Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2
Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn
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Einundsiebzigstes Kapitel Der Rache zweiter Akt
Es war zur gleichen Stunde, daß man in Kiang tschou den Nachthimmel über Wu weh kün von einem mächtigen Feuerschein gerötet sah. In Kürze hatte sich die Kunde von der Wahrnehmung in der ganzen Stadt herumgesprochen und die Einwohner aus den Betten gescheucht. Auch zur Präfektur gelangte die Botschaft. Dort saß zu dieser späten Stunde noch der Präfekt mit seinem Gast, dem Unterpräfekten Huang, bei ernster politischer Unterhaltung zusammen. Auf die Kunde von dem Brand in Wu weh kün erhob sich Huang erschrocken und empfahl sich in aller Eile. Er wünschte noch während der Nacht heimzukehren.
Bereitwillig ließ ihm der Präfekt das Stadttor öffnen und stellte ihm eine Amtsbarke für die Überfahrt zur Verfügung.
Von innerer Unruhe erfüllt, trieb Huang die Ruderer zu höchster Eile an. Wie schauerlich schön dieser rote Widerschein auf den Fluten war! Wie Blutstropfen tröpfelte es bei jedem Ruderschlag von den auftauchenden Ruderenden! Huang fühlte seinen Hals von Bangigkeit zugeschnürt.
»Die Brandstelle scheint in der Nähe des Nordtores zu sein«, meinte beim Näherkommen ein Ruderknecht.
Seine Bemerkung ließ Huang erschrocken zusammenfahren. Man überquerte gerade die Strommitte, als man auf einmal eine von oberhalb herantreibende fremde Barke und kurz hinter ihr eine zweite Barke sichtete. Statt auszuweichen, hielten die fremden Fahrzeuge geraden Kurs auf die große Amtsbarke, so daß ein Zusammenprall unvermeidlich schien.
»He, wer seid ihr? Was fällt euch ein, uns zu rammen?« schnauzten Huangs Gefolgsleute die fremden Schiffer an.
Ein langer Kerl mit einem Bootshaken in der Hand sprang von seinem Sitz im vorderen Boot auf und rief zurück:
»Wir sind unterwegs nach Kiang tschou, Feuer melden.«
Bei diesen Worten kam Huang aus der Bootskammer gekrochen.
»Wo brennt es denn?« fragte er ängstlich.
»Beim Nordtor, im Anwesen des Unterpräfekten Huang. Männer vom Liang schan Moor sollen das Feuer angelegt und die sämtlichen Insassen ermordet und alle wertvolle Habe fortgeschafft haben.«
Huang ließ sich unvorsichtigerweise einen Ruf des Schreckens entschlüpfen und machte eine Bewegung, als ob er taumelte. Der fremde Schiffer merkte es wohl. Schon hatte er mit seinem langen Bootshaken ausgeholt und sein Boot längsseits der Amtsbarke festgemacht. Dann war er mit einem Satz drinnen in der Amtsbarke.
Huang, schnell von Begriff und sich der drohenden Gefahr bewußt, war flugs nach dem Heck geflüchtet und hatte sich über die Bordwand geschwungen und von außen am Rand festgeklammert, so daß er nun halb im Wasser hing. Aber schon war das zweite Boot heran. Aus dem Wasser hinter Huang tauchte plötzlich ein Mann auf, riß ihn von unten und hinten an Brust und Armen von der Bordwand los und schleifte ihn, den Kopf fest zwischen den linken Arm gepreßt, zu dem ersten Boot. Dort stand bereits der andere, der lange Kerl mit dem Bootshaken. Diesmal hielt er Hanfstricke bereit. Er zog den Fang ins Boot und fesselte ihn.
Aus dem Wasser hinter Huang tauchte plötzlich ein Mann auf …
Daß der Taucher, der Huang lebend aus den Wellen fischte, kein anderer als der Weiße Aal war und daß sein Gefährte, der lange Kerl mit dem Bootshaken und den Hanfstricken, kein anderer als der Schlammflußdrache war, wird die geschätzte Leserschaft selbst erraten haben.
Die Ruderknechte der Amtsbarke hatten dem Schauspiel, das sich da überraschend vor ihren Augen abspielte, mit weit aufgesperrten Mäulern und stumm vor Staunen zugeschaut. Jetzt fiel ihnen nichts Besseres ein, als einen Kniefall zu tun und den beiden fremden Piraten durch einen Stirnaufschlag ihren Respekt und ihre Unterwerfung zu bezeigen.
»Keine Angst! Euch geschieht nichts«, beruhigte sie Schlammflußdrache. »Wir haben es nur auf diesen Burschen hier abgesehen. Fahrt ruhig wieder heim und bestellt dem verdammten Esel von Präfekten einen schönen Gruß von uns! Sagt ihm, wir, die Männer vom Liang schan Moor, stellten ihm seinen alten Wackelkasten einstweilen zur Verfügung, würden uns aber erlauben, ihn uns bei nächster Gelegenheit wieder zu holen.«
Am ganzen Leibe zitternd, versprachen die Ruderknechte brav, die Bestellung auszurichten, und machten sich eilig in Richtung Kiang schou davon. Der Weiße Aal und Schlammflußdrache aber steuerten mit ihrer lebenden Fracht an Bord zur Bucht beim Gutshof Mu. Sie fanden ihre Kameraden dort gerade mit dem Ausladen der erbeuteten Schätze beschäftigt.
Die Nachricht ›Huang gefangen‹ löste am Ufer hellen Jubel aus, vor allem bei Sung. Alles sah sich den Schuft aus der Nähe an, dann wurde er im Triumph nach dem Gutshof gebracht. In der strohgedeckten Gutshalle setzte man sich im Kreis nieder und hielt über den Gefangenen Gericht. Sung riß ihm eigenhändig die Sachen vom Leibe und band ihn an einen Weidenstamm vor dem Halleneingang. Dann verlangte er einen Krug Wein und entbot persönlich jedem einzelnen seiner Gefährten, die ihm bei dem Werk der Rache geholfen hatten, vom Oberhäuptling Tschao Kai an bis herab zu Pai Schong, es waren im ganzen dreißig wackere Männer, einen Dankesbecher. Danach richtete er eine Schmährede gegen seinen Todfeind:
»Schurke, was hatte ich dir jemals im Leben zuleide getan, um deinen giftigen Haß und deine Nachstellung zu verdienen? Ist deine gemeine Handlungsweise eines Mannes von Bildung würdig? Schämst du dich nicht vor deinem leiblichen Bruder, diesem anständigen, hochachtbaren Kerl, den seine Mitbürger mit dem Ehrennamen ›Der Gelbe Buddha‹ auszeichnen? Ihm und seinen Angehörigen ist heute nacht kein Haar gekrümmt worden. Du aber, du elender Ränkeschmied und Amtsschleicher, dessen ganzes Trachten darauf ging, deinen Mitmenschen zu schaden und ehrliche Leute zu verdächtigen, du, den seine Mitbürger mit Recht den ›Gelben Wespenstachel‹ nennen, du sollst wissen, daß ich dir jetzt deinen Giftstachel ausreißen werde!«
»Ich sehe meine Schuld ein und bitte um einen kurzen schmerzlosen Tod«, sagte der Gelbe Wespenstachel und tat de- und reumütig in der Hoffnung, seine Richter milde zu stimmen.
»Deine Reue kommt zu spät, verdammter Esel! Um deinen Tod sollst du nicht kommen, da brauchst du gar nicht erst zu betteln!« brüllte ihn Tschao Kai an.
»Kameraden, wer von euch will Vollstrecker meiner Rache sein?« fragte Sung.
»Ich!« meldete sich der Eiserne Büffel. »Ich werde den Burschen zu Schnitzeln rösten. Er ist so schön feist. Das gibt einen feinen Braten.«
»Richtig. Also los ans Werk!« stimmte Tschao Kai bei.
Ein Schlachtmesser und ein Becken mit glühender Holzkohle wurden herbeigeschafft. Der Eiserne Büffel nahm das Schlachtmesser zur Hand und trat grimmig lachend an den Gefesselten heran.
»Na, Bursche, du verstandest dich so trefflich aufs Einflüstern und Ränkeschmieden in den hinteren Gemächern des Präfekten, wußtest aus Gelb Schwarz und aus Keins Eins zu machen, wenn es galt, deinen Mitmenschen zu schaden. Du hast dir einen raschen Tod ausgebeten. Ich, dein alter Gebieter, werde ganz im Gegenteil dafür sorgen, daß du hübsch langsam verreckst!« höhnte er.
Dann setzte er das Messer an und schnipselte geschickt und mit Bedacht, von den Schenkeln angefangen bis zu den Schultern hinauf, die besten Fleischstücke aus dem Leib seines Schlachtopfers, aber nicht auf einmal, sondern hübsch langsam nach und nach, indem jedes einzelne Stück erst auf dem Kohlenbecken gebraten und als Weinzukost herumgereicht wurde, ehe der nächste Schnitt drankam. Das war ein langwieriges Werk, das nicht bloß ein halbes Stündchen in Anspruch nahm. Zuallerletzt wurden Herz und Leber herausgeholt, um zu der beliebten bitter-herben Ernüchterungssuppe verkocht zu werden.