Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2
Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn
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Sechsundsechzigstes Kapitel Der verräterische Amtsstempel
Pünktlich am zehnten Tag, wie ausgemacht, meldete sich Tai Tsung bei seinem Präfekten von der Reise zurück und übergab ihm das angebliche Antwortschreiben des Kanzlers.
Der Präfekt freute sich über seine Pünktlichkeit und beehrte ihn mit drei Willkommenbechern Wein von seiner Tafel.
»Bist du vom Kanzler empfangen worden?« erkundigte er sich.
Tai Tsung verneinte.
»Es kam nicht dazu. Ich habe mich nur eine Nacht in der Hauptstadt aufgehalten und sofort wieder auf den Rückweg gemacht«, redete er sich heraus.
Der Präfekt nahm das Schreiben und las:
»… Die Postbeutel mit den vielen Geschenken habe ich erhalten …« hieß es am Anfang des Schreibens. »… Was den Gaukler und Volksverführer Sung Kiang betrifft, so wünscht ›der Höchste‹ ihn selbst in Augenschein zu nehmen. Sorge dafür, daß er ungesäumt und möglichst unauffällig im Gefangenenkarren nach Kai fong fu übergeführt wird. Und die Begleitmannschaft soll unterwegs auf der Hut sein und ihn nicht entwischen lassen …« hieß es in der Mitte. »… Wegen Huang Wen Ping werde ich demnächst beim Thron Vortrag halten. Ein hoher Posten ist ihm als Lohn für seine Verdienste gewiß.« So endete das Schreiben.
Hochbefriedigt über den Inhalt, bewilligte der Präfekt dem Geisterläufer eine Belohnung von fünfundzwanzig Batzen und entließ ihn in Gnaden. Dann erteilte er Weisung, einen festen Käfigkarren für den Häftling herzurichten. In zwei Tagen sollte die Reise losgehen, und er selbst wollte die Führung des Transports übernehmen.
Der Präfekt war bereits reisefertig, als ihm in letzter Minute der Besuch des Unterpräfekten Huang aus Wuh weh kün gemeldet wurde. Der Präfekt bat den Besucher in die hintere Halle.
»Ich entbiete Euch meinen Glückwunsch! In Kürze könnt Ihr auf eine ehrenvolle Ernennung zählen«, begrüßte er ihn.
»Woher kommt Euch diese Kenntnis?« fragte Huang.
»Aus einem Brief, den ich gestern von meinem Vater aus der Hauptstadt erhielt. Danach soll der Volksverführer Sung sofort im Käfigkarren nach Kai fong fu gebracht werden. Über Euch aber will mein Vater in Kürze dem Himmelssohn berichten. Er schreibt, daß Euch in Anerkennung Eurer Verdienste ein hoher Posten sicher ist.«
»Meinen untertänigsten Dank für Euer gnädiges Wohlwollen! Aber ich wage kaum zu glauben …« sagte Huang.
»Bitte, überzeugt Euch selbst! Hier ist der Brief. Ihr dürft ihn getrost lesen.«
Huang zierte und sträubte sich anfangs zum Schein und täuschte artige Zurückhaltung vor, dann griff er begierig zu und las. Und las sehr gründlich und bedächtig, so gründlich, daß er sogar die Aufschrift und den Stempel auf dem Umschlag nicht übersah.
Jetzt schüttelte er bedenklich den Kopf.
»Der Brief ist gefälscht!« erklärte er zur Überraschung des Präfekten.
»Ausgeschlossen! Ich werde doch die Handschrift meines Vaters kennen!« meinte der Präfekt ungläubig.
»Gestattet eine Frage: Trugen frühere Privatschreiben Eures Vaters auch schon diesen Stempel?«
»Hm, soviel ich weiß, allerdings nicht. Vermutlich hat er beim Schreiben zufällig den Stempelkasten in der Nähe gehabt und aus Gewohnheit zu diesem Stempel gegriffen.«
»Hm, verzeiht meine Offenheit. Nach meinem Dafürhalten seid Ihr das Opfer eines frechen Betrugs geworden. Die Handschrift Eures Vaters nachzumachen, ist nicht schwer. Denn sie ist als eine der vier heute maßgeblichen Schriftstile jedem Gebildeten geläufig. Auch der frühere Namensstempel Eures Vaters ist aus zahlreichen Urkunden und gelehrten Aufsätzen bekannt und leicht zu fälschen. Wohlgemerkt, der frühere, der auf den Han lin Akademiker Tsai King lautet. Inzwischen aber ist Euer Vater Thronpaladin und Kanzler geworden und wird heute selbstverständlich nicht mehr den alten Akademiestempel, sondern den neuen, den Kanzlerstempel, in Gebrauch nehmen. Und hier liegt der eine Fehler, der den Fälschern unterlaufen ist.
Der andere Fehler ist der, daß sie überhaupt einen solchen Stempel verwendet haben. Ein Privatbrief ist kein Amtsschreiben. Welcher Vater bedient sich beim Privatbrief an den Sohn seines Amtsstempels? Euer Vater ist ein Mann von solch hoher Bildung und Umsicht, daß ihm ein derartiges Versehen nie und nimmer zuzutrauen wäre. Solltet Ihr aber noch nicht überzeugt sein, so würde ich anheimstellen, dem Überbringer des Briefes ein wenig auf den Zahn zu fühlen und durch einige Fragen herauszubringen, ob er überhaupt in der Hauptstadt und im Kanzlerpalast gewesen ist. Verheddert er sich bei den Antworten, dann ist der Beweis für die Fälschung erbracht.«
»Ausgezeichnet. Der Mann, den ich als Boten geschickt hatte, ist nie zuvor in Kai fong fu gewesen. Wir werden ihn also durch einige Fragen auf die Probe stellen und entlarven können«, stimmte der Präfekt zu und schickte auf der Stelle nach Tai Tsung.
Auf Wunsch des Präfekten mußte Huang dem Verhör, das in der Amtshalle vor sich ging, hinter einem Wandschirm beiwohnen.
»Infolge anderweiter Abhaltung konnte ich dich neulich nach deiner Rückkehr nur kurz abfertigen. Heute möchte ich gern noch einiges Nähere von deiner Reise hören. Durch welches Tor hast du die Hauptstadt betreten?« eröffnete der Präfekt das Verhör.
»Es war schon dunkel, als ich ankam. Ich konnte die Aufschrift über dem Tor nicht erkennen.«
»Hm, wer hat dich denn im Kanzlerpalast abgefertigt? Und wo hat man dich zur Nacht untergebracht?«
»Ein Torhüter hat mir die Postbeutel und das Schreiben abgenommen und sie hineingetragen. Ich habe mich entfernt und eine Herberge aufgesucht. Am nächsten Morgen habe ich mich dann in aller Frühe wieder zum Palast aufgemacht und am Tor gewartet. Nach einer Weile Wartens ist der gleiche Torhüter herausgekommen und hat mir das Antwortschreiben des Kanzlers ausgehändigt. Um keine Zeit zu verlieren, habe ich mich nicht weiter aufgehalten und sofort auf die Rückreise gemacht.«
»Hm, kannst du mir den Torhüter, der dich abgefertigt hat, näher beschreiben? War er alt oder jung, groß oder klein, mager oder dick, bärtig oder bartlos?«
»Es war schon spät am Abend und ziemlich finster, als ich das erstemal zum Palast kam, und das zweitemal kam ich ganz früh bei trübem Morgengrauen. Deshalb konnte ich das Äußere des Torhüters nicht deutlich erkennen. Soviel ich mich erinnere, war er alt und von mittlerer Statur, ich glaube auch, er hatte ein wenig Schnauz- und Kinnbart«, suchte sich Tai Tsung herauszuwinden.
»Ergreift ihn!« schrie der Präfekt zornig.
Worauf ein Dutzend Schergen von rechts und links über Tai Tsung herfielen und ihn packten.
»Was habe ich denn verbrochen?« stellte sich Tai Tsung harmlos.
»Des Todes hast du dich schuldig gemacht, elender Schwindler!« donnerte der Präfekt ihn an. »Der alte Wang, der früher Tordienst versah, ist schon seit Jahren tot. Sein Sohn aber, unser jetziger Torhüter, ist jung und groß und bartlos, also das Gegenteil von dem, was du gesehen haben willst. Außerdem hat er als gewöhnlicher Torhüter gar keinen Zutritt in die inneren Gemächer und konnte daher gar nicht Austräger und Überbringer von Briefsachen sein. Dafür ist Kanzleidiener Tschang da. Von dem geht die gesamte Privatpost erst in die Hand des Haushofmeisters Li weiter. Bei Geschenken ist überdies eine Wartezeit von drei Tagen üblich, ehe das Empfangsschreiben hinausgeht. Außerdem werden Geschenke von nahestehender Seite wie in diesem Falle nicht einfach formlos entgegengenommen, sondern da erscheint jemand aus der näheren Umgebung des Kanzlers und kümmert sich um den Überbringer. Das alles habe ich mir gestern in der Eile nicht überlegt und mich von dir übertölpeln lassen. Aber jetzt ist es mit dem Schwindel vorbei! Und nun heraus mit der Wahrheit! Von wem hast du den Brief?«
Tai Tsung schwieg verstockt. Worauf der Präfekt den Befehl zur Bastonade gab. Die Schergen droschen auf Tai Tsung los, bis sich ihm der Rücken blutig rötete und er es vor Schmerzen nicht mehr aushielt.
»Der Brief ist gefälscht«, bekannte er endlich.
»Also wo und von wem hast du ihn?«
»Ich geriet unterwegs in die Gewalt der Räuber vom Liang schan Moor. Sie haben mich auf ihre Bergfeste verschleppt und mir Euren Brief und die Postbeutel geraubt. Eigentlich wollten sie mich abschlachten. Später haben sie mir das Leben unter der Bedingung gelassen, daß ich Euch statt des echten ein von ihnen gefälschtes Antwortschreiben zurückbringen sollte. Aus Angst, Euren Zorn zu erregen, habe ich Euch belogen.«
»Dein Geständnis scheint nur teilweise zu stimmen. Ich vermute, daß du nicht aus Zwang, sondern in freiwilligem Einvernehmen mit den Liang schan Banditen gehandelt hast. Aber ich werde dir deine Verstocktheit schon austreiben.«
Trotz der nochmaligen Bastonade, die ihm der Präfekt verabfolgen ließ, blieb Tai Tsung bei seiner ersten Aussage. Der Präfekt verlor die Geduld, ließ ihn mit einem schweren Holzkragen am Hals abführen und hob die Sitzung auf.
»Ich bin Euch zu hohem Dank verpflichtet. Ohne Euren Beistand hätte ich mich schön hereinlegen lassen«, sprach er zu seinem Gastfreund Huang.
»Offensichtlich hat der Bursche von Anfang an mit den Liang schan Rebellen in geheimem Einvernehmen gestanden. Man muß das Übel bei der Wurzel ausreißen, um späteres Unheil zu vermeiden«, flüsterte ihm Huang ein.
»Sehr richtig. Man sollte die beiden Kerle einfach als Hochverräter öffentlich auf dem Markt hinrichten lassen und so den Thron vor die vollendete Tatsache stellen«, erklärte der Präfekt.
»Sehr wohl, sehr wohl! Der Thron wird Euch Euer rasches Zupacken hoch anrechnen. Außerdem muß man gewärtigen, daß die Liang schan Rebellen herkommen und die beiden Hochverräter gewaltsam zu befreien suchen werden, falls Ihr noch lange zaudert.«
»Ganz recht. Ihr denkt auch an alles. Ich werde in meinem Bericht an den Thron Euer Verdienst gebührend hervorheben.«
Bis zum Abend blieb man tafelnd beisammen, hielt eifrig Rat und versicherte sich gegenseitig seine Hochachtung.