← Zurück zur Startseite

Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2

von Schi Nai'an

Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn

Wenn Sie das Buch lieber in der Hand halten möchten, können Sie es hier erwerben:

Oder laden Sie das Buch kostenlos als E-Book für Ihren E-Reader herunter:

Wie verwende ich eine EPUB-Datei?
Kapitel 14

Dreiundsechzigstes Kapitel Steinschnitzer und Kalligraph

Den dritten Tag war der Geisterläufer schon unterwegs. In sausender Fahrt trug ihn das Viergespann seiner ›Panzerpferdchen‹ über die Landstraßen, so daß seine Füße kaum den Boden berührten und es an seinen Ohren wie Sturm und Wetter brauste und rauschte.

Dreihundert Li hatte er an diesem heißen Sommertag zurückgelegt.

Die Mittagssonne brannte mit unbarmherziger Glut auf ihn herunter. Sein Körper drohte in kochende Schweißbäche zu zerfließen. Um sich keinem Hitzschlag auszusetzen, beschloß er, eine Mittagsrast abzuhalten und in der Wasserschenke einzukehren, die freundlich einladend aus schattigem Waldesgrün herüberwinkte.

Er schnallte seine Panzerpferdchen ab und trat ein.

Wie nett diese rotlackierten Tische und Bänke! Wie anmutig der Blick von der offenen Veranda mit der durchbrochenen Holzbalustrade auf die stille Flußlandschaft!

Tai Tsung legte seine schweren Postbeutel ab, entledigte sich seiner Schärpe und seines aprikosengelben Obergewandes und sog zunächst, über die Balustrade gelehnt, einen Mundvoll schöner Aussicht ein.

Dann setzte er sich an den Tisch und bestellte beim Schenken etwas zu essen und zu trinken. Durstig, wie er war, stürzte er die drei Schalen Wein, die ihm der Schenk vorsetzte, in einem Zug hinunter und wollte sich dann über sein Reis- und Gemüsegericht machen.

Aber auf einmal begannen sich vor seinen Augen Himmel und Erde zu drehen und Blumen zu tanzen, und ehe er einen Bissen tun konnte, rutschte er von der Bank und verlor das Bewußtsein.

»Er ist hinüber!« rief der Schenk nach drinnen.

Alsbald kam ein Mann zum Vorschein, der den verehrten Lesern bereits bekannt ist, Tschu Kweh, genannt die Strandsignalpfeife, Häuptling und Horchposten bei der Bande vom Liang schan Moor. Denn seine Wasserschenke war es, in die der Geisterläufer geraten war. Tschu Kweh schaffte zunächst die beiden schweren Postbeutel beiseite. Dann machte er sich mit zwei Gehilfen an eine Untersuchung des Bewußtlosen, um vielleicht in seiner Kleidung noch irgend etwas von Wert zu entdecken. Dabei fiel ihm der Brief des Präfekten, den Tai Tsung in der Gürteltasche verwahrte, in die Hände. Er öffnete ihn ohne Umstände und las, und je weiter er im Lesen kam, desto mehr wuchs seine Überraschung und Bestürzung.

»Der Rebell, auf den das Gassenorakel in der Hauptstadt zutrifft, ist hier in der Person des Sträflings Sung Kiang aus Yün tschong hsiän gefaßt worden. Ich halte ihn in sicherem Gewahrsam und erwarte Weisung wegen seiner Hinrichtung …«

Während Tschu Kweh noch ganz verstört und fassungslos den niederschmetternden Inhalt des Schreibens überdachte, trugen die beiden Gehilfen den bewußtlosen Fremden an ihm vorüber, um ihn in das Schlachthaus zu schaffen. Tschu Kweh blickte auf und sah am Boden neben der Bank, von der der Fremde gerutscht war, seine zurückgelassene Schärpe liegen. Er bückte sich und hob sie auf. In der Schärpe steckte eine rot und grün lackierte längliche Holzplakette, wie sie amtliche Kuriere als Ausweis bei sich zu tragen pflegen. Tschu Kweh machte sich an die Entzifferung der silbernen Schriftzeichen, die in die Plakette eingeschnitzt waren. Sie lauteten ›Kurier Tai Tsung, Kerkermeister und Henker von Kiang tschou‹.

Da fiel ihm ein, daß Häuptling Listenstern öfter von einem guten Freund in Kiang tschou namens Tai Tsung, genannt der Geisterläufer, gesprochen hatte.

»Sollte das vielleicht der Mann sein? Aber wie kommt er als heimlicher Verbündeter der Liang schan Moor Bande dazu, diese Botschaft nach Kai fong fu zu tragen, die für unseren Freund Sung den Tod bedeutet? Ein Glück nur, daß der Brief noch rechtzeitig in meine Hand gefallen ist!« ging es ihm durch den Sinn.

Auf seinen Befehl mußten die Gehilfen den Fremden auf den Platz zurücktragen, wo er vorher gesessen hatte, und ihm Wiederbelebungstropfen einflößen. Nach einer Weile stellte sich die belebende Wirkung der Tropfen ein. Der Fremde reckte und streckte sich und riß erstaunt die Augen auf.

»Was fällt Euch ein, mir Betäubungssud in den Wein zu schütten«, schrie er Tschu Kweh an. »Und obendrein besitzt Ihr die Frechheit, einen versiegelten Brief an den Kanzler zu erbrechen!«

»Pah, was ist schon groß an dem Wisch! Bei uns hier wird kein Sums um einen Kanzler gemacht, ja selbst der große Sung-Kaiser hat hier sein Recht verloren!« gab Tschu Kweh spöttisch zurück.

»Wer seid Ihr, daß Ihr Euch solche kühne Sprache herausnehmt?« fragte Tai Tsung verdutzt.

»Ich bin Tschu Kweh, genannt die Strandsignalpfeife, Häuptling bei der Bande vom Liang schan Moor.«

»Also Häuptling bei der Bande vom Liang schan Moor seid Ihr! Dann kennt Ihr gewiß Magister Wu Yung, genannt der Listenstern?«

»Ich werde doch unseren obersten Ratgeber und Kampflenker kennen! Aber wie kommt Ihr auf seinen Namen? Wer seid Ihr?«

»Ich bin ein guter alter Bekannter von Listenstern, Kerkermeister Tai Tsung aus Kiang Tschou.«

»Etwa der Mann, den man den Geisterläufer nennt?«

»Ja.«

»Ihr seid uns wohlbekannt. Als unser großer Freund und Bruder Sung Kung Ming auf dem Weg in die Verbannung hier durchkam, hat ihm Listenstern ein Empfehlungsschreiben an Euch mitgegeben. Aber wie sollen wir es verstehen, daß Ihr Euch heute zum Werkzeug gegen unseren Freund Sung hergebt?«

»Ihr irrt. Sung ist mein guter Freund. Er wurde wegen eines rebellischen Verses, den er im Rausch an die Wand des Yang tse Turms schrieb, in den Kerker geworfen. Ich bin mit einem Glückwunschbrief meines Präfekten zum Kanzler unterwegs und will meine Anwesenheit in der Hauptstadt benutzen, um mit allen Kräften für Sungs Freilassung zu wirken.«

»Da werdet Ihr Euch vergeblich bemühen. Hier, lest den angeblichen Glückwunschbrief Eures Präfekten!«

Tai Tsung las und erstarrte vor Schreck.

»Daß es so schlimm für Sung stünde, hatte ich freilich nicht vermutet. Jetzt heißt es handeln!«

»Ihr müßt mit auf den Berg kommen und den anderen Häuptlingen berichten!«

Tschu Kweh eilte in den Wasserpavillon und schoß einen seiner tönenden Pfeile zum gegenüberliegenden Ufer ab. Von drüben nahte mit geschwinden Ruderschlägen ein Nachen und legte am Wasserpavillon an. Tschu Kweh und Tai Tsung stiegen ein und ließen sich zum Goldsandgestade übersetzen. Die beiden gewichtigen Postbeutel wurden nicht vergessen.

Droben auf der Bergfeste war zunächst freudiges Wiedersehen zwischen Listenstern und Tai Tsung. Dann wurde Tai Tsung vor den Oberhäuptling Tschao Kai geführt und mußte berichten. Tschao Kai war drauf und dran, sofort mit seiner gesamten Streitmacht nach Kiang tschou aufzubrechen, um Sung gewaltsam zu befreien.

»Keine Übereilung!« widerriet Listenstern. »Der Weg nach Kiang tschou ist weit, Roß und Reiter würden bei dem langen Ritt unter der Hitze leiden und erschöpft ankommen. Nein, wenn wir mit Gewalt vorgehen, so gefährden wir Sungs Leben erst recht. Wir müssen List gebrauchen. Nach meinem bescheidenen Dafürhalten liegt Sungs Rettung zu neun Zehnteln in der Hand meines Freundes Tai Tsung.«

»Wieso? Erklärt Euch näher!«

»Der Präfekt erwartet doch ein Antwortschreiben von seinem Vater, dem Kanzler, das ihm Tai Tsung aus Kai fong fu mitbringen soll. Von diesem Antwortschreiben will er es abhängig machen, ob er Sung auf der Stelle hinrichtet oder im Gefangenenwagen nach der Hauptstadt sendet. Wir wollen Tai Tsung mit einem gefälschten Antwortschreiben nach Kiang tschou zurückschicken. In dem Schreiben muß es heißen, der Kanzler wünsche keine sofortige Hinrichtung Sungs, sondern seine Verschickung nach Kai fong fu zwecks näherer Untersuchung. Wenn Sung dann verschickt wird, werden wir den Transport unterwegs abfangen und unseren Freund befreien.«

»Aber wir kennen den Weg des Transportes nicht. Wenn er uns nun entschlüpft?« wandte Tschao Kai ein.

»Wir werden alle Straßen und Wege, die in Betracht kommen, von unseren Spähern beobachten und uns rechtzeitig über die Marschrichtung auf dem laufenden halten lassen«, bemerkte Wolkendrache.

»Gut, aber da ist noch eine andere Schwierigkeit. Wo treiben wir denn gleich jemanden auf, der die Handschrift des Kanzlers nachmachen kann?«

»Daran hat Wu Yung auch schon gedacht«, fiel Listenstern lächelnd ein. »Heute sind im Lande vier verschiedene Schriftstile im Schwang: Die von Su Tung Po, von Huang Lu Tschi, von Mi Feh und vom Kanzler Tsai King. Diese vier sind die großen Schreibvorbilder unserer Epoche. Ich habe in Tsi tschou einen jungen begabten Scholar namens Siao Jang zum Bekannten. Der beherrscht sämtliche vier Schriftstile und führt deshalb den Beinamen ›Scholar Geisterhand‹. Er ist übrigens auch sonst ein brauchbarer Bursche, versteht sich trefflich auf Kunstfechten und Schwertertanz und würde ausgezeichnet in unsere Gemeinschaft passen. Wir schicken am besten Tai Tsung in der Maske eines Kaplans zu ihm ins Haus und locken ihn unter dem Vorwand eines Inschriftenauftrags für den Tai schan Tempel und mit einem Vorschuß von fünfzig Batzen Honorar in unsere Gegend. Unterwegs schleppen wir ihn zu uns auf den Berg, holen heimlich seine Frau in der Sänfte nach und bewegen ihn zum dauernden Dableiben. So gewinnen wir gleichzeitig ein wertvolles neues Mitglied für unsere Bande.«

»Ausgezeichnet. Die Schriftschwierigkeit wäre behoben. Aber nun brauchen wir noch jemanden, der den Kanzlerstempel auf dem Briefumschlag nachmachen kann«, sagte Tschao Kai.

»Auch das habe ich mir bereits durch den Kopf gehen lassen«, fuhr Listenstern fort. »Ich habe noch einen anderen Bekannten namens Kin Ta Kiän, das ist einer der besten Siegel- und Stempelschnitzer und Steinschriftenmeißler im ganzen Reich. Er wohnt gleichfalls in Tsi tschou. Wegen seiner Meisterschaft im Stein- und Edelsteinschnitt nennen ihn die Leute ›Meister Nephritarm‹. Tai Tsung soll ihn auch gleich mitbringen. Er mag ihm sagen, im Tai schan Tempel gebe es eine Steininschrift zu meißeln. Einen Vorschuß von fünfzig Batzen wird er nicht ablehnen und gern mitkommen. Unterwegs verfahren wir mit ihm genau so wie mit Siao Jang. Er ist auch im Waffenhandwerk geübt und wird für unsere Bande gleichfalls ein nützlicher Zuwachs sein.«

Listenstern Vorschlag wurde gutgeheißen, und am nächsten Morgen machte sich Tai Tsung, als Kaplan verkleidet, mit zweihundert Batzen in der Tasche auf den Weg nach Tsi tschou.

In zwei Doppelstunden trugen ihn seine Panzerpferdchen zum Ziel.