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Die Persönlichkeit

Eleonora Duse kann von der Bühne her weder voll erkannt noch vollends verstanden werden. Wer aber kannte sie wirklich, menschlich? Eine Freundin von ihr, Matilda Serao, wollte über sie ein Buch schreiben. Es ist nicht erschienen. Es würde ein unentbehrliches Kapitel fehlen, wenn ihr Bildnis entstehen soll. Ich kann es nicht geben. Ich ergänze daher meine Darstellung durch die Erinnerungen von Gertrud von Sanden, die von ihrem 13. bis zu ihrem 27. Lebensjahre mit der Tochter von Eleonora Duse zusammengelebt hat, darunter lange Zeiten im Hause der Mutter.

 

Sie war die Duse – mit allem Reichtum und Zauber, der bei diesem Namen immer wieder erklang, und sie war auch die ganz einfache, unbekannte, wurzelstarke italienische Frau aus dem Volke. Menschen, die sie als ganz junge Anfängerin gekannt haben, sagen, daß dies Urtümliche, Volkhafte damals noch unmittelbarer in ihr zu spüren war als später. Gerade auf starke einfache Volksnaturen wie die Russen wirkte sie so zündend – in Petersburg hat, wie sie oft betonte, ihr Weltruhm angefangen, an einem unvergeßlichen Abend, an dem sie zum erstenmal den rasenden Beifallssturm einer völlig hingerissenen Menschenmenge erlebte. Man mußte sie zu Hause, auf italienischem Boden, sehen, um zu fühlen, wie sehr sie im eigenen Volkstum wurzelte.

Aus ihrer entbehrungsvollen Jugend blieb ihr das starke Gefühl der Solidarität mit allen arbeitenden, kämpfenden Menschen, das unendlich feine Verständnis für die Mühsal des Lebens, für Krankheit und Hunger und Geldnot, und eine nie versiegende, leidenschaftliche Hilfsbereitschaft den Schwachen und Gefährdeten gegenüber. Sie war von den Wurzeln auf sozial eingestellt, sie ist selber Volk in ihren untersten Urgründen, und ob sie in amerikanischen Millionärshotels abstieg oder Kaiserinnen besuchte und die schönen Kleider von Worth schöner trug als irgend jemand sonst, sie blieb doch die italienische Frau aus dem Volke und wußte genau, wie es einer solchen zumute war. Mitten im Glanz und Pomp irgendeiner ihr zu Ehren veranstalteten Festlichkeit sah man das für sie so charakteristische Lächeln und den Blick, mit dem sie zu sich selber sprechen konnte und dies oft tat, spielerisch, lächelnd, mit einer Intimität, die sie alles um sich her vergessen ließ: »Eleonora, figlia mia – wo bist du hingeraten – –!« Sie hatte Ehrfurcht vor den einfachen arbeitenden Menschen; die Handwerker von Settignano, die sie in ihrem kleinen Haus beschäftigte, wurden immer von ihr ermutigt, selbständig zu schaffen; unbekümmert um das, was gerade das Übliche war, die Dinge zu machen, die sie selber freuten; sie erzählte ihnen von Desiderio da Settignano, der ein einfacher Mann gewesen war wie sie selber, von den Traditionen des italienischen Kunstgewerbes; sie riet ihnen, sich umzuschauen in ihrer nächsten Umgebung: – »Geht in die Kirchen, in die alten Häuser« – sagte sie. Der Steinmetz, der bei ihr arbeitete, schuf unter dieser Einwirkung erstaunlich feine, künstlerisch empfundene Dinge, am Gartentor, an den Pfosten der Türen, über den Eingängen, und sie war ganz aufgebracht über seine unausrottbare Zaghaftigkeit. »Sie haben die Leute ganz mutlos gemacht«, sagte sie, »er sollte doch stolz sein – er ist doch ein Künstler.«

Sie hatte eine glückliche Art, das rechte Wort zu treffen, wenn sie mit dem Volk in Berührung kam. Einmal, in Carrara, hatte sie die Marmorbrüche besichtigt und saß auf einem Stein am Wege, wo die blendend weißen Blöcke auf die Ochsenkarren geladen wurden. Es war glühend heiß und schattenlos, die Leute zitterten unter den Lasten, lauter elendes Volk, Männer und Frauen, die mit ganz unzulänglichen Hebewerkzeugen die schweren Blöcke handhabten. Es war eine dumpfe, verbissene Stimmung, sie hatte vielleicht noch nie »den Atem des Proletariats« so nahe gespürt. Sie sah gebannt auf die wankenden, stöhnenden Menschen. Eben war wieder ein Steinklotz auf den Ochsenwagen gepoltert und einer der Männer rief, mit der plötzlichen, dramatischen Wildheit des italienischen Volkes, in der so oft ein Funken Humor durchblitzt: »Eccolo! – nur weg damit! Irgend jemand wird ihn ja brauchen können« – und sofort erwiderte sie, mit einer schwesterlichen, tröstenden Bestimmtheit, mit einem Lächeln, das zugleich Abbitte war für soviel unerkannte, unbelohnte Mühsal: »Si – per una bella statua eterna!« Es war erstaunlich, wie diese Worte wirkten. Alle Köpfe fuhren herum, die Leute blieben stehen, einige wischten sich den Schweiß vom Gesicht, andere wiegten den Kopf zustimmend hin und her. Die Signora hatte recht. Auf einmal war ein Gedanke da – ein Bild. Dies waren Marmorblöcke – für Statuen. Es waren nicht nur tote, unmenschlich schwere Steinklötze. Freilich, man quälte sich schandbar ab mit ihnen, es war alles schlecht eingerichtet, zu wenig Arbeitskräfte, schlechtes Handwerkszeug – und auf einmal waren alle Zungen gelöst und alles stand um sie herum und erzählte ihr von den Nöten der Steinarbeiter von Carrara. Solche Eindrücke beschäftigten sie tagelang nachhaltig. Sie verarbeitete es alles und schonte sich nie, sie lernte von allem, was ihr begegnete. Das traurige, krause, rätselvolle Leben umgab sie, sie fühlte es mit allen Fasern und Nerven, erlebte es mit den Sinnen und Seelen der anderen; sie konnte staunen, wie Kinder staunen, über all das Unbegreifliche, Unübersehbare und begegnete ihm mit einer gramvollen, furchtlosen Bereitschaft zum Leid. In allen ihren Gefühlen – der Kindesliebe, der Mutterliebe, der Freundschaft – war sie wundervoll einfach und stark; für ihre Freunde von einer nie ermüdenden Opferbereitschaft. Sie liebte es, wenn ihre Freunde sie brauchten. Als sie hörte, daß eine ihrer Freundinnen in Paris eine schwere Operation durchgemacht hatte, von der sie ihr nichts gesagt hatte, um sie nicht zu beunruhigen, war sie tief betroffen. »Colette!« rief sie, als sei die Freundin selber anwesend und könne sie hören. »Das ist nicht Freundschaft. Man soll wissen, wenn Freunde in Gefahr sind. Man soll sich beunruhigen, man soll leiden mit seinen Freunden.« Es kam ihr wie ein Verrat vor, daß man ihr diese ernsthafte Sache verheimlicht hatte. Jede übertriebene Fürsorglichkeit reizte sie, sie wollte das Leben stark und unverdünnt, so wie es war. Selbst im Kleinen konnte sie sich ärgern über zu große Betulichkeit: eine Verehrerin hatte ihr herrliche Rosen geschickt, vorher aber sorgfältig jeden einzelnen Dorn entfernt. Dies entdeckte sie zufällig und ihre Entrüstung war maßlos und höchst komisch.

Sie hatte eine tiefe Ehrfurcht vor der Wissenschaft, der modernen Technik – als man ihr erklärte, wie die Antennen bei der damals eben erfundenen drahtlosen Telegraphie funktionierten, faltete sie die Hände mit einer jähen, entzückten Freude – kein künstlerischer Eindruck hätte sie mehr ergreifen können. Sie konnte sich freuen über die einfachsten Dinge. Badende Kinder im Arno, die langsam rückwärtsschreitenden Seiler bei der Arbeit an der Dorfstraße, denen die glänzenden Hanfstricke stark und glatt unter den Händen hervorquollen; eine Bäuerin mit wimmelnden flaumgelben Kücken in der blauen Schürze – bei solchen Dingen blieb sie stehen. In ihrer schmerzlichen Liebe zu ihrem Volk – sie war auch für seine Fehler außerordentlich hellsichtig – war ihr das Fremdenwesen, insoweit es Italien zu einer Schaubude machte, die es gaffend und verständnislos durchstreifte, ein Greuel; besonders die Karawanen von überseeischen »sight-seers«, die sie kurzweg »Rothäute« nannte, peinigten sie, weil sie das Volk servil machten und nur aufs Geldverdienen dressierten. Das Betteln, das sich an den großen Plätzen und vor den Hotels breitmachte, war ihr ein tiefer Kummer; an den vielen Straßenhändlern, die den Fremden nachliefen, ging sie schmerzlich erzürnt vorüber. Aber vor allem empörte sie jeder Mangel an Solidarität im Volke. Einmal war sie in Porto d'Anzio von Bettlern so belästigt worden, daß sie sich in ein Hotel fast hineinflüchten mußte. Der öffnende Kellner sagte katzbuckelnd auf englisch zu ihr: »Lauter Lumpenvolk, Signora« – worauf sie ihn anherrschte: »Wie wagst du es, von deinem eigenen Volk so zu sprechen.« Dieser strenge Begriff von »solidarità« wurde besonders verständlich, wenn man sich erinnert, daß ihre früheste Jugend sich in Venedig unter österreichischer Besatzung, die das Volk als sehr drückend empfand, abspielte. Damals schloß sich alles Italienische eng zusammen zur Abwehr des Fremden; sie hatte selber brutale Übergriffe der Soldateska erlebt und teilte noch ganz gefühlsmäßig die Abneigung gegen alles »Österreichische«, obgleich sie unumwunden zugab, daß sie gerade in Wien besonders gern spielte und das warme lebendige Verständnis des Publikums dort immer sehr stark spürte.

Wenn man mit ihr reiste, merkte man immer wieder, mit welchem feinen Menschensinn sie in die Völker »hineinhorchte«, deren Sprachen sie nicht verstand, deren Geschichte und Literatur ihr oft kaum bekannt waren. Deutschland, das sie vielleicht am wenigsten kannte, machte ihr einen so »zuverlässigen« Eindruck, dies Wort betonte sie immer – daß sie ihre Tochter einer deutschen Erziehungsanstalt anvertraute. Zuverlässigkeit – diese Eigenschaft wehte ihr aus der deutschen Atmosphäre entgegen. Sie waren ihr nicht immer sympathisch, die deutschen Dinge und Menschen, aber sie waren zuverlässig und »travailleurs« – ein höchstes Lob bei ihr. Goethe und Nietzsche waren ihr ein Begriff; deutsche Musik, besonders Bach und Beethoven, zog sie mächtig an. Gewisse Züge der wilhelminischen Kulturperiode, bei denen einem, wie sie sagte, ein je ne sais quoi wie schmetternde Blechmusik im Ohre dröhnte, hielten sie davon ab, mit dem wirklichen Deutschland engere Fühlung zu suchen. Sie beklagte es oft, daß bei ihrem rastlosen Arbeitsleben, ihren vielen Reisen, wenig Zeit zur geistigen Vertiefung in andere Länder blieb. Um so gründlicher kannte sie ihr eigenes Land. Sie war erfüllt von dem Geist der italienischen Renaissance; alles Schöne, was es in Italien gab, kannte sie und wußte es zu finden. Mit ihr durch die kleineren italienischen Städte zu reisen, war eine Offenbarung. Sehr oft waren die Schönheiten, auf die sie aufmerksam machte, in keinem Katalog zu finden. In Venedig, in der Kirche San Giorgio dei Schiavoni, ging sie, nachdem sie die Fresken von Carpaccio, die sie sehr liebte, besucht hatte, die Treppe hinauf in eine alte düstere Sakristei, in der hinter einer verstaubten Portiere ein Weihwasserbecken an der Wand hing, eine aus herrlichem gelblichem Marmor gemeißelte Frauenhand, die in ihrer Höhlung das Weihwasser hielt. Diese Hand hatte sie als Kind entdeckt und liebte die schmalen, feinen Finger. »Meine Mutter hatte eine solche Hand«, sagte sie, »eine traurige, kranke Hand.«

Es waren nicht nur Kunstwerke, die sie aufsuchte und um derentwillen sie oft Umwege machte. Sie schien jeden Winkel in Italien zu kennen, zu wissen, in welcher Jahreszeit, in welcher Beleuchtung er am schönsten war. In Venedig ging sie einmal, wortlos wie immer auf solchen Gängen, durch die winkligen Gäßchen, über kleine Brücken und Stufen, durch niedrige Torbogen, dunkle Hausflure, und blieb dann an einem schönen, schmiedeeisernen Gitter stehen, hinter dem in einem winzigen, mit Steinfliesen bedeckten Hof ein großer Magnolienbaum in voller Blüte stand. Das Höfchen lag zwischen hohen, rosa und blau getünchten Häusern, ganz oben sah man ein Dreieck blauen Himmels, Wäsche flatterte, irgendwo schmetterte, wie immer in Venedig, ein Kanarienvogel in die Stille hinein und Wasser gluckste. Nachdem sie so, aus Gott weiß welchen Erinnerungen heraus, ein solches Fleckchen Schönheit besucht hatte, ging sie meist still nach Hause und blieb still in sich gekehrt; oft dachte sie dabei so intensiv, daß sich ihre Lippen bewegten.

Auf der Giudecca in Venedig gab es einen alten Garten, zu dem sie oft an Spätnachmittagen hinüberfuhr. Das Haus gehörte einer alten Bekannten, es war selten ein Mensch im Garten. Er war ganz verwildert, alles blühte dort auf einmal, Jasmin und Rosen, blutroter Mohn, Oleander und Zitronen; alle Vögel schienen da zu nisten, Eichkätzchen huschten an den raschelnden Maisstauden auf und ab. Eine hohe Mauer umschloß ihn, im Mauersims wuchsen kleine Feigenbäume, ins Gestein gekrallt, in den phantastischsten Formen. Eine Tür führte hindurch, an einer alten schwarzen Zypresse vorbei, und von da zog sich ein grüner Kleeteppich bis zur Lagune herab. Sie saß dort und las oder beobachtete die Vögel, Eidechsen und Schmetterlinge. L'orto mi parla – der Garten spricht, so sagte sie.

Wenn sie etwas pflückte, so waren es meist aromatische Kräuter, die sie besonders liebte. Ihr eigener Garten auf den Höhen oberhalb Florenz, bei Settignano, war voller aromatischer Pflanzen. Sobald man die Gartentür öffnete, war man in einem Paradies von Düften. In dieser reinen, sonnengetrockneten Luft wurden alle Düfte zu Essenzen, Olea fragrans, Verbena, Lavendel dufteten dort wie nirgends sonst. Zwischen den Steinfliesen des Pfades wuchs eine besondere Art von spanischem Thymian, fein wie rötliches Moos, der bei jedem Druck einen starken heißen Duft ausströmte. Zitronenbäume, die sie besonders liebte, weil sie »beides zugleich können, blühen und Früchte tragen«, standen in grünen Kübeln, an der Hausmauer wuchsen Pfirsiche und gelbe Rosen. Das Haus selbst war ein kleines einfaches Bauernhaus, weiß getüncht, mit braunem Schindeldach. Michelangelo hat einmal darin gewohnt. Es lag wie die anderen Bauernhäuser in einem podere, halb Garten, halb Weinberg, der am Abhang herunter in ein Olivenwäldchen überging; eine Reihe Zypressen stand scharf und dunkel gegen die silbrige, bläuliche Weite der Ebene von Florenz. In dieses kleine Haus hatte sie alles hineingetragen, was sie liebte. In der dämmrigen Vorhalle mit dem schwarzen, verrußten Kamin stand in der Mitte, als das einzig Helle in dem dunklen Raum, ein ganz altes Taufbecken aus verblichenem rosa Marmor, das immer bis zum Rand mit Rosen angefüllt war. Die Zimmer waren von einer fast klösterlichen Leere, alles war bis zur Frugalität vereinfacht, von allem Überflüssigen befreit. Ihr Schlafzimmer war eine kleine weiße Zelle, an der Wand ausgespannt hing einer der altmodischen italienischen Kattundrucke, ein großer Baum, in dessen breiten Ästen sich bunte Vögel in phantastischem Gefieder wiegten, unter Früchten und steifen Bauernblumen. Sie hatte eine wundervolle Begabung dafür, Dinge zusammenzutun, die zusammengehörten, – feines Florentiner Leinen neben schwere Messinggeräte, Granatäpfel mit holzigen, mattglänzenden, wie gemalt aussehenden Schalen neben alte ledergebundene Bücher. Dunkles Rosmarin und Basilienkraut wuchs in schönfarbigen Majolikatöpfen auf den Fensterborten. Ihr Arbeitszimmer hatte einen ganz deutlich mittelalterlichen, mönchischen Zug, es sah darin aus wie bei Hieronymus im Gehäuse. Der Stuhl, der Tisch, das Stundenglas, die Art, wie ihre große Hornbrille auf dem aufgeschlagenen Buch lag, wie ihre Gänsefeder im Tintenfaß steckte – es war der Einsiedler in ihr, der in diesem Raum zu Worte kam.

Ihre Bedienung bestand nur aus den Bauern, die ihr kleines Anwesen bewohnten; die Contadina, die nach Art der italienischen Landleute ihre Herrin duzte, besorgte das Haus; ihr kleines Mädchen ging so furchtlos bei Eleonora Duse ein und aus, als sei es ihr eigenes Kind. »Man muß Jugend nie verscheuchen«, sagte sie, »sie geht schon von selber davon.« Der alte Koch, Sor Pietro, war wie eine komische Figur auf der Bühne, ein Tartarin des Kochlöffels. Er war eigentlich ein alter Spitzbube, ihr aber so grenzenlos ergeben, daß er es nicht übers Herz brachte, sie ganz so zu bestehlen, wie es seiner Begabung eigentlich entsprochen hätte. Sie behandelte ihn immer mit großem Zeremoniell, durchschaute ihn vollkommen und ergötzte sich an seiner theatralischen Art. Ihre Besuche in der Küche waren wie Szenen aus einem Goldonischen Lustspiel, der Dialog zwischen den beiden so leicht und hübsch – man war immer wieder erstaunt über den Witz, die Schlagfertigkeit, die Verve des alten Kochs. »Das Volk hat Salz auf den Lippen«, sagte sie.

Ihre Gespräche mit Annibale, dem Gärtner, mit dem Dorfarzt, der auf seinen Wegen in die umliegenden Ortschaften sie oft besuchte, waren von einer warmen, schlichten Menschlichkeit, sie konnte wundervoll zuhören, verstand den innersten Kern der Dinge, machte die treffendsten Bemerkungen. Immer hatte man das Gefühl, daß ihr die Menschen in der Seele leid taten, daß sie mit vorausahnendem Blick ihr Schicksal und alle Fährnisse ihrer Wege schneller erfaßte und erfühlte als sie selber, daß sie bei ihnen bleiben wollte aus einer tief schwesterlichen Hilfsbereitschaft, einem Mittragenwollen heraus; daß sie dieselben Mächte über sich und über ihnen fühlte, das dunkle, verworrene Leben, dessen Chaos man nicht schlichten konnte. Jeder Tag brachte neue Rätsel. Auf ihrem Grabstein, meinte sie, müßten einmal die Worte stehen: »Ich habe nichts verstanden.«

Sie las unermüdlich. Immer suchte sie nach Theaterstücken, die ihrer Gestaltungskraft neuen Spielraum geben konnten. Aber den Dramatiker gab es nicht, der ihrer Lebensfülle, ihrer Geisteskraft, ihrem inneren Reichtum hätte gerecht werden können. In einem innersten Sinne hat sie immer brachgelegen in ihrer Kunst, es gab keine Rollen, an denen sich das Stärkste, was in ihr lebte, hätte versuchen können. Ihr innerster Schöpfungsdrang blieb ungestillt. Oft, wenn man sie in dem langen, dunkelgrünen Gewand mit den schweren Falten, das sie meist zu Hause trug, unter den Olivenbäumen stehen sah, in der schwermütigen Schönheit der Linie, die ihr immer eigen war, fühlte man, wieviel unverbrauchte, unausgeschöpfte Kraft in ihr lebendig war. Sie hat sich nie ganz geben können. Sie war größer als die Gestalten, die sie schuf, reicher, reifer, unendlich vielseitiger.

Wie alle großen Menschen hatte sie das unmittelbare, auf rein menschlicher Anteilnahme beruhende Verhältnis zur Jugend. Es fügte sich, daß Jugend ihr besonders nahekam in einer Zeit, die ihr selber die schwersten inneren Spannungen, äußere Kämpfe und Schwierigkeiten aller Art brachte, auf jener »mittleren« Strecke des Lebenswegs, die ihr so bedeutungsvoll zu sein schien – »nel mezzo del cammin di nostra vita«.

Sie war in ihrem unruhevollen Arbeitsleben, auf ihren vielen, seelisch und körperlich unendlich mühseligen Reisen, immer intensiv und angstvoll Mutter gewesen, um so angstvoller, als sie ihre kleine Tochter mit acht Jahren einer deutschen Erziehungsanstalt anvertraut hatte, um sie vor dem Unzuträglichen ihres Nomadenlebens zu schützen. Sie traf mit ihrem Kinde nur am fremden Ort, bei Freunden in Paris, in Wien, am Tegernsee, in den Schweizer Bergen gelegentlich in den Ferien zusammen. Mutter und Tochter hatten mit dem Duseschen Stoizismus diese Zeit innersten Entbehrens durchlebt, ohne viele Worte darüber zu machen. Sie hatte sich nun ein kleines Haus auf den Hügeln bei Florenz eingerichtet, und dorthin kam nach Abschluß der Schulzeit ihre Tochter, achtzehnjährig, mit einer gleichaltrig gen Schulgefährtin, und naturgemäß sammelte sich nun Jugend in kleinem Kreise an diesem stillen Fleckchen, an dem sie bis dahin einsiedlerisch und nur mit ihren Büchern und ihrer Arbeit beschäftigt gelebt hatte. In der Art, wie sie sofort, ohne Umstände, Raum zu schaffen wußte für diese Jugend und ihr zu fühlen gab, daß sie Zeit für sie hatte, Zeit und innerstes Interesse, trotz strengster Innehaltung ihrer eigenen Arbeitsstunden und der Wahrung jener Distanz und Disziplin, die in ihrer Nähe niemals fehlte, in dieser Art zeigte sich eine ihrer stärksten und ursprünglichsten Kräfte – ihre pädagogische Begabung.

Sie wirkte formend und wesenerweiternd, mit der Unmittelbarkeit, die nur die ganz großen Erzieher besitzen, durch ihr Wesen, ihre Art zu sein und zu handeln, die Dinge des täglichen Lebens zu gestalten, die sich in diesem kleinen ländlichen Anwesen, unter den Bauern und Dienstleuten, den Nachbarn und der Jugend, naiv und zutraulich um sie entfalteten. Trotz des großen Respekts, der sie umgab, spielte sich alles in voller Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit vor ihr ab. Die Padrona – wie sie von alt und jung genannt wurde – war und blieb der Mittelpunkt, ob sie auch tagelang in schweigsamer Freundlichkeit, in irgendeine Gedankenarbeit vertieft, durch die Menschen ging oder in tiefer Abgeschiedenheit bei ihren Büchern in ihrem Zimmer blieb. Wenn sie aus dieser Versunkenheit herauskam, war der Zusammenhang mit den Menschen ihrer Umgebung sofort wieder da. Sie wußte von jedem einzelnen, was ihn beschäftigte, was in seinem Blickfeld das Wesentlichste und Nächstliegende war. Sie sprach mit jedem in seiner Sprache, gleichsam mit seinen Worten. Es ergab sich von selbst, daß sie alles führte, alles übersah und durchschaute, immer Rat wußte und den Menschen verschiedenen Standes, mannigfaltiger Betätigungen und aller Altersstufen, die diese kleine Gemeinschaft bildeten, durch ihre menschliche Überlegenheit zu dem wurde, was sie war – die Hüterin, die Richterin, die Mutter.

Sie hatte oft in der hellsichtigsten und humorvollsten Weise ausgesprochen, daß es keine Kleinigkeit sei, wenn einem eine erwachsene Tochter gewissermaßen fertig ins Haus geliefert werde. Eine Mutter, die – wie sie meinte – ihrem Kinde in seinen Entwicklungsjahren so wenig hatte sein können, mußte darauf gefaßt sein, daß der heranwachsende junge Mensch sie vielleicht nicht brauchen, sie zu suchen kein Bedürfnis haben würde. Ihre Pflicht sei strengste Selbstbescheidung. Sie dürfe nur abwartend und zurückhaltend bereitstehen und müsse sich auf jede Art von Fremdsein und Anderssein ihres Kindes vorbereiten, das bisher seinen Weg allein hatte gehen müssen.

Und durch diese Haltung erreichte sie die unbedingteste Hingabe, das restlose Vertrauen der Jugend. Sie verstand es genial, mit jungen Menschen berufs- und lebensberatende Gespräche zu führen. Man fühlte die unerschöpfliche Fülle von Erfahrung, von gesundem Menschenverstand, die herrliche Unsentimentalität, mit der ihre eigene schwere und traurige Jugend sie das Leben sehen gelehrt hatte. Sie verstand alles, hatte alles erlebt und gefühlt, und mit einer regen Besorgnis wachte sie darüber, daß diese neue Jugend, die selber in bürgerlich geborgenen, behüteten Verhältnissen herangewachsen war, die ihr gewohnte Lebenshaltung, in der man Ordnung, Wärme, Kleidung, Nahrung und Schule als Selbstverständlichkeiten hinnahm, nicht etwa als die allein maßgebliche auffaßte. Sie selber hatte alles anders gehabt und gekannt, hatte gefroren und gedarbt am Leibe und am Geiste, als halbwüchsiges Kind unter fremden Menschen ihr Brot verdient, der bösen Wirtin von Hunger getrieben die Scheibe Polenta gestohlen, wovon sie eindringlich zu erzählen wußte, und war sich, mutterlos unter gleichgültigen Menschen, jahrelang selber böse und feindselig vorgekommen. Die Brücken und Gassen von Venedig, die kleinen steinernen Höfe und Calles von Chioggia – die Welt des blutarmen Kindes – mit den Netzen und Körben der Fischer, den roten, geflickten Segeln, dem Wind, der Unruhe, der ewigen Unsicherheit erstand mit dramatischer Gewalt in ihren Schilderungen. Ihr graute vor der Sattheit der Besitzenden. Und als sie erkannte, daß ihre Tochter die bürgerlichen Ideale einer gesicherten Lebenshaltung »ohne Risiko« für sich selber entschieden ablehnte und entschlossen war, ein arbeitender Mensch zu werden, war sie im wahren Sinn des Wortes glückselig.

Sie selber hatte bis dahin die typische »jeune fille« der gebildeten Kreise nur in Italien und Frankreich kennengelernt. Sie gestand ganz offen, daß sie angenommen habe, alle »höheren Töchter« wären überall gleich, es sei wohl kaum zu vermeiden, daß sie in allen Ländern mehr oder weniger dieselben Züge aufwiesen. Mit leisem Grauen hatte sie von italienischen und französischen Müttern gehört, daß junge Mädchen sehr schwer zu hüten seien, sich nur für Kleider und Putz, Tanzstunden und Liebesgeschichten interessierten und in jedem Jüngling ein mögliches Schicksal witterten. Auf alle Fälle verheiratete man sie so schnell wie möglich. Alle anderen Entwicklungen seien fragwürdig und unerwünscht. Eine »Jungfrau« im Hause zu haben, sei eine große und schwere Prüfung – und sie beschrieb sehr komisch die Resignation, mit der sie sich darauf vorbereitet hatte, nun eine Weile den Erfordernissen einer heiratsfähigen Tochter Rechnung tragen zu müssen.

Nun trat zum erstenmal eine Jugend in ihren Erfahrungskreis, die für ihren eigenen Zustand der Jungfräulichkeit nicht das mindeste Interesse zeigte, aber dafür unbegrenzt selig war, wenn man mit ihr vernünftige Dinge ernsthaft besprechen mochte. Sie erklärte dies »Anderssein« einer im nordischen Kulturkreis aufgewachsenen Jugend als einen Vorzug und fand warm anerkennende Worte für die Erziehungsgrundsätze der deutschen, englischen und skandinavischen Bildung. Sie stellte fest, und mit Befriedigung, daß diese Jugend es vorzog, sich im Olivenwäldchen gute Bücher vorzulesen, sich Rechenschaft geben zu wollen über die unerschöpflichen geistigen Schätze, die es in Florenz zu finden gab, die ungezählten schönen Dinge in den Museen und Galerien kennenzulernen, auf allen Hügeln herumzusteigen und in vollen Zügen ihre Freiheit und Italien und die schöne Gegenwart auszukosten. Alles dies schien dieser Jugend wichtiger und wünschenswerter als alle geselligen Veranstaltungen Gleichaltriger, die sich ihr geboten hätten. Sie fand Kleiderfragen nebensächlich, Liebesgeschichten langweilig und sah durch etwa vorkommende Jünglinge hindurch, als wären sie Luft. Gewiß hatten alle diese Dinge ihre Berechtigung, aber nicht jetzt und nicht hier. Diese Jugend wollte nur ungestört aufnehmen und einsammeln und später ordentlich arbeiten, Krankenpflege lernen – ein Thema, das damals sehr aktuell war, denn in Italien suchten die Ärzte dringend nach gut geschulten Laienschwestern zur Ergänzung der in vieler Hinsicht reformbedürftigen, nur in den Händen von Nonnen liegenden Krankenpflege –, eine soziale Frauenschule besuchen (die es aber nur in nordischen Ländern gab) und von den wirklichen Problemen der Zeit etwas begreifen. Aber die Jugend hatte mit diesen Ideen zurückgehalten, denn in dem damaligen Italien war es ein völliges Unding, daß sehr junge Mädchen mit derartigen Arbeitsplänen vor ihre Eltern traten, und man konnte selbst bei der aufgeklärtesten und vorbildlichsten Mutter nicht ohne weiteres annehmen, daß sie sie wohlwollend anhören würde.

Es war für diese Jugend das Fest ihres ganzen bisherigen Lebens, als sich nun endgültig herausstellte, daß Eleonora Duse dies alles nicht nur von ganzem Herzen begriff und guthieß, sondern es aufs wärmste begrüßte. Es war eine Feier. Und sie feierte mit ihnen. Sie feierte das Jungsein, das Kräftehaben und sie gebrauchen wollen, den Vorsatz, sich veralteten Vorurteilen und vorgefaßten Meinungen nicht zu beugen, selber etwas versuchen zu wollen und zu diesem Zweck zu arbeiten und zu lernen. Sie feierte die Gläubigkeit und den Aufbruch und den guten Mut. Es strömte aus ihr heraus von starken, frohen und beschwingten Gedanken, das große Credo ihres eigenen Lebens gab sie den Zuhörenden in unvergeßlich schönen und eindringlichen Worten und Bildern. Arbeit! Dieser großen Trösterin, Trägerin ihres ganzen eigenen Lebens, sprach sie den Dank und die Huldigung einer lebenserprobten Seele. »Alles wird meinem Geiste klar und meinem Herzen erträglich«, schrieb sie damals der Freundin ihrer Tochter, »wenn dieses schönste Geschenk, die Kraft zur Arbeit, mich nicht verläßt. Das Herz ist oft schwer, die Hoffnung trüb, aber die Arbeit zeigt uns, wenn wir ihr treu bleiben, daß die Angst vor der Traurigkeit niemals den Aufschwung des Geistes zum Leben und zum Tun aufhalten kann.«

Und nun breitete sie um diese Jugend ein Paradies von Büchern. Sie las mit ihnen die Odyssee in einer sehr schlichten französischen Übersetzung, die Göttliche Komödie, selten gehörte lyrische Gedichte von Dante, mit einer unbeschreiblichen, zarten und klaren Hingabe gesprochen, für kein anderes Publikum als die zwei jungen Menschen; Sonette von Petrarca, entzückende kleine ländliche Gedichte von Virgil, in die sie die Jahreszeiten, die reifenden Früchte, die Tiere, die Arbeiten im Weinberg mit hineinbezog, alles beseelt von Liebe und Ehrfurcht vor dem Leben und der Schönheit. Oder sie las aus den Büchern die Dinge vor, die sie »die großen Fragmente« nannte, Gedanken, Aussprüche, die, so herausgehoben, auf junge Menschen stärker und erschütternder wirken konnten als das große Ganze – aus einer indischen Sammlung von Sprüchen, aus dem Weisheitsschatz des Fernen Ostens, aus dem Koran, dem Talmud, aus Marc Aurel, aus griechischen und römischen Anthologien, aus den Evangelien, in denen, wie sie immer sagte, »alles enthalten war«. Aber auch aus den Laudi des heiligen Franz, aus Katharina von Sienas Briefen an den Papst, überhaupt besonders gern aus Briefen kluger Frauen der Renaissance, von denen sie eine erstaunliche Auswahl besaß.

Unter ihren Händen, die gestalteten, was sie anrührten, wurden Bücher zu einem einzigartigen Erlebnis. Sie pflegte morgens früh, wenn sie arbeitete, den Kindern Bücher herauszulegen, manchmal aufgeschlagen an einer schönen Stelle, oft aber ohne weiteren Hinweis, denn sie glaubte an den Wert und das Glück des eigenen Findens. Überhaupt handelte sie mit Selbstverständlichkeit nach den erst später aktuell werdenden Ideen der neuen Pädagogik, die nichts Allzufertiges, Abgegriffenes vor die Lernenden hinstellte, sondern selber denken und selber suchen ließ. Aber sie wußte, was den ganz starken Eindruck hervorrufen mußte, und sie sorgte dafür, daß er so zündend und nachhaltig wurde wie nur irgend möglich.

Sie hatte immer die neuesten Bücher; es gab keine große Tagesfrage, über die sie sich nicht, immer zurückhaltend, immer sich selber und ihrem Verständnis tausend Irrtümer und Unzulänglichkeiten zutrauend, unterrichten wollte und soweit als möglich Einblick gewinnen in die Richtungen des zeitgenössischen Denkens. Sie suchte »den Überblick«, den sie den Kindern als das bezeichnete, was zu suchen man seiner Zeit schuldig sei.

Darum las sie gern zusammenfassende geschichtliche und kulturelle Betrachtungen aus den verschiedenen europäischen Ländern und liebte Taine, dessen große Bilder englischer, deutscher und französischer Geisteswelt sie vorbildlich fand.

Deutsche und englische Bücher kamen erst mit den Kindern in ihr Haus. Sie verstand von beiden Sprachen nicht eine Silbe, aber ihr Gefühl für Klang und Rhythmus der fremden Sprache zog sie immer wieder dahin, im vorgelesenen Wort die dunkle Melodie, das, was von dem anderen Volk in seinen Mutterlauten schwang und schwebte, zu hören und im Vorbeiklang zu erfassen. Es waren zuerst Stücke aus dem Zarathustra, die sie überhaupt auf den Charakter der deutschen Sprache aufmerksam machten. Sie ließen sie aufhorchen. Die Stelle, wo Zarathustra das Meer, Symbol der Menschheit, apostrophiert: »Ach ich bin traurig mit Dir, Du dunkles Ungeheuer, und mir selber noch gram um Deinetwillen –«, fand sie in Tonfarbe und Kadenz so schön, daß sie sie immer wieder, ganz langsam vorgelesen, hören wollte und schließlich auswendig wußte. Die eigentümlich wechselnden U-Laute, im Gegensatz zum Italienischen, das nur das eine volle U kennt, die Art, wie die Worte ihr alle zu dem schweren Klang des »Ungeheuer« hin und wieder von ihm fortzuströmen schienen, fand sie unendlich eindrucksvoll. Sie wollte nun Deutsch vorgelesen hören und fand im Prometheus, in Stellen der Iphigenie, aber auch in vielen Prosastücken denselben eigentümlichen Ton und Rhythmus. Sie schalt sich selbst und meinte, sie hätte es wissen können, daß die Sprache eines Volkes der großen Musiker eine eigene Gewalt haben müsse. Vor allem das Wort »gram« an der Zarathustrastelle fand sie wunderbar und wiederholte es oft. Sie meinte, es gäbe wohl in keiner anderen Sprache ein Wort, das in so vollkommener Weise Klang und Sinn in einer einzigen Silbe miteinander verschmelze.

Der Sohn des Bauern, der auf ihrem kleinen Anwesen wohnte, hatte sich im Venezianischen verheiratet, und die neuvermählten Sposi waren in das elterliche Haus zurückgekehrt. Die Sposa, wie die junge Frau nun auf Jahre hinaus hieß, war von der ganzen Familie festlich empfangen worden und lebte seitdem wie ein schönes freigelassenes Tier in einer großen Umzäunung, unter den vielen neugierigen Blicken der Familie und der Nachbarn, grenzenlos scheu und unglücklich, trotz bester Pflege und besten Willens von Seiten ihrer neuen Verwandten. Es war, als hätte man eine schöne junge Milchkuh erstanden, an der man sich freute und von der man Zuwachs und Wohlstand erwartete. Nichts konnte hübscher und treuherziger sein als die Art der alten Schwiegereltern, die Art des Sposo zur Sposa – und doch war die Sposa unglücklich. Es war nichts zu machen, sie stammte aus anderem Geblüt, sie hatte die Traurigkeit, die venezianische Smara. Mit ihrem rotblonden Haar, der milchweißen Haut, die mit kleinen zarten Sommersprossen wie mit Gold bestäubt war, erschien sie fremdartig unter den dunkelhaarigen Toskanern. Es hätte sich wohl hier, bei der derben, gutmütigen Ahnungslosigkeit ihrer Umgebung, eine Tragödie in aller Stille entwickeln können, wenn nicht die Padrona mit einem Blick die Sachlage erfaßt hätte.

Bald sah man sie auf ihren hausfraulichen Gängen fast immer in Begleitung der Sposa. Sie sprach zu ihr in venezianischem Dialekt, gab ihr kleine, stille Arbeiten zu tun, die sie in Haus und Garten vor den neugierigen Blicken der Menschen verborgen hielten. Sie ließ sie in Ruhe mit sich selber zurechtkommen, fragte sie nie etwas, aber übertrug ihr nach und nach alle die kleinen Dienstleistungen, die für sie selber zu tun waren. Die Sposa, der aus dieser Bevorzugung große Ehre erwuchs, fand sich mit einem Male in einem friedlichen, selbständigen Arbeitsgebiet, das ihr Sicherheit und Ablenkung gab, in dem sie allein Bescheid wußte und niemanden zu fragen brauchte. Sie hatte tagsüber so viel zu tun, daß sie gern des Abends zu ihrem Mann, über den sie von der Padrona nur lobende und ehrende Dinge zu hören bekam, zurückkehrte. Sie war in wenigen Wochen eine stille, frohe junge Frau, die zwar noch immer bis unter die Haare rot wurde, wenn man sie anredete, aber mit einem Lächeln, das alle ihre festen weißen Zähne zeigte. Für die Padrona hatte sie den Blick des wunschlos glücklichen Hundes. Man sah sie manchmal nach Feierabend am Zaun stehen, mit zusammengelegten Händen, einem großen, ruhigen Staunen in den Augen, mit den Blicken der Gestalt folgend, die unter den Olivenbäumen auf und ab ging.

Die Padrona, befragt, warum sie so besonders gut zur Sposa sei, hatte nur mit einem kleinen Lächeln geantwortet: »Es ist nicht leicht, Sposa zu sein.«

Die nie erlahmende, unbedingte Hilfsbereitschaft war der Zug ihres Wesens, der auf junge Menschen so anfeuernd wirkte. Sie, um deren stille Inselhaftigkeit ihre Weltberühmtheit nur wie eine ferne Brandung rauschte, stand mit ihren innersten Kräften mitten im fordernden Leben, dem sie sich verpflichtet fühlte, dem sie in jedem Augenblick zu dienen bereit war, ob auch eigenste Sorgen, Leiden und Enttäuschungen sie tausendfach umdrängten. Das erste, was sie aus allen Lebenslagen herauszuhören schien, war der Ruf nach ihr selber, als sei es ganz fraglos, daß sie überall und immer ihr Bestes, ihr Möglichstes zu geben hatte. Sie trug Verantwortung sofort und überall da, wo sie erkannt hatte, was not tat.

Es schien, als könnte sie Vergeudung von Kräften, Vergeudung von schönen, fruchtbaren Möglichkeiten der Entfaltung in ihrer Umwelt schlechthin nicht ertragen. Die Qual der blinden, suchenden Lebenskraft, der sich sinnwidrige Hemmnisse entgegenstellten, rief etwas in ihr zur sofortigen Aktivität. Sie war bereit zum Einsatz, bereit zum Opfer von Kraft und Zeit und Geld und jeder Form der Mühsal. Und sie verlangte ein Gleiches von den Ihren, sie fand jedes andere Tun undiskutierbar; es war, als empfände sie ein Versagen in diesen Dingen wie einen Verrat.

Wo sie Leben fühlte, dem ans Licht geholfen werden konnte, war sie aufgerufen und für sich selbst zur letzten Bereitschaft entschlossen. Und sie breitete um diese Erkenntnis eine ehrfürchtige Stille, sie tat im Verborgenen, was zu tun war – den jungen Menschen, die um sie waren, gab sie das Erlebnis der Gottesfurcht.

An einer Stelle der Straße, die zum Dorf führte, war seit Menschengedenken ein sumpfiges Stück gewesen, das, immer wieder frisch aufgeschüttet, immer wieder feucht und morastig wurde, von den Hufen der Pferde und den Füßen der Menschen zerstampft. Sie hatte dort das rhythmische Pulsieren immer wieder heraussickernden Wassers beobachtet. Es war offenbar ein Quell im Erdboden. Eine verschüttete, zertretene Quelle – »una fonte calpestata« –, sagte sie mit einem Ausdruck der Unruhe, fast der Angst. So sehr beunruhigte sie dieser Gedanke, daß sie graben ließ, das Geröll fortschaffen, den Straßenrand befestigen und daneben eine schöne, kräftig strömende Quelle freilegen, deren Überfluß in einen Graben zur Bewässerung der Felder abfloß und die selber, in einem steinernen Becken gefaßt, eine Trink- und Raststätte wurde für Mensch und Tier. Sie freute sich daran, sie ging oft dorthin und machte darauf aufmerksam, mit welcher innigen Fülle und gedrängten Kraft das unerschöpfliche Wasser aus dem Erdinnern emporquoll.

Das letzte, was die Jugend in ihrer Nähe zu finden erwartet hatte und was schließlich von allem das Stärkste wurde, war das Erlebnis des Religiösen. Den jungen Menschen war dieses ganze Gebiet, teils aus Gedankenlosigkeit, teils aus einem von christlichem Geiste wenig bewegten Schulbetrieb, bis dahin kaum bewußt geworden. Nun kamen sie in den Lichtkreis eines Menschen, der mit seinem ganzen Sein, mit jeder Regung seines Geistes und Gemüts, aus innerster Bewegtheit der Seele Gott suchte.

Wer Eleonora Duse nahekam, erlebte die reine Wahrheit des Wortes, daß die Seele von Natur christlich ist. Erst in viel späteren Jahren trat das tiefe Gottesbewußtsein, aus dem sie lebte, in seiner ganzen Eigenart ergreifend an den Tag; damals betonte sie noch, daß sie den Kirchenglauben nicht habe, und aller Dogmatik, jedem selbstsicheren Priestertum blieb sie im Innersten fern. Aber nie ist in einem Menschen lauterer, unmittelbarer das Wesen des Christentums sichtbar geworden. Die umschmelzende Gewalt der Güte, die überwältigende Wirkung der Demut, die Selbstverleugnung im Angesicht der Not des Nächsten, die Geduld und Bescheidenheit – das Mitleiden, das nie untätig zusehen kann, das in jedem Augenblick bereit ist, Eigenstes zu opfern, für fremde Schuld mitzubüßen, das alles wurde Gestalt, mit der Einfachheit, die in den Evangelien lebt, und darum von so umschaffender Wirkung auf Menschen und Verhältnisse des Alltags. Wie die ganz großen Erwecker konnte sie die Herzen anrühren, das Erdreich lockern, Wasser aus dem Felsen schlagen.

Die Güte war ihr keine bloße Zutat, die das Dasein erleichtern und verschönern konnte. »Das Salz des Lebens« war sie ihr. So half sie den Menschen, Künstlern, arbeitenden Frauen, Ärzten in abgelegenen Gegenden, dem einfachen Volk, das in zahllosen Fällen mit ihr in Berührung kam und von ihrer grenzenlosen Tatbereitschaft betroffen war. So entstand in Rom vor der Porta Nomentana die kleine Libreria delle Attrici, eine Bibliothek und Raststätte für junge, mittellose Schauspielerinnen. Einen solchen Ort hatte sie in ihrer Jugend nötiger gebraucht als das liebe Brot. Sie glaubte, daß auch andere ihn brauchen würden. Der Weltkrieg und die Gleichgültigkeit der Menschen haben ihn wieder geschlossen.

Sie liebte die Schlichten und Bedürftigen, »um ihrer großen Wahrhaftigkeit willen«, wie sie sagte. Aber bei ihr wurden auch die bedeutenden Menschen schlicht und bedürftig, die kompliziertesten Naturen gaben sich ganz einfach und aufrichtig. Denn innerste Aufrichtigkeit war ihr eigentliches Wesen. Wen sie ansah, der sagte die Wahrheit, ihr und auch sich selber, vielleicht zum erstenmal seit Jahren. Und unvergeßlich blieb die Eindringlichkeit, mit der sie sagte, jede Silbe mit dem Gewicht eigenster, tiefster Erkenntnis beschwerend: »Man soll nicht lügen – das ist die Grundlage für alles.«

Nie hat das Bedürfnis, dem Geist und dem Herzen andrer Menschen wohlzutun, in ihr nachgelassen. »Sie hatte die Leidenschaft, gut zu sein«, sagt der Freund, der das beste Buch über sie geschrieben hat (Edouard Schneider). Den Lebenden ein Helfer sein, Hinderndes wegräumen, Quellendes freimachen, allerlei Last wegreißen, wie die Bibel dem Starken zu tun aufträgt – das empfand sie auch als die ihr gemäße Aufgabe. Eine Flamme brannte in ihr, aufrecht, immer bewegt vom Hauch des Unsichtbaren, dessen sie gewiß war und das sie nährte.


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