Die portugalesische Schlacht
Verlag: R. Piper & Co. | Jahr: 1980
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Christiane und Vier
Joachim und Hirondel, Adrian und Franz gingen von der Schule nach Hause. Sie lachten alle vier; Joachim aber, der sogar zuweilen stehen blieb, lachte besonders herzlich. Er legte dabei den Kopf zurück und schloß die Augen. Er war, obgleich nicht älter, schon viel größer als die andern und ein wenig schmal. Sein mausgrauer Mantel stob im Frühlingswind, ja seine ganze hagere Gestalt hatte immer etwas Wehendes, so von fallenden Haarsträhnen, bewegten Händen, und wedelnden Schuhbändeln. Hirondel aber, der dunkelste von ihnen, der scheu neben Joachim ging, leuchtete nur in stiller Heiterkeit und blickte von einem zum andern, sein Lächeln an ihrem Lachen neu zu erquicken. Adrian war klein und weiß, seine Stimme war noch hell und besonders beim Lachen voll Melodie. In herber Anmut, wohlerzogen und fein gekleidet, schritt er neben dem rauheren Franz. Dieser, der so nebenbei einen Kiesel, gleich einem Ball vor sich hertrieb, lachte tief und trocken in sich hinein. Und obwohl er schöne, besonders wohlgeformte Zähne hatte, schloß er manchmal mitten im Lachen den Mund, als ob er sich ihrer schäme.
Alle sahen ein lächerliches Ereignis der vergangenen Schulstunden vor sich, eine der seltsamen Begebenheiten, die die Melancholie der Knaben – etwa in einer Mathematikstunde – urplötzlich verwandelt, um jenes erschütternde Gelächter göttlicher Anarchie zu entfesseln, das geeignet erscheint, Lehrer, Schule, Wissenschaft, wenn auch vielleicht nur für Augenblicke, gänzlich in Frage zu stellen. Man lacht, und die Gefahr mag bestehen, daß der verführerische Klang der Harmonie des Chores bei doch so offenbarer Ungleichheit der stimmlichen Einzelleistung in einem der anliegenden Klassenzimmer gehört werden könnte. Und man hört es in der Tat vielleicht während der Religionstunde nebenan etwa, wenn von der Heiligung die Rede ist, hört es befreit mit Neid und Sehnsucht. O, es genügt es zu hören, ohne zu wissen warum, und des frommen wohlmeinenden Lehrers Wort verstummt im Sturm dionysischer Freude.
So diesmal: Professor Stroh, der neue Lehrer für Mathematik, betritt die Klasse und er tut dies auf eine absonderliche, gar verdächtige Weise. Stroh, ein dürrer ältlicher Mensch mit dünnem, peinlich gekräuseltem Bart- und Haupthaar und rosa Gesicht, eine scharfe Brille vor den kleinen ängstlichen Augen, Professor Stroh hat – dies sieht Franz, der in der ersten Reihe sitzt, sofort – die Angewohnheit, ehe er die Klinke der Tür berührt, (und wahrscheinlich jeder Tür, wo es auch sei), seine Hand ruckhaft zurückzuwerfen, geschickt den Ärmel zu erraffen und also über den Ballen zu zerren, daß die Hand beim Schließen der Türe gegen eine unmittelbare Berührung geschützt erscheint. Dazu verbreitet er einen aufdringlichen Karbolgeruch spitalisch um sich her, um so mehr, als er sofort befiehlt, sämtliche Fenster zu schließen. »Frühling ist schädlich!« Dies sind seine Worte und es geschieht. Joachim prüft als erster mißtrauisch die Luft und auch Adrian erregt der Geruch, den er, wie er später finster erklärt, als den Geruch der Zahlen deutet, denn auch er war ein Feind der Mathematik.
Franz aber ist es, der das Rätsel löst. »Bazillenfurcht!« knurrt er nach rechts und nach links und erhebt sich bedeutend.
»Nun mein Freund?« fragt Stroh arglos.
»Mir ist übel,« antwortete der Knabe, »es riecht so.« Er zieht sein Taschentuch und wedelt sich Luft zu.
»Übel?« Stroh, der sich ihm freundlich genähert, weicht zurück. »Gehen Sie, rasch, eilen Sie nach Hause. Ein für allemal: Bresthafte dulde ich nicht in meinem Unterricht. Es können Masern sein, Cholera, Keuchhusten sogar!«
Franz geht. In der Tür aber wirft er die Hand in auffälliger, verdächtiger Weise ruckhaft zurück, faßt den Ärmel, zerrt ihn über den Ballen, und also gegen eine unmittelbare Berührung mit der Klinke geschützt, öffnet er rasch die Türe. Hell klingt zuerst Adrians kindlich melodisches Lachen, Joachim fällt tief ein und die Klasse bricht aus in ihr großes unsterbliches Lachen.
Dies war es, und sie lachten noch und immer noch, und immer wieder von neuem, da sie an den Vorgärten der Villen entlang schlenderten, im zarten Frühling, da der Himmel noch blaß war, das Grüne nur ein Hauch über den Gebüschen, und die Schatten so sanft. »Er sieht die Bazillen krabbeln, er schlägt mit der Fliegenklappe darnach!« rief Joachim und blieb stehen. »Frühling ist schädlich!« Und sie lachten.
Da geschah es, daß Christiane des Weges vorüberkam. Alle sahen sie und wie schön sie war in ihrem stillen schwebenden Gang und ihre Zöpfe hingen schwer herab zu ihren Händen, sahen auch ihr Gesicht und waren angesehen von einem ruhigen, langsamen Blick, der ein wenig dunkel machte vor der Knaben Augen, sahen eine kühle heitere Stirn, sahen den Mund auch, da sie die Augen schon niederschlugen, einen beinah großen, ahnungslosen Mund. Der Knabe Adrian grüßte in seiner raschen, verbindlichen Art, denn er kannte sie von ungefähr. Joachim, der seinen Hut in der Hand trug, verneigte sich sogleich schräg und ungeschickt. Hirondel sah beschämt zur Seite. Franz aber, der noch immer etwas lachte, sah sie an und unterließ den Gruß. Christiane neigte die Stirn stumm, ohne zu lächeln, nur ein Schimmer ging über ihr Angesicht. So schritt sie vorüber.
Joachim wendete den Kopf zurück, ihr nachzusehen und ihrem stolzen aufrechten Gang, und errötete darüber.
»Wie schön sie ist!« sagte er und erschrak.
»Ja,« sagte Hirondel. Er hatte sie schon von weitem kommen sehn, gerade auf sich zu. »Ein Tor nur zu sein,« dachte er, »und sie schreitet hindurch, ein Wald, und sie geht darin.« Denn er dichtete heimlich.
»Wie heißt sie, du kennst sie doch scheint's, Adrian!« fragte Franz.
»Sie heißt Christiane!« sagte Adrian und ratterte mit seinem Lineal einen Zaun entlang.
»Christiane?« wiederholte Joachim, er sang es beinah, und Hirondel schwieg. Da schlug ihm Franz plötzlich entschlossen auf die Schulter. »Du bist's! Fang uns!« rief er und lief schon, die andern in ein für ihr Alter schon zu spätes Spiel fortreißend. Sie stoben davon, ohne daß es Joachim gelang, Hirondel zu fangen, dem er folgte. Da gingen sie also zerstreut heim. Nur Franz, als er ungesehen war, kehrte um, Christiane zu folgen. Aber er fand sie nicht mehr und bummelte pfeifend nach Hause. Er war hungrig von Schule und Wachstum und strich leise durch alle Zimmer, nach Schokolade in mütterlichen Verstecken suchend. Da er nichts fand, wartete er, ins Fenster gelehnt, mißlaunig aufs Mittagessen.
Hirondels Vater handelte mit lebenden Vögeln: mit Kanarienvögeln, Papageien, Elstern, mit Kakadus und Zebrafinken.
Als Hirondel durch den Laden das Haus betrat und immer noch die Stadt und das sanfte Dahinschreiten Christianens darin von der Ferne spürte, fingen die Vögel an fröhlich durcheinander zu rufen, zu zwitschern und zu pfeifen, denn sie kannten ihn alle und er hatte ihnen niemals etwas zu leide getan. Der uralte Rabe, der unverkäuflich war, lachte sogar, wie es schien, und Hirondel steckte ihm durch die Stäbe den Zeigefinger hin, daß er hineinbeiße, aber der Schwarze tat nur so. Hirondel verhielt sich stets etwas zwischen den Käfigen und hörte zu, wie es klang: das Schütteln und scheue Flattern, das Wetzen der harten Schnäbel, der ruhelose Takt von einer Stange zur andern und das Zerbeißen der Körner. Immer blieb ein gelber Flaum an Hirondels Kleidern oder ein wenig Sand, ein paar Spelze. »Hirondel,« sagte der Papagei und es roch warm nach fernen Ländern.
Schon auf der Treppe, einer alten Holztreppe, die tief und voll unter den Schritten dröhnte, dichtete Hirondel. »O Christiane in der Dämmerung« – begann er wieder, als er in seinem Zimmer saß, und schrieb es hastig auf sein Löschblatt, damit es ihm nicht entfliehe. Von Ferne klang der Laden zu ihm herauf. »Schön ist's,« schrieb er dann, »schön ist's, ach, Christiane nachzusehen, wie sie züchtig in den Abend schreitet.« Er sann dem »Schreiten« nach, ob es sich wandle und als Reim ihm begegne. Leidet – schreitet, breitet – schreitet, versucht er. Aber es antwortete ihm nicht. Er durchstrich, was er geschrieben, und den Blick auf seine Hand geneigt, als stünde es hier, ließ er die Worte wandern und sich begegnen. Wie scheu sie sind, sie kennen einander nicht, dachte er, für einen Augenblick erwachend, und wartete, daß sie sich beruhigten und gewöhnten. Dann schrieb er:
An Christiane.
Schön ist's, mit Christianen, ach, zu gehen,
da sie züchtig durch die Dämmrung schreitet,
wie auf einer gold'nen Kugel gleitet
sie dahin in sanfter Harmonie.
Schön ist's dann sie manchmal anzusehen,
zu erröten leise, ach, wie sie!
Er schrieb es quer durch ein Papier, das mit allerlei Zahlen bedeckt war, fruchtlosen Bemühungen, jene Aufgabe zu lösen: wenn ein Radfahrer um 6 Uhr 15 den Ort Y. verläßt … Hirondels Gesicht war gerötet und er las sein Gedicht dankbar, fast ehrfürchtig. Es war, wie wenn man geweint hat, danach, wenn die Heiterkeit des Schmerzes schon zu dämmern beginnt und die Mutter kommt mit der Lampe und rührt nicht mehr daran. Nachmittags aber bewegte ihn immer wieder Christianens Schreiten und wie er ihr wohl wieder begegne. Adrian fragen? und dabei erröten, und er wüßte alles, alles? Was alles? wandte er ein. Er legte sein Kinn auf die Arme und starrte in den schwarzen Blick seines Tintenfasses. »Christiane,« sagte er leise, und, als könne er sich aussenden und Christiane vernähme ihn über Gärten und Dächer, durch Menschen und Mauern und horche auf über einem Buche, bat er immer wieder, sie möge ihm begegnen. Und er ward gläubig, sein Wunsch entschwebe seinem Munde, schwärme aus und lasse sich endlich sanft von ferne auf ihren Scheitel nieder, sickere und wandele sich in Christianens schöner Seele zu freundlichem Begehr: »Ein wenig zu spazieren«. Sie steht auf, dachte Hirondel inbrünstig – geht zur Tür – langsam herab auf die Straße, wie auf einer goldenen Kugel gleitet sie dahin. Und Hirondel machte sich auf, ihr also zu begegnen.
Es waren viele Menschen unterwegs und Hirondel, des Wandels der Schönen gegenwärtig, ja bemüht, es ihm nachzutun, befragte mit schüchternen Blicken alle Gestalten, aber es antwortete ihm nicht, reimte sich nicht damit.
»Du bist es nicht und du auch nicht,« sagte er und ward erregt durch den Gedanken, alle sähen ihm an, daß er Christiane suche. Und wenn ich ihr nun doch begegne? Sie anrede? Hirondel ging langsamer und war drauf und dran, alles – was alles? dachte er wieder – aufzugeben. O, er wird es einfach nicht tun, nur sie grüßen, von ferne, ganz von ferne, so, als verwechsele er sie. Wenn er ihr nun schon ganz nahe war und hat sie übersehen? In diesem Augenblick sah er sie wandeln. Sie war es. Sie trug einen rehbraunen Mantel, ein wenig anders als am Vormittag, und eine ziegelrote Mütze. Ihr Gesicht sah er nicht, wußte es ja kaum, und sie ging weit voraus, dazwischen waren viele fremde Menschen. Aber niemand ging einen so aufrechten Gang und Hirondel folgte dankbar.
»Christiane,« sagte er wieder, scheu bedacht, daß seine Blicke auch behutsam seien, daß sie nicht – davon betroffen – sich wende und ihn erkenne, der so heimlich ihr nachstellte. Da er sie aber kaum und nur von Weitem sah, die nur Mantel und Mütze fast und nicht eigentlich mehr Christiane war, merkte er doch gleich, wie sein Herz hüpfte, gleichsam vorauseilte, und daß er, wie lächerlich es auch war, schluckte, als habe sich Christiane einem mystisch-metaphysischen Gesetze gehorchend in Speise verwandelt. Der Schönen folgend, ersann Hirondel wunderbare Gelegenheiten, ihr nahe zu sein, derart, daß etwa ein Betrunkener sich gegen Christiane unziemlich benehme. Hirondel würde ihr beispringen, sie von dem Zudringlichen befreien. Dies ist nicht leicht, denn jener ist ein gefährlicher Gegner, groß und roh. Er schlägt um sich und verwundet den ritterlichen Hirondel. Dieser, er selbst also, blutet an der Stirne, dennoch bringt er den Schurken zu Fall. Christiane, die bleich ist, führt er in einen Hausgang, daß sie sich erhole. Aber sie lächelt schon wieder und sagt: »Wie danke ich Ihnen, mein Herr! O, Sie sind verletzt, und um meinetwillen?« Sie bietet ihm ihr feines weißes Taschentuch an, fragt, wie er heiße. Hirondel verschwiege es gern, denn er schämt sich immer seines seltsamen Namens. Oder: Christiane geht am Flusse, will eine frühe Blume pflücken, fällt ins Wasser. Hirondel, der zufällig – nein, sie soll nicht ins Wasser fallen und naß werden.
Indessen geht Christiane vor ihm her und niemand belästigt sie. Kein Fluß ist weit und breit, keine Blume. Nein, er wird ihr einen Vogel schicken aus seines Vaters Kabinett, einen Papagei, einen, der Christiane sagt, und vielleicht Hirondel. Sie ahnt nicht, von wem der schöne Vogel kommt, aber sie besucht den Laden, das einzige Unternehmen dieser Art, Futter zu kaufen. Sie ist entzückt und ihre Stimme klingt seltsam zu dem Pfeifen und Zwitschern. Sie war noch nie in einem solchen Laden. Der Rabe zupft ihr ein Haar aus den Zöpfen, sie lacht nur, aber Hirondel schimpft das Tier, nimmt ihm den zarten Raub und wird ihn fortan unter dem Uhrendeckel tragen. Aber da hört er seinen Vater reden: »Echte Harzer Ware, die Dame, prima Qualität.« Und das Bild verschließt sich beschämt. Inzwischen war Hirondel schon nahe an Christiane herangekommen, da bog sie in eine Gasse und verschwand in einem Hause.
»Hier also wohnst du,« dachte der Verliebte und berührte die Klinke, die sie eben gehalten. Er las auch die Namen der Hausbewohner. Kurz, Offiziant; Mitius, Notar; Seidenpfühler, Arzt.
Ach Hirondel, suche nicht diese Namen mit Christiane zu verbinden, betrübe dich nicht, da sie so fremd und beinahe lächerlich sind. Christiane wohnt nicht hier, sie war es nicht, der du folgtest. Geh in den Park zum See, dort ist sie und füttert Schwäne. Spute dich! Hirondel aber, glücklich trotz der Namen – er entschied sich für Mitius, weil er wenigstens fremdartig klang, – streunte noch lange in der beginnenden Dämmerung, ehe er sich nach Hause wandte.
»Nun kann mir nichts Böses geschehen,« dachte er. »Hier ging sie und die Luft regt sich noch, von ihrem Wandel berührt.«
Noch im Traum ging er hinter ihr her, die Christiane nicht war.
Während so um Hirondel geschah, saß Joachim in seinem Zimmer, ernstlich bedacht, Christianens Bild zu zeichnen. Er hatte einen großen weißen Bogen vor sich aufgespannt, und während er noch den Bleistift spitzte, sah er hinüber in das Weiße, als sei dort schon das Antlitz, als Widerschein ihres Gesichtes in ihm. Und auch, wenn er die Augen schloß, sich zu entsinnen, sah er es in der roten Dämmerung der gefalteten Lider gleichsam aufblühen und wieder zerfließen. »Wie schön!« sagte er und begann es zu zeichnen mit blassen herben Linien. So ist die Stirn! Er spürte sie förmlich und spannte die eigene glatt zurück unters Haar, wie ihm dann sei: Gewölbt wie unter einer Hand! Es war nicht schwierig, nun das Haar zu umreißen, wie es sich schied und in mildem Bogen die Schläfen berührend schwer herabhing zu den Händen. Joachim zog seine Brauen ein wenig hoch, wie er es an Christiane gesehen, da sie vorüberging, und er hielt den Stift ganz scheu, als er anhub sie einzuzeichnen. Es tat wohl in seinen Händen, als es geschah. Nun aber hatte er Angst vor den Augen, denn darauf kam alles an. Kaum sichtbar merkte er an, wo sie sein sollten, umfuhr die Wangen, radierte ein wenig, als er die Nasenflügel zu breit nahm, begnügte sich aber dann, denn es hob den Ausdruck: so, als lausche sie dem fernen Duft einer Blume nach. Unter der Nase lag der Mund, und Joachim war einen Augenblick versucht, nur den Mund, Hügel und Tal einer Landschaft gleich, groß über den ganzen Bogen zu zeichnen, sanfte Schatten in der Tiefe, ruhende Herden an seinen Hängen, ihn selber schlafend im Tal. Als er fertig war bis auf die Augen, besann er sich, daß sie groß und braun waren, und ein matter Glanz auf den dunklen Lidern spiegelte.
So zeichnete er, bis die Dämmerung über ihn kam (da Hirondel noch in den Straßen ging), prüfte das Ganze und küßte die weiße Stirn des Bildes seiner Hände.
Franz aber litt es, gleich Hirondel, nicht zu Hause. Doch suchte er nicht Christiane, lief nur so durch den Park sich selber davon. Denn ihn, den Rauhen, würde Christiane ja doch nie lieben, und es dünkte ihn schön, könnte er sich verwandeln, ein anderer sein, und Christiane liebe ihn dann. Joachim, den würde sie wohl lieben um seiner Heiterkeit willen und seines Angesichts. Alle sind sie schön, knurrte er finster, der unbekümmerte Joachim vor allem und der poetische Hirondel, ja Adrian auch, obgleich er so weiß ist und nie sich seiner schämt.
Da er so grollend im Parke und an den freundlichen Weihern entlang stapfte, sah er Christiane stehen, wie sie die Schwäne fütterte, und da er innehielt, zweifelnd, wohin er sich wenden solle, damit sie ihn nicht sähe, sah sie ihn schon und er grüßte sie zornig.
Sie neigte die Stirn kaum und arglos, nur ein höflicher Schein flog über ihr Antlitz.
Franz aber ging grimmig weiter, fürchtend, sie könne dennoch ihm nachsehen und seine Schritte wurden steif und zähe. Das war doch zu ärgerlich!
Endlich wagte er sich umzusehen. Eine Weide neigte sich dort weit über den Weiher sich darin zu spiegeln und Franz lehnte sich über den Stamm, also geschützt durch das Gitter der Zweige, gleichsam verhängt, noch einmal Christiane zu schauen. Es stand die Schöne noch immer am Ufer. Die Schwäne glitten vor ihr auf und ab und bogen eitel die Hälse.
Während er so nach ihr spähte, die ganz der Anmut verwoben schien, spürte Franz sein Bild im Wasser, wie es ihn nachmachte, und sah sich an. Er war durchsichtig. Kleine Fische schwammen in seinem flüssigen Haar und durch sein leise bewegtes, blasseres Gesicht. Ein wenig neigte er sich noch herab, ihm näher zu kommen. Denn es war seltsam und verfänglich, sich so zu sehen und es doch nicht zu sein.
»Scheußlich,« sagte er plötzlich, spuckte mitten hinein und ging seiner Wege.
Adrian indessen ahnte listig, was den Freunden geschah, da ihnen Christiane begegnete. Darüber lächelnd betrat er sein Elternhaus durch den Laden, einen seltsamen Laden, den Laden der künstlichen Blumen. Da war Goldregen, fertig und unwandelbar, während er draußen erst zaghaft begann, die Blüten aus gelber Seide. Rosen, die nie welkten in gelblichem Wachs, aber sie dufteten nicht. Astern daneben aus Seidenpapier, Geranien aus Samt, die zu rot waren und zu deutlich. Die Luft war trocken und roch nach Staub, kein Wasser in den Vasen und die Früchte, die auf prunkvollen Schalen ruhten, ungenießbar. Auch einen Springbrunnen gab es, aber das Wasser im Becken war Spiegelglas, der Strahl Lametta.
Es war Mittag und still im Laden. Adrian berührte die Aprikosenblüten, wie wirkliche. Sie raschelten papieren. Da sah sich der Knabe in dem Spiegel wieder, der den künstlichen Garten verdoppelte, sah sich empfindlich weiß wie Marmor mit dem rötlichen Haar, gleich einem andern, der sich ihm nahe, kühl und schön inmitten der Summe der Jahreszeiten, einem fälschlichen Frühling, geschminktem Sommer, unzugänglichem Herbste. Und der Schnee schmolz nie auf den giftgrünen Tannenzweigen.
»Ich bin schöner als du, Christiane, und immer bei mir,« dachte er zärtlich, und ging, lächelnd über einen betrogenen Schmetterling, der sich hierher verirrt, langsam seinem Bilde entgegen. Dann stieg er, mitten auf dem roten Plüschteppich gehend, unhörbar die breite weiße Treppe hinauf in sein Zimmer. Er mußte lachen, da ihm einfiel, daß Hirondel, als er noch klein war und zu ihm in den Laden kam, sich fürchtete vor seinen Blumen. Und auch Joachim wurde immer traurig davon.
Als Hirondel abends eben sich anschickte, zu Bette zu gehen, erschrak er bei dem Gedanken, daß er außer dem stillen Schreiten in der Erinnerung nichts besaß, das Christiane war oder von ihr, und daß er ihr so, nun es Nacht wurde, nichts Freundliches tun könne, und sei es nur einem Ding, einer Locke oder einer Blume aus ihren Händen. Oder einem Tier, frohlockte er und schlich sich hinab in den Laden.
Es war nie ganz still darin, und da er, die Kerze mit der Hand schützend, daß sie die Tiere nicht wecke, als sei schon Tag, leise in den Gassen zwischen den Vogelhäusern umherging, flatterte es immer irgendwo und auf einmal kam ein Guru, wie im Schlafe gesagt, von den Tauben her. Hirondels Schatten ging durch alle Käfige und Gitter, sich bückend und knickend, rasch um eine Ecke huschend, über die schlafenden Vögel hin. Und auf einmal blieb er und Hirondel stehen. Dort saß steif und edel in seinem hohen Bauer, gerade in dessen Mitte auf der Spitze des dürren Astes, der sein Baum war, ein schlanker brauner Turmfalke. Er war noch wach und sah Hirondel ernsthaft an, ohne sich zu regen.
»Du sollst es sein, komm,« sagte Hirondel und nahm den Käfig herab, während der Falke ein wenig die Flügel öffnete, sich im Sitze zu halten. Guru machte die Taube wieder im Schlaf und ein Kanarienvogel plusterte sich. Die Kerze in der einen Hand, den Käfig in der andern, ging er wieder vorsichtig, daß sie ihn nicht verrate, die alte Stiege hinauf, nun zu ruhen. Dies tat er alles um Christianens willen. Da er lange wach im Dunkel lag, war es schön zu denken, daß nahe der schlanke, braune Falke, der Christiane war, steil und edel, lautlos in seinem Käfig saß, unbewegt ins Finstere schauend. Davon träumte Hirondel auch und daß der Falke, da alles so dunkel und auch die Stäbe des Käfigs nur noch Nacht waren, durch sie entflog. Alle Menschen in den Straßen machten sich auf, ihn zu fangen. Sie waren alle so dunkel angetan, daß es klar war, sie hatten sich nur so gestellt, als seien sie Nacht, den Falken zu betrügen, und jetzt wurden sie einzeln und es war hell zwischen ihnen. Hundert Arme griffen nach dem geängstigten Vogel, der zwischen ihnen flatterte, als zwischen schwarzen stürmischen Bäumen, einem entlaubten Wald. Ihn zu retten, griff Hirondel ihn, der sich reckte und stemmte zu entrinnen, mit beiden zitternden Händen, und barg ihn, daß niemand ihn sähe, in seinem Schoß. Der Falke blutete aus seiner Stirn und hielt ganz still. Warm floß das Blut über Hirondels Hände.
»Du bist verwundet und um meinetwillen,« sagte Hirondel traurig und erwachte müd.
Da Hirondel zur Schule ging, wartete Joachim an einer Straßenkreuzung auf ihn. Er hatte seine Schulmappe locker unter dem Arm, daß sie ihm beinahe entglitt und lehnte, das eine Bein über das andere geschlagen, flatternd an einem Laternenpfahl.
»Du,« rief er schon von weitem, »ich habe wieder was Neues gemacht.« Denn er und Hirondel zeigten einander immer, was sie gedichtet und gezeichnet.
»Sieh, das ist hübsch,« sagte Hirondel, als er Christianens Bildnis betrachtete, »wer ist es denn?«
Joachim mußte lachen. »Aber Hirondel, das ist doch das Mädchen von gestern!«
»Christiane,« sagte Hirondel und erschrak. »Wirklich? Sieht sie denn so aus?«
»Ach,« meinte Joachim und rollte Christianen ein, »und ich fand es doch so ähnlich!«
Sie schwiegen daher bis zur Schule. Unter dem Tor aber schob Hirondel versteckt einen Zettel in des Freundes Hand. »Da,« flüsterte er und rannte die Stiege voraus. Joachim las: »Schön ist's mit Christiane, ach, zu gehen …«
»Schau, schau,« sagte er laut und ging Hirondel nach. Als er zu seinem Platze schob, flüsterte er dem Errötenden zu: »Das mit der goldenen Kugel ist fein!« Und das freute Hirondel.
Es ist nicht schön, liebend an Christiane zu denken und dabei im Schulzimmer zu sitzen in der beständigen Gefahr, aufgerufen werden zu können, ja es ist ohne Würde, ihres reinen Bildes gegenwärtig schändlichen Tadel über sich ergehen lassen zu müssen, wie es Hirondel heute geschah. Sich vorzustellen, Christiane sähe ihn so, alles wäre vorbei. Häßlich waren auch Adrians laute Worte im Schulhof – jeder konnte es hören –: »Christiane ist doch ein strammer Besen!« Das war gemein von ihm, trotz des hellen, melodischen Lachens des Knaben. Und dann: Sie ist eine Ziege, knurrte Franz, bemüht, Joachim ähnlich zu sehen, die nur ihm eigene Art nachzuahmen, seine schmalen Hände zu bewegen, daß sie selbständigen Wesen glichen, seinen Kopf zurückzuwerfen, daß die Haare scheuten, täglich neue Dinge zu sagen, wie jener. Was tut er nur, daß man ihn mag, trotzdem er immer so flattert? dachte Franz und bewunderte Joachim.
»Du,« flüsterte diesem Hirondel zu, »ich kann mir wohl vorstellen, wie Christiane spricht, sicher hat sie eine dunkle, ruhige Stimme, aber wie sie ißt, daß sie es überhaupt tut, weißt du, Kartoffeln oder gar Kraut, das ist bei ihr einfach nicht auszudenken.«
»Ja,« sagte Joachim ernsthaft: »Christiane, zahnwehhabend zum Beispiel …« Hirondel sann finster nach. Natürlich, sie konnte ja wirklich nicht immer wie auf einer goldenen Kugel durch die Straßen gleiten. Und da kam ihm die Vorstellung: wenn Christiane jetzt in diesem Augenblick in den Schulhof träte unter die Knaben? Es jagten da einander die Kleinen, ruhiger wandelten die Großen oder standen würdig an den Bäumen. Hier ein Trubel und Zusammenstoß, dort abseits ein Einsamer oder der von all dem unbeirrte Gleichschritt zweier Freunde. Zwei ganz kleine verbeugten sich tief vor dem Rektor, der nach dem Rechten sah. Dies alles schien Fixsternen, Planetenbahnen, Kometen, kleinen Sonnensystemen vergleichbar samt ihrer Sphären vielstimmigem Einklang, der weithin hörbaren Melodie des Schulhofes.
Hier nun Christianens stille, fremde Erscheinung schwebend sich zu denken, den dunklen Blick geradeaus, ihre kühle, heitere Stirn, und ihre Zöpfe hängen schwer herab zu ihren ruhigen Händen. So sah sie Hirondel beglückt. Und da nun also der Schönen Geist hierher beschworen war, der ahnungslos geliebten, daß die ihrer Anmut gegenwärtigen und dafür allzeit empfänglichen Knabenseelen ihre Nähe wahrnahmen, gedachte ihrer auch Joachim und träumte von einer Landschaft, ihr ähnlich, dunkle Weiher die Augen, Wangen und Mund liebliche Hügel und Täler, überwölbt von dem blassen Himmel der Stirn, kein Angesicht aber dennoch Christiane ganz und sein. Wild und bedenklich waren Franzens Gedanken, der der Wonne nachsann, ihr unangenehm zu sein, der Lust, sie anzuwidern. Zornig lachend bückte er Adrians Nacken und sprang im Grätschsprung über ihn weg. »Ach ja«, rief Joachim und setzte ihm nach. Auch Hirondel folgte.
Lächelnd verließ sie so der Geist der Anmut Christianens.
Es war Sommer also und der Fluß, der nämliche, aus dessen Fluten Hirondel die blumenpflückende Christiane beinahe gerettet hätte, wenn …, floß warm zwischen den Wiesen und Kornfeldern, die seiden glänzten und fluteten, so oft der Wind darüber hinlief. Auch die Knaben, da sie zum Baden gingen, hielten die Hände hinein, daß die Ähren sich neigten und sich sanft entzogen, »das Haar der Erde«, dazwischen Mohn und Zyanen blühten. Eine Blume Christiane zu nennen, wie Margeriten oder Narzissen, darüber sann Hirondel, während Joachim den Kopf schräg geneigt und blinzelnd, die Farben des Sommers genoß. »Es ist violett dabei und blond,« sagte er zu dem Korn. Hirondel horchte. Denn jedes Feld hatte fast seine eigene Melodie. Fein klingelte der Hafer, rauher rauschte der Weizen. An einer Biegung des Flusses, wo ein kleiner Strand angeschwemmt war, da wollten sie baden und Franz begann noch im Gehen die Krawatte zu lösen, daß er der erste im Wasser sei. Ein wenig hinter ihm, zufrieden schön zu sein, in einer lockeren Zephirbluse, darin sich der Wind fing, und blauen, weiten Hosen ging Adrian und hielt manchmal seine weiße Hand gegen die Sonne, daß sie erglühte bis auf die dunkleren Schatten der Knöchelchen. Er wurde auch nie braun wie die anderen, namentlich Franz, sondern stand, als er sich abseits sorgsam entkleidet, weiß und absonderlich zwischen den anderen.
Da sie nun nackend waren und gleichsam verwandelt anders gingen, ganz erleichtert und sofort viel heiterer und gedankenlos, nur etwas fremd mit den Händen, für die es keine Taschen mehr gab oder Bücher, die sie beschäftigten, bückten sie sich zum Wasser und hoben auf davon, wie warm es sei. Franz natürlich stand schon naß und glänzend, dadurch noch brauner mitten im Flusse und empfing die anderen mit Wassergüssen. Die Schlacht begann. Schreien und Lachen, Aufrauschen. Fontänen von einem zum anderen, Brücken aus Tropfen und Überschüttetsein und flüchtige Regenbogen, Untertauchen, bis alle ganz zum Wasser gehörten. Ruhiger schwammen sie dann im Tiefen, da es grün und kühl von unten kam. Weiß, fast silbern, sah Adrian aus, der sich treiben ließ, seine Locken schleppten nach. Franz schwamm gegen den Strom, obgleich ihn die Sonne blendete und sein Gesicht verzerrte. Aber zwischen den nassen Lippen leuchteten seine Zähne. Auch Hirondel versuchte es gegen den Strom, glitt aber bald ermüdet, sozusagen in Joachims Kielwasser flußabwärts. Dann aber, Franz ob seines Braunseins und seiner Muskeln bewundernd, standen und lagen sie am Strand umher, mit Sand und Steinen spielend oder turnend. Adrian aber schützte seine Haut durch ein großes, sanft bewegtes Badetuch und Franz ließ Steine flach über die Wellen zum anderen Ufer springen. Als sich aber die Frage erhob, ob sie nochmals ins Wasser wollten – Adrian verneinte es – und als sie noch unschlüssig in der Sonne standen mit jener leisen Trauer vor dem sich Anziehenmüssen, kam unweit, flußaufwärts zwischen den heißen Kornfeldern Christiane gegangen. Sie war schon ganz nahe, ehe die Knaben aufsahen, von ihrer Nähe berührt, wie von einem leisen Windhauch. Joachim, der es zuerst spürte und den Kopf nach ihr über die Schulter wandte, verschwieg sie. In seiner Nacktheit hob er ein wenig die Hand. Da sah auch Hirondel sie und meinte ganz zu erröten, trat mit gesenktem Blick in Joachims blassen Schatten, davon bekleidet zu sein. Nur Franz, gebräunt, der Überlegenheit seiner Nacktheit plötzlich heiter bewußt, sandte ihr, rasch sich zum Wasser neigend, da sie schon vorüber war, einen Spritzer nach. Aber die Tropfen regneten weit hinter ihr, ohne sie zu benetzen, ins Gras. Christiane hatte kaum den Kopf geneigt, als hätte sie den Guss über sich kommen hören. Keiner aber sah ihr Lächeln. Joachim sogar begehrte es fast nicht mehr. »Das soll Christiane sein«, wiederholte er für sich Hirondels Worte von damals, als er sie eben wiedersah. Nein, sie glich seinen Bildern nicht mehr, darauf er sie liebte.
»Du, das war Christiane«, sagte Adrian, der sich in seinem Bademantel ganz wie in Kleidern vor ihr verneigt hatte.
»Ach, wirklich war sie das?«, sagte Hirondel und trat aus dem Schatten, der leicht an ihm herab zu Boden glitt.
Erst jetzt sah er Christiane nach, da sie zwischen geneigten Ähren ferner und ferner wurde, still dahin – still dahin – ach nicht schreitend, nicht wandelnd, ja wie auf einem Flusse stehend und von ihm gefahren. Immer kleiner wurde Christiane, immer unsichtbarer und dann entschwand sie ganz. Nur die heiße Luft zitterte noch am Saum der goldenen Felder.
Als Hirondels Blick wieder in die Nähe zurückkehrte, als er noch der Vorstellung nachsann, nun auch klein und immer kleiner geworden zu sein durch die Ferne wie eben Christiane und plötzlich verschwunden und nicht mehr da zu sein, sah er Franz und Joachim im Wasser mit einander ringen, bemüht, sich gegenseitig unterzutauchen, Adrian hatte den Mantel fallen lassen und rauchte eine Zigarette. Dabei sah er einer Libelle zu, die über dem Ufer stand, mit großen Augen schillernd den seinen ähnlich. Plötzlich rückte sie ein wenig vor, stand nochmals im Fluge still und glitt dann klirrend über das Wasser davon. Hirondel fiel es auf, wie nackt eigentlich Adrian war, weil er dazu rauchte und so weiß war, jedenfalls anders als Joachim und Franz, und vielleicht auch er.
Joachim hatte es gezeichnet, ganz wie es war mit dünnen harten Linien und alles etwas unwirklich und steif. Da war der Fluß, dessen Wellen gar kindlich eben durch Wellenlinien dargestellt waren, da war Adrian im Badetuch und malerischem Faltenwurf. Hirondel lächelte, als er es betrachtete. Joachim war damit zu ihm gekommen, und hatte auch gefragt, ob er noch dichte. Diese Frage machte Hirondel erröten, worauf der Freund lächelnd fragte, ob denn das eine schamhafte Sache sei, ob vielleicht Dichten etwa wie Verliebtsein sei? Hirondel, die Zeichnung in der Hand und etwas zerstreut, erwiderte, daß man ja auch erröte, – er wenigstens täte es – wenn man nackt gesehen würde, und er entzifferte von neuem die Zeichnung. Das da war Joachim selbst. Er konnte sich am besten. Er stand am Ufer, die Hand ein wenig erhoben, als wolle er Stille gebieten und – nun mußte Hirondel lachen – »Das bin also ich,« sagte er und erschrak dann. Auf dem kindlichen Fluß schwamm eine Kugel – »golden« war klein daneben geschrieben, – darauf stehend aber war Christiane abgebildet, Christiane war es, denn schwer fielen die Zöpfe herab zu ihren ruhigen Händen, an denen viel radiert war. Die vier Knaben am Ufer waren nackt. Auch Christiane war es.
»Nun?« fragte Joachim.
»Du ja, das ist hübsch, es hat Dir wohl viel Mühe gemacht?« sagte Hirondel. Aber während er so redete, dachte er dunkel, ob Christiane denn auch wirklich nackt sei und immer, wie er und die andern, nur bekleidet sonst und so. »Weißt Du, Joachim,« sagte er dann furchtsam, »Du hast so viel Phantasie, ich habe – daran – noch gar nicht gedacht«. Und er war nahe am Weinen.
Einen Frühling, einen Sommer lang liebte Hirondel Christiane, ja im Herbst noch träumte er von ihr. Im Herbst aber, da die Blätter müde ihren Schatten entgegenfielen, brachte er einmal den braunen Falken Christiane mit zu Joachim. Denn Joachim zeichnete Hirondel und nun schon zum siebenten Male. Hirondel ging wie immer durch das Gewölbe der Apotheke, wo Joachims alter Vater den Kindern Gummizucker schenkte. Oben an der Treppe wartete Joachim, der ihn schon durch den Fensterspiegel hatte kommen sehen. Stille saß Hirondel und ließ sich abzeichnen und es war wirklich so, als ströme sein Gesicht auf des Freundes weißes Blatt hinüber. Schon lange hing Christianens erstes Bild, ehemals sorglich verborgen, öffentlich an der Wand neben dem Bild, das Christianens heimliche Landschaft betitelt war.
»Deine Augen,« sagte wohl einmal der Zeichner, »Deine Augen sind am schwersten und dann der Mund. Und dann weißt Du, wenn man das hat beim Menschen, das genügt, und es ist alles darin. Aber wollen wir uns nicht aufmachen ein wenig zu spazieren?«
Sie nahmen den Falken mit und pfiffen bei Franz. Da war auch Adrian, der laut behauptete, Joachim und Franz würden einander immer ähnlicher, was diesen veranlaßte, den verräterischen Spötter an den Ohren zu nehmen. Sie schlenderten zum Park.
Überall war Christiane. Hier begegnete sie ihnen zum erstenmale, hier fütterte sie die Schwäne, dort welkte die Blume, die heimlich ihren Namen trug. Aber auch Hirondel errötete nicht mehr. Dankbar und freundlich lächelte er ihrem Geist. Mitten im Park ward der Käfig geöffnet. Hirondel nahm den braunen Falken heraus und warf ihn in die Luft.
»Flieg,« riefen alle.
Er konnte es noch, steil stieg er empor und entschwand mit hoher Stimme rufend.
Joachim und Hirondel, Adrian und Franz gingen nach Hause.
Da geschah es, daß Christiane des Weges vorüberkam. Sie sahen sie alle. Sie war schön in ihrem stillen schwebenden Gang – wie auf einer goldenen Kugel gleitet sie dahin, dachte Hirondel – und ihre Zöpfe hingen schwer herab zu ihren ruhigen Händen. Und da die Knaben sie also kommen sahen, grüßten sie tief. Christiane neigte die Stirn, arglos und ohne zu lächeln, nur ein Schimmer ging über ihr Angesicht. So schritt sie vorüber.
Ende