Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2
Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn
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Siebzigstes Kapitel Die Nacht der Rache
An diesem Tage setzte also der Weiße Aal zunächst die drei Späher Pi Yung, Greifarmaffe und Pai Schong über. Am anderen Morgen folgte die Barke des Schlammflußdrachen mit Schi Yung und Tu Kiän. Sie bargen scharfgeschliffene Dolche und Messer unter ihrem Bettlergewande.
Auf dem Weg zwischen dem Gutshof Mu zum Fluß aber herrschte am späten Nachmittag geschäftiges Treiben. Da wurden schwere Sandsäcke und hohe Bündel von Schilf und ölgetränktem Reisig geschleppt und in die fünf großen Dschunken verstaut, die am Flußufer hielten.
Gegen Abend, als es dunkelte, gingen dann die Häuptlinge mit ihren Mannschaften wohlbewaffnet an Bord. Aber sie hüteten sich, ihre Waffen zu zeigen und hielten sich während der Überfahrt in den Schiffskammern versteckt, so daß die Dschunken nach außen den Anschein gewöhnlicher Frachtdschunken hatten. Nur zwei Häuptlinge blieben auf dem Gutshof zurück. Sie hatten die Aufgabe, neue Nachrichten aus der Stadt Kiang tschou einzuholen.
Es war eine helle, klare Mondscheinnacht. Eine angenehme kühle Brise strich über den ruhig dahinplätschernden Strom, in dessen grünlich glitzernden Fluten sich der Mond und die nahen Berge spiegelten. Man steuerte die fünf Dschunken in eine stille, versteckte, schilfumwucherte Bucht und vertäute sie an Uferweiden.
Während man an Land ging, erschien Höhlenmolch und meldete, daß in der Stadt alles ruhig sei. Er war mit einem kleinen Fischerboot vorausgeschickt worden, um den Weg zur Stadtmauer zu erkunden.
Nun ging es mit den Sandsäcken und den Reisigbündeln auf dem Buckel leise zur Stadtmauer heran. Bluthund und die drei Brüder Yüan sowie Höhlenmolch und Seeschlange blieben zur Bewachung bei den Dschunken in der Bucht. In einem Abstand von etwa einem halben Li vom nördlichen Stadttor machte man Halt, legte die Sandsäcke und Reisigbündel am Fuß der Mauer nieder und wartete.
Kurz vor Mitternacht, als zum zweitenmal der Trommelschlag der dritten Nachtwache ertönt war, gab Sung das Zeichen, die Tauben mit den Glöckchen im Gefieder aufsteigen zu lassen. Alsbald ward unweit auf der Mauerkrone eine an einer Stange flatternde weiße Flagge sichtbar. Ein leiser Befehl Sungs, und in Eile wurden die Sandsäcke aufgenommen und an der durch die Flagge bezeichneten Mauerstelle übereinander geschichtet. Dann ging es über die Sandsäcke als Stufen zur Mauer hinauf. Droben wartete bereits Pai Schong. Er zeigte mit der Hand nach unten, nach der von den Brüdern Huang bewohnten Gasse.
»Wo stecken Pi Yung und Greifarmaffe?« erkundigte sich Sung.
»Sie sind bereits übergeklettert und halten sich im Gemüsegarten versteckt. Sie werden uns die Gartenpforte von innen öffnen.«
»Gut, und weißt du etwas über den Verbleib von Schi Yung und Tu Kiän?«
»Sie haben ihren Posten beim Stadttor bezogen.«
Jetzt ging es mit Hilfe der Sandsäcke auf der anderen Mauerseite wieder herab und Sung nach in die Gasse zum Grundstück der Brüder Huang. Beim Eintreffen huschte aus dem Schatten unter dem Dachvorsprung beim Eingang ein Mann hervor. Es war Greifarmaffe.
»Die Gartenpforte ist bereits offen«, meldete er Sung leise.
»Gut, führe die Leute mit den Reisigbündeln hinein! Sie sollen sie zu einem Haufen schichten, und Pi Yung soll sich eine Fackel beschaffen und den Haufen anzünden. Du selbst kommst wieder heraus und wirst an das Tor klopfen und Feuer melden«, raunte ihm Sung ins Ohr.
Greifarmaffe verschwand mit den Reisigbündelträgern im Garten.
Während drinnen die Bündel dicht neben dem Anwesen des Huang zu einem Haufen geschichtet und von Pi Yung mittels eines brennenden Krautstrunks in Brand gesetzt wurden, teilte Sung seine Mannschaft in Gruppen und wies den einzelnen Gruppen die verschiedenen Abteilungen des umfangreichen Anwesens zu. Jetzt sah man vom Garten her helle Flammen auflodern, und dann kam Greifarmaffe wieder zum Vorschein. Auf Sungs Wink mußte er kräftig an die Haustür pochen und laut hineinrufen:
»He, Leute, rasch aufgemacht! Möbel und Truhen heraus! Im Nachbarhaus beim Herrn Bruder ist Feuer ausgebrochen!«
Es währte nicht lange, da kam der verschlafene Pförtner aus seiner Pförtnerkammer heraus. Zuerst vergewisserte er sich, ob es wirklich nebenan brenne. Kein Zweifel, vom Gemüsegarten her gewahrte er hellen Feuerschein. Nun zögerte er nicht und öffnete. Ein vielstimmiges Geheul begrüßte ihn, er wurde überrannt, und mit Sung und Tschao Kai an der Spitze wälzte sich der ganze bewaffnete Haufe ins Innere. Was man an lebenden Wesen antraf, gleichviel ob Mann oder Frau, alt oder jung, alles wurde erbarmungslos niedergemacht. Von dem ganzen an die fünfzig Köpfe zählenden Haushalt wurde niemand verschont. Nur die Hauptperson, den Schurken Huang, konnte man zur allgemeinen Enttäuschung nicht auffinden.
Bei der Durchsuchung der Räume stieß man auf eine Unmasse von Schätzen und Kostbarkeiten, die der Schurke während seiner früheren Amtstätigkeit der Bevölkerung abgepreßt und abgegaunert hatte. Alle diese unrecht erworbenen Schätze wurden in Eile zusammengerafft und in Kisten und Kasten gestopft. Dann ein Pfiff, und mit den gefüllten Kisten und Kasten an Tragstangen über den Schultern, zog der Trupp im Geschwindschritt wieder ab. Pi Yung versäumte nicht, vorher das Anwesen an allen Ecken und Enden mit seiner Brandfackel anzustecken. Unterwegs teilte man sich in zwei Haufen. Der eine Haufe wälzte sich zu der Stelle der Stadtmauer, wo die Sandsäcke geschichtet lagen, der andere Haufe zog zum Nordtor. Dort hatten inzwischen Schi Yung und Tu Kiän ihre Arbeit getan. Als sie den Feuerschein in der Nachbargasse wahrnahmen, hatten sie, wie verabredet, die schlafende Torbesatzung überfallen und niedergemacht.
Inzwischen war es in der Nachbarschaft lebendig geworden. Durch den Feuerschein und den Lärm aus dem Schlaf geschreckt, kamen die Anwohner mit Leitern und Feuerhaken und gefüllten Wassereimern angestürzt, um den Brand löschen zu helfen. Von Schi Yung und Tu Kiän wurden sie beruhigt und nach Hause geschickt.
»Geht nach Hause und legt euch ruhig schlafen, gute Leute! Das Feuer braucht euch nicht anzufechten. Wir, die Männer vom Liang schan Moor, haben es angelegt. Es gilt eine kleine Abrechnung mit dem schurkischen Unterpräfekten Huang. Wir machen nur das Unrecht wieder gut, das er unseren Kameraden Sung und Tai Tsung zugefügt hat. Also laßt es ruhig brennen und legt euch wieder schlafen!« wurde ihnen bedeutet.
Etliche von den Leuten wollten nicht hören und sich durchaus den Brand ansehen. Aber da kam auf einmal ein fürchterlicher schwarzer Riese, unter Gebrüll zwei gefährliche blanke Beile um sich wirbelnd, die Gasse entlang gerannt, und es verging den guten Leuten ihre Neugierde. So schnell sie laufen konnten, stoben sie mit ihren Leitern und Eimern davon und verkrochen sich entsetzt hinter ihren Haustüren.
»Kommt nur her und löscht, wenn ihr des Todes sein wollt!« hatte der fürchterliche Kerl gebrüllt.
Der Eiserne Büffel, dem die Suche nach dem Stadttorschlüssel zu lange dauerte, zerschmetterte einfach mit seinen Äxten das eiserne Schloß, und dann ergoß sich hinter ihm ein Teil der Räuber ins Freie, während die andere Hälfte auf dem alten Weg über die Mauer setzte.
Ungehindert langte man mit den erbeuteten Schätzen bei den Dschunken an. Der Ruf ›Die Räuber vom Liang schan Moor!‹, der sich mit Windeseile durch die Stadt verbreitete, genügte, um die Einwohnerschaft völlig einzuschüchtern und jeden Gedanken an Kampf oder Verfolgung zu bannen.
Man wußte in Wu weh kün bereits Bescheid von dem kecken Handstreich, den diese verwegenen Banditen kürzlich im benachbarten Kiang tschou unternommen hatten, und wünschte keine Wiederholung zwecklosen Blutvergießens.
Heil und wohlgemut traten die Räuber die Rückfahrt an. Das einzige, was ihre Siegesfreude störte, war der Ärger darüber, daß ihnen der Schurke Huang nicht in die Hände gefallen war.