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Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2

von Schi Nai'an

Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn

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Kapitel 3

Zweiundfünfzigstes Kapitel Der Ortstyrann

Nach einem halben Tagesmarsch gelangte man am Nachmittag in ein belebtes Landstädtchen.

Unterwegs kam man an einer größeren Menschenmenge vorbei, die sich um einen fahrenden Heilmittelhändler geschart hatte, der seine Kundschaft durch Vorführung von allerlei Fechtkunststückchen anlockte.

Sung und seine Begleiter gesellten sich zu der Menge und schauten eine Weile zu. Der Mann verstand etwas von seiner Kunst, und Sung hielt mit lauten Zurufen des Beifalls nicht zurück. Nach der Vorstellung ging der Mann mit dem Teller sammeln und wandte sich mit einer kleinen Ansprache an die Umstehenden:

»Leute, ich bin von weit her in eure gute Stadt gekommen, und wenn meine Kunst auch nichts weiter Erstaunliches an sich hat, so hoffe ich doch, daß sie euch gefallen hat und daß ihr mir ein wenig Gunst erweist, sei es, indem ihr mich weiterempfehlt, sei es, indem ihr mir etwas abkauft. Ich kann euch mit trefflichen Salben für Muskeln und Gelenke dienen. Wenn ihr aber keine Salben kaufen wollt, dann spendet mir in Anerkennung meiner Kunst einen Batzen oder einen Kupfer! Laßt mich nicht mit leerem Teller vorbeigehen!«

Die Leute hörten seine Ansprache an, aber keine Hand rührte sich, der Teller blieb leer.

»Hebt eure werten Hände auf und gebt!« bat der Mann nochmals und schlug von neuem mit dem Holzschlegel an den Tellerrand.

Aber sein Werben war vergeblich. Die Leute guckten teilnahmslos mit ›weißen Augäpfeln‹ drein, und der Teller blieb leer. Sung tat der Mann leid, und er ließ seine Begleiter fünf Batzen aus dem Schnappsack langen.

»Hier, Meister, nehmt!« rief er dem Manne zu. »Ich bin zwar nur ein armer Sträfling und kann nicht viel spendieren, aber ich hoffe, Ihr werdet diese fünf Batzen als Zeichen meines guten Willens nicht verschmähen.«

Der Mann nahm die fünf Batzen in die Hand und wandte sich spöttisch an die Umstehenden:

»Also dieser namhafte Ort hat nicht einen einzigen wackeren sachverständigen Bürger aufzuweisen, der für mich und meine Kunst etwas übrig hätte! Ausgerechnet ein hergelaufener landfremder Biedermann im Holzkragen des Sträflings weiß als einziger meine Kunst zu würdigen und spendiert mir fünf Batzen! Diese fünf Batzen aus der Hand eines wohlgemuten armen Sträflings gelten mir mehr als fünfzig Batzen aus der Hand eines reichen Spießers!«

Und zu Sung:

»Ich neige mich vor Euer Gnaden. Darf ich um Euren hohen Namen bitten? Ich werde ihn überall im ganzen Lande preisen und weitertragen.«

»Meister, das kleine Opfer, das ich brachte, ist nicht der Rede wert«, wehrte Sung bescheiden ab.

Der andere wollte gerade erwidern, als sich ein hochgewachsener junger Mensch durch die Menge der Umstehenden schob und sich patzig vor Sung aufpflanzte.

»He, du fremder Sträfling, wer bist du, daß du dich erdreistest, das Ansehen unserer guten Stadt zu schädigen? Was fällt dir ein, den noblen Herrn zu spielen und diesem hergelaufenen Stümper und Klopffechter Geld zu geben? Wir haben seinesgleichen hier nicht nötig, und ich habe meinen Mitbürgern ausdrücklich befohlen, daß sie ihn nicht beachten sollen«, fuhr er ihn an.

»Was geht es Euch an, wenn ich ihm von meinen Batzen abgebe?« fragte Sung ruhig.

»Wie, du vermaledeiter Sträfling wagst mir zu widersprechen?« polterte der andere und versetzte Sung einen Faustschlag ins Gesicht. Sung wich zurück und wollte sich gegen seinen nachdrängenden Gegner zur Wehr setzen, als dieser auf einmal von dem Fechtmeister rückwärts am Schopf und am Hosenboden gepackt, aufgehoben und mit kräftigem Schwung aufs Pflaster gesetzt wurde. Er wollte sich aufrappeln, aber ein Fußtritt ließ ihn nochmals der Länge lang hinkollern. Dank dem gütlichen Zureden von Sungs Wächtern kam es nicht noch zu weiteren Tätlichkeiten.

»Nur gemach! Das Weitere wird sich finden!« drohte der Lange zu seinen beiden Gegnern hinüber und machte sich davon.

Inzwischen hatten sich Sung und sein neuer Freund bekanntgemacht. Der Mann war ein gewisser Pi Yung aus Loh yang in der Provinz Honan und entstammte einer alten Militärfamilie. Der Großvater hatte einen höheren Grenzposten bekleidet, aber infolge amtlicher Ränke seine Laufbahn aufgeben müssen und war verarmt. Seine Waffenkunst hatte sich auf Sohn und Enkel vererbt, die sich als fahrende Arzneihändler durchschlugen.

Natürlich kannte Pi Yung den berühmten Sung längst dem Namen nach und begrüßte ihn mit ehrlichem Respekt.

Es wurde beschlossen, die neue Freundschaft mit einigen Bechern zu begießen. Pi Yung packte seinen Kram zusammen, und man zog zu einer nahegelegenen Schenke. Aber der Wirt wies sie höflich ab.

»Bedaure, ich darf Euch weder Speisen noch Getränke verabreichen«, erklärte er.

»Warum denn nicht?« fragte Sung.

»Der Herr, mit dem ihr vorhin Händel hattet, hat es mir streng untersagt. Wenn ich seinem Verbot zuwiderhandelte, würde er mir die ganze Bude entzweischlagen lassen. Es ist nämlich unser Ortstyrann. Kein Mensch wagt gegen ihn zu mucken.«

»Na, dann gehen wir in eine andere Schenke«, erklärte Sung und zog mit seinen Begleitern weiter.

Pi Yung verabschiedete sich, um in seine Herberge zurückzukehren. Er wollte Sung später in Kiang tschou aufsuchen. Sung schenkte ihm beim Abschied noch zwanzig Batzen.

In der nächsten Schenke, wo Sung einkehren wollte, wiederholte sich das gleiche wie in der ersten: Auf Befehl des ›Ortstyrannen‹ wurde ihm Speise und Trank verweigert. Und nicht anders erging es ihm in der dritten und vierten Schenke. Auch in den Herbergen, wo er Nachtquartier suchte, wurde er abgewiesen. Obwohl es schon die Stunde der gelben Dämmerung war, blieb nichts anderes übrig, als die ungastliche Ortschaft zu verlassen und auf der Landstraße weiter zu wandern.

Man wanderte und wanderte in die einsame dunkelnde Landschaft hinein und fragte sich vergebens, wo man sich wohl in dieser Nacht zur Ruhe betten würde. Endlich sah man von fern aus dem Dunkel eines Gehölzes ein Licht blinken. Ein schmaler Pfad bog von der Landstraße in Richtung auf das Gehölz ab.

»Dort müssen Menschen hausen«, rief Sung aus. »Kommt, wir wollen hingehen und sie um Aufnahme für die Nacht bitten.«

»Aber die Stätte, wo der Lichtschein herkommt, liegt ziemlich weit vom geraden Weg ab«, gaben die Wächter zu bedenken.

»Hilft nichts. Die zwei, drei Li Wegs, die wir verlieren, holen wir morgen wieder ein.«

Man bog also von der Landstraße ab und folgte dem Seitenpfad zum Gehölz. Hinter dem Gehölz tat sich ein großer Gutshof auf. Man pochte an das verschlossene Tor. Es dauerte nicht lange, da wurde es geöffnet, ein Knecht trat heraus und fragte:

»Wer seid ihr, die ihr mitten in der Nacht anklopft und uns aus dem Schlafe schreckt?«

»Ich bin ein Verbannter und mit meinen Wächtern auf dem Wege zum Sträflingslager von Kiang tschou. Wir haben uns in der Entfernung verrechnet und die Herberge versäumt. Würdet ihr uns gegen angemessenes Quartiergeld freundlichst Unterkunft für die Nacht gewähren?«

»Da muß ich erst den Gutsherrn fragen. Wartet hier ein Weilchen!«

Der Knecht verschwand nach drinnen. Nach einer Weile kam er wieder.

»Der Gutsherr läßt bitten«, sagte er und führte die drei in die strohgedeckte Gasthalle, wo sie der Gutsherr kurz begrüßte. Er gab seinen Leuten Weisung, die Ankömmlinge in der Torkammer unterzubringen und ihnen einen Imbiß zu verabfolgen. Man brachte also die drei zur Torkammer, setzte ihnen eine warme Suppe und etliche Gemüsegerichte vor, räumte, nachdem sie sich gesättigt hatten, das Geschirr wieder ab und ließ sie allein.

»Herr Amtsschreiber, wir sind hier ganz unter uns, Ihr könnt's Euch getrost bequem machen und Euren Holzkragen ablegen«, sagten die Wächter zu Sung.

Er folgte gern ihrer Aufforderung. Bevor man sich schlafen legte, ging man noch einmal austreten. Bei dieser Gelegenheit entdeckte Sung dank dem hellen, klaren Sternenhimmel hinter der Weizentenne einen Feldweg. Er ahnte nicht die Bedeutung, die diese zufällige Entdeckung sehr bald gewinnen würde.

Froh, doch noch ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben, streckte man sich lang. Aber mit dem Schlaf sollte es in dieser Nacht nichts werden. Gerade als man die Augen zutun wollte, wurde man durch störende Geräusche wieder aufgescheucht. Erst war es der alte Gutsherr, der mit drei Knechten noch einen nächtlichen Rundgang unternahm und beim Schein von Fackeln überall nach dem Rechten schaute. Sung, der durch einen Türspalt hinauslugte und den alten Herrn bei der Weizentenne umhertapsen sah, bemerkte lächelnd zu seinen Begleitern:

»Genau wie mein Vater. Der geht auch nicht eher zu Bett, als bis er noch einmal überall in Haus und Hof umhergeleuchtet und geschnüffelt und gewissenhaft sämtliche Schlösser und Riegel nachgeprüft hat …«

Er hatte noch nicht ausgeredet, als draußen vorm Tor ungestümes Rufen und Pochen laut wurde. Die Knechte mit den Fackeln stürzten zum Tor und ließen eine lärmende Rotte von fünf, sechs Burschen ein.

In dem Anführer der mit Heugabeln und Knüppeln bewaffneten Schar, einem langen jungen Menschen mit bloßem Schwert in der Hand, erkannte der durch einen Türritz lugende Sung beim Schein der Fackeln zu seinem Schrecken den Mann wieder, mit dem er am Nachmittag wegen des fahrenden Arzneihändlers in Streit geraten war.

»Wohin so spät in der Nacht, mein Sohn? Wieder einmal Händel gehabt?« hörte er den alten Herrn fragen.

»Ist mein großer Bruder daheim?« gab der junge Mensch zurück.

»Er schläft hinten einen kleinen Rausch aus.«

»Dann will ich zu ihm und ihn wecken. Ich bin hinter jemandem her, da muß er mittun.«

»Er wird um diese Stunde schwerlich dazu aufgelegt sein. Was ist denn vorgefallen? Erzähle!«

»Ach, da ist heute so ein hergelaufener Arzneihändler und Klopffechter in unsere Stadt gekommen und hat sich auf dem Markt zur Schau gestellt, ohne vorher uns zwei Brüdern seine schuldige Reverenz zu erweisen. Ich hatte deswegen unseren Bürgern verboten, dem ungezogenen Kerl etwas abzukaufen oder zu spendieren.

Kommt da irgend so ein landfremder Sträfling mit seinen beiden Wächtern des Wegs daher und spendiert dem Wichtigtuer ungeachtet meines Verbots fünf Batzen. Als ob wir hier fremde Fechtkünstler nötig hätten! Ich wollte dem frechen Burschen die verdiente Züchtigung erteilen, da wurde ich von dem anderen Kerl hinterrücks angefallen und aufs Pflaster gesetzt und sogar mit Fußtritten behandelt, daß mir der Bauch jetzt noch weh tut! Ich habe daraufhin überall in die Schenken und Herbergen unserer Stadt Weisung ergehen lassen, diesen landfremden Strolchen weder Unterkunft noch Verpflegung zu gewähren.

Dann habe ich mir einige Freunde vom Spieltisch geholt und mich mit ihnen auf die Verfolgung der Burschen gemacht. Den Arzneihändler haben wir bereits erwischt und in seiner Herberge gründlich verdroschen. Jetzt baumelt er in der Polizeiwache am Dachbalken. Morgen soll er in den Fluß versenkt werden. Nun sind wir hinter dem anderen Pack, dem Sträfling und seinen beiden Wächtern, her. Sie werden hier irgendwo in der Umgegend umherirren, denn Herbergen gibt es weit und breit nicht. Im Vorbeikommen wollten wir meinen Bruder abholen. Er soll bei der Verfolgung mithelfen.«

»Junge, sei doch nicht so rachsüchtig!« redete der Alte seinem hitzigen Jüngsten zu. »Wenn der Fremde dem Händler von seinen Batzen spendiert, was ficht das dich an? Laß ihn laufen! Er hat dir doch nichts getan. Sei vernünftig, laß deinen Bruder aus dem Spiel und lege dich selbst schlafen! Es geht schon auf Mitternacht. Das ist doch keine Art, um diese späte Stunde draußen umherzutoben, friedliche Leute aus dem Schlaf zu schrecken und Unschuldigen nach dem Leben zu trachten!«

Aber der junge Raufbold hatte die letzten Sätze gar nicht mehr angehört und war bereits fortgestürmt. Sein Vater und die anderen Leute setzten ihm nach.

»Schöne Geschichte!« raunte Sung seinen Gefährten zu. »Da gibt es nur eins: Flucht! Denn wenn uns auch der Alte nicht verraten hat, die Knechte werden schwerlich ihre Zunge hüten. Wollen wir etwa warten, bis die Bande uns hier aufstöbert und umbringt? Also fort!«

Die Wächter waren völlig mit ihm einig, daß keine Zeit zu verlieren sei.

»Aber nicht durchs Tor hinaus! Da könnte man uns bemerken. Wir wollen die Wand unserer Kammer durchbrechen«, bestimmte Sung und machte sich mit seinen Gefährten daran, ein Loch in die Außenwand der Torkammer zu reißen. In Kürze war das Werk getan, und schon war man durch die Öffnung ins Freie geschlüpft. Sung hatte sich gar nicht erst die Zeit genommen, seinen Holzkragen umzulegen. Er schleppte ihn in der Hand mit. Die Wächter trugen den Schnappsack.

Sung erinnerte sich des kleinen Feldwegs, den er vorhin hinter der Weizentenne entdeckt hatte. Dort würden die Flüchtlinge kaum vermutet werden und jedenfalls einen beträchtlichen Vorsprung gewinnen. Dank dem hellen Sternenhimmel war der Feldweg bald gefunden, und nun ging es geflügelten Schrittes vorwärts.