Die portugalesische Schlacht
Verlag: R. Piper & Co. | Jahr: 1980
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Novelle in Weiß
Der kleine Trommler René Collignon marschierte als letzter der Nachhut der Großen Armee in Rußland. Er hat seine große Bärenmütze längst verloren und trägt eine Haube von Schnee über dem braunen Haar. Denn es schneit seit drei Tagen in großen, freundlichen Flocken langsam, lautlos und schwebend vom Himmel. René Collignon ist sehr müde und seine große bunte Trommel so schwer, daß er fürchtet zurückzubleiben. Die Soldaten vor ihm sind alle wie er beschneit und müde von mühsamer Wanderung. Ein Geruch von Brand ist noch in ihren Kleidern und Haaren. René Collignon ist aber schon ganz von Sinnen und nur noch Marsch, gequälter Rhythmus. Er ist verstummt und beinahe bereit, hinzusinken mit den großen freundlichen Flocken, aufzugehn im Weißen, und er spürt, daß ihm leichter wird. »Gib mir deine Trommel, René Collignon,« hört er neben sich sagen und wird einen Augenblick wach von seinem Namen. Der andere nimmt die große Trommel und tritt hinter ihn. Dann ist es wieder still wie vorher, endlose Wanderung im Weißen. Und immer kommt es noch leise, weiß an weiß, vom Himmel im Weißen versinkend. Sonst ist aber nichts ringsumher, kein Dorf, kein Tier, kein Baum. Da wendet sich plötzlich René Collignon um, daß er ihn sehe, der für ihn seine Trommel trug. Und jener trug sie wirklich noch, obgleich es doch so unsinnig war zu denken, daß man je wieder trommle. Collignon sah den andern an und erkannte ihn freundlich. Doch geriet er dabei ins Taumeln und fiel seitwärts. Als er im Schnee lag, begehrte er nicht mehr aufzustehen. »Schlafen,« so war ihm, »und alles ist wieder gut.« Er sah noch einen Augenblick Unzähliges leise und leicht senkrecht auf sich herabschweben, dann schlossen sich seine Augen, ganz gab er sich hin dem süßen, gefährlichen Schlaf. Nicht gleich nahm es der andere wahr. Schläfrig und stumpf war er wie alle. Nun aber bückte er sich hinab zu dem müden, beschneiten Gesicht und rüttelte Collignon: »Aufstehn, du! He! Wach auf!« rief er. Er griff ihm ins Haar und versuchte ihn hochzureißen. »Collignon,« brüllte er, »vorwärts, oder ich lasse dich liegen. Collignon, die Kosaken kommen! Es ist jetzt nicht Zeit zum sterben!« Aber Collignon mochte nicht. »Schlafen,« sagte er unwillig leise. Schon waren die Soldaten so weit, daß sie im Blicke zergingen. Und dann sah man nur noch rings den ewig fallenden Vorhang sanfter vergänglicher Flocken. Sie schwebten unendlich herab, Weißes zu Weißem. Der also Vereinsamte warf die Trommel von sich und schlug zornig mit dem Riemen den schlafenden Collignon. Schon verschneiten die Spuren, als der Trommler sich regte. Er schrie laut auf, denn die Hiebe brannten auf seinen frierenden Händen. Der andere aber war stark und hob ihn auf statt der Trommel, bereit ihn zu tragen, wenn er nicht gehen wolle. Ein Schluck Branntwein machte Collignon vollends wach. Dann trug ihn der Gefährte auf dem Rücken mit sich, den schwindenden Spuren des Heeres zu folgen. Da aber Collignon merkte, daß es dunkler wurde, erschütterte ihn das Vergängliche und, da er noch ein Knabe fast war, begann er leise zu weinen. Der andere sagte kein Wort. Als er einmal rastete, fragte ihn Collignon, wie er denn heiße. Er nannte sich: Marcel Rossignol. Es hatte zu schneien aufgehört, und als die Ebene blau vom Abend wurde, sagte Collignon, daß er jetzt wieder gehen könne, und nahm sich zusammen. Nach einer Weile aber, da es schon finster war – nur der Schnee leuchtete matt – merkten sie, daß sie die Spur verloren hatten und im Kreise gegangen waren. »Ist das nicht deine Trommel, Collignon,« sagte Marcel und stieß mit seinem Fuß an einen großen Schneepilz. Sie war es. »Nicht weinen jetzt,« brummte Marcel. »Es genügt, daß wir leben, auch fern und ganz verlassen.« »Aber um meinetwillen …« begann Collignon. Marcel setzte sich auf die Trommel. »Was willst du? Wir könnten ebensogut auf dem Marktplatz von Aubigny sitzen, und es hat eben geschneit. Macht es dich furchtsam, daß es nun nicht so ist?« Sie waren ja nun unendlich verlassen in der einsamen Ebene. »Was ist dein Beruf, Collignon?« fragte Marcel. »Dichter,« antwortete schüchtern der Trommler. Er sagte es, obgleich es doch unsinnig war, es jetzt zu denken, hier bei der großen Trommel in Schnee und Nacht, ganz nahe am Tod, und er lächelte. Marcel schrieb ihre Namen groß in den Schnee und teilte sein Brot mit René, ehe sie sich aufmachten weiterzugehen. Sie schwiegen wieder lange. Einmal ragte ein Arm, eine starre Hand aus dem Schnee, wie ein Ast beschneit. Sie sahen es beide und verschwiegen ihre Gedanken. Marcel begehrte nur immer, ein kleines Licht in der Ferne zu sehen oder einen Hund zu hören. Manchmal meinte er wirklich, einen kleinen Schimmer im Hintergrund der Nacht zu schauen, aber es war wohl nur Sehnsucht, die es erschuf, als sei es. Er hörte auch Schlittenglocken und dachte an warme, dampfende Pferde so stark, daß sich das Finstere formte und groß und warm auf ihn zukam. Da packte ihn Collignon. »Ein Pferd!« schrie er. Da raste es schon dunkel vorbei und war wieder Nacht. Später aber begegnete ihnen ein Baum; da war es nicht mehr so einsam. Dort rasteten sie daran gelehnt und wärmten einander. Jeder meinte, der andere schlafe, und wachte mit Mühe. So wachten sie beide.
Als es hell wurde, sahen sie, daß sie nahe bei einem Bauernhof genächtigt hatten. Collignon sah ihn zuerst, und sie gingen hin. Sie klopften an, und ein kleiner Junge im Schafspelz öffnete. Er erschrak nicht vor ihnen, sondern sagte etwas auf russisch, das »Soldat« bedeuten mochte, und ließ sie freundlich ein in die heiße Stube. Es ist wohl seltsam, dem Tode entronnen zu sein, dachte Marcel, und es ist nicht anders, als ob eine Tür geht. So selbstverständlich und gar nicht wunderbar. Sie sahen eine junge Frau in der Stube stehen, eine Schale heißer, dampfender Milch in den Händen. Es gelüstete sie sehr, davon zu trinken. Sie gab ihnen beiden, und sie lachten, da sie sich nicht verstanden. Es war aber keine Feindschaft gegen sie, so elend waren René und Marcel. Vom Ofen kletterte der Bauer herab, und Knechte und Mägde sahen neugierig durch die kleinen Fenster herein. Draußen war Sonne. Marcel trug René, der schon im Sitzen schlief, auf das Ofenbett, und beide schliefen tief bis zum Abend. Als Collignon erwachte, sah er das Gesicht der jungen Frau über sich geneigt. Sie machte sch, sch, wie einem Kinde. Marcel sah es und staunte, ob des hellen Haares der jungen Frau, so blond war sie, fast weiß. Nun trugen auch die beiden Soldaten zottige Schafspelze und halfen den Knechten ein wenig. Sie wohnten auch im Stall mit den Pferden ganz nahe. Abends saß Marcel noch wach auf der Futterkiste und sah heiter zu, wie Collignon schlief.
Am Tage saß die junge Frau in der Stube und ließ geschickt die Spindel tanzen. René Collignon saß bei ihr und las ihr, obgleich sie ja nichts verstand, seine Sonette mit lauter Stimme vor. Er hielt dabei das kleine rote Buch weit von sich und hob begeistert die Hand empor. Die junge Frau lächelte. »Oh,« sagte sie, als er stolz geendet, und bewunderte ihn, weil er lesen konnte. Auch Marcel mußte lächeln, der gerade dazu kam. Dann aßen sie alle zusammen aus einer Schüssel in der engen heißen Stube. Am Nachmittag aber spannte der Bauer den Schlitten an, heimlich die Kosaken zu holen.
Der kleine Franzose Collignon aber hatte ein feuriges Herz. Ach, es war wunderbar, dem Tode entronnen zu sein und zu lieben. Die junge Frau aber lachte ihn aus, als er entzückt und bebend vor ihr niederkniete. Sie stand auf und wärmte die Hände am Ofen, als sei niemand da. René Collignon kniete noch, die Hand auf dem feurigen Herzen mit gesenkter Stirn. So ließ ihn die Frau allein. Ihr kleiner Knabe im Schafspelz öffnete nach einer Weile die Tür und lugte herein, sagte freundlich das Wort, das »Soldat« bedeuten mochte, erschrak aber, da er René knien sah. Da entlief er zu seiner Mutter.
Als René abends so lange nicht in den Stall kam, wurde Marcel unruhig. Er fand die junge Frau in der heißen Stube am Spinnrocken, aber die Spindel tanzte nicht. Sie wußte nicht, wo Collignon geblieben war. Aber der Junge deutete ins Freie. »Ach, Collignon«, sagte Marcel und machte sich auf, den Verliebten zu suchen. Er sah seine taumelnde Spur in den Schnee gebrochen und folgte ihr mit der Laterne tief in die Nacht hinein. Einmal mußte René gestolpert sein, denn der Schnee war zerstört. Immer wieder rief Marcel des Gefährten Namen durch die hohle Hand in die Finsternis. Aber der Wind riß ihn fort. Marcel fand den Törichten im Schnee liegen mit geschlossenen Augen, Rauhreif an Wimpern und Haar. Renés Hände aber waren zerrissen vom Harst. Er begehrte nicht aufzustehen. Schlafen, so war ihm, und alles ist wieder gut. Marcel aber bückte sich zu dem müden bereiften Angesicht und rüttelte Collignon. Aber Collignon mochte nicht. Da teilte Marcel seine Wärme mit ihm und erweckte ihn zum zweiten Male. Er hob ihn auf. Der Wind ruhte, und Flocken schwebten herab auf die beiden, als sie sich ins Unbekannte, Weiße wandten zu neuer mühseliger Wanderung. »Komm, René!« sagte Marcel, und sie gingen.
Da formte sich plötzlich das Finstere, groß und warm kam es von allen Seiten, braune, dampfende Pferde und dunkle, feindliche Reiter mit tödlichen Lanzen. »Marcel, die Kosaken!« schrie Collignon und stellte sich vor den Gefährten. Er hielt das kleine rote Buch der Sonette weit von sich und hob begeistert die Hand. Die Lanze fuhr durch seinen Hals tief in Marcel Rossignols Herz. Sie sahen noch einen Augenblick unzähliges Weißes leise und freundlich auf sich herniederschweben. Dann gaben sie sich ganz hin dem süßen unendlichen Schlaf.