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Durch eine gewisse Straße von Salamanca gehend sahen zwei Studenten, junge Leute aus der Mancha, und größere Freunde von Fechtdegen und Rundschild, als von Bartolo und Baldo Bartolus de Saxoferrato, it. Bartolo da Sassoferrato (1313-1357) einer der bedeutendsten Rechtslehrer des Mittelalters. – Baldus de Ubaldis. it. Baldo degli Ubaldi (1327-1400). ein italienischer Rechtsgelehrter und nach Bartolus de Saxoferrato der bedeutendste Vertreter der Kommentatorenschule. Diese waren Rechtsgelehrte, die sich zwischen dem späten 13. und dem Ende des 15. Jh. mit den Rechtstexten des Corpus iuris beschäftigten. Mit scholastischen Methoden prägten sie den von Italien ausgehenden mos italicus, einen Rechtsbetrieb, dem daran gelegen war, das tradierte römische Recht der Spätantike mit der gegenwärtigen Rechtspraxis zu vereinbaren. ( Anm.d.Hrsg.), an einem Fenster eines Hauses mit einer sogenannten Fleischbank den Fensterladen geschlossen, was ihnen seltsam schien, weil die Bewohnerinnen eines solchen Hauses, wenn sie sich nicht ausstellen und anpreisen, sich auch nicht absetzen.
Indem sie sich nun über die Sache zu unterrichten wünschten, führte ihnen ihr Eifer einen Gewerbsmann aus der Nachbarschaft, dessen Haus dicht an jenes stieß, in die Hände, welcher zu ihnen sagte:
Ihr Herren, seit etwa acht Tagen wohnt in diesem Hause eine fremde Dame, eine halbe Heilige und eine sehr strenge Frau. Sie hat ein Mädchen bei sich von ausnehmend stattlichem Ansehen und Betragen, welche ihre Nichte sein soll. Sie geht aus mit einem Stallmeister und zwei Kammerfrauen und, wie ich es beurtheile, sind es Leute von Stand und von großer Eingezogenheit. Bisher habe ich noch niemand aus der Stadt noch von auswärts ins Haus gehen sehen, um sie zu besuchen, noch wüßte ich zu sagen, von woher sie nach Salamanca gekommen sind; aber das weiß ich, daß das Mädchen schön ist und tugendhaft dem Aussehen nach und daß der wohlhabende Aufzug und das vornehme Wesen der Tante nicht der Art ist, wie es sich bei armen Leuten findet.
Die Auskunft, welche der benachbarte Handwerker den Studenten gab, machte sie begierig, die Sache zu ergründen; denn da sie in der Stadt bewandert waren und allen Fenstern nachspürten, wo es Basilien und Hauben gab, so wußten sie, daß es in dem ganzem Umkreis ihrer Mauern keine solche Tante und Nichte gab, welche ihren Cursus auf der Universität machten, besonders da sie eine Straße dieser Art bewohnten, in welcher, wegen des wohlfeilen Preises immer viel Tinte verkauft zu werden pflegte, wenn auch nicht gerade die feinste; denn es gibt eben Häuser in Salamanca wie in andern Städten, deren nicht zu entäußernde Eigenthümlichkeit es ist, daß darin immer gefällige Frauenzimmer wohnen, oder mit anderem Namen Arbeiterinnen, oder Verliebte. Keller übersetzt hier wörtlich; andere Übertragungen haben statt »viel Tinte«: ›leichte Ware‹, statt »gefällige Frauenzimmer«: ›Curtisanen‹ (mujeres cortesanas), und statt »Arbeiterinnen, oder Verliebte«: ›Dirnen‹ oder ›Freundinnen der horizontalen Kunst‹. Das spanische »trabajadoras ó enamoradas« des Originals nähert sich zweifellos dem modernen Begriff der ›Sexarbeiterin‹. – Zu dem Ausdruck »Tinte« sei noch gesagt, dass es sich dabei offensichtlich um eine ortsübliche Metapher handelt, deren Bedeutung sich aus dem Kontext ergibt.( Anm.d.Hrsg.)
Es war ungefähr in der zwölften Tagesstunde, und das besagte Haus von außen verschlossen, woraus sie die Vermuthung ableiteten, die Bewohnerinnen desselben speisen entweder nicht darin, oder sie werden in Kurzem kommen. Diese Mutmaßung schlug ihnen auch nicht fehl, denn nach einer kleinen Weile sahen sie eine ehrwürdige Matrone nahen, die eine schneeweiße Haube, weiter als das Chorhemd eines portugiesischen Stiftsherrn, auf der Stirne mit einer faltigen Falbel, und um den Hals einen bis auf den Gürtel herabreichenden Rosenkranz mit klappernden Kügelchen trug, so groß wie die des Santinuflo Onuphrius der Große (um 320–400), christlicher Heiliger, der als Einsiedler in der Wüste lebte. ( Anm.d.Hrsg.); das Schleiermäntelchen von Seide und Wolle, weiße neue Handschuhe ohne Umschlag und einen Stock oder Rohr aus Indien mit silbernem Knopfe.
An der linken Seite führte sie ein Stallmeister im Stile der Zeit des Fernan Gonzalez Fernán González (um 910-970), der erste vom Königreich León unabhängige Graf Kastiliens. ( Anm.d.Hrsg.), mit seinem abgeschabten Sammtrocke und scharlachenen Hosen, Halbstiefeln von Bejarer Leder, gestreiftem Mantel, mailänder Barrett und gestrickter Mütze, weil er an Schwindel litt, rauhen Handschuhen und navarrischem Degen und Gehenk.
Vor ihnen her gieng ihre Nichte, ein Mädchen, wie es schien, von achtzehn Jahren, mit ruhigem gesetztem Gesicht, mehr länglicht als rund, schwarzen, schön gespaltenen und nachläßig halb geschlossenen Augen, zierlich gebogenen Augenbrauen, langen Wimpern und blühender Gesichtsfarbe. Ihre Haare waren röthlich blond, und künstlich gekräuselt, was man an den Schläfen bemerkte. Sie trug ein Unterkleid von feinem Wollzeug, ein enganschließendes Gewand von Contray oder rauhem Seidenstoff, Pantoffeln von schwarzem Sammt, mit Hacken und Borten von glänzendem Silber, wohlriechende Handschuhe, aber nicht nach Riechpulver, sondern nach Ambra. Ihre Haltung war gesetzt, ihr Blick sittsam, ihr Gang schwebend wie bei einem Reiher.
Im einzelnen betrachtet machte sie einen guten Eindruck und im ganzen einen noch viel bessern; und da die Art und Neigung der beiden Manchaner der der jungen Raben glich, welche auf jedes Fleisch hernieder stürzen, so stürzten sie, als sie das des neuen Reihers erblickten, mit allen fünf Sinnen darauf los und waren verwundert und verliebt in eine solche Anmuth und solche Reize; denn das ist das Vorrecht der Schönheit, und wäre sie auch mit einem groben Kittel bekleidet.
Hinter ihnen her giengen zwei Ehrendamen in dem Geschmack des Stallmeisters gekleidet. Mit all diesem Prunk kam die gute Frau an ihr Haus, der gute Lakai öffnete die Thüre und sie traten ein. Die Studenten aber zogen, als sie eintraten, ihre Mützen ab mit außerordentlicher Höflichkeit und Achtung, wobei sie zugleich Zuneigung blicken ließen, denn sie beugten ihre Kniee und schlugen ihre Augen nieder, als ob sie die heiligsten und höflichsten Menschen von der Welt wären.
Die Frauen verriegelten ihre Thüre und die Herren blieben auf der Straße, nachdenklich und halb verliebt, und berathschlagten hin und wieder in aller Kürze, was zu thun sei, denn sie waren der festen Ueberzeugung, da diese Leute fremd seien, werden sie nicht nach Salamanca gekommen sein, um die Gesetze zu studieren, sondern um sie zu übertreten. Sie verabredeten; nun, ihnen in der folgenden Nacht ein Ständchen zu bringen, denn das ist immer das erste Zeichen der Aufmerksamkeit, welches arme Studenten ihren Damen zollen. Hierauf giengen sie, ihre Armuth mit einem schmalen Bissen abzufertigen, und als sie gespeist hatten, versammelten sie ihre Freunde, brachten Zithern und andere Instrumente zusammen, warben Musicanten und liefen zu einem Poeten von der Classe derer, von denen diese Stadt wimmelt, und den sie baten, er möchte ihnen auf den Namen Esperanza, das ist Hoffnung, denn so hieß die Hoffnung ihres Lebens, dafür nämlich hielten sie sie schon, gefälligst einen Text verfassen, den sie diesen Abend absingen können, aber in jedem Falle müsse der Name Esperanza in dem Gedichte vorkommen.
Der Dichter übernahm es, dafür zu sorgen, und nach kurzer Zeit, während welcher er sich Lippen und Nagel zerkaut und Schläfe und Stirne zerrieben hatte, war ein Sonnett geschmiedet, wie es ein Wollkämmer oder Tuchkratzer hätte anfertigen können. Er brachte es den Liebhabern, welche damit zufrieden waren, und verabredeten, der Verfasser selbst müsse es den Musicanten einsagen, da es zum Auswendiglernen nicht mehr Zeit sei.
Unterdessen kam die Nacht heran und in der für die große Festlichkeit geeigneten Stunde kamen neun bengelhafte Renommisten aus der Mancha zusammen nebst vier Sängern und Zitherspielern, einem Psalter, einer Harfe, einer Mandolin, zwölf Schellen, und einem zamoranischen Dudelsack, dreißig Beckenschilden und eben so vielen Panzern, dieß alles vertheilt unter eine Truppe von Weingenossen, oder vielmehr von Essigtrinkern.
Mit diesem ganzen Aufzuge und Getümmel gelangten sie auf die Straße und vor das Haus der Dame, wo am Eingange desselben die grausamen Schellenspiele ein solches Getöse einläuteten, daß, obwohl die Nacht schon die Linie passirt hatte und alle Nachbarn und Umwohner schon im zweiten Schlafe lagen, wie Seidenwürmer, es ihnen doch nicht möglich war, fortzuschlummern, und es keinen Menschen in der ganzen Nachbarschaft gab, der nicht aufgewacht und an das Fenster getreten wäre. Die zamoranische Sackpfeife dudelte darauf ihre Tänze ab und knarrte dicht unter den Fenstern der Dame aus, und nunmehr sang zu dem Klange der Harfe, indem der Poet, der es verfaßt, es ihm vorsagte, einer der Musiker, die sich nicht lang bitten lassen, mit reiner und gelinder Stimme das Sonnett, welches solchergestalt lautete: Die Uebertragung des Sonnetts ist von Eduard Freiherrn von Seckendorff.
In dieser Straße schlummert Esperanze,
Die ich mit Seel' und Leib anbet und preise,
Des Lebens und des Reichthums Hoffnung heiße;
Wird sie nicht mein, entsag' ich allem Glanze.
Doch wird sie mein, dann ich im Waffentanze
Dem Indier, Mauren, Franken Sieg entreiße.
Dich, Amor, bitt' ich, gnädig dich erweise,
Gott süßer Lust, daß ich erstürm' die Schanze!
Ob Esperanz' auch Zwergin noch an Jahren
Da ihre Zahl beträgt kaum zehn zu neunen,
Wer sie besiegt, wird sich ein Riese dünken.
Die Glut soll wachsen, edles Kind, und fahren
In den, der wagt, nicht plötzlich zu erscheinen
Zu stetem Dienst dir auf dein holdes Winken!
Kaum hatte er dieses verwünschte Sonnett zu Ende gesungen, als ein Spottvogel unter den Umstehenden, in utroque Doctor iuris utriusque, d. h. Doktor beider Rechte, nämlich der staatlichen und kirchlichen Rechtswissenschaft, im engeren Sinn des römischen und des kanonischen Rechts. ( Anm.d.Hrsg.) graduiert, zu einem, der neben ihm stand, mit erhobener schallender Stimme sagte:
Soll mich der und jener, wenn ich Tag meines Lebens ein besseres Schwanzsonnett »Estrambote« bezeichnet eigentlich die Schlusstrophe eines Sonetts. ( Anm.d.Hrsg.) gehört habe! Habt ihr wohl die sinnreiche Anordnung der Verse bemerkt, die Anspielungen auf den Namen der Dame, welcher Hoffnung bedeutet, die Anrufung des Amor, wie witzig das Erstürmen der Schanze angebracht ist, wie geschickt der zarten Jugend des Mädchens Erwähnung geschieht mit dem gut gewählten Gleichniß und Gegensatz von Zwergin und Riese. Dann sagt mir doch, am Schluß der Fluch oder die Verwünschung mit dem schönen Reimwort fahren! Ich schwöre bei dem und jenem, wenn ich den Dichter kennte, welcher dieses Sonnett verfaßt hat, ich würde ihm morgen ein halbes Dutzend Knackwürste schicken, die mir diesen Morgen der Bote aus meiner Heimat gebracht hat.
Bei dem Worte Knackwürste erkannten die Zuhörer alle sogleich, daß es ein Extremadurer sein müsse, und sie teuschten sich nicht, denn man erfuhr später, daß er aus einem Flecken in Extremadura gebürtig war, weicher bei Jaraicejo liegt. Von nun an stand er bei allen in dem Ansehen eines gelehrten und in der Dichtkunst bewanderten Mannes, da man ihn so ins Einzelne das verwünschte abgesungene Sonnett hatte zergliedern hören.
Bei alle dem blieben die Fenster des Hauses so fest verschlossen, wie ihre Mutter sie geboren hatte, worüber die zwei hoffenden Manchaner nicht wenig trostlos waren. Trotz dem aber sangen sie zum Klange der Zithern dreistimmig folgende Romanze, welche ebenfalls auf der Schnellpost für den Posten an diesem Hause war angefertigt worden.
Kommt hervor, mein süßes Hoffen,
Zu erquicken meine Seele,
Welche fast, von euch verlassen,
Schon will mit dem Tode kämpfen!
Laßt die Wolken starren Fürchtens
Euer Licht nicht ganz bedecken,
Denn ein Schimpf ist's eurer Sonne,
Dringt ihr nicht durch solche Nebel.
In dem Meere meiner Qualen
Sänftiget doch die Gewässer,
Wollt ihr nicht, daß mit der Hoffnung
Untergehe all' mein Sehnen.
Nur durch euch hoff' ich auf Leben,
Will der Tod es auch mir enden,
Hoffe im Verschmähen Gnade,
Seeligkeit selbst in der Hölle.
So weit waren die Musikanten mit der Romanze gekommen, als sie gewahrten, wie das Fenster sich öffnete und eine der Kammerfrauen darin sich zeigte, welche mit sanfter und gezierter Stimme zu ihnen sprach:
Ihr Herren, meine Herrin Donna Claudia von Astudillo und Quinnones läßt Euer Gnaden ersuchen, ihr die ausnehmende Gnade zu erzeigen, mit dieser Musik euch anderswohin zu begeben, das Aergerniß und böse Beispiel zu vermeiden, welches der Nachbarschaft gegeben wird, in Rücksicht darauf, daß sie in ihrem Hause eine unverheirathete Nichte hat, nämlich das Fräulein Donna Esperanza von Torralva Meneses und Pacheco, und da es für ihren Stand und Lebensart sich nicht schickt, daß dergleichen Dinge vor ihrer Thüre und um solche Stunde vorgehen; auf andere Weise, in anderem Stil und mit weniger Aergerniß könnte sie es sich von Euer Gnaden wohl gefallen lassen.
Hierauf antwortete einer von den Bewerbern: Erweist mir die Gunst und Gnade, Frau Kammerfrau, der Fräulein Donna Esperanza von Torralva Meneses und Pacheco zu sagen, sie möchte sich in dieses Fenster legen, denn ich wünschte ihr nur zwei Worte zu sagen, die ihr von offenbarem Nutzen und Werthe sein müssen.
Pfui Im Original »huy«: Hoppla. ( Anm.d.Hrsg.), pfui, sagte die Kammerfrau. Da kommt ihr schön an bei dem Fräulein Donna Esperanza! Wißt, mein Herr, sie ist keine von denen, wofür ihr sie haltet; denn mein Fräulein ist sehr vornehm, sehr ehrbar, sehr eingezogen, sehr verständig, sehr belesen und sehr beschrieben, und wird nicht thun, was Euer Gnaden von ihr verlangt, und wenn ihr sie auch mit Perlen zudecktet.
Derweil noch die gekniffene D. h. ›spröde‹. ( Anm.d.Hrsg.) Kammerfrau mit ihrem Pfui und ihren Perlen also vergnüglich redete, kam eine große Menge Menschen die Straße daher; und da die Musiker und ihre Begleiter glaubten, es sei die Stadtpolizei, so bildeten sie alle einen Kreis und nahmen das Gepäck der Musiker in die Mitte der Schaar; und als die Schergen wirklich ankamen, begannen sie mit ihren Schilden an einander zu schlagen, und mit ihren Panzern zu klirren, so daß die Obrigkeit bei diesem Klange nicht lüstern war, den Schwerdtanz zu tanzen, wie die Gärtner beim Frohnleichnamsfest in Sevilla, sondern vorübergieng, weil ihre Diener, Büttel und Häscher dafür hielten, daß auf diesem Markte nichts zu gewinnen sei.
Die Raufbolde triumphierten und wollten ihre begonnene Musik fortsetzen, aber einer der Wortführer der Schaar wollte das nicht zugeben, wofern das Fräulein Donna Esperanza sich nicht am Fenster zeige, an welchem sogar die Kammerfrau auf wiederholtes Rufen nicht wieder erschien. Darüber erzürnt und unwillig wollten sie Steine nach dem Hause werfen, den Gitterladen zerbrechen und ihr ein Geklapper oder eine Katzenmusik bringen, was junge Leute in ähnlichen Fällen gewöhnlich zu thun pflegen. Wie verdrießlich sie aber auch waren, so beschloßen sie doch, die Musik mit einigen Villancicos Villancicos: festliche Lieder, sowohl weltlich wie geistlich. ( Anm.d.Hrsg.) wieder aufzunehmen; die Sackpfeife fieng wieder an zu dudeln, das unleidliche wilde Geklingel der Schellenspiele gieng von Neuem los und mit diesem Lerm hatte dann die Nachtmusik ein Ende.
Fast dämmerte schon der Morgen, als die Schaar sich zerstreute, aber nicht ebenso der Zorn der Manchaner, als sie sahen, wie wenig ihre Musik sie genützt hatte. Sie giengen damit an das Haus eines gewissen mit ihnen befreundeten Ritters, eines von denen, welche man in Sevilla die edelmögenden nennt, und welche sich an der Bank obenan setzen. Dieser nun war jung, reich, verschwenderisch, Musikfreund, verliebt und vor allem ein Freund der Tapfern.
Sie erzählten ihm sehr ausführlich ihr Schicksal bei der schönen, reizenden, stolzen und anmuthigen Jungfrau mit ihrer ernsten, prunksüchtigen Tante, und wie wenig oder gar kein Mittel und Hoffnung da sei, jene genießen zu können; denn das Auskunftsmittel des Ständchens, als der ersten und letzten Aufmerksamkeit, die sie ihr erwiesen, habe nichts genützt und zu nichts geholfen, als sie zu erzürnen, indem man sie dadurch bei der Nachbarschaft verunglimpft habe.
Der Ritter nun, dem in; allen Stücken der gerade Weg der liebste war, versprach ihnen, ohne viel Besinnen, er wolle sie ihnen erobern, koste es auch was es wolle. Er fertigte daher noch an demselben Tage eine eben so lange als höfliche Botschaft an die Frau Donna Claudia ab, und bot ihr Leib und Leben, Vermögen und Einfluß zu ihrem Dienste an.
Die listige Claudia erkundigte sich nun gleich bei dem Edelknaben nach Stand und Eigenschaften seines Herrn, seinem Einkommen, seinen Neigungen, Unterhaltungen und Beschäftigungen, wie wenn sie im Sinne hätte, ihn wirklich als ihren Schwiegersohn zu empfangen. Der Edelknabe sagte die Wahrheit und schilderte ihn auf eine Weise, daß sie ziemlich zufrieden gestellt war. Darauf schickte sie mit ihm die Kammerfrau mit dem Pfui ab, um ihre Antwort zu überbringen, welche nicht minder lang und höflich abgefaßt war, als die Botschaft es gewesen.
Die Kammerfrau trat ein, der Ritter empfieng sie sehr artig, bat sie neben sich in einen Lehnstuhl zu sitzen und reichte ihr ein Spitzentuch, um sich den Schweiß zu trocknen, denn sie war ein wenig angegriffen vom Wege. Ehe sie aber Zeit hatte, ein Wort von ihrer Botschaft zu sagen, ließ er eine Büchse mit Marmelade kommen, schnitt ihr eigenhändig zwei tüchtige Stücke davon ab und ließ sie den Mund mit ein paar tüchtigen Zügen Heiligenwein Vino del Santo, der Wein der Mönche des Escorial (dieser, errichtet von Philipp II., ist zugleich Palast und Kloster, Mausoleum und Museum, Seminar und Bibliothek und somit die architektonische Entsprechung der Idee des allumfassenden monarchischen Gottesgnadentums, zugleich Symbol für den Anspruch auf Weltherrschaft, die unbeschränkte Macht des Monarchen und die Unerschütterlichkeit des katholischen Glaubens). ( Anm.d.Hrsg.) anfeuchten, wodurch sie ein Gesicht bekam, wie eine Klapperrose Klatschrose. ( Anm.d.Hrsg.), und vergnügter war, als hätte man ihr eine Stiftsdamenstelle verliehen.
Nun brachte sie sogleich ihre Botschaft mit ihren eigenthümlichen verdrehten und geschniegelten Worten vor und schloß mit einer äußerst kecken Lüge, daß nämlich ihr Fräulein Donna Esperanza von Torralva Meneses und Pacheco noch eine so reine Jungfrau sei, wie sie ihre Mutter zur Welt gebracht habe; aber trotz alle dem solle Seiner Gnaden bei ihrer Frau jegliche Thüre offen stehen.
Der Ritter erwiderte ihr, er glaube ihr alles, was sie ihm, um nach ihrer Weise zu reden, von dem Werthe, dem Verdienste, der Schönheit, Sittsamkeit und Vornehmheit ihrer Herrin erzählt habe; was sie aber von der Jungfrauschaft sage, das sei doch ein harter Punct; deshalb bitte er sie, ihm hierüber die klare Wahrheit zu entdecken und zu sagen, was sie wisse, er schwöre ihr auf Ritterwort, wenn sie es ihm gestehe, so solle sie einen Mantel von fünffach gesponnener Seide erhalten.
Auf dieses Versprechen hatte er nicht nöthig, das Folterseil seiner Bitten noch mehr zu drehen, noch ihr die Daumenschrauben anzulegen, damit die putzsüchtige Kammerfrau mit der Wahrheit herausrücke. Diese lautete, so wahr sie jetzt hier sitze und in ihrem letzten Stündlein selig werden wolle, ihr Fräulein Donna Esperanza von Torralva, Meneses und Pacheco habe schon den dritten Handel, oder um besser zu sagen, den dritten Kauf bestanden. Dazu berichtete sie auch das Wie und wie theuer, mit wem und wo nebst tausend andern Umständen, so daß Don Felix, denn so hieß der Ritter, sehr befriedigt war über alles, was er hatte wissen wollen, und mit ihr verabredete, sie solle ihn gleich die nächste Nacht in ihrem Hause verstecken, um allein und ohne Wissen der Tante sich mit Esperanza unterhalten zu können.
Er entließ sie mit freundlichen Worten und Empfehlungen an ihre Damen und gab ihr in baarem, was der schwarze Mantel kosten konnte. Sie besprach mit ihm, was er zu thun habe, um in der folgenden Nacht in das Haus zu gelangen, und damit gieng die Kammerfrau weg, vor Freude närrisch, und er blieb zurück, sein Vorhaben überdenkend und die Nacht erwartend,, die, wie es ihm schien, tausend Jahre zögerte, so sehr sehnte er sich all' die Traumbilder, die er sich vorstellte, zu erleben.
Die bestimmte Zeit kam, denn es giebt keine, die nicht käme, und Don Felix gieng, ein zweiter Sanct Georg, ohne Freund und Diener dahin, wo er fand, daß die Kammerfrau ihn erwartete, die ihm die Thüre öffnete, ihn sehr still und behutsam in das Haus zog und in das Zimmer ihres Fräuleins Esperanza hinter die Vorhänge ihres Bettes versteckte, ihm anempfehlend, ja kein Geräusch zu machen, da Fräulein Esperanza schon wisse, daß er zugegen sei und ihrer Tante unbewußt auf ihr Zureden alle seine Wünsche befriedigen wolle. Dabei drückte die Kammerfrau ihm die Hand, wie zur Betheurung, daß es so geschehen solle, und gieng hinaus; Don Felix aber blieb hinter dem Bette seiner Hoffnung und erwartete, wie es ihm zuletzt in diesem seinem Hinterhalt und Versteck ergehen werde.
Es mochte etwa neun Uhr Abends sein, als Don Felix sich versteckt hatte, und als in einem an dieses Zimmer stoßenden Saale die Tante auf einem niedern Armstuhle saß, die Nichte ihr gegenüber auf einer Estrade, und zwischen ihnen ein großes Kohlenfeuer brannte. Das Haus lag schon im Schweigen, der Stallmeister war zur Ruhe gegangen, die andere Kammerfrau hatte sich zurückgezogen und war eingeschlafen; nur die Mitwisserin des Handels war noch auf und lag ihrer älteren Gebieterin an, zur Ruhe zu gehen, indem sie sie versicherte, neun Uhr, was die Uhr eben geschlagen hatte, sei zehn gewesen, denn es war ihr großer Wunsch, daß ihr Anschlag ausgeführt werde, welchen ihr Fräulein und sie verabredet hatten, nämlich, daß ohne daß Claudia es erführe, alles was Don Felix hergebe, zwischen ihnen beiden vertheilt würde, ohne daß die Alte daran einen Antheil bekäme, welche so knauserisch und karg war und so eigenmächtig mit dem umgieng, was die Nichte erwarb und gewann, daß sie ihr nie einen einzigen Real gab, um ihr etwas anzuschaffen, was sie außerordentlicher Weise bedurfte. Sie gedachten ihr diesen Zinspflichtigen wegzuschnappen von den vielen, die sie noch im Verlauf der Zeit zu gewinnen hofften. Aber wenn auch Esperanza wußte, daß Don Felix im Hause war, so wußte sie doch nicht den Schlupfwinkel, an welchem er sich versteckt hatte.
Eingeladen daher von dem tiefen Schweigen der Nacht und der Bequemlichkeit der Zeit bekam Claudia Lust, zu plaudern, und begann daher halblaut zu der Nichte also zu sprechen:
Oftmals habe ich dir gesagt, meine Esperanza, du sollest doch die Rathschläge, Belehrungen und Warnungen nicht vergessen, die ich dir immer gegeben habe; denn wenn du sie befolgst, wie es deine Schuldigkeit ist und wie du versprochen hast, so werden sie dir höchst nützlich und vortheilhaft sein, wie die Erfahrung selbst und die Zeit, die Meisterin aller Dinge, dir erweisen werden. Denke nicht, daß wir in Piacenza sind, wo du geboren bist, noch in Zamora, wo du angefangen hast zu wissen, was für ein Ding die Welt ist; wir sind auch nicht in Toro, wo du die dritte Ernte von deiner Fruchtbarkeit abgelegt hast. In allen diesen Städten lebt ein gutmüthiges schlichtes Volk, das von Trug und Hehl nichts weiß, und nicht so gewandt noch verwickelt ist in Schelmereien und Teufeleien, als die Bewohner der Stadt, in der wir jetzt leben.
Bedenke, mein Kind, daß du in Salamanca bist, das in der ganzen Welt die Mutter der Wissenschaften genannt wird, und wo gewöhnlich zehn bis zwölf tausend Studenten sich aufhalten, ein junges, lüsternes, übermüthiges, freies, leidenschaftliches, verschwenderisches, kluges, verteufeltes und lustiges Volk. So sind sie im Allgemeinen; da aber alle, wenigstens die Mehrzahl, Ausländer sind und aus allerlei Ländern und Provinzen stammen, so ist im Einzelnen ihr Wesen sehr verschieden. Die Biscayer zum Beispiel, deren jedoch wenige sind, sind karg in Worten; wenn sie aber auf ein Mädchen versessen sind, sind sie um so freigebiger mit dem Beutel. Die Manchaner sind Raufbolde, die immer rufen: Christus soll mich holen! Und sie holen sich anderer Leute Liebe mit Maulschellen.
Da sind auch eine Masse Aragonesen, Valencianer und Catalanen. Achte sie für zierliche, duftende, wohl erzogene und noch besser aufgestutzte Leute; aber mehr mußt du nicht bei ihnen suchen, und wenn du mehr suchen willst, so wisse, meine Tochter, daß sie keinen Spaß verstehen; denn sie sind, wenn sie sich über ein Weib erzürnen, ein wenig grausam und nicht von der besten Leber. Die Neucastilier achte für edeldenkend, und daß sie geben, wenn sie haben, und wenigstens, wenn sie nichts geben, auch nichts begehren. Die Extremadurer haben von allem etwas, wie die Apotheker; sie sind wie jenes alchymische Metall, welches dem Silber genähert zu Silber wird, dem Kupfer genähert Kupfer ist.
Für die Andalucier, meine Tochter, braucht man fünfzehn Sinne statt fünf, denn sie sind spitzfindig und scharfsinnig, schlau, verschlagen und keineswegs filzig. Die Gallizier passen in gar keine Bezeichnung, denn sie zählen als gar nichts. Die Asturier sind gut für den Sonnabend, denn sie tragen allezeit Kuttelfleck Kuttelfleck, ein Geschnetzeltes aus dem Pansen, ist damals das übliche Essen am Sonnabend. ( Anm.d.Hrsg.) und Fleischerabfälle nach Hause. Und nun vollends die Portugiesen, das wäre gar weitläufig, ihre Beschaffenheiten und Eigenschaften zu schildern, denn da sie ein gar trockenes Gehirn haben, steckt jedem ein Sparren im Kopfe, aber den Sparren haben fast alle, und darauf kannst du zählen, daß sogar die Liebe unter ihnen in Lumpen geht.
Bedenke nun einmal, Esperanza, mit welcher manchfaltigen Menge von Menschen du zu thun hast, und ob es vonnöthen ist, daß ich, indem du in ein Meer voll Untiefen seegelst, dich belehre und einen Compaß zeige, nach dem du dich richtest und wendest, damit das Fahrzeug unserer Absichten und Plane nicht umstülpe, und mir die Ladung meines Schiffes nicht verloren gehe, nämlich dein süßer lieblicher Leib, der mit einer solchen Anmuth und Holdseeligkeit und mit solchem Reize für so viele begabt ist, als darnach verlangen.
Laß dir sagen, Kind, daß auf dieser ganzen Universität kein Lehrer ist, der in seiner Facultät so gut zu lesen weiß, als ich in dieser weltlichen Kunst, die wir ausüben, dich unterweisen kann und mag; denn eben sowohl um der vielen Jahre willen, die ich in ihr und für sie gelebt, als in Folge der vielen Erfahrungen, die ich gemacht habe, kann ich wohl für emeritiert »Emeritiert« bezeichnet einen Wissenschaftler oder Geistlichen im Ruhestand. ( Anm.d.Hrsg.) gelten. Und obschon das, was ich dir jetzt sage, ein Theil dessen ist, was ich dir schon viele andere male sonst gesagt habe, so möchte ich doch, daß du darauf wohl merktest und mir ein geneigtes Gehör schenktest; denn nicht allemal zieht der Seemann die Seegel seines Schiffes und nicht alle mit einander auf, sondern
Wie der Wind geht,
Sich das Seegel dreht.
Während dieser ganzen Rede behielt Esperanza die Augen niedergeschlagen und den Kopf gebeugt und wühlte mit einem Messer in dem Kohlenbecken herum, indem sie alles, was ihr gesagt wurde, sehr gefaßt und ergeben zu vernehmen schien.
Damit sich aber nicht begnügend sagte Claudia zu ihr: Richte den Kopf empor, Mädchen, und störe nicht mehr in dem Feuer herum! Hefte die Augen unverwandt auf mich und schlafe nicht, denn zu dem, was ich dir sagen will, solltest du noch fünf Sinne mehr haben, als du hast, um es recht zu behalten und zu begreifen!
Darauf versetzte Esperanza: Frau Tante, ermüdet euch nicht und ermüdet mich nicht, indem ihr diese Standrede ausdehnt und fortsetzt! Ihr habt mir schon so oft den Kopf angefüllt mit den vielen Predigten und Warnungen über das, was ich thun und lassen soll; ich bitte euch, verwirrt mir den Kopf nicht von Neuem damit! Seht doch zu, was die Männer von Salamanca vor denen anderer Orte voraus haben! Sind nicht alle von Fleisch und Bein? Haben sie nicht alle eine Seele mit drei Vermögen und fünf Sinnen? Was macht das aus, wenn die einen mehr gelernt und studiert haben, als die andern? Ich bilde mir im Gegentheil ein, daß solchen die Augen geblendet werden und daß sie schneller fallen als andere, da sie mehr Einsicht haben, um einzusehen und zu schätzen, wie viel die Schönheit werth ist.
Was braucht es auch hier anders, als daß man den Lauen aufmuntert, den Keuschen verführt, dem Sinnlichen widerstrebt, den Schüchternen ermuthigt, den Kargen zurückhält, den Vermessenen zügelt, den Schläfrigen aufweckt, den Unaufmerksamen einlädt, dem Abwesenden schreibt, den Dummen lobt, den Verständigen preist, den Reichen liebkost, den Armen abfertigt, daß man ein Engel ist auf der Straße, eine Heilige in der Kirche, eine Schöne unterm Fenster, eine Sittsame zu Haus und ein Teufel im Bett? Alle diese Dinge, Frau Tante, weiß ich längst auswendig. Bringt mir daher anderes Neues, was mich belehrt und vorsichtig macht, und verspart dieß für eine andere Gelegenheit, denn ihr müßt wissen, ich bin ganz schläfrig und nicht mehr im Stande euch anzuhören.
Aber eines will ich euch noch sagen und versichern, damit ihr euch darüber keine Teuschungen und Vorspiegelungen macht, nämlich, daß ich mich nicht mehr von eurer Hand martern lasse, so großen Gewinn ihr mir auch dafür anbieten mögt. Drei Blumen habe ich schon hingegeben und eben so viele hat Euer Gnaden verkauft und dreimal habe ich die unausstehliche Pein durchgemacht. Bin ich denn etwa von Erz? Hat mein Fleisch kein Gefühl? Wißt ihr nichts besseres zu thun, als es mit der Nadel zu flicken wie einen aufgetrennten Rock? Bei der Seeligkeit meiner Mutter, die ich nicht gekannt habe, ich werde es nicht mehr zugeben.
Laßt mich, Frau Tante, in meinem Weinberge jetzt Nachlese halten, denn in vielen Fällen ist die Nachlese schmackhafter, als die erste Ernte! Wenn ihr aber durchaus entschlossen seid, meinen Gärten für rein und unberührt zu verkaufen, so sucht eine andere mildere Weise der Verschließung für sein Pförtchen, denn ein Verschluß mit gezwirnter Seide und Nadel müßt ihr euch nicht einbilden, daß wieder meinem Fleische nahe kommen soll.
Ach dummes Ding, dummes Ding, versetzte die alte Claudia, wie wenig verstehst du von diesen Dingen! Es gibt nichts in der Welt, was sich für diesen Zweck mit Nadel und fleischrother gezwirnter Seide vergleichen ließe; alles andere sind Lumpereien. Der Sumach und geriebenes Glas hilft wenig, noch viel weniger helfen Blutegel; die Myrrhe ist von gar keinem Nutzen, auch nicht der Meerzwiebel, noch der Taubenkropf, noch alles andere widerliche und eckelhafte Gemengsel, was man dazu hat; all' das ist lauter Wind; denn heut zu Tage ist kein Mensch ein solcher Tölpel, daß er, wenn er nur ein bischen darauf merkt, was er thut, nicht sogleich dabei die Anwendung der falschen Münze spürt. Es lebe mein Fingerhut und meine Nadel, es lebe zugleich deine Geduld und deine Ausdauer, und wir wollen das ganze Geschlecht der Männer berücken, denn sie sollen betrogen sein und du geehrt und ich reich und mein Gewinn größer, als auf die gewöhnliche Weise.
Ich bekenne, daß alles so ist, Frau Tante, wie ihr es sagt, versetzte Esperanza; bei dem allem aber bleibe ich fest bei meinem Vorsatz, obgleich mein Gewinn dabei verringert wird; um so mehr, da uns bei der Verzögerung des Verkaufs der Gewinn verloren geht, der sich machen läßt, wenn wir unsere Bude sogleich eröffnen; denn wenn wir, wie ihr sagt, nach Sevilla gehen wollen bis zur Ankunft der Flotte, so ist es nicht vernünftig, wenn wir die Zeit mit Hinharren zubringen, um den Augenblick abzuwarten, bis ihr meine Blume zum viertenmal verkaufen könnt, die nun vor Welkheit fast schon schwarz geworden ist. Geht in Gottes Namen ins Bett, Frau Tante, und denkt darüber nach, und faßt bis morgen früh einen Entschluß, wie er euch am besten deucht, denn am Ende werde ich doch euren Rathschlägen folgen müssen, weil ihr für mich Mutter und mehr als Mutter seid.
So weit waren Tante und Nichte in ihrem Gespräche gekommen, welches Don Felix zu seinem nicht geringem Erstaunen ganz mit angehört hatte, als er plötzlich und ohne es unterdrücken zu können, mit solcher Gewalt und Heftigkeit zu niesen begann, daß man es hätte auf der Straße hören können.
Donna Claudia stand auf, ganz in Schrecken und Verwirrung, nahm eine Kerze und trat in das Zimmer, wo Esperanzas Bett stand, und wie wenn man es ihr gesagt hätte, gieng sie gerade auf das Bett zu, hob den Vorhang auf und fand den Herrn Ritter mit gezogenem Degen, den Hut in den Kopf gedrückt, sehr erhitztem Gesichte und ganz auf den Kriegsfuß gestellt. Wie die Alte ihn sah, fieng sie an, sich zu bekreuzen und rief:
Ach Jesus! Steh mir bei! Was ist das für ein Unglück und Jammer! Männer in meinem Hause, an diesem Ort und zu solcher Stunde! O ich Unglückliche! Jammervolle, die ich bin! Was werden die Leute sagen, wenn sie das erfahren!
Beruhigt euch, meine theuerste Frau Donna Claudia, sagte Don Felix. Ich bin nicht hierher gekommen zu eurem Schimpf und Nachtheil, sondern zu eurer Ehre und zu eurem Vortheil. Ich bin ein Ritter, reich und verschwiegen und vor allem verliebt in das Fräulein Donna Esperanza; und um zu erreichen, was meine Wünsche und Neigung verdienen, habe ich es durch eine gewisse geheime Unterhandlung, die ihr eines Tags erfahren sollt, veranstaltet, daß ich an diese Stelle gelangte, in keiner andern Absicht, als um diejenige in der Nähe zu sehen und zu genießen, die mir in der Ferne das Leben geraubt hat. Wenn dieses Vergehen Strafe verdient, so bin ich an einem Orte und wir sind in einer Zeit, an welchem und in welcher sie mir auferlegt werden kann, denn es kann mir von ihren Händen keinerlei Strafe zu Theil werden, die ich nicht für die höchste Seligkeit erachten würde; auch kann sie durchaus nicht härter für mich sein, als die Qual die ich von meinen Wünschen erdulde.
Ach weh mir Unglücklichen, begann Claudia von Neuem, welchen Gefahren sind wir Frauen doch ausgesetzt, die wir ohne Gatten und ohne Männer leben, die uns Schutz und Beistand verleihen! Ja jetzt vermisse ich dich, du früh dahingeschiedener Don Juan von Bracamonte, mein bedauerungswürdiger Gemahl! Wenn du noch am Leben wärest, so würde ich mich nicht in dieser Stadt, noch in dieser Verwirrung und Schmach befinden, in die ich gerathen bin. Mein Herr, geruhet auf der Stelle wieder da hinaus zu gehen, wo ihr hereingekommen seid, und wenn ihr in diesem Hause irgend etwas von mir oder meiner Nichte wünschet, so wird sich darüber von außen her mit mehr Muße, mehr mit Ehren und mit mehr Nutzen und Vergnügen sprechen lassen.
Für das, was ich in diesem Hause will, versetzte Don Felix, ist das Beste, meine liebe Frau, drinnen zu sein. Die Ehre desselben wird durch mich nicht verloren gehen, der Nutzen ist, das liegt auf der Hand, der Verdienst, und was das Vergnügen betrifft, so bin ich überzeugt, daß es daran nicht fehlen kann. Damit jedoch nicht alles in Worten aufgehe und ihr an die Wahrheit der meinigen glaubt, so gebe ich euch hier eine goldene Kette zur Bekräftigung derselben.
Damit nahm er sich eine goldene Kette vom Hals, welche hundert Ducaten wog und legte sie ihr um. Augenblicklich nun, so wie die vermittelnde Kammerfrau dieses Anerbieten, ja die Leistung der Bezahlung sah, sprach sie, ehe die Gebieterin antworten noch das Geschenk annehmen konnte:
Gibt es einen Fürsten auf der Welt, wie diesen, einen Pabst, Kaiser, Handelskassier, Peruaner oder selbst einen Domherrn, der solchen Edelmuth und Freigebigkeit übte? Ich bitte euch um alles, Frau Donna Claudia, sprecht mir nicht mehr von dieser Sache, sondern laßt alles gut sein und thut alsbald alles, was dieser Herr verlangt!
Bist du bei Sinnen, Grijalva, denn so hieß die Kammerfrau, bist du bei Sinnen, verrückte Närrin? sagte Donna Claudia. Und Esperanza's Reinheit, ihre unbefleckte Blume, ihre Keuschheit, ihre unberührte Jungfrauschaft! Sollte ich diese so ohne weiteres aufs Spiel setzen und verkaufen, geködert durch dieses Kettchen? Bin ich so vom Verstande, daß ich mich blenden lassen sollte von seinem Glanze und verstricken in seine Ringe und binden durch seine Schlösser? Nein, bei dem Leben desjenigen, der in der Erde modert, das soll nicht sein! Legt nur eure Kette wieder an, Herr Ritter, und lernt uns mit bessern Augen betrachten! Laßt euch bemerklich machen, daß wir, obgleich einzelstehende Weiber, doch von Stande sind. Dieses Mädchen ist noch so unversehrt, wie seine Mutter es geboren hat, und kein Mensch auf der Welt ist im Stande das Gegentheil zu behaupten. Solltet ihr irgend eine Lüge vernommen haben, welche diese Wahrheit in Zweifel zöge, so bedenkt, wie die ganze Welt voll Truges ist und ich rufe die Zeit und die Erfahrung zu Zeugen an.
Schweigt doch, gnädige Frau, fiel ihr hier die Grijalva ins Wort, denn entweder weiß ich gar nichts, oder man soll mich umbringen, wenn dieser Herr in Absicht auf die Angelegenheit des Fräuleins die ganze Wahrheit weiß.
Und was kann er wissen, Unverschämte? Was kann er wissen? versetzte Claudia. Kennt ihr nicht die Reinheit meiner Nichte?
In der That, sagte hier Esperanza, die indessen ganz verdutzt und erschrocken in der Mitte des Zimmers gestanden und mit angehört hatte, was man über ihren Körper verhandelte, ganz gewiß ich bin sehr rein, denn es ist noch keine Stunde, daß ich trotz dieser Kälte ein reines Hemd angezogen habe.
Seid wie ihr sein mögt, sagte Don Felix; ich versichere euch, nachdem ich einmal das Tuchmuster gesehen habe, werde ich nicht aus der Bude gehen, ohne das ganze Stück zu kaufen. Damit ihr aber nicht aus Ziererei und Dummheit Anstand nehmt, mir es zu verkaufen, so wißt Frau Claudia, daß ich das ganze Gespräch oder die ganze Predigt, die ihr dem Mädchen soeben gehalten habt, mit angehört habe, und daß ich entschlossen bin, der erste zu sein, der diesen jungen Weinstock abliest oder in diesem Weinberg Nachlese hält, wenn auch dieser Kette noch goldene Ohrgehenke und ein paar diamantene Armbänder beigefügt werden müssen. Nun ich einmal der Wahrheit auf den Grund gekommen bin und ein so gutes Unterpfand habe, so behandelt mich, wenn ihr auch nicht anschlagt, was ich gebe, noch was von meiner Person zu erwarten ist, doch gefälliger als ihr sonst zu thun pflegt, wogegen ich euch dann versichern und schwören will, daß durch mich niemand in der Welt den Einbruch in diese Mauer erfahren soll, sondern daß ich selbst der Herold ihrer Unverletztheit und Trefflichkeit werden will.
Wohlan, sagte nun Grijalva, Glück zu und wohl bekomm es euch! Alle sind einverstanden; ich führe das Paar zusammen und segne sie ein.
Damit nahm sie die Hand des Mädchens und legte sie in die des Don Felix, worüber die Alte sich so erzürnte, daß sie sich einen Pantoffel auszog und auf die Grijalva loszuschlagen anfieng wie auf eine Schaar Feinde. Als diese sich so mißhandeln sah, legte sie Hand an Claudia's Haube und ließ ihr keinen Lappen auf dem Kopfe, wobei zugleich an der guten Frau eine Glatze zum Vorschein kam, glänzender als die eines Klosterbruders, nebst einem falschen Haarbusch, der an einer Seite herabhieng, so daß sie in der häßlichsten und abscheulichsten Verfassung von der Welt dastand.
Die Alte, da sie sich von ihrer Dienerin so behandelt sah, hub laut zu heulen und zu schreien an und rief die Polizei herbei; und auf ihren ersten Ruf, gleich als ob Zauberei dabei im Spiele gewesen wäre, trat der Corregidor der Stadt in den Saal mit mehr als zwanzig Personen, theils Unterrichtern theils Schergen.
Derselbe hatte nämlich Wind bekommen über die in diesem Hause lebenden Personen und beschlossen, es in dieser Nacht zu untersuchen. Er hatte an der Thüre gerufen, aber die in ihren Wortwechsel vertieften hatten es nicht vernommen, weshalb die Häscher mit zwei Hebeeisen, mit welchen sie zu solchen Zwecken des Nachts versehen sind, die Thüre aus den Angeln hoben und so geräuschlos herauf gekommen waren, daß man sie gar nicht bemerkte. So hatte also der Corregidor vom Anfange der Lehren der Tante bis zu dem Streite der Grijalva alles mit angehört, ohne ein Wort zu verlieren, und sagte, als er eintrat: Ihr geht ja sehr unhöflich mit eurer Frau um, Jungfer Magd.
Und ob diese Spitzbübin unhöflich mit mir umgeht, Herr Corregidor! sagte Claudia. Sie hat sich erfrecht, sich an mir zu vergreifen, an der sich nie jemand vergriffen hat, seitdem mich Gott in diese Welt gesetzt hat.
Ihr sagt mit Recht gesetzt hat, sagte der Corregidor, denn ihr seid zu nichts gut, als festgesetzt zu werden. Bedeckt euch, ehrbare Dame, und ihr alle, und kommt in das Gefängniß!
In das Gefängniß, Herr? Warum? sagte Claudia. Darf man Personen meines Standes und Ranges hier zu Lande so behandeln?
Schreit nicht so laut, gute Frau, denn ihr müßt wohl oder übel ohne weiteres mit, und ebenso das Fräulein hier, eure allerliebste Kostgängerin, die so vielzüngig ist in Absicht auf die erste Ernte in ihrem Weinberge.
Bringt mich um, sagte die Grijalva, wenn der Herr Corregidor nicht alles gehört hat; denn das mit der Ernte im Weinberg geht doch nicht auf niemand anders, als auf Esperanza.
In diesem Augenblick trat Don Felix herzu, sprach bei Seite mit dem Corregidor und bat ihn, die Frauen nicht fortzuführen, er wolle für sie gutstehen; aber alle Bitten fruchteten nichts bei ihm und noch weniger Versprechungen.
Indessen wollte das Geschick, daß unter den Leuten, welche den Corregidor begleiteten, zwei Studenten aus der Mancha sich befanden, welche bei der ganzen Geschichte gegenwärtig waren. Als sie nun sahen, was vorgieng, und daß man unter allen Umständen Esperanza, Claudia und die Grijalva in das Gefängniß führen werde, verabredeten sie plötzlich unter sich, was zu thun sei. Sie verließen unbemerkt das Haus und stellten sich mit sechs Freunden ihres Schlags, die ihnen glücklicherweise der Zufall zuführte, an eine gewisse Straße hinter einen Eckstein, wo die Verhafteten vorüber kommen mußten. Sie baten ihre Freunde, ihnen bei einem wichtigen Unternehmen gegen die Ortspolizei beizustehen, zu welchem Zwecke sie sie bereitwilliger und geneigter fanden, als wenn es sich darum gehandelt hätte, zu einem glänzenden Festmahl zu gehen.
Kurz darauf kam die Polizei mit den Gefangenen an; ehe sie aber ganz nahe kamen, brachen die Studenten mit solchem Muthe und Trotze auf sie ein, daß nach wenigen Augenblicken kein Häscher mehr auf der Straße zu sehen war. Trotz dem konnten sie aber nur die Esperanza befreien, denn als die Häscher den Kampf schief gehen sahen, flohen die, welche Claudia und die Grijalva führten, mit denselben durch eine Seitengasse und brachten sie nach dem Gefängniß. Der Corregidor gieng voll Schaam und Aerger nach seinem Hause, Don Felix nach dem seinen und die Studenten nach ihrer Herberge.
Als aber der, welcher Esperanza der Polizei entrissen hatte, sie diese Nacht genießen wollte, wollte der andere es nicht zugeben, sondern bedrohte ihn mit dem Tod, wenn er dieß thun würde.
O Wunder der Liebe, mächtige Gewalt des Verlangens!
Ich sage dieß deßhalb, weil der Student, welcher sah, daß sein Genosse mit solchem Ernst und Eifer ihn verhindern wollte, sie zu genießen, ohne weiteres Bedenken und ohne Ueberlegung dessen, was er im Begriffe war, zu thun, ausrief:
Wohlan denn, da ihr nicht zugebt, daß ich die genieße, die ich so theuer erkauft habe, und da ihr nicht wollt, daß ich als Liebhaber mich mit ihr unterhalte, so könnt ihr mir wenigstens nicht leugnen, daß ihr mir sie als meine eheliche Gattin nicht nehmen könnt und dürft.
Nach diesen Worten wandte er sich an das Mädchen, die er noch nicht von der Hand gelassen hatte und sagte zu ihr: Diese Hand, Gebieterin meines Herzens, die ich euch bisher als euer Vertheidiger gegeben habe, reiche ich euch nun, wenn ihr damit zufrieden seid, als euer rechtmäßiger Bräutigam und Gatte.
Esperanza, die mit einem geringeren Loose schon zufrieden gewesen wäre, sobald sie sah, welches Anerbieten er ihr machte, sagte ja und aber ja, und das nicht ein-, sondern vielmal und umarmte ihn als ihren Herrn und Gemahl. Sein Kamerad, erstaunt über einen so seltsamen Entschluß, machte sich, ohne ihnen ein Wort zu sagen, von hinnen und begab sich in sein Zimmer.
Der Bräutigam aber, in der Furcht, seine Freunde und Verwandte möchten ihm das Ziel seiner Wünsche verrücken und die Hochzeit hintertreiben, welche auch nicht mit den gehörigen Umständen vollzogen worden war, gieng noch in derselben Nacht in das Wirthshaus, wo sich sein Landfuhrmann aufhielt. Esperanza's gutes Glück wollte es, daß dieser den andern Morgen früh mit seinen Maulthieren abreiste, und mit dieser Gelegenheit giengen sie auch. Wie es heißt, kam er in Haus seines Vaters, welchem er die Meinung beibrachte, das Fräulein, das er bei sich habe, sei die Tochter eines vornehmen Ritters und er habe sie aus dem Hause ihres Vaters entführt unter dem Versprechen, sie zu heirathen. Der Vater war alt und glaubte alles gern, was ihm sein Sohn sagte; und wie er das gute Aussehen seiner Schwiegertochter sah, war er mehr als vergnügt, und lobte, so sehr er nur konnte, den guten Entschluß seines Sohnes.
Nicht so gut gieng es Claudia, denn es erhellte aus ihren eigenen Aussagen, daß Esperanza weder ihre Nichte, noch ihre Verwandte war, sondern ein Mädchen, das sie von der Thüre einer Kirche weggenommen, und eben so wie andere, die sich in ihrer Gewalt befunden hatten, zu wiederholten malen an verschiedene Personen als Jungfrauen verkauft hatte. Von diesem Handel hatte sie gelebt und ihn als Beruf und Gewerbe getrieben. Es erhellte auch, daß sie sich mit Hexerei abgab; und um dieser Verbrechen willen verurtheilte sie der Corregidor zu vierhundert Peitschenhieben und auf einer Schaubühne, in einem Käfig mit einer spitzigen Mütze mitten auf dem Markte ausgestellt zu werden, was für die Gassenjungen von Salamanca der lustigste Tag im ganzen Jahre wurde.
Die Heirat des Studenten wurde alsbald bekannt, und wiewohl einige seinem Vater das Wahre an der Sache und die Herkunft seiner Schwiegertochter schrieben, so hatte sie doch mit ihrer Verschlagenheit, ihrem klugen Betragen und ihrer Pflege ihren alten Schwiegervater so sehr für sich einzunehmen gewußt, daß, wenn man ihm auch noch schlimmere Dinge von ihr gesagt hätte, er doch nicht abgelassen haben würde, sie als seine Tochter werth zu halten.
Eine solche Gewalt üben Klugheit und Schönheit aus; ein solches Ende und Ziel aber nahm es mit der Frau Claudia von Astudillo und Quinnones und alle diejenigen, die ihr im Leben und Thaten nachfolgen werden, und müssen es gleicherweise finden.
Der Esperanzen wird es im Leben wenige geben, die, wenn sie ein so schlechtes Leben geführt haben, wie diese, solche Ruhe und ein solches Ziel erreichen, wie sie; denn die meisten ihres Gelichters füllen die Betten der Hospitäler und kommen darin elend und erbärmlich um, denn Gott fügt es so, daß die, welche als Mädchen aller Blicke an sich fesseln, am Ende nicht einen einzigen mehr finden, der nur einen Blick auf sie wirft.
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