← Zurück zur Startseite

Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2

von Schi Nai'an

Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn

Wenn Sie das Buch lieber in der Hand halten möchten, können Sie es hier erwerben:

Oder laden Sie das Buch kostenlos als E-Book für Ihren E-Reader herunter:

Wie verwende ich eine EPUB-Datei?
Kapitel 2

Einundfünfzigstes Kapitel Menschenfresser

Fünftes Buch
Die Yang Tse Piraten


Einen halben Monat war Sung, seitdem er das Liang schan-Moor hinter sich hatte, mit seinen beiden Wächtern südwärts marschiert, als man sich einem hohen Bergrücken näherte.

»Heil! Die Kiä Yang ling Höhe!« riefen die Wächter erfreut aus. »Noch über diese Höhe hinweg, dann haben wir das Schlimmste überstanden, dann sind wir am Yang tse und können den Rest des Wegs zu Wasser zurücklegen.«

»So wollen wir nur das schöne Wetter nützen und kräftig ausschreiten, damit wir noch vor Abend an den Fluß kommen«, schlug Sung vor.

Nach einem halben Tagesmarsch hatte man die Höhe erreicht. Unweit am Fuße einer steil abfallenden Bergwand winkte aus schattigem Baumgrün die rote Flagge einer Schenke.

»Auf, in die Schenke!« rief Sung erfreut aus. »Die kommt uns gerade gelegen! Nach dem langen Marsch wird uns ein kräftiger Bissen und ein Schluck Wein gut tun.«

Und beflügelten Schrittes strebte man der freundlich winkenden Flagge zu. Man machte sich's drinnen bequem, und Sung bestellte bei dem Wirt drei große Portionen gebratenes Ochsenfleisch und ein Maß Weißwein.

»Die Herren wollen es mir nicht übelnehmen, aber hier in meiner einsamen Bergschenke ist es üblich, daß die Gäste vorher zahlen«, sagte der Wirt, ein langer Kerl mit struppigem, rotem Backenbart und wilden, rot geäderten Tigeraugen.

»Mit Vergnügen!« sagte Sung und langte aus seinem Schnappsack einige Brocken Bruchsilber. Der Wirt stand dicht dabei und suchte verstohlen mit lauernden Blicken den Inhalt des gewichtigen Bündels zu ergründen. Was er da flüchtig gesehen hatte, erfüllte ihn mit heimlicher Genugtuung. Er nahm das Geld und verschwand in die Küche.

Nach einer Weile erschien er wieder, legte drei Paar Eß-Stäbchen aus, setzte drei große gefüllte Teller und drei Becher auf den Tisch und schenkte ein. Hungrig und durstig, wie sie waren, langten die drei zu und ließen sich's schmecken. Sie hatten kaum den ersten Becher geleert, da ward es ihnen auf einmal sonderbar schwer und taumelig im Kopf. Sung sah noch, wie seine Gefährten einander starr anglotzten, wie ihnen Speichelfäden aus den Mundwinkeln troffen und wie sie dann nach rückwärts umsanken.

»He, was soll das heißen? Wie kann man denn von einem kleinen Becher betrunken werden?« rief er ihnen zu und erhob sich, um sie aufzurichten. Aber da hatte es ihn selbst gepackt. In seinem Schädel drehte es sich, vor seinen Augen tanzten Blumen, und bums! war er zu Boden geplumpst. Stocksteif lagen nun alle drei da, starrten sich aus weitgeöffneten Augen an und konnten sich nicht rühren.

»Ei, potz Wetter! Da hat mir ja der Himmel zur rechten Zeit drei schöne Stück Schlachtvieh ins Haus geschickt! Schlecht genug ist das Geschäft die letzten Tage gegangen!« kicherte der Wirt händereibend vor sich hin.

Er packte zuerst Sung und schleifte ihn in das Schlachthaus am Berghang. Dort legte er ihn auf die Schlachtbank. Dann schleifte er die beiden Wächter hinüber. Hierauf machte er sich über Sungs Bündel. Er schleppte es in eine hintere Kammer und kramte seinen Inhalt heraus. Ei, wie das golden und silbern gleißte!

»In den ganzen Jahren, da ich hier Schenkwirt bin, ist mir so ein reicher Sträfling noch nicht zu Gesicht gekommen! Wie kommt der Kerl bloß zu dem Haufen Geld? Na, den hat mir der liebe Himmel gesandt!« dachte er bei sich.

Dann packte er alles wieder in den Sack und schnürte ihn zu. Hierauf trat er vor die Tür der Schenke und hielt Ausschau nach seinen Gesellen, die er heute zu einer Besorgung ausgeschickt hatte. Ohne sie wollte er sich nicht an das Geschäft des Schlachtens machen.

Er hatte eine Weile vergeblich Ausschau gehalten, als er von der Höhe droben drei Männer eilig auf die Schenke zukommen sah. Es waren gute Bekannte aus der Umgegend.

»He, wohin so eilig?« rief er sie an.

»Wir halten seit Tagen auf der Höhe Ausschau nach einem gewissen Jemand, der hier vorüberkommen muß«, erwiderte ihm der größte unter den dreien. »Heute müßte er spätestens eingetroffen sein. Wir verstehen gar nicht den Grund seines langen Ausbleibens.«

»Wer ist der Jemand?«

»Ein wackerer Mann, ein großer Wohltäter und Volksfreund. Du wirst sicher schon seinen berühmten Namen gehört haben: Sung Kung Ming, der Amtsschreiber von Yün tschong hsiän.«

»Ach, wohl der Sung, den die Leute im Busch und an den Seen den Regenspender von Schantung nennen?«

»Eben der.«

»Und warum soll er hier durchkommen?«

»Wir hörten kürzlich von einem Bekannten aus Tsi tschou, er werde dieser Tage aus irgendwelchen Gründen als Sträfling nach Kiang tschou verschickt. Und da dachten wir uns, sein Weg müsse hier vorüberführen. Es ist der einzige Weg, der von Tsi tschou nach Kiang tschou in Frage kommt. Ich wollte ihn eigentlich schon längst in Yün tschong hsiän aufsuchen und seine Bekanntschaft machen. Da trifft es sich sehr gelegen, daß er jetzt selbst zu uns in den Süden herunterkommt. Fünf Tage lang haben wir uns von der Berghöhe aus schon die Augen ausgeguckt, heute hatten wir uns etwas verspätet. Jetzt möchten wir schnell einmal zwischendurch einen Becher bei dir genehmigen. Wie ist denn das Geschäft in letzter Zeit gegangen?«

»Verdammt schlecht, ich kann es nicht verhehlen. Aber zum Glück hat mir gerade heute der Himmel drei schöne Stücke Ware ins Haus gesandt.«

»Ei, ei, was denn für eine Sorte?«

»Einen Sträfling und zwei Wächter.«

»Ist der Mann etwa dunkel im Gesicht, untersetzt von Gestalt und etwas beleibt?« kam die hastige Frage.

»Jawohl! Groß kann man ihn gerade nicht nennen, und mit der dunklen Hautfarbe hat es auch seine Richtigkeit.«

»Du hast doch nicht etwa schon Hand an ihn gelegt?« fragte der andere erschrocken.

»Nein, ich habe ihn eben erst auf die Schlachtbank gebracht und warte noch auf die Rückkehr meiner Gesellen.«

»Führe mich hin! Ich möchte ihn mir ansehen.«

Zu viert begab man sich in das Schlachthaus. Der auf der Schlachtbank liegende untersetzte Mann mit dem dunkelbraunen Gesicht wurde aufmerksam betrachtet, aber woran sollte man erkennen, daß es wirklich Sung, der Regenspender von Schantung, sei? Die Brandmale im Gesicht waren auch nicht mehr leserlich.

»Halt! Es muß doch ein amtliches Begleitschreiben dabei sein, und darin muß doch etwas über Name und Herkunft stehen«, fiel es den Leuten ein. Sungs Bündel wurde herbeigeschafft und durchwühlt. Richtig, da fand sich zwischen einem Haufen Gold und Silber ein Amtsschreiben des Präfekten von Tsi tschou. Die vier steckten ihre Köpfe zusammen und lasen.

»Verflucht!« entfuhr es dem Sprecher der drei Ankömmlinge. »Da hat mich der Himmel ja gerade noch rechtzeitig hergeschickt, um ein schreckliches Unheil zu verhüten. Nun aber rasch ein Wiederbelebungsmittel her!«

Der Wirt sprang in die Küche und schaffte einen Wiederbelebungstrank herbei. Man befreite Sung zunächst von dem Holzkragen, dann richtete man ihn in die Höhe, flößte ihm den Trank ein und trug ihn in die Gasthalle zurück, wo man ihn in den gleichen Stuhl am selben Tisch hob, wo er vorhin gesessen hatte.

Allmählich kam Sung wieder zu sich.

»Ich habe wohl geträumt? Wer seid ihr?« fragte er die drei Fremden, die sich grüßend vor ihm verneigten.

»Ich bin Li Kün aus Lu tschou und lebe als Schiffer und Fährmann auf dem Yang tse Strom«, stellte sich der größte unter ihnen vor. »Wegen meiner Vertrautheit mit den Yang tse Gewässern werde ich hierzulande ›der Schlammflußdrache‹ genannt. Der Wirt dieser Schenke ist ein Schmuggler und Hehler und heißt Li Li, ›der Höllenrichter‹. Meine beiden jungen Kameraden hier, die Brüder Tung Weh und Tung Mong, sind Salzschmuggler und Flußpiraten und unter den Beinamen ›Höhlenmolch‹ und ›Seeschlange‹ bekannt.«

»Und woher habt ihr von mir erfahren?«

»Ein Freund von mir, ein Händler, der kürzlich von einer Geschäftsreise aus Tsi tschou zurückkam, hat mir viel Rühmliches von Euch erzählt und auch erwähnt, daß Ihr dieser Tage aus irgendwelchen Gründen hierher nach Kiang tschou in die Verbannung geschickt würdet. Ich dachte mir, daß Ihr hier vorbeikommen würdet und wollte die Gelegenheit benutzen, um Euch meine Verehrung zu bezeigen und Euch als älteren Bruder zu begrüßen. Nach fünftägigem vergeblichem Warten habe ich Euch vorhin endlich hier in der Schenke von Freund Li Li auffinden und zum Glück noch rechtzeitig vorm Tode bewahren können. Ihr lagt schon drüben auf der Schlachtbank, das amtliche Begleitschreiben in Eurem Bündel gab mir Gewißheit über Eure Person, und so konnte das Unheil verhütet werden. Aber darf ich fragen, weshalb Ihr hierher verschickt worden seid?«

Sung erzählte seine Geschichte, und seine vier Zuhörer kamen aus dem Staunen und Seufzen nicht heraus.

»Wollt Ihr wirklich nach Kiang tschou in das Sträflingslager gehen, wo Euch nur Ungemach erwartet? Bleibt doch hier bei uns!« schlug Höllenrichter vor.

»Wenn ich mich schon trotz inständiger Bitten von meinen Freunden im Liang schan Moor nicht halten ließ, so kann ich erst recht nicht auf Euren Vorschlag eingehen. Die Behörde würde meinen Vater haftbar machen, und ich möchte ihm auf keinen Fall Ungelegenheiten verursachen«, erklärte Sung.

Man gab ihm recht, und der Wirt eilte ins Schlachthaus, um auch den beiden Wächtern den Wiederbelebungstrank einzuflößen. Die beiden guckten sich verwundert an und meinten unter allgemeinem Gelächter, sie hätten nicht gedacht, daß man schon nach einem kleinen Becher so schlapp und stocksteif betrunken werden könne, aber daran müsse wohl die Müdigkeit infolge der Strapazen des langen Fußmarsches Schuld tragen. Der Höllenrichter machte sein bedauerliches Versehen durch gastliche Bewirtung wieder gut, und die Nacht verbrachte man in seiner Schenke.

Am nächsten Morgen ging es dann weiter. Sung bekam sein Bündel unversehrt zurück und legte seinen Holzkragen wieder an. Schlammflußdrache gab Sung mit seinen Gefährten ein Stück Wegs das Geleit bis zu seiner unweit gelegenen Behausung. Dort wurde Verbrüderung gefeiert und längere Rast gemacht. Dann zog Sung mit seinen beiden Wächtern allein weiter.