Nicht auch mich schon überwand,
War's nur meiner Jugend Kraft,
Die noch stets ihm widerstrebte,
Aber da seit vielen Tagen
Ich schon ohne Hülfe bin,
Wie vermag's die schwache Kraft,
Länger ihm zu widerstehen?

Morander.

Trockne, Lyra, Deine Augen;
Laß die meinen, kummervoll
Sich ergießen, wie ein Strom,
Der entspringt aus Deinen Leiden.
Wenn Dich auch des Hungers Wüthen
Hart und fest umklammert hält,
Sollst, so lang' mir Leben bleibt,
Du doch Hungers nimmer sterben.
Ueber Mau'r und Graben springen
Will ich kühn und unverzagt,
Meinem Tod entgegen gehn,
Um den Deinen zu verzögern;
Und das Brod des Römers will ich,
Ohne daß die Furcht mich rührt,
Kecklich rauben seinem Mund,
Um dem Deinen es zu bringen.
Und mein Arm soll Bahn mir brechen,
Dir zum Leben, mir zum Tod,
Denn es tödtet schlimmer mich,
Herrin, leidend Dich zu sehen.
Süße Lyra, Speise bringen
Will ich, trotz den Römern, Dir,
Wenn mein Arm nur immer noch
Das ist, was er sonst gewesen.

Lyra.

O Morander, liebeglühend,
Sprichst Du, doch ist's ungerecht,
Dich zu stürzen in Gefahr,
Um nur Labung mir zu reichen.
Ach, nur wenig kann's mir nützen,
Was Du mit Gefahr erringst,
Und dem Tod entgegen gehst
Sich'rer, als daß Du mich rettest.
O genieße Deiner Jugend,
Die noch frisch und munter blüht,
Denn es nützet uns'rer Stadt
Mehr Dein Leben, als das meine.
Du kannst besser sie vertheid'gen
Gegen Feindes Hinterlist,
Als die wenige Gewalt
Eines armen, schwachen Mädchens.
Deshalb gib, mein süßes Leben,
Solches Unternehmen auf;
Unterstützung mag ich nicht,
Die Du kaufst mit Deinem Blute,
Denn wenn Du auch wen'ge Tage
Meinen Tod verzögern kannst,
Wird doch diese Hungersnoth
Bald in's Grab uns Alle stürzen,

Morander.

Nur vergebens strebst Du, Lyra,
Mich zu hemmen auf dem Weg,
Den zu wandeln mein Gestirn,
Und mein Wille mir gebieten.
Bitte Du indeß die Götter,
Daß sie, helfend Deiner Noth,
Und dem Schmerze, der mich quält,
Mich zurück mit Beute führen,

Lyra.

O Morander, süßes Leben,
Geh nicht fort – mir ahnet schon,
Daß Dein warmes, rothes Blut
Färbt des Feindes tödtlich Eisen.
Wag' es nicht, dies Unternehmen,
O Morander, Du mein Heil,
Hat Gefahr der Hinweg schon,
Ist der Rückweg noch viel schlimmer,
Und daß Ernst mir diese Bitte
Sey, ruf' ich den Himmel an,
Mir's zu zeugen, ob ich gleich
Ihn für mich nicht günstig halte.
Willst indeß von diesem Wagniß
Du nicht abstehn, holder Freund,
Dann sey dieser Kuß ein Pfand,
Daß mein Herz Du mit Dir führest.

Morander.

Lyra, schütze Dich der Himmel!
Sieh, Leonzius naht sich dort.

Lyra.

Wohl gelinge Dir die That –
Schaden mögst Du nimmer leiden!

( Leonzius, welcher das Gespräch zwischen seinem Freunde Morander und Lyra gehört hat, tritt auf.)

Leonzius.

Ein schrecklich Unternehmen ist's, o Freund,
Wozu Du Dich erboten, und man sieht,
Daß Feigheit fremd der wahren Liebe ist;
Obgleich Dein Muth und Deine selt'ne Tugend
Noch mehr erwarten ließen; doch ich fürchte,
Das düst're Schicksal wird sich karg erweisen,
Wohl hört ich, wie Dir Lyra anvertraute,
In welcher großen Noth sie sich befindet,
Und die wohl nicht ihr hoher Werth verdient;
Ich hörte, daß Du ihr versprachst, Erlösung
zu bringen von dem gegenwärt'gen Leiden,
Und in der Feinde Waffen Dich zu stürzen.
Begleiten will ich Dich, mein theurer Freund,
Und will Dir beistehn in dem Unternehmen,
Zu dem Dich zwingt der Liebe heil'ge Macht.

Morander.

Hälfte meiner Seele, Himmelstochter,
Du, heil'ge Freundschaft, die Du immer gleich
Dir bleibst, im tiefen Elend, wie im Glück! –
Nein, Freund, genieße froh das süße Leben;
Bleib' in der Stadt – ich mag die Schuld nicht tragen
Von dem Verblühen Deines jungen Lebens.
Ich muß allein gehn! – ich allein kann hoffen,
Mit Beute rückzukehren, die die Götter
Wohl meiner treuen Liebe gern gewähren.

Leonzius.

Längst weißt Du schon, Morander, wie ich's meine,
Weißt, daß im Glück, wie in des Unglücks Tagen
Ich Deinen Wünschen nur zu dienen strebe;
Und deshalb soll mich weder Todesfurcht,
Noch etwas Schlimm'res – wenn es dessen gibt –
Nur einen Augenblick von Dir entfernen.
Dir muß ich folgen, muß vereint mit Dir
Auch wieder kommen, wenn der Himmel nicht
Es fügt, daß Dich vertheidigend ich falle.

Morander.

Bleib hier, o Freund, bleib hier, laß Dich beschwören,
Denn wenn ich dort mein Leben enden muß,
Wo tausendarmig die Gefahr mir droht,
Dann wirst Du meine Mutter doch noch trösten,
In ihres Schmerzes schrecklichem Gefühl,
Und die in Gram versenkte, theure Braut.

Leonzius.

Du scherzest bitter, Freund! – Wie ist's Dir möglich,
Zu glauben, daß nach Deinem Tode mir
So viel der kalten Ruhe bleiben würde,
Daß ich mit einigem Erfolg als Tröster
Der Mutter und der Braut noch dienen könnte?
Dein Tod, o Freund, ist auch der meinige,
Dir folg' ich auf dem zweifelhaften Gange;
Bedenke Du nur, wie wir ihn beginnen,
Und ford're nicht mehr, daß ich bleiben soll.

Morander.

Nun denn, willst Du durchaus mein Schicksal theilen,
So laß hinaus uns in die Feinde stürmen,
Wenn schwarz die Nacht der Erde Kreis umhüllt.
Nur leicht bewaffne Dich, denn nur das Glück
Soll uns begünst'gen bei der kühnen That,
Und nicht des harten Panzerhemds Gewebe;
Und fest auch nimm Dir in Gedanken vor,
Der Lebensmittel Vorrath rasch zu fassen,
Wo Du ihn find'st, und sicher ihn zu wahren.

Leonzius.

So laß uns gehn – das, was Du willst, geschehe.


Zweite Scene.

Zwei Numantiner.

Erster Numantiner.

Laß durch die Augen, o geliebter Bruder,
Die Seel' in Thränen aufgelöst entfliehn;
Es nahe sich der bleiche Tod und nehme
Sie hin, die Beute unsres Jammerlebens.

Zweiter Numantiner.

Nicht lange dauern mehr die herben Leiden,
Denn schon erscheint der Tod mit heißer Gier,
Um Alle schnellen Flug's davon zu führen,
Die auf Numancia's Unglücksboden wandeln.
Ach, einen Anfang seh' ich, der verheißt
Dem lieben Vaterland ein bitt'res Ende,
Wenn auch der Feinde wilde Kriegerschaaren
Ganz unbekümmert um den Ausgang sind.
Mir selbst, die wir bereits der Last erliegen
Des schauerlichen, schwachen Kummerlebens,
Wir haben ohne Widerruf erkohren
Den schrecklichen, doch lobenswerthen Tod.
Schon flackert auf dem großen Markt gefräßig
Des glüh'nden Scheiderhaufens wilde Flamme,
Die, reich genährt von allen unsern Schätzen,
Empor zur vierten Himmelssphäre lodert.
Dorthin, von traur'ger Eile fortgetrieben,
Den Tod im Herzen, wandeln Alle schüchtern,
Als gingen sie zu einem heil'gen Opfer,
Mit ihrem Eigenthum die Gluth zu nähren.
Dort wirft man in der Flamme wildes Toben
Die glatte Perl, im Orient erzeugt,
Zu herrlichem Gefäß getrieb'nes Gold,
Den Diamant, den köstlichen Rubin,
Des edeln Purpurs theures Prachtgewebe,
Die Stickerei, von schöner Hand verfertigt,
Denn solche Beute würde wohl den Römern
Das Herz erfreuen und die Hände füllen.

(Hier treten Einige auf, die mit Sachen beladen sind; sie kommen von der einen Seite und gehen auf der andern wieder ab.)

Nach jenem Schauspiel wende Deine Blicke,
Da wirst Du sehn, mit welchem ein'gen Willen
Numancia's Bürger schnell zusammen strömen,
Um jene Schreckensgluth zu unterhalten;
Und zwar mit Holz nicht, und mit dürrem Stroh,
Und andern Dingen ohne großen Werth,
Nein, mit der Habe, die sie nicht genossen,
Die sie erwarben, um sie glühn zu sehn.

Erster Numantiner.

Wenn damit unser Unglück sich beschlösse,
So könnten mit Geduld wir es ertragen.
Doch ach! es soll – wenn ich nicht irre – noch
Befehl zu uns'rer Aller Tod ergehen,
Denn ehe der Barbaren rauhe Wuth
Auf unsre Nacken grausend sich entlade,
Soll unsre eigne Hand den Mordstahl schwingen,
Doch Henker sollen Römer nicht uns seyn.
Schon ist's bestimmt, daß auch nicht eine Seele,
Nicht Weib, nicht Kind, noch Greis am Leben bleibe,
Weil doch der grause Hunger uns am Ende
Mit größerm Schmerze noch das Leben nimmt.
Doch siehe, Bruder, dort erscheinet sie,
Die einst mit heißer Lieb' ich froh umfing!
Ach, meine Liebe war so grenzenlos,
Als jetzt ihr Leiden unermeßlich ist.

(Eine Frau tritt auf, welche ein kleines Kind auf dem Arme hat und einen Knaben an der Hand führt.)

Die Mutter.

O du schreckenvolles Leben,
O du übergroße Qual!

Der Knabe.

Mutter, findet niemand sich,
Der uns Brod für dieses gäbe?

Die Mutter.

Weder Brod, noch etwas And'res
Gibt man uns, was eßbar ist.

Der Knabe.

Ach, so muß in Hungersnoth
Ich vergehen, traute Mutter?
Gib mir nur den Bissen Brodes,
Und ich quäle Dich nicht mehr.

Die Mutter.

Süßes Kind, Du machst mir Schmerz!

Der Knabe.

Willst Du nicht, geliebte Mutter?

Die Mutter.

Gerne wollt ich, süßer Kleiner,
Aber sag', wo find' ich es?

Der Knabe.

Kauf es, wie Du's oft gekauft,
Sonst will ich's auch selber kaufen,
Denn, um meine Noth zu enden,
Gäb, ich wohl dies Prachtgefäß
Für ein einzig Stückchen Brod
Jedem, der es haben wollte.

Die Mutter (zu dem Kinde auf ihrem Arme).

Ach, was willst Du, armes Wesen?
Fühlst Du nicht, daß mir zur Pein,
Statt der Milch Du reines Blut
Nur der leeren Brust entsaugest?
Reiße nur die Brust in Stücken,
Wenn's Dir Sättigung gewährt!
Ach, schon schwindet mir die Kraft
Aus den schwachen, müden Armen!
Ihr geliebten Herzenskinder,
Wo schaff' ich Euch Unterhalt,
Da mir eig'nes Fleisch gebricht,
Es zur Nahrung Euch zu reichen?
O du, Schreckensnoth des Hungers,
An dem Leben nagst Du mir!
Blut'ger Krieg, du wüthest nur,
Meinen Tod herbei zu führen.

Der Knabe.

Mutter, Mutter, ich verschmachte!
Eile, Mutter, fort von hier,
Denn es scheint, als quälte uns
Auf dem Weg noch mehr der Hunger.

Die Mutter.

Kind, ganz nah' sind wir dem Orte,
Wo wir, von Verzweiflung voll,
Werfen in der Flamme Gluth
Alle Lasten, die Dich drücken.


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