Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2
Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn
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Zweiundsiebzigstes Kapitel Zurück zum Liang schan Moor
Nach getanem Rachewerk wurde Sung von den Häuptlingen beglückwünscht.
Sung beantwortete ihre Huldigung mit einem demütigen Kniefall. Daraufhin knieten auch die Häuptlinge nieder.
»Werter großer Bruder, habt Ihr noch etwas auf dem Herzen?« fragten sie bestürzt. »Sprecht Euch aus! Wir werden Euch willig anhören.«
»Kameraden! Es drängt mich, euch nochmals für alles zu danken, was ihr an mir Unwürdigem getan habt«, sprach Sung.
»Schon vor meiner Reise in die Verbannung habt ihr's so gut mit mir gemeint und wolltet mich mit allen Mitteln der Überredung auf eurer Bergfeste im Liang schan Moor festhalten. Damals habe ich, väterlicher Weisung folgend, nicht auf euch gehört. Das muß wohl höhere Fügung gewesen sein. Denn unterwegs und hier in der Verbannung ward mir das hohe Glück zuteil, so manchen wackeren Kämpen als Freund und Kameraden neu hinzuzugewinnen.
Durch eigenes Verschulden, durch einen unbedachten Vers, den ich im Rausch schrieb, habe ich dann mich und den Kameraden Tai Tsung an den Rand des Todes gebracht. Und wieder habt ihr in aufopfernder Treue alle eigene Gefahr vergessen, habt euch in die Tigerhöhle, in den Drachenpfuhl gewagt und mich und Tai Tsung heldenmütig herausgehauen. Und zum dritten Male habt ihr eure kameradschaftliche Treue bewährt und mir euren Beistand geliehen, um ein Werk persönlicher Rache zu vollstrecken.
Über die Folgen unserer Taten müssen wir uns im klaren sein. Wir haben an zwei festen Plätzen der Präfektur Kiang tschou bewaffneten Aufruhr verübt. Man wird uns beim Thron als Rebellen verklagen, man wird uns ächten und verfolgen. Ein treuloser, undankbarer Schuft wäre ich, wenn ich euch in dieser Stunde der Gefahr im Stiche ließ. Ich bin entschlossen, nunmehr mit euch zum Liang schan Moor zu ziehen und weiterzukämpfen. Was meint ihr? Wollt ihr mitziehen und mitkämpfen? Dann müssen wir noch heute an Aufbruch denken. Oder wollt ihr auf weiteren Kampf verzichten? Dann werde ich mich eurem Wunsche fügen. Allerdings müssen wir uns klar sein, daß wir Rebellen sind und daß es hart auf hart kommen wird.«
Er hatte noch nicht ausgesprochen, da sprang als erster der Eiserne Büffel auf und rief mit starker Stimme:
»Wir gehen alle mit! Und wer sich feige drückt, den spalte ich persönlich mit meiner Axt in zwei Hälften!«
»Auf die einzelne Stimme eines braven, aber ungehobelten Draufgängers, wie du einer bist, kommt es hier nicht an«, erklärte Sung lächelnd. »Maßgebend ist, was die anderen Kameraden denken.«
Im Kreise der anderen Häuptlinge wurde kurz und lebhaft beraten.
»Was sollte uns nach allem, was geschehen ist und was uns bevorsteht, anderes übrigbleiben, als uns unserem großen Bruder anzuschließen und auf Leben und Tod weiterzukämpfen? Und wo sonst finden wir Zuflucht als im Liang schan Moor?«
Das war das Ergebnis der Beratung. Sung nahm die Entschließung mit freudigem Dank entgegen und gab unverzüglich die nötigen Weisungen. Noch am gleichen Tage wurden Strandsignalpfeife und Sung Wan vorausgeschickt, um die im Liang schan Moor verbliebenen Kameraden zu benachrichtigen und vorzubereiten.
Dann wurde die ganze Gesellschaft, die mitziehen wollte – es waren einschließlich der Yang tse Piraten und der Knechte des Gutshofs Mu an die tausend Mann –, in fünf Haufen eingeteilt, die nacheinander mit je zwanzig Li Abstand den Marsch nach dem Liang schan Moor antraten. Den ersten Haufen führte der Oberhäuptling Tschao Kai mit Sung und Geisterschütz und Tai Tsung und dem Eisernen Büffel. An der Spitze des zweiten Haufens ritten Rothaarteufel, Greifarmasse, Pi Yung und Tu Kiän. Der dritte Haufe folgte unter Führung der Piraten Schlammflußdrache, Höllenrichter, Höhlenmolch und Seeschlange. Den vierten Haufen befehligte der Wächter der drei Berge mit dem Weißen Aal, Bluthund und den drei Fischerbrüdern Yüan. Den fünften Haufen führten Buntfelltiger, Kurzbeintiger, Junker Blaßgesicht, die beiden Brüder Mu und Pai Schong.
Die Brüder Mu nahmen auf Reisekarren ihren alten Vater und ihre sonstigen Angehörigen und alle Habe von Wert mit. Was vom Gesinde nicht teilnehmen wollte, wurde mit einigen Batzen entlassen. Der geräumige Gutshof wurde an einigen Dutzend Stellen angesteckt und eingeäschert. Die Felder gab man preis. Einige weitere Lastkarren füllte die in Wu weh kün erbeutete Habe des Unterpräfekten Huang.
Unterwegs schloß sich ihnen als sechster Haufe eine fünfhundert Köpfe starke Bande an, die den Huang schan Berg besetzt hielt. Ihre vier Häuptlinge waren ein in Ungnade gefallener ehemaliger Yang tse Wachthauptmann namens ›Vogel Rok‹, ferner ein verkrachter Akademiker, wegen seiner erstaunlichen Rechenkünste im Busch das ›Rechenwunder‹ genannt, weiter ein Musikus und Meister, der eisernen Doppelflöte namens ›Einhorn‹ und schließlich ein ehemaliger Gutsbesitzer, wegen seiner vielseitigen Waffenkunst die ›Neunschwänzige Schildkröte‹ genannt. Diese vier hatten mit Bewunderung von den Geschehnissen am Yang tse gehört und brannten darauf, an den kommenden Taten der mächtigen Räuberbande vom Liang schan Moor teilzunehmen.