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Im Original: » Rinconete y Cortadillo«; der Übersetzer übertrug die ›sprechenden Eigennamen‹ wörtlich ins Deutsche (auch im weiteren Text: »Hintermthor«, »Einträglich« u.s.w.). ( Anm.d.Hrsg.)
In der Schenke zur kleinen Mühle, die am Ende des berühmten Feldes von Alcudia liegt, wenn man von Castilien nach Andalusien geht, saßen an einem heißen Frühlingstage zwei Jungen von etwa vierzehn bis fünfzehn Jahren; keiner wenigstens war über die siebzehn hinaus, Beide wohlgebildet, aber sehr zerrissen, zerlumpt und verwahrlost. Mäntel hatten sie nicht, ihre Hosen waren von Leinwand und ihre Strümpfe von ihrer eigenen Haut, was freilich durch die Schuhe wieder ins Gleichgewicht gebracht wurde, denn diejenigen des einen bestanden aus Binsen, die sich schon auf manchem Gang abgemüht hatten, und denen des andern fehlten die Sohlen, so daß sie mehr den Dienst von Fußblökken als von Schuhen verrichteten.
Der Eine trug eine grüne Jägermüzze und der Andere einen Hut ohne Band, mit niedrem Kopf und breitem Stulp. Ueber Schulter und Brust hatte der Eine ein gemslederfarbiges Hemd gebunden, das ganz in den Einen Aermel geschlüpft und eingewikkelt war; der Andre ging ganz frei und ohne alles Gepäkke, ausgenommen daß ein großer Wulst vor seinem Busen hervortrat, der, wie sich in der Folge zeigte, eine Halskrause von der Art derjenigen war, die man gestärkte wallonische nennt, gestärkt nämlich mit Schmuz und von Alter so ausgefasert, daß das Ganze eigentlich nur wie ein Gitter von Fäden aussah. In demselben eingewikkelt und verwahrt befand sich ein Spiel Karten von eiförmiger Gestalt, denn die Ekken waren durch den Gebrauch abgerieben und jene daher zum Zwekke längerer Dauer beschnitten und in die besagte Form gebracht worden.
Beide Gäste hatten eine sonneverbrannte Haut, schmuzzige Nägel und nicht sonderlich reine Hände; der Eine trug einen kurzen Degen, der Andre ein Messer mit gelbem Heft, einen sogenannten Ochsentreiber ( vaquero). Beide waren in die Laube oder das Vordach, welches sich vor dem Wirthshaus befand, gekommen, um hier Mittagsruhe zu halten, und wie sie hier Antliz gegen Antliz saßen, begann der dem Ansehn nach Aeltere also gegen den Jüngern:
»Aus welchem Lande sind Euer Gnaden, gestrenger Herr, und woher kommt Ihr des Weges?«
»Mein Vaterland, Herr Ritter,« erwiederte der Befragte, »kenne ich nicht und weiß eben so wenig, woher ich komme.«
»Da es aber nicht das Ansehn hat, als ob Euer Gnaden vom Himmel gefallen wären,« entgegnete der Aeltere, »und hier nicht der Ort ist, um Euern bleibenden Aufenthalt zu nehmen, werdet Ihr wol genöthiget sein, weiter zu reisen.«
»So ist es,« versezte der Jüngere, »ich habe aber gleichwol die Wahrheit gesagt; mein Vaterland gehört mir nicht an, denn ich habe dort nichts als einen Vater, der mich nicht für seinen Sohn hält, und eine Stiefmutter, die mich als Stiefkind behandelt; mein Weg geht aufs Gerathewohl und wird dort aufhören, wo ich Jemand finde, der mir das Nöthige gibt, um dieses kläglichen Zustandes los zu werden.«
»Und verstehen Euer Gnaden ein Handwerk?« fragte der Große; worauf der Kleine erwiederte:
»Ich verstehe kein anderes, als zu laufen wie ein Hase, zu springen wie ein Gemsbok und sehr zierlich mit der Scheere zu schneiden.«
»Das Alles ist sehr gut, nüzlich und förderlich,« sagte der Große, »denn gewiß findet sich ein Küster, der Euer Gnaden das Opfergeld von Allerheiligen gibt, um ihm für den grünen Donnerstag die papiernen Rosen zum heiligen Grab auszuschneiden.«
»Mein Schneiden ist nicht von der Art,« erwiederte der Kleinere, »sondern mein Vater ist durch die Barmherzigkeit des Himmels Schneider und Strumpfmacher und hat mich Ueberstrümpfe machen gelehrt, die, wie Euer Gnaden wol wissen, Kamaschen mit Vorschuhen sind, und ihrem eigentlichen Namen nach Stiefeletten heißen; die schnitt ich so gut zurecht, daß ich mich auf's Meisterrecht hätte prüfen lassen können, schnitte mir mein ungünstiges Schiksal nicht die Ehren wiederum weg.«
»Auf die Art und noch schlimmer,« entgegnete der Große, »geht es den Braven immer, und ich habe immer sagen gehört, die nüzlichsten Fertigkeiten seien die danklosesten. Indessen stehen Euer Gnaden noch im Alter, um Dero Glük verbessern zu können; auch gebieten Hochdieselben, wenn ich mich nicht täusche und mein Auge nicht lügt, noch über andre geheime Geschiklichkeiten, die sie nicht bekannt machen wollen.«
»Ueber die gebiete ich,« antwortete der Kleinere, »aber sie sind nicht für's Publikum, wie Euer Gnaden ganz richtig bemerkt haben.«
Worauf der Große erwiederte: »So kann ich Euch denn sagen, daß ich einer der verschwiegensten Bursche bin, die sich weit herum finden, und um Euer Gnaden zu vermögen, mir Euer Herz zu enthüllen und sich wegen meiner zu beruhigen, will ich Euch zuerst das meinige eröffnen, denn meines Bedünkens hat uns das Schiksal nicht ohne geheime Absicht hier zusammengebracht und ich meine, wir werden von diesem Augenblikke bis zum lezten Tag unsres Lebens aufrichtige Freunde bleiben. Ich, Herr Ritter, bin aus Fuenfrida gebürtig, einem bekannten und durch die vielen vornehmen Reisenden, die fortwährend hindurch passiren, berühmten Orte: mein Name lautet Peter von Ekke und mein Vater ist ein Mann von Stande, denn er ist Beamter der heiligen Kreuzbulle, oder, wie das gemeine Volk es nennt, Bullenschreier oder Bullenkrämer. Die Kreuzbulle war ein Ablaßbrief für die Könige von Portugal und Spanien und Diejenigen ihrer Unterthanen, welche Geldbeiträge zur Bekämpfung der Ungläubigen in Afrika lieferten; gedrukte Auszüge aus dieser Bulle, wodurch Jeder, der sich dieselben kauft, von der Enthaltung von Eier- und Milchspeisen während der Fasttage freigesprochen wird, wurden öffentlich zum Verkauf ausgeboten und da die Leute, welche sich mit dem Debit dieses Handelsgegenstandes befaßten, meistens der Hefe des Volkes angehörten, war das Wort Bullenkrämer zum Schimpfnamen geworden. Einige Zeit stand ich meinem Vater in seinem Amte bei und hatte dasselbe bald so weg, daß ich im Verschleiß der Bullen dem Geschiktesten nichts nachgab; da ich aber eines Tags lebhaftere Neigung zu dem Bullengeld als zu den Bullen selbst in mir wahrnahm, umarmte ich einen Geldsak und wanderte mit ihm nach Madrid, wo ich ihm mittelst der verschiedenen Gelegenheiten, die sich dort gewöhnlich darbieten, in wenigen Tagen alle Eingeweide so auszog, daß er mehr Falten bekam, als das Schnupftuch eines Bräutigams am Hochzeittage. Anspielung auf einen Volksgebrauch in Spanien, der ehedem auch in Frankreich üblich war. Der Kassenbeamte holte mich ein; ich ward festgenommen und nicht sonderlich günstig angesehen; im Hinblik auf meine wenigen Jahre begnügten sich die Herren jedoch damit, mich an den Thürklopfer zu stellen, mir die Fliegen ein wenig vom Rükken zu scheuchen und mir den Aufenthalt in der Residenz auf vier Jahre zu untersagen. Ich faßte mich in Geduld, zog die Schultern ein, erlitt mein Tagewerk und die Fliegenabwehr, und eilte so sehr der mir aufgetragenen Entfernung aus Madrid nachzukommen, daß ich nicht einmal Zeit fand, mich beritten zu machen. Von meinem Gepäkke nahm ich was ich vermochte und was mir am nöthigsten dünkte, und unter Anderem auch die Karten da« (hier nahm er das schon beschriebene Spiel aus der Krause), »mit welchen ich mir meinen Lebensunterhalt in den Schenken und Wirthshäusern von Madrid bis hieher im Einundzwanzig Vingt et un. gewann. Obgleich Euer Gnaden diese Karten jezt in sehr schmuzzigem und verwahrlosetem Zustande sehen, besizzen sie doch für Den, der sie versteht, eine bewunderungswürdige Tugend, indem nämlich beim Abheben immer noch ein Aß unten bleibt, und falls Euer Gnaden mit dem erwähnten Spiele bekannt sind, werdet Ihr einsehen, welchen Vortheil Derjenige hat, welcher gewiß weiß, daß die erste Karte ein Aß ist, denn dieses kann ihm als eins und auch als elf dienen, so daß wenn er auf einundzwanzig bietet das Geld ihm zufließt. Außerdem lernte ich vom Koch eines gewissen Gesandten allerhand Kunstgriffe im Guinola Ein Spiel, wobei Derjenige gewinnt, welcher vier gleiche Karten von verschiedener Farbe hat. und im Pariren, so daß, wie Euer Gnaden sich gerichtlich im Kamaschenschneiden prüfen lassen können, ich in der Gaunerkunst Ansprüche aufs Meisterrecht machen kann. Damit bin ich sicher, nicht Hungers zu sterben, denn wo ich in ein Bauernhaus komme, findet sich immer Jemand, der sich mit ein wenig Spielen die Zeit vertreiben will, und auch hier wollen wir Beide gleich die Probe machen. Spannen wir das Nez aus und sehen ob nicht unter den Maulthiertreibern, die hier einkehren, ein Vogel sich findet, der hineinfällt; ich meine damit: spielen wir Einundzwanzig mit einander, als ob's ernstlich gemeint wäre, damit wenn Einer Lust bekommen sollte den dritten Mann zu machen, er der Erste sei, der sein Geld sizzen läßt.«
»In Gottes Namen,« erwiederte der Andere; »nebenher bin ich Euer Gnaden höchlichst verbunden für den Beweis von Wohlwollen, den sie mir durch den Bericht über ihr Leben gegeben, so daß ich nun auch das meinige nicht länger verschweigen kann, welches, kurz gefaßt, folgendes ist: Ich bin in El Pedroso, einem Orte zwischen Salamanca und Medina del Campo, geboren. Mein Vater, ein Schneider, unterrichtete mich in seinem Beruf, und vom Schneiden mit der Scheere schwang ich mich durch mein Genie zum Beutelschneiden auf. Das enge Dorfleben und die lieblose Behandlung meiner Stiefmutter wurden mir zuwider; ich verließ meinen Flekken, begab mich nach Toledo, um mein Handwerk zu treiben und that Wunder darin. Kein Reliquienkäpselchen hing von einer Haube, keine Tasche war so verborgen, die mein Wunsch nicht besucht und meine Scheere nicht abgeschnitten hätten und wäre sie auch von Iltisaugen bewacht gewesen. Dabei ward ich während der vier Monate, die ich in jener Stadt zubrachte, nie zwischen vier Wänden ertappt, nie überrumpelt, nie von einem Ohrenbläser angeschwärzt worden, nie an einem Polizeidiener hängen geblieben; nur vor acht Tagen gab ein zweizüngiger Spion dem Stadtrichter Nachricht von meiner Geschiklichkeit, der, eingenommen von meinen Talenten, mich zu sehen wünschte. Ich jedoch, als ein bescheidener Mensch, der nicht gerne mit so vornehmen Leuten zu thun hat, sorgte dafür, daß er mich nicht zu Gesicht bekomme und verließ die Stadt so schnell, daß ich nicht einmal Gelegenheit nahm mich um eine Reitgelegenheit, eine Waffe, eine Retourkutsche oder auch nur einen Bauerwagen umzuthun.«
»So was vergißt man;« entgegnete Ekke, »und da wir uns jezt kennen, brauchen wir die Bakken nicht mehr so voll zu nehmen; kein Blatt mehr vor's Maul, daß wir keinen Heller und nicht einmal Schuhe haben!«
»Meinethalben,« antwortete Diego Schnittling (wie der Jüngere seinen Namen angab) »und da unsre Freundschaft, wie Euer Gnaden bemerkt haben, bis zum Grab fortdauern soll, wollen wir sie mit heiligen und löblichen Ceremonien beginnen.«
Damit stand er auf und umarmte den Ekke, und Ekke wiederum ihn aufs Zärtlichste und Innigste, worauf sie sich unverweilt an ein Einundzwanzig mit den schon erwähnten Karten machten, von welchen sie erst den Staub und die Spreu, aber freilich nicht das Fett und die Spizbüberei abwischten; und nach wenigen Handübungen hob Schnittling so gut auf ein Aß ab, als sein Meister Ekke.
Indem trat ein Maulthiertreiber um sich zu verkühlen unter das Vordach und bat, man möge ihn zum dritten Mann annehmen. Man gewährte sein Gesuch mit Vergnügen und in weniger als einer halben Stunde hatten Jene zwölf Realen und einundzwanzig Maravedi's von ihm gewonnen, was für ihn eben so viel war, als hätte man ihm zwölf Kolbenstöße und einundzwanzig tausend Hiebe beigebracht, daher er, in der Meinung die Beiden würden sich, als gar junge Bursche, nicht zur Wehr sezzen, ihnen das Geld nicht lassen wollte; aber der Eine griff nach seinem Degen, der Andre nach seinem gelben Messerheft und Beide machten ihm damit so viel zu schaffen, daß, wären seine Kameraden nicht heraus gekommen, es ihm ohne Zweifel sehr übel ergangen wäre.
Zufälligerweise kam in diesem Augenblik ein Trupp berittener Reisender des Wegs, die in dem eine halbe Meile weiter entlegenen Wirthshaus zum Schulzen ihre Mittagsruhe halten wollten. Als Diese den Streit des Maulthiertreibers mit den beiden Jungen bemerkten, schlugen sie sich ins Mittel und sagten den Leztern, wenn ihre Reise etwa nach Sevilla ginge, so sollten sie mit ihnen kommen.
»Ja, dahin gehen wir,« rief Ekke, »und wir wollen Euer Gnaden in Allem zu Diensten sein, was sie uns auftragen.«
Und ohne sich weiter aufzuhalten, sprangen sie vor den Maulthieren her und ihr Spielgenosse blieb voll Aerger und Wuth, die Wirthin aber in Verwunderung über das Herrenmäßige im Gespräch der beiden Gauner zurük, denn sie hatte, ohne von ihnen bemerkt zu werden, ihre Unterhaltung angehört. Als sie dem Treiber kund that, sie wisse aus den eigenen Worten derselben, daß die Karten, die sie bei sich gehabt, falsch seien, raufte er sich den Bart und wollte ihnen ins Wirthshaus nachlaufen, um sein Geld wieder zu bekommen, denn er behauptete, es sei eine ewige Schmach und Schande, daß zwei Buben einen so alten Kerl, wie ihn, über's Ohr gehauen hätten. Seine Kameraden riethen ihm jedoch hievon ab, damit seine Einfalt und Kopflosigkeit mindestens nicht an Tag komme, und hielten ihm so lange Reden, daß, wenn sie ihn auch nicht zu trösten vermochten, sie ihn wenigstens bewogen da zu bleiben.
Unterdessen beflissen sich Schnittling und Ekke so angelegen, sich den Reisenden gefällig zu erweisen, daß Diese sie den größten Theil des Weges über hinten aufsizzen liessen, und troz mehreren Gelegenheiten die Felleisen ihrer vorne sizzenden Herren zu untersuchen, benuzten sie dieselben nicht, um eine so gute Reisegelegenheit nach Sevilla, wohin zu kommen ihr angelegener Wunsch war, nicht zu verlieren.
Gleichwol konnte sich Schnittling beim Einzug in die Stadt, der um die Vesperzeit und, des Zolls und der Einregistrirung halber, durch das Mauth-Thor geschah, nicht enthalten, den Mantelsak eines zur Gesellschaft gehörigen Franzosen anzuschneiden, und brachte dem Säklein denn auch mit seinem gelbgehefteten Messer eine so weite und tiefe Wunde bei, daß die Eingeweide offen heraussahen und er hurtig zwei gute Hemden, eine Sonnenuhr und ein Schreibbuch herauszog, an welchen Gegenständen er und sein Gefährte bei näherer Besichtigung freilich kein sonderliches Vergnügen empfanden.
Ueberzeugt, wenn der Franzose einen so hübschen Mantelsak hinten aufgelegt, werde er denselben nicht durchweg mit so unbedeutenden Dingen, wie diese erbeuteten Stükke, gefüllt haben, wollten sie bereits eine zweite Untersuchung vornehmen; allein der Gedanke, das Weggekommene werde bereits vermißt und das Uebrige in Sicherheit gebracht worden sein, hielt sie denn doch wieder ab. Sie hatten sich, ehe sie den Streich spielten, von ihren bisherigen Wohlthätern bereits verabschiedet; am folgenden Tag verkauften sie die Hemden auf dem Trödelmarkt vor dem Sand-Thor und löseten zwanzig Realen dafür.
Sofort besahen sie die Stadt und wunderten sich über die Größe und Kostbarkeit der Hauptkirche, und über das Menschengewühl am Flusse, denn es war eben die Zeit wo die Flotte befrachtet wurde und sechs Galeren lagen vor Anker, deren Anblick Jenen einen kleinen Seufzer auspreßte, indem er sie an den schauerlichen Tag mahnte, wo ihre Spizbübereien ihnen einen lebenslänglichen Aufenthalt auf diesen Fahrzeugen verschafft haben würden. Desgleichen bemerkten sie die vielen Jungen, die mit Körben hin und wieder gingen. Sie erkundigten sich bei Einem derselben, was das für eine Handierung sei, ob sie viele Mühe mache und welchen Gewinn sie abwerfe.
Der Befragte, ein asturischer Knabe, erwiederte, das Handwerk sei mühlos, man bezahle keine Gewerbesteuer davon und bisweilen bringe es des Tags fünf bis sechs Realen ein, womit man essen, trinken und sich's wohl sein lassen könne wie ein König, ohne daß man erst einen Herrn zu suchen habe, dem man ein Haftgeld geben müsse, und sicher sei jeden beliebigen Augenblik eine Speise zu bekommen, denn in der kleinsten Garküche der Stadt, in welcher es deren übrigens auch sehr große und gute gebe, finde man zu jeder Stunde etwas Angerichtetes.
Der Bericht des kleinen Asturiers dünkte den beiden Freunden nicht übel, und auch das Handwerk kam ihnen nicht uneben vor, da es bei der Gelegenheit, die es bot, sich in jedem Haus Zutritt zu verschaffen, eine bequeme Aussenform zu fein schien, um ihr eigenes Gewerbe unentdekt und sicher zu treiben. Unverzüglich beschlossen sie, sich die nöthigen Geräthe zum Betrieb des erstern anzuschaffen, da sie dasselbe ohne vorgängige Prüfung antreten konnten. Sie fragten daher den Asturier, was sie in gedachter Hinsicht zu kaufen hätten; er antwortete: einige saubere, neue Säkchen und Jeder drei Handkörbe, zwei große und einen kleinen, in welchen man Fleisch, Fische und Früchte umtrage, so wie in den Säkken das Brod.
Er selbst führte sie an den Ort, wo man diese Geräthschaften feil bot; sie kauften Alles von der bei dem Franzosen gemachten Beute und innerhalb zwei Stunden konnten sie für graduirt in dem neuen Amte gelten, so gut trugen sie die Körbe und so hübsch standen ihnen die Säkke. Ihr Führer gab ihnen die Posten an, die sie einzunehmen hätten: Morgens bei der Fleischbank und beim Sankt Salvatorsplazze; an den Fasttagen auf dem Fischmarkt und beim kleinen Rain; jeden Abend beim Flusse und Donnerstags auf dem großen Markte.
Diese ganze Lektion faßten sie wohl ins Gedächtniß, pflanzten sich des andern Tages zu guter Stunde auf dem Sankt Salvatorsplazze auf und hatten ihre Stelle kaum eingenommen, als andere Jungen dieses Handwerks sich um sie her drängten, die an den nagelneuen Säkken und Körben sahen, daß ihre Träger selbst Neulinge auf dem Plaz seien. Man that tausend Fragen an sie, auf welche alle sie mit Verstand und Höflichkeit antworteten. Darüber kam eine Art angehender Geistlicher und ein Kriegsmann herbei, und angezogen von der Sauberkeit der Körbe bei den beiden Novizen, rief Der, welcher ein Theologe zu sein schien, den Schnittling, der Krieger aber den Ekke herbei.
»In Gottes Namen!« antworteten Beide.
»Mein Handwerk fängt gut an,« sagte Ekke, »da Euer Gnaden der Erste sind, der mich in demselben gebraucht.«
»Das Handgeld soll nicht schlecht sein,« erwiederte der Kriegsmann, »denn ich habe gewonnen, bin verliebt und will heute einigen Freundinnen meiner Liebsten ein Fest geben.«
»Nun so laden mir Euer Gnaden nur nach Belieben auf, denn ich habe Lust und Knochen, den ganzen Plaz fortzuschleppen, und ist's nöthig daß ich auch beim Kochen helfe, so werd' ich's von Herzen gerne thun.«
Dem Soldaten gefiel das aufgewekte Wesen des Knaben; er sagte daher zu ihm, wenn er bei ihm in Dienst zu treten Lust habe, so wolle er ihn von dieser niedern Beschäftigung wegnehmen; worauf Ekke erwiederte, da dies der erste Tag sei, an welchem er sich in derselben versuche, eile es ihm nicht so sehr, sie wieder aufzugeben, bis er zum Mindesten gesehen, was Schlimmes und Gutes an ihr sei; schlage sie ihm nicht zu, so gebe er ihm sein Wort, daß er lieber bei ihm in Dienste treten wolle, als bei einem Kanonikus.
Der Soldat lachte, belud ihn tüchtig und ging mit ihm zu dem Hans seiner Dame, damit der Junge dasselbe für die Zukunft wisse und er selbst, wenn er ihn wieder einmal dahin schikke, nicht nöthig habe, den Geleitsmann zu machen. Ekke versprach Treue und gutes Betragen, der Krieger gab ihm drei Quartos und er kehrte im Flug nach dem Plaz zurük, um keine Gelegenheit zu versäumen: denn diese Emsigkeit hatte ihm der Asturier anempfohlen und nebenher bemerkt, wenn man kleine Fische zu tragen hätte, wie Lauke, Sardellen oder Flunder, so könne man wol einige davon nehmen, und mit eigenem Mund versuchen wie sie schmekken, wenigstens so viele als man für den Bedarf des Tages nöthig habe: nur müsse Dies mit aller Vorsicht und Pfiffigkeit geschehen, damit man das Zutrauen, das Wichtigste bei diesem Handwerk, nicht verliere. So schnell indessen Ekke zurükkehrte, fand er doch den Schnittling ebenfalls bereits wieder an seiner Stelle. Dieser trat auf ihn zu und fragte, ob er ein gutes Geschäft gemacht.
Ekke öffnete die Hand und zeigte die drei Quartos. Schnittling griff in den Busen, und zog ein Beutelchen heraus, das in vergangenen Zeiten gelb gewesen zu sein schien; es war ziemlich angeschwollen und Jener sprach:
»Damit haben mich Sr. Ehrwürden, der Herr Pfarrer, bezahlt, und überdies mit zwei Quartos. Für jeden möglichen Fall aber nehmt Ihr das Beutelchen zu Euch, Ekke.«
Kaum hatte er es ihm heimlich zugestekt, siehe so kam der Geistliche schweißtriefend und zum Tode erschrekt heran und fragte, als er den Schnittling erblikte, ob er nicht vielleicht einen Beutel mit den und den Kennzeichen gefunden habe, der ihm samt fünfzehn Thalern in Gold, drei Doppelrealen und so und so viel Maravedis in Quartos und Ochavos fehle. Jener möge ihm sagen, ob er denselben während seines Gesprächs mit ihm beim Einkaufen in der Hand gehabt.
Schnittling erwiederte mit höchster Verstellung und ohne das geringste Zeichen von Befangenheit zu geben: »Was ich von diesem Beutel zu sagen wüßte, ist blos, daß er nicht verloren sein kann, wenn Euer Gnaden ihn nicht schlecht verwahrt haben.«
»Da stekt's eben, Gott erbarm's,« antwortete Jener, »daß ich ihn schlecht verwahrt haben muß, sonst hätte man ihn freilich nicht stehlen können!«
»Das sage auch ich,« versezte Schnittling, »aber gegen Alles, ausser den Tod, gibt es ein Mittel, und das erste und hauptsächlichste, wozu Euer Gnaden greifen können, ist, sich in Geduld zu fassen, denn Gott hat uns aus gar Wenigem erschaffen; ein Tag kommt nach dem andern; wo was hinzufällt, fällt auch was weg und vielleicht daß mit der Zeit den Dieb des Beutels Reue anwandelt und er denselben Euer Gnaden wohl durchräuchert zurükstellt.«
»Den Weihrauch wollt' ich ihm schenken,« erwiederte der Schwarzrok.
»Ueberdies,« fuhr Schnittling fort, »gibt's ja Excommunicationsbriefe, Bannedikte und Emsigkeit, welche die Mutter des Glükkes ist. Uebrigens möcht' ich wahrhaftig nicht der Dieb des Beutels sein, denn wenn Euer Gnaden schon eine heilige Weihe erhalten haben, so hat der Entwender meines Bedünkens eine große Blutschande oder Kirchenräuberei begangen.«
»Freilich hat er Kirchenraub begangen,« entgegnete der betrübte Studiosus, »denn bin ich auch nicht Geistlicher, sondern blos Küster in einem Nonnenkloster, so gehörte doch das Geld im Beutel zur Einnahme einer Kaplanei, und ein Priester, ein Freund von mir, hatte mir's zum Aufbewahren gegeben; es war also heiliges und geweihtes Geld.«
»Der Dieb wird's schon zu verdauen kriegen,« bemerkte jezt Ekke; »ich möchte ihm seinen Gewinn nicht abpachten; es gibt einen Tag des Gerichtes, wo sich Alles beim Aufwaschen findet, und da wird man schon inne werden, wer im schwarzen Register steht und frech genug war zu stehlen, zu rauben und die Einnahme einer Kaplanei zu verkürzen. Und wie viel eigentlich trägt sie jährlich ein? sagt doch, Herr Küster!«
»Den Henker trägt sie ein! Hab' ich jezt Zeit euch zu sagen, was sie einträgt?« rief der Küster und wollte recht ärgerlich werden. »Sagt mir's, Bursche, wenn Ihr was von dem Beutel wisset; wenn nicht, so geht Eurer Wege, dann will ich ihn ausrufen lassen.«
»Das scheint mir kein übles Mittel,« entgegnete Schnittling; »aber ich rathe Euer Gnaden kein Kennzeichen des Beutels zu vergessen, und ebenso die Summe des darin enthaltenen Geldes genau anzugeben, denn fehlt es hierin auch nur um einen Heller, so wird die Börse alle Tage der Welt nicht wieder zum Vorschein kommen, das sag' ich zum Voraus.«
»Darüber darf ich mir keine Besorgniß machen,« antwortete der Küster, »denn ich habe die Summe besser im Kopf als das Glokkenläuten, und werde um keinen Nadelknopf irren.«
Damit zog er ein mit Spizzen beseztes Schnupftuch aus der Tasche, um sich den Schweiß abzutroknen, der ihm vom Gesicht strömte wie aus einem Destillirkolben. Kaum hatte Schnittling das Tuch bemerkt, als er sich dasselbe ebenfalls zu seinem künftigen Eigenthum bezeichnete; nachdem daher der Küster weg war, lief er ihm nach, holte ihn an der zu dem Plaz führenden Treppe wieder ein, rief ihn auf die Seite und machte ihm dort so viele Flausen über den Diebstahl und den Fund seines Beutels vor, indem er ihm immerfort Hoffnungen erregte, ohne jemals einen angefangenen Saz zum Schluß zu bringen, daß der unglükliche Kirchner über dem Anhören ganz wirr im Kopf wurde, und da er nie verstand, was Jener vorbrachte, ihn seine Reden zwei und dreimal wiederholen ließ.
Schnittling sah ihm aufmerksam ins Gesicht und verfolgte die Augen seines Zuhörers mit den seinigen; dieser betrachtete ihn ebenso und hing fest an seinen Lippen. Die Verblüffung des Küsters verhalf dem Jungen zu seinem Zwekke; sachte zog er ihm das Schnupftuch aus der Tasche, verabschiedete sich von ihm und sagte, er möge ihn gegen Abend wieder am nämlichen Orte aufsuchen, denn er habe einen Knaben seines Handwerks und seiner Größe, der ein wenig langfingerig sei, im Verdacht, der Dieb des Beutels zu sein, und er mache sich anheischig, Dies über kurz oder lang genau zu erfahren.
Damit tröstete sich der Küster etwas und ging weiter, Schnittling aber kehrte zu Ekke zurük, der Alles aus einiger Entfernung mit angesehen. Etwas weiter stand ein anderer Korbjunge, der ebenfalls den ganzen Vorgang beobachtet hatte; als Schnittling dem Ekke das Schnupftuch übergab, trat Jener zu ihnen und sprach:
»Sagt mir doch, meine verehrten Herren, schießen Euer Gnaden ins Schwarze oder nicht?«
»Wir verstehen diese Frage nicht, Herr Kavalier,« antwortete Ekke.
»Wie, Ihr versteht Das nicht, meine Herren Murcier?« fragte Jener.
»Wir sind weder aus Murcia noch aus Galgendorf,« erwiederte Schnittling. »Wollt Ihr was von uns, so sagt's; wo nicht, so geht in Gottes Namen.«
»Ihr faßt mich nicht?« sagte der Bursche. »Nun so will ich's Eurem Verständniß mit einem silbernen Löffel einflösen: ich meine, verehrte Herren, ob Euer Gnaden Spizbuben sind. Doch ich brauche Euch Das eigentlich nicht zu fragen, denn ich weiß es schon. Aber sagt mir, warum habt Ihr Euch nicht in das Zollamt des Herrn Hintermthor begeben?«
»Bezahlen die Spizbuben hier zu Lande Eingangszoll, Herr Kavalier?« fragte Ekke.
»Zahlen sie den auch nicht,« erwiederte der Junge, »so werden sie doch beim Herrn Hintermthor einregistrirt; denn Der ist ihr Vater, Meister und Beschirmer. Daher rathe ich Euch, mit mir zu gehen und bei ihm in Pflicht zu treten, oder Euch nicht zu unterstehen, ohne seine Erlaubniß zu stehlen; Das würde Euch theuer zu stehen kommen.«
»Ich dachte,« versezte Schnittling, »das Stehlen wäre eine freie Kunst ohne Steuer und Abgabe, und entrichte man je eine, so geschehe Das in Bausch und Bogen, indem man Hals und Rükken in Versaz gibt; da 's nun aber einmal so ist und jedes Land seinen eigenen Brauch hat, so wollen wir uns in den hiesigen schikken, denn weil diese Stadt die erste in der Welt ist, wird's hier auch am Ordentlichsten hergehen, und so mögen uns Euer Gnaden immerhin zu dem besagten Kavalier führen; nach Dem was ich eben gehört, vermuth' ich daß er das Handwerk tüchtig weg haben muß.«
»Weg haben?« rief der Junge; »ja das hat er dermaßen, daß während der vier Jahre seit er als unser Zunftmeister und Vater ins Amt getreten, nur Viere mit des Sailers Tochter getanzt haben, etwa Dreissig ausgebürstet wurden und Zweiundsechzig aufs Wasserschloß kamen.«
»Wahrhaftig, mein Herr,« entgegnete Ekke, »wir verstehen diese Redensarten so wenig als das Fliegen.«
»Machen wir uns auf den Weg,« erwiederte der Junge, »so will ich sie Euch während desselben erklären, samt etlichen andern, die zu kennen Euch so nothwendig ist, als das Brod das Ihr esset.«
Damit ging er mit ihnen und erläuterte in einer Abhandlung, die nicht kurz war – denn der Weg war lang – noch verschiedene andere Ausdrükke aus dem so genannten Rothwälschen oder der Zigeunersprache. Ekke fragte unterwegs seinen Führer:
»Sind Euer Gnaden vielleicht selbst Spizbube?«
»Ja,« entgegnete er, »Gott und guten Leuten zu gefallen, obwol ich noch nicht zu den sehr Eingeübten gehöre, denn ich befinde mich noch in meinem Noviciatjahre.«
»Für mich,« bemerkte Schnittling hierüber, »ist es was Neues, daß es Spizbuben Gott und guten Leuten zu gefallen gibt.«
»Mein Herr,« antwortete der Junge, »ich mische mich nicht in die Theologie; was ich weiß, ist blos daß Jeder in seinem Berufe Gott gefällig sein kann, besonders bei der Anordnung, welche Hintermthor über seine sämtlichen Zöglinge trifft.«
»Die muß allerdings gut und heilig sein,« sagte Ekke, »da sie machen kann, daß die Spizbüberei zum Gottesdienste wird.«
»So gut und heilig,« erwiederte der Junge, »daß ich nicht weiß, ob sich für unsre Kunst eine bessere finden liesse. Er verordnet, daß wir einen Theil von Dem, was wir stehlen, zum Lampenöl für ein sehr heiliges Bild in dieser Stadt hergeben, und wirklich haben wir schon das Unglaublichste aus diesem frommen Werke hervorgehen sehen. Erst neulich bekam ein Vierfuß, der zwei Griller geschornt hatte, dreimal die Verlegenheit, und obwol er schwächlich und vom viertägigen Fieber befallen war, hielt er doch ohne zu singen aus, als ob's nichts wäre, was wir Kunstverständigen seiner Frömmigkeit zuschreiben mußten, denn seine eigene Kraft hätte nimmermehr hingereicht, um den ersten Pelzschuh zu überstehen. Da ich schon weiß, daß Ihr mich jezt um die Bedeutung einiger Wörter fragen werdet, die ich eben gebraucht, will ich vorbeugen und sprechen eh' ich gefragt werde. Eure Gnaden mögen denn wissen, daß ein Vierfuß ein Viehdieb, die Verlegenheit die Folter, ein Griller mit Ehren zu melden ein Esel, Schornen Stehlen, Singen auf der Folter Bekennen, der erste Pelzschuh das erste Zuschrauben des Folterknechts ist. Uebrigens thun wir noch mehr: wir beten wöchentlich unsre Rosenkränze pünktlich ab und Viele von uns stehlen am Freitag nicht und machen sich am Sonnabend mit keinem Weibsbild zu thun, die Maria heißt.«
»Das ist ja ganz herrlich,« bemerkte Schnittling; »aber sagen mir Euer Gnaden doch ob es noch andre Heiligen-Abgaben und Bußübungen als die eben genannten gibt?«
»Von weitern Abgaben an die Heiligen kann die Rede nicht sein,« erwiederte der Junge, »denn Dies ist bei den vielen Theilen, worein das Gestohlene zerfällt, unmöglich; jeder Helfershelfer und Mitgeselle bekommt seine Portion, und so kann der eigentliche Dieb nichts mehr abgeben; überdies hält uns Niemand zu dieser Pflicht an, da wir niemals beichten, und erläßt man auch Excommunicationsbriefe gegen uns, so gelangen sie nie zu unserer Kunde, weil wir zur Zeit, wo dieselben verlesen werden, nie in die Kirche gehen, sondern blos an großen Festtagen, wo der Zusammenlauf vieler Leute uns einen Gewinn verspricht.«
»Und blos damit,« fragte Schnittling, »wird nach dem Ausspruch dieser Herren ihr Leben heilig und säuberlich?«
»Was sollte es denn Schlimmes an sich haben?« versezte der Junge. »Ist es nicht sündlicher wenn man ein Kezzer oder Renegat oder Vater- oder Muttermörder, oder Solomit ist?«
»Sodomit Mit dem Begriff Sodomie wurde ab dem Mittelalter bis in die frühe Neuzeit jegliche sexuelle Handlung beschrieben, die nicht der Fortpflanzung dient. Während in anderen Sprachen die von Sodomia abgeleiteten Begriffe heute hauptsächlich den Analverkehr bezeichnen, steht Sodomie im modernen deutschen Sprachgebrauch überwiegend für sexuelle Praktiken mit Tieren. ( Anm.d.Hrsg.) wollen Euer Gnaden sagen,« bemerkte Ekke.
»Ja, so mein' ich's,« sagte der Junge.
»Das Alles ist sehr sündlich,« entgegnete Schnittling; »da aber unser Schiksal einmal gewollt hat, daß wir in diese Verbrüderung eintreten, so mögen Euer Gnaden den Schritt etwas beschleunigen, denn ich möchte gar zu gerne den Herrn Hintermthor, von welchem ich so viel Rühmliches vernehme, bald zu Gesicht bekommen.«
»Euer Wunsch wird sogleich erfüllt werden,« erwiederte der Junge, »denn da sieht man schon sein Haus. Wollen Euer Gnaden an der Thür warten, ich will erst hinein und sehen ob er Zeit hat; es ist jezt eben die Stunde wo er Audienz zu geben pflegt.«
»In Gottes Namen,« sagte Ekke, und der Junge ging etwas weiter vorwärts und trat in ein Haus von nicht sonderlich gutem, vielmehr sehr übelm Ansehn, während die Beiden an der Thür harrten. Gleich darauf kam er wieder heraus, rief sie und hieß sie in einem mit Baksteinen gepflasterten Höfchen, das in Folge kräftigen Wischens und Fegens aussah, als ob es mit dem feinsten Karmin bestrichen wäre, abermals warten. An der einen Wand dieses Raumes stand eine Bank mit drei Füßen, an einer andern ein halsloser irdener Krug nebst einem Kochtopf der nach oben zu nicht weniger mangelhaft war, als der Krug; wieder an einem andern Ort lag eine Matte aus Pfeilkraut und in der Mitte prangte ein Blumengefäß von der Art derjenigen, die man in Sevilla Basilientöpfe nennt.
In der Zeit bis der Herr Hintermthor herabkam, betrachteten die Knaben das Hausgeräthe aufmerksam, und da Jener etwas zögerte, wagte sich Ekke in eines von zwei kleinen, nach dem Höfchen zu ausmündenden Zimmern, und bemerkte in demselben an vier Nägeln hängend zwei Raufdegen und zwei Korkschilde, ferner eine große Kiste ohne Dekkel oder sonstige Schazwehr, und drei andere Matten aus Pfeilkraut, die auf dem Boden ausgebreitet lagen. An der dem Eingang gegenüberstehenden Wand klebte ein schlechter Kupferstich der heiligen Jungfrau, weiter unten hing ein Armkorb und in die Wand eingelassen war ein weißes Handbekken, woraus Ekke schloß, der Korb werde zur Aufnahme von frommen Gaben und das Bekken als Behältniß für Weihwasser dienen; und so war es auch wirklich.
Indem traten zwei Bursche, jeder etwa von zwanzig Jahren, nach Art der Studenten gekleidet, ins Haus; bald darauf zwei Korbknaben und ein Blinder, und Alle fingen an ohne ein Wort zu sprechen in dem Hofraum auf und abzugehen. Es dauerte nicht lange, so kamen noch zwei in Flanell gekleidete Alte mit Brillen vor den Augen, die ihnen ein ernstes, Respekt heischendes Ansehen gaben, und mit Rosenkränzen in den Händen, deren Kugeln ein gewaltiges Geräusch machten. Ihnen folgte eine aufgeschürzte alte Frau, trat ohne zu reden in das Zimmer, nahm mit großer Andacht von dem Weihwasser, ließ sich vor dem Kupferstich auf die Knie nieder und erhob sich erst nach einer guten Weile wieder, nachdem sie den Boden dreimal geküßt und Arme und Blikke eben so oft zum Himmel erhoben hatte, worauf sie ihre fromme Gabe in den Korb warf und samt den Andern in den Hof hinaus trat.
Kurz, es hatten sich dort bald gegen vierzehn Personen verschiedener Tracht und verschiedenen Standes versammelt, zu welchen zulezt noch zwei kekke, tüchtige Bursche mit großen Knebelbärten, breitkrempigen Hüten, wallonischen Krägen, farbigen Strümpfen, gewaltigen Kniegürteln und überlangen Degen sich gesellten, Jeder statt des Dolches mehrere Pistolen im Gurt, und seinen Schild an denselben angebunden. Beim Eintreten warfen sie einen Seitenblik auf Ekke und Schnittling, gingen, über deren unbekannte Gesichter betroffen, auf sie zu und fragten ob sie zur Brüderschaft gehörten.
»Ja,« erwiederte Ekke, »und sind wir dabei Euer Gnaden ergebenste Diener.«
Darüber kam endlich der Augenblik, wo der eben so ersehnte als von dieser ganzen tugendhaften Gesellschaft gerne gesehene Herr Hintermthor herabkam. Er schien fünf bis sechs und vierzig Jahre alt zu sein, war von hohem Wuchs und schwarzbraunem Antliz, zusammenlaufenden Brauen, schwarzem, dichtem Bart und tief liegenden Augen. Er ging in Hemdärmeln und durch die Busenöffnung zeigte sich ein Wald, so dicht behaart war seine Brust. Ein wollener Mantel reichte ihm fast bis auf die Füße, an welchen er niedergetretene Schuhe trug, das Bein aber bedekten weite, bis auf die Knöchel herabgehende Hosen aus Leinwand; der Hut war kek, glockenförmigen Kopfes und breiten Randes. Ueber Schulter und Brust hing eine Kuppel, in welcher ein breiter, kurzer Degen, in der Art eines Hirschfängers, stak. Die Hände waren kurz und haarig, die Finger wulstig und die Nägel krumm und verwachsen. Die Beine konnte man nicht sehen, die Füße aber erschienen ausserordentlich breit mit gewaltigen Knöcheln an den Zehn. Kurz, er stellte den wildesten, häßlichsten Kerl der Welt dar.
Mit ihm kam der Bursche, welcher jenen Beiden zum Führer gedient, nahm sie bei den Händen, stellte sie dem Hintermthor vor und sprach:
»Da sind die beiden wakkern Jungen, von welchen ich Euer Gnaden gesagt, Herr Hintermthor; Euer Gnaden mögen sie jezt prüfen, Ihr werdet finden, daß sie würdig sind in unsre Gilde einzutreten!«
»Das werde ich mit Vergnügen thun,« antwortete Hintermthor.
Ich habe vergessen zu bemerken, daß so wie Hintermthor eintrat, sämtliche auf ihn Wartende ihm eine tiefe Verbeugung machten, mit Ausnahme der beiden Raufbolde, die nur obenhin den Hut rükten und sogleich in ihrem Umherschlendern fortfuhren.
Hintermthor, ging im ganzen Umkreis des Vorhofes umher und fragte die Neulinge nach Handwerk, Heimat und Eltern. Ekke erwiederte:
»Das Handwerk ist bereits ausgesprochen, indem wir zu Euer Gnaden gekommen sind; die Angabe der Heimat scheint mir nicht von sonderlichem Belang, und eben so wenig diejenige der Eltern, da es sich hier nicht um Aufnahme in irgend einen Orden handelt, der die Ahnenprobe verlangt.«
Hintermthor entgegnete: »Wohl gesprochen, mein Sohn! es ist immer am sichersten, die erwähnten Verhältnisse zu verschweigen, denn schlägt das Schiksal einen falschen Weg ein, so ist's immer verdrießlich wenn unter dem Namenszug des Schreibers oder im Registerbuch fleht: ›Der und Der, Sohn Des und Des, gebürtig aus dem und dem Orte, wurde an dem und dem Tage gehenkt, ausgepeitscht‹ oder sonst etwas dergleichen. Wenigstens tönt Das übel für kizliche Ohren. Daher sag' ich noch einmal, daß es ein zwekmäßigeres Urkundsmittel ist, die Heimat zu verschweigen, die Eltern nicht anzugeben und den Namen zu verändern. Obwol übrigens unter uns selbst kein Geheimniß stattfinden darf, verlange ich jezt blos den Namen von euch Beiden zu vernehmen.«
Ekke und Schnittling nannten Jeder den seinigen.
»So verlange und will ich denn,« erwiederte Hintermthor, »daß Ihr Ekke Euch fortan Eklein, und Ihr Schnittling Euch Schnittel nennet, Namen die vortreflich für Euer Alter und unsere Verordnungen passen, nach welchen es nothwendig ist, den Namen der Eltern unsrer Mitbrüder zu wissen, denn wir haben die Gewohnheit jährlich einige Seelmessen für unsre verstorbnen Wohlthäter lesen zu lassen, wozu wir das Stupendum für den Lesenden von einem Theil unsres Eingeheimsten nehmen, und sollen die also gesprochenen und bezahlten Messen jenen Seelen als ein naufragium Hintermthor will sagen suffragium, d. h. Gebet für die Verstorbenen, Seelmesse. zu Gute kommen. Unter unsre Wohlthäter aber fallen der Advokat, der uns vertheidigt, der Polizeidiener der uns einen Wink gibt, der Büttel der Mitleid mit uns hat, der Mann, der wenn Einer von uns durch die Straße entflieht und man hinter ihm her schreit: ›Ein Dieb! ein Dieb! pakt ihn!‹ sich ins Mittel legt und dem Strom der Verfolger mit den Worten entgegenstemmt: ›Laßt den Unglüklichen doch laufen, der ist übel genug daran; seine Sünde selbst wird ihn bestrafen!‹ Ferner gehören zu unsern Wohlthätern die barmherzigen Schwestern, die uns im Schweiße ihres Angesichtes sowol im Gefängniß als unter die Polizeidiener hinein zu Hülfe kommen; desgleichen unsre Väter und Mütter, die uns auf die Welt gesezt, weshalb es denn, wie schon gesagt, nöthig ist den Namen der Eltern bekannt zu machen; ebenso der Schreiber, der Einsicht mit uns hat, kein Vergehen als Schuld und keine Schuld als besonders strafwürdig betrachtet. Für all' diese hier aufgezählten Leute gibt unsre Brüderschaft jährlich ihr Affensarium mit größter Pumpe und Solicität ab.«
»Ohne Weiteres,« versezte Eklein (der diesen Namen nun bereits führt), »eine Einrichtung, die des hohen und tiefen Verstandes, den wir als eine Eigenschaft von Euer Gnaden rühmen gehört, würdig ist; allein unsre Eltern erfreuen sich dermalen noch des Lebens; überdauern wir sie in demselben, so werden wir dieser preiswürdigen und gesegneten Brüderschaft sogleich Notiz davon geben, damit für ihre Seelen jenes naufragium oder Affensarium, das Euer Gnaden erwähnt haben, mit gewohntem Pomp und Solennität oder auch, wie sich Dieselben eben so richtig ausdrükten, mit größter Pumpe und Solicität, stattfinde.«
»Das soll geschehen oder es soll kein Stük von mir übrig bleiben,« antwortete Hintermthor. Dann rief er den Jungen, der die Beiden hergeführt, und sprach:
»Komm her, Bastel, sind die Posten ausgestellt?«
»Ja,« erwiederte Bastian, »drei Wachen stehen auf'm Visir, wir haben keinen Ueberfall zu befürchten.
»Kehren wir also aufs Vorige zurük,« entgegnete Hintermthor. »Ich möchte wissen, meine Söhne, was ihr versteht, um euch ein eurer Neigung und Fähigkeit angemessenes Amt und Geschäft übertragen zu können.«
»Ich,« erwiederte Eklein, »verstehe mich was Weniges auf Ekkenkurzweil und auf Mantelsäkke, kann durch den Rauch sehen, spiele mit einer, mit vier und mit acht Karten, und 's gibt keinen Kniff noch Pfiff der bei mir verloren wäre; ich fahre in eine Roktasche als ob's meine Hausthür wäre, und getraue mir dem Ausgelerntesten eher einen Zahltermin anzuhängen, als zwei Realen zu leihen.«
»Anfangsgründe!« bemerkte Hintermthor; »sind aber lauter alte Allerweltsblumen, die jeder ABCschüzze in seinem Büchlein liegen hat, und taugen nur gegen Den was, der ein solcher Tropf ist, daß er uns die Gurgel am hellen Tag hinhält. Doch wer Gott vertraut bekommt die Braut, und so hoffe ich, wenn wir über dieser Grundlage ein halb Duzzend Lektionen halten, werdet Ihr ein famoser Handwerksgeselle, wo nicht gar Meister werden.«
»Jedenfalls werde ich stets Eurer Gnaden und der Herren Mitbrüder ergebenster Diener sein,« antwortete Eklein.
»Und Ihr, Schnittel, was versteht Ihr?« fragte Hintermthor.
»Ich,« erwiederte Schnittel, »verstehe den Pfiff den man Zwei hinein und Fünf heraus nennt, und kann eine Tasche mit vieler Genauigkeit und Fertigkeit visitiren.«
»Versteht Ihr noch mehr?« fragte Hintermthor.
»Nein! 's ist zum Erbarmen!« entgegnete Schnittel.
»Nehmt's Euch nicht zu schwer, mein Sohn,« versezte Hintermthor; »Ihr seid in einen Hafen und eine Schwimmschule gelangt, wo Ihr nicht ertrinken, vielmehr mit Allem, was Euch von Nuzzen sein kann, aufs Beste ausgerüstet wieder hervorgehen werdet. Wie steht's aber um die Courage, meine Kinder?«
»Wie anders wird's stehen, als sehr gut!« rief Eklein. »Wir haben Courage genug zu jedem Schritt, der zu unserem Beruf und Gewerbe gehört.«
»Das ist hübsch!« erwiederte Hintermthor; »doch möcht' ich, daß Ihr auch die Courage hättet nöthigenfalls ein halb Duzzend Verlegenheiten auszuhalten, ohne die Lippen zu verziehen und den Mund aufzuthun.«
»Wir wissen schon,« sprach Schnittel, »was das Wort Verlegenheiten besagen will, Herr Hintermthor, und haben Courage für Alles, denn wir sind nicht so dumm, um in Unkunde darüber zu sein, daß was der Mund spricht die Gurgel zahlt, und der Himmel erzeigt ja einem unerschrokkenen Kerl, um mich keines andern Titels für denselben zu bedienen, schon genug Gnade dadurch, daß er Leben oder Tod von seiner Zunge abhängen läßt, und ein Nein nicht schwerer auszusprechen ist als ein Ja.«
»Genug, ich brauche nicht mehr!« rief Hintermthor. »Diese Rede allein überzeugt mich, verpflichtet mich, bindet und nöthigt mich, Euch auf der Stelle als Gesellen zuzulassen und des Lehrburschenjahrs zu überheben.«
»Ich bin dieser Ansicht ebenfalls,« sprach einer von den Raufern; einhellig stimmten ihm sämtliche Anwesende, welche dem Gespräche aufmerksam zugehört, bei und baten Hintermthor die Beiden sogleich an den Vorrechten der Brüderschaft Theil nehmen zu lassen, indem ihre einnehmende Persönlichkeit und ihre wakkere Sprache Dies sattsam verdiene. Er erwiederte, er gehe, um Allen gefällig zu sein, unverzüglich auf ihr Gesuch ein und ermahnte die Jungen, diese Gunst als etwas sehr Ausgezeichnetes zu betrachten, indem sie dadurch der Verpflichtung überhoben würden, die Hälfte des ersten Diebstahls als Eintrittsgeld abzugeben, niedrige Dienste wahrend des ersten Jahres zu leisten, wie z. B. von einem ältern Bruder Steuern im Gefängnis oder im Haus einzutreiben; sie hätten Licenz den Wein pur zu trinken, sich wann, wie und wo sie wollten gütlich zu thun, ohne ihren Vorsteher um Erlaubniß anzugehen, auf der Stelle gleichen Antheil mit den ältern Brüdern an dem Eingebrachten zu fodern und noch Andres mehr, was Jene als die rühmlichste Gnadenbezeugung erkannten und wofür sie in den höflichsten Worten ihren innigen Dank ausdrükten.
Indem stürzte ein Junge in vollem Lauf und außer Athem herein und rief: »der Streunervogt kommt aufs Haus zu, hat aber keine Beller bei sich.«
»Seid unbesorgt,« versezte Hintermthor, »ist er doch unser Freund und kommt nie zu unsrem Schaden. Bleibt hier ruhig beisammen, ich will hinaus und mit ihm sprechen.«
Alles beruhigte sich, obwol man anfangs etwas erschrokken war; Hintermthor ging hinaus, traf den Vogt, blieb eine Weile mit ihm im Gespräch, trat dann wieder ein und fragte:
»Auf Wen fiel heute der Sankt Salvatorsplaz?«
»Auf mich!« rief der Bursche, der die Beiden hergebracht.
»Nun,« fuhr Hintermthor fort, »warum ist denn ein gelbes Beutelchen noch nicht überliefert worden, das heute früh auf diesem Plaz mit fünfzehn Goldthalern, zwei Doppelrealen und ich weiß nicht wie viel Quartos geschornt wurde?« ö
»Ja,« entgegnete der Junge, »der Beutel ist heute abhanden gekommen, aber ich hab' ihn nicht genommen und kann mir auch nicht vorstellen, wer ihn haben soll.«
»Keine Gaunereien mit mir!« rief Hintermthor; »der Beutel muß her, denn der Vogt verlangt ihn, der unser Freund ist und uns tausend Gefälligkeiten in einem Jahr erweist!«
Der Junge fing abermals an zu betheuern, daß er den Beutel mit keinem Finger berührt, und mit keinem Auge gesehen, wodurch aber nur noch mehr Feuer in Hintermthor's Zorn gegossen ward, und überhaupt die ganze Gesellschaft in Unruhe kam, daß ihre Gesetze und Anordnungen also gebrochen würden. Beim Anblik dieses Haders und Aufruhrs dünkte es dem Eklein am besten, wenn er wieder Ruhe schaffe und den Altmeister, der vor Wuth bersten wollte, zufrieden stelle. Er berathschlagte sich daher mit Freund Schnittel, zog sofort nach gemeinschaftlichem Gutbefinden den Beutel des Küsters heraus, und rief:
»Der ganze Streit kann aufhören, meine Herren, denn hier ist der Beutel ohne daß etwas von dem Gelde fehlt, das der Vogt angibt; mein Kamerad Schnittel ist heute dem Börslein auf die Hakken gekommen und auch einem Schnupftuch, das er dem nämlichen Besizzer hinterher als Zugabe abgenommen hat.«
Unverweilt zog Schnittel das Tuch heraus und legte es vor Augen. Als Hintermthor Dies sah, rief er:
»Schnittel der Wakkere (denn diesen Titel und Beinamen soll er von nun an führen); mag das Tuch behalten und ich nehm' es auf mich, ihn für diese ausgezeichnete That zu belohnen; den Beutel aber muß der Vogt bekommen, denn er gehört einem seiner Verwandten, einem Küster, und wir müssen uns nach dem Sprichwort richten: wirf die Wurst nach der Spekseite! Der gute Vogt übersieht an Einem Tag mehr an uns, als wir ihm in hundert Tagen geben können.«
Alle priesen einstimmig die Ritterlichkeit der beiden Neuen und Spruch und Urthel des Altmeisters, der hinausging um dem Vogt den Beutel einzuhändigen; Schnittel aber behielt den Beinamen der Wakkere, wie ehedem Don Alonso Perez de Gusman, welcher das Messer über die Mauern von Tarifa warf, um seinem einzigen Sohne damit den Kopf abzuschneiden.
Als Hintermthor wieder eintrat, kamen mit ihm zwei Mädchen mit geschminkten Gesichtern, stark bemalten Lippen und Bleiweiß auf den Brüsten; sie trugen Halbmäntel von Sarsche und waren die Frechheit und Unverschämtheit selbst; deutliche Zeichen aus welchen Eklein und Schnittel gleich bei Gewahrwerden derselben abnahmen, welches Gewerbe von ihnen getrieben werde; und wirklich irrten sich die beiden Novizen hierin keineswegs. So wie Jene hereinkamen, flog die Eine mit offenen Armen auf Rauschepausch, die Andere auf Eisenhand zu, wie die beiden Raufer hießen, und zwar Eisenhand deshalb, weil er eine Hand von Eisen statt der wirklichen hatte, die ihm von Gerichtswegen abgehauen worden war. Beide umarmten die Mädchen mit großer Freude und fragten sie, ob sie etwas mitgebracht hätten, um den Hauptkanal anzufeuchten.
»Wie könnte Das fehlen, mein Schaz?« antwortete die Eine, Namens Hanne Einträglich. »Dein Scharwenzel, Plumphändel, wird auf der Stelle einen Waschkorb bringen, der mit Allem angefüllt ist, was uns Gott verliehen hat.«
Und so verhielt sich's wirklich, denn im nächsten Augenblik trat ein Bursche mit einem Waschkorb ein, der mit einem Bett-Tuch bedekt war. Alle freuten sich über den Eintritt Plumphands und unverzüglich befahl Hintermthor eine von den Binsenmatten aus dem Zimmer zu holen und sie mitten im Hof auszubreiten; sofort hieß er Alle im Kreis herum Plaz nehmen, um den lezten Unwillen abzukühlen und von Dem, was an der Zeit sei, zu sprechen. Dagegen bemerkte die Alte, welche ihr Gebet zu dem Bilde gerichtet hatte:
»Sohn Hintermthor, ich für meine Person tauge nicht für ein Fest, denn ich habe seit zwei Tagen einen Schwindel im Kopf; daß ich fast von Sinnen komme, und überdies bin ich Willens noch diesen Vormittag meine Andacht abzuhalten und vor Unsre Frau zum Wasser und Sankt Augustins Krucifix meine Lichtlein aufzustekken, was ich nicht unterlassen würde und wenn es schneite und stürmte. Warum ich hieher gekommen, ist blos weil gestern Abend der Renegat und der Tausendfuß einen noch größern Waschkorb, als diesen da, voll Weißzeug in mein Haus brachten und, bei Gott und meiner Seele! es war noch die Lauge und Alles dran, denn die armen Kerle mußten nicht Zeit gefunden haben, es auszudrükken und der Schweiß stand in dikken Tropfen auf ihnen, daß es ein Anblik zum Erbarmen war wie sie keuchend und das Wasser von den Gesichtern laufend hereintraten und ordentlich aussahen, wie die heiligen Engel. Sie sagten mir, sie seien hinter einem Viehhändler her, der einige Stükke Hämmel im Schlachthaus gewogen habe, und wollten sehen, ob sie nicht einen Griff in seine große Geldkazze thun könnten. Die Wäsche ließen sie ungezählt im Korb, auf meine Rechtlichkeit vertrauend, und so wahr Gott meine guten Wünsche erfüllen und uns Alle aus der Gewalt der Obrigkeit befreien möge, ich habe den Korb nicht angerührt und er steht noch so ganz da, wie er auf die Welt kam.«
»Wir glauben Euch Alles, Frau Mutter,« antwortete Hintermthor; »mag der Korb einstweilen bei Euch stehen bleiben; mit Einbruch der Nacht will ich hin, ihn Stük um Stük visitiren und Jedem seinen Antheil getreu und redlich, wies meine Art ist, zuweisen.«
»Wie Ihr befehlt, mein Sohn,« erwiederte die Alte; »aber es wird spät, gebt mir also ein Schlükchen, wenn Ihr eins habt, um meinen Magen zu stärken, der immer elender wird.«
»Wollt Ihr von diesem da, Mutter?« fragte Grete Sturmfest, wie die Gefährtin von Hanne Einträglich hieß. Damit dekte sie den Korb auf und es zeigte sich ein lederner Schlauch von etwa zwei Arroben Die Arroba hält 16 Litres, 12 Centilitres französischen Maßes und wiegt 34 Pfund. Wein, und ein Korkbecher, der ohne sonderlichen Zwang einen Azumbre Der Azumbre ist ein Flüssigkeitsmaß von etwa 3 bis 4 Pfund Gewicht. Acht Azumbres gehen auf eine Arroba. halten mochte. Grete Sturmfest füllte ihn und reichte ihn der frommen Alten, die ihn in beide Hände nahm, vom Schaum ein wenig abblies und ausrief:
»Du schenkst tüchtig ein, Gretchen, aber Gott wird zu Allem Kraft geben.«
Damit sezte sie den Becher an die Lippen, goß in Einem Zug und ohne Athem zu holen Alles in den Magen, und bemerkte zum Schluß:
»Der ist von Guadalcanal und der Kerl hat so 'ne Art Kalkgeschmak; Gott tröste dich Tochter, wie du mich getröstet hast; ich sorge aber doch, er könnte mir übel bekommen, weil ich noch nichts gefrühstükt habe.«
»Das wird er nicht, Mutter,« erwiederte Hintermthor; »er hat seine Jahre.«
»So hoff' ich zur heiligen Jungfrau,« antwortete die Alte und sezte bei: »Seht doch zu, Kinder, ob Eine 'nen Dreier hat, daß ich die Lichtlein für meine Andacht kaufen kann, denn in der Eil' und Schnelle, womit ich herlief, um die Nachricht von dem Korb zu melden, hab' ich's Geldtäschel zu Hause gelassen.«
»Ja, ich hab' einen, Frau Fäßlein,« (so hieß die gute Alte) erwiederte Hanne Einträglich; »da geb' ich Euch zwei Dreier: seid so gut und kauft für den einen ein Licht für mich selbst und stekt's dem heiligen Michael auf, und bekommt Ihr zwei, so gebt das andre dem heiligen Blasius, denn Beide sind meine Patrone. Es wär' mir lieb, wenn Ihr auch noch eins der heiligen Lucia aufstekken könntet, (denn um der Augen wegen hab' ich 'ne große Andacht zu ihr), aber ich habe kein kleines Geld mehr. Ein andermal will ich schon mit allen Dreien fertig werden.«
»Daran wirst du sehr gut thun, Tochter; sei ja nicht knikkig, denn es liegt mächtig viel daran, daß man die Lichter eh' man stirbt selbst aufstekt und nicht wartet bis es die Erben oder Testamentsexcuters thun.«
»Mutter Fäßlein hat Recht,« sagte Gretchen Sturmfest, griff in den Beutel, gab ihr noch einen Dreier und bat sie zwei weitere Lichtchen den Heiligen, die ihr am besten dünken würden, d. h. die am nüzlichsten und dankbarsten wären, aufzustekken. Damit ging Frau Fäßlein weg und bemerkte noch:
»Freut euch, Kinder, daß ihr noch Zeit habt; denn das Alter wird kommen und ihr werdet, wie ich, Stunden, die ihr in der Jugend verloren, zu beweinen haben; empfehlt mich Gott in euern Gebeten, denn ich will jezt Dasselbe für mich und euch thun, damit er uns in unserm gefährlichen Lebenswandel ohne Ueberfälle der Polizei erhalte und bewahre.« So zog sie ab.
Als die Alte fort war, sezten sich Alle rund um die Matte, und Hanne Einträglich breitete das Bett-Tuch als Tischtuch aus. Das Erste, was sie aus dem Korb hervorzog, war ein großes Büschel Rettige, gegen zwei Duzzend Pomeranzen und Citronen und dann eine große Schüssel voll Schnitten gebakkenen Kabliaus. Sofort brachte sie einen halben holländischen Käse und einen Topf voll köstlicher Oliven zum Vorschein, hierauf eine Platte mit Seekrebsen und eine große Menge Krabben mit ihrer dursterregenden Zugabe von in Pfeffer getauchten Kapern, nebst drei höchst weißen Broten von Gandul. Die Frühstükkenden mochten sich auf etwa ihrer vierzehn belaufen und Niemand säumte sein Messer mit gelbem Hefte zu ziehen, nur Eklein zog seinen Halbdegen. Den beiden Alten mit den Wollrökken und Brillen fiel das Schenkenamt nebst dem Korkbecher zu.
Kaum aber hatte man den ersten Angriff auf die Pomeranzen gemacht, als wiederholte Schläge gegen die Thür Alles in großen Schrekken sezten. Hintermthor hieß sie ruhig sein, trat in das Zimmer, nahm einen Schild vom Nagel, zog den Degen, ging dann auf das Hofthor zu und fragte mit rauher, furchtbarer Stimme: »Wer da?«
Draußen antwortete es: »Ich bin's, es ist nichts Weiteres, Herr Hintermthor; ich bin der Baumfalk, der heute die Vormittagswache hat, und komme nur um zu melden, daß die Juliane Pausbakken gleich hinter mir drein folgt, ganz zerzaust und verweint; sie muß ein Unglük gehabt haben.«
Indem kam die Genannte selbst schluchzend heran; sobald Hintermthor sie hörte, öffnete er das Thor und hieß den Baumfalk auf seinen Posten zurükkehren, künftig aber seine Meldungen mit weniger Lärm und Geräusch machen, was Jener versprach. Die Pausbakken trat ein. Sie war ein Mädchen gleichen Schlags und Gewerbes wie die andern, hatte die Haare herabhängen und das Gesicht voller Beulen, und stürzte, sobald sie in den Hof getreten, ohnmächtig zu Boden. Hanne Einträglich und Gretchen Sturmfest eilten ihr zu Hülfe, entblößten ihr die Brust und fanden sie ganz blau und wie gequetscht. Sie sprüzten ihr Wasser ins Gesicht, wodurch sie wieder zu sich kam und laut rief:
»Gottes und des Königs Gericht komme über diesen spizbübischen Schurken, diesen feigen Ladenausleerer, diesen niederträchtigen Lausekerl, den ich öfter vom Galgen befreit habe, als er Haare im Bart hat. Ich Unglükselige! Seht einmal, ich habe meine Jugend und die Blüte meiner Jahre für einen gewissenlosen, schändlichen, unverbesserlichen Schweinhund verloren und hingegeben.«
»Sei ruhig, Pausbakken,« bemerkte Hintermthor, »bin doch ich da, der dir Gerechtigkeit verschaffen wird. Erzähle uns dein Leid; doch du wirst mehr Zeit dazu brauchen, als ich um dich zu rächen; sag mir nur ob du was mit deinem Schaz gehabt hast, denn wenn's Das ist, und du verlangst Rache, so brauchst du nur den Mund aufzuthun.«
»Was Schaz!« rief Juliane. »Eher soll künftig der Teufel in der Hölle mein Schaz sein, als dieser Löwe unter Schäflein, dieses Lamm unter Männern. Mit Dem sollt' ich wieder von Einem Stük Brod essen oder unter Einer Dekke liegen? Eher sollen mir die Wölfe das Fleisch von den Knochen fressen, das er zugerichtet hat, wie ihr da gleich sehen sollt.«
Und unverzüglich hob sie den Rok bis ans Knie und wol noch ein bischen weiter auf und zeigte, wie ihre Beine voller Schwielen waren.
»So,« fuhr sie fort, »hat mich dieser undankbare Knollkopf zugerichtet, da er mir doch mehr Dank schuldig ist, als der Mutter die ihn geboren. Und warum glaubt ihr wol daß er's gethan hat? weil ich ihm etwa Ursache dazu gegeben? Nein wahrhaftig! er that's blos, weil er spielte und verlor und durch seinen Scharwenzel, den Böklein, dreißig Realen von mir fodern ließ, ich ihm aber nicht mehr als vierundzwanzig schikte, die ich mit einer Mühe und Arbeit gewonnen, wofür mir der Himmel Abrechnung an meinen Sünden gestatten wolle! Und zur Vergeltung für diese Höflichkeit und Liebesthat, (im Glauben, ich hätte einen Theil von Dem, was ich seiner Einbildung nach haben sollte, auf den Schwanz geschlagen) führte er mich heute Morgen auf das Feld hinter dem königlichen Garten, hob mir dort unter ein paar Olivenbäumen das Kleid auf und versezte mir mit seinem Gürtel, ohne sich zu excusiren, oder auch nur erst die Eisenhakken loszumachen – (käm ihm doch alles Eisen und Schließzeug auf den Leib!) so viele Hiebe, daß er mich für todt liegen ließ, von welchem gewissen und wahrhaftigen Berichte die Schwielen die ihr da sehet, hinlängliche Zeugen sind.«
Damit fing sie von Neuem an zu schreien, foderte abermals Gerechtigkeit, und Hintermthor und sämtliche übrigen anwesenden Raufer sagten ihr dieselbe von Neuem zu. Hanne Einträglich aber nahm sie tröstend bei der Hand und versicherte sie, sie würde für ihre Person eines ihrer besten Schmukstükke drum geben, wenn ihr das Nämliche von ihrem Liebsten begegnet wäre
»Denn,« sprach sie, »du mußt wissen, Schwester Pausbakken, wenn du's noch nicht weißt, daß man Das züchtiget, was man lieb hat, und wenn uns diese Schurken schlagen, bläuen und Fußtritte geben, so beten sie uns nachher an. Oder kannst du mir 'nen Umstand leugnen? hat dir der Knollkopf, seit er dich abgedroschen, nicht schon wieder eine Liebkosung gemacht?«
»Eine?« rief die Weinende; »hunderttausend hat er mir gemacht und hätte einen Finger von der Hand drum gegeben, daß ich mit ihm in seine Schenke gegangen wäre; ja ich glaube die Thränen traten ihm beinah' in die Augen, nachdem er mich durchgegerbt hatte.«
»Das fehlt sich nicht,« entgegnete die Einträglich; »sicher hat er vor Leidwesen darüber geweint, als er sah, wie er dich zugerichtet, denn ein Mannsbild hat in einem solchen Fall kaum die Schuld auf sich geladen, als die Reue es auch schon ankommt; und du wirst sehen, Schwester, daß er noch ehe wir von hier weggehen, her kommt um dich zu suchen, dich für alles Passirte um Verzeihung zu bitten und sich dir hinzugeben wie ein Lamm.«
»Wahrhaftig,« erwiederte Hintermthor, »der feige Schurke soll mir nicht zu dieser Thür herein, wenn er nicht zuvor öffentliche Buße für den begangenen Frevel gethan hat. Wie! Er soll es sich herausnehmen Hand ans Gesicht und Fleisch der Pausbakken zu legen, die eine Person ist, welche es in der Säuberlichkeit und Einträglichkeit mit der Hanne Einträglich da selbst aufnehmen kann; das Höchste, was sich wol zu ihrem Lob sagen läßt!«
»Ach!« entgegnete Juliane, »sprechen Euer Gnaden, Herr Hintermthor, nicht so schlimm von dem Kerl, denn so schlimm er auch ist, hab' ich ihn doch lieber als die Haut meines Herzens, und was mir meine Kamerädin Einträglich zu seinen Gunsten eben gesagt, hat mir die Seele im Leib umgekehrt, und wahrhaftig ich will gleich fort und ihn aufsuchen.«
»Wenn ich dir gut zum Rath sein soll,« antwortete die Einträglich, »so laß Das bleiben, denn alsdann würde er sich erst breit machen und dik thun und auf dir herum treten, wie auf einem todten Hunde. Bleib ruhig, Schwester, denn es wird nicht lange anstehen, so wirst du ihn so reuig, wie ich gesagt, kommen sehen, und sollte er nicht kommen, so schreiben wir ihm einen Brief in Versen, der ihm bitter schmekken wird.«
»Gut,« sagte die Pausbakken, »hab' ich ihm ja ohnehin Tausenderlei zu schreiben.«
»Ich will der Schreiber sein, falls es nöthig ist,« bemerkte Hintermthor; »und bin ich auch kein Poet, so kann ein Mensch doch, wenn er sich nur tüchtig ins Zeug wirft, Courage haben zweitausend Verse zu machen wie man eine Hand umkehrt; und sollten sie mir je nicht recht heraus wollen, so habe ich einen Barbier zum Freunde, einen großen Dichter, der uns jeden Augenblik zu Gebote steht, und so wollen wir denn unser angefangenes Frühstük vollends zu Ende bringen; alles Andre wird sich nachher machen.«
Juliane gehorchte ihrem Altmeister mit Vergnügen, Alle kehrten zu ihrem Schmause zurük und in kurzer Zeit sah man den Grund des Korbes und die Hefen des Schlauches. Die Alten tranken sine fine, die Jungen meistermäßig und die Damen mit gehöriger Wiederholung. Endlich baten die Alten um Erlaubniß sich zu entfernen, die ihnen Hintermthor sofort ertheilte und ihnen auftrug, pünktlich von Allem Nachricht zu geben, was sie Nüzliches und Ersprießliches für die Gemeinde sehen würden. Sie erwiederten, sie wollten alle Sorge dafür tragen, und gingen.
Eklein, der von Natur neugierig war, nahm sich jezt die Freiheit und fragte Hintermthor, wozu zwei so graue, ernste und ehrwürdig aussehende Leute in der Brüderschaft hülfen.
Hintermthor erwiederte, sie hießen in der Sprache derselben Schnüffler und dienten dazu, Tags über in der ganzen Stadt umher zu gehen und theils auszuschnüffeln, in welchem Haus man Nachts einbrechen könnte, theils Denjenigen nachzufolgen, welche Geld aus der Börse oder dem Münzhause wegtrügen, um zu sehen, wohin sie es brächten oder niederlegten. Wüßten sie Dies, so untersuchten sie die Stärke der Mauer eines solchen Gebäudes und bezeichneten den schiklichsten Ort, um die Hühnerleiter (d. h. die Steigelöcher) zum leichtern Einbrechen anzubringen. Kurz, sagte er, es seien die nüzlichsten Leute, die er in der Brüderschaft habe, oder mindestens eben so nüzliche als irgend ein Anderer, und sie bezögen das Fünftel von Allem, was durch ihre Betriebsamkeit als Diebstahl falle, wie Seine Majestät von den aufgefundenen Schäzzen; dabei seien sie sehr wahrhafte und sehr angesehene Männer, von gutem Ruf und Leben, Gott und ihr Gewissen fürchtend und täglich die Messe mit der höchsten Andacht hörend.
»Einige darunter,« fuhr er fort, »und besonders Diejenigen, die eben weggingen, sind so bescheiden, daß sie sich mit weit Wenigerem begnügen würden, als Dem was sie nach unserer Sporteltaxe trifft. Zwei Andere, die ich habe, sind Lastträger, die, da sie jeden Augenblik in ein anderes Haus kommen, Ein- und Ausgang in der ganzen Stadt kennen und wissen wo sich was machen läßt und wo nicht.«
»Wahrhaftig lauter Gold und Perlen!« rief Eklein; »möcht' ich doch einer so herrlichen Brüderschaft ebenfalls von einigem Nuzzen sein!«
»Gott begünstigt gute Wünsche immer,« erwiederte Hintermthor.
Unter diesem Gespräch ward abermals an die Thür gepocht. Hintermthor sprang auf um zu sehen, wer es wäre und erhielt auf seine Frage die Antwort: »Macht auf Euer Gnaden, Herr Hintermthor, es ist der Knollkopf!«
Als die Pausbakken diese Stimme hörte, erhob sie die ihrige zum Himmel und rief: »Macht nicht auf, Euer Gnaden, Herr Hintermthor; machet diesem tarpejischen Mit ›Tarpejischer Fels‹ wurde im antiken Rom die südliche Spitze des Kapitolhügels bezeichnet, von der aus Todesurteile durch Hinabstoßen vom Fels vollstreckt wurden. ( Anm.d.Hrsg.) Felsstük, diesem orcanischen Tiger nicht auf!«
Hintermthor ließ sich dadurch nicht abhalten, dem Knollkopf zu öffnen; wie die Pausbakken Dies sah, sprang sie auf, lief eilends in das Stübchen worin die Schilde hingen, schloß die Thür hinter sich ab und schrie mit lauter Stimme:
»Schafft mir dies Paviansgesicht vom Halse, diesen Henker der Unschuld, diesen Schrekken zahmer Tauben!«
Eisenhand und Rauschepausch hielten den Knollkopf, der um jeden Preis zu der Pausbakken hinein wollte, auf, und da sie ihn durchaus nicht losließen, rief er von außen: »Laß es gut sein, mein Zörnchen; sei ums Himmels willen ruhig; gib Acht, gib Acht, du heirathest jezt.«
»Heirathen, Schurke!« erwiederte Pausbakken; »seht einmal aus welchem Loch er jezt pfeift! du möchtest wol, daß ich dich heirathe; ich will aber lieber mit des Malers Gliedermann verkuppelt werden, als mit dir!«
»Gänschen!« entgegnete Knollkopf, »machen wir hier ein Ende, denn es ist spät, und mach dich nicht zu breit, weil du mich so sanft reden und lind verfahren siehst, denn so wahr Gott lebt, wenn mir der Koller noch einmal unter'n Hut steigt, so kommst du vom Regen in die Traufe! Demüthige dich und wir wollen uns Alle demüthigen, damit wir dem Teufel keine Suppe kochen.«
»Ich wollt' ihm das Vesperbrod noch dazu geben,« schrie die Pausbakken, »wenn er dich hinführte, wo dich meine Augen nie wieder zu sehen bekämen!«
»Sagt' ich's nicht?« entgegnete Knollkopf. »Bei Gott, ich rieche es schon, Jungfer Strohsak, daß ich den Teufel werde überschreien müssen, obwol es ihm nicht an Lunge fehlt.«
»In meiner Gegenwart,« fiel Hintermthor hier ein, »darf nichts Unziemliches vorfallen. Die Pausbakken wird herauskommen, nicht wegen dieser Drohungen, sondern mir zu Liebe, und Alles wird gut ablaufen, denn ein Zwist zwischen Leuten die sich lieb haben, bringt noch größere Liebe hervor, wann Friede geschlossen wird. He da, Julianchen, meine Kleine, mein Pausbäkchen, thu mir's zu Gefallen und komm ein wenig heraus; ich will schon machen daß der Knollkopf dich auf den Knieen um Verzeihung bittet.«
»Thut er Das,« bemerkte Gretchen Sturmfest, »so wollen wir Alle für ihn sein und Julianen bitten, daß sie herauskommt.«
»Wenn diese Unterwerfung auf Spott gegen meine Person abzielen soll,« rief Knollkopf, »so werde ich mich einer Armee Schweizer in Reih' und Glied nicht unterwerfen; wenn sie aber darauf abzielt, der Pausbakken einen Gefallen zu thun, so will ich nicht nur die Knie beugen, sondern mir auch einen Nagel in den Kopf schlagen.«
Rauschepausch und Eisenhand lachten, worüber Knollkopf, der sich verspottet glaubte, so böse wurde, daß er mit Zeichen unendlichen Zornes ausrief:
»Wer lacht oder zu lachen Lust hat über Das, was die Pausbakken gegen mich, oder ich gegen sie gesagt habe, oder was wir noch sagen werden, der lügt so oft er lacht oder zu lachen gedenkt, wie ich bereits ausgesprochen!«
Rauschepausch und Eisenhand blikten einander hierüber mit so schlimmen Mienen an, daß Hintermthor sah, es werde sehr übel ablaufen, wenn er nicht hindernd eintrete; er sprang daher unverweilt zwischen sie und sprach:
»Nicht weiter, meine Kavalier's; mögen alle dergleichen Redensarten hiemit aufhören und zwischen den Zähnen zerfahren; und da die bereits ausgesprochenen noch Niemand übers Nierenstük gegriffen haben, so soll sie auch Keiner so aufnehmen.«
»Wir wissen gar wol,« antwortete Rauschepausch, »daß jene Ermahnungen nicht für unser eins gegeben wurden, noch je gegeben werden, denn könnte man sich denken daß dies der Fall wäre, so hätten wir einen Besen zur Hand, der vor unsrer Thüre fegen sollte.«
»Auch ich habe meinen Besen, Herr Rauschepausch,« antwortete Knollkopf, »und einen Ausklopfer dazu, wenn's nöthig sein sollte, und habe schon gesagt, wer sich lustig mache, der lüge, und wenn er andrer Meinung ist, so komm' er mit mir, denn ein Mann kann auch mit 'nem Degen, der um einen Zoll kürzer ist als derjenige seines Gegners, machen daß was er gesagt hat, gesagt bleibt.«
Mit diesen Worten wollte er zum Thor hinaus. Die Pausbakken aber hatte zugehört und als sie ihn jezt ergrimmt weggehen sah, sprang sie heraus und rief:
»Haltet ihn, laßt ihn nicht gehen, sonst macht er wieder einen von seinen Streichen! Seht ihr nicht, daß er im Gift weglaufen will, und dann ist er ein wahrer Judas Macaböhmer im Umsichschlagen! Kehr um, du Weltsfresser und mein Augapfel!«
Damit pakte sie ihn fest am Mantel und auch Hintermthor lief hinzu und half ihn halten.
Rauschepausch und Eisenhand wußten nicht, ob sie böse werden sollten oder nicht, und Beide warteten ab, was Knollkopf thun würde. Als Dieser die angelegenen Bemühungen der Pausbakken und Hintermthor's sah, kehrte er um und sprach:
»Freunde sollten Freunde niemals erzürnen, noch sich über Freunde lustig machen, sonderlich wann sie sehen, daß die Freunde darüber in Zorn gerathen.«
»Hier ist kein Freund,« entgegnete Eisenhand, »der einen andern Freund erzürnen oder verspotten will, und da wir insgesamt Freunde sind, so mögen sich die Freunde die Hände geben.«
Hintermthor bemerkte: »Euer Gnaden haben insgesamt wie wahre Freunde gesprochen und als solche Freunde gebet euch die Freundeshände.«
Sie gaben sich dieselben unverzüglich und Gretchen Sturmfest zog einen Holzschuh ab, den sie wie eine Schellentrommel zu handhaben begann; die Einträglich faßte einen neuen Handbesen, der zufällig da war, und brachte, indem sie damit hin und her krazte, einen Ton hervor, der, wenn auch rauh und dürr, mit demjenigen des Holzschuhes doch im Einklang stand.
Hintermthor brach einen Teller in zwei Stükke, die er zwischen die Finger nahm und mit großer Beweglichkeit gegen einander schlug, so daß er den Contrapunkt zum Besen und zum Holzschuh bildete. Eklein und Schnittel verwunderten sich über diesen neuen Besengebrauch, denn bis jezt hatten sie so was nicht gesehen. Eisenhand bemerkte es und fragte:
»Wundert ihr euch über den Besen? da habt ihr Recht, denn eine Musik die schneller zur Hand käme, weniger Schwierigkeit machte und wohlfeiler wäre, ist in der Welt noch nicht erfunden worden; und wahrhaftig neulich hörte ich einen Studenten sagen, weder der Ohrfeiß, der die Eiriedimsee aus der Höllen geholt, noch der Marion, der auf dem Delphin ritt und aus dem Meer herauszog wie 'n Kavalier auf 'nem Miethesel, noch der andre große Musikant, der eine Stadt mit hundert Thoren und eben so vielen Thorpförtchen baute Gemein sind Orpheus und Euridike, Arion, Amphion. ( Anm.d.Hrsg.), hätten je 'ne bessere Art Musik erfunden, die so leicht zu begreifen, so bequem zu handhaben, so ohne Griffe, Wirbel und Saiten zu spielen sei und wo so wenig gestimmt zu werden brauche. Und auf mein Wort! man sagt die Erfindung habe ein Kerl aus hiesiger Stadt gemacht, der sich pikirte ein Hektor in der Musik zu sein.«
»Das will ich meinen!« erwiederte Eklein; »aber hören wir, was unsere Musikanten singen wollen, denn ich glaube Jungfer Einträglich hat ausgespukt, ein Zeichen das sie eins vortragen möchten.«
Und so verhielt sich's wirklich, denn Hintermthor hatte gebeten, einige der üblichen Sequedillas zu singen. Gretchen Sturmfest machte den Anfang und sang mit hoher, tremulirender Stimme:
»In Sevilla ist Einer mit Haaren so kraus,
Der brennt mir das Herz fast zum Leibe hinaus.«
Hanne Einträglich folgte nach mit den Worten:
»Ein schwarzbrauner Junge mit frischem Gesicht:
Hat 'ne Jungfer 'n warm Blut und liebte Den nicht?«
Hintermthor fiel ein, indem er seine Scherben mit großer Handfertigkeit führte:
»Zwei Herzliebste streiten, dann kommt Einigkeit,
Wenn der Aerger recht groß war, ist größer die Freud'.«
Wirklich ließ die Pausbakken ihre Freude nicht still vorübergehen, sondern zog den einen Schuh ebenfalls aus, fing an zu tanzen und begleitete die Uebrigen mit dem Vers:
»Halt an in dem Zorne und schlag mich nicht mehr!
Bedenk's, du fällst über dich selber ja her.«
»Ohne Anspielung gesungen!« fiel Knollkopf ein, »und nichts von alten Geschichten vorgebracht, denn dazu ist keine Veranlassung. Das Vergangene sei vergangen und jezt ein neuer Weg eingeschlagen, und damit Basta!«
Allem nach schien es, man werde nicht so bald vom angefangenen Gesang ablassen, hätte man nicht plözlich an die Thür klopfen gehört. Hintermthor sprang hin, zu sehen wer es wäre und die Schildwache meldete, am Ende der Straße zeige sich der Polizeimeister und die beiden neutralen Häscher Schwarzschimmel und Röthelgeier gingen vor ihm her.
Als Die drinnen Dies hörten, erschrakken sie so, daß die Pausbakken und Gretchen Sturmfest ihre Holzschuhe verkehrt anzogen, Einträglich den Besen, Hintermthor die Scherben fallen ließ und die ganze Musik in ein furchtsames Schweigen gerieth. Rauschepausch verstummte, Knollkopf sperrte das Maul auf, Eisenhand war verwirrt und Alle verschwanden, der Eine nach diesem, der Andre nach jenem Orte, indem sie ihren Rükzug nach den Söllern und Dächern zu nahmen, um von da in eine andre Straße zu gelangen. Nie erschrekte eine unvermuthet abgeschossene Muskete oder ein plözlicher Donnerschlag eine Schaar sorgloser Tauben dermaßen, wie die Nachricht vom Herannahen des Polizeimeisters diese ganze auserlesene Gesellschaft wakkerer Leute in Furcht und Angst versezte.
Die beiden Novizen Eklein und Schnittel wußten nicht was sie thun sollten und blieben daher ruhig, harrend wie dieser unversehene Sturm ablaufen würde, aus welchem endlich nichts weiter wurde, als daß die Schildwache abermals kam und meldete, der Polizeimeister sei ohne Aufenthalt vorübergegangen und habe weder Zeichen noch Spur des geringsten Verdachtes gegeben.
Während Dies noch dem Hintermthor berichtet wurde, kam ein junger Herr in nachlässiger Hauskleidung an das Thor. Hintermthor hieß ihn eintreten und befahl den Rauschepausch, Eisenhand und Knollkopf zu rufen, von den Uebrigen sollte aber Niemand herab kommen. Da Eklein und Schnittel im Hof geblieben waren, konnten sie das ganze Gespräch zwischen Hintermthor und dem eben gekommenen Herrn mit anhören, welcher Erstern mit der Frage anredete, warum er seinen Auftrag so schlecht vollzogen.
Hintermthor erwiederte, er wisse noch nicht, was geschehen sei, der Beamte jedoch, dem seine Sache übertragen worden, sei hier und werde hierüber vollkommene Rechenschaft ablegen können. Indem trat Rauschepausch herein und Hintermthor fragte ihn, ob er das ihm übertragene Geschäft des Messerschnittes von vierzehn Linien vollzogen.
»Welches?« antwortete Rauschepausch; »das an dem Kaufmann da in der Kreuzstraße?«
»Eben das,« erwiederte der Herr.
»Was das anlangt,« entgegnete Rauschepausch, »so paßte ich gestern Nacht auf ihn vor seiner Hausthür, und er kam vor dem Abendläuten. Ich trat an ihn, maß sein Gesicht mit den Augen und sah, es sei so winzig daß es zum Unmöglichsten aller Unmöglichkeit werde, einen Messerschnitt von vierzehn Linien darauf anzubringen, und da ich mich nun ohne Möglichkeit sah das Versprochene zu erfüllen und zu thun, was in meiner Destruktion stand …«
»Instruktion wollen Euer Gnaden sagen,« bemerkte der Kavalier, »und nicht Destruktion.«
»Ganz recht,« entgegnete Rauschepausch. »Ich sage, da ich fand daß auf der Enge und Schmalheit dieses Gesichtes die vorgeschriebenen Linien keinen Raum hätten, so gab ich, um keinen Fleischergang gemacht zu haben, den Messerstrich einem seiner Bedienten, der volle Sicherheit bot, den Schnitt sogar noch was länger machen zu können.«
»Ich möchte lieber,« versezte der Kavalier, »Ihr hättet dem Herrn sieben als dem Bedienten vierzehn Linien gegeben. Wirklich bin ich nicht bedient worden, wie sich's gebührt; aber gleichviel! die dreissig Dukaten, die ich voraus gab, werden mir nicht zu wehe thun. Also gehorsamer Diener.«
Damit nahm er den Hut ab und wandte den Rükken, um zu gehen, Hintermthor aber hielt ihn an seinem bunten Mantel und rief:
»Wollen Euer Gnaden doch bleiben und ihr Versprechen erfüllen, denn wir haben das unsrige ehrlich und redlich erfüllt. Zwanzig Dukaten fehlen und Euer Gnaden dürfen nicht von hier weg, ohne dieselben zu erlegen oder ein Pfand von gleichem Werthe zu geben.«
»Wie können Euer Gnaden Das eine Erfüllung des Versprechens nennen,« erwiederte der Kavalier, »wenn man den Messerschnitt dem Diener statt dem Herrn gibt?«
»Geht doch auf Rechnung des Herrn!« rief Rauschepausch. »Ihr scheint das Sprichwort vergessen zu haben, wonach wer den Hans liebt, auch Hansens Hund liebt.«
»Und wie sollte dieses Sprichwort hier seine Anwendung finden?« fragte der Kavalier.
»Heißt es nicht eben so viel,« fuhr Rauschepausch fort, »als: wer den Hans nicht leiden kann, kann auch Hansens Hund nicht leiden? Der Kaufmann nun ist der Hans; Euer Gnaden können ihn nicht leiden; sein Bediente ist sein Hund; wer den Hund schlägt, schlägt den Herrn; die Schuld ist abgetragen und jeder Foderung vollkommenes Genüge geschehen; bleibt also nichts übrig als sogleich unweigerlich zu bezahlen.«
»Das kann auch ich beschwören,« sezte Hintermthor hinzu, »und Alles was du gesagt hast, Freund Rauschepausch, hast du mir aus dem Mund genommen. Daher wolle sich Euer Gnaden nicht in Spizfindigkeiten mit dero Dienern und Freunden einlassen, sondern meinen Rath annehmen und alsbald die Arbeit vergüten. Liegt Euch nebenher daran, daß man dem Herrn noch einen Schnitt gebe, so groß als sein Gesicht ihn zu fassen vermag, so rechnet so sicher darauf, als ob die Chirurgen ihn schon unter den Händen hätten.«
»Nun Das ist mir recht,« entgegnete der Kavalier, »ich will beide Schnitte von Herzen gern ganz bezahlen.«
»Zweifelt an der Ausführung so wenig als an Eurer christlichen Taufe,« sagte Hintermthor; »Rauschepausch wird ihn so meisterlich zeichnen, daß er aussehen soll, als wär' er so geboren.«
»Auf diese Zusage und Versicherung hin,« antwortete der Kavalier, »empfanget diese Kette als Pfand für die noch rükständigen zwanzig Dukaten und für die weiteren vierzig, die ich für den neuen Messerschnitt anbiete. Sie ist tausend Realen werth und vielleicht fällt sie Euch ganz heim, denn es schwebt mir immer vor, es werde noch ein dritter vierzehnliniger nöthig werden.«
Damit nahm er eine fein gearbeitete Kette vom Hals und reichte sie dem Hintermthor, der am Gefühl und Gewicht wol merkte, daß sie nicht von Tombak war. Dieser empfing sie sehr freundlich und höflich, denn er war ausnehmend wohl gezogen, und die Ausführung ward dem Rauschepausch übertragen, der sich blos bis zum Abend Frist erbat.
Der Kavalier ging sehr zufrieden weg und Hintermthor rief unverweilt alle Abwesende und Erschrokkene herbei. Sie kamen insgesamt, Hintermthor stellte sich in ihre Mitte, zog ein Notizzenbuch, das er in der Mantelkappe hatte, hervor und gab es dem Eklein zum Ablesen, denn er selbst war des Lesens nicht kundig. Eklein schlug auf und fand auf dem ersten Blatte Nachfolgendes:
Verzeichniß der Messerschnitte, welche in dieser Woche gemacht werden sollen. Der erste dem Kaufmann in der Kreuzgasse: gilt fünfzig Thaler; dreissig bereits baar bezahlt. Exkuter Rauschepausch.
»Ich glaube nicht, daß hier was Weiteres kommt,« sagte Hintermthor. »Geh weiter und such wo steht: Verzeichniß der Prügel.«
Eklein wandte das Blatt und fand wirklich auf dem folgenden stehen: Verzeichniß der Prügel. Weiter unten hieß es:
Dem Speisewirth zum Kleeblatt zwölf Hiebe aus dem Salz, jeder einen Thaler. Achte im Voraus bezahlt. Frist sechs Tage. Exkuter Eisenhand.
»Diesen Posten kann man ausstreichen,« sagte Eisenhand, »denn heute Abend werd' ich die Quittung darüber bringen.«
»Es steht noch mehr da, mein Sohn,« bemerkte Hintermthor.
»Ja,« antwortete Eklein, »noch ein Posten, der also lautet:
Dem buklichten Schneider, mit dem Spiznamen der Distelfink, sechs Hiebe aus dem Salz, auf Ansuchen der Dame, welcher er das Halsband zurükbehalten hat. Exkuter der Stummel.«
»Mich wundert,« sagte Hintermthor, »daß dieser Posten noch nicht abgemacht worden. Ganz gewiß ist der Stummel krank, denn es sind schon zwei Tage über den Termin verflossen und er hat noch keinen Streich in der Sache gethan.«
»Ich traf ihn gestern,« erwiederte Eisenhand, »und er sagte mir, da der Distelfink wegen Krankheit nicht ausgegangen, habe er seine Schuldigkeit noch nicht erfüllen können.«
»So hab' ich mir's gedacht,« versezte Hintermthor, »denn der Stummel ist so gewissenhaft in seinem Amt, daß er ohne ein so gewichtiges Hinderniß schon mit was viel Bedeutenderem fertig geworden wäre. Steht noch mehr da, Kleiner?«
»Nein, Herr,« erwiederte Eklein.
»So geh weiter,« sprach Hintermthor, »und such wo es heißt: Verzeichniß gewöhnlicher Unbilden.«
Eklein schlug um und fand auf einem folgenden Blatt geschrieben:
Verzeichniß gewöhnlicher Unbilden, will heißen Bewerfen mit Tintenflaschen, Beschmieren mit Wachholderöl, Anheften von Teufelsbildern und Hörnern, Hänseln, Erschrekken, Aengstigen, Drohen mit Messerschnitten, Verbreiten von Unnamen.
»Wie heißt es weiter unten?« fragte Hintermthor.
»Es heißt,« fuhr Eklein fort: » Beschmieren mit Wachholderöl im Hause …«
»Brauchst das Haus nicht zu lesen,« unterbrach ihn Hintermthor; »ich weiß schon wo es ist; ich bin Hauptperson und Ausführer dieses Bagatells. Vier Thaler sind mir auf Abschlag bezahlt und das Ganze trägt acht ein.«
»So verhält sich's allerdings,« bemerkte Eklein, »denn dies Alles steht hier geschrieben. Weiter unten heißt es: Aufstekken von Hörnern …«
»Das Haus braucht eben so wenig gelesen zu werden,« rief Hintermthor; »es ist genug wenn die Unbild geschieht; man braucht sie nicht öffentlich bekannt zu machen, das wär' eine große Bürde für's Gewissen. Wenigstens will ich lieber hundert Hörner anheften und eben so viele Teufelsbilder, (gesezt man bezahle mir meine Arbeit,) als es nur ein einziges Mal sagen, und wäre es auch der Mutter die mich geboren hat.«
»Der Ausführer,« fuhr Eklein fort, »ist hier Stulpnase.«
»Ist bereits ausgeführt und bezahlt,« sagte Hintermthor. »Sieh ob noch was Weiteres dasteht, denn wenn ich mich recht erinnere muß hier ein Erschrekken von zwanzig Thalern kommen. Die Hälfte ist vorausbezahlt, Ausführerin ist die ganze Gesellschaft, die Zeit der ganze laufende Monat und wirklich soll auch Alles buchstäblich ausgeführt werden, ohne daß ein Strichlein fehlt, und es wird einen der ersten Spässe geben, die seit vielen Jahren in hiesiger Stadt vorgekommen sind. Gib mir das Buch, Junge, ich weiß daß sonst nichts drin steht und weiß damit freilich auch, daß das Handwerk sehr flau geht. Aber später wird's wieder anders kommen, und wir kriegen vielleicht mehr zu thun als uns lieb ist, denn kein Blatt bewegt sich ohne Gottes Willen und wir können nicht machen daß sich Jemand gewaltsam rächen will, besonders da Jeder seine eigene Sache am besten zu führen pflegt und für Das keinen Arbeitslohn ausgeben mag, was er mit eigenen Händen verrichten kann.«
»So ist es allerdings,« bemerkte Knollkopf; »aber wollen Euer Gnaden uns jezt sagen, was sie zu befehlen haben, denn es wird spät und die Hizze kommt stärker.«
»Was es zu thun gibt,« erwiederte Hintermthor, »ist, daß Jedermann sich auf seinen Posten begibt und Niemand was Anderes vornimmt bis Sonntag, wo wir uns an diesem Orte wieder treffen und ohne Jemandes Beeinträchtigung Alles vertheilt werden wird, was eingegangen ist. Eklein dem Wakkern und Schnittel theile ich als Bezirk bis zum Sonntag Alles vom Goldthurm ausserhalb der Stadt bis zum Schloßpförtchen zu, wo sie ihre Kartenkünste prakticiren können ohne nur aufzustehen, denn ich habe wol andere minder Geschikte als sie Tag für Tag mit mehr als zwanzig Realen in Kupfergeld, das Silber nicht mitgerechnet, nach Haus gehen sehen, und das vermittelst eines einzigen Kartenspiels, an dem noch überdies vier Karten fehlten. Der Zink soll euch den Bezirk zeigen und dehnt ihr euch auch bis San Sebastian und Sant Elmo aus, so liegt wenig daran, obwol den Grundsäzzen des Rechtes gemäß Niemand die Pertinenz eines Andern betreten soll.«
Die Beiden küßten ihm die Hand für die ihnen erwiesene Gnade und versprachen ihr Amt treu und redlich, mit Fleiß und Sorgfalt, zu verwalten. Sofort zog Hintermthor ein zusammengefaltetes Papier aus der Mantelkappe, auf welchem die Liste sämtlicher Mitbrüder stand, und foderte den Eklein auf, seinen und Schnittels Namen ebenfalls darauf zu sezzen. Da er jedoch kein Tintenzeug zur Hand hatte, gab er ihm das Papier, daß er es mitnehme und in der nächsten Apotheke also darauf schreibe: Eklein und Schnittel zur Kompagnie gehörig. Kein Noviziat. Eklein zum Vorspiel, Schnittel zum Fagott. Dazu Tag, Monat und Jahr samt Angabe der Eltern und der Heimat. –
Indem trat einer von den alten Schnüfflern ein und sprach:
»Ich komme Euer Gnaden zu melden daß ich eben den Wölflein von Malaga getroffen, der mir sagte, er habe in seiner Kunst solche Fortschritte gemacht, daß er mit einer neuen Karte dem Teufel selbst das Geld abnehmen wolle; er sei aber in schlimme Händel verwikkelt worden und komme deshalb nicht sogleich, um sich einschreiben zu lassen und den ziemlichen Gehorsam zu beweisen; Sonntag jedoch werde er unfehlbar da sein.«
»Bei wir stand's immer, fest,« erwiederte Hintermthor, »daß dieser Wölflein einzig in seiner Kunst werden würde, denn er hat die besten und passendsten Hände dazu, die man nur wünschen kann, und um in einem Handwerk was Tüchtiges zu leisten, braucht man eben so sehr gute Instrumente, womit man dasselbe ausübt, als einen feinen Kopf, womit man es lernt.«
»Auch,« berichtete der Alte weiter, »traf ich in einer Schenke in der Färberstraße den Juden in der Pfarrerskleidung, der dort seine Herberge genommen hat, weil er gehört daß zwei reiche Peruaner dort logiren, und nun sehen will ob er sie in ein Spiel verwikkeln kann; handle es sich Anfangs auch um wenig, so könn' es doch später höher getrieben werden. Er sagte ebenfalls, er werde am Sonntag im Verein nicht fehlen und Rechenschaft von sich ablegen.«
»Auch dieser Jude,« entgegnete Hintermthor, »hat Sappermentsfinger zum Stehlen und versteht sich auf seine Künste. Es ist lange her, seit ich ihn nicht zu Gesicht bekommen, und daran thut er nicht wohl, denn, meiner Treu, wenn er darin nicht ordentlicher wird, so schlag' ich ihm die Krone vom Kopf. Hat doch der Spizbube so wenig die Priesterweihe als der Großtürke, und weiß nicht mehr Latein als meine Mutter. Gibt es noch sonst was Neues?«
»Nein,« sagte der Alte, »wenigstens nichts, das ich wüßte.«
»Nun gut,« versezte Hintermthor, »so nehmen denn Euer Gnaden diese Kleinigkeit,« (damit vertheilte er unter Alle ungefähr vierzig Realen) »und daß mir am Sonntag Niemand fehle, denn es wird auch nichts am Handgeld fehlen.«
Alle dankten ihm; Knollkopf und die Pausbakken, Hanne Einträglich und Rauschepausch, Gretchen Sturmfest und Eisenband umarmten sich und wurden eins, sich heute Abend, wann sie vom Hausgeschäft los geworden, bei der Frau Fäßlein zu sehen, wohin auch Hintermthor zu kommen versprach, um den Waschkorb zu verzeichnen und dann auf dem nämlichen Weg das Geschäft mit der Wachholderschmiere abzumachen. Er umarmte Eklein und Schnittel, gab ihnen seinen Segen und entließ sie, indem er ihnen noch einschärfte, niemals ein bestimmtes Quartier oder sonstigen Wohnsiz zu haben, Dies verlange das allgemeine Wohl. Zink begleitete sie bis er ihnen ihren Posten angewiesen und ermahnte sie nochmals am Sonntag nicht zu fehlen, denn wie er glaube und vermeine werde Hintermthor 'ne Katichsazzion über die ihre Kunst betreffenden Gegenstände halten. Damit ging er und lies die Beiden in Verwunderung über Das, was sie gesehen, zurük.
Eklein war immerhin ein Junge von recht vielem Verstand und guten natürlichen Anlagen, und da er seinem Vater im Bullenverkauf lange an die Hand gegangen, so hatte er die gebildetere Sprache etwas weg, so daß ihm der Gedanke an die von Hintermthor und der übrigen preiswürdigen Gesellschaft gebrauchten Ausdrükke großen Spaß machte, wie denn Jener z. B. statt als ein suffragium gesagt hatte »als naufragium,« und »man gebe ein Stupendum,« statt ein Stipendium, von der Einnahme; oder wie die Pausbakken den Knollkopf einen orcanischen statt einen hyrkanischen Tiger nannte, und tausend andre Verkehrtheiten. Besonders belustigte es ihn, daß Leztere gesagt, der Himmel möge ihr die Mühe, die sie bei, Erwerbung der vierundzwanzig Realen gehabt habe, an ihren Sünden abrechnen, und vor Allem wunderte er sich über die Sicherheit und das Vertrauen, womit diese Menschen mitten in Diebstahl, Mord und Vergehungen gegen Gott in den Himmel zu kommen hofften, wenn sie es nur in der Verrichtung ihrer Andacht nicht fehlen liessen. Tüchtig lachte er über die Frau Fäßlein, die den gestohlenen Waschkorb in ihrem Hause so sicher aufbewahrte, den Heiligenbildern Wachslichtlein vorstekte und dadurch mit Haut und Haar in das Paradies zu wandeln verhoffte.
Nicht minder verwunderte er sich über den Gehorsam und Respekt, welche Alle gegen Hintermthor, einen so rohen, gewissenlosen Kerl, beobachteten. Er machte sich seine Gedanken über Das, was er in dem Notizzenbuch gelesen und über das Handwerk welches Alle trieben, und konnte nicht Worte finden wie sorglos die Polizei in dieser berühmten Stadt Sevilla sein müsse, da hier ein so verdorbenes, der Natur selbst zuwider handelndes Volk fast offenkundig sich umtreibe.
Auch beschloß er bei sich selbst, seinem Gefährten zu rathen, sie wollten nicht gar zu lange in einem so verworfenen, schlechten, unruhigen, frechen und gesezlosen Leben verharren; aber Dessen ungeachtet brachte er, verleitet von seiner Jugend und seinem Mangel an Erfahrung, mehrere Monate darin zu, während welcher ihm Dinge begegneten, die eine umfassendere Beschreibung verlangen, weshalb die Erzählung seines Lebens und seiner wunderbaren Begebenheiten, nebst denen seines Meisters Hintermthor, auf eine andere Gelegenheit verschoben werden möge, so wie die übrigen Schiksale der Mitglieder jener saubern Akademie, die insgesamt hohe Beachtung verdienen und Denen, welche sie lesen, als Beispiel und Warnung dienen können.
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