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Die portugalesische Schlacht

von Ernst Penzoldt

Verlag: R. Piper & Co. | Jahr: 1980

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Kapitel 3

Tommaso Cavalieri

Eine Michelangelo-Novelle

I

Zur Zeit des Papstes Clemens VII. lebte in Rom ein junger Edelmann, Tommaso Cavalieri mit Namen, begnadet mit so außerordentlicher Schönheit des Leibes und der Seele und der Gabe, sie anmutig und männlich zur Schau zu tragen, daß alle, die Augen hatten sie zu sehen – was gleichermaßen eine wundervolle Gnade ist – seiner Gegenwart über die Maßen froh wurden. Sie nannten ihn aufrichtig und ohne Scheu den göttlichen Tommaso. Sie waren erschrocken, als die Nachricht kam, er sei vor Florenz durch einen Pfeil verwundet worden, und waren dankbar, als er heil zurückkehrte. Er hatte sich im übrigen weder in der Dichtkunst, noch in der Malerei, noch in der Philosophie hervorgetan, sondern einzig durch seine Schönheit.

Nach seiner Heimkehr jedoch zu friedlichen Dingen begann er sogleich nicht nur eifrig zu zeichnen, sondern umgab sich auch mit allerlei Kunst, ihm verwandt an Schönheit, vornehmlich aber mit antiken Werken, von denen er wiederum die Gemmen besonders liebte und verstand, da oft empfindlich klein Großes in edle Steine gegraben war, also daß die Gestalt des Eros etwa, in richtige Einsicht mit dem Lichte gebracht, durchscheinend und leibhaftig, unfaßlich und dennoch sichtbar vor dem entzückten Tommaso stand. Seine Kunstkammer wurde berühmt, sein Reichtum verpflichtete ihn, sie zu mehren. Seine Bibliothek war erlesen, und er war glücklich unter den Büchern und fürchtete sich nicht davor, daß er so viele nicht kannte. Es genügte ihm, daß sie da waren und sein. Sie teilten sich ja mit durch ihre Gegenwart und waren weise, waren lebendig und atmeten. Ja, wahrhaftig sie brauchten reine Luft, verlangten Liebe und Beziehung zu den Händen. Um seines heiteren Besitzes willen und des sorglosen Daseins nannten ihn manche den Glücklichen.

Eine Trauer jedoch, die Trauer der Schönen: ein Geschöpf nur zu sein, ein Gelingen, aus himmlischer Hand zwar, nicht aber teilhaftig am Wirken des sich noch immer verwandelnden Stoffes der Schöpfung, wie es die Alten ehemals, wie es Michelangelo Buonarotti noch tat, obwohl er schon alt war, und alle anderen, denen ein Neues, noch nie Erschautes gelang, die Trauer also: niemals ein Großer und allzu vergänglich zu sein, krönte des Ritters Haupt leidvoll. Denn er kannte sein Maß. Er beschied sich dabei, den Großen nahe zu sein, im sanften Widerschein ihres Lichtes zu wandeln, sie zu ehren und sich durch treue Gefolgschaft.

Da bekannt ward, daß der Sixtina Meister, der, just solange Tommaso heranwuchs und mannbar wurde, nicht mehr in Rom gewesen war, daß also Michelangelo aus Florenz zurückgekehrt sei, dem neuen Papste Paulus dem Dritten zu dienen, sehnte der Ritter sich, ihn von Angesicht zu sehen, dessen Werke er in Furcht und Demut liebte: der sixtinischen Kapelle Decke zumal, die ihm ein Wunder zu sein schien, nicht von irdischen Händen gezeugt. Engel vielmehr hätten fliegend unter der Wölbung solches vollbracht, oder himmlischen Klängen folgsam habe das Werk sich von selber gefügt.

Da war der einsame Gott, der sich die Welt schuf, zum ersten Male Sonne dachte und Licht durch seinen Anblick für Ewigkeiten lud, der Baum dachte, Blume und Tier, Mensch, Liebe, Tod, Mutter; und es geschah. Und immer noch, so schien es, und von neuem schuf Gott dort oben die Welt und den Menschen. Und wie dies alles nur zwischen seinen zwei liebenden Händen geschah, daß es sichtbar sei, war es genug, dem Erwachenden seinen Finger hinzuhalten, daß der Gott in ihn fahre, und siehe, es sprang über von Hand zu Hand, von Fingerspitze zu Fingerspitze ewig lebendig. Himmlische Scharen, in Falten rauschend um seine Brust, wehten im Wetter des erschaffenden Wortes. Auch der Ewige aber, so glaubte Tommaso, schuf unter Schmerzen. Die Propheten, Jeremias besonders, der gewaltige Greis, und die Sybillen, einsam waren auch sie und tief versunken in ihr fernstes Ich, oder angerufen von oben, aufhorchend aus ihrer Tiefe, halb erwacht, noch trunkenen, träumenden Blickes, Ewiges ahnend, ganz nah, und doch von sich selbst noch so umschleiert, daß sie es ganz nicht faßten. Unbekümmert aber um Schöpfungs- und Heilsgeschichten der Reigen der Jünglinge auf den Gesimsen. Nichts von Weissagung vernahmen sie, wenige nur schauten sich um, was da wohl sei und wehe, andere tanzten und freuten sich ganz des Sturms ihrer Muskeln. Sie waren aus brauner Erde und begehrten nicht endlose Weisheit. Tommaso fühlte es so, als lege sich der Gestalten Schönheit um ihn.

Dieses Werkes Meister zu schauen, sehnte der Ritter sich, und da er noch damit umging, was da zu tun sei, ob er jenen an seiner Werkstatt abwarte oder sonst an drittem Ort eine Gelegenheit finde, ihn aus der Nähe zu sehen, bat ihn ein Bekannter, ob der große Michelangelo, der von des Ritters Kunstkammer Rühmliches habe sagen hören, diese nicht sehen dürfe. Tommaso versprach es. Mancherlei zwar hatte er über Michelangelo gehört, daß er finster und böse sei und gar wunderlich, daß er mit niemand sich vertrage und geizig sei; kurz er sei schwer auszuhalten. »Sei er böse und hämisch,« dachte der Ritter unbekümmert, da er schon wartend am Fenster stand, daß er den Finstern schon von weitem sehe, »ist er nicht liebenswert genug um seiner Werke willen?« Dennoch bangte ihm vor dem Anblick. Er hatte befohlen, feine Früchte zu bringen und edelsten Wein, den Kommenden zu bewirten, und trug auch den schönsten Brokat, schwarz und golden: der springende Hund, seines Hauses Wappen, war darein gewoben. Da er nun durch das Fenster ausschaute und mit unruhigen Händen geschnittene Steine durcheinander würfelte, ganz vergessend ihrer geheimen Bilder, lief ein Wind durch die Straße; Staub und Unrat, den er aufwirbelte, machte ihn sichtbar. Der Himmel über den schäbigen Häusern, in deren Mitte Tommasos Palast sich erhob, war weiß und kalt. Denn es war Januar. Der Ritter konnte weit in die Straße schauen, die Geröll, Abfälle und Furchen beschwerlich machten.

Zwei Männer kamen des Wegs, gerade sich Buben erwehrend, die mit flatternden Lumpen nur zum Teil bedeckt, schreiend und lachend, kobolzschlagend hart vor der Kommenden Schritte sie anzubetteln schienen. Der eine der Männer, der von Ferne gar stattlich aussah und, soweit es der mühselige Weg erlaubte, stolz und aufrecht einherschritt, winkte den Zudringlichen unnahbar ab, den erhobenen Zeigefinger lässig hin und her bewegend. Der mochte wohl Michelangelo sein, dachte Tommaso, doch erkannte er gleich, daß es Vasari war: Herr Überall aus Arezzo; und lächelnd über solchen Irrtum wendete er sich dem anderen zu, der gerade fast schamhaft Kupferstücke hart neben sich hinwarf für die bettelnden Buben. Er war wirklich Michelangelo, obgleich er so jung und bewegt, wild beinah einherschritt, die Arme unter dem gewölbten Rücken zusammengenommen. Leicht gebückt, den Kopf seltsam schräg geneigt und dennoch erhoben, beschattet von einem großen unmodischen Filzhute, wurde er älter und älter, je näher er kam. Ja, er stolperte manchmal, was Vasari nie geschah, und fluchte zornig dem Steine, der es getan. Er war dunkel und schwer gekleidet. Nun blieb er stehen, nahm die Hände rasch und gewaltsam vom Rücken und riß hastig – seine Worte faßlich zu machen scheinbar Stücke aus der Luft und formte damit; – eine Kuppel etwa – dachte Tommaso. Plötzlich aber verstummend und als sei er allein, unvermittelt vorwärtsschreitend, ging er gerade auf den Palazzo der Cavalieri zu. Ganz nahe nun und deutlich sah ihn Tommaso und sein gewaltig häßliches Angesicht. Es war alt und gelb, älter als seine Hände, gleichsam als hätte er alles mit dem Antlitz gemacht, Stirn an Stirn mit dem Stein. Und von den Blicken der kleinen traurigen Augen gefurcht liefen tiefe Runzeln über sein ganzes Gesicht. Die Backenknochen standen hart heraus, dazwischen stak breit und gequetscht die verstümmelte Nase. Da dies alles mit großen erregten Augen der göttliche Tommaso sah, lachte auf ein Witzwort, vielleicht ein Anekdötchen Vasaris, Michelangelo finster und böse auf. Er glich einem Faun. Alles verzerrte und verschob sich, der große Mund entblößte breite gelbe Zähne. Die Augen waren Striche nur noch, und der krause Bart wippte. Tommaso wandte sich ab, aber errötend besann er sich. Nun das Lachen vorüber war, sah er in ein ernstes, ergreifend trauriges, hilfloses Angesicht. Während Vasari sich tänzelnd von dem Meister empfahl, sandte Tommaso die Pagen dem Kommenden entgegen, den schwarzen und den weißen – denn einer war ein Negerknabe. Sie waren rot und gelb gekleidet – die Farben der Cavalieri. Sie liefen hurtig trippelnd die Marmortreppen hinab, öffneten weit die Türen, verneigten sich tief vor dem Alten und führten ihn in den Saal. Tommaso bückte sich tief und auch Michelangelo. Als sie beide die Augen wieder erhoben – sie standen allein in dem hohen, hellen Gemach – und Cavalieri dem Meister freundlich und edel entgegenschritt, denn sie hatten sich in höfischem Abstande vor einander verneigt, da erschütterte den Michelangelo, der ein Greis schon war, tief die Schönheit Tommasos. Dieser, der nun des Meisters Geschöpfe gleich einer bedrohlichen Wolke dunkel über des Alten Haupte schweben zu sehen vermeinte, nahm sich zusammen und redete seinen Gast also ehrfürchtig an: »Meister Buonarotti,« sagte er, »ich danke Euch, daß Ihr zu mir gekommen seid, meine Antiken zu sehen.« Er nahm ihm den Mantel ab und den großen Hut. Michelangelo ließ es geschehen und antwortete mit leiser bewegter Stimme. »Es ist sehr freundlich von Euch, Herr Ritter, sehr gütig, doch bin ichs, der Euch danken muß, daß Ihr mich – verzeiht, o bitte nach Euch! Nun also …« und er verstummte. Tommaso hatte ihn in die Sammlung geführt. Sie sagten nur wenig, solange sie bei den Kunstwerken waren – denn Kunst öffnet sich ja lieber den Schweigsamen – und Michelangelo, bemüht sich zu fassen, betrachtete auch die Gemmen, die kindlich in seinen harten runzligen Händen ruhten. Dabei fiel es ihm ein und er sagte es sogleich, beglückt etwas zu wissen, das ihn und den Ritter verband: »Ihr zeichnet, sagte Vasari nicht so?« »Vor Euch,« erwiderte Tommaso, »wage ich nicht, es so zu nennen, Meister Buonarotti. Ich versuche mich wohl darin, denn allein schon der Vorgang ist schön und verführerisch, es ist immer wieder zu tun. Genug, ich gestehe, ich tats.« Und plötzlich vertrauend, da er sich nun schon dazu bekannt, fügte er noch hinzu: »Sehet selbst, wenn es Euch gefällig ist, Meister, was ich beging.« Michelangelo aber, während der Ritter Wein eingoß, betrachtete die Zeichnungen ernsthaft und schweigsam. »Nie mehr wieder,« sagte er endlich und mehr zu sich, »wird so Unbescholtenes meinen Händen gelingen wie dies ist.« Tommaso, dessen Wangen sich röteten, sah verwundert Michelangelo an. Er sagte: »Wenn Ihr mich aber unterweisen wolltet, Meister, daß ich es recht mache?« Da der Alte den Ritter erröten sah, überkam ihn von neuem Trauer, der Schönheit nur Schöpfer zu sein. Grimmig antwortete er: »Wenn Ihr es recht machtet, wie ich es lehre, rührte es mich dann noch?« Und er erhob sich und vermied den Anblick des Ritters. Als er ging, von Tommaso geleitet und verfolgt von der ruhelosen Wolke seiner Gestalten, den vollendeten und den kommenden, der Wolke, die nie ihn in Ruhe ließ, auch im Traume nicht, dachte er immer und immer wieder: Ich sah dich schon, da du noch Marmor warst und dich zu enthüllen begannst; hielt nicht meine Hand dich Unerschauten zum erstenmale und immer von neuem fest in der Sixtina? Oder sahst du dich dort im voraus vielleicht, als Knabe staunend, und begehrtest wie einer jener einmal zu werden, und wurdest? »Ich danke Euch, Herr Ritter, ich habe viel Schönes bei Euch gesehen,« sagte er schließlich und musterte mißtrauisch Tommaso, weil dessen vorher so heitere Augen ihn nun schüchtern und recht bestürzt anschauten. Die Pagen liefen schon hurtig die Treppe hinab, öffneten weit die Türen und verneigten sich tief, als der Alte ging.

Tommaso aber, als er gleichsam wieder zu sich kam und sich besann, was eben begegnet war, trat wieder ans Fenster, dem sich Entfernenden nachzusehen. Michelangelo ging, wie er gekommen war, mit gewölbtem Rücken und hastig. Und, als ginge noch jemand mit ihm, redete er anscheinend laut und griff heftig mit den Händen vor sich her. Plötzlich blieb er stehen und wandte sein Gesicht schräg über die Schulter zurück, während er die Hände noch halb erhoben hatte: Wie ein Organist, angeredet, im Spiel sich wendet, der Musik gehörend und nur halb daraus erwacht. So wandte sich der Alte für einen Augenblick. Dann ging er verdrossen weiter. Die Bettelknaben lungerten noch an den Häusern entlang, aber da sie dem Alten ins Angesicht schauten, wagten sich nicht mehr, ihn anzubetteln.

Seit Tommaso den Alten geschaut, dessen Werke er liebte, bereute er fast das Ereignis und daß er sich nicht gehütet hatte vor ihm. Denn es schmerzt immer, der Großen Angesicht, wenn du beglückt durch ihr Werk, vorwitzig nahst, sie leibhaftig zu sehen. Diese sterblichen Hände, rissig und unrein, haben das Werk vollbracht, und dieses fürchterlich häßliche Angesicht befahl es ihnen? Dieser erschrockene Mensch getraute sich, was noch niemand tat, und dieser alte, verfallene Mund war der Anfang unsterblicher Reime? Solchergestalt begriff der göttliche Tommaso, daß es fast unmöglich sei, Michelangelos jemals ganz froh zu sein, gar ihn zu lieben, daß aber niemand dennoch es so verdiene wie er, herzlich geliebt zu sein. Und er trauerte tief.

II.

Tommaso gelang es viele Tage nicht, so wie vorher heiter und freundlich zu sein, und es blieb auch den Räumen, die er unruhig durchwanderte, etwas von Michelangelo. Und des Tommaso Angesicht verfinsterte sich von neuem, da ihm am siebenten Tage ein Brief Michelangelos überbracht ward. Urbino brachte ihn ihm, des Meisters ergebenster Schüler. Da er nun Tommasos Schönheit mit eigenen Augen sah, gedachte er seines Herrn und wußte nun, daß er ihr verfallen war; so ging er zwiespältigen Herzens. Die Schrift des Briefes war alt und steif. Es waren aber Sonette, und sie lauteten also:

Herr, ich bin längst vorbei, ich bin es nicht,
du bist es selbst und warst in meinen Händen:
von Anfang unruhig Schönes zu vollenden
befahlst du immer wieder dein Gesicht.

Sie folgten willig der geliebten Pflicht;
bis sie erschraken, dich so schön zu enden:
da tratest du lebendig aus den Wänden.
Ach die dich schufen, zürne ihnen nicht!

Denn sie sind müde von so vielen Mauern,
Von Demut, Ruhm, unendlichem Verzicht,
O laß sie schlafen nach so vielem Stein,

damit sie rangen, um in ihm zu trauern.
Und laß sie, Herr, von deinem Angesicht
des Schönen Knechte träumen, schön zu sein.

Als dies der göttliche Tommaso gelesen hatte, gingen ihm die Augen über. Er las aber weiter also:

Der anfangs baute, wußte nichts von Stein.
Er hat nur seine Hände und vom Wind
damit zu spielen und er ist ein Kind
und mit der großen Finsternis allein.

Er fängt mit seinen Händen Nächte ein.
und spielt mit ihnen, bis sie Bäume sind
und sanfte Tiere, und bespricht den Wind,
ihm Blume, Wolke, Mond und Stern zu sein.

Ach! Noch ist Wind, in uns sich zu verfangen
noch Finsternis genug, damit zu bauen!
Und sieh er kommt aus meinem tiefsten Traum
und ihm zum Bilde königlich gegangen:
du bist es, Herr, und schöner anzuschauen
als Mond und Blume, schöner als der Baum.

Als Tommaso bis hierher gelesen hatte, war er jenseits der Tränen. Die Trauer verließ ihn und er wurde hell davon wie nach heilsamen Regen. So las er das dritte.

Ich gebe dir mein Haupt, geliebtes Licht
und meiner Hände dämmernde Gestalten,
die sich im Wind von deinem Mund entfalten,
wenn er erweckend ihre Namen spricht.

Ich will mein Antlitz dir, geliebtes Licht,
in seiner Finsternis entgegenhalten
und deine Zunge wird die Nächte spalten,
daß Stern um Stern aus ihren Wunden bricht.

Nimm zu dir, Herr, auch meinen tiefsten Schatten,
der sich empor zu deiner Schönheit bückt,
dich anzuschauen, und es zückt

auch seine weiße Seele hin zum Gatten:
und Gottes Auge überbrückt
in Licht verwandelt der geliebte Schatten.

Da wurde Tommaso froh seiner Schönheit und der Würdigkeit, die ihr geschah, von einer unsterblichen Seele. Sie bewahre ihn ja, dachte er bewegt, ganz vergänglich zu sein. Er antwortete aber Michelangelo und bedachte seine Worte wohl:

»Da Ihr, Meister, die Schönheit, die mir die Natur verliehen, Eurer Liebe würdig erachtet, da Ihr es wart, der sie zum erstenmal sah vor allen Menschen, ja sie erschuf, ihre göttliche Seele gleichsam seid, wie ich ihr Bildnis nur, da Ihr ferner es wart, der den Menschen die Augen auf tat, sie überhaupt erst zu gewahren, so bitte ich Euch, wenn es Euch gefällt, sie als Euer gerechtes Eigentum zu betrachten. Entnehmt freundlich diesen armen Worten die dankbare Freundschaft, die Euch schuldet

Tommaso Cavalieri«.

Die Pagen trugens hurtig zu Michelangelo.

III.

Als der Ritter eines Tages nach langem Ritt, da es schon dunkel zu werden begann, seinen Palast betrat, nahm er sogleich den Duft eines Parfüms wahr und schürzte unwillig die Lippen. »Vasari schon wieder!« schalt er für sich, und es fiel ihm ein, daß jener sich angesagt. Lächelnd empfing ihn der Aretiner. »O göttlicher Tommaso,« rief er, »Ihr ließet mich warten; was sage ich! Die Welt! Ich bin unzufrieden mit Euch,« fügte er hinzu und drohte mit dem Finger. »O göttlicher Vasari,« antwortete Tommaso, »verzeiht meine Säumigkeit Euch gegenüber. Was aber die Welt betrifft?« »Michelangelo,« sagte vertraulich leise Vasari, doch als berausche ihn der Klang und Ruhm dieses Namens, wiederholte er lauter: »Michelangelo, Michelangelo Buonarotti, der unsterbliche Michelangelo, der gewaltigste Mensch unserer Zeit, was sage ich, aller Zeiten, hat die Gnade gehabt, mir zu gestatten, einiges über ihn zu schreiben und der ungeduldigen Welt mitzuteilen. Er besuchte Euch. Was geschah? Was sagte er? Ich für meinen Teil fühle mich verantwortlich, daß keines seiner Worte verloren geht.« Damit trat Vasari einige Schritte zurück, strich seinen weichen langen Bart und stand dort ganz zur Verfügung. »Ich bin in Verlegenheit, Meister Vasari. Glaubt Ihr, Michelangelo würde zu mir Dinge sagen, die Ihr nicht wüßtet?« Vasari wies diese Behauptung stumm mit einer abwehrenden Bewegung zurück. »Er kam,« fuhr Tommaso fort, »meine Antiken zu sehen, und ich diente ihm gerne damit. Was meine Person betrifft, so …« »Oh,« tat Vasari und dann: »Besinnt Euch, ich bitte Euch ernstlich. Michelangelo, Ihr wißt es, wird alt, sehr alt. Er ist krank.« Tommaso erschrak. »Ist er sehr krank?« »Er arbeitet zu viel und zu Vieles. Er schläft fast nicht. Brot und Wein sind seine kärgliche Nahrung. Er ist zart eigentlich, Ihr versteht.« Tommaso besann sich. »Wenn Euch damit gedient ist,« sagte er langsam, »er sandte mir kürzlich eine Zeichnung, so schön, daß ich mich schäme, sie allein zu besitzen. Seht also und begnügt Euch für diesmal.« »Ah,« rief Vasari, als er die Zeichnung sah. Er hielt sie zimperlich in den Händen, daß ihr ja nichts geschehe. »Welcher Geist,« sagte er dann; und immer wieder in Betrachtung versinkend, belehrte er den Tommaso. »Wie so etwas gemacht ist! Unübertrefflich! Ich verstehe! Zeus als Adler den schönen Ganymedes entführend. Welche Kraft im Flügel und im Stoß, welche Leidenschaft in des königlichen Vogels Begierde. Schon im Fluge, Tier noch, wirft der verliebte Gott seine Maske ab und verrät sich. Köstlich! Ich beglückwünsche Euch zu diesem Besitz, göttlicher Cavalieri, was sage ich, Ganymed!« Und dann, schon im Gehen geschäftig in ein Merkbuch kritzelnd, verließ er den Ritter. Dieser ärgerlich über das Geschehene, ließ satteln und ritt bald nach jenem aus, selbst nach Michelangelos Befinden zu fragen.

In seiner Wohnung fand er ihn nicht. »Er ist in der Sixtina,« gab Urbino Auskunft, »beim jüngsten Gericht, Herr, er ruht nicht, bis ers vollendet. Redet ihm zu, daß er sich schone. Ihr könnt es. Denn er ist sanft im Grunde. Auf Euch wird er hören.« »Es ist aber Nacht,« sagte Tommaso. »Er macht keinen Unterschied. Es wird auch nie ganz Tag dort in der Kapelle und ist ja alles für Kerzen gemalt«. Tommaso ritt weiter, und es war seltsam zu reiten durch das nächtliche Rom. Die kleinen Pagen trugen Windlichter voran, denn die Straßen waren schlecht und voll Gesindel.

Am Vatikan wurde Tommaso angehalten, aber als er seinen Namen genannt, durch den wachhabenden Offizier der Schweizer auf sein Begehr höflich zur Kapelle Sixtus IV. geleitet und allein gelassen. Der Raum war finster, aber oben in halber Höhe seiner Nacht flackerte ein Licht und wanderte. Als seine Augen sich gewöhnt, erkannte der Ritter, daß Michelangelo dort auf federnden Brettern eines Gerüstes unruhig hin und her ging. Eine seltsame Krone aus Papier, darinnen eine Kerze stak, trug er auf seinem Kopf. Die Schatten des Gerüstes schwankten. Der Alte aber hörte den Kommenden nicht und sprach mit sich selbst. »Immer, immer vom Dunkeln ins Dunkle, einsam nach Dir, von Finsternis zu Finsternis.« Er hielt inne und Tommaso hörte das Knirschen von Michelangelos Daumennagel, damit er im feuchten Bewurf der Wand einer kommenden Gestalt Grenzen umriß. »Kommst du endlich, kommst du aus meinen Händen und schön,« sagte der Alte. Da nun Tommaso begann, sich die Leiter hinaufzutasten, horchte Michelangelo in die Dunkelheit unter ihm, und seine Stimme klang furchtsam: »Ist jemand da unten, bist du's Urbino? Ich bedarf deiner nicht, ich will doch allein sein.« »Meister, ich bin's nur, Tommaso,« sagte der Ritter. Droben blieb es einen Atemzug still. Dann lachte der Alte traurig und hämisch zugleich. Es hallte sanfter zurück von den Wänden. Wieder knirschte der Daumen. »Meister,« sagte der Ritter, »Ich bin es wirklich und kein Wahn, der Euch narrt. Doch will ich wieder gehen, wenn Ihr allein sein wollt.« Michelangelo trat nun an die Leiter, als Tommaso fast schon oben war, nahm den seltsamen Kopfputz ab und leuchtete dem Ritter nahe in das Gesicht, ob er es sei. Des Alten Gesicht war von unten beleuchtet und darum fremd, aber jünger im warmen Lichte der Kerze, als im harten Tag, wenn auch noch furchtbar genug. »Was führt Euch so spät in der Nacht zu mir?« fragte er rauh und glücklich zugleich. Er bot dem Ritter den Dreifuß an, den er selten benutzte. Er malte immer im Stehen. Michelangelo, der lediglich einen Leinenkittel trug und wie dieser an den Händen und im Gesicht bunt bespritzt war, setzte wieder seinen Laternenhut auf. »Hier ist Wein,« sagte er, »und weißes Brot, hier ist Salz. Bedient Euch.« Tommaso gelüstete wirklich darnach, denn er hatte seit Mittag nichts mehr gegessen und war müde vom Ritt. Aber da er des Meisters feuchten ledernen Becher ansah, scheute er sich und zauderte, daraus zu trinken. Doch überwand er sich und griff zu. Der Wein reinigte sein Gefühl und sie teilten das Brot. Michelangelo aß laut und redete noch dazu. Krumen hingen in seinem verwilderten Bart und er sog die Schnurrbartenden, die vom Weine troffen, zwischen den Lippen aus. Da spürte aber Tommaso plötzlich die Nähe der Bilder und daß die Wand nicht mehr Wand war, daß sie zur Wolke wurde, zu Himmel. Er sah Gestalten darin und war mitten unter ihnen. Da war Christus, der, aufspringend vom Wolkenthron, und so schien es Tommaso, Halt gebietend, Stille heischend, gleichsam die Welt anhielt mit seinen Händen. Die heiligen Märtyrer, die sich um ihn scharten, schauten fragend ihn an; staunend begehrten sie auf, widersprachen, fast entrüstet. Christus aber sah an ihnen vorbei in die Tiefe, und sein junges Gesicht war freundlich und wie anders besonnen. Tommaso aber, furchtsam bei dem Gedanken: eine Nacht allein mit den Bildern, trat ganz an die Wand und berührte sie ungläubig. Sie war feucht und kalt. Ganz an der Seite, in gleicher Höhe mit dem Ritter kniete ein Mensch, nackt wie alle, Sankt Sebastian stellte er dar. Mit der einen erhobenen Hand ein Bündel Pfeile umschließend, die andere in der Geste des Bogenspannens haltend, konnte er Amor sein. Da sah Tommaso das Angesicht und wußte, daß er es war. Jene schweren Locken waren blond wie die seinen, fast gelb, so war seine Stirn und ein wenig trotzig der Mund. »Das bin ja ich,« sagte er lächelnd und wandte sich zu Michelangelo, der ihm zusah. Und Tommaso berührte abermals scheu die Wand. Der Alte stand schweigend und hielt im Kauen inne. Sein Gesicht war traurig und bleicher als sonst. Und sogleich wandte er sich ab und machte sich heftig mit Farbnäpfen und -tiegeln zu schaffen. Einer entglitt seinen erregten Händen und fiel ins Dunkel. Michelangelo hielt still, bis der Napf in der Tiefe kreischend zerschellte. »Mein teurer Herr,« sagte dann Michelangelo und erhob sich langsam, »ich bitte Euch verzeiht – jetzt zu gehen.« Sie stiegen hinab. Tommaso, verwirrt, wagte nicht, dem Meister die Hand zu reichen. Er sammelte sich schwer und wußte nicht, was er ihm sage. »Meister«, sagte er schließlich hilflos, »eine glückliche Nacht, und errötete unter den Worten. »Nacht,« murmelte auch der Alte und blieb zurück. Er nahm den Laternenhut ab. Als sich Tommaso in der Tür umwandte, kniete Michelangelo bei dem zerschmetterten Napf und sammelte die Scherben. Da ging der Ritter traurig. In der Wachstube schliefen die Pagen über dem Tisch. Tommaso mußte sie rütteln, bis sie langsam erwachten. Da sie endlich wieder auf dem Wege waren, sah Tommaso noch immer den alten Meister, der seine Schönheit liebte, allein in der Kapelle, das Flämmchen über seinem Haupt.

IV.

Dies war zu der Zeit, da man in Rom über die beiden zu reden begann. Denn wirklich sah man sie zuweilen miteinander gehen, wenn etwa Tommaso den Alten begleitete. Tommaso hielt ihm auch die Bügel, wenn jener zu Pferd stieg, nach der Sixtina zu reiten. Er sandte ihm besseren Wein und einen goldenen Becher. Und wie denn in Rom alles durch die Augen geschah und aus Lust am Zuschaun – nannte die ewige Stadt doch ein Spötter auch die alleswissende, allgegenwärtige – so geschah es, daß man im Gespräche, wenn gerade von der Vollendung des Jüngsten Gerichtes und seinem Meister, Michelangelo, dem Florentiner, die Rede war, dabei auch Tommasos gedachte. »Ich sah sie,« erwähnte wohl einer, »neulich in die Campagna reiten, die Via Appia hinaus – der Ritter, glaube ich, gräbt dort nach Antiken – ein kurioses Bild. Der alte griesgrämige Mann, mit dem Gesicht so faltig, und der Schöne daneben, Seltsam fürwahr!« Und die es hörten, lachten kopfschüttelnd mit ihm. Auch Tommaso hörte davon – Vasari teilte es ihm mit, besorgt um den Meister und seine furchtsame Seele, aber auch ein wenig eitel darauf, alles zu wissen. Zu dieser Zeit nun ging der Ritter zu Michelangelo, ihn zu bitten, daß er ihn zeichne, wenn das Jüngste Gericht fertig sei. Doch traf er den Meister nicht an. Zu Hause nicht – er sei in der Kapelle, sagte Urbino – dort nicht – zu Hause sei er, hieß es. Und auch am andern Tag und ferner, bis Tommaso ahnte, jener wolle ihn nicht sehen.

Am Tag der Enthüllung des Jüngsten Gerichts trauerte der Ritter besonders, daß er Michelangelo nicht könne dienstbar sein, wie sonst. Es war ein dunkler Tag und unaufhörlich rauschte der Regen aufs Dach der Kapelle, da Klerus und Edle, darunter Tommaso, und die Künstlerschaft Roms auf den Papst und Michelangelo warteten. »Nun werden es alle sehen«, dachte Tommaso traurig und sah auf Michelangelos Antlitz, der zögernd unter die vielen trat. Michelangelo sah ihn auch und wandte sich ab. Schüchtern und unruhig stand er neben dem Sessel des Papstes, sichtlich dankbar, daß Vasari auf ihn einredete. Denn alle anderen waren mitten im Gespräch feierlich verstummt, als der Meister kam. Und dann knieten alle nieder, denn der Papst wurde hereingetragen. Er hob segnend die Hand. Es rauschten Seide und Brokat, als sie niederfielen vor ihm und sich wieder erhoben, metallisch klangen Ketten und Degen. Niemand verstand, was der Papst zu Michelangelo sagte, der noch kniete, aber rasch aufstand, als jener das Zeichen gab, das Bild zu enthüllen. Der Vorhang sank und entblößte das Bild, alle konnten es sehen. Die Kerzen, die sich im Wind des fallenden Vorhangs geduckt, beruhigten sich wieder. Die Schauenden blieben stumm. Vasari hustete. »Dort oben war ich«, dachte Tommaso, »und dort ist mein Bild.« Es war beinah klein so von unten. Und dann gewannen die Blicke Aller Macht über das Werk, sie sahen es an von oben bis unten. Es hielt still. Es bewegte sich nicht mehr und erstarrte, so schien es Tommaso. »Ein historischer Augenblick,« hörte er neben sich sagen und sah besorgt zu Michelangelo. Der saß nun neben dem Papst, der in seinen Sessel zurückgelehnt, langsam und behaglich Kenntnis von dem Werke nahm, das er gefördert. Michelangelo aber, so sah Tommaso, blickte auf seine Hände und errötete unter dem Schweigen so vieler. Als dann endlich der Papst an den Meister sich wandte und freundlich auf ihn einsprach, kam Bewegung unter Klerus und Adel, besonders auch unter die Künstlerschaft, die, um Vasari geschart, immer lauter wurde. Einige stritten sogar schon heftig. Tommaso ging. Und im Vorübergehen vernahm er Stücke von Sätzen »Meisterschaft in den Verkürzungen,« oder »weshalb aber alle nackt?« und »Raffael im Gegenteil hätte …«. Es regnete noch immer, als Tommaso nach des Alten Haus ritt, entschlossen, ihn dort zu erwarten. Er wagte es nicht hineinzugehen, schickte Pagen und Pferd heim und wartete. Er wartete lange im strömenden Regen, bis endlich in einer päpstlichen Sänfte, von Schweizern begleitet, Michelangelo kam. Da öffnete der Ritter den Schlag und grüßte tief. Aber der Alte ging an ihm vorbei ins Haus. Tommaso wartete. Er hörte ein Fenster öffnen und zornig schließen. Er sah nicht auf und wartete. Er hörte harte Schläge von Schlegel, Meißel und Stein. Aber erst, als es bereits dunkel wurde, trat Urbino zu ihm. »Er ist schrecklich,« sagte Urbino, »aber jetzt bittet er Euch hereinzukommen«. »Ich komme,« sagte Tommaso und trat in das Haus.

Michelangelo befand sich in seiner Werkstatt. Er trug wieder seinen Kittel und meißelte an einem kauernden Knaben. Hände und Angesicht waren weiß von Marmorstaub. Als Tommaso eintrat, legte er sein Werkzeug beiseite. Wieder grüßte der Ritter tief. Er sagte leise: »Was habe ich Euch getan, Meister Buonarotti, als daß ich schön bin, denn so sagtet Ihr mir, daß ich sei. Ich kann nicht anders, als immer – seit ich Euch damals kommen sah – ach Meister.« Tommaso hielt inne. Michelangelo aber ging, während der Ritter redete, langsam mit zuckendem Angesicht auf ihn zu. Und da er Tommaso nahe war und sah seine Schönheit, fiel er nieder vor ihm und berührte den Saum seines Mantels.

So begann die Freundschaft zwischen dem jungen Ritter Tommaso Cavalieri und Michelangelo Buonarotti, der ein Greis schon fast war; sie währte dreißig Jahre, bis an des Meisters Tod.

Tommaso war es auch, der, selbst schon ein Fünfziger damals, dem Alten im Kampf um Sankt Peter beistand, die Arbeiten leitete in Michelangelos Sinn, und auch nach dessen Tode. Er half ihm zu Pferde, als der fast Neunzigjährige hartnäckig zu reiten verlangte zwei Tage vor seinem Hingang. Er verließ ihn nicht, als Michelangelo zu sterben begann. Daß es nicht im Schlafe geschehe, möge Tommaso sorgen, im Wachen wolle er scheiden. Und: er solle ihn anschauen, denn solange er Tommaso sehe, sei noch Leben in ihm. Ganz spät noch sagte er zu dem Ritter: »Eine Handvoll Erde, eine Blume, eine Locke von deiner Stirn, Sterbliches also begehre ich hinaufzunehmen, daß ich im Ewigen nie des Schönen vergesse, das ich als Sterblicher sah.«

Er starb. Tommaso aber war bestimmt, das Erbe zu wahren. Mit seinem Ringe, ein springender Hund war darein geschnitten, das Wappen der Cavalieri, versiegelte er das Haus.