Die Räuber vom Liang Schan Moor. Band 2
Verlag: Droste-Verlag | Übersetzer: Franz Kuhn
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Sechzigstes Kapitel Der Gelbe Wespenstachel
Gegenüber Kiang tschou, am anderen Flußufer, lag in einsamem, wildem Ödland die kleine Stadt Wu weh kün. Dort lebte damals ein vermögender ehemaliger Unterpräfekt namens Huang Wen Ping im Wartestand. Er war zwar fraglos ein Mann von Bildung und Kenntnissen, aber ansonsten ein widerlicher Streber und Kriecher, ein engherziger Neidling und Ränkeschmied, kurz ein ganz unleidlicher Geselle. Im Volksmund führte er den bezeichnenden Spottnamen ›Der Gelbe Wespenstachel‹.
Natürlich verfehlte er nicht, den Präfekten des nahen Kiang tschou als Sohn des derzeitigen Kanzlers gehörig zu ›befeuchten‹ und zu umbuhlen, in der Hoffnung, durch seine Fürsprache einen fetten Posten zu ergattern.
Höhere Fügung wollte es, daß dieser Mensch Sungs Bahn kreuzen und neues Ungemach über ihn heraufbeschwören sollte.
Eines Tages, in einer müßigen Stunde, entschloß er sich wieder einmal zu einem seiner häufigen Besuche bei dem befreundeten Präfekten Tsai und setzte in Begleitung zweier, mit Geschenkschachteln beladener Diener nach dem gegenüberliegenden Kiang tschou über. Aber vor dem Yamen erfuhr er, daß der Präfekt gerade bei einem offiziellen Essen sei. Da wollte er nicht stören und zog wieder ab. Zufällig hatte sein Boot beim Yang tse Turm festgemacht. Es war ein glutheißer Tag, und vom Weg ermüdet, beschloß Huang sich ein wenig in der Kühle des Turms zu verschnaufen. Er stieg also hinauf und überließ sich, an die Altanbrüstung gelehnt, eine Weile dem Genuß der schönen Aussicht.
Und er tauchte den Pinsel in die schwärzliche Masse und schrieb an die weiße Wand …
Nachdem er sich sattgesehen, wandte er sich zum Fortgehen. Dabei fiel sein Blick auf die vielen Inschriften an den weiß getünchten Turmwänden. Er blieb stehen und überflog sie prüfend. Da gab es wohlgefügte Sätze, die Geist verrieten, es gab aber auch manch konfuses Geschreibsel, das ihm spöttisches Lächeln entlockte. Jetzt blieb sein Blick an den noch frisch glänzenden Tuschestrichen eines längeren Poems haften. Er stutzte.
»Das klingt ja nach Umsturz und Rebellion! Wer mag das geschrieben haben?« entfuhr es ihm. »Sung Kiang aus Yün tschong hsiän‹ fand er unten als Unterschrift.
Er las das Ganze noch einmal langsam und aufmerksam durch.
Als Knabe hab ich Kung tse und Historie getrieben,
Als Mann da hab ich mich der Politik verschrieben …
»Hm, reichlich viel scheint sich der Knabe zuzutrauen«, glossierte er spöttisch.
Dem Tiger gleich ich, der in Klüften lauert,
Dem Drachen, der in feuchter Tiefe kauert …
»Na, na, das geht ein bißchen weit, Freundchen!« unterbrach er sich bedenklich mit schief geneigtem Kopf.
O Mißgeschick; Brandmale auf den Wangen,
In Kiang tschou schmachte ich gefangen …
»Aha, ein Sträfling! Aber sehr zuversichtlich klingt das gerade nicht, im Gegenteil recht verzagt.«
Doch nur Geduld! es kommt der Tag der Rache,
Da sich der Yang tse färbt zu blutger Lache!
»Rache? An wem will er sich wohl rächen? Also Aufruhr hat er hier in der Gegend vor! Immerhin, was kann ein armseliger Sträfling schon groß ausrichten?«
Nach Kiang su ward mein Leib verbannt.
Mein Herz, das ist im Schantung-Land.
Und Seglern gleich von Fluß zu Meer
Zieht Raunen und Wispern vor mir her.
»Na, die vier Sätze klingen harmlos. Die könnte man ihm allenfalls nachsehen«, murmelte Huang wieder beruhigt und las weiter:
Geduld! Geduld! Bald kommt die Zeit,
Da ich zum Wolkenflug bereit!
Dann wird die Welt an meiner Tat gewahr,
Daß Huang Tschao bloß ein kleiner Stümper war.
Der Leser sperrte den Mund auf und ließ erschrocken die Zunge herausbaumeln.
»Unerhört! Der Gipfel der Frechheit! Dem großen Rebellen Huang Tschao, der vor zweihundert Jahren den Thron stürzte, will er es gleich tun, nein, er will ihn übertrumpfen! Wenn das nicht offene Rebellion ist, was dann?«
›Sung Kiang aus Yün tschong hsiän‹, las er zum Schluß.
»Also der! Den Namen habe ich schon gehört. Er soll irgendein kleiner Amtsschreiber sein.«
Er rief den Schenken.
»Weißt du etwas von dem Mann, der diese Zeilen an die Wand geschrieben hat?«
»Er war gestern abend hier und hat einen Krug Wein für sich allein getrunken. Dabei hat er sich wohl an der Wand verewigt.«
»Wie sah er denn aus?«
»Untersetzt, beleibt, dunkelhäutig, auf den Wangen zwei Reihen eingebrannter Schriftzeichen, vermutlich einer vom hiesigen Sträflingslager.«
»Gut, danke.«
Huang ließ sich Pinsel, Tusche und Papier geben und schrieb das Poem an der Wand säuberlich ab. Die Abschrift steckte er ein.
»Nicht wegwischen!« schärfte er dem Schenken beim Fortgehen ein.