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Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2

von Schi Nai'an

Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn

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Kapitel 15

Vierundsechzigstes Kapitel Ein Kanzlerbrief wird gefälscht

Auf seine Frage nach dem Scholar Geisterhand bezeichneten ihm die Einwohner ein Häuschen beim Konfuziustempel östlich von der Präfektur.

Er traf den Scholar an, gab sich als Kaplan beim Bergtempel von Tai an tschou aus und trug ihm sein Anliegen vor. Er solle die Inschriften für ein neues Tempelgebäude entwerfen und gleich mitkommen.

Die fünfzig Batzen, die Tai Tsung als sofortigen Vorschuß bot, verfehlten ihre Wirkung nicht, und der Scholar erklärte sich bereit, mitzukommen. Aber er verstünde sich nur aufs Schreiben, nicht aufs Meißeln, gab er zu verstehen.

»Den Meißelkünstler hoffen wir in der Person von Meister Nephritarm zu gewinnen. Ich bin gerade auf dem Weg zu ihm. Vielleicht begleitet Ihr mich hin?«

Der Scholar war einverstanden, Tsi Tsung zur Wohnung von Kin Ta Kiän zu bringen. Ein Zufall führte ihnen den Gesuchten in den Weg.

»Dort geht er!« rief der Scholar schon nach wenigen Schritten aus.

Er hielt Meister Nephritarm an und machte ihn mit Tai Tsung bekannt.

Auch Meister Nephritarm verschmähte die fünfzig Batzen Vorschuß nicht und nahm den Auftrag gern an.

In einer nahen Weinstube wurde das Geschäft mit drei Bechern begossen.

»Der Geomant hat den Tag für die Vornahme der Arbeit bereits festgesetzt. Wir haben keine Zeit zu verlieren«, drängte Tai Tsung.

In der Morgendämmerung des anderen Tages machte man sich zu dritt auf den Weg. Man hatte Tsi tschou etwa zehn Li hinter sich gelassen, als Tai Tsung zu seinen beiden Begleitern sprach:

»Geht gemächlich weiter. Ich werde etwas schneller vorauseilen und Euch melden, damit sich die Tempeloberen für einen würdigen Empfang der beiden Herren vorbereiten können.«

Und mit gewaltigen Schritten ausgreifend, hatte er die beiden, die schwer an ihrem Handwerkszeug zu schleppen hatten, bald weit hinter sich gelassen.

An die achtzig Li hatten sie zurückgelegt und befanden sich in einsamer Bergwildnis. Auf einmal hörten sie rechts und links im Wald schrille Pfiffe und sahen sich gleich darauf von einer Horde Bewaffneter umringt.

Es war eine Hundertschaft von Liang schan Räubern unter Führung der vier Häuptlinge Kurzbeintiger, Junker Blaßgesicht, Tu Kiän und Sung Wan. Ohne Umstände wurden die beiden einsamen Wanderer zu Boden geworfen, gefesselt und von der Landstraße weg in dichtes Gehölz verschleppt.

»Keine Bange! Es geschieht euch nichts. Wir haben Auftrag von unserem Oberhäuptling Tschao Kai, euch nach der Bergfeste im Liang schan Moor zu bringen«, beruhigte man lächelnd die Überrumpelten.

»Was sollen wir denn dort? Wir sind friedliche Künstler und bringen es nicht übers Herz, einem Huhn den Hals umzudrehen. Wir werden euch bloß als überflüssige Fresser zur Last fallen«, meinte der Scholar.

»Wir brauchen eure Kunst. Euer Freund Wu Yung, unser großer Ratgeber und Kampflenker Listenstern, wird schon wissen, warum er euch von Tai Tsung holen ließ«, wurde ihnen bedeutet.

Die beiden Künstler guckten sich verdutzt an und fragten nicht weiter. Gegen Abend war man in der Wasserschenke von Tschu Kweh angelangt. Strandsignalpfeife setzte den Ankömmlingen eine reichliche Abendmahlzeit vor, dann schoß er einen tönenden Botschaftspfeil ab, und noch in der Nacht wurden sie aufs andere Ufer übergesetzt und zur Bergfeste gebracht. Droben wurden sie von Tschao Kai und den anderen Häuptlingen ehrenvoll aufgenommen, in den Sachverhalt eingeweiht und zum Eintritt in die Bande aufgefordert.

»Was uns betrifft, so machen wir gern mit«, erklärten sie. »Aber was wird aus unseren Frauen? Wenn die Geschichte ruchbar wird, werden sie für uns büßen müssen.«

»Seid unbesorgt! Morgen wird sich alles finden«, beruhigte sie Listenstern.

Am anderen Morgen – sie hatten sich kaum den Schlaf aus den Augen gerieben – trat Listenstern lächelnd an ihr Lager und überraschte sie mit der Aufforderung, sie möchten sich zum Empfang ihrer Frauen bereit machen. Halb gläubig, halb zweifelnd stiegen sie zu Tal. Auf halber Bergeshöhe begegneten sie einem Zug Sänften. Drinnen sahen sie zu ihrem freudigen Erstaunen wohlbehalten ihre Frauen sitzen.

Gestern, bald nach ihrem Fortgehen, seien fremde Sänftenträger ins Haus gekommen und hätten sie zum Einsteigen aufgefordert, angeblich auf Wunsch ihrer Männer, die unterwegs unter der Hitze zusammengebrochen seien und krank in der Herberge lägen, erklärten die Frauen. Man habe sie unterwegs nicht mehr aussteigen lassen und geradeswegs hierhergebracht. Die beiden Künstler fanden vor Staunen keine Worte und geleiteten froh und zufrieden ihre Eheliebsten zu den Frauenquartieren am hinteren Berghang.

An diesem Tage wurde das Räuberquartier zur Gelehrtenstube und Künstlerwerkstatt. Listenstern entwarf den Text zu dem fingierten Kanzlerschreiben, Scholar Geisterhand brachte ihn in der Handschrift des Kanzlers zu Papier, Meister Nephritarm grub und schnitzte in weichen Speckstein und fertigte den ihm geläufigen Namensstempel des Kanzlers für den Briefumschlag.

Endlich war das Werk getan, und nach einem festlichen Abschiedsschmaus wurde Tai Tsung mit dem falschen Kanzlerbrief auf die Reise gen Kiang tschou geschickt.

Book illustration

… und nach einem festlichen Abschiedsschmaus wurde Tai Tsung
mit dem falschen Kanzlerbrief auf die Reise geschickt