Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2
Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn
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Neunundfünfzigstes Kapitel Der Wandspruch
Sung hatte der delikaten Goldkarpfensuppe und dem köstlichen ›Lenzer‹ etwas zu reichlich zugesprochen. Als er von der gründlichen Sitzung in der Klampenlaube am späten Abend ins Lager zurückkehrte, brachte er eine gehörige Magenverstimmung mit und mußte sieben Tage lang das Bett hüten. Dank seiner Beliebtheit erfreute er sich allgemeiner Teilnahme bei den Lagerinsassen; sie besuchten ihn täglich am Krankenbett, pflegten ihn und verschafften ihm heilkräftige, magenstärkende Arzneien. Endlich war er völlig wiederhergestellt. Freilich, der Appetit nach Fisch war ihm einstweilen vergangen. Eine Sendung Goldkarpfen, die ihm der Weiße Aal in wohlwollender Absicht ans Krankenlager sandte, schenkte er an den Lagervogt und die Aufseher weiter.
Als er genesen war, kam ihm das Verlangen, seine drei neuen Freunde wiederzusehen. Er schloß eines Nachmittags seine Kammer ab und machte sich zu einem Gang nach der Stadt auf. Zunächst forschte er vor der Präfektur nach Tai Tsung. Der sei Junggeselle ohne Anhang und pflege unweit des Stadtgott-Tempels in einer verlassenen Kuan yin Klause zu hausen, wurde ihm gesagt. Sung machte sich zur Klause auf, fand sie aber verschlossen. Sein Freund war ausgegangen. Nun begab er sich auf die Suche nach dem Eisernen Büffel. Das sei ein Irrwisch ohne feste Bleibe, wenn er nicht gerade Dienst im Kerker habe, pflege er sich bald da, bald dort herumzutreiben, wurde ihm gesagt. Jetzt wollte er sich nach dem Weißen Aal umsehen. Der wohne für gewöhnlich außerhalb der Stadt irgendwo in einem Dorf am Flußufer und komme nur gelegentlich herein, wenn er dienstlich zu tun oder Außenstände von den Fischhändlern einzukassieren habe, wurde er belehrt.
Enttäuscht schlenderte Sung aus der Stadt aufs Geratewohl dem Flusse zu. Wie wohltuend wirkte auf seine trübe Stimmung der Anblick der schönen Flußlandschaft! Jetzt stand er vor einem ragenden Aussichtsturm. Er hob die Augen auf und sah seitlich vom Eingang an einer Stange die blaugrüne Winkflagge einer Weinstube wehen. ›Hauptschatzkammer des Yang tse‹ war auf der Flagge großspurig zu lesen. Über dem prunkvoll geschnitzten Tordach aber stand in drei großen Lettern ›Yang tse Turm‹. Es war die Handschrift des berühmten zeitgenössischen Dichters Su Tung Po!
»Von diesem Turm habe ich schon immer oben in meinem Yün tschong hsiän gehört«, ging es Sung durch den Sinn. »Also jetzt stehe ich leibhaft an der geweihten Stätte. Wenn ich auch ohne Gesellschaft bin, an solcher Stätte darf man nicht vorübergehen, ohne einzukehren.«
Und er schritt dem Eingang zu. Noch einmal blieb er stehen, um die beiden Aufschriften zu lesen, die rechts und links in großen weißen Lettern von den kunstvoll geschnitzten purpurroten Pfeilern leuchteten.
»Der beste Wein der Welt!« rühmte es hier.
»Der schönste Turm im ganzen Land!« kündete es stolz von der anderen Seite.
Sung stieg hinauf und wählte sich einen Platz mit der Aussicht auf den Fluß. Auf die Brüstung gelehnt, weidete er sich an dem prächtigen Rundblick, der ihm einen Ausruf des Entzückens nach dem anderen entlockte, und konnte sich nicht sattsehen. Dann wandte sich sein Blick mit Wohlgefallen dem Tische zu, wo der Schenk inzwischen den bestellten Wein nebst Zukost aufgetragen hatte. Da lockte ein Krug mit der vorzüglichen Sorte ›Wind und Mondspiel um die blaue Brücke‹, dort leuchteten frische Früchte, duftete es köstlich von zartem Lamm, jungem Huhn, gebratener Gans – Fisch hatte er sich verbeten – und leckeren Gemüsen. Und wie hübsch machten sich diese zierlichen roten Schalen und Platten, auf denen all die Köstlichkeiten serviert wurden!
»Eine gesegnete Gegend, dieses Kiang tschou!« dachte er bei sich.
»Ich kann mich glücklich preisen, hier zu leben, wenn auch nur als Verbannter. Welch herrliche Landschaft! Wir oben in unserem Schantung besitzen ja auch etliche berühmte Berge und denkwürdige Stätten, aber was ist das alles im Vergleich mit den Wundern dieser Gegend!«
Und er becherte und ließ sich's schmecken und trank sich einen schweren Rausch an. Seine Gedanken kreisten mehr und mehr um sein Ich.
»Da hat man nun drei Jahrzehnte seines Lebens dahingelebt, zählt so manchen wackeren Mann im Busch und an den Seen zu seinen Freunden, hat sich einen leeren Namen gemacht, aber was hat man nun eigentlich wirklich Großes und Nützliches geleistet? Brandmale des Sträflings trägt man auf beiden Wangen und ist zu müßiger Ohnmacht verdammt!«
Sein anfängliches Hochgefühl wandelte sich unter dem Einfluß des Weines in trübe Wehmut und zornigen Schmerz. In solcher Stimmung überkam ihn jäh eine dichterische Anwandlung und gab ihm ein nach Art der Ode ›Der Mond über dem Westfluß‹ gefügtes Versgebilde. Er rief den Schenken und verlangte nach Tusche und Pinsel. Sein Blick wanderte über die weiß getünchte Wand mit den vielen Inschriften früherer Besucher, die einst an dieser Stätte geweilt und sich hier verewigt hatten.
»Warum soll ich es den anderen nicht gleich tun?« ging es ihm durch den Sinn. »Vielleicht, wenn ich später zu Ruhm gelangt bin, komme ich wieder einmal her, und dann wird mich meine Inschrift an das Leid früherer Tage erinnern.«
Und er tauchte den Pinsel in die schwärzliche Masse und schrieb an die weiße Wand die folgenden Sätze:
Als Knabe hab ich Kung tse und Historie getrieben,
Als Mann da hab ich mich der Politik verschrieben,
Dem Tiger gleich ich, der in Klüften lauert,
Dem Drachen, der in feuchter Tiefe kauert –
O Mißgeschick! Brandmale auf den Wangen,
In Kiang tschou schmachte ich gefangen.
Doch nur Geduld! es kommt der Tag der Rache,
Da sich der Yang tse färbt zu blutger Lache!
Sung hielt inne und überlas noch einmal wohlgefällig, hin und wieder grimmig lachend, das Geschriebene.
Er stürzte hastig einige Becher hinunter und geriet dabei in einen wahren Taumel der Verzückung. Wie frei, wie glücklich machte das, sich all dieses lastenden Wusts von Unmut und Mißbehagen mittels wohlgesetzter Verse zu entledigen!
Er sprang auf und hopste und tollte eine Weile wie ein Besessener durch den Raum. Dann tauchte er den Pinsel von neuem ein und fuhr zu schreiben fort:
Nach Kiang su ward mein Leib verbannt.
Mein Herz, das ist im Schantung-Land.
Und Seglern gleich von Fluß zu Meer
Zieht Raunen und Wispern vor mir her.
Geduld! Geduld! Bald kommt die Zeit,
Da ich zum Wolkenflug bereit!
Dann wird die Welt an meiner Tat gewahr,
Daß Huang Tschao bloß ein kleiner Stümper war.
Nun noch groß die Unterschrift: ›Verfaßt von Sung Kiang aus Yün tschong hsiän‹.
Sung warf mit Schwung den Pinsel auf den Tisch, leistete sich noch einige weitere Becher, wiederholte dazu halblaut singend sein Poem, dann zahlte er und machte sich schwankend auf den Heimweg.
Als er am nächsten Morgen aus seinem Rausche erwachte, war ihm gar nicht mehr bewußt, daß er sich jemals mit einem Vers an der weißen Wand des Yang tse Turms verewigt hatte.