Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2
Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn
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Fünfundsechzigstes Kapitel Ein peinlicher Schnitzer
Der Geisterläufer war schon längst über alle Berge, und die Häuptlinge saßen noch bei der Festtafel und besprachen und belachten den neuesten Streich, als mitten während der fröhlichen Unterhaltung Listenstern auf einmal mit dem Ruf herausplatzte:
»Ei, verflucht! Da haben wir ja eine schöne Dummheit angerichtet!«
»Was ist denn geschehen?« wurde er von allen Seiten bestürmt.
»Der Brief! Der Brief! Sung und Tai Tsung sind beide verloren!« jammerte Listenstern.
»Ist etwas an dem Brief falsch gemacht?« fragten die Häuptlinge betroffen.
»Und ob! Ein ganz fürchterlicher Schnitzer ist uns unterlaufen! Oh, daß ich nicht gleich daran gedacht habe!«
»Aber ich verstehe gar nicht. Ich habe Wort für Wort des Textes richtig geschrieben und bin nicht mit einem einzigen Pinselstrich von der Schreibweise des Kanzlers abgewichen«, erklärte Scholar Geisterhand erstaunt.
»Und ich habe den Stempel haargenau den Vorbildern nachgemacht, die mir von früher geläufig sind. Wo soll denn der Schnitzer liegen?« setzte Meister Nephritarm hinzu.
»Oh, wie konnte ich nur so unachtsam sein!« wiederholte Listenstern verzweifelt. »Ich muß geradezu blind gewesen sein! Der Stempel! Der Stempel wird unseren Freunden den Hals brechen!«
»Aber wieso? Ich kenne den Kanzlerstempel aus soundso vielen amtlichen Urkunden und gelehrten Aufsätzen und habe ihn diesen Vorbildern getreulich nachgebildet«, beteuerte der Künstler leicht gekränkt.
»Weiß ich. In wunderschönen Siegelschriftlettern steht auf Eurem Stempel groß geschrieben: ›Han lin Akademiker Tsai King.‹ Aber das ist ja gerade verkehrt! Laßt euch erklären, Freunde! Wir haben nicht berücksichtigt, daß der Präfekt von Kiang tschou ein Sohn des Kanzlers ist. Wird es denn dem Kanzler je einfallen, auf einem privaten Brief an den Sohn seinen offiziellen Amtsstempel zu verwenden? Es ist unausbleiblich, daß unser Schreiben Verdacht erweckt und daß man Tai Tsung einem peinlichen Verhör unterziehen wird. Die Folgen sind nicht auszudenken.«
»Dann wollen wir doch sofort Leute hinter Tai Tsung herschicken und den Brief zurückholen und abändern«, schlug Tschao Kai vor.
»Vergebliche Mühe. Der Geisterläufer ist dank seinem Laufzauber nicht mehr erreichbar. Er hat längst seine fünfhundert Li hinter sich. Und doch müssen wir eingreifen und dürfen keine Zeit verlieren. Sonst sind unsere Kameraden verloren.«
»Und wie denkt Ihr Euch unser Eingreifen?«
Listenstern neigte sich an das Ohr des Oberhäuptlings:
»Soundso …« flüsterte er ihm zu und entwickelte seinen Plan.
Und alsbald erteilte der Oberhäuptling seine Befehle, und den Rest des Tages wurde auf der Bergfeste fieberhaft gerüstet.
In der gleichen Nacht aber stieg eine riesige Streitmacht vom Berg und setzte sich gen Kiang tschou in Marsch.