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Don Antonio von Isunza und Don Juan von Gamboa, zwei vornehme Edelleute von gleichem Alter, sehr verständig und vertraute Freunde, studierten in Salamanca, beschlossen aber ihre Studien zu verlassen und nach Flandern zu gehen, getrieben von der Hitze des jugendlichen Blutes und von dem Verlangen die Welt zu sehen, wie man zu sagen pflegt, auch weil sie meinten, der Beruf der Waffen, obgleich er allen gut stehe und passe, schicke sich doch und passe am besten für edel geborene und Leute aus vornehmem Geschlechte.
Sie kamen daher nach Flandern, als alles schon friedlich war, oder wenigstens Verhandlungen gepflogen und Uebereinkünfte getroffen wurden, um den Frieden bald herbeizuführen. Sie erhielten in Antwerpen Briefe ihrer Eltern, worin diese ihren lebhaften Verdruß ausdrückten, den sie darüber empfinden, daß sie ihre Studien so ohne Weiteres verlassen haben, ohne ihnen davon erst Nachricht zu geben, wo sie denn die Reise mit der Bequemlichkeit hätten machen können, welche sich für ihren Stand ziemte.
Kurz als sie den Kummer ihrer Eltern erfuhren, beschloßen sie, nach Spanien zurück zu kehren, weil sie in Flandern nichts zu thun hatten; ehe sie aber nach Hause kehrten, wollten sie die berühmtesten Städte Italiens besuchen, und als sie sie alle gesehen hatten, hielten sie in Bolonia stille und wollten, verwundert über die Studien dieser ausgezeichneten Universität an derselben die ihrigen fortsetzen.
Sie theilten diesen Entschluß ihren Eltern mit, die darob eine große Freude empfanden und diese dadurch zu erkennen gaben, daß sie ihnen Gelder zu einer glänzenden und anständigen Ausstattung zuschickten, damit sie in ihrem Aufzuge zeigen sollten, wer sie seien und von welchen Eltern sie abstammen; und von dem ersten Tage an, wo sie die Vorlesungen besuchten, erkannte sie auch jedermann als Ritter von guter Erziehung, feinem Anstand und gebildetem Geiste.
Don Antonio mochte gegen vier und zwanzig Jahre alt sein und Don Juan nicht mehr als sechs und zwanzig, und zum Schmuck ihrer jungen Jahre trug viel bei, daß sie sehr schöne Leute waren, Musik und Poesie verstanden und sich gewandt und tapfer zeigten, Eigenschaften, die ihnen die Gunst und Zuneigung aller verschafften, mit welchen sie umgiengen.
In Kurzem zählten sie daher sowohl unter den spanischen Studenten, deren sich sehr viele an dieser Universität aufhielten, als unter den eingebornen und den fremden viele Freunde; gegen alle aber zeigten sie sich großmüthig und höflich, und ganz fremd jener Anmaaßung, welche man sonst den Spaniern dort schuld gibt.
Da sie jung und heitern Sinnes waren, fanden sie es ihrem Geschmack nicht zuwider, sich um die Schönen der Stadt zu bekümmern; ob es gleich aber viele Frauen gab, verheirathete und unverheirathete, die im Rufe großer Ehrbarkeit und Schönheit standen, so übertraf sie doch alle das Fräulein Cornelia Bentibolli aus dem alten edeln Hause der Bentibolli, welche einst Herren von Bolonia gewesen waren.
Cornelia war im höchsten Grade schön und stand unter der Obhut und dem Schutze des Lorenzo Bentibolli, ihres Bruders, eines sehr geehrten und tapfern Ritters. Sie hatten Vater und Mutter verloren, aber ob sie nun gleich allein standen, so waren sie doch reich und der Reichthum ist eine große Hilfe für Waisen. Cornelia lebte so zurückgezogen, und ihr Bruder bewachte sie mit solchem Eifer, daß sie sich niemand zeigte und ihr Bruder auch nicht zugab, daß jemand sie sah.
Dieser Ruf machte Don Juan und Don Antonio begierig, sie zu sehen, und wenn es auch in der Kirche wäre. Ihre Mühe war indeß vergebens, und ihr Verlangen wurde durch die Unmöglichkeit verringert, welche der Hoffnung das Messer an die Kehle setzt.
So führten sie ein eben so heiteres als ehrbares Leben, blos mit der Liebe zu ihren Studien und in der Unterhaltung einiger anständigen Vergnügungen. Selten giengen sie Abends aus, und wenn sie es thaten, so waren sie beisammen und gut bewaffnet.
Als sie nun einmal Abends ausgehen wollten, sagte Don Antonio zu Don Juan, er wolle noch zu Hause bleiben, um einige Gebete zu sprechen; er möchte nur vorausgehen, er werde ihm sogleich folgen.
Das ist nicht nöthig, sagte Don Juan. Ich will auf euch warten, und wenn wir heute Abend gar nicht ausgehen, so hat es ja auch nichts zu sagen.
Nein wahrlich, versetzte Don Antonio, geht und schöpft frische Luft! Ich werde gleich bei euch sein, wenn ihr unsern gewöhnlichen Weg einschlagt.
Thut nach eurem Gefallen, sagte Don Juan, und bleibt in Gottes Namen! Wenn ihr noch ausgeht, so gehe ich denselben Weg, wie an den letzten Abenden.
Don Juan gieng und Don Antonio blieb. Die Nacht war etwas dunkel und es war elf Uhr. Wie er durch zwei oder drei Straßen gekommen war, beschloß er, da er so allein gieng und sich mit niemand unterhalten konnte, wieder umzukehren. Er führte es aus und als er im Heimweg durch eine Straße kam, welche Gänge von Marmorsäulen hatte, hörte er sich aus einer Thüre zurufen: Bst, bst!
Das Dunkel der Nacht, welches noch durch das Dunkel der Säulengänge vermehrt wurde, erlaubte ihm nicht zu entdecken, woher der Ruf kam. Er blieb ein Weilchen stehen und lauschte; da sah er, daß sich eine Thüre halb öffnete. Er trat hinzu und hörte eine Stimme leis zu ihm sagen: Seid ihr vielleicht Fabio?
Don Juan antwortete, schnell gefaßt: Ja.
So nehmt, antworte man von innen, und bringt es in Sicherheit! Dann kommt gleich wieder, denn es liegt viel daran!
Don Juan streckte die Hand aus und faßte ein Päckchen; als er es nehmen wollte, sah er, daß er zwei Hände brauchte, und so mußte er es mit beiden halten. Und kaum hatte man es ihm eingehändigt, so machte man die Thüre wieder zu und er befand sich mit seiner Bürde auf der Straße, ohne zu wissen, was sie enthielt.
Aber fast in demselben Augenblicke begann ein neugebornes Kind zu wimmern und Don Juan war über dieses Weinen verwirrt und erstaunt, und wußte nicht, was er anfangen sollte, noch was er bei diesem Falle zu thun habe. Wenn er zurückgienge und an der Thüre pochte, schien es ihm, könnte diejenige Gefahr laufen, der das Kind angehörte; wenn er es liegen ließe, so wäre das Kind selbst in Gefahr. Nähme er es nach Hause, so hatte er dort niemand, der es verpflegte, und auch sonst kannte er in der ganzen Stadt niemand, dem er es bringen konnte.
Da er aber bedachte, daß man ihm gesagt hatte, er möchte es in Sicherheit bringen und dann gleich wieder kommen, entschloß er sich, es nach Haus zu tragen und einer Haushälterin, welche sie bediente, zur Verpflegung zu übergeben, sodann aber gleich zurück zu kommen, um zu sehen, ob man irgend wie seine Hilfe bedürfe, wiewohl er deutlich gesehen hatte, daß man ihn für einen andern hielt und daß man ihm nur aus Irrthum das Kind übergeben hatte.
Kurz er kam, ohne weiter lange zu überlegen, mit dem Kinde nach Hause, als eben Don Antonio weggegangen war. Er trat in ein Zimmer, rief seiner Haushälterin, deckte das Kind auf und fand, daß es das schönste kleine Geschöpf war, das er je gesehen hatte. Die Tücher, in welche es gehüllt war, zeigten, daß es von reichen Eltern abstammte. Die Haushälterin wickelte es aus einander und sie fanden, daß es ein Knabe war.
Man muß, sagte Don Juan, diesem Bürschchen die Brust geben, und zwar stellen wir dieß auf folgende Weise an: ihr müßt diese reichen Gewänder wegnehmen, Haushälterin, und es in andere bescheidenere hüllen; dann tragt ihr es, ohne zu sagen, daß ich es gebracht habe, in das Haus einer Hebamme, denn diese Frauen pflegen immer in ähnlichen Bedrängnissen Hilfe und Rath zu schaffen. Nehmt Geld genug mit, daß sie zufrieden ist, und gebt dem Kinde zu Eltern, wen ihr wollt, um nur die Wahrheit zu verstecken, daß ich es hergebracht habe.
Die Dienerin erwiderte, sie wolle alles dieß auf das Pünktlichste besorgen, und Don Juan kehrte mit möglichster Eile zurück, um nachzusehen, ob man ihm zum zweitenmal rufen werde. Aber kurz ehe er nach dem Hause kam, in das man ihn gerufen hatte, hörte er ein heftiges Degengeklirre, wie wenn viele Leute auf einander losschlügen. Er horchte, vernahm aber kein Wort, denn der Kampf wurde ganz stimmenlos betrieben; bei dem Scheine der Funken aber, welche die von den Degen getroffenen Steine gaben, konnte er ziemlich deutlich bemerken, daß viele gegen einen kämpften, was durch die Worte, die er nun hörte, bestätigt wurde.
Ha, Verräther, rief einer; ihr seid viele und ich bin allein! Aber trotz alle dem soll euch eure Hinterlist nichts nützen.
Als Don Juan dieß hörte und sah, sprang er, getrieben durch sein muthiges Herz, mit zwei Sätzen an die Seite des Bedrängten, nahm einen Degen und einen Fechtschild, den er bei sich führte, zur Hand und sagte dem Angegriffenen auf Italiänisch, um nicht als Spanier erkannt zu werden:
Fürchtet euch nicht, denn ihr habt einen Mitkämpfer erhalten, der bis an den Tod an eurer Seite fechten wird! Regt eure Hände, denn Verräther vermögen wenig, wenn sie auch viele sind.
Darauf antwortete einer von den Gegnern: Du lügst; hier sind keine Verräther; denn derjenige, der seine verlorene Ehre wieder zu erlangen sucht, kann sich alles Mögliche erlauben.
Er sprach nichts weiter mit ihm; denn die Eile, mit welcher die Feinde auf sie losdrangen, gab ihm keine Zeit dazu; es waren deren nach Don Juans Meinung sechs. Man setzte seinem Gefährten so heftig zu, daß er durch zwei Stöße, die er zu gleicher Zeit auf die Brust erhielt, zu Boden gestreckt wurde. Don Juan glaubte, sie haben ihn ermordet, stellte sich ihnen nun allein mit außerordentlicher Geschicklichkeit und Tapferkeit entgegen und brachte sie zum Weichen durch einen Hagel von Hieben und Stößen.
Seine Geschicklichkeit wäre indeß wohl zur Vertheidigung und zum Angriffe nicht hinreichend gewesen, wenn das Glück ihm nicht geholfen hätte, indem es fügte, daß die Bewohner der Straße mit Lichtern an die Fenster kamen und mit lauter Stimme nach der Obrigkeit riefen. Als dieß die Gegner vernahmen, wandten sie den Rücken und flohen aus der Straße.
Während dem hatte sich der Gefallene schon wieder emporgerichtet, denn die Stöße hatten einen Brustharnisch gefunden, welcher so hart war, wie Diamant. Don Juan hatte während des Gefechts den Hut fallen lassen; er suchte ihn und fand einen andern, den er aufsetzte, ohne nachzusehen, ob es der seinige sei, oder nicht.
Der Gefallene trat zu ihm und sagte: Herr Ritter, wer ihr auch seid, ich gestehe, daß ich euch mein Leben verdanke, und es wird nebst allem, was ich kann und vermag, eurem Dienste gewidmet sein. Seid so gefällig und sagt mir, wer ihr seid und wie ihr heißt, damit ich weiß, wem ich mich dankbar zu beweisen habe.
Darauf antwortete Don Juan: Ob ich schon nicht eigennützig denke, will ich doch nicht unhöflich sein. Blos um eure Bitte zu erfüllen, mein Herr, und euch zufrieden zu stellen, sollt ihr von mir erfahren, daß ich ein spanischer Ritter bin und Student in dieser Stadt. Wenn es euch von Werth wäre, meinen Namen zu wissen, so würde ich ihn euch sagen; wollt ihr aber vielleicht ein andermal meine Dienste in Anspruch nehmen, so wißt, daß ich Don Juan von Gamboa heiße.
Ihr habt mir einen großen Gefallen erzeigt, antwortete der Gefallene; ich aber, Herr Don Juan von Gamboa, will euch nicht sagen, wer ich bin und wie ich heiße, weil es mir ein besonderes Vergnügen machen wird, wenn ihr es von jemand anders erfahrt, als von mir, und ich will dafür sorgen, daß man es euch kund thut.
Don Juan hatte ihn schon vorher gefragt, ob er verwundet sei, weil er gesehen hatte, daß er zwei starke Stöße bekam, und zur Antwort erhalten, ein trefflicher Brustharnisch, den er trage, habe ihn nächst Gott davor bewahrt; dennoch aber würden ihn seine Feinde getödtet haben, wenn er ihm nicht beigestanden hätte.
Indem sahen sie einen Trupp Leute auf sich zukommen und Don Juan sagte: Wenn dieß die Feinde sind, welche zurückkommen, so seid auf eurer Hut, mein Herr, und behauptet euren Posten!
So viel ich glaube, sind es nicht Feinde, sondern Freunde, die zu uns kommen.
Und so war es auch wirklich, denn die Ankommenden, deren acht waren, umgaben den Gefallenen und wechselten mit ihm einige Worte, aber so still und geheim, daß Don Juan sie nicht verstehen konnte. Der Vertheidigte wandte sich darauf zu Don Juan und sagte:
Wären nicht diese Freunde gekommen, so hätte ich euch gewiß nicht verlassen, Herr Don Juan, bis ihr mich ganz in Sicherheit gebracht hättet. Jetzt aber bitte ich euch inständigst, euch zurück zu ziehen und mich hier zu lassen; denn es ist mir von Bedeutung.
Indem er dieß sagte, fuhr er mit der Hand nach dem Kopfe und bemerkte, daß er ohne Hut war. Darauf wandte er sich zu denen, welche gekommen waren, und bat sie um einen Hut, da ihm der seinige herunter gefallen sei. Kaum hatte er dieß gesagt, als ihm Don Juan denjenigen aufsetzte, den er auf der Straße gefunden hatte. Der Gefallene befühlte ihn, gab ihn darauf Don Juan zurück und sagte:
Dieser Hut gehört nicht mir; so wahr ihr lebt, Herr Don Juan, nehmt ihn mit als Siegeszeichen zum Andenken an diesen Kampf, und hebt ihn auf, denn ich glaube, man wird ihn kennen.
Man gab dem Vertheidigten einen andern Hut, und Don Juan, um sich seinem Wunsche zu fügen, sprach einige kurze Worte der Höflichkeit und verließ ihn, ohne zu erfahren, wer er sei. Darauf gieng er nach Hause und vermied, sich der Thüre zu nähern, wo man ihm das Kind gegeben hatte, weil es ihm vorkam, als sei das ganze Stadtviertel aufgewacht und in Bewegung über den Kampf.
Es geschah nun, als er nach seiner Wohnung zurückkehrte, daß er auf der Hälfte des Weges mit Don Antonio von Isunza seinem Kameraden zusammen traf. Sie erkannten einander sogleich und Don Antonio sagte zu ihm:
Kommt mit mir, Don Juan, wir wollen die Straße etwas hinauf gehen und unterwegs will ich euch eine seltsame Geschichte erzählen, die mir begegnet ist und wie ihr gewiß in eurem ganzen Leben nichts werdet gehört haben.
Mit solchen Geschichten könnte ich euch auch bedienen, antwortete Don Juan; aber gehen wir hin, wohin ihr wollt, und erzählt mir die eure!
Don Antonio gab den Weg an und sagte: Ihr müßt wissen, daß ich etwas über eine Stunde, nachdem ihr das Haus verlassen, ausgieng, um euch zu suchen, und war noch nicht dreißig Schritte gegangen, als ich gerade auf mich eine schwarze Gestalt zukommen sah, die sehr eilig zu gehen schien. Als sie näher kam, erkannte ich in ihr eine Frau in weitem Gewande, welche mit einer Stimme, die von Schluchzen und Seufzern häufig unterbrochen war, zu mir sprach:
Seid ihr, mein Herr, etwa fremd, oder aus der Stadt?
Ich bin fremd und zwar ein Spanier, antwortete ich.
Dem Himmel sei Dank, sagte sie hierauf, welcher nicht will, daß ich ohne Sacramente sterbe.
Seid ihr verwundet, meine Dame? versetzte ich, oder seid ihr tödtlich krank?
Es könnte sein, daß meine Krankheit tödtlich würde, wenn ich nicht bald Hilfe bekomme; und bei dem Edelmuth, der immer die Männer eures Volks zu beherrschen pflegt, flehe ich euch an, Herr Spanier, führt mich aus diesen Straßen hinweg und bringt mich nach eurer Herberge so schnell, als ihr immer könnt, denn dort sollt ihr, wenn ihr es wünscht, das Unglück erfahren, das mich drückt, und wer ich bin, geschähe dieß auf Kosten meines Rufes.
Wie ich dieß horte, glaubte ich, es müsse ihr sehr viel an der Erfüllung ihres Wunsches liegen, nahm sie daher, ohne ihr zu antworten, bei der Hand und führte sie durch abgelegene Straßen nach der Herberge. Der Edelknabe Santisteban öffnete mir die Thüre, ich hieß ihn sich zurückziehen und brachte sie, ohne daß er sie sah, in mein Zimmer, und so wie sie dort angekommen war, warf sie sich ohnmächtig auf mein Bett.
Ich näherte mich ihr, entblößte ihr Gesicht, welches sie mit dem Schleier bedeckt hatte, und erblickte in ihr die höchste Schönheit, welche menschliche Augen je gesehen haben. Sie mag, so scheint mir, etwa achtzehn Jahre alt sein; eher weniger, als mehr. Ich war erstaunt, einen so außerordentlichen Grad von Schönheit zu erblicken, und eilte, ihr ein wenig Wasser ins Gesicht zu spritzen, worauf sie wieder zu sich kam und kläglich seufzte. Das erste, was sie zu mir sagte, war:
Kennt ihr mich, mein Herr?
Nein, antwortete ich, und es wäre auch nicht gut, wenn ich das Glück gehabt hätte, eine so große Schönheit zu kennen.
Wehe derjenigen, antwortete sie, der sie der Himmel zu ihrem größten Unglücke gegeben hat! Doch es ist jetzt nicht an der Zeit, mein Herr, Schönheiten zu preisen, sondern Unfällen vorzubeugen. Ich beschwöre euch bei eurem Range, laßt mich hier eingeschlossen, und laßt mich von niemand erblicken! Jetzt aber kehret sogleich an den Ort zurück, wo ihr mich getroffen habt, und seht zu, ob es dort ein Handgemenge gibt. Steht keinem Theile von den Streitern bei, sondern stiftet Frieden, denn auf welche Seite auch sich der Nachtheil wenden würde, er würde immer den meinigen erhöhen.
Ich habe sie eingeschlossen zu Hause und eile jetzt den Streit beizulegen.
Habt ihr noch etwas zu erzählen, Don Antonio? fragte Don Juan.
Meint ihr nicht, ich habe genug erzählt? antwortete Don Antonio; ich habe dir ja gesagt, daß ich in meinem Zimmer und unter meinem Verschlusse die größte Schönheit habe, die menschliche Augen je gesehen haben?
Das Abenteuer ist fürwahr seltsam, sprach Don Juan; doch höret jetzt das meinige!
Er erzählte ihm hierauf alles, was ihm begegnet war, und daß das Kind, das man ihm gegeben habe, sich zu Hause in den Händen seiner Haushälterin befinde, welcher er den Befehl gegeben habe, die reichen Windeln des Kindes mit ärmlichen zu vertauschen und dasselbe irgendwohin zu bringen, wo es gesäugt würde oder man wenigstens für seine nächsten Bedürfnisse sorgte. Er erzählte ihm ferner, daß der Streit, den er jetzt beilegen wolle, bereits vorüber und geschlichtet sei; er habe ihm selbst beigewohnt, und nach seiner Meinung müssen alle Theilnehmer an dem Kampfe Personen von Bedeutung und hohem Range sein.
Die Freunde waren sehr verwundert über ihre beiderseitigen Abenteuer und kehrten eilig nach der Herberge zurück, um zu sehen, was die Eingeschlossene nöthig haben möchte. Unterwegs sagte Don Antonio zu Don Juan, er habe jener Dame versprochen, sie vor niemand sehen zu lassen und es werde niemand ihr Zimmer betreten, als er allein, so lange sie es ihm nicht anders erlaube.
Das thut nichts, antwortete Don Juan; ich will schon ein Mittel finden, sie zu sehen, denn ich wünsche es außerordentlich, da ihr sie mir als so schön gepriesen habt.
Darüber kamen sie nach Hause und bei dem Schein eines Lichtes, das einer ihrer drei Edelknaben trug, warf Don Antonio einen Blick auf den Hut, den Don Juan auf hatte, und sah, daß er von Diamanten glänzte. Er nahm ihm denselben ab, und sah, daß der Glanz von vielen Diamanten herrührte, die er an der kostbaren Hutschnur trug. Beide beschauten sie und schloßen daraus, wenn alle echt seien, wie es den Anschein habe, möge sie mehr als zwölftausend Ducaten werth sein.
Daraus erkannten sie vollends, daß die Leute, die den Streit geführt, den höchsten Classen angehören müssen, namentlich derjenige, dem Don Juan beigesprungen war und von dem er sich erinnerte, die Worte gehört zu haben, er solle den Hut mitnehmen und aufheben, denn man werde ihn wohl erkennen.
Sie befahlen ihren Edelknaben, sich zurückzuziehen, und Don Antonio fand, als er sein Gemach öffnete, die Dame auf dem Bett sitzend, die Wange in die Hand geschmiegt und heiße Thränen vergießend. Don Juan, der sehr begierig war, sie zu sehen, öffnete die Thüre so weit, daß er seinen Kopf hineinstecken konnte; als aber der Schein der Diamanten der Weinenden in die Augen fiel, blickte sie empor und sprach:
Tretet ein, Herr Herzog, tretet ein! Warum wollt ihr denn mit dem Glücke eures Anblicks so karg thun?
Hierauf sprach Don Antonio: Es ist hier kein Herzog, meine Dame, der sich sträubt euch zu sehen.
Wie so? versetzte sie. Der, der sich eben an die Thüre lehnte, ist ja der Herzog von Ferrara und der Reichthum seines Hutes ist ein schlechtes Mittel sich zu verleugnen.
In der That, mein Fräulein, der Hut, den ihr so eben gesehen habt, sitzt nicht auf dem Haupte eines Herzogs, und wenn ihr euch davon überzeugen wollt, indem ihr seht, wer ihn trägt, so gebt ihm Erlaubniß hereinzukommen.
Wohlan, er mag eintreten, sagte sie hierauf, obgleich, wenn es der Herzog nicht ist, dieß zur Vergrößern meines Unglücks beiträgt.
Don Juan hatte diese ganze Unterredung mit angehört, und sobald er sah, daß er Erlaubniß hatte, einzutreten, kam er den Hut in der Hand in das Zimmer. So wie er sich nun vor sie hingestellt und sie erkannt hatte, daß es nicht der sei, der aus dem reichen Hute zu vermuthen war, sprach sie mit zitternder Stimme und stammelnder Zunge:
Wehe mir Unglücklichen! Mein Herr, sagt mir schnell und ohne mich länger hinzuhalten, ob ihr den Herrn dieses Hutes kennt! Wo habt ihr ihn gelassen oder wie kam der Hut in eure Hände? Lebt er noch oder ist dieß die Kunde, die er mir von seinem Tode schickt? O mein Geliebter! Was sind das für Begebenheiten? Hier erblicke ich Kleinode, die dir gehören, hier sehe ich mich eingeschlossen ohne dich, und wenn ich nicht wüßte, daß ich in der Gewalt spanischer Edelleute wäre, so würde mir die Furcht, meine Ehre zu verlieren, bereits das Leben geraubt haben.
Seid ruhig, Fräulein, sagte Don Juan, denn der Herr dieses Hutes ist nicht todt und ihr seid auch an keinem Orte, wo euch irgend eine Beleidigung wiederfahren könnte, sondern wir wollen euch dienen, so weit unsere Kräfte reichen und selbst unser Leben wagen, um euch zu vertheidigen und zu beschützen. Es wäre nicht gut, wenn euer Vertrauen in die Rechtschaffenheit der Spanier euch sollte geteuscht haben; und da wir nun wirklich Spanier sind und zwar von hohem Range, denn hier mag wohl, was Anmaaßung scheinen könnte, am Platz sein, so haltet euch versichert, daß wir die Ehrfurcht beobachten werden, die wir eurer Person schuldig sind.
Das glaube ich, antwortete sie; aber demungeachtet sagt mir, mein Herr, wie kam dieser kostbare Hut in eure Hände, oder wo ist sein Besitzer? Denn dieß ist niemand anders als Alfonso von Este, Herzog von Ferrara.
Um sie nicht länger in Unruhe zu lassen, erzählte ihr nun Don Juan, er habe diesen Hut in einem Gefecht gefunden, wo er einen Ritter beschützt und unterstützt habe, der nach dem, was sie sage, unzweifelhaft der Herzog von Ferrara sein müsse; er habe während des Kampfs seinen eigenen Hut verloren und diesen gefunden, und jener Ritter habe ihn gebeten, denselben zu behalten, weil er kenntlich sei; übrigens habe man den Kampf beendet, ohne daß weder der Ritter noch er selbst sei verwundet worden, und nachdem er geschlossen gewesen, seien noch Leute hinzugekommen, welche wie es schien, Diener oder Freunde desjenigen gewesen seien, von dem er glaubte, daß er der Herzog sei. Dieser letztere habe ihn hierauf gebeten, ihn zu verlassen und sich hinweg zu begeben, wobei derselbe sich sehr dankbar für den erwiesenen Beistand gezeigt habe.
Auf diese so eben erzählte Art, meine Dame, fuhr Don Juan fort, kam der reiche Hut in meinen Besitz, und wenn er, wie ihr sagt, dem Herzog gehört, so habe ich ihn vor weniger als einer Stunde unversehrt, gesund und wohlbehalten verlassen. Diese ganz wahre Versicherung möge im Stande sein, euch zu trösten, wenn es euch Trost gewähren kann, das Wohlbefinden des Herzog zu erfahren.
Damit ihr selbst urtheilen könnt, meine Herren, ob ich Recht und Grund habe, mich nach ihm zu erkundigen, so hört mir zu und vernehmet meine, ich weiß nicht ob ich sagen soll unglückliche Geschichte.
Während dieß alles vor sich gieng, war die Haushälterin beschäftigt, dem Säugling Honig in den Mund zu streichen und seine reichen Windeln mit ärmlichen zu vertauschen. Wie sie ganz damit fertig war, wollte sie es zu einer Hebamme tragen, wie ihr Don Juan befohlen hatte, und als sie damit vor dem Zimmer vorbeigieng, wo sich diejenige befand, die eben ihre Geschichte anfangen wollte, weinte das Kind so laut, daß es die Dame hörte. Sie sprang vom Bett auf, horchte und unterschied deutlicher das Weinen des Kindes und fragte:
Was ist das für ein Kind, meine Herren? Es scheint ein neugebornes zu sein.
Don Juan antwortete: Es ist ein Knäbchen, das man uns diese Nacht an die Hausthüre gelegt hat, und die Haushälterin geht nun fort, um jemand zu suchen, der es säugen kann.
Bringt es mir her um Gottes Liebe willen, sagte die Frau; ich will diese Barmherzigkeit fremden Kindern erweisen, da der Himmel nicht vergönnt, daß ich sie meinen eigenen thue.
Don Juan rief der Haushälterin, nahm ihr das Kind ab, brachte es der Frau, wie sie gewünscht hatte, herein, legte es ihr in die Arme und sagte:
Seht her, gnädige Frau, das Geschenk, das man uns diese Nacht gemacht hat! Und dieß ist nicht das erste dieser Art, denn es vergeht selten ein Monat, ohne daß wir auf der Schwelle dergleichen Funde thun.
Sie nahm es auf die Arme, betrachtete aufmerksam sein Gesicht, so wie die ärmlichen wiewohl reinen Lacken, in welche es gewickelt war, dann nahm sie, ohne dabei die Thränen halten zu können, das Tuch vom Kopfe und breitete es über die Brüste, um dem Kleinen mit Anstand zu trinken geben zu können, legte es an, schmiegte ihr Gesicht an das seinige, und nährte es mit ihrer Milch, während ihre Thränen sein Gesicht badeten. So blieb sie eine gute Weile, ohne das ihrige zu erheben, so lange der Knabe die Brust behalten wollte. Während dieser Zeit beobachteten alle vier das tiefste Schweigen.
Das Kind schien zu saugen, es war jedoch nicht so, weil die Frauen unmittelbar nach der Entbindung nicht säugen können. Die Frau, welche dem Kinde die Brust reichte, bemerkte dieß auch und sprach nun zu Don Juan gewandt:
Ich habe mich vergeblich mitleidig zeigen wollen; man sieht wohl, ich bin zu sehr Neuling in diesen Fällen. Laßt, mein Herr, diesem Kinde etwas Honig geben, um es zu beschwichtigen, und gebt nicht zu, daß es zu dieser Stunde über die Straße getragen wird. Indessen wartet bis es Tag wird und gebt mir das Kind, ehe ihr es mir forttragt, denn sein Anblick tröstet mich ungemein.
Don Juan gab den Säugling nun der Wärterin zurück, und befahl dieser, bis zu Tages Anbruch für dasselbe Sorge zu tragen, und ihm die reichen Kleider, mit welchen es angethan war, wieder zu geben, es aber nicht früher aus dem Hause zu tragen, als bis sie ihm Nachricht darüber gegeben habe.
Nun gieng er wieder zurück und als die drei allein beisammen waren, sagte die schöne Cornelia:
Wenn ihr wollt, daß ich sprechen soll, so gebt mir vorher etwas zu essen, denn ich fühle mich ohnmächtig werden und habe in der That Ursache genug dazu.
Don Antonio lief sogleich nach einem Schreibpult und brachte daraus vielerlei eingemachte Früchte hervor; die Ohnmächtige nahm einige davon zu sich und trank ein Glas frisches Wasser, wodurch sie wieder etwas zu Kräften kam. Und nachdem sie eine Weile geruht hatte, sprach sie also:
Setzt euch, meine Herren, und hört mir zu!
Sie thaten es, die Frau legte sich wieder auf das Bett, bedeckte sich sorgfältig mit der Schleppe ihres Gewands, zog den Schleier, den sie auf dem Haupte trug, um die Schultern herab, und zeigte so ganz frei und unbedeckt ein Antlitz, welches dem Monde oder besser der Sonne selbst glich, wenn sie am vollsten und hellsten scheint. Flüssige Perlen entfielen ihren Augen, sie trocknete sie mit einem schneeweißen Tuche und mit Händen, welche ebenfalls so weiß waren, daß ein scharfer Sinn dazu gehörte, um den Unterschied in der Weiße zwischen ihnen und dem Tuch zu finden.
Nachdem sie endlich vielfach geseufzt und sich bemüht hatte, ihr Herz ein wenig zu beruhigen, sprach sie mit schmerzlicher zitternder Stimme:
Ich bin diejenige, meine Herren, welche ihr früher schon oft habt nennen hören, denn es gibt wenige Zungen, welche den Ruf meiner Schönheit, was nun auch an ihr sei, nicht öffentlich verbreitet hätten. Kurz ich bin Cornelia Bentibolli, die Schwester Lorenzo Bentibollis, und indem ich euch dieß sage, vernehmet ihr vielleicht zugleich zwei Wahrheiten, nämlich die meines Adels und die meiner Schönheit. Schon in früher Kindheit wurde ich vater- und mutterlose Waise und blieb unter der Obhut meines Bruders, der mich von je her mit größter Vorsicht schützte, ob er gleich meiner Tugend mehr vertraute, als dem Eifer, mit welchem er über mich wachte. Kurz ich wuchs in häuslicher Zurückgezogenheit und Einsamkeit auf und hatte weiter niemand zu meiner Gesellschaft, als meine Dienerinnen.
So wuchs ich auf und mit mir wuchs zugleich der Ruf von meiner Anmuth, den meine Bedienten verbreiteten und diejenigen, die in meiner Abgeschiedenheit mit mir umgiengen. Auch ein Bildniß trug dazu bei, das mein Bruder durch einen berühmten Maler von mir aufnehmen ließ, damit, wie er sagte, die Welt mich nicht verlöre, wenn mich auch der Himmel zu einem bessern Leben abrufe.
Doch das alles wäre nicht im Stande gewesen, mein Verderben so schleunig herbei zu führen, wenn es sich nicht getroffen hätte, daß der Herzog von Ferrara als Brautführer zur Hochzeit meiner Base kam, auf die mich auch mein Bruder in guter Absicht und meiner Base zu Ehren mitnahm. Hier sah ich und ward gesehen; hier machte ich wohl an manchen Herzen eine Eroberung und manchen Willen mir unterthan; hier empfand ich, welches Vergnügen Lobsprüche gewähren, wenn sie auch von schmeichlerischen Zungen gewährt werden. Kurz hier sah ich den Herzog und er sah mich, und das Ergebniß davon ist die Lage, in der ich mich jetzt sehe.
Ich will euch nicht erzählen, meine Herren, denn es würde mich allzu weit führen, durch welche Anschläge, Künste und Mittel ich und der Herzog nach Verlauf von zwei Jahren zum Ziele der Wünsche gelangten, die auf jener Hochzeit in uns erwacht waren; denn weder Aufsicht, noch Einschränkung, weder gut gemeinte Warnungen noch andere menschliche Vorsichtsmaaßregeln vermochten unsere Vereinigung zu verhindern, die zuletzt auf das Versprechen erfolgte, das er mir gab, mein Gemahl zu werden, denn ohne dieß wäre es unmöglich gewesen, den Fels meines beharrlichen und edeln Stolzes zu überwinden.
Tausendmal sagte ich zu ihm, er solle offen meine Hand von meinem Bruder verlangen, da dieser sie ihm unmöglich abschlagen könne, und daß er sich in diesem Falle gegen das Publicum nicht viel zu entschuldigen brauche, wenn man ihm die Ungleichheit unserer Heirat schuldgebe, da der Adel des Hauses Bentibolli dem des estischen Geschlechts in nichts nachstehe.
Darauf antwortete er mit Vorwänden, die ich nicht für hinreichend und nothwendig erachtete. Hingebend und vertrauensvoll glaubte ich ihm in meiner Liebe und ergab mich völlig seinem Willen, auf das beständige Andringen einer meiner Mägde, welche den Geschenken und Versprechungen des Herzogs sich nachgiebiger erwies, als sie bei dem Vertrauen hätte thun sollen, welches mein Bruder in ihre Treue setzte.
Kurz nach wenigen Tagen fühlte ich mich schwanger und ehe meine Kleider meinen Leichtsinn verriethen, um der Sache nicht einen noch übleren Namen zu geben, stellte ich mich krank und schwermüthig und bewog meinen Bruder, mich in das Haus jener meiner Base zu bringen, deren Brautvater der Herzog gewesen war. Dort that ich dem Herzog zu wissen, wie es um mich stand und welche Gefahr mich bedrohe, und wie sogar mein Leben nicht sicher sei, denn ich vermuthete, mein Bruder möchte meinen Fehltritt ahnen.
Wir kamen nun beide mit einander überein, ich solle ihm, wenn ich in den letzten Monat eintrete, davon Kunde geben, wodann er mit andern seiner Freunde kommen und mich nach Ferrara bringen wolle, um sich daselbst in dem günstigen Augenblick, den er erwartete, öffentlich mit mir zu vermählen. In dieser gegenwärtigen Nacht war seine Ankunft beschlossen und ich erwartete ihn den ganzen Abend.
Während dem aber hörte ich meinen Bruder mit vielen andern wie es schien bewaffneten Männern, denn man vernahm das Waffengeklirr, vorbeikommen; durch den Schreck darüber überraschte mich meine Niederkunft und in einem Augenblick gebar ich einen schönen Knaben. Diejenige meiner Zofen, welche die Mitwisserin und Zwischenträgerin meiner Handlungen war, hüllte, bereits auf einen solchen Fall gerüstet, das neugeborne Kind in Tücher ein, welche aber anderer Art waren, als diejenigen, in welchen sich jenes Kind vor eurer Thüre fand. Sie gieng damit an die Hausthüre, und übergab es, wie sie sagte, einem Diener des Herzogs.
Wenige Augenblicke darauf kleidete ich mich an, so gut ich konnte, und gieng im Gefühl der drängenden Noth aus dem Hause, indem ich glaubte, der Herzog sei unten auf der Straße. Dieß hätte ich freilich nicht thun sollen, ehe dieser an meiner Hausthüre angelangt wäre; allein die Furcht, in welche mich die bewaffnete Gesellschaft meines Bruders versetzt hatte, bei der ich schon sein Schwert über meinem Haupt geschwungen glaubte, ließ mir nicht Zeit eine bessere Wahl zu treffen, und daher gieng ich in voller Bestürzung und Wahnsinn hinaus, wo mir das begegnete, was ihr selbst gesehen habt.
Obgleich ich nun ohne Gatten und ohne Kind bin, und immer in Furcht schwebe, es möchte mir noch schlimmeres widerfahren, so danke ich doch dem Himmel, der mich in eure Gewalt gebracht hat, denn ich verspreche mir von euch alles, was sich von spanischer Höflichkeit erwarten läßt, die sich um so mehr in euch glänzend zeigen muß, wenn ihr so edel seid, als ihr erscheint.
Indem sie die letzten Worte sprach, sank sie gänzlich auf das Bett nieder, und wie die beiden Freunde hinzu eilten, um zu sehen, ob sie ohnmächtig werde, bemerkten sie, daß dieß der Fall nicht war, sondern daß sie bitterlich weinte, worauf Don Juan zu ihr sagte:
Wenn ich und mein Gefährte Don Antonio bisher Mitleid und Bedauern mit euch hatten, schöne Frau, weil ihr ein Weib seid, so verwandelt sich jetzt, da wir euren Stand kennen, dieses Bedauern und Mitleid in eine unbedingte Verpflichtung, euch zu dienen. Fasset Muth und seid nicht furchtsam, und ob ihr schon nicht an dergleichen Vorfälle gewöhnt seid, so werdet ihr euch doch um so würdiger darin zeigen, je geduldiger ihr dieselben traget. Glaubt mir, meine Frau, ich hoffe, diese seltsamen Begebenheiten werden noch ein glückliches Ende nehmen; denn der Himmel kann es nicht erlauben, daß so viel Schönheit zu Grunde gehen und so tugendhafte Gesinnungen schlecht belohnt werden. Legt euch nieder, edle Frau, und sorgt für eure Person, denn ihr habt es nöthig, und wir wollen euch unsere Magd hereinschicken, um euch zu bedienen, auf welche ihr euch eben so sicher verlassen könnt, als auf uns; sie wird eben so gut euer Unglück zu verschweigen, als auch in euren Umständen beizuspringen wissen.
Die meinigen sind von der Art, daß ich mich zu noch Schwererem verstehen müßte, antwortete sie. Laßt nur hereinkommen, mein Herr, wen ihr wollt! denn da sie von euch kommt, muß ich sie auch für sehr brauchbar zu allem halten, wozu ich sie nöthig habe; aber dennoch bitte ich euch, daß mich außer eurer Dienerin weiter niemand zu sehen bekomme.
Darauf könnt ihr euch verlassen, versetzte Don Antonio; und beide giengen hinaus und ließen sie allein. Don Juan befahl darauf der Haushälterin, hinein zu gehen und das Kind in den reichen Windeln mitzunehmen, im Falle sie ihm dieselben schon angelegt habe. Sie bejahte das letztere und sagte, das Kind sei gerade wieder so gewickelt, wie er es mitgebracht habe. Nachdem ihr gesagt war, was sie der Dame, die sie in dem Zimmer finden werde, auf ihre Fragen wegen des Kindes zu antworten habe, gieng sie hinein. Wie sie Cornelia ansichtig ward, sprach sie:
Seid willkommen, gute Freundin; Gebt mir dieses Kind her und tretet mit dem Lichte herzu!
Die Haushälterin that es, und als Cornelia das Kind in die Arme nahm, ward sie ganz betroffen, sah es tief bewegt an und sprach zu der Haushälterin:
Sagt mir, liebe Frau, ist dieß dasselbe Kind, das ihr oder die Herren mir vor Kurzem gebracht haben?
Ja, gnädige Frau, antwortete die Haushälterin.
Aber warum sind denn die Windeln gewechselt? versetzte Cornelia. In der That, meine Freundin, mir scheint, entweder sind dieß andere Windeln, oder ist es nicht dasselbe Kind.
Es könnte wohl sein, antwortete die Haushälterin.
Gott sei mir gnädig, rief Cornelia; wie? es könnte wohl sein? Wie verhält sich die Sache, liebe Haushälterin? Mir springt das Herz in der Brust, wenn ich nicht erfahre, was es mit diesem Tausch für eine Bewandtniß hat. Sagt es mir, liebe Freundin! Bei allem, was euch lieb ist, beschwöre ich euch, daß ihr mir sagt, woher ihr diese kostbaren Windeln bekommen habt; denn ich muß euch nur sagen, es sind die meinigen, wenn mich nicht mein Auge trügt und wenn ich mich recht erinnere. Mit denselben oder ganz ähnlichen übergab ich meinem Mädchen das theure Pfand meiner Seele. Wer hat sie ihm abgenommen? Ach ich Unglückliche! Und wer brachte sie hierher? Ach ich Arme!
Don Juan und Don Antonio, welche beide diese Klagen mitanhörten, wollten sie nicht weiter damit fortfahren lassen, und verstatteten nicht, daß die Teuschung mit der Verwechselung der Windeln ihr ferner Kummer verursache. Sie traten daher ins Zimmer und Don Juan sagte zu ihr:
Diese Windeln und dieses Knäbchen gehören euch an, Frau Cornelia.
Zugleich erzählte er ihr umständlich, wie er die Person gewesen sei, welcher ihr Dienstmädchen den Säugling gegeben habe, wie er das Kind nach Hause gebracht und dann der Dienerin befohlen habe, die Gewänder desselben umzutauschen, nebst der Veranlassung, die er dazu gehabt. Ob er gleich nach der Erzählung von ihrer Geburt sicher gewesen sei, daß dieß ihr Sohn sei, so habe er ihr dieß doch deshalb nicht sagen wollen, damit auf die Ueberraschung der zweifelhaften Erkenntniß die Freude, ihn als solchen erkannt zu haben, folgen möge.
Nun floßen die Freudenthränen Cornelias unaufhaltsam und zahllos waren die Küsse, die sie ihrem Söhnchen gab; zahllos waren auch die Danksagungen, die sie ihren Wohlthätern abstattete, indem sie sie Schutzengel in Menschengestalt nannte und ihnen noch viele andere Benennungen gab, welche ihr tiefes Dankgefühl ausdrückten.
Hierauf ließen die beiden Cornelia mit der Dienerin allein, indem sie ihr anbefahlen, auf sie Acht zu haben und sie in allem Möglichen zu bedienen; zugleich erklärten sie ihr den Zustand, in welchem sie sich befinde, damit sie ihr beispringe, denn sie als eine Frau müsse besser wissen, was ihr Noth thue, als sie beide.
Damit giengen sie zu Bette, um den Rest der Nacht dem Schlafe zu widmen, nachdem sie zuvor beschlossen hatten, Cornelias Zimmer nicht zu betreten, wenn sie nicht selbst nach ihnen verlange oder ein Nothfall eintrete, der ihre Anwesenheit erfordere.
Mit Tages Anbruch sorgte die Dienerin für jemand, der heimlich und ohne Aufsehen zu erregen das Kind säugte, und die beiden Freunde erkundigten sich bei ihr nach Cornelia. Die Haushälterin sagte, sie ruhe ein wenig. Sie begaben sich nach den Vorlesungen und giengen durch die Straße, wo der Kampf vorgefallen war, und an dem Hause vorüber, welches Cornelia verlassen hatte, um zu sehen ob die Entweichung derselben schon bekannt sei und ob man schon öffentlich davon spreche; sie hörten und merkten aber durchaus nichts, weder von dem Kampfe noch von der Entfernung Cornelias.
So kehrten sie nach Anhörung ihrer Lectionen in ihre Herberge zurück. Cornelia ließ sie durch die Haushälterin zu sich rufen; sie antworteten ihr aber, sie haben sich entschlossen, ihr Zimmer nicht wieder zu betreten, um dasjenige mit mehr Anstand zu beobachten, was sie ihrer Sittsamkeit schuldig seien; sie entgegnete indeß mit Thränen und Bitten, sie möchten nur kommen und sie besuchen, denn dieß sei schicklich und anständig, und wenn es ihr auch nicht helfen könne, so könne es sie doch wenigstens trösten.
Sie befolgten ihren Willen und sie empfieng sie mit heiterem Antlitz und vieler Höflichkeit. Cornelia bat sie, sie möchten ihr die Gefälligkeit erzeigen, in der Stadt umherzugehen und zu sehen, ob sie schon Nachrichten von ihrem gewagten Schritte vernehmen können. Sie antworteten ihr, sie haben dieß schon mit vielem Eifer gethan, aber durchaus nichts vernommen.
Indem kam einer von ihren drei Edelknaben an die Thür und sagte von außen: Es ist an der Thüre ein Ritter mit zwei Bedienten; er sagt er heiße Lorenzo Bentibolli und sucht meinen Herrn Don Juan von Gamboa.
Bei dieser Nachricht schloß Cornelia beide Fäuste, hielt sie auf den Mund und sagte mit leiser ängstlicher Stimme:
Mein Bruder, ihr Herren, mein Bruder ist dieß. Gewiß muß er es erfahren haben, daß ich hier bin, und kommt hierher, um mir das Leben zu rauben. Helft mir, meine Herren, und beschützt mich!
Beruhigt euch, Herrin, versetzte ihr Don Antonio, denn ihr befindet euch hier unter der Obhut derjenigen, die euch nicht das geringste Leid von der Welt werden zufügen lassen. Eilt hin, Herr Don Juan, und seht, was dieser Ritter will; ich werde indeß hier bleiben, um, wenn es Noth thut, Cornelia zu schützen.
Don Juan gieng, ohne die geringste Bestürzung zu verrathen, hinunter, und Don Antonio ließ sich unverzüglich ein paar geladene Pistolen bringen, und befahl den Edelknaben, ihre Degen zu nehmen und sich vorzusehen. Die Haushälterin zitterte beim Anblick solcher Anstalten, Cornelia ward bange, weil sie ein Unglück besorgte, nur Don Antonio und Don Juan behielten ihre Ruhe und Besonnenheit, um alle erforderlichen Maaßregeln zu treffen.
Vor der Hausthüre fand Don Juan den Don Lorenzo, der wie er Don Juan ansichtig ward, zu ihm sagte: Ich bitte Eure Herrlichkeit …
Denn dieß ist die Art der Anrede in Italien.
Ich bitte Eure Herrlichkeit, daß ihr mir den Gefallen erweiset, mit mir in die Kirche gegenüber zu kommen. Ich habe Euer Herrlichkeit eine Angelegenheit mitzutheilen, die mein Leben und meine Ehre angeht.
Sehr gerne, antwortete Don Juan. Gehen wir, mein Herr, wohin ihr wollt!
Nach diesen Worten giengen sie ganz allein in die Kirche und setzten sich auf eine Bank abseits, wo sie nicht gehört werden konnten. Lorenzo sprach zuerst und sagte:
Ich, Herr Spanier, bin Lorenzo Bentibolli, und gehöre, wenn auch nicht zu den reichsten, so doch zu den vornehmsten dieser Stadt. Da dieß so allgemein bekannt ist, wird mich nicht der Vorwurf treffen, ich singe mein eigenes Lob. Ich wurde vor einigen Jahren Waise und unter meiner Obhut blieb eine Schwester von mir, die mit solcher Schönheit begabt war, daß, wenn sie mich nicht so nahe berührte, ich sie euch vielleicht so sehr preisen würde, daß es mir an Worten fehlte, da keines ihren Reizen ganz entsprechen könnte. Da ich auf die Ehre hielt und sie jung und schön war, wandte ich die ängstlichste Sorge an sie zu behüten; aber alle meine Vorsicht und Aufmerksamkeit machte der vorschnelle Wille meiner Schwester Cornelia zu nichte, denn so heißt sie.
Nun aber, um es kurz zu machen und euch nicht zu ermüden, denn es könnte dieß eine lange Erzählung werden, sage ich, daß der Herzog von Ferrara, Alfonso von Este, mit Luchsaugen meine Argusaugen übertraf, meine Sorgfalt zu Fall brachte und darüber triumphirte, meine Schwester besiegte und sie mir heute Nacht entführte und aus dem Hause einer unserer Basen wegholte; und überdieß heißt es noch, sie sei kaum entbunden worden. Heute Nacht erfuhr ich es, ich gieng sogleich aus, sie zu suchen, und ich glaube, ihn gefunden und ihm Degenhiebe beigebracht zu haben; er bekam aber plötzlich Hilfe von einem Engel, der nicht zugab, daß ich mit seinem Blut den Mackel meiner Schande abwusch.
Meine Base, von der ich dieß alles weiß, sagte mir, der Herzog habe meine Schwester dadurch betrogen, daß er ihr das Ehrenwort gegeben habe, sie zu heirathen. Dieß glaube ich aber nicht, denn eine solche Verbindung wäre in Beziehung auf die Glücksgüter eine ungleiche, obgleich in Bezug auf die Herkunft die ganze Welt den Adel der Bentibolli in Bolonia kennt.
Was mir glaubwürdiger erscheint, ist dieß, daß er sich daran hielt, woran sich gewöhnlich die großen Herren zu halten pflegen, welche ein schüchternes ehrbares Mädchen berücken wollen, nämlich, daß sie den süßen Namen einer Gattin ihr vor die Augen halten und sie glauben machen, die Heirat könne nur aus gewissen Rücksichten nicht sogleich vor sich gehen, Lügen, welche den Schein der Wahrheit haben, aber falsch und böslich sind.
Sei dem aber wie ihm wolle, ich bin nun ohne Schwester und Ehre, habe aber bis jetzt alles unter dem Schlüssel des Stillschweigens gehalten und mochte niemanden ein Wort von dieser Beschimpfung sagen, bis ich sehe, wie sich auf irgend eine Weise helfen und Genugthuung verschaffen läßt; denn bei Beschimpfungen ist es immer besser, man vermuthet und ahnt sie, als man kennt sie bestimmt und genau; zwischen dem Ja und Nein des Zweifels kann sich ein jeder nach einer Seite hinneigen, wie sie ihm am meisten gefällt, und beiderlei Ansichten finden ihre Vertheidiger.
Kurz ich bin entschlossen nach Ferrara zu gehen und vom Herzog selbst Herstellung meiner Ehre zu verlangen, und wenn er mir diese verweigert, ihn zum Kampfe zu fordern; und zwar nicht zum Kampf mit Kriegsleuten, denn diese kann ich weder herbeischaffen noch unterhalten, sondern Mann gegen Mann.
Nun wünsche ich, daß ihr mir mit eurer Kraft dabei helfet und mich auf diesem Zuge begleitet; denn ich baue darauf, da ihr, wie ich schon erfahren habe, Spanier und Ritter seid, daß ihr es mir thun werdet; und ich möchte die Sache keinem meiner Verwandten oder Freunde anvertrauen, da ich von denselben weiter nichts zu erwarten habe, als Rathschläge und Einwürfe, während ich von euch einen edeln und ehrenvollen Rath hoffen kann, wenn derselbe auch mit einiger Gefahr verbunden wäre. Ihr, mein Herr, müßt mir den Dienst erzeigen, mit mir zu kommen, denn wenn ich einen Spanier an meiner Seite habe, und zwar einen, wie ihr zu sein scheint, werde ich von den Heeren eines Xerxes beschützt zu sein glauben. Ich verlange viel von euch, aber die Verbindlichkeit, demjenigen zu entsprechen, was der Ruf von eurem Volke predigt, verpflichtet euch zu noch mehr.
Nicht weiter, Herr Lorenzo, sagte hier Don Juan, welcher ihm bis jetzt zugehört hatte, ohne ihn mit einem Wort zu unterbrechen; nicht weiter, denn von dem Augenblicke an erkläre ich mich für euren Beschützer und Rathgeber, und übernehme es, euch wegen eures Schimpfes Genugthuung oder Rache zu verschaffen, und zwar nicht blos weil ich ein Spanier, sondern weil ich ein Ritter bin, und weil ihr es auch seid und ein so edler, wie ihr gesagt habt und wie ich und alle Welt es weiß. Ueberlegt nur, wann ihr wollt, daß wir abreisen! Das beste wäre, wir giengen sogleich, denn man muß das Eisen schmieden, so lange es warm ist, und in der Glut des Zorns wächst der Muth, so wie die Neuheit der Beleidigung die Rache erweckt.
Lorenzo stand auf, umarmte Don Juan zärtlich und sagte: Ein so edles Herz wie das eurige, Herr Don Juan, braucht man durch keine andern Beweggründe zu bestimmen, als durch die Ehre, die bei einem solchen Unternehmen zu gewinnen ist und die ich euch von nun an zusichere, wenn wir es glücklich bestehen; überdieß biete ich euch an, was ich nur habe, kann und vermag. Die Abreise setze ich auf morgen früh fest, damit ich die nöthigen Anstalten dazu treffen kann.
Gut, sagte Don Juan. Erlaubt mir nur, Herr Lorenzo, einen Ritter, der mein Kamerad ist, von diesem Vorsatz in Kenntniß zu setzen. Auf seinen Biedersinn und seine Verschwiegenheit könnt ihr eben so sicher rechnen wie auf mich.
Da meine Ehre, wie ihr sagt, euch obliegen wird, Herr Don Juan, versetzte Lorenzo, so schaltet damit nach eurem Gefallen und redet davon was und mit wem ihr wollt, zumal da sich von einem, der euer Kamerad ist, nichts anderes voraussetzen läßt, als daß er sehr ehrenwerth sei.
Hierauf umarmten sie sich und nahmen von einander Abschied, nachdem sie verabredet hatten, daß er ihn den nächsten Morgen wolle rufen lassen, damit sie vor der Stadt sich zu Pferde setzen und vermummt ihre Reise fortsetzen möchten.
Don Juan kehrte nach Hause und berichtete Don Antonio und Cornelia, was ihm mit Lorenzo begegnet sei und was sie verabredet haben.
Gott steh mir bei, rief Cornelia, groß ist eure Höflichkeit, mein Herr, und groß ist euer Vertrauen. Wie, und ihr habt euch so schnell dazu hergegeben, eine Handlung voll Schwierigkeiten zu unternehmen? Und könnt ihr wissen, mein Herr, ob euch mein Bruder nach Ferrara oder sonst wohin führt? Uebrigens, wohin er euch auch führen mag, könnt ihr euch darauf verlassen, daß die Redlichkeit selbst euch begleiten wird, wiewohl ich in meinem Unglück vor Sonnenstäubchen zittere und vor jedem Schatten erbebe. Wie könnt ihr daher verlangen, daß ich mich nicht fürchte, da auf der Antwort des Herzogs bei mir die Entscheidung über Leben oder Tod ruht? Weiß ich ja nur, ob er auch so behutsam antworten wird, daß der Zorn meines Bruders die Schranken der Klugheit nicht überschreitet? Wenn dieß der Fall wäre, glaubt ihr, er habe einen schwachen Gegner? Glaubt ihr nicht, daß ich die Zeit eures Wegseins in Unruhe, Besorgniß und Furcht verleben werde in Erwartung der süßen oder bittern Kunde von dem Erfolge? Liebe ich denn den Herzog oder meinen Bruder so wenig, daß ich nicht das Unglück beider fürchten und tief in meiner Seele empfinden muß?
Ihr bedenkt viel, Frau Cornelia, und befürchtet viel, sagte Don Juan. Aber gebt doch unter so vielen Besorgnissen der Hoffnung Raum und vertrauet auf Gott, meine Gewandtheit und meine gute Absicht, und ihr werdet sehen, wie die eurige mit Glück gekrönt werden wird. Der Reise nach Ferrara kann ich eben so wenig entgehen, als ich mich von der Unterstützung eures Bruders entbinden darf. Bis jetzt wissen wir von nichts, was der Herzog vorhat, und eben so wenig weiß er von eurer Flucht. Alles dieß muß man aus seinem eigenen Munde hören und niemand ist fähig, ihn darüber zu fragen, als ich. Dabei bedenkt, Frau Cornelia, daß ich das Glück und die Seelenruhe eures Bruders und des Herzogs, um mich so auszudrücken, in meinem Augapfel trage, und ich werde daher weder das eine noch das andere außer Augen lassen.
Wenn euch nur der Himmel, Herr Don Juan, die Macht zu helfen gegeben hat, antwortete Cornelia, wie er euch die Gabe verliehen hat, zu trösten, so halte ich mich mitten in diesen meinen Widerwärtigkeiten für sehr glücklich. Daher wünschte ich euch so schnell als möglich gehen und wieder kommen zu sehen, denn in eurer Abwesenheit fühle ich mich in tödtlicher Qual zwischen Furcht und Hoffnung schweben.
Don Antonio billigte den Entschluß Don Juans und lobte die edle Art, womit er dem Vertrauen des Lorenzo Bentibolli entgegen gekommen war. Dabei versicherte er, er wolle sie begleiten, um bei unvorhergesehenen Fällen bei der Hand zu sein.
Das nicht, sagte Don Juan, denn erstens würde es nicht gut sein, wenn Fräulein Cornelia hier allein bliebe, und zweitens soll auch Herr Lorenzo nicht glauben, daß ich fremde Kraft benützen will.
Die meinige ist euer Eigenthum, versetzte Don Antonio, und ich bin entschlossen, euch zu folgen, wäre es auch nur unerkannt und von weitem; denn ich bin überzeugt, daß Fräulein Cornelia damit zufrieden sein wird, welche übrigens auch nicht so allein bleibt, daß es ihr an Bedienung, Obhut und Gesellschaft fehlen sollte.
Darauf antwortete Cornelia: Es wird ein bedeutender Trost für mich sein, meine Herren, wenn ich weiß, daß ihr zusammen reiset oder wenigstens auf eine Art, daß ihr euch nöthigenfalls einander beistehen könnt; und da ihr wie ich glaube einer Gefahr entgegengeht, so habt die Güte, meine Herren, diese Reliquien mitzunehmen.
Bei diesen Worten zog sie ein diamantenes Kreuz von unschätzbarem Werthe und ein eben so kostbares goldenes Agnus aus dem Busen. Beide Freunde betrachteten die kostbaren Kleinode und schätzten sie sogar noch höher, als sie das Hutband geschätzt hatten; indeß gaben sie sie ihr zurück, da sie sie auf keine Weise annehmen wollten, und sagten, sie haben Reliquien bei sich, die, wenn auch nicht so schön gefaßt, doch wenigstens in ihrer Wirksamkeit nicht geringer seien. Es that Cornelia leid, daß sie sie nicht annahmen, indeß mußten sie sich doch am Ende in ihren Willen fügen.
Die Haushälterin pflegte Cornelia mit großer Sorgfalt, und als sie erfuhr, daß ihre Herren verreisen werden, obgleich sie ihr den Zweck und das Ziel ihrer Reise nicht sagten, übernahm sie es, die Dame, deren Namen sie noch nicht wußte, so gut zu bedienen, daß sie die Abwesenheit ihrer Herren nicht bemerken sollte.
Am andern Morgen war Lorenzo zeitig vor der Thüre und Don Juan war reisefertig; auf dem Kopf hatte er den Hut mit der Diamantenschnur, den er mit schwarzen und gelben Federn verziert und dessen Schnur er mit einem schwarzen Bande umwunden hatte. Er nahm Abschied von Cornelia, die, weil sie ihren Bruder so nahe wußte, sich so ängstigte, daß sie den beiden, die sich bei ihr beurlaubten, kein Wort sagen konnte.
Don Juan gieng zuerst weg und begab sich mit Lorenzo vor die Stadt hinaus in einen etwas abgelegenen Garten, wo sie zwei sehr gute Pferde mit zwei Reitknechten fanden, die sie an der Halfter hielten. Sie bestiegen sie, ließen die Knechte voranreiten und nahmen auf Fußsteigen und Seitenwegen ihre Richtung nach Ferrara. Don Antonio folgte auf einem eigenen kleinen Pferde verkleidet und unkenntlich gemacht. Weil es ihm aber vorkam, als seien die beiden Ritter und namentlich Lorenzo auf ihn aufmerksam geworden, so beschloß er, den geraden Weg nach Ferrara einzuschlagen, da er gewiß war, sie dort wieder zu treffen.
Kaum hatten sie die Stadt verlassen, als Cornelia der Aufwärterin ihre ganze Geschichte erzählte, daß sie die Mutter dieses Kindes sei und der Herzog von Ferrara sein Vater, nebst allen andern Umständen dieser Angelegenheit, die sich bis dahin zugetragen. Auch verschwieg sie ihr nicht, daß die Reise ihrer Herren nach Ferrara gehe, wohin sie ihren Bruder begleiteten, der den Herzog Alfonso fordern wolle.
Als die Haushälterin dieß alles vernommen hatte, so sagte sie, als hätte der böse Feind ihr es eingegeben, um die Erlösung Cornelias zu verschieben, zu verhindern oder zu erschweren:
Ach mein Herzensfräulein, das alles ist euch begegnet und ihr liegt hier ganz unbesorgt auf dem Rücken? Ihr habt entweder gar kein Herz, oder ist es so schlaff, daß kein Gefühl darin ist, Wie? Meint ihr denn etwa, euer Bruder gehe nach Ferrara? Glaubt doch das nicht, sondern seid versichert, er wollte blos meine Herren von hier entfernen und aus dem Hause locken, um hierher zurück zu kommen und euch das Leben zu nehmen; und das kann er thun, wie einer ein Glas Wasser austrinkt. Seht doch, unter welchem Schutz und Obhut wir hier zurückgeblieben sind! Wir haben niemand als die drei Edelknaben, die viel zu viel damit zu thun haben, sich die Krätze zu jucken, womit sie ganz bedeckt sind, um sich mit unseren Angelegenheiten befassen zu können. Von mir wenigstens kann ich sagen, daß ich nicht den Muth habe den Ausgang und die Zerstörung abzuwarten, die diesem Hause droht. Der Herr Lorenzo ein Italiäner, und er sollte sich auf Spanier verlassen und sie um Schutz und Hilfe angehen?! Stecht mir das Auge aus, wenn ich das glaube!
Dabei machte sie gegen sich selbst eine Feige. Feigenhand: eine Geste mit der Hand, bei der der Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt wird. Sie diente nicht nur der Zurückweisung einer Zumutung, sondern auch der Abwehr aller möglichen Übel wie des Behexens, Verschreiens und des bösen Blicks. ( Anm.d.Hrsg.)
Wenn ihr, meine Tochter, meinem Rathe folgen wollt, so will ich euch einen geben, der euch einleuchten wird.
Als Cornelia die Dienerin so sprechen hörte, ward sie ganz blaß vor Schreck und Staunen, denn sie hatte ihre Rede mit so viel Feuer vorgetragen, und mit so lebendigen Zeichen der Furcht, daß sie alles, was diese sagte, für pure Wahrheit hielt, und glaubte, Don Juan und Don Antonio seien schon todt und ihr Bruder trete schon in das Zimmer und durchsteche sie mit dem Dolche. Darum sprach sie zu der Aufwärterin:
Und welchen Rath würdet ihr mir denn geben, meine Freundin, der zu meinem Heile führt und das nahende Unglück verhindert?
Ja, erwiderte die Dienerin, ich will euch einen so guten und so vortrefflichen Ausweg bereiten, daß sich kein besserer denken läßt. Ich habe früher bei einem Pfaffen gedient, mein Fräulein, nämlich bei einem Pfarrer auf einem Dorfe, welches zwei Meilen von Ferrara entfernt ist; das ist ein gar frommer rechtschaffener Mann, der mir alles zu Gefallen thun wird, um was ich ihn bitte, denn er hat sonst gegen mich mehr Verpflichtung, als sonst ein Herr. Dorthin wollen wir gehen und ich will schon für jemand sorgen, der uns so schnell als möglich dahin bringt. Das Weib, welches kommt, um das Kind zu säugen, ist arm und geht gewiß mit uns bis ans Ende der Welt. Und setzen wir auch den Fall, mein Fräulein, daß man dich findet, so wird es doch immer besser sein, man findet dich im Hause eines alten ehrwürdigen Meßpriesters, als unter der Obhut zweier junger spanischer Studenten, denn diese sind, wie ich recht gut bezeugen kann, gerade keine Kostverächter. Jetzt freilich, wo du krank bist, haben sie sich ehrerbietig bezeugt; wenn du aber genesen und gesund bist in ihrer Obhut, so mag dir Gott helfen; denn wahrlich, wenn mich nicht meine Abweisungen, meine Sprödigkeit und Verachtung geschützt hatte, so hätte es bereits mit mir und meiner Ehre schief gehen können; denn es ist bei ihnen nicht alles Gold, was glänzt, sie sprechen so und denken anders, aber sie hatten es mit mir zu thun, denn ich bin schlau und weiß wo mich der Schuh drückt, und überdem bin ich von gutem Hause, denn ich stamme von den Cribelos aus Mailand und kann wohl sagen, daß ich was den Ehrenpunkt betrifft, zehn Meilen weit über die Wolken erhaben bin. Daran kann man sehen, liebes Fräulein, was für Unglücksfälle über mich ergangen sind, denn mit alle dem, was ich bin, bin ich nichts weiter geworden, als Haushälterin von Spaniern und muß mich von ihnen Dienerin heißen lassen.
Uebrigens habe ich mich in der That über meine Herren gar nicht zu beklagen, denn es sind ein paar wahre Heilige, wenn sie nicht der Zorn ankommt; im Zorn aber kommen sie mir ganz vor wie Biscayer, und sie sagen auch, daß sie es sind; aber unter sich selbst sind es vielleicht Gallizier und das ist, wenn das Gerücht nicht lügt, eine andere Nazion, die weniger genau und vorsichtig sein soll, als die biscayische.
Kurz sie redete ihr so sehr und so dringend zu, daß die arme Cornelia sich entschloß, ihrem Rathe zu folgen. Die Haushälterin besorgte daher mit Cornelias Zustimmung das Nöthige, und nach weniger als vier Stunden befanden sich die beiden nebst der Amme des Kindes in einer Kutsche und begaben sich, ohne von den Edelknaben bemerkt zu werden, auf den Weg nach dem Dorfe des Pfarrers. Alles dieß geschah auf Zureden der Haushälterin und mit ihrem Gelde, denn ihre Herren hatten ihr kürzlich ein Jahr von ihrem Lohn bezahlt, weshalb sie ein Kleinod, welches ihr Cornelia gab, nicht zu versetzen brauchte.
Da sie von Don Juan gehört hatten, daß er und ihr Bruder nicht die gerade Straße nach Ferrara gehen, sondern Seitenwege einschlagen wollen, so blieben sie vorsätzlich auf dem geraden Wege und reisten sehr langsam, um nicht mit jenen zusammen zu treffen, und auch der Eigenthümer des Wagens that gern ihren Willen, da sie ihn dem seinigen gemäß bezahlt hatten.
Lassen wir sie nun ziehen auf ihrer eben so unbesonnenen als glücklich angetretenen Reise, um zu erfahren, was mit Don Juan von Gamboa und dem Herrn Lorenzo Bentibolli vorgieng.
Diese erfuhren unterwegs, wie erzählt wird, der Herzog sei nicht in Ferrara, sondern in Bolonia; sie gaben daher die Umwege auf, welche sie bisher eingeschlagen hatten, und setzten ihren Weg auf dem königlichen Weg oder der Hauptstraße, wie man dort sagt, fort, weil sie annehmen konnten, daß der Herzog, wenn er von Bolonia zurückkehre, diese Straße ziehen werde.
Sie waren noch nicht lang auf der Heerstraße, wo sie immer nach der Richtung von Bolonia hinblickten, um zu sehen, ob jemand von dorther komme, da erblickten sie einen Trupp Leute zu Pferd, worauf Don Juan den Lorenzo bat, sich etwas aus dem Wege zu entfernen, weil er den Herzog, im Fall er sich bei dieser Gesellschaft befände, lieber hier, als in Ferrara sprechen wolle, welches nicht mehr weit weg war. Lorenzo machte es so und billigte Don Juans Ansicht. Sobald sich Lorenzo entfernt hatte, nahm Don Juan die Binde, welche die kostbare Hutschnur bedeckte, weg, was freilich nicht ganz klug gethan war, wie er selbst später eingestand.
In diesem Augenblicke kam der Trupp der Reisenden an; unter ihnen war eine Frau auf einem Schecken reitend, in Reisetracht, das Gesicht mit einer kleinen Larve bedeckt, entweder um sich besser zu verbergen, oder um sich vor Sonne und Luft zu schützen. Don Juan stellte sich mit seinem Pferde mitten in den Weg und wartete mit unbedecktem Gesicht, bis die Reisenden herankamen; und als sie näher rückten, zog der Wuchs, der Anstand, das gewaltige Pferd, die Pracht der Kleidung und der Glanz der Diamanten die Augen aller Herankommenden auf sich, namentlich die des Herzogs von Ferrara, welcher unter denselben war.
Sobald dieser die Hutschnur erblickte, merkte er gleich, daß der, welcher sie trug, Don Juan von Gamboa sein müsse, der ihn in dem Kampf befreit habe, und dieß schien ihm so ausgemacht, daß er ohne sich weiter zu besinnen mit seinem Pferde gegen Don Juan ansprengte und sagte:
Ich glaube nicht, mich zu teuschen, Herr Ritter, wenn ich euch Don Juan von Gamboa nenne, denn euer edler Anstand und der Schmuck dieses Huts machen mir es deutlich.
Es ist wahr, antwortete Don Juan, denn niemals wußte oder vermochte ich meinen Namen zu verbergen; aber sagt mir, mein Herr, wer ihr seid, damit ich mir nicht irgend eine Unhöflichkeit gegen euch zu Schulden kommen lasse.
Dieß ist eine Unmöglichkeit, antwortete der Herzog, denn ich bin fest überzeugt, daß ihr in keinem Falle unhöflich sein könnt. Uebrigens sage ich euch, Herr Don Juan, daß ich der Herzog von Ferrara bin und derselbe, der sich für verpflichtet hält, euch Tag seines Lebens zu dienen, denn es ist nicht vier Nächte her, daß ihr mir das Leben gerettet habt.
Der Herzog hatte diese Rede noch nicht geendet, als Don Juan mit außerordentlicher Gewandtheit vom Pferde sprang und herbei lief, um dem Herzog die Hand zu küssen; allein so schnell er auch machte, so war doch der Herzog schon aus dem Sattel, so daß er heruntersteigend dem Don Juan in den Armen lag. Herr Lorenzo, welcher aus einiger Entfernung diesen Ceremonien zusah, dachte nicht daß dieß Höflichkeit bedeuten solle, sondern meinte, es sei Zorn, spornte also sein Pferd; mitten im Ansprengen aber hielt er es wieder zurück, als er sah, daß der Herzog und Don Juan sich auf das Innigste umarmten, denn er hatte bereits den Herzog erkannt.
Der Herzog seinerseits bemerkte über Don Juans Schultern hinweg den Lorenzo und erkannte ihn, stutzte aber etwas über diesen Anblick, daher er noch während der Umarmung den Don Juan fragte, ob Lorenzo Bentibolli, welcher dort sei, mit ihm gekommen sei oder nicht.
Darauf antwortete Don Juan: Treten wir ein wenig auf die Seite, dann will ich Euer Excellenz außerordentliche Dinge erzählen.
Der Herzog that es und Don Juan In der Vorlage fehlend; dort heißt es: »Der Herzog that es und fuhr fort«. ( Anm.d.Hrsg.) fuhr fort: Gnädiger Herr, Lorenzo Bentibolli, welchen ihr dort seht, führt eine nicht unbedeutende Klage gegen euch; er behauptet nämlich, ihr habet vor vier Nächten seine Schwester, Fräulein Cornelia, aus dem Hause einer Base von ihr entführt, ihr habet sie betrogen und entehrt, weshalb er von euch zu wissen verlangt, welche Genugthuung ihr ihm zu geben gedenkt, um sein Benehmen darnach einrichten zu können. Er hat mich zum Vermittler und Beistand gewählt, und ich selbst habe ihm meine Hilfe angeboten, denn aus den Nachrichten, die er mir wegen des vorgefallenen Kampfs gab, ersah ich, daß ihr, gnädiger Herr, der Eigenthümer dieses Hutschmucks sein müßt, welchen ihr so freigebig und höflich für mein Eigenthum erklärtet. Da ich nun begriff, daß in dieser Sache niemand eure Partei besser vertreten könne, als ich, so bot ich, wie gesagt, ihm meine Hilfe an. Ich wünschte jetzt, gnädiger Herr, daß ihr mir eure Meinung über die Sache sagtet und ob das, was Lorenzo behauptet, Wahrheit ist.
Ach mein Freund, antwortete der Herzog, es ist so unbestreitbare Wahrheit, daß ich sie nicht einmal ableugnen könnte, wenn ich auch wollte. Ich habe Cornelia nicht betrogen, ob ich gleich weiß, daß sie in dem erwähnten Hause vermißt wird; ich habe sie nicht betrogen, denn ich betrachte sie als meine Gattin; ich habe sie nicht entführt, denn ich weiß nichts von ihr; wenn ich meine Vermählung noch nicht öffentlich gefeiert habe, so ist es blos unterblieben, weil ich es aufschieben wollte, bis meine Mutter, welche dem Tode schon sehr nahe ist, aus diesem Leben in ein besseres würde übergegangen sein, denn sie wünschte, daß Fräulein Livia, die Tochter des Herzogs von Mantua, meine Gattin werde; und so finden noch andere Hindernisse Statt, welche vielleicht noch wichtiger sind, als die erwähnten, von denen ich aber für jetzt nicht reden kann. So viel ist gewiß: den Abend, als ihr mir beigestanden, wollte ich sie nach Ferrara bringen, weil sie bereits in dem Monate stand, in welchem sie das Pfand der Liebe zur Welt bringen sollte, das ich nach des Himmels Fügung in sie niedergelegt hatte. Doch, war nun das Gefecht daran schuld, oder meine Unachtsamkeit, genug, als ich zu ihrer Wohnung kam, sah ich die Unterhändlerin unserer Liebschaft aus der Thüre treten. Ich fragte sie nach Cornelia; sie sagte mir, sie sei schon ausgegangen, und habe diesen Abend einen wunderholden Knaben zur Welt gebracht, den man einem meiner Diener Fabio übergeben habe. Das Mädchen ist die, welche dort mit uns geht; Fabio ist hier; doch weder das Kind noch Cornelia ist zum Vorschein gekommen und ich habe diese zwei Tage in Bolonia zugebracht, in der Hoffnung und unter beständigen Bemühungen, einige Kunde über Cornelia einzuziehen; aber ich habe nichts erfahren.
Also, gnädiger Herr, versetzte Don Juan, wenn Cornelia und euer Sohn zum Vorschein kämen, würdet ihr nicht leugnen, daß sie eure Gemahlin und das Kind euer Sohn sei?
Nein, wahrlich nicht, versetzte der Herzog: denn so sehr ich darauf halte, ein Ritter zu sein, so halte ich doch noch weit mehr darauf, ein Christ zu sein; und überdieß ist Cornelia so vortrefflich, daß sie die Gebieterin eines Königreichs zu werden verdient. Würde sie sich nur zeigen, so sollte, es mag nun meine Mutter am Leben oder todt sein, die Welt erfahren, daß ich eben so gut als ich Liebhaber zu sein verstand, auch das im Geheimen gegebene Wort öffentlich zu halten weiß.
Werdet ihr nun wohl, fuhr Don Juan fort, das, was ihr mir gesagt habt, auch eurem Bruder dem Herrn Lorenzo erklären wollen?
Gewiß, antwortete der Herzog, und ich bedaure nur, daß er es erst so spät erfährt.
Alsbald winkte Don Juan dem Lorenzo, er solle absteigen und zu ihnen herkommen, was dieser auch that, weit entfernt an die gute Nachricht zu denken, die ihn hier erwartete. Der Herzog trat ihm entgegen, um ihn mit offenen Armen zu empfangen, und das erste Wort, das er zu ihm sprach, war, daß er ihn Bruder nannte. Kaum wußte Lorenzo auf einen so liebevollen Gruß und so höflichen Empfang zu antworten, und während er so in Verwirrung war, und noch ehe er ein Wort zu sprechen vermochte, sagte Don Juan zu ihm:
Der Herzog, Herr Lorenzo, bekennt das geheime Verhältniß, in welchem er zu eurer Schwester, dem Fräulein Cornelia stand; er bekennt ferner, daß sie seine rechtmäßige Gemahlin ist und daß, wie er es hier erklärt, er dieß öffentlich erklären wird, wenn sich Gelegenheit dazu gibt; er gesteht weiter ein, daß er sie vor vier Nächten aus dem Hause ihrer Base entführen wollte, um sie nach Ferrara zu bringen, und günstige Verhältnisse zur Feier der Hochzeit zu erwarten, welche er verschoben hat aus den triftigsten Gründen, die er mir mitgetheilt. Zugleich sagt er, daß er nach dem Kampfe, den er mit euch hatte, hingegangen sei, um Cornelia zu suchen, aber nur Sulpicia ihr Mädchen getroffen habe, und diese ist jenes Frauenzimmer, welches hier kommt; von ihr erfuhr der Herzog, Cornelia habe vor einer Stunde ein Knäbchen geboren und sie habe das neugeborne Kind einem Diener des Herzogs gegeben; Cornelia aber sei, in der Meinung der Herzog sei auf der Straße, aus dem Hause getreten, indem sie fürchtete, ihr, Herr Lorenzo, habet Kunde von allen ihren Schicksalen erhalten. Sulpicia gab den Säugling nicht einem Diener des Herzogs, sondern einem andern statt dessen; Cornelia ist verschwunden; der Herzog mißt sich die Schuld von allem bei und sagt, sobald nur Fräulein Cornelia erscheine, werde er sie als seine rechtmäßige Gattin anerkennen. Seht nun, Herr Lorenzo, ob hier etwas zu sagen oder zu wünschen übrig bleibt, als die Auffindung der beiden eben so kostbaren als unglücklichen Kleinode.
Hierauf erwiderte Herr Lorenzo, indem er sich dem Herzog zu Füßen warf, der sich sogleich Mühe gab, ihn aufzuheben:
Von eurem eben so christlichen als großen Sinne, erlauchtester Herr und lieber Bruder, konnte meine Schwester und ich keine geringere Wohlthat erwarten, als die, die ihr uns beiden gewährt; meine Schwester, indem ihr sie euch gleich macht, und ich, indem ihr meinen Rang dem euren gleich anerkennt.
Dabei wurden seine Augen von Thränen feucht und die des Herzogs gleichfalls, da beide gerührt waren, der eine über den Verlust seiner Gattin, der andere über die Auffindung eines so edeln Schwagers; da sie aber überlegten, es möchte als Schwäche erscheinen, wenn sie so tiefes Gefühl durch Thränen zu erkennen gäben, so unterdrückten sie dieselben und hielten sie im Auge zurück, die Freudenthränen Don Juans aber verkündeten fast die frohe Nachricht von dem Wiederfinden Cornelias und ihres Sohnes, welche er beide in seiner Wohnung aufbewahrt wußte.
Wie nun dieß eben vorgieng, zeigte sich auch Don Antonio von Isunza, welchen Don Juan schon aus einiger Entfernung am Rosse erkannte. Wie er sich aber mehr näherte, hielt er stille und sah Don Juans und Lorenzos Pferde, welche die Jungen zur Seite der Straße hielten. Er erkannte Don Juan und Lorenzo, aber nicht den Herzog, und wußte nicht, was er thun solle, ob er sich Don Juan nähern solle oder nicht.
Als er zu den Dienern des Herzogs kam, fragte er sie, ob sie den Ritter kennen, der bei den beiden andern dort stehe, und bezeichnete den Herzog. Man antwortete ihm, es sei der Herzog von Ferrara, worüber er ganz in Verlegenheit kam und noch weniger wußte, was er thun sollte. Don Juan half ihm indeß aus dieser Ungewißheit, indem er ihn beim Namen rief. Don Antonio stieg ab, weil er sah, daß sie alle zu Fuß waren, gieng zu ihnen und ward von dem Herzog mit vieler Artigkeit empfangen, weil ihm Don Juan gesagt hatte, daß es sein Kamerad sei.
Don Juan erzählte nun dem Don Antonio alles, was ihm mit dem Herzog bis zu seiner Ankunft begegnet war. Don Antonio freute sich höchlich darüber und sagte:
Herr Don Juan, warum setzt ihr nicht der Freude und Wonne dieser Herren die Krone auf und gebt die frohe Kunde von der Auffindung des Fräuleins Cornelia und ihres Sohnes?
Wenn ihr nicht gekommen wäret, Herr Don Antonio, so hätte ich es gethan; doch nun mögt ihr den Botenlohn fordern, und ich stehe dafür, man wird euch ihn recht gern geben.
Wie der Herzog und Lorenzo hörten, daß vom Wiederfinden Cornelias die Rede war und von froher Botschaft, fragten sie, was es für eine Bewandtniß damit habe.
Welche sonst, antwortete Don Antonio, als daß ich auch eine Rolle in dieser tragischen Komödie spielen will, indem ich mir von euch das Geschenk für die gute Botschaft ausbitte, daß Fräulein Cornelia und ihr Kind gefunden ist und daß sich beide in meinem Hause befinden.
Er erzählte ihnen darauf umständlich alles, was wir bereits berichtet haben, worüber der Herzog und Herr Lorenzo so erfreut und entzückt waren, daß Lorenzo den Don Juan und der Herzog den Don Antonio umarmte; der Herzog versprach sein ganzes Gebiet als Botenlohn und Herr Lorenzo sein Vermögen, Leib und Leben.
Man rief das Mädchen, welches dem Don Juan das neugeborene Kind übergeben hatte; als sie Lorenzo erkannte, fieng sie an zu zittern. Man fragte sie, ob sie den Mann kennen würde, dem sie den Knaben übergeben habe. Sie sagte, nein; sie habe ihn nur gefragt, ob er Fabio sei, und er habe geantwortet, ja, und so habe sie ihm dann arglos das Kind übergeben.
So ist es, antwortete Don Juan; und ihr, Fräulein, schloßet darauf sogleich die Thüre und sagtet mir, ich solle dieß in Sicherheit bringen und alsbald zurückkommen.
So ist es, mein Herr, antwortete das Mädchen weinend.
Nun braucht es hier keine weiteren Thränen, sagte der Herzog, sondern Jubel und Freude. Auch will ich jetzt nicht nach Ferrara gehen, sondern sogleich nach Bolonia zurückkehren, denn alle diese Wonne ist noch verdüstert, bis sie der Anblick Cornelias ganz wahr macht.
Darauf lenkten sie, ohne weitere Verhandlungen, einmüthig um nach Bolonia. Don Antonio ritt voraus, um Cornelia zu benachrichtigen, damit die unvermuthete Ankunft des Herzogs und ihres Bruders sie nicht erschrecke. Da er sie aber nicht fand und die Edelknaben ihm keine Nachricht von ihr zu geben wußten, war er im höchsten Grade betrübt und bestürzt; und da er sah, daß auch die Haushälterin fehlte, dachte er sich, es möchte Cornelia durch ihr Anstiften verschwunden sein. Die Edelknaben sagten zu ihm, die Haushälterin sei an demselben Tage verschwunden, wo sie selbst weggegangen seien, und Cornelia, nach welcher er frage, haben sie gar nie gesehen. Ganz außer sich war Don Antonio bei diesem unerwarteten Falle und fürchtete, der Herzog möchte sie für Lügner oder Betrüger halten oder vielleicht gar noch andere schlimmere Dinge vermuthen, welche ihrer Ehre und dem guten Rufe Cornelias zum Nachtheil gereichen könnten.
Er war noch in diese traurigen Gedanken versunken, als der Herzog, Don Juan und Lorenzo herankamen, welche auf ungewohnten und verborgenen Straßen und mit Zurücklassung ihrer übrigen Leute außer der Stadt in Don Juans Haus kamen und Don Antonio auf einem Sessel sitzend fanden, das Kinn in die Hand geschmiegt und blaß wie der Tod.
Don Juan fragte ihn, was ihm fehle und wo Cornelia sei. Don Antonio antwortete ihm:
Was muß mir nicht alles fehlen, da Cornelia verschwunden ist, denn sammt der Haushälterin, die wir ihr zur Gesellschaft ließen, wurde sie vermißt von dem Tage an, wo man uns hier vermißte.
Es fehlte nicht viel, so wäre der Herzog todt umgesunken und Lorenzo verzweifelt, als sie diese Nachricht erfuhren. Kurz, alle waren verwirrt, verstört und nachdenklich. In diesem Augenblick kam ein Edelknabe zu Don Antonio und sagte ihm ins Ohr: Gnädiger Herr, Santisteban, der Edelknabe des Herrn Don Juan, hat seit Euer Gnaden abgereist, ein gar hübsches Mädchen in seinem Zimmer verschlossen, und ich glaube sie heißt Cornelia, denn so habe ich sie nennen hören.
Ueber diese Nachricht wurde Don Antonio von Neuem bestürzt, und es wäre ihm lieber gewesen, Cornelia, denn er glaubte gewiß, sie sei es, die der Edelknabe versteckte, wäre gar nicht zum Vorschein gekommen, als daß man sie an diesem Ort fände. Jedoch sagte er kein Wort und fuhr ohne weitere Erörterung nach dem Zimmer des Edelknaben; er fand aber die Thüre verschlossen, und den Edelknaben ausgegangen; daher näherte er sich der Thüre und sprach mit leiser Stimme:
Macht auf, Fräulein Cornelia, und kommt heraus, um euren Bruder und den Herzog euren Gatten zu empfangen, denn sie sind gekommen, um euch zu suchen.
Von innen erhielt er die Antwort: Treibt ihr euren Spott mit mir? Aber in der That ich bin weder so häßlich noch so abgenutzt, daß mich nicht Herzoge und Grafen aufsuchen könnten. Das verdient auch eine Person, die sich mit einem Edelknaben einläßt.
Aus dieser Antwort erkannte Don Antonio sogleich, daß es nicht Cornelia war, welche da drinnen gesprochen hatte.
Indessen aber kam der Edelknabe Santisteban und gieng sogleich nach seinem Zimmer; als er aber dort den Don Antonio traf, der gerade alle Schlüssel, die im Hause waren, herbeibringen lassen wollte, um zu sehen, ob keiner in die Thüre passe, fiel der Edelknabe vor ihm auf die Kniee und sagte ihm mit dem Schlüssel in der Hand:
Die Abwesenheit von euer Gnaden und meine eigene Schändlichkeit, um richtiger zu sprechen, hat mich bewogen, diese drei Nächte hindurch ein Weib mit mir ins Haus zu nehmen. Ich bitte euer Gnaden, Herr Don Antonio von Isunza, und möchte euch der Himmel dafür gute Nachrichten von Spanien schicken, sagt doch nichts davon meinem Herrn Don Juan von Gamboa, wenn er es nicht schon weiß! Ich will sie im Augenblick fortjagen.
Und wie heißt denn dieses Weib? fragte Don Antonio.
Sie heißt Cornelia, antwortete der Edelknabe.
Der andere Knabe, welcher den Betrug entdeckt hatte und dem Santisteban nicht sehr hold war, begab sich entweder aus Einfalt oder aus Bosheit nach dem Zimmer, wo der Herzog, Don Juan und Lorenzo waren, und sagte:
Nun der Edelknabe wird sich freuen, denn gewiß muß er das Fräulein Cornelia wieder herausgeben; versteckt hatte er sie, und gewiß ist ihm nicht lieb gewesen, daß die gnädigen Herren wieder gekommen sind, denn sonst hätte der Jubel noch drei oder vier Tage länger gedauert.
Dieß hörte Lorenzo und fragte ihn: Was sagt ihr da, Junker? Wo ist Cornelia?
Oben, antwortete der Edelknabe.
Kaum hatte dieß der Herzog gehört, als er wie ein Blitz die Treppe hinauf eilte, um Cornelia zu sehen, denn er glaubte, man habe sie gefunden. Er stürzte sogleich in das Zimmer, wo Don Antonio war, und sagte beim Eintreten:
Wo ist Cornelia? Wo ist das Leben meines Lebens?
Hier ist Cornelia, antwortete ein Weibsbild, das sich in ein Betttuch gewickelt hatte und ihr Gesicht nicht sehen ließ.
Ist euch denn, fuhr sie fort, Gott steh uns bei, ein Ochse gestohlen worden? Ist es denn so etwas Neues, daß ein Weib bei einem Edelknaben schläft, daß so viel Aufhebens davon macht?
Lorenzo, der mit zugegen war, riß voll Zorn und Aerger das Betttuch an einer Seite weg und enthüllte ein junges eben nicht häßliches Mädchen, das vor Schaam sich die Hände vor das Gesicht hielt und nach ihren Kleidern griff, die ihr statt des Kopfkissens gedient hatten, weil es dem Bette daran fehlte; und sie sahen an dem Anzug, daß es eine von dem Orden der Buhlschwestern war.
Der Herzog fragte sie, ob es wahr sei, daß sie Cornelia heiße. Sie bejahte es und sagte, ihre Eltern seien recht ehrbare Leute in der Stadt und es solle niemand sagen: Von diesem Wasser will ich nicht trinken.
Der Herzog war so beschämt, daß er fast auf den Gedanken gerathen wäre, die Spanier haben ihn zum Besten; um aber einem so schlimmen Verdacht nicht weiter Raum zu geben, drehte er sich um, stieg ohne ein Wort zu sagen mit Lorenzo, der ihm folgte, zu Pferde und beide giengen fort und ließen Don Juan und Don Antonio noch beschämter zurück, als sie selbst waren.
Die beiden Spanier beschloßen, alles Mögliche und selbst das Unmögliche zu versuchen, um Cornelia aufzufinden und den Herzog von der Aufrichtigkeit ihrer freundschaftlichen Gesinnung zu überzeugen. Sie verabschiedeten Santisteban wegen seiner Unverschämtheit und warfen die Dirne Cornelia aus dem Hause.
In diesem Augenblick fiel ihnen ein, daß sie vergessen hatten, dem Herzog von den Kleinoden zu erzählen, dem Agnus und dem Kreuz von Diamanten, die ihnen Cornelia angeboten hatte, denn auf diese Merkmale hin würde er geglaubt haben, daß Cornelia wirklich unter ihrer Obhut gestanden und daß, wenn sie nun verschwunden sei, dieß nicht ihre Schuld sein könne.
Sie giengen aus, um ihm dieß zu berichten, fanden ihn aber nicht im Hause Lorenzos, wo sie glaubten, daß er sich aufhalten werde. Lorenzo war indessen dort, welcher ihnen sagte, der Herzog habe sich keinen Augenblick aufhalten wollen, sondern sei nach Ferrara zurückgekehrt und habe ihm den Auftrag hinterlassen, seine Schwester aufzusuchen. Sie sagten ihm, was sie dem Herzog haben melden wollen; Lorenzo versicherte sie aber, der Herzog sei völlig zufrieden mit ihrem gefälligen Benehmen, sie haben beide das Verschwinden Cornelias ihrer großen Furcht zugeschrieben und mit Gottes Hilfe werde sie schon wieder zum Vorschein kommen, denn die Erde werde sie nicht sammt dem Kinde und der Haushälterin verschlungen haben.
Damit trösteten sich alle und sie fanden es nicht gerathen, sie durch öffentliche Aufforderungen aufsuchen zu lassen, sondern eher mittels geheimer Nachforschungen, denn es wußte niemand um ihre Entfernung als ihre Base, und bei denen, welche des Herzogs Absicht nicht kannten, wäre der Ruf seiner Schwester nur Gefahr gelaufen, wenn sie sie hätten öffentlich verkünden lassen, und es wäre keine geringe Arbeit gewesen, jedem den Verdacht benehmen zu wollen, den ein mächtiges Vorurtheil eingeflößt.
Der Herzog setzte seine Reise fort, und sein guter Stern, der nunmehr alles zu seinem Glücke wendete, verfügte, daß er an dem Dorfe des Pfarrers ankam, wo bereits Cornelia nebst ihrem Kinde, dessen Amme und ihrer Rathgeberin angekommen war. Bereits hatten die Frauen ihre Lebensgeschichte dem Geistlichen erzählt und ihn um Rath gebeten, was hier zu thun sei.
Der Pfarrer aber war ein genauer Freund des Herzogs, in dessen Haus, welches nach Art eines reichen und geschmackvollen Geistlichen eingerichtet war, der Herzog nicht selten von Ferrara aus zu kommen pflegte, um von dort aus dann auf die Jagd zu gehen; denn er hatte große Freude sowohl an dem Kunstgeschmack des Pfarrers, als an seinem Witz, den er in allem, was er sagte und that, glänzen ließ. Der Pfarrer wunderte sich daher nicht, den Herzog heute in sein Haus kommen zu sehen, denn wie gesagt war dieß nicht das erste mal; aber das beunruhigte ihn, daß er den Herzog so traurig kommen sah, weshalb er denn sogleich vermuthete, daß irgend eine Leidenschaft seine Seele beschäftige.
Cornelia hörte zufälligerweise, der Herzog von Ferrara sei hier, und wurde durch diese Nachricht ausserordentlich beunruhigt, weil sie nicht wußte, in welcher Absicht er gekommen war. Da rang sie die Hände und gieng wie außer sich umher. Gern hätte sie mit dem Pfarrer gesprochen, aber dieser stand gerade mit dem Herzog in Unterredung, so daß sie nicht Gelegenheit fand, mit ihm zu sprechen. Der Herzog sagte zu ihm:
Ich bin sehr traurig, mein Vater, und will heute nicht nach Ferrara gehen, sondern euer Gast sein. Sagt nur meinen Leuten, sie möchten sich nach Ferrara begeben und nur Fabio soll bei mir bleiben.
Der gute Pfarrer that es, und gab sogleich Befehl zur Bewirthung und Bedienung des Herzogs. Bei dieser Gelegenheit nun konnte Cornelia mit ihm sprechen, welche seine Hände ergriff und zu ihm sagte:
Ach, mein Herr und Vater, was will denn der Herzog? Ich bitte euch um Gottes willen, mein Herr, berührt doch etwas meine Angelegenheiten gegen ihn und sucht seine Meinung deshalb ein wenig zu erforschen; kurz betreibt die Sache, wie es euch am besten dünkt und wie eure große Klugheit es euch rathen wird.
Darauf antwortete ihr der Pfarrer: Der Herzog ist sehr traurig, hat mir aber bis jetzt die Ursache davon noch nicht gesagt. Ihr könnt indeß jetzt nichts besseres thun, als sogleich diesen Knaben recht schön schmücken, mein Fräulein, und ihm so viele Kostbarkeiten anlegen, als ihr nur könnt, vorzüglich diejenigen, welche euch etwa der Herzog gegeben hat. Im Uebrigen laßt mich sorgen, denn ich hoffe zum Himmel, daß wir heute einen vergnügten Tag haben werden.
Cornelia umarmte ihn, küßte ihm die Hand und begab sich dann hinweg, um das Kind anzuziehen und zu schmücken.
Der Pfarrer gieng wieder zum Herzog, um denselben bis zur Zeit des Mahles zu unterhalten, und fragte denselben im Verlauf des Gesprächs, ob es nicht möglich sei, ihm die Ursache seiner Traurigkeit zu entdecken, denn daß er einen Kummer habe, könne man ihm freilich auf eine Meile weit ansehen.
Mein Vater, antwortete der Herzog; es zeigt sich, daß der Kummer des Herzens auf dem Gesichte sich ausdrückt, und in den Augen ist zu lesen, was in der Seele vorgeht. Das Schlimmste ist, daß ich für jetzt niemanden die Ursache meines Kummers mittheilen kann.
Nun wahrlich, gnädiger Herr, antwortete der Pfarrer, wenn ihr aufgelegt wäret, euch zu zerstreuen, so wollte ich euch etwas zeigen, das euch nach meinem Bedünken kein geringes Vergnügen machen würde.
Es wäre thöricht, antwortete der Herzog, das Linderungsmittel des Schmerzes, das einem angeboten wird, von sich zu weisen. Ich bitte euch darum, mein Vater, zeigt mir das, wovon ihr sprecht! Es ist gewiß eine von euren Seltenheiten, die mir sämmtlich einen großen Genuß gewähren.
Der Pfarrer stand auf und gieng zu Cornelia, die bereits ihr Kind aufgeputzt und die kostbaren Stücke dazu gelegt hatte, das Agnus und das Kreuz nebst drei andern höchst werthvollen Kleinoden, welche ihr vom Herzog zum Geschenk gemacht worden waren. Er nahm das Kind auf den Arm, gieng damit zum Herzog und bat ihn, aufzustehen und an das Fenster zu treten. Dort legte er das Kind aus seinen Armen in die des Herzogs.
So wie dieser die Kleinode betrachtete und sah und erkannte, daß es dieselben waren, die er Cornelia geschenkt hatte, erstaunte er, und wie er das Kind scharf in die Augen faßte, kam es ihm vor, als sehe er sein eigenes Ebenbild.
Voll Verwunderung fragte er den Pfarrer, wem das Kind gehöre, das nach seinem Schmuck und Anzug der Sohn eines Fürsten zu sein scheine.
Ich weiß nicht, antwortete der Pfarrer; alles, was ich sagen kann, ist, daß eines Nachts, ich weiß nicht mehr vor wie viel Tagen, ein Ritter von Bolonia mir das Kind hierher brachte, mit dem Auftrag, dafür zu sorgen und es zu erziehen, denn es sei der Sohn eines ritterlichen Vaters und einer vornehmen und äußerst schönen Mutter. Mit dem Ritter kam eine Frau, um das Kind zu säugen. Ich fragte sie, ob sie etwas von den Eltern dieses Säuglings wisse; sie antwortete aber, sie wisse nichts; und wahrlich, wenn die Mutter so schön ist als die Amme, so muß jene das schönste Weib in Italien sein.
Könnten wir sie nicht sehen? fragte der Herzog.
O ja wohl, antwortete der Pfarrer. Kommt mit mir, gnädiger Herr, denn wenn der Schmuck und die Schönheit dieses Kindes euch in Erstaunen versetzen, wie ich glaube, daß sie es gethan haben, so vermuthe ich, daß der Anblick seiner Amme bei euch dieselbe Wirkung hervorbringen wird.
Der Pfarrer wollte dem Herzog das Kind wieder abnehmen; dieser aber wollte es ihm nicht überlassen, sondern drückte es an sich und gab ihm unzählige Küsse. Nun gieng der Pfarrer etwas voraus und sagte zu Cornelia, sie möchte kommen und ohne im Geringsten eine Aufregung zu zeigen den Herzog empfangen. Cornelia war dazu bereit, es trieb ihr aber dabei die Ueberraschung so sehr das Blut ins Gesicht, daß ihre Wangen sich mit übermenschlicher Schönheit färbten.
Bei ihrem Anblick blieb der Herzog ganz erstarrt stehen und sie fiel ihm zu Füßen und wollte ihm dieselben küssen. Aber der Herzog übergab, ohne ein Wort zu sprechen, dem Pfarrer den Säugling, kehrte sich um und stürzte eilig aus dem Zimmer.
Als Cornelia dieß sah, wandte sie sich zum Pfarrer und sprach: Ach lieber Herr! Ist denn der Herzog an meinem Anblick erschrocken? Haßt er mich denn jetzt? Bin ich ihm denn häßlich erschienen? Hat er das Versprechen vergessen, das ihn an mich fesselt? Wird er denn nicht wenigstens ein Wort mit mir reden? Ist ihm denn sein Sohn so zuwider, daß er ihn fast wegschleuderte aus den Armen?
Auf alles dieß erwiderte der Pfarrer kein Wort, denn die Flucht des Herzogs hatte ihn ganz verwirrt gemacht, da er es doch nur für eine Flucht, eher als irgend sonst etwas, halten konnte. Der Herzog war aber nur hinausgegangen, um Fabio zu rufen und ihm zu sagen:
Rasch, Freund Fabio, reite in aller Eile nach Bolonia und sage, Lorenzo Bentibolli und die zwei spanischen Ritter Don Juan von Gamboa und Don Antonio von Isunza sollen sogleich ohne weiteren Aufenthalt in dieses Dorf kommen! Schicke dich, Freund, daß du bald wieder zurück bist! Komm mir aber nicht ohne sie, denn es ist mir so viel daran gelegen sie zu sehen, als an meinem Leben.
Fabio war nicht träge, sondern führte sogleich den Befehl seines Herrn aus; der Herzog aber kehrte sogleich zu Cornelia zurück, welche reizende Thränen vergoß. Der Herzog nahm sie in seine Arme, vermischte seine Thränen mit den ihrigen, und saugte tausendmal den Athem aus ihrem Munde ein, denn beiden hatte die Freude die Zunge gefesselt; und so gaben sich die beiden glücklichen Liebenden und wahren Gatten in ehrbarem liebewonnigem Schweigen ihrem Entzücken hin.
Die Amme des Kindes und die Crivela, wofür sie sich wenigstens ausgab, hatten durch die halb offene Thüre des Nebenzimmers alles mit angesehen, was zwischen dem Herzog und Cornelia vorgefallen war und rannten nun vor Freude mit den Köpfen an die Wände, daß es gar nicht anders aussah, als ob sie den Verstand verloren hätten.
Der Pfarrer küßte tausendmal das Kind, welches er in seinen Armen hielt, und hörte nicht auf, mit der rechten Hand, die er frei gemacht hatte, den beiden einander umarmenden den Seegen zu spenden. Die Haushälterin des Pfarrers, welche bei dieser ernsten Begebenheit sich nicht gegenwärtig befunden hatte, indem sie mit Zubereitung der Mahlzeit beschäftigt gewesen war, kam, als alles fertig war, herein, um zu Tische zu rufen.
Dieser Ruf löste die festen Umarmungen, der Herzog nahm dem Pfarrer das Kind ab und behielt es auf seinen Armen, so lange die mehr reinlich und schmackhaft zubereitete als prachtvolle Mahlzeit dauerte, und während sie aßen, erzählte Cornelia alles, was sich mit ihr zugetragen hatte, bis sie in dieses Haus gekommen war auf den Rath der Haushälterin der beiden spanischen Ritter, welche ihr mit dem sittsamsten und pünktlichsten Anstand, der sich denken läßt, ihre Dienste, Schutz und Obhut gewidmet.
Der Herzog erzählte ihr ebenfalls alles, was ihm bis zu diesem Augenblicke begegnet war. Die Amme und die Haushälterin waren zugegen und empfiengen vom Herzog große Anerbietungen und Versprechungen. Alle freuten sich von Neuem über den glücklichen Ausgang ihrer Angelegenheiten und warteten nur noch auf die Ankunft des Lorenzo, Don Juan und Don Antonio, damit das Maaß des Glückes voll würde und eine mehr als vermuthete Höhe erreichte.
Diese kamen nach drei Tagen, getrieben von Ungeduld und Neugier, um zu hören, ob der Herzog Nachricht von Cornelia habe; denn Fabio, der nach ihnen abgeschickt war, konnte ihnen nichts von ihrer Wiedererscheinung sagen, weil er selbst nichts davon wußte. Der Herzog kam, sie zu empfangen, in einen Saal heraus, welcher an das Gemach Cornelias stieß, ohne jedoch das geringste Zeichen von Freude blicken zu lassen, worüber die Neuangekommenen sich betrübten. Der Herzog hieß sie Platz nehmen und setzte sich mit ihnen; dann richtete er seine Rede an Lorenzo und sagte zu ihm:
Ihr wißt recht wohl, Herr Lorenzo Bentibolli, daß ich eure Schwester nie hintergangen habe; das bezeugt mir der Himmel und mein Gewissen. Ebenso wißt ihr, welche Mühe ich mir gab, sie aufzusuchen, und wie sehr ich wünschte, sie zu finden, um mich meinem Versprechen gemäß mit ihr zu vermählen. Sie kommt aber nicht zum Vorschein und mein Wort kann mich nicht auf ewig binden. Ich bin jung und habe noch nicht so viele Erfahrungen in der Welt gemacht, daß ich mich nicht sollte vom Vergnügen hinreißen lassen, zu dem sich mir bei jedem Schritte Gelegenheit darbietet. Dieselbe Neigung, die mich bewog, Cornelia die Ehe zu versprechen, hatte mich bereits früher angetrieben, einem Bauernmädchen hier im Dorfe mein Wort zu geben, ich wolle ihr Gatte werden; dieser gedachte ich hinterdrein untreu zu werden, um die treffliche Cornelia zu erlangen, wiewohl ich zu diesem Schritt die Zustimmung meines Gewissens nicht erlangen konnte, und dadurch habe ich keinen geringen Beweis von Liebe zu Cornelia gegeben. Doch da niemand ein Frauenzimmer heirathet, das nicht da ist, und es auch nicht vernünftig ist, daß jemand diejenige aufsuche, die ihn verlassen hat, wenn er nicht eine Geliebte finden will, die ihn verschmäht, so ersuche ich euch, Herr Lorenzo, mir zu sagen, welche Genugthuung ich euch für eine Beleidigung geben kann, die ich euch nicht zugefügt habe, weil ich nie die Absicht hatte, sie euch zuzufügen; gebt mir aber auch zugleich die Erlaubniß, mein erstes Versprechen zu erfüllen und das Landmädchen zu heirathen, das bereits hier im Hause ist.
Während der Herzog dieß sagte, wechselte Lorenzos Gesicht tausendmal die Farbe und er konnte sich nicht enthalten, auf dem Stuhl hin und der zu rücken, zum deutlichen Zeichen, daß der Zorn von allen seinen Sinnen Besitz genommen hatte. Dasselbe gieng mit Don Juan und Don Antonio vor, welche gleich entschlossen waren, um keinen Preis den Herzog sein Vorhaben ausführen zu lassen und sollten sie ihm das Leben nehmen müssen.
Der Herzog, der ihre Gedanken auf ihren Gesichtern las, sprach daher: Besänftigt euch, Herr Lorenzo, denn ehe ihr mir ein Wort erwidert, begehre ich nur, euch die Schönheit vorzustellen, die ich mir zur Gattin erlesen habe, und diese soll euch selbst bewegen, mir die Erlaubniß zu ertheilen, um welche ich euch gebeten habe; denn ihre Reize sind so bedeutend und so über alles erhaben, daß sie selbst für größere Verirrungen eine hinreichende Entschuldigung wären.
Nachdem er dieß gesagt hatte, stand er auf und gieng in das Zimmer, wo Cornelia aufs reichste mit dem Schmucke angethan, den sie früher ihrem Kinde gegeben hatte, und mit noch vielen andern Kleinoden geziert, seiner harrte. Als der Herzog den Rücken kehrte, stand Don Juan auf, ergriff mit beiden Händen die Arme des Sessels, auf dem Lorenzo saß, und sagte ihm ins Ohr:
Bei Santiago von Galicien, Herr Lorenzo, und bei meiner Ehre als Christ und Ritter will ich eher ein Maure werden, als daß der Herzog sein Vorhaben ausführen soll. Hier, hier, durch meine Hände soll er mein Leben lassen, oder das Wort erfüllen, das er eurer Schwester Fräulein Cornelia gegeben hat; oder wenigstens muß er uns Zeit lassen, sie zu suchen; auf keinen Fall aber darf er heirathen, ehe wir gewiß wissen, daß sie todt ist.
Derselben Ansicht bin ich auch, antwortete Lorenzo.
Und mein Kamerad Don Antonio, versetzte Don Juan, wird ebenso denken.
Indem trat Cornelia in den Saal zwischen dem Pfarrer und dem Herzog, welcher sie bei der Hand führte. Hinter ihnen kam Sulpicia, Cornelias Fräulein, welche der Herzog hatte von Ferrara kommen lassen, und zuletzt die Amme des Kindes und die Haushälterin der zwei Ritter. Als Lorenzo seine Schwester sah und sie allmählich wieder ganz erkannte, denn am Anfang ließ ihn die scheinbare Unmöglichkeit dir Wahrheit nicht begreifen, wankten seine Kniee und er warf sich dem Herzog zu Füßen, der ihn aufhob und in die Arme seiner Schwester führte, das heißt seine Schwester umarmte ihn mit allen möglichen Zeichen der Freude.
Don Juan und Don Antonio sagten dem Herzog, es sei der witzigste und angenehmste Scherz von der Welt gewesen. Der Herzog nahm das Kind, welches Sulpicia trug, gab es Lorenzo und sagte zu ihm:
Empfangt, Herr Bruder, euren Neffen und meinen Sohn und bedenkt, ob ihr mir erlauben könnt, mich mit diesem Bauernmädchen zu verbinden, denn sie ist die erste, welcher ich die Hand zur Vermählung geboten habe.
Wir würden nie zu Ende kommen, wenn wir erzählen wollten, was Lorenzo antwortete, Don Juan fragte, Don Antonio empfand, die Freude des Pfarrers, den Jubel Sulpicias, die Zufriedenheit der Rathgeberin, das Frohlocken der Amme, die Verwunderung Fabios und kurz die allgemeine Zufriedenheit aller.
Der Pfarrer traute sie auf der Stelle und Don Juan von Gamboa war Brautführer. Man nahm gegenseitig Abrede, die Trauung geheim zu halten, bis man sähe, welchen Ausgang die sehr gefährliche Krankheit nähme, an welcher die Herzogin, seine Mutter litt; unterdessen sollte Cornelia mit ihrem Bruder nach Bolonia zurückkehren. Das alles geschah.
Die Herzogin starb, Cornelia hielt ihren Einzug in Ferrara und erfreute jedermann durch ihren Anblick die Trauer verwandelte sich in Jubel; die Amme und die Haushälterin wurden reich, Sulpicia wurde Fabios Frau und Don Antonio und Don Juan freuten sich sehr, dem Herzog einige Dienste geleistet zu haben. Dieser bot ihnen zwei seiner Basen mit einer reichen Ausstattung als Gemahlinnen an. Sie entschuldigten sich jedoch, daß die biscayischen Ritter sich meist in ihrem Vaterlande verheirathen, und wenn sie ein so glänzendes Anerbieten nicht annehmen, so geschehe es nicht aus Geringschätzung, die ja nicht Statt finden könne, sondern um ihrer löblichen Sitte und dem Wunsche ihrer Eltern nachzukommen, die bereits für sie gewählt haben würden.
Der Herzog nahm ihre Entschuldigung an und übersandte ihnen auf sehr seine und ehrenhafte Weise, indem er schickliche Veranlassungen aufsuchte, viele Geschenke nach Bolonia, deren einige so ansehnlich waren, und zu so gelegener Zeit ankamen, daß, wenn sie sie auch hätten ausschlagen wollen, damit es nicht schiene, als lassen sie sich ihre Dienste bezahlen, doch die Zeit, wo sie anlangten, alle diese Bedenklichkeiten beseitigte. Dieß war besonders der Fall mit den Geschenken, die er ihnen zuschickte, als sie nach Spanien abreisten, und mit denen, welche er ihnen gab, als sie nach Ferrara kamen, um sich von ihm zu verabschieden.
Sie fanden Cornelia bereits als Mutter zweier Töchterchen und den Herzog verliebter als je. Die Herzogin gab das Diamantenkreuz dem Don Juan und das Agnus dem Don Antonio, die nicht umhin konnten, es dießmal anzunehmen.
Sie kamen nach Spanien und in ihre Heimat, wo sie reiche, vornehme und schöne Frauen heiratheten, und sie unterhielten immer den Verkehr mit dem Herzog und der Herzogin und mit dem Herrn Lorenzo Bentibolli, zur größten Freude vor allen.