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Die portugalesische Schlacht

von Ernst Penzoldt

Verlag: R. Piper & Co. | Jahr: 1980

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Kapitel 4

Winckelmann

Johann Joachim Winckelmann wandelte in einer Wolke Staub durch der Sonne ewig singende Stille Italiens. Er war klein und ein wenig beleibt. Er kam vom dunkleren Deutschland, dem umnachteten Land, das hinter ihm jenseits kühl und traurig im Schatten der Berge lag. Winckelmanns Hände waren noch weiß davon und sein großes Gesicht war noch nicht gebräunt. Er hatte über sein kahles Haupt ein Schnupftuch geknotet, der Sonne zu wehren, und trug locker um seine Schulter den grauen seidenen Mantel, daß er ihm Kühlung wehe. Seit er wieder im Heiteren wandelte, entwölkte sich seine Stirne und die Schwermut verließ ihn. »Hier im Hellen,« sprach er zu sich, »hier ist überall Griechenland. Hier gehen die Götter freundlich mit den Vergänglichen um, wie sie zu lieben und heiter sterblich zu sein.«

So sah ihn von ferne der braune Hirte Arcangelo kommen, der Trauben saugend faul an der leuchtenden Straße lag, unweit des Dorfes Eterno. Es spielten auch Kinder dort in der Nähe mit seinen Ziegen. Arcangelo aber streckte die Hand aus, den Nahenden anzubetteln. Da aber sah er, wie sich die Bäume erregten, als der Fremdling vorüberging – denn es spürt ja den Gott und den Weisen jegliche Kreatur – sah, wie die Ziegen verhofften und die Kinder innehielten im Spiel, da sie des Wanderers Mantels Wind und seiner Hände sanfterer Schatten traf. Es trug auch die Straße die leise Erschütterung seiner Schritte hin zu Arcangelo und es behielt der Staub seiner Füße ferne geahntes Angesicht. Winckelmann sah auch den Braunen und wie er betroffen war, da er ihn schaute, und sich langsam und wie erwachend erhob, ihn grüßte und staunte in Ehrfurcht halb und halb in Belustigung. Winckelmann aber vergaß sich und redete in fremder Zunge zu ihm und scheute sich ihn zu beschenken. Der Hirte erschrak vor den fremden atmenden Lauten: Wie weit es noch zur Herberge sei, vernahm: Knabe, und braun, und Sonne, und antwortete nicht. Er stand zerrissen, entblößt vor dem kleineren Winckelmann und gedachte zu fliehen. Denn er verstand ihn nicht, der in freundlichem Deutsch zu ihm redete. Sein Gesicht war bestaubt, daß es kaum erröteten Pfirsichen glich und also Hals, Arme und Hände. Seine Füße hoben sich nicht von der Straße ab, als wüchse er hier, und sein verwirrtes Haar bewegte sich leise und dunkel im Wind. Denn der Abend war nahe. So stand er in Einfalt und lächelte Winckelmann an. Dieser besann sich und fragte auf italienisch, wie der Ort heiße, der nahe dort schon im Schatten des Abends lag; hier wolle er nächtigen, wenn es Eterno sei, der Wagen mit seiner Habe käme bald nach.

»Es ist Eterno, Herr«, erwidert' Arcangelo, »komme getrost mit mir; es wird Nacht«.

Es standen die Männer unter den Türen der Häuser, die Frauen am Brunnen schwiegen und sahen mit offenem Mund dem seltenen Gaste nach. Manche flüsterten auch: Arcangelo, sag wer ist der? Und die Mädchen lachten leise über den Kahlkopf.

Später saß Winckelmann vor der Herberge, lauschend, ob er das Rollen des Wagens vernähme, und Arcangelo diente ihm. Er trug gebratenes Huhn und Tomaten auf und kredenzte den dunklen Wein. Erst schwenkte er damit das Glas und schüttete ein wenig davon auf die Erde. Ein Öllämpchen aus Ton leuchtete Winckelmann. Im Finstern aber standen flüsternd die Dörfler, zuzusehen wie sich der Fremde benahm. Er rief Arcangelo zu sich mit ihm zu speisen und sann über den seltsamen Sinn dieses Namens nach.

»Warum kommst du zu uns, Herr?« fragte endlich Arcangelo.

»Es bildeten einst die Alten,« erwiderte Winckelmann beschaulich trinkend, »aus Marmor weiße Götter und Knaben. Aus rohen Blöcken brachen die Meister schöne Gestalten, schönre als sie, die schön wie du und braun, sich sehnten, weiß und wie die Götter ewig im Weißen zu sein. Ach, es ruhen ihrer so viele noch ringsum in diesem von ihrem Schlafe gesegneten Land, ungesehen von uns und warten aufs Helle und sie verwesen nie. Ich habe mich aufgemacht, die Schlafenden zu erwecken.«

»Was ist denn schön?« fragte aber Arcangelo.

Indem rollte der Wagen vors Haus. Als die Koffer und Kisten voll griechischer Altertümer auf sein Zimmer gebracht waren, bat Winckelmann den Hirten eine zu öffnen. Arcangelo aber schrie und bekreuzte sich, als sie offen lag. Er erschrak vor dem bleichen marmornen Angesicht und dem verstümmelten Leib, den Winckelmann zärtlich aus der Umhüllung hob.

»Es ist nur Stein, fürchte dich nicht vor ihm, Pastorello.«

»Er ist aber wie tot und so kühl. Bist du ein Zauberer?«.

»Nein, ich liebe das Schöne und dieser ist schön. Sieh nur, Arcangelo! Siehst du seine Schönheit denn nicht? Es ruhet im Stein ja still auch dein verwandeltes Blut und es verschweigt nicht dieser ewige Mund mir seine heimliche Sprache. Es geschieht mir in seinem Schatten nie ganz im Dunkeln zu sein. Er leuchtet von innen und es verlangt mich, wie er, einsam, einfältig und weise zu sein.«

»Ach,« sagte Arcangelo, der noch immer erschrocken über die leere Kiste gebückt hin zu dem Bildnis des Gottes sah, »ich bin furchtsam, weil er sich nie bewegt und atemlos immer nur schön ist – denn du sagst, daß er schön sei. Oder sieht nur der Schöne den Schönen und sind deine Hände so weiß, weil sie so viel ausruhen auf diesem stillen künstlichen Angesicht?«

Wirklich berührte Winckelmann den Marmor und seine Hände freuten sich sehr daran. Nun aber wandte er lächelnd zu dem Fragenden sich, zweifelnd, ob ers dem Schönen sage, was mit der Schönheit sei.

»Du Glücklicher,« dachte er, »ahnungslos und so schön zu sein.«

Arcangelo kauerte zu seinen Füßen und sah ihn an, wartend, daß er wieder sage: Hirte, Herberge und braun, Knabe. Winckelmann aber bat, daß er ihn für die Nacht verlasse.

Arcangelo ging. Er legte sich draußen auf die Schwelle vor Winckelmanns Tür und wachte, daß seinem Herrn von der Nacht nichts Böses geschehe.

Als Winckelmann morgens ans Fenster trat, fand er Arcangelo im Hofe stehen, nicht anders als ein Brunnen, der sich zur Erde entläßt. Eine Frau saß am Haus und stillte ihr Kind aus voller Brust. Eine Henne entzog sich dem Hahn und schüttelte sich. Der aber krähte laut in die Sonne. Arcangelo war noch wie gestern bestaubt, daß seine Haut einem Pfirsiche glich. Unter den nächtlichen Augen aber lag ein heliotropfarbener Schein.

Winckelmann fuhr schon lange in einer Wolke Staub. Fern war Eterno und der anmutige Hirt.

»Es sehnt sich,« dozierte er heiter, »wohl zuweilen auch der Unsterbliche, um eines Schönen willen einmal vergänglich zu sein.« Und als er sich wandte, das eben Verlassene noch im Entschwinden zu grüßen, sah er von ferne Arcangelo laufen, sichtlich ihm folgend. Winckelmann erkannte ihn gleich und ließ halten, rief seinen Namen: Arcangelo. Aber der Hirte, der sich entdeckt sah, verbarg sich.

»Warum folgt er von ferne und warum überhaupt folgt er mir nach,« sann Winckelmann, und er schämte sich des heimlichen Einfalls, daß es um Lohn sei.

»Nein, er verbirgt sich vor mir wie ein Liebender.« Winckelmann lachte.

»Sieht er denn nicht, daß ich kahl bin und alt? Nun, es sucht dennoch der Schöne gerne den Weisen auf!«

Der Hirte folgte ihm ungesehen, immer sich wieder verbergend. Er stieg an den Hängen empor und hinab, spähte und duckte sich, wenn Winckelmann von seinen Blicken berührt unruhig den Heimlichen suchte.

»Ihm ist an meiner Nähe genug, mir zu folgen ist ihm genug wie einem Gotte von ferne.«

So träumend reiste Winckelmann und frohlockte ob der olympischen Heiterkeit, die ihn erleuchtete. Der Kaktus blühte und die Feigen neigten sich tief in seinen Wagen herab. Davon zu essen, die süße Frucht, die ihr Erröten in sich verbirgt, war schön.

Am Morgen aber in einer fremden volkreichen Stadt, da die Bläue des Himmels sich mit der Bläue des Meeres berührt, als Winckelmann ausgeruht aus dem Zimmer der Herberge trat, stieß sein Fuß an den schlafenden Hirten Arcangelo, er betrat ihn beinahe. Da der Hirte erwachte, wollte er fliehen. Winckelmann hob ihn auf, es blieb Staub von dem Erwachenden an seinen Händen, wie von einem scheuen flatternden Schmetterling. »Was tust du hier,« fragte finster, als zürne er, Winckelmann, »was liegst du auf der Schwelle zu mir?«

»Daß euch nichts Böses geschehe, Herr, wollt ich hier wachen. Wenn du es aber befiehlst, will ich es nicht mehr tun,« sagte traurig Arcangelo.

»Warum folgst du mir so,« erwiderte sanfter nun Winckelmann.

»Ich weiß es nicht, Herr,« sagte Arcangelo, »nur um deines großen Angesichts und der Worte willen, mit denen du mich besprachst: Irte, Erberge, Knabe und braun. Von dir angesehen zu sein, war genug, deinen Mund, deine Hände, deine Augen zu denken, Herr, ist genug, und deine Stimme ruht freundlich in meinem Ohr.«

Winckelmann wandte sich ab und sah, die Hände starr auf dem Rücken verschränkt, aus dem Fenster. Eine Seeschwalbe schwebte im Blau über den Schiffen wie ein weißes Lächeln vom Himmel. Nun aber kehrte er sich wieder zurück zu Arcangelo, sagte: Hirte und braun und neigte sich zu dem Knienden, daß dem Einfältigen endlich einmal auch etwas Liebes geschehe von eines Weisen Mund.

Winckelmann speiste beim Kardinal. Arcangelo wartete. Er kletterte auf einen Baum und wiegte sich: so sah er von ferne durch die hohen festlichen Fenster des edlen Palastes, wie seinem Herrn Gutes geschah. Er sah nach der Tafel zuweilen Winckelmanns Angesicht, wenn er zwischen den weißen Göttern Griechenlands wandelte. Er sah zu, wie er schrieb, Arcangelo aber konnte nicht schreiben.

Winckelmann wohnte beim Kardinal. Arcangelo war viel bei den Schiffen, half da und dort. Mittags lag er oft faul auf den Stufen zu dem Palaste, saugte Trauben oder er schlief. Er bettelte, daß er nicht hungern müsse, und stahl zuweilen. So wartete er, ob nicht Winckelmann endlich die Stadt verlasse, daß er wie von Eterno dem Herren folge und ihm Liebes von eines Weisen Munde geschehe. Immer wieder sah er von ferne, in einem Baume sich wiegend, Winckelmann unter den weißen Göttern wandeln und es verfinsterte sich seine Seele, wenn Winckelmann pedantisch den Umfang einer weißen Stirne vermaß und seine Hände ein weißes künstliches Angesicht behutsam berührten, eines Schlafenden, der in schwarze Erde gebettet ehemals unsichtbar tief in Dunkelheit ruhte, bis ihn sein Herr erweckte. Denn er liebte das Schöne.

So wiegte der Hirte sich einmal im Baum vor dem weißen Palast und sein Herr schritt die leuchtende Treppe langsam und würdig herab, auszureiten. Ein Diener führte das schöne Pferd, das Winckelmann liebte, nah an die Stufen heran. Sein Herr grüßte artig den Kardinal im Fenster. Dann umschritt er betrachtend den ungeduldigen Hengst, gab ihm Zucker aus seinen flachen Händen und streichelte des Tieres warmen, zuckenden Hals. Er trug einen roten Reitrock. Als er sich dann im Sattel geordnet, grüßte er noch einmal zurück und trabte in einer Wolke Staub aus der lebendigen Stadt in die Stille. Arcangelo folgte. Der braune glänzende Hengst setzte gar zierlich die Hufe. Heiter lächelte Winckelmann rings dem heiteren Land, grüßte die Grillen unter dem Gras und die Tausendfüßler unter den Steinen, der Vögel und der Zweige sanfte Berührungen und alle Dinge und er atmete tief die heiße zitternde Luft. Leise und ruhig sprach er zuweilen zu dem stolzen tänzelnden Pferd, das er liebte.

»Du schönes Tier,« sagte er, »was erschrickst du schon wieder, fürchte dich nicht, sei sanft, es sind friedliche Bäume, sie tun dir nichts zu leide, du schönes Tier.«

Er hieß es traben und galoppieren, daß der Sand sprühte. Da erschrak es wieder plötzlich vor einem gefährlichen Klang oder vor eines alten Ölbaums bösem Gesicht, brach aus dem Wege in das Gestrüpp mit einem großen entsetzten Sprung, ganz von Sinnen und stürzte schwer. Arcangelo, der es von ferne sah, schrie laut auf und lief.

Er fand seinen Herren unversehrt. Aber das Pferd lag und blutete aus einer häßlichen Wunde am Leib. Es vermochte nicht aufzustehen. Es lag und zitterte. Lautlos sah es umher mit großen furchtsamen Augen. Winckelmann wußte, daß er das Tier, das er liebte, töten müsse und rief: »Bleibe du hier, Arcangelo, bis ich mit der Pistole komme.«

»Ja, Herr,« sagte der Hirte. Er setzte sich nahe zu dem großen sterbenden Tier und wartete lange. Einmal kam ein Hund, fürchtete sich und floh. Ein Schaf ging vorüber, schaute blöde und fraß weiter vor sich her. Einige Male noch versuchte das wunde Pferd sich zu erheben. Das braune Fell zuckte und seine Flanken atmeten rasch. Fliegen schwärmten um die schwärzliche Wunde und tranken von dem gerinnenden Blut. Aber Arcangelo wehrte sie ab mit einem Ölzweig. Es fiel ihm ein, wie er seinen Herrn von ferne zwischen den Bäumen reiten gesehen, und wie zierlich das Pferd seine Hufe gesetzt hatte. Er streichelte manchmal den sanften warmen Hals des sterbenden Tieres und verjagte die Fliegen. Es war sehr heiß. Der Geruch des Blutes erfüllte die Schatten des Dickichts und der Himmel verdunkelte sich. Es donnerte schon hinter den Bergen.

Als Winckelmann wiederkam, erkannte das Pferd ihn, das er liebte, und wollte zu ihm. Winckelmann zauderte. »Willst du es nicht tun, Arcangelo?« sagte er zu dem Knaben. Es begann schon zu rauschen von Regen. »Ja, Herr,« sagte Arcangelo und Winckelmann wandte sich ab.

Es geschah.

Die Schafe am Hange erschraken vor dem schreienden Knall und zerstreuten sich. Eine finstere Wolke von Staren erhob sich und sank. Es donnerte und dunkler rauschte der Regen. Winckelmann, der an der Seite des verendeten Tieres kniete, rief den Knaben zu sich unter den seidenen Mantel. »Ja, Herr,« sagte Arcangelo und bückte sich unter das lebendige Zelt.

So saßen sie still und trauerten dicht an der Erde an die schwindende Wärme des toten Pferdes gelehnt im Regen. Nur zuweilen verscheuchte der Hirt die Fliegen, die sich auf die gebrochenen Augen und auf die Wunde des Tieres setzten. Die Herde der Schafe aber stand dicht gedrängt und fürchtete sich. –

Arcangelo wiegte sich stürmischer in den Zweigen und es dünkte ihn schön, wenn auch Winckelmann so unter seinen Händen stürbe. Und an die schwindende Wärme des Toten gelehnt, erschien ihm schön, einsam zu trauern, schön erschien ihm das Sterbliche. Denn er fürchtete sich vor dem ewigen, endlosen Lächeln der weißen Götter. Unfruchtbar, ahnte er dunkel, sei es unsterblich zu sein. Und er wiegte sich stürmischer in dem vertrauten Baum.

Im Palaste ging Winckelmann neben dem Kardinal und sprach von Arcangelo.

»Ich erinnere mich,« sagte er und blieb stehen, »daß er immer bestaubt war, und dennoch rein. Er wußte nicht, daß er schön war, er liebte mich, weil ich als Fremder kam und »Irte« sagte, »Erberge« und »Braun«. Mit meinen geschnittenen Edelsteinen spielte er wie mit Schussern. Aber er hatte die Anmut nur eines braunen, ach ahnungslosen einfältigen Tieres. Diese hier aber sind weiß, weise und kühl.«

Und seine Hand berührte behutsam den Marmor.

In der folgenden Nacht kletterte lautlos Arcangelo zu dem offenen Fenster des Zimmers empor, da Winckelmann schlief und erwürgte ihn. An die schwindende Wärme des Toten geschmiegt trauerte er finster dem Unsterblichen nach.