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Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2

von Schi Nai'an

Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn

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Kapitel 20

Neunundsechzigstes Kapitel Ungleiche Brüder

Nach kurzem Aufenthalt im weißen Drachengott-Tempel bestieg die ganze Gesellschaft die drei Dschunken und segelte unter günstigem Wind zu einer kleinen Bucht in der Nähe des Landgutes Mu. Auf Einladung der Brüder Mu zog alles zu deren Stammgut, wo man von den Strapazen des Tages ausruhte und die glückliche Befreiung des Führers mit einem gewaltigen Festschmaus feierte. Während des Mahls holte man nach, was es alles zu erzählen und zu berichten gab, und sprach noch einmal mit Muße die letzten Geschehnisse durch.

»Wenn uns nicht die wackeren Brüder Tschang und Mu mit ihren drei Dschunken rechtzeitig zu Hilfe gekommen wären, hätten wir dort unten bei dem verflixten Tempel böse in die Klemme geraten können«, äußerte Tschao Kai.

»Wie seid Ihr denn überhaupt dort hingeraten?« fragte der alte Mu kopfschüttelnd.

»Ich habe die anderen nicht hingerufen. Sie sind mir von selbst nachgelaufen«, verteidigte sich der Eiserne Büffel und erregte mit seiner Bemerkung schallende Heiterkeit.

Nachdem sich das Gelächter gelegt hatte, erhob sich Sung zu einer kurzen, feierlichen Ansprache:

»Kameraden. Ohne euren Beistand wären ich und Tai Tsung nicht mehr unter den Lebenden. Kein Meer ist abgründig genug, um den Dank aufzunehmen, den wir euch für eure Befreiungstat schulden. Treue um Treue, das soll bis zum Tode mein Trachten sein! Aber eines erfüllt mich mit Bedauern: daß es uns nicht geglückt ist, den Schuft Huang Wen Ping zu erwischen und in ihm die Wurzel des Übels, den faulen Zahn herauszureißen. Zu wiederholten Malen hat er sein Gift gegen mich und den Kameraden Tai Tsung ausgespritzt. Sein schändliches Treiben schreit nach Vergeltung. Kameraden! Ich frage euch: Seid ihr bereit, mir nochmals einen himmelhohen Dienst zu erweisen? Wollt ihr mit mir einen Schlag gegen die Stadt Wu weh kün wagen, um ein gerechtes Strafgericht an dem Schurken Huang zu vollziehen und mir Genugtuung zu verschaffen? Seid ihr bereit, noch vor der Rückkehr zum Liang schan Moor dieses Werk der Rache zu vollbringen?«

»Hm, ein kecker Handstreich läßt sich nicht gut wiederholen. Unsere Feinde sind gewarnt und werden inzwischen ihre Gegenmaßnahmen getroffen haben«, gab Tschao Kai zu bedenken. »Wir sind an Zahl zu schwach. Wollen wir nicht lieber zunächst zum Liang schan Moor zurückkehren und von dort Verstärkung heranholen und auch Listenstern und Wolkendrache, Pantherschädel und Donnerschlag zu dem Unternehmen hinzuziehen?«

»Nein, das wäre zwecklos«, widersprach Sung. »Bedenkt die weite Entfernung von hier nach Schantung. Bis wir zurück sind, hat der Präfekt längst den Hof unterrichtet und Zeit gewonnen, die Garnisonen seines Bezirks zu alarmieren und zu verstärken. Wir würden auf wohlvorbereiteten Widerstand stoßen. Nein, wir müssen dem Gegner zuvorkommen und überraschend zupacken.«

»Ganz meine Ansicht. Wir müssen sofort handeln«, pflichtete Geisterschütz bei. »Allerdings ist da eine Schwierigkeit. Wir kennen nicht die Straßen und Ortsverhältnisse von Wu weh kün. Man müßte zunächst sorgfältig erkunden, auf welchem Wege wir am besten in die Stadt und zum Anwesen des Huang kommen.«

Pi Yung, der fahrende Arzneihändler und Schaufechter, meldete sich zum Wort: »Schickt mich als Kundschafter! Ich bin hierzulande als fahrender Händler bekannt und weiß in Wu weh kün von früher her Bescheid.«

Er wurde als geeignet befunden, und noch ehe die Sonne sank, schlüpfte er in der harmlosen Aufmachung des fahrenden Arzneihändlers durch das Stadttor von Wu weh kün.

Ein Tag verstrich unter emsigen Beratungen und Waffenrüstungen, dann stellte sich Pi Yung wieder ein. Er erschien in Begleitung eines Fremden.

»Wer ist der Mann?« fragte Sung.

»Der beste Schneider von Wu weh kün, ein wahrer Meister der ›fliegenden Nadel‹ und des ›sausenden Fadens‹, außerdem ein gelehriger Fechtschüler von mir. Er heißt Hou Kiän, die Leute nennen ihn, weil er so dunkelhäutig und mager und so flink und behend ist, den ›Greifarmaffen‹. Er ist zur Zeit als Hausschneider im Hause des Unterpräfekten Huang beschäftigt und kann uns alle gewünschte Auskunft erteilen. Deshalb habe ich ihn mitgebracht. Im übrigen ist er ein Gesinnungsgenosse von uns und völlig vertrauenswürdig.«

»Sehr schön! Nehmt Platz und erzählt! Was gibt es Neues in Kiang tschou? Und wie sieht es in Wu weh kün aus?« erkundigte sich Sung.

»Der Präfekt ist noch ganz vor den Kopf geschlagen über den Vorfall von neulich und hat Eilkuriere mit einem Bericht nach Kai fong fu geschickt. Die Zahl der toten und verletzten Mannschaften und Einwohner soll in die Hunderte gehen. Die ganze Stadt ist noch in hellem Aufruhr über das Vorkommnis. Die Stadttore werden jetzt schon vom frühen Nachmittag ab geschlossengehalten und doppelt streng bewacht. Jede Person, die hinein oder hinaus will, wird peinlich verhört und untersucht. Das Ungemach, das Ihr erdulden mußtet, habt Ihr übrigens weniger dem Präfekten als seinem Ratgeber, dem Halunken Huang, zu verdanken. Huang ist es gewesen, der dem Präfekten immer wieder eingeflüstert hat, daß er so und so gegen Euch vorgehen und das und das gegen Euch unternehmen müsse. Über die Verhältnisse in Wu weh kün wird Euch mein Begleiter Auskunft geben«, berichtete Pi Yung.

»Also legt los, Freund Hou!«

»Ich möchte vorausschicken, daß ich von Haus aus für die edle Waffenkunst begeistert bin und in Pi Yung meinen verehrten und geschätzten Fechtlehrer gefunden habe«, hub Greifarmaffe an. »Als ich gestern auf dem Heimweg vom Hause des Unterpräfekten Huang, bei dem ich diese letzten Tage als Hausschneider zu tun hatte, meinem Freund und Lehrmeister begegnete und beim gemeinsamen Abendessen aus seinem Mund von Euch und Euren Taten erzählen hörte, da hatte ich nur den einen Wunsch, Euch von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen. So bin ich mit Freuden hergekommen und stehe Euch gern mit meiner Auskunft zu Diensten.

Dieser Huang hat noch einen leiblichen Bruder, der das genaue Gegenteil von ihm ist, ein anständiger, edler Charakter, der nur auf das Wohl seiner Mitmenschen bedacht ist, sein Geld für Straßen- und Brückenbau, für Tempel und Klöster, für Arme und Bedrängte opfert, kurz ein großer Wohltäter und Menschenfreund. Die Leute nennen ihn den ›Gelben Buddha‹. Den anderen Huang dagegen, den Unterpräfekten, einen wahren Ausbund von Niedertracht, nennen sie bezeichnenderweise den ›Gelben Wespenstachel‹. Der Familienname Huang schreibt sich ja wie gelb. Beide Brüder leben in getrennten Anwesen, aber in der gleichen Seitenstraße dicht beim nördlichen Stadttor. Das Anwesen des Unterpräfekten geht in die Tiefe und grenzt an den Stadtwall, das des Bruders erstreckt sich seitlich nach der Hauptstraße hin.

Ich möchte Euch nahelegen, daß Ihr bei Eurem Unternehmen die beiden Anwesen auseinanderhaltet und den Bruder des Unterpräfekten schont. Ich war kürzlich Ohrenzeuge, wie er den anderen tadelte, als er sich nach der Rückkehr von Kiang tschou damit brüstete, daß er den Präfekten Tsai davor bewahrt habe, das Opfer eines Betrugs zu werden, und wie er ihn zu Eurer Hinrichtung überredet habe. ›Immer wieder diese üblen Geschichten! Laß doch die Finger von Angelegenheiten, die dich nichts angehen! Was hast du davon, fremden Leuten Schaden zuzufügen? Sieh zu, daß sich der Zorn des Himmels nicht eines Tages gegen dich selber kehrt!‹ so hat er zu ihm gesprochen. Die beiden letzten Tage zeigte sich der Unterpräfekt sichtlich verstört über den Vorfall auf der Richtstätte. Gestern abend ist er dann wieder nach Kiang tschou hinübergefahren, um beim Präfekten zu horchen. Offenbar hat es lange wichtige Beratungen gegeben, denn bis heute vormittag war er noch nicht zurück.«

»Sind die Anwesen der beiden Brüder deutlich erkennbar voneinander getrennt?« forschte Sung.

»Nur durch einen Gemüsegarten, der dazwischen liegt.«

»Wieviel Köpfe zählt der Haushalt des Huang?«

»Etwa fünfzig.«

»Gut. Also Freunde, der Himmel billigt offenbar mein Rachewerk, indem er mir diesen Mann sandte. Nun frage ich nochmals: Wollt ihr mittun? Kann ich mich auf euch verlassen?«

»In den Tod folgen wir Euch! Nieder mit dem Schurken Huang!« scholl es vielstimmig.

»Aber vergeßt nicht: meine Rache gilt nur ihm, nicht seinem Bruder!« mahnte Sung. »Der andere ist ein braver, anständiger Kerl. Ihm dürft ihr nichts zuleide tun! Auch der unschuldigen Bevölkerung der Stadt darf kein Haar gekrümmt werden! Verstanden? Ich möchte nicht als Unmensch in Verruf kommen. Und nun mein Plan. Werdet ihr ihn getreulich befolgen?«

»Wir erwarten Eure Weisung.«

»Also hört! Zuvörderst muß ich Euch, alter Herr Mu, bemühen. Ihr müßt für uns hundert Säcke und hundert Bündel Schilf oder Reisig auftreiben. Außerdem brauchen wir fünf große Dschunken und zwei Barken. Die Führung der fünf Dschunken werden Bluthund, Höhlenmolch und die drei Brüder Yüan übernehmen, die der zwei Barken der Weiße Aal und Schlammflußdrache. Bemannt werden die Fahrzeuge mit allen unseren Leuten, die auf dem Wasser zu Hause sind.«

»An Schilf und Reisig gebricht es hier in der Gegend nicht, die gewünschten Leinensäcke kann ich auch liefern. Und was meine Knechte betrifft, so sind sie sämtlich auf dem Wasser heimisch und als Schiffsbesatzung zu gebrauchen«, erklärte der alte Mu.

»Schön. Dann wird zunächst der Weiße Aal mit seiner Barke als Späher vorausfahren. Er mag die beiden ortskundigen Männer, Pi Yung und Greifarmaffe, sowie Pai Schong als Begleiter mitnehmen. Die drei werden sich in die Stadt einschleichen und uns von drinnen aus beim Übersteigen der Mauer behilflich sein. Morgen nacht um die Stunde der dritten Nachtwache werden wir draußen beim Nordtor einen Schwarm Tauben mit Glöckchen im Gefieder aufsteigen lassen. Wenn die Glöckchen erklingen, soll Pai Schong auf die Stadtmauer klettern und uns durch eine weiße Flagge die Stelle bezeichnen, wo es am nächsten zum Anwesen des Huang ist. Dort werden wir übersteigen. Während wir anderen das Anwesen des Huang angreifen, werden Schi Yung und Tu Kiän als Bettler verkleidet beim Nordtor im Hinterhalt lauern. Sobald sie vom Haus des Huang her Feuerschein wahrnehmen, sollen sie die Torwächter überfallen und niedermachen und das Tor besetzen. Schlammflußdrache wird die beiden mit seiner Barke morgen bei Tage hinübernehmen. Wir anderen kommen mit den fünf Dschunken nach, wenn es dunkel geworden ist. Während wir drinnen in der Stadt unser Werk verrichten, werden der Weiße Aal und Schlammflußdrache auf dem Strom kreuzen und unsere Rückfahrt sichern.«

So lautete Sungs Weisung.