← Zurück zur Startseite

Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2

von Schi Nai'an

Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn

Wenn Sie das Buch lieber in der Hand halten möchten, können Sie es hier erwerben:

Oder laden Sie das Buch kostenlos als E-Book für Ihren E-Reader herunter:

Wie verwende ich eine EPUB-Datei?
Kapitel 9

Achtundfünfzigstes Kapitel Der Weiße Aal

Der Eiserne Büffel hatte es nicht weit zu den Fischkähnen. Bald sah er sie in langer Reihe, achtzig bis neunzig Stück an der Zahl, an den grünen Uferweiden angetäut vor sich liegen. Die Fischer lehnten teils schlafend an der Bordwand, teils waren sie mit Netzstricken beschäftigt, teils tummelten sie sich beim Bad im Wasser. Man war ja mitten in der heißen Zeit des fünften Monats.

Da der Eiserne Büffel nirgends einen Fischmakler entdecken konnte, trat er an die Kähne heran und rief hinüber: »He, habt ihr lebende Fische an Bord? Ich möchte ein paar kaufen.«

»Solange der Makler nicht da ist, dürfen wir unsere Fischkästen nicht aufmachen«, scholl es zurück. »Ihr seht doch, daß das ganze Ufer voll von wartenden Händlern ist. Da können wir mit Euch keine Ausnahme machen.«

»Dummes Zeug! Ich habe keine Zeit zu warten, bis euer Makler zu kommen geruht. Ich brauche die Fische sofort.«

»Wir haben noch kein Opfergeld verbrannt. Vorher dürfen wir die Fischkästen nicht öffnen«, wurde er belehrt.

Der Eiserne Büffel verlor die Geduld und sprang mit einem Satz einfach in den ersten besten Kahn, um sich die Fische selber zu holen. Aber in seiner Unkenntnis von Fischereidingen fing er die Sache gründlich verkehrt an. Er riß in seinem Ungestüm nicht nur die Deckel, sondern auch die seitlichen Bambusgitterwände des hinten am Heck befindlichen Fischkastens hoch, und als er dann mit der Hand in den Kasten hineinfuhr, fand er ihn natürlich leer. Die Fische waren längst seitlich hinausgeschlüpft.

Die geschätzten Leser müssen wissen, daß diese Yang tse Fischer in den Heckwänden ihrer Kähne ansehnliche Unterwasserluken anzubringen pflegen, um immer frisches Flußwasser durch den in den Zwischenraum eingefügten Fischbehälter ein- und ausströmen zu lassen und so die gefangenen Fische lebend zu erhalten. Die seitlichen Luken werden durch verschiebbare Bambusgitter gesichert, um ein Entweichen der Fische zu verhindern.

Der Eiserne Büffel war mit der Einrichtung nicht vertraut und hatte infolge seines ungeschickten Hantierens das Nachsehen. Ärgerlich sprang er auf den nächsten Kahn und wollte dort sein Glück versuchen. Inzwischen waren die Fischer am ganzen Ufer entlang alarmiert und drangen nun von allen Seiten unter lautem Geschrei mit langen Bootsstangen auf den kecken Räuber ein. Aber sie kamen bei dem wütenden Riesen schlecht an. Er entledigte sich seines Kittels, so daß er nur noch mit einem Lendenschurz bekleidet war; dann packte er mit beiden Händen gleich fünf, sechs auf ihn einstechende Stangen auf einmal und hatte sie im Nu so leicht zerknickt, als ob es junge Zwiebelsprossen wären. Entsetzt wichen die Fischer zurück, lösten die Haltetaue von den Weidenstämmen und begannen in überstürzter Flucht ihre Kähne vom Ufer abzustoßen und ins tiefe Wasser zu staken. Der Eiserne Büffel aber rannte, mit einer abgesplitterten Stange in der Hand, wie ein Besessener am Ufer entlang und drosch in seiner Wut auf die unbeteiligten Fischhändler ein, die dort saßen und warteten. Schreiend stob der ganze Haufe mit schaukelnden leeren Traglasten über den Schultern nach allen Richtungen auseinander.

Mitten in diesem Tumult kam einen Wiesenpfad entlang ein einzelner Mann gemächlich auf das Ufer zugeschritten. Er wurde von Fischern und Händlern mit lauten Zurufen begrüßt:

»He, Makler, herbei! Ein schwarzer Riese hat uns überfallen und will unsere Fische rauben!«

»Wo steckt denn der freche Kerl?« fragte der Makler.

Alles wies mit Fingern auf den Eisernen Büffel, der mit seinem Stecken wild umherfuchtelnd noch immer am Ufer tobte und nach Opfern suchte.

Der Makler übergab die Handelswaage, die er in der Hand trug, einem in der Nähe stehenden Fischhändler und trat gemessenen Schrittes auf den Eisernen Büffel zu.

»He, Mann, was fällt dir ein, in Dinge zu pfuschen, die dich nichts angehen? Hier habe ich zu gebieten!« rief er ihm barsch zu.

Der Eiserne Büffel beguckte sich seinen Gegner im hellen Kattunrock, mit dem Abzeichen amtlicher Würde, der eingestickten Svastika am Turban. Der Dreißiger war mit einem dünnen, feierlichen Bart ausgerüstet, der ihm in drei langen, schmalen ›Weidenblättern‹ um Wange und Kinn herunterhing.

»Also, was hast du hier umherzuraufen, Bursche?« fragte der Makler nochmals barsch.

Statt einer Antwort ging der Eiserne Büffel blindwütig mit geschwungenem Bootsstangenende auf ihn los. Aber ehe er zum Zuschlagen kam, hatte ihn der andere unterlaufen und ihm mit gewandtem Griff die hölzerne Waffe aus der Hand gewunden. Der Riese packte ihn beim Schopf, und es kam zu einem erbitterten Ringen. Der Schlanke entwickelte eine erstaunliche Gewandtheit und versuchte seinen plumpen Gegner mit allen Mitteln zu Fall zu bringen, aber was vermochte seine Gewandtheit gegen dessen Wasserbüffelkraft? Er versuchte es mit kunstgerechten Fausthieben und wohlgezielten Fußtritten, doch sein Gegner stand unerschütterlich. Der Eiserne Büffel bekam allmählich die Oberhand, es gelang ihm, den Kopf des anderen, der sich ihm bis dahin immer geschmeidig zu entwinden verstanden hatte, endlich mit dem linken Arm zu umklammern, und nun begann er mit der Rechten wie mit einem Eisenklöppel auf Schultern und Rücken des Maklers loszutrommeln.

Mitten im schönsten Trommeln wurde er durch ein lautes »Halt! nicht weiter!« aufgescheucht. Gleichzeitig fühlte er sich an der Achsel gepackt und zurückgerissen. Als er sich umwandte, sah er Tai Tsung und Sung hinter sich stehen. Augenblicklich gab er seinen Gegner frei, worauf dieser wie ein Rauch davonwischte.

»Schon wieder Händel und Rauferei!« schalt Tai Tsung. »Die Sache konnte schlimm auslaufen. Womöglich hättest du den anderen totgeschlagen, und dann wärest du nicht nur eingelocht worden.«

»Wenn ich einen totschlage, so ist das meine Sache. Deswegen geschieht Euch doch nichts«, brummte der Riese.

»Schon gut, keinen überflüssigen Streit! Kommt, wir wollen in die Klampenlaube zurück und weiterbechern«, mischte sich Sung ein.

Der Eiserne Büffel ging zu der Weide, unter der er sein Linnenwams abgelegt hatte, streifte es über und schloß sich den beiden Gefährten an. Man ging am Ufer entlang und hatte sich noch nicht weit von der Kampfstätte entfernt, als von rückwärts laute Rufe an das Ohr des Eisernen Büffels drangen:

»He, du schwarzer Bandit, dageblieben! Jetzt wird abgerechnet! Wollen doch sehen, wer der Stärkere ist.«

Die drei blieben stehen und wandten sich um. Da sahen sie den Fischmakler von vorhin auf einem kleinen Boot stehen und dicht am Flußufer entlang staken. Er war bis auf eine Schwimmhose völlig nackt und zeigte einen von oben bis unten erstaunlich hellen Körper von schneeschlicker, blasser Hautfarbe. Auf seinem bloßen Scheitel zwischen dem Kopftuch schimmerte es von rötlichem Schopfhaar.

»Komm doch her, du verfluchter schwarzer Strolch! Du willst wohl gar kneifen? Wer kneift, ist eine Memme!« höhnte es vom Boot her.

Der Eiserne Büffel stieß ein kurzes, zorniges Gebrüll aus, streifte in Eile sein Wams herunter und rannte in langen Sätzen auf die Stelle des Ufers zu, wo das Boot seines Herausforderers hielt.

»Wenn du Mut hast, komm du doch ans Ufer!« schrie er zurück.

Da hatte der andere auch schon mit seiner Bootsstange ausgeholt und ihn am Schienbein getroffen. Jetzt loderte helle Wut in dem Getroffenen auf, und schneller, als Worte zu folgen vermögen, war er mit einem gewaltigen Satz in das Boot hinübergesprungen. Das aber hatte der andere gerade gewollt. Schon hatte er mit der Stange das Boot vom Ufer abgestoßen und ihm mit Hilfe eines kräftigen Kniedrucks einen solchen Schwung verliehen, daß es wie ein Pfeil in das offene Gewässer schnellte und der Eiserne Büffel alle Mühe hatte, das Gleichgewicht zu halten.

»Nun heran! Jetzt gilt's. Aber mit der Kampelei ist es diesmal nichts! Du sollst hübsch Wasser schlucken!«

Mit diesen Worten hatte der Weiße seine Bootsstange fallen lassen, sich auf den Schwarzen gestürzt und im nächsten Augenblick durch einen Tritt auf den Bootsrand das Fahrzeug zum Umschlagen gebracht. Beide Gegner plumpsten kopfüber ins Wasser. Das Boot kam kieloben zu treiben. Im Nu hatte sich am Ufer eine große Zuschauermenge angesammelt. Zu Hunderten hockten sie im Schatten der grünen Weiden und verfolgten mit Spannung den aufregenden Zweikampf, der sich da vor ihren Augen im Wasser abspielte.

»Diesmal hat's den schwarzen Kerl erwischt! Wenn er überhaupt lebend davonkommt, wird er sich wenigstens den Bauch gehörig voll Wasser schlagen müssen«, hieß es schadenfroh, und jedesmal, wenn der Kopf des Schwarzen prustend und schnaubend aus den Fluten auftauchte, um von dem Weißen sofort wieder unter Wasser gedrückt zu werden, hallte am Ufer entlang beifälliges ›Tsai‹-Gerufe.

Mit Besorgnis verfolgten Sung und Tai Tsung den ungleichen Kampf in den Wellen. Zwar war ihr Gefährte des Schwimmens nicht unkundig, aber er meisterte das nasse Element nicht entfernt so gut wie sein geschmeidiger Gegner.

»Wir müssen unserem Freund zu Hilfe kommen, sonst geht ihm die Puste gänzlich aus, und er sinkt unter«, meinte Sung zu Tai Tsung.

»Wer ist eigentlich der schlanke Weiße?« wandte sich Tai Tsung an die Volksmenge.

»Tschang Schun, unser Fischmakler«, wurde er belehrt.

»Etwa der Mann mit dem Beinamen ›Der Weiße Aal‹?« fiel Sung rasch ein.

»Gewiß. Eben der«, wurde er belehrt.

»Ich habe unter meinen Sachen im Lager einen Brief an ihn, geschrieben von seinem Bruder Tschang Hong, dem Bluthund«, raunte Sung seinem Gefährten zu.

»He, Tschang Schun! Haltet ein! Hier ist ein Brief für Euch von Eurem Bruder Tschang Hong. Treibt's nicht zu arg mit Eurem schwarzen Gegner! Er ist ein guter Freund von mir. Kommt herüber! Ich habe mit Euch zu reden.‹« rief Tai Tsung, so laut er konnte, auf den Fluß hinaus.

Dem Weißen Aal war der Rufer wohl bekannt. Er ließ augenblicklich von seinem Opfer ab und schwamm mit raschen Stößen ans Ufer. Artig grüßend trat er auf Sung zu.

»Meinem Gesicht zuliebe helft zunächst meinem Freund an Land! Alsdann habe ich Euch etwas Wichtiges mitzuteilen«, bat Tai Tsung.

Worauf der Weiße Aal wieder ins Wasser sprang und auf die Stelle zu schwamm, wo der Eiserne Büffel nur noch mit einem Teil des Kopfes hervorlugte und anscheinend verzweifelt gegen das Untergehen kämpfte. Jetzt war er bei seinem erschöpften Gegner angelangt und hatte ihn beim Arm zu fassen bekommen.

Und dann geschah das Erstaunliche. Mit beiden Füßen Wasser tretend und so hoch aufgerichtet, daß ihm die Wellen kaum bis an die Leibesmitte spülten, kam er, mit der Linken seine gewichtige Last hinter sich herziehend, mit der Rechten unterhalb des Nabels Wasser schaufelnd, so ruhig und stetig ans Ufer, als ob er über festem Boden schritte. Vielseitige bewundernde Tsai-Rufe der Zuschauer begleiteten seine Meisterleistung. Sung aber stand mit offenem Munde da und kam aus dem Staunen nicht heraus.

Glücklich aufs Trockene gelangt, mußte der Eiserne Büffel zunächst eine Flut verschluckten Wassers ausspeien.

»Kommt mit zur Klampenlaube! Dort können wir ungestört sprechen«, forderte Tai Tsung die beiden Kämpen auf. Sie streiften ihre Wämser über, und dann ging es zu viert zur Klampenlaube.

»Kennt Ihr mich?« wandte sich Tai Tsung an den Weißen Aal, nachdem man sich häuslich niedergelassen hatte.

Book illustration

Jedesmal, wenn der Kopf des Schwarzen prustend und schnaubend aus den Fluten auftauchte,
hallte am Ufer entlang beifälliges ›Tsai‹-Gerufe.

»Nicht persönlich, wohl aber nach Namen und Aussehen. Ihr seid doch der Kerkermeister Tai Tsung?«

»Und kennt Ihr den da, der Euch heute in die Quere geraten ist?« fuhr Tai Tsung fort, auf den Eisernen Büffel zeigend.

»Freilich, das ist doch, soviel ich weiß, Li Kweh.«

»Ihr habt mich ja schön untergetischt!« brummte der Eiserne Büffel.

»Und Ihr habt mich ja schön verbleut!« entgegnete lächelnd der Weiße Aal.

»Der Kampf ist vorbei. Nun vertragt euch und werdet gute Freunde! Ohne Kampelei keine Kameradschaft! lautet ein alter Satz«, redete Tai Tsung ermunternd zu.

»Er soll mir nur noch einmal zu Lande in die Quere geraten!« drohte der Eiserne Büffel im Scherz.

»Und mir soll er noch einmal zu Wasser begegnen!« echote der Weiße Aal.

Alle vier wackeren Kämpen stimmten ein herzliches Gelächter an, und die Freundschaft zwischen den beiden grimmigen Gegnern von vorhin wurde durch eine kameradschaftliche leichte Verneigung besiegelt.

»Kennt Ihr diesen werten Bruder?« fragte Tai Tsung erneut, auf Sung zeigend.

Der Weiße Aal verneinte.

»Der berühmte schwarze Sung!« platzte der Eiserne Büffel wichtig heraus.

»Sung Kung Ming, der Regenspender von Schantung!« ergänzte Tai tsung.

Der weiße Aal grüßte Sung mit respektvollem Kniefall.

»Im Busch und an den Seen ist Euer Name seit langem rühmlich bekannt. Ich preise mein Glück, dem großen Volksfreund und Wohltäter, dem Helfer der Schwachen, dem Schützer der Bedrängten zu begegnen«, sagte er.

Sung wehrte bescheiden ab und erzählte ihm von seinem Abenteuer auf der Kiä Yang ling Höhe und wie er später seinen Bruder Bluthund kennengelernt und einen Brief von ihm mitbekommen habe und wie es vorhin zu dem Auftritt bei den Fischkähnen gekommen sei.

»Ich bin froh und dem Himmel dankbar, heute gleich drei so wackere Kämpen zu Freunden gewonnen zu haben«, schloß er.

»Oh, wenn Euch an frischen Fischen gelegen ist, da kann ich Euch zu Diensten sein. Ich werde selbst gehen und einige holen«, bemerkte der Weiße Aal.

»Ich komme mit«, erbot sich der Eiserne Büffel eifrig.

»Du hast wohl noch nicht genug Wasser geschluckt?« scherzte Tai Tsung.

»Diesmal gehen wir als Verbündete«, sagte der Weiße Aal lächelnd, nahm seinen einstigen Gegner freundschaftlich bei der Hand und schritt mit ihm zum Anlegeplatz der Fischkähne. Dort ließ er einen Pfiff ertönen, und alsbald steuerten die verscheuchten Fischer ihre alten Anlegeplätze an.

»Hat einer von euch Goldkarpfen im Fang?« fragte er.

Von allen Seiten schwirrten bereitwillig Angebote. Der Weiße Aal wählte unter den zwölf ihm vorgelegten Goldkarpfen die vier schönsten und größten aus, wickelte sie in Weidenrutengeflecht und ließ sie vom Eisernen Büffel in die Klampenlaube voraustragen, Er selber kam ein Weilchen später nach. Er mußte erst einen Hilfsmakler bestellen und ihm die Waage und Geschäfte für den heutigen Tag übergeben.