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Geschichte von dem großmüthigen Liebhaber.


» Bejammernswerthe Trümmer der unseligen Nikosia, kaum trokken vom Blut eurer tapfern, unglüklichen Vertheidiger! Nikosia, die Hauptstadt Cyperns, wurde im September 1570, nach einer 42tägigen Vertheidigung, von den Türken erobert. Hättet ihr Gefühlberaubten Gefühl in dieser Oede, worin wir uns befinden, so könnten wir gemeinschaftlich unser Ungemach beklagen, und vielleicht würde die gegenseitig gefundene Gesellschaft unsere Qualen erleichtern. Euch zwar, ihr eingestürzten, mächtigen Thürme, kann immer die Hoffnung bleiben, daß ihr euch wieder, wenn auch nicht zur Vertheidigung einer so gerechten Sache, wie diejenige, um derentwillen ihr gestürzt wurdet, erheben sehet, ich Armer aber, auf welches Glük könnte ich in der kläglichen Bedrängniß hoffen, worin ich mich befinde, gesezt auch mein jezziger Zustand verwandele sich wieder in meinen frühern? Mein Unstern ist so groß, daß ich selbst in der Freiheit kein Glük hatte und in der Gefangenschaft es weder habe, noch es auch nur hoffen kann.«

Also sprach ein christlicher Gefangener, der von einer Anhöhe auf die geschleiften Mauern des gefallenen Nikosia herabsah, und in besagter Art sich mit denselben unterhielt, indem er sein Unglük mit dem ihrigen verglich, als ob sie im Stande gewesen wären, ihn zu hören, (nach der eigenthümlichen Weise der Trauernden, die, von ihrer Einbildungskraft fortgerissen, Dinge thun und sagen die jeder Vernunft und gesunden Urtheilsgabe widersprechen.) Während dessen trat aus einem Pavillon oder Zelt, deren in jener Gegend viere aufgeschlagen waren, ein junger Türke von sehr edlem, stattlichem Ansehn, näherte sich dem Christen und sprach:

»Ich wette, Freund Ricardo, daß deine alten Gedanken dich wieder hieher geführt haben!«

»Wol haben diese es gethan,« erwiederte Ricardo, (denn so hieß der Gefangene); »allein was hilft es mir, wenn ich nirgends, wo ich das Auge hinwende, Ruhe oder Frieden vor ihnen finde, sie vielmehr durch den Anblik der Ruinen, die man hier sieht, noch vermehrt werden?«

»Du meinst die Ruinen von Nikosia?« fragte der Türke.

»Welche sollte ich sonst noch meinen,« versetzte Ricardo, »da man von hier aus keine andern gewahr wird!«

»Du mußt dich aufs Weinen gefaßt machen,« erwiederte der Türke, »wenn du dich auf dergleichen Betrachtungen einlässest. Denn wenn Jemand noch vor zwei Jahren diese bevölkerte, reiche Insel Cypern in Ruhe und Behaglichkeit gesehen hat, wo ihre Bewohner im Genuß alles Dessen waren, was dem Menschenglük nur irgend gewährt werden kann, und dieselben jezt entweder aus dem Lande vertrieben sieht, oder, wenn sie noch da sind, als gefangene, armselige Geschöpfe erblikt, wie könnte er sich des Mitleids über ihren Jammer und ihr Unglük enthalten? Aber lassen wir Dies, da es doch zu nichts hilft, und kommen wir auf deine Angelegenheit; denn ich möchte wissen ob hier Hülfe möglich ist und beschwöre dich bei Allem, was du der Zuneigung, die ich dir bewiesen habe, was du unserer Abstammung aus einem gemeinschaftlichen Lande und unserer gemeinsamen Erziehung in den Kinderjahren schuldig bist, mir zu sagen, was dich in so tiefe Trauer versenkt. Denn wenn auch schon die Gefangenschaft allein ein hinreichender Grund ist, das freudigste Herz in der Welt zu verdüstern, so vermuthe ich doch immer, deine Schmerzen stammen aus einer tiefern Quelle, da edle Seelen, wie die deinige, sich von gewöhnlichen Unglüksfällen nicht so überwältigen lassen, daß sie Zeichen einer übermäßigen Gemüthsbewegung geben. In dieser Ansicht bestärkt mich auch der Umstand, daß du, wie ich wohl weiß, keineswegs so arm bist, um das gefoderte Lösegeld nicht aufbringen zu können; eben so wenig sizzest du in den Thürmen am schwarzen Meer, wie Dies sonst wol bei angesehenen Gefangenen der Fall ist, wo sie nur spät oder niemals die ersehnte Freiheit wieder erhalten. Hat dir also dein Unstern die Hoffnung auf Freiheit nicht benommen und seh' ich dich gleichwol deinen Jammer so kläglich ausdrükken, so ist es kein Wunder, wenn ich auf den Gedanken gerathe, dein Schmerz entspringe aus einem andern Grunde, als aus dem Verlust der Freiheit, und ich bitte dich nun mir diesen Grund zu sagen, indem ich dir zugleich Alles was ich kann und vermag zur Abhülfe anbiete. Vielleicht hat das Schiksal mich ausdrüklich deshalb in diese von mir verabscheuten Kleider geworfen, damit ich dir dienen könne. Du weißt, Ricardo, daß mein Herr der Kadi dieser Stadt ist, (was eben so viel heißt als Bischof); du weißt wie viel er vermag und wie viel ich bei ihm gelte. Zudem ist dir mein inniger Wunsch bekannt, nicht in meinem scheinbaren Glaubensbekenntniß zu sterben, so daß ich, wenn ich auch weiter nichts vermag, wenigstens die Religion Jesu, welcher mich meine zarte Jugend und mein noch unreifer Geist untreu gemacht, dereinst noch laut einzugestehen gedenke, wenn ich auch wol weiß, daß ein solches Geständniß mir das Leben kosten wird, denn um das Leben der Seele nicht zu verlieren will ich dasjenige des Leibes mit Freuden weggeben. Aus all dem Gesagten mögest du abnehmen, daß dir meine Freundschaft von einigem Nuzzen sein kann; damit ich aber beurtheilen könne, welche Art von Hülfe dein Unglük zuläßt, mußt du mir dasselbe, wie dem Arzt der Bericht des Kranken nöthig ist, angeben, wobei ich dich meiner tiefsten Geheimhaltung versichere.«

Während dieser ganzen Rede schwieg Ricardo, antwortete aber endlich, da er nicht mehr auszuweichen vermochte, also:

»Wenn du, Freund Mahmud,« (so hieß der Türke) »eben so, wie du den echten Grund meiner Trauer entdekt hast, auch das echte Mittel gegen dieselbe entdekken würdest, so wollte ich den Verlust meiner Freiheit für einen Segen erachten und mein Unglük nicht mit dem größten Glük vertauschen. Allein dasselbe ist der Art, daß Jedermann seinen Grund wissen und gleichwol auf der ganzen Welt sich kein Mensch finden könnte, der im Stande wäre, nicht etwa eine Heilung, sondern blos eine Erleichterung desselben zu entdekken. Damit du Dies selbst einsehen mögest, will ich dir meine Geschichte in möglichster Kürze erzählen. Ehe ich mich jedoch in das wirre Labyrinth meiner Leiden einlasse, möcht' ich von dir die Ursache erfahren, weshalb Hassan Pascha, mein Herr, hier auf freiem Feld die Zelten aufschlagen ließ, statt in Nikosia einzuziehen, zu dessen Vicekönig, oder, wie die Türken es nennen, Pascha, er ernannt ist.«

»Darauf will ich dir mit wenigen Worten antworten,« versezte Mahmud. »Du mußt wissen es ist bei den Türken Sitte, daß wer als Vicekönig in irgend eine Provinz kommt, die Stadt, wo sein Vorgänger sich aufhielt, nicht eher betritt, bis Dieser heraus ist und zur Untersuchung seiner bisherigen Amtsführung dem Nachfolger unbeschränkte Freiheit läßt. Während Lezterer nun dieses Geschäft vornimmt, bleibt seinerseits der Vorgänger auf dem Felde und wartet ab, zu welchem Ergebniß die Untersuchung führen werde, die ihren Gang nimmt, ohne daß er Bestechung oder Freundschaftsverhältnisse dagegen aufbieten könnte, falls er Solches nicht etwa zum Voraus gethan hat. Ist die Prüfung beendigt, so händigt man ihr Ergebniß dem vom Amt Abtretenden in einem verschlossenen und versiegelten Pergament ein, mit welchem er sich der großherrlichen Pforte d. h. dem türkischen Geheimenrath, vorzustellen hat. Nach Durchsicht des Pergaments von Seiten des Wesirs und vier anderer, niedriger stehenden Pascha's (was bei uns der Präsident und die Auditoren des königlichen Rathes wären) müßte er eigentlich dem Inhalt des Visitationsberichtes gemäß belohnt oder bestraft werden, kann jedoch, falls er angeklagt sein sollte, die Strafe jederzeit durch Geld abkaufen. Wird er weder bestraft noch belohnt, wie Solches gewöhnlich der Fall ist, so erkauft er sich mit Geschenken und Bestechungen diejenige Stelle, die ihm am meisten zusagt, denn Aemter und Stellen werden dort nicht nach Verdienst, sondern nach Geld ausgetheilt; Alles wird verkauft und Alles kann man kaufen. Die Vergeber eines Amtes berauben die Begabten und schinden sie auf alle Art. Gleichwol gewinnt man von einer solchen erkauften Stelle so viel, daß man damit eine andere erkaufen kann, die noch größern Gewinn verspricht. Alles geht wie ich's beschrieben, das ganze Reich beruht auf Gewalt, ein Merkmal, das ihm keine sonderliche Dauer verspricht. Andrerseits glaube ich jedoch, und es ist dies gewiß eine richtige Ansicht, daß unsre Sünden die Stüzzen desselben sind, ich meine nämlich die Sünden Derer, welche sich scham- und zügellos gegen Gott vergehen, wie ich es gethan. Möge er sich meiner in seiner Barmherzigkeit erinnern. Um der angeführten Ursache willen verweilt nun dein Herr, Hassan Pascha, schon seit vier Tagen auf diesem Feld und wenn der bisherige Pascha von Nikosia noch nicht heraus ist, so geschah es weil er sehr krank war; indessen befindet er sich bereits besser und wird ohne Zweifel noch heute oder morgen herauskommen und sich in einigen Zelten hinter jener von dir noch nicht näher besichtigten Anhöhe niederlassen, worauf dann dein Herr unverweilt in die Stadt einzieht. Dies ist's, was ich dir auf deine Frage zu erwiedern weiß.«

»So höre denn,« hob Ricardo an; »ich weiß jedoch nicht, ob ich mein vorhin gegebenes Versprechen, mein Unglük in kurzen Worten zu berichten, werde erfüllen können, denn dasselbe ist so groß und unermeßlich, daß es sich mit keiner Rede erschöpfen läßt. Indessen will ich thun was ich vermag und die Zeit erlaubt, und frage dich daher zuvörderst, ob du in unsrer Vaterstadt Trapana Bedeutende Stadt in Sicilien, 18 Stunden östlich von Palermo. Das alte Drepanum. ein Mädchen kennst, welche der Ruf als das schönste Frauenbild in ganz Sicilien pries; ein Mädchen sag' ich, von welchem die Zungen aller Neugierigen versicherten, und von den feinsten Kennern hierin bestätigt wurden, sie sei die vollkommenste Schönheit, welche die Vergangenheit besessen, die Gegenwart besizze und die Zukunft zu besizzen erwarten dürfe; ein Mädchen, von welchem die Dichter sangen sie habe goldene Haare, ihre Augen seien zwei stralende Sonnen, ihre Wangen Purpurrosen, ihre Zähne Perlen, ihre Lippen Rubinen, ihr Hals Alabaster, und jeder einzelne Theil bilde mit dem Ganzen, das Ganze mit jedem einzelnen Theil eine wunderhafte Harmonie, indem die Natur über Alles eine so vollkommene und lebendige Farbenmischung ausgegossen habe, daß selbst der Neid nie etwas Fehlerhaftes daran aufzufinden vermöge. Doch wie ist's möglich, Mahmud, daß du mir nicht bereits gesagt hast, wer sie ist und wie sie heißt? Entweder du hast nicht gehört, was ich eben gesprochen, oder du hattest, als du in Trapana warst, keine Sinne!!«

»Nun,« erwiederte Mahmud, »wenn Die, welche du als diesen Gipfel der Schönheit beschrieben hast, nicht Leonissa, die Tochter des Rodolfo Florencio ist, so weiß ich nicht, wen du meinst, denn nur Diese stand in dem von dir geschilderten Rufe.«

»Die ist es, Mahmud,« entgegnete Ricardo; »diese ist die Hauptursache all' meines Glüks und Unglüks; diese und nicht der Verlust der Freiheit ist es, um derentwillen meine Augen unzählige Thränen vergossen haben, vergießen und künftig vergießen werden, um derentwillen meine Seufzer die Luft weit und breit erfüllen, um derentwillen meine Worte den Himmel, der auf mich horcht und das Menschenohr, das auf mich hört, ermüden. Sie ist es, um derentwillen du mich für einen Tropf gehalten, oder mindestens mir wenig Nervenkraft und noch weniger Willensstärke zugeschrieben hast. Diese Leonissa, – für mich eine Löwin, für Andre ein sanftes Lamm, – ist es, was mich in diesem traurigen Zustande erhält; denn du mußt wissen, daß ich sie von den zartesten Jahren an, oder mindestens seit ich zum Gebrauch der Vernunft gekommen, nicht nur liebte, sondern anbetete und ihr mit solcher Andacht diente, als gäbe es weder auf Erden noch im Himmel eine andre Gottheit für meine Anbetung und meinen Dienst. Ihre Verwandten und Eltern wußten von meinen Wünschen und nie deuteten sie mir Unzufriedenheit darüber, an, da sie sahen, daß denselben ein ehrliches und reines Ziel vorschwebte; ja ich weiß, daß sie sich mehrmals sogar an Leonissen deshalb wandten und sie zu bewegen suchten, mich in Rüksicht auf meinen Karakter und meine edle Geburt zum Gemahl zu wählen. Aber sie, die ihre Augen auf den dir wohl bekannten Cornelio, den Sohn des Ascanio Rotulo, geworfen (einen feinen, gepuzten Jungen mit weißen Händen, krausen Haaren, honigsüßer Stimme und verliebten Redensarten, kurz ein Püppchen aus lauter Ambra nud Zukkerteig, mit Seide besezt und mit Goldstoff verbrämt,) wollte ihre Blikke nicht auf mein minder zartes Gesicht wenden und meine fortwährende Huldigung sich nicht gefallen lassen, sondern vergalt meine Zuneigung mit Verachtung und Abscheu. Meine Liebe hatte aber einen solchen Grad erreicht, daß ich noch froh darüber gewesen wäre, hätte sie mich mit ihrer Verschmähung und Undankbarkeit unter den Boden gebracht, falls sie nur dem Cornelio nicht auf so unzweideutige, wenn auch ehrbare Art, ihre Gunst geschenkt haben würde; denk aber wie meine Seele, wenn nun zur Drangsal der Verachtung und Verabscheuung noch die furchtbarere Qual der Eifersucht kam, durch zwei so tödtliche Gifte leiden mußte! Leonissens Eltern suchten den Vorzug, den sie dem Cornelio gab, vor mir zu verheimlichen, in der, nicht übel berechneten, Hoffnung der junge Mensch werde sie, angelokt von ihrer unvergleichlichen Schönheit, zur Gemahlin wählen und sie in ihm einen reichern Schwiegersohn gewinnen, als in mir. Lezteres hätte allerdings der Fall sein dürfen; allein, ohne Anmaßung sei es gesagt, sie hätten in ihm keinen von besserem Gemüth, von erhabenerer Denkungsart und anerkannterem Muth gefunden, als diese Eigenschaften sich in mir fanden. Nun geschah es, daß ich im Laufe meiner Bewerbungen erfuhr, wie einmal im vergangenen Mai, (es ist jezt eben ein Jahr, drei Tage und fünf Stunden,) Leonissa mit ihren Eltern, mit Cornelio und den Seinigen nebst ihrer ganzen Verwandtschaft und allen Dienern des Hauses eine Lustpartie nach dem Garten des Ascanio gemacht habe, der nahe bei der Küste, auf dem Weg zu den Salzgruben, liegt.«

»Den kannte ich ehedem gar wohl,« bemerkte Mahmud; »ich habe dort, so lange es noch Gott gefiel, manchen frohen Tag, manchen guten Spaß mitgemacht.«

»Ich erfuhr es,« erzählte Ricardo weiter, »und im nämlichen Augenblik pakte meine Seele eine Wuth, eine Hölle von Eifersucht mit so furchtbarer Gewalt, daß ich ganz von Sinnen kam, wie du aus Dem, was ich sogleich that, absehen kannst. Ich begab mich nämlich in den bezeichneten Garten, wo ich eine Menge Lustwandler traf; Cornelio und Leonissa aber saßen, obwohl etwas entfernt von einander, unter einem Nußbaum. Was bei meinem Anblik in ihnen vorging, weiß ich nicht, Das aber weiß ich, daß mich der ihrige so ergriff, daß ich ordentlich die Sehkraft verlor und wie eine stumme, bewegungslose Bildsäule stehen blieb. Es dauerte jedoch nicht lange, so hatte der Verdruß die Galle, die Galle das Herzblut, das Herzblut den Zorn, der Zorn Hände und Zunge in Bewegung gesezt. Meine Hände wurden zwar durch die Ehrfurcht, die ich dem reizenden Antliz vor mir schuldig zu sein glaubte, wieder gebunden, die Zunge aber brach das Stillschweigen mit folgenden Worten:

›Es wird dich freuen, tödtliche Feindin meiner Ruhe, so ungestört den Gegenstand vor deinen Augen zu haben, der den meinigen fortwährend so schmerzliche Thränen entlokt. Nähere dich ihm noch etwas mehr, Grausame, und schling dein Epheu um diesen unnüzzen Stamm, der dich sucht. Kräusle und lokke die Haare dieses neuen Ganymed, der sich so schläfrig um dich bewirbt. Ergib dich ganz der keimenden Jugend dieses Knaben, den du ansiehst; denn wenn ich die Hoffnung auf deinen Besiz verloren habe, wird mit derselben auch mein mir verhaßtes Leben endigen. Glaubst du vielleicht, stolzes, unbesonnenes Mädchen, die Gesezze und Rechte, welche die Welt in solchen Fällen übt, würden in Beziehung auf dich ihre Kraft verlieren? Meinst du, will ich sagen, dieser Jüngling, aufgeblasen auf seinen Reichthum, hochmüthig auf seine Gestalt, unerfahren durch seine Jugend, trozzig auf seine Abkunft, werde Beständigkeit in seiner Liebe beobachten wollen und können, werde das Unschäzbare zu schäzzen wissen, werde Das erkennen, wofür nur ein reifes und erfahrenes Alter Erkenntniß hat? Hoffe Das nicht, denn die Welt hat das einzige Gute an sich, daß sie immer auf die gleiche Weise verfährt, so daß Jeder blos durch seine eigene Unerfahrenheit hintergangen werden kann. In der Jugend liegt Unbeständigkeit, im Reichthum Hochmuth; der Eitle ist anmaßend, der Schöne behandelt Andre mit Verachtung, und Menschen, welche all' Dieses zusammen sind, verfallen der Verstoktheit, der Mutter alles Unglüks. Und du, Knabe, der du so glattweg den Preis zu erringen glaubst, der meinem aufopfernden Streben mehr gebührt, als deinem trägen: warum erhebst du dich nicht von dem Blumenlager und reissest mir die Seele aus, die dich so sehr verabscheut? – verabscheut, nicht weil du durch dein Thun gegen mich selbst verstößest, sondern weil du das Gut, welches das Glük dir zugewiesen hat, nicht zu schäzzen weißt! Sieht man doch deutlich wie gering du es hältst, da du dich zu seiner Vertheidigung nicht rührst, um dich nicht der Gefahr auszusezzen, den zierlichen Wurf deines prächtigen Gewandes in Unordnung zu bringen. Hätte Achill deine ruhige Haltung gehabt, so hätt' Ulysses versichert sein dürfen, daß sein Anschlag ihm nicht glükken werde, und wären Jenem auch noch so viel glänzende Waffen und eiserne Schwerter vor die Augen gehalten worden. Fort, fort! treibe Kurzweil mit den Kammermädchen deiner Mutter und sorge dort für deine Lokken und deine Hände, die eher taugen weiche Seide zu wikkeln, als den harten Stahl zu fassen.‹

Während all' dieser Worte erhob sich Cornelio nicht von dem Ort, wo er Plaz genommen, sondern starrte mich bewegungslos an. Ich selbst aber hatte Das, was du so eben gehört, so laut gesprochen, daß die in dem Garten lustwandelnden Leute sich ansammelten und noch unziemlichere Ausdrükke zu hören bekamen, die ich sofort gegen Cornelio gebrauchte. Beim Zusammenlaufen dieser Personen faßte er ein Herz, weil sie insgesamt, oder doch der Mehrzahl nach, seine Verwandten, Diener oder Anhänger waren, und deutete an, daß er aufstehen wolle. Ehe er jedoch auf die Füße gekommen, hatte ich den Degen gezogen und hielt ihn nicht nur ihm, sondern allen Anwesenden entgegen; kaum jedoch hatte Leonissa das Funkeln meiner Klinge erblikt, als sie gählings in Ohnmacht sank, was mich in noch stärkere Wuth und Raserei versezte. Ich kann nicht sagen, ob die Vielen, die mir entgegenstanden, sich blos auf die Vertheidigung beschränken wollten, wie man sich gegen einen tollen Wahnsinnigen vertheidigt, oder ob es mein Glük und meine Geschiklichkeit, oder vielleicht die Fügung des Himmels war, der mich für größere Uebel aufsparen wollte: kurz ich verwundete sieben bis acht von Denen, die mir am nächsten zur Hand waren. Dem Cornelio half seine Behendigkeit, denn er machte sich mit solcher Hast auf die Beine, daß er meinen Händen entrann. In dieser unzweideutigen Gefahr nun, als meine erbitterten Feinde mich rachedurstig umringten, kam mir das Glük zu Hülfe; aber seinem Rettungsmittel wär' es vorzuziehen gewesen, wenn ich das Leben damals verloren, als es auf einem so unerwarteten Weg in Sicherheit gebracht hätte, um es fortan in jeder Stunde tausend und tausendmal zu verlieren. Unversehens stürzte nämlich aus zwei bisertanischen Biserta, eine Stadt in der Berberei, unweit von Tunis. Korsarenschiffen, die ohne von den Wachen auf den Küstenthürmen oder den Strandwächtern bemerkt worden zu sein, in eine nahe Bucht eingelaufen waren, ein Haufe Türken in den Garten. Als meine Gegner dieselben erblikten, liessen sie von mir ab und suchten ihr Heil eilends in der Flucht, so daß die Türken von allen im Garten Befindlichen nicht mehr als drei Personen zu Gefangenen bekamen, nebst der noch immer ohnmächtigen Leonissa. Mich selbst überwältigten sie, nachdem ich vier bedeutende Wunden bekommen, dieselben aber zum Voraus durch meine Hand an vier Türken gerächt hatte, die ich leblos auf den Boden niederstrekte. Die Korsaren hatten den Angriff mit ihrer gewöhnlichen Schnelligkeit gemacht, zogen sich dann wieder, nicht sonderlich zufrieden mit dem Erfolg, an ihren Bord zurük, stachen unverweilt in See und waren mit vereinter Kraft der Segel und Ruder bald nach der Insel Fabiana gelangt. Hier wurde Musterung gehalten, um zu sehen wer ihnen fehle, und als sie entdekten daß die vier Todten zu den so genannten Levantinern, ihren am Höchsten geschäzten Kriegern gehörten, wollten sie Rache dafür an mir nehmen und der Arraez Befehlshaber. des Hauptschiffes befahl den Mast herabzulassen, um mich daran aufzuknüpfen. All Dies sah Leonissa, die unterdessen wieder zu sich gekommen, mit an. Zuerst, wie sie sich in der Gewalt der Korsaren erblikte, vergoß sie einen Strom perlender Thränen, rang die zarten Hände und horchte, ohne ein Wort zu sprechen, hin, ob sie verstände, was die Türken unter einander sprachen. Als ihr aber einer der christlichen Rudersklaven auf Italienisch sagte, der Arraez habe befohlen, den Christen da, wobei er auf mich zeigte, aufknüpfen zu lassen, weil derselbe in ihrer Vertheidigung vier der besten Galeotensoldaten getödtet habe, zeigte Leonissa zum erstenmale Mitleiden mit mir und bat den Sklaven den Türken zu sagen, sie sollten mir doch das Leben nicht nehmen, denn sie würden dadurch ein großes Lösegeld verlieren; sie möchten vielmehr nach Trapana zurükkehren, wo man mich sogleich auslösen werde. Diese Worte waren die erste Barmherzigkeit, die mir Leonissa erwies und werden wohl auch die lezte bleiben; auch schlug das Ganze völlig zu meinem Unglük aus. Die Türken hatten nicht sobald vernommen, was der italienische Sklave ihnen sagte, als sie sogleich auf seinen Rath eingingen, indem der Eigennuz den Zorn bei ihnen überwog. Sie kehrten schon am Morgen des folgenden Tages mit aufgestekter Friedensflagge nach Trapana zurük; die Schmerzen aber, unter welchen ich diese Nacht zubrachte, lassen sich vorstellen, und zwar waren dieselben nicht so sehr Folge meiner Wunden, als vielmehr des Gedankens an die Gefahr, in welcher sich meine grausame Feindin unter diesen Barbaren befand. Als wir wieder vor der Stadt ankamen, lief die eine Galeote in den Hafen ein, die andere blieb ausserhalb. Sogleich füllte sich der ganze Hafen und das anstoßende Ufer mit Christen an und der Affe von Cornelio sah von Weitem zu, was auf der Galeote vorgehe. Mein Haushofmeister eilte herbei, um über meine Loskaufung zu unterhandeln, ich sagte ihm aber, er solle zuvörderst keineswegs meine Lösung, sondern diejenige Leonissens betreiben, und mein ganzes Vermögen für dieselbe hergeben. Zugleich hieß ich ihn wieder ans Land zurükkehren und Leonissens Eltern sagen, sie möchten nur ihn allein über die Freiheit ihrer Tochter unterhandeln lassen und sich deshalb nicht selbst bemühen. Nachdem Dies geschehen, foderte der erste Arraez, der ein griechischer Renegat mit Namen Issuf war, für Leonissa sechstausend Thaler und für mich viertausend, mit dem Beisaz, er werde die eine Person nicht ohne die andre hergeben. Diese große Summe verlangte er, wie ich nachher erfuhr, weil er in Leonissen verliebt war und dieselbe keineswegs im Ernst verkaufen wollte, sondern beabsichtigte, mich, im Anschlag von viertausend Thalern, und tausend Thaler in Geld, zusammen also fünftausend Thaler, dem Arraez der andern Galeote, mit welchem er die genommenen Prisen zu gleichen Hälften theilen mußte, zu übergeben, Leonissen aber, ebenfalls zu fünftausend Thalern angeschlagen, für sich zu behalten. Dies die Ursache, warum er uns Beide zusammen zu zehntausend Thalern taxirte. Leonissens Eltern boten ihrer Seits nichts an, indem sie sich auf die Zusage verliessen, die ihnen mein Haushofmeister von meiner Seite gemacht hatte. Auch Cornelio rührte sich nicht zur Errettung seiner Geliebten, und so schloß denn endlich mein Haushofmeister nach vielem Hinundherreden den Handel in der Art ab, daß für Leonissen fünf, für mich dreitausend Thaler erlegt werden sollten. Issuf hatte sich diesem Vorschlag, genöthigt durch das Zureden seines Genossen und die Vorstellungen all' seiner Soldaten, bequemt; da jedoch mein Haushofmeister eine solche Menge Geldes nicht beisammen hatte, verlangte er drei Tage Frist bis zur Erlegung der Summe, in der Absicht zur Vervollständigung des Löseschazzes mein Eigenthum um jeden Preis loszuschlagen. Dies kam dem Issuf ganz gelegen, denn er hoffte während dieser Zeit irgend einen Anlaß zu finden, daß der Handel nicht weiter schreite. So kehrte er denn wieder nach der Insel Fabiana zurük und versprach, nach Verfluß der drei Tage zum Empfang des Geldes zurükzukehren. Allein das mislaunige Schiksal, meiner Qualen noch immer nicht satt, fügte es, daß ein auf dem höchsten Punkt jener Insel aufgestellter türkischer Wächter weit im Meer sechs lateinische Segel entdekte und, wie Dies auch richtig war, schloß, dieselben müßten entweder das maltesische Geschwader oder ein sicilianisches sein. Sogleich lief er hinab, die Nachricht mitzutheilen und im Nu schifften sich die Türken, die theils um ihr Essen zuzurichten, theils um ihr Linnenzeug zu waschen, ans Land gegangen waren, wieder ein, lichteten blizschnell die Anker, übergaben die Ruder dem Wasser, die Segel den Winden, und waren, ihre Richtung nach der Berberei hin nehmend, in weniger als zwei Stunden den Galeren aus dem Gesichte, so daß sie, gedekt durch die zwischenliegende Insel und die hereinbrechende Nacht, sich von dem gehabten Schrekken bald wieder erholten.

Ich überlasse es deiner eigenen Vorstellung, Freund Mahmud, was meine Seele auf dieser meiner Hoffnung so widersprechenden Fahrt gelitten habe, besonders da am folgenden Tage die beiden Galeoten an der Südseite der Insel Pantanalea Auch Pantalarea oder Causera, zwischen Tunis und Sicilien gelegen, mit dem Hauptort Oppidolo. anlegten und ans Land gingen, um, nach ihrem Ausdruk, Holz und Fleisch einzunehmen, wo ich dann sah, daß die beiden Arraeze Anstalt machten, ihre sämtliche Beute unter sich zu theilen. Jeder dieser Schritte war ein langsamer Tod für mich; als es nun daran kam, mich und Leonissen in die Theilung aufzunehmen, gab Issuf dem Feth-Ala, dem Arraez der andern Galeote, sechs Christen, nämlich vier Rudersklaven, zwei wunderschöne Knaben aus Corsica, und daneben noch mich, um dagegen im Besiz Leonissas zu bleiben, womit sich denn Jener zufrieden gab. Obwol beim ganzen Hergang zugegen, verstand ich nicht was sie unter einander sprachen, wenn ich auch gleich sah, was sie thaten. Ich würde auch von der vorgenommenen Theilung nichts geahnt haben, wäre Feth-Ala nicht auf mich zugetreten und hätte mir auf italienisch gesagt: ›Christ, jezt gehörst du mir; man hat dich mir im Anschlag von zweitausend Goldthalern überlassen: willst du deine Freiheit, so mußt du mir viertausend verschaffen, oder du bleibst hier bis zu deinem Tod.‹ Ich fragte ihn, ob ihm auch die Christin zugefallen; er erwiederte: nein, diese habe Issuf behalten, mit der Absicht sie zur Mohrin zu machen und zu heirathen. So verhielt sich's auch wirklich, wie mir ein Rudersklave sagte, der das Türkische gut verstand und den Theilungsvertrag zwischen Issuf und Feth-Ala mit angehört hatte. Ich entgegnete meinem Herrn, er möchte die Christin für sich zu bekommen suchen, ich wolle ihm dann, blos als Lösegeld für sie, zehntausend Goldthaler baar ausbezahlen lassen. Er erwiederte, das sei nicht möglich, er wolle aber dem Issuf die große Summe, die ich biete, zu wissen thun, vielleicht werde derselbe dann, durch den schönen Gewinn verlokt, seinen Vorsaz ändern und die Sklavin losgeben. Feth-Ala that Dies wirklich, gab aber zugleich Befehl daß die Mannschaft seiner Galeote unverweilt an Bord gehe, indem er sich nach Tripolis in der Berberei, wo er her war, begeben wollte. Ebenso beschloß Issuf nach Biserta zu, gehen, und Beide schifften sich mit der gleichen Eile ein, die dieses Volk zu beobachten pflegt, wenn sie Galeren, die ihnen Gefahr bringen, oder Kauffahrer die sie berauben können, ansichtig werden. Der Grund der Hast war jedoch diesmal, weil das Wetter ihnen Anzeichen eines Sturms zu geben schien. Leonissa befand sich ebenfalls am Land, aber an keiner Stelle wo ich sie hätte sehen können, und nur im Augenblik wo wir Beide an Bord gehen wollten, trafen wir am Ufer zusammen. Ihr neuer Herr und Liebhaber führte sie an der Hand, und eben als sie den Fuß auf die Leiter sezzen wollte, die vom Land in die Galeote führte, wandte sie die Augen auf mich; und die meinigen, die nicht von ihr ließen, blikten sie mit solcher Zärtlichkeit und solchem Schmerz an, daß sich mir, ohne daß ich wußte wie mir geschah, eine Wolke auf dieselben senkte, die mich der Sehkraft beraubte und mich blind und besinnungslos auf den Boden niederwarf. Dasselbe, sagte man mir nachher, sei auch Leonissen begegnet; man habe diese von der Leiter ins Meer stürzen sehen. Issuf aber sei ihr sogleich nachgesprungen und mit ihr in den Armen wieder ans Land gestiegen. Dies erzählte man mir in der Folge in der Galeote meines Herrn, wohin man mich ohne Bewußtsein gebracht hatte. Als ich dort wieder zu mir kam und fand daß ich allein auf dem Schiff sei, das andre Fahrzeug aber, das einen von uns verschiedenen Weg eingeschlagen hatte und sich immer weiter von uns entfernte, die Hälfte meiner Seele, oder vielmehr diese Seele ganz, dahin führe, verlor ich beinahe wieder die Besinnung, verfluchte abermals mein Geschik und rief laut nach dem Tode; ja die Ausbrüche meiner Wuth waren so, daß mein Herr, müde mich länger anzuhören, mich mit einem starken Prügel zu mißhandeln drohte, falls ich nicht still würde. Ich drükte die Thränen zurük und schlukte meine Seufzer hinunter, hoffend sie würden durch die Gewalt, die ich ihnen anthat, so stark von Neuem ausbrechen, daß sich der Seele, die sich so sehr von diesem elenden Körper zu befreien strebte, eine Pforte öffnen müßte. Allein das Schiksal, nicht zufrieden mich in diese Bedrängniß versezt zu haben, beschloß Alles aufs Aeußerste zu treiben und mir die Hoffnung auf jedes Rettungsmittel abzuschneiden, indem der Sturm, der längst gedroht, plözlich ausbrach und der von Süden her wehende, uns gerade entgegenkommende Wind eine solche Gewalt erlangte, daß man das Schiff wenden und es treiben lassen mußte, wohin der Orkan wollte, mit großer Gefahr Aller, die ihr Leben dem Fahrzeug anvertraut hatten. Der Arraez beabsichtigte die Insel Der Name dieser Insel fehlt im Original. zu umsegeln und auf der Nordseite derselben Schuz zu suchen, allein gerade das Gegentheil von seiner Absicht trat ein, indem der Sturm uns mit solcher Wuth pakte, daß wir die ganze Strekke, die wir in vollen zwei Tagen hinter uns gebracht, in nicht viel mehr als vierzehn Stunden zurükgetrieben wurden, und uns kaum sechs bis sieben Meilen von dem Eiland entfernt sahen, von welchem wir ausgefahren. Ohne daß Abwehr möglich gewesen wäre, mußten wir gerade gegen dasselbe anlaufen, und zwar nicht etwa gegen den flachen Strand, sondern gegen einige weit hervorragende Klippen, die wir schon von ferne erblikten und in ihnen die Drohung unsers unabwendbaren Todes. Uns zur Seite entdekten wir die andre Galeote, auf welcher sich Leonissa befand. Türken und Sklaven auf ihr strengten die ganze Kraft der Ruder an, daß sie nicht gegen die Felsen laufe. Dasselbe that die Mannschaft auf unsrem Schiff, jedoch mit mehr Erfolg und Ausdauer als Jene, die, ermattet von der Arbeit und überwältigt von der Unbeugsamkeit des Windes, die Ruder endlich wegwarfen und sich vor unsern Augen gerade gegen die Klippen antreiben ließen, an welchen die Galeote einen so heftigen Stoß erlitt, daß sie gänzlich zersplitterte. Die Nacht fing an hereinzubrechen und das Geschrei der Untergehenden, der Schrekken unsrer eigenen Mannschaft, die das gleiche Los für sich selbst fürchtete, war so groß, daß keiner von den Befehlen des Arraez vernommen und vollzogen wurde. Das Einzige, was man noch beobachtete, war, daß man die Ruder nicht aus den Händen ließ, wieder vor den Wind zu kommen suchte und endlich zwei Anker warf, um dadurch den unabweisbar scheinenden Tod noch eine Zeit lang abzuhalten. Mitten unter der allgemeinen Todesangst fand jedoch bei mir selbst just das Gegentheil statt; denn in der trügerischen Hoffnung, Diejenige in der andern Welt zu treffen, welche so eben von dieser geschieden war, dünkte mir jeder fernere Augenblik, wo unsre Galeote noch nicht untersank oder gegen die Klippen trieb, ein Jahrhundert des grausamsten Todes. Aufmerksam blikte ich in die geschwellten Wogen, die hoch über das Schiff und mein Haupt hingingen, ob mit ihnen vielleicht der Leib der unglüklichen Leonissa daher käme. Ich will mich jezt nicht damit aufhalten, Mahmud, dir mit weiterer Ausführlichkeit all' die Schrekken, Befürchtungen, Qualen und Gedanken zu schildern, die mich in jener langen, bittern Nacht durchfuhren, um nicht gegen meinen ursprünglichen Vorsaz einer kurzen Erzählung meines Unglüks zu verstoßen; es genüge an der Versicherung daß meiner Schmerzen so viele und so große waren, daß wenn der Tod mir damals genaht wäre, es ihm sehr geringe Mühe gekostet haben würde, mir das Leben zu nehmen. Endlich kam der Tag mit Anzeichen eines noch heftigern Sturms; zugleich aber fanden wir daß das Schiff sich eine ziemliche Strekke von den Klippen entfernt und einer Landspizze der Insel näher gekommen war. Da sich nun Christen und Türken die Umschiffung derselben so nah gerükt sahen, gewannen sie neue Hoffnung und neue Kraft und kamen innerhalb sechs Stunden wirklich um die Spizze herum, wo wir das Meer stiller und ruhiger fanden, so daß wir uns der Ruder leichter bedienen konnten und uns endlich an einer windsichern Stelle der Insel vor Anker legten, wo dann die Türken die Gelegenheit benuzten ans Land zu gehen und nachzuforschen ob noch irgend ein Ueberbleibsel der Galeote vorhanden sei, die in der Nacht zuvor gegen die Klippen gelaufen war; allein der Himmel wollte mir den erwarteten Trost, Leonissens Leichnam in meinen Armen zu halten, nicht gestatten; – denn selbst todt und zerschmettert würde mich dieselbe getröstet haben, da durch den Tod die bisher von meinem Stern unterhaltene Unmöglichkeit einer meiner Liebe entsprechenden Vereinigung mit ihr aufgehoben worden wäre, daher ich denn einen Renegaten, der ans Land gehen wollte, gebeten hatte, nach ihr zu suchen und zu sehen ob etwa das Meer den Körper an den Strand geworfen; aber, wie gesagt, der Himmel gestand mir nichts von all Dem zu, denn im nämlichen Augenblik fing der Wind an sich so zu verschlimmern, daß die Insel uns gar keinen Schuz mehr gewährte. Als Feth-Ala Dies sah, wollte er nicht länger gegen das Schiksal, das ihn so sehr verfolgte, ankämpfen, ließ das Foksegel beisezzen und den Wind in den Rükken nehmen; dabei übernahm er selbst das Amt eines Steuermannes und ließ sich ins offene Meer treiben, im Vertrauen daß ihm nunmehr kein Hinderniß mehr in den Weg treten werde. Die Ruder wurden auf den Mittelgang gelegt, sämtliche Mannschaft sezte sich auf die Bänke und Brustwehren, und auf der ganzen Galeote sah man keinen Menschen, als den Rudervogt, der sich zu größerer Sicherheit fest an den Kuhl Der Balken, woran das Sonnendek befestigt wird. hatte binden lassen. Das Schiff flog mit solcher Geschwindigkeit dahin, daß es nach drei Tagen und drei Nächten, an Trapana, Melasso und Palermo vorüber, vor dem Leuchtthurm von Messina ankam, eben so sehr zum Wunder Derjenigen welche sich an Bord befanden, als Derer welche Jene vom Land aus erblikten. Um jedoch in meiner Schilderung des Orkans nicht eben so weitläufig zu werden, als er selbst hartnäkkig war, sag' ich blos, daß wir endlich matt, hungrig und erschöpft von dem langen Umherschweifen, – denn wir hatten ja die ganze Insel Sicilien umschifft – in Tripolis in der Berberei einliefen, wo mein Herr (eh er noch mit seinen Levantinern Abrechnung wegen der Beute gehalten und ihnen ihren Antheil, so wie dem Dei, der Sitte gemäß, ein Fünftel des Ganzen übergeben hatte) ein solches Seitenstechen bekam, daß er nach drei Tagen damit in die Hölle fuhr. In den Besiz seiner ganzen Habe sezten sich sogleich der Dei von Tripolis und der Todtenrichter, welchen der Großherr dort hält – (wie du weißt ist dieser der Erbe Aller, die ohne direkte Erben sterben); diese Beiden, sag' ich, nahmen das ganze Vermögen meines Herrn weg, wobei ich dem damaligen Pascha von Tripolis zufiel. Vierzehn Tage nachher erhielt derselbe die Bestallung als Vicekönig von Cypern, und ich bin mit ihm hieher gekommen, ohne daß ich im Sinn hätte mich loszukaufen. So oft mir derselbe auch sagte, ich sollte mich auslösen, da ich ja, wie ihm die Leute Feth-Ala's zu wissen gethan, ein angesehener Mann sei, bin ich hierauf doch nie eingegangen, sondern erwiederte ihm stets, Diejenigen, die ihm von meinem großen Reichthum vorgeschwazt, hätten ihn belogen. Und soll ich dir meine aufrichtige Meinung sagen, Mahmud, so mußt du wissen, daß ich wirklich keine Lust habe, an einen Ort zurükzukehren, wo ich nicht den geringsten Trost finden würde; vielmehr mögen die Gedanken und Erinnerungen an Leonissens Tod, die mich nie verlassen, vereint mit dem Zustand eines Gefangenen, Alles thun damit ich nie mehr Freude am Leben gewinne. Und ist es wahr, daß fortwährender Schmerz entweder selbst ein Ende nehmen oder das Leben Desjenigen enden muß, der denselben empfindet, so soll der meinige Lezteres bei mir gewiß zur Folge haben, denn ich will ihm die Zügel so schießen lassen, daß er in wenigen Tagen das elende Leben überwältigt haben wird, das ich so ganz gegen meinen Willen noch fortführe. Dies, Freund Mahmud, ist mein trauriges Schiksal; dies ist die Ursache meiner Thränen und Seufzer; erwäge nun selbst ob sie nicht stark genug sei, dieselben aus der Tiefe meines Herzens hervorzupressen und sie in der Oede meiner kummervollen Brust zu erzeugen. Leonissa starb und mit ihr meine Hoffnung; denn wenn auch die Hoffnung, die ich während ihres Lebens hatte, nur an einem schwachen Härchen hing, so war doch … doch …«

Bei diesem Doch stokte ihm die Zunge im Munde, so daß er kein weiteres Wort hervorzubringen und die Thränen nicht länger zurükzudrängen vermochte, die ihm stromweise über das Gesicht herabstürzten und ordentlich den Boden unter ihm feucht machten. Mahmud weinte mit ihm, und als der Anfall etwas vorüber war, welchen die Erinnerung, neu geschärft durch die qualvolle Erzählung, hervorgerufen, suchte er den Ricardo mit den besten Gründen, die er aufzubringen vermochte, zu trösten; Dieser jedoch unterbrach ihn mit den Worten:

»Was ich von dir verlange, Freund, ist blos ein Rath, was ich thun muß um bei meinem Herrn und Allen, mit welchen ich umgehe, in Ungunst zu fallen, damit er und sie mich Verabscheuten dermaßen mißhandeln und verfolgen, daß ich unter den gehäuften Qualen und Schmerzen recht bald das Ziel meiner Wünsche, nämlich den Tod, erreiche.«

»Jezt überzeuge ich mich,« entgegnete Mahmud, »von der Richtigkeit der Behauptung, daß man Das, was man zu empfinden Macht habe, auch auszusprechen vermöge, obwol andrerseits die Empfindung zuweilen die Zunge verstummen macht. Dem sei jedoch wie ihm wolle; mag dein Schmerz deinen Worten gleich kommen, Ricardo, oder mögen sie stärker sein als er, so wirst du stets einen wahren Freund zu Rath und That in mir finden. Mögen meine jugendliche Unerfahrenheit und die Thorheit, welche ich durch Anlegung dieses Kleides begangen habe, noch so laut schreien, daß man sich weder auf den Rath noch auf die That, welche ich anbiete, verlassen dürfe, so werde ich schon sorgen, daß dieser gegen mich vorwaltende Argwohn sich nicht rechtfertige und eine solche Ansicht über mich ihre Richtigkeit verliere. Willst du auch weder Rath noch Hülfe annehmen, so werde ich doch nichts desto weniger zu deinem Besten handeln, wie man einem Kranken nicht Das gibt, was er verlangt, sondern Das was zu seiner Heilung dient. In der ganzen Stadt gibt es Niemand, der mehr vermag und größern Einfluß hat, als der Kadi, mein Gebieter; selbst dein Herr, der als Vicekönig hieher kam, übt hier keine so große Gewalt. Unter diesen Umständen kann ich nun sagen, daß eigentlich ich Derjenige bin, welcher in der ganzen Stadt am meisten vermag, denn durch meinen Herrn kann ich Alles ausrichten, was ich will. Ich sage Dies, weil sich dir hiedurch vielleicht ein Mittel darbietet, daß er dich in seinen Dienst verlangt, und bist du dann einmal in meiner Gesellschaft, so wird uns die Zeit schon sagen, was wir Beide zu thun haben, du um dich zu trösten falls du Trost annehmen willst oder kannst, und ich um in ein gottgefälligeres Leben, oder mindestens in ein Verhältniß überzutreten, worin ich mein jezziges Leben mit mehr Sicherheit aufgeben kann.«

»Ich danke dir, Mahmud, für den angebotenen Freundschaftsdienst,« antwortete Ricardo, »obwol ich gewiß weiß daß du, was du auch thun magst, nichts zu meinem Heil zu ersinnen vermagst. Aber lassen wir Dies jezt und begeben uns in die Zelten, denn wie ich sehe kommen viele Leute aus der Stadt; ohne Zweifel ist es der abtretende Pascha, der jezt sein Haus im offenen Feld aufschlägt, um meinem Herrn den Plaz zu räumen, der sich nun zum Behuf der Amtsprüfung in die Stadt begeben wird.«

»So ist's!« entgegnete Mahmud; »komm, Ricardo, und sieh die Ceremonien mit an, unter welchen man ihn empfängt; ich weiß dieses Schauspiel wird dich zerstreuen.«

»Gehen wir denn,« sagte Ricardo, »vielleicht brauche ich dich, falls mich etwa der Sklavenaufseher meines Herrn vermißt hat, ein corsischer Renegat von nicht gar mitleidigem Herzen.«

Damit brachen sie das Gespräch ab und langten eben bei den Zelten an, als der abziehende Pascha dort ankam und der neue heraustrat, um jenen an der Zeltpforte zu empfangen. Ali Pascha (so hieß Der, welcher die Gewalt niederlegte) war von sämtlichen Janitscharen begleitet, welche die gewöhnliche Besazzung in Nikosia bildeten, seit die Türken diese Stadt erobert hatten. Sie kamen in zwei Zügen oder Linien, die Einen mit Musketen, die Andern mit bloßen Säbeln, vor die Pforte des neuen Pascha, umschlossen dessen Zelt von allen Seiten und Ali Pascha begrüßte den Hassan mit einer tiefen Verbeugung; mit einer etwas geringern gab Dieser den Gruß zurük, worauf Ali in Hassans Zelt trat, die Türken aber Leztern auf ein stattliches, reich geschmüktes Pferd sezten, um sämtliche Zelten und um einen großen Theil des offnen Feldes führten, indem sie unter großem Geschrei in ihrer Sprache riefen: »Hoch lebe Sultan Soliman und in seinem Namen Hassan Pascha!« Diesen Ruf wiederholten sie mehrmals mit immer größerem Lärm und Toben, worauf sie Jenen wieder in das Zelt zurükbrachten, worin er den Ali gelassen, und Dieser nun mit dem Kadi und mit Hassan über eine Stunde lang allein blieb. Mahmud sagte dem Ricardo, sie hätten sich dort eingeschlossen, um sich über die Einrichtungen zu verständigen, die Ali in der Stadt angefangen. Nach einiger Zeit trat der Kadi an die Zeltpforte und verkündete laut in türkischer, arabischer und griechischer Sprache, daß Jeder der hinein wolle, um Beschwerden oder sonst etwas gegen Ali Pascha vorzubringen freien Eintritt habe, indem sich der vom Großherrn als Vicekönig nach Cypern gesandte Hassan Pascha drinne befinde und ihnen Recht und Gerechtigkeit angedeihen lassen würde. Auf Dies entfernten sich die Janitscharen, welche bisher die Zeltpforte besezt gehalten hatten, und ließen Jeden, der Lust hatte, herein. Mahmud bewog den Ricardo mit ihm einzutreten, denn Diesem stand schon als einem Sklaven Hassans der Eintritt offen. Auch einige griechische Christen, wie einige Türken, taten, um Recht zu verlangen, ein, alle aber wegen so unbedeutender Angelegenheiten, daß der Kadi die meisten ohne Protokoll über die amtliche Verhandlung, ohne Akten, ohne näheres Verhör entschied, denn alle Rechtshändel (mit Ausnahme der Ehesachen) werden aus dem Stegreif und mehr nach dem gemeinen Verstand, als nach Gesezzen abgemacht, wie denn unter diesen Barbaren, falls sie es anders in diesem Punkte sind, der Kadi competenter Richter in allen gerichtlichen Angelegenheiten ist und dieselben ohne Schwierigkeit entscheidet, ohne daß man von seinem Ausspruch an ein andres Tribunal appelliren könnte.

Während dieser Verhandlungen trat ein Tschausch, was so viel als Thürhüter ist, ein und meldete es sei ein Jude vor der Zeltpforte, der eine wunderschöne Christin zu verkaufen habe. Der Kadi befahl ihn hereinzubringen, der Tschausch ging hinaus und kam sogleich wieder in Gesellschaft eines ehrwürdigen Juden, der ein so kostbar und prachtvoll in Berberntracht gekleidetes Frauenzimmer an der Hand führte, daß die reichste Mohrin von Fez oder Morokko, die es im Schmukke allen Afrikanerinnen, selbst den Algiererinnen mit ihren vielen Perlen, zuvor thun, nicht so herrlich erschienen wäre. Sie hatte das Gesicht mit einem scharlachenen Taft bedekt, an den Knöcheln der entblößten Füße erblikte man zwei Karkachen, (wie man die Spangen im Arabischen nennt), dem Ansehn nach von gediegenem Golde; an den Armen, die durch ein Hemd von feinem Flor fast wie nakt durchschienen, trug sie ebenfalls goldene, mit Perlen ordentlich übersäete Karkachen; kurz ihre ganze Kleidung war mit verschwenderischer Pracht angeordnet.

Erstaunt über diesen Anblik befahlen der Kadi und die beiden Paschas dem Juden, ehe sie irgend etwas Andres sagten oder fragten, er möge die Christin das Gesicht enthüllen lassen. Er that es und sie entschleierte ein Antliz, das die Augen der Anwesenden so blendete und ihre Herzen so erfrischte, wie die Sonne, wenn sie nach langer Trübe durch dichte Wolken in das sehnende Auge dringt; so groß war die Schönheit der Christinsklavin und so bezaubernd ihre Anmuth und Lieblichkeit. Auf Wen jedoch das enthüllte Wunderlicht noch größere Wirkung hervorbrachte, das war der arme Ricardo, da er dasselbe besser als irgend ein Anderer kannte, denn die Sklavin war seine geliebte, seine grausame Leonissa, die er mit so vielen Thränen als todt beweint hatte. Bei dem plötzlichen Anblik der Reize der Christin ward indessen auch Ali's Herz ins Innerste getroffen, die gleiche Wunde drang in die Brust Hassans und der Kadi blieb eben so wenig frei von der Liebesseuche, so daß er, hingerissener noch als die Andern, den Blik von den holden Augen Leonissens nicht abzuwenden vermochte. Die mächtige Gewalt noch zu steigern, entstand im gleichen Moment in dem Gemüth eines Jeden die feste Hoffnung sich in den Besiz des Mädchens zu sezzen, und so fragten denn alle Drei den Juden, ohne wissen zu wollen wie, woher und wann die Sklavin in seine Gewalt gekommen, welchen Preis er für sie verlange. Der Jude, der einen Gewinn nicht verschmähte, antwortete viertausend Dublonen, was so viel als zweitausend Thaler ist. Kaum hatte er die Summe genannt, so erklärte Ali Pascha er wolle ihm dieselbe geben und das Geld sogleich in seinem Zelte auszahlen. Hassan Pascha jedoch, der nicht geneigt schien, das Mädchen fahren zu lassen und sollte auch sein Leben darauf stehen, rief:

»Auch ich gebe die viertausend Dublonen, welche der Jude verlangt, würde sie jedoch nicht geben, noch mich überhaupt dem Ausspruch Ali's entgegen sezzen, nöthigte mich nicht ein Grund, den er selbst für gebieterisch und unabweisbar anerkennen wird, und dies ist der Umstand, daß diese reizende Sklavin für Keinen von uns, sondern blos für den Großherrn sich eignet. Daher sage ich, daß ich dieselbe in seinem Namen kaufe, und will nun sehen, wer kühn genug sein wird, sie mir streitig zu machen.«

»Ich,« erwiederte Ali, »denn ich kaufe sie zum gleichen Behuf, und es ist jedenfalls zwekmäßiger, wenn nicht du, sondern ich dem Großherrn dieses Geschenk mache, da ich gerade Gelegenheit habe, dasselbe nach Konstantinopel zu bringen und mir damit das Wohlwollen des Sultans zu gewinnen; dann muß ich auch, wie du wol siehst, Hassan, muß ich als Mann ohne Amt auf Mittel denken mir wieder eines zu verschaffen, während du auf drei Jahre versorgt bist, da du heute die Regierung über das reiche Cyprierland antrittst. Um dieser Gründe willen, und weil ich der Erste gewesen, der das Geld für die Sklavin anbot, ist es nicht mehr als recht und billig, daß du sie mir überlassest, Hassan.«

»Gerade mir,« entgegnete Hassan, »wird es um so mehr Dank verschaffen, wenn ich sie dem Großherrn zum Geschenk mache, da ich es ohne allen Eigennuz thue; und was die Gelegenheit sie fortzuschaffen betrifft, so werde ich deshalb eine Galeote blos mit eigenen Sklaven bemannen, die sie sicher an ihren Bestimmungsort bringen soll.«

Ueber diese Worte sprang Ali ergrimmt auf, griff nach dem Säbel und rief: »Da wir Beide die gleiche Absicht haben, diese Christin für den Großherrn zu erwerben, ich aber der erste Käufer gewesen bin, so ist es dem Recht und der Gerechtigkeit gemäß, daß du sie mir überlassest; bist du aber anderer Ansicht, so soll dieser Säbel meine Befugniß vertheidigen und deine Anmaßung strafen.«

Der Kadi, der all Dies mit Aufmerksamkeit angehört hatte und, nicht minder als die Beiden für die Sklavin entbrannt, in Angst kam, dieselbe möchte ihm entgehen, fiel auf ein Mittel wie er das Zornfeuer zwischen Jenen löschen und sich zugleich den Besiz der Christin sichern könnte, ohne daß ihn der mindeste Verdacht über seine sträfliche Absicht und sein verrätherisches Herz träfe. Er sprang auf, warf sich zwischen die beiden bereits Aufgestandenen und sprach:

»Beruhige dich, Hassan, und du, Ali, sei still; ich bin hier und glaube euren Zwist so beilegen zu können, daß ihr Beide eure Absichten erreicht, der Großherr sein Geschenk nach eurem Wunsche bekommt und euch Beiden in gleichem Grade dafür dankbar und verpflichtet wird.«

Beide gehorchten den Worten des Kadi auf der Stelle, und würden Dies gethan haben, selbst wenn er ihnen eine noch schwierigere Sache geboten hätte, so groß ist die Ehrerbietung, welche diese Ungläubigen ihren Grauköpfen erweisen. Der Kadi aber fuhr also fort:

»Du, Ali, sagst du wollest diese Christin für den Großherrn kaufen, und Hassan sagt das Gleiche; du behauptest, weil du das Kaufgeld zuerst geboten, müsse sie auch dir verbleiben; Hassan widerspricht dir und weiß er sein Recht auch nicht zu begründen, so finde ich doch, daß er wirklich die gleiche Befugniß, wie du hat, und zwar stüzt sich dieselbe auf seine Absicht, die Sklavin zum gleichen Zwek zu kaufen, eine Absicht die zweifelsohne im gleichen Augenblik mit der Deinigen entstand, nur daß du ihm im Aussprechen derselben den Vorrang abgewonnen, der jedoch nicht die Folge haben kann, daß Jener die Früchte seines Vorhabens gänzlich verliere. Ich hielte es daher für gut, wenn ihr euch in der Art verglichet, daß die Sklavin im Besiz von euch Beiden bliebe; da aber das eigentliche Recht an sie dem Großherrn, für welchen sie gekauft wird, überlassen werden muß, so nehme er es auch auf sich, über sie weiter zu verfügen. Einstweilen zahlst du, Hassan, zweitausend Dublonen, du, Ali, die andern zweitausend, und die Sklavin verbleibe in meiner Obhut, damit ich sie dann im Namen von euch Beiden nach Konstantinopel schikke und so ebenfalls nicht ganz ohne Dank ausgehe, wäre es auch nur, weil ich bei dem Kaufe zugegen gewesen. Ich erbiete mich deshalb auch, sie auf meine Kosten abzusenden und zwar mit all der Würde und dem Anstand, welche Demjenigen gebürt, dem die Sendung bestimmt ist, indem ich dem Großherrn Alles, was sich hier zugetragen, und euern Eifer ihm zu dienen, schriftlich vermelden werde.«

Die zwei verliebten Türken konnten und wollten nicht widersprechen, und sahen sie auch wol, daß sie auf diesem Weg ihren Wunsch nicht erreichen würden, so mußten sie die Meinung des Kadi doch gelten lassen, wobei freilich Jeder in seiner Seele noch eine, wenn auch etwas zweifelhafte, Hoffnung nährte, dennoch das ersehnte Ziel zu erlangen. Hassan nämlich, der als Vicekönig von Cypern zurükblieb, gedachte den Kadi so mit Geschenken zu überhäufen, daß Dieser nicht umhin könnte, ihm die Sklavin herauszugeben; Ali beschloß einen andern Streich auszuführen, der ihn in den Besiz seiner Wünsche sezzen sollte, und da Jeder seinen Plan für ziemlich sicher hielt, gingen Beide mit Leichtigkeit in den Vorschlag des Kadi ein, übergaben ihm mit beiderseitiger Zustimmung die Christin und Jeder zahlte dem Juden zweitausend Dublonen. Dieser sagte jedoch, mit den Kleidern, die sie anhabe, könne er sie um solchen Preis nicht geben, indem ihr Anzug ebenfalls zweitausend Dublonen werth sei. Und so verhielt sich's auch wirklich, denn in ihren Haaren (die ihr theils auf die Schultern herabfielen, theils in einem Knoten auf der Stirn zusammen gebunden waren) schimmerten einige höchst lieblich mit denselben verschlungene Perlenschnüre; die Bänder an Füßen und Händen waren ebenfalls voll großer Perlen; ihr Kleid war eine arabisches Malafa Oberkleid, Mantel. aus grünem Atlas, mit Gold gestikt, und voll kleiner goldener Tressen. Kurz es schien Allen, der Jude sei in dem Preis, welchen er für den Anzug gefodert, noch sehr mäßig, und der Kadi, um nicht minder freigebig als die beiden Pascha's zu erscheinen, erklärte, er wolle diese Summe bezahlen, damit die Christin ganz in ihrer jezzigen Tracht übergeben werde. Die zwei Mittheilnehmer waren hiemit ganz zufrieden, indem Jeder hoffte es werde noch Alles in seine Gewalt fallen.

Nun bleibt aber noch zu sagen übrig, was Ricardo empfand, als er seine Seele also versteigern sah, und welche Gedanken ihn durchstürmten, welche Aengste ihn faßten, als er fand daß er die Geliebte nur wieder gefunden habe, um sie desto unwiderbringlicher zu verlieren. Er wußte nicht, wache oder schlafe er, und glaubte seinen eigenen Augen nicht was sie sahen, denn es schien ihm fast eine Unmöglichkeit, daß Diejenige so unverhofft vor dieselben kommen sollte, welche die ihrigen seiner Meinung nach auf immer geschlossen hatte. So trat er denn auf Mahmud zu und sprach: »Kennst du sie nicht, Freund?«

»Nein,« erwiederte Mahmud.

»So wisse denn,« versetzte Ricardo, »daß es Leonissa ist.«

»Was sagst du!« rief Mahmud.

»Was du gehört hast,« entgegnete Ricardo.

»So schweig und verrathe sie nicht,« sagte Mahmud; »das Glük will sich zu deinen Gunsten wenden, da sie in die Gewalt meines Herrn kommt.«

»Meinst du wol,« fragte Ricardo, »ich sollte mich an einen Ort stellen, wo ich gesehen werden kann?«

»Nein,« antwortete Mahmud, »damit du sie nicht erschrekkest oder auch wol selbst zu sehr ergriffen werdest. Laß auch nicht merken, daß du sie kennst oder auch nur gesehen hast, denn Das fiele vielleicht zum Nachtheil meines Planes aus.«

»Ich will deinem Rath folgen,« erwiederte Ricardo und vermied deshalb eine Begegnung seiner Augen mit denjenigen Leonissa's, die während dieses Vorgangs auf den Boden geheftet waren und aus welchen sie ein paarmal Thränen wegwischte, die mit den orientalischen Perlen an Glanz wetteifern konnten.

Sofort trat der Kadi auf sie zu, ergriff sie bei der Hand, übergab sie dem Mahmud und befahl ihm, sie nach der Stadt zu seiner Gemahlin Halima zu bringen, mit der Anweisung an Leztere, die Ankömmlingin wie eine Sklavin des Großherrn zu behandeln. Mahmud that, wie ihm aufgetragen ward und schied von Ricardo, welcher seinem Stern mit den Augen nachfolgte, bis derselbe hinter den Mauern Nikosias unterging. Darauf näherte er sich dem Juden und fragte ihn, wo er diese Christin gekauft habe, oder auf welche sonstige Art dieselbe in seinen Besiz gekommen sei. Jener erwiederte, er habe sie auf der Insel Pantanalea von einigen Türken gekauft, die dort Schiffbruch erlitten hätten. Er wollte noch weiter fortfahren, wurde aber hieran durch die Pascha's gehindert, die ihn zu sich riefen, indem sie ihn um das Nämliche zu befragen wünschten, was Ricardo gern erfahren hätte.

 

Auf dem Weg von den Zelten bis zur Stadt benuzte Mahmud die Gelegenheit, Leonissen in italienischer Sprache zu fragen, woher sie sei. Sie erwiederte aus der Stadt Trapana, und Mahmud fragte nun, ob sie in dieser Stadt einen reichen und vornehmen Kavalier Namens Ricardo kenne. Als Leonissa diesen Namen hörte, seufzte sie tief und erwiederte: »Ja wol kenne ich ihn zu meinem Unglük.«

»Warum zu Eurem Unglük?« fragte Mahmud.

»Weil der Umstand, daß er mich kannte, zu seinem Leiden und meinem Unheil ausschlug,« entgegnete Leonissa.

»Und kanntet Ihr,« fuhr Mahmud fort, »in jener Stadt vielleicht auch einen andern Kavalier von feinem Wesen, den Sohn sehr reicher Eltern, und für seine Person sehr tapfer, freigebig und verständig, mit Namen Cornelio?«

»Auch ihn kenne ich,« antwortete Leonissa, »und ich kann sagen noch mehr zu meinem Unglük, als den Ricardo; aber wer seid Ihr, mein Herr, daß Ihr dieselben kennt und mich nach ihnen fragt?«

»Ich bin,« sagte Mahmud, »aus Palermo gebürtig und gerieth durch allerhand Zufälle in diese mir ursprünglich fremde Tracht; jene Beiden aber lernte ich kennen, weil ich sie erst vor wenigen Tagen unter meiner Aufsicht hatte. Den Cornelio nämlich machten einige Mohren aus Tripolis zum Gefangenen und verkauften ihn an einen türkischen Kaufmann in Rhodus, der ihn auf einem Waarenschiff mit hieher brachte und ihm sein ganzes Vermögen anvertraute.«

»Das wird er gewiß wohl zu hüten wissen,« entgegnete Leonissa, »denn die Hut seines eigenen Geldes versteht er recht gut. Aber sagt, mein Herr, wie oder mit Wem kam Ricardo hieher?«

»Er kam,« versezte Mahmud, »mit einem Korsaren, der ihn in einem Garten an der Küste von Trapana gefangen genommen hatte. Er sagte mir, man habe mit ihm auch ein Fräulein zur Gefangenen gemacht, deren Namen er mir jedoch nie sagen wollte. Er verweilte mehrere Tage mit seinem Herrn hier, der auf einer Pilgerfahrt zum Grabe Mohammeds in der Stadt Medina begriffen war; zur Zeit der Abreise wurde Ricardo jedoch bedeutend unpäßlich, so daß sein Herr ihn mir, als seinem Landsmanne, übergab, um ihn heilen zu lassen und bis zur Wiederkehr seines Gebieters unter meine Obhut zu nehmen, oder, falls Lezterer nicht über hier zurükkäme, meinen Schüzling nach Konstantinopel zu schikken, indem Jener mich von seiner Ankunft daselbst in Kenntniß sezzen wolle. Aber der Himmel hatte es anders beschlossen, denn der unglükliche Ricardo beschloß, ohne daß ihn eine eigentliche Krankheit ergriffen hätte, schon nach wenigen Tagen sein ihm zur Last gewordenes Dasein, indem er beständig nach einer gewissen Leonissa rief, die ihm, wie er mir sagte, theurer wäre als sein Leben und seine Seele. Sie sei, bemerkte er, auf einer Galeote umgekommen, die an der Insel Pantanalea Schiffbruch gelitten; fortwährend beklagte und beweinte er ihren Tod, bis ihn Dies endlich zum Verlust des eigenen Lebens führte, denn, wie gesagt, nahm ich keine Krankheit an seinem Leibe, sondern blos Zeichen von Schmerz in seinem Gemüthe wahr.«

»Sagt mir doch, mein Herr,« erwiederte Leonissa, »hat der andere junge Mensch, von dem Ihr spracht, in seiner Unterhaltung mit Euch, (die, als mit einem Landsmanne, gewiß gar Manches zum Gegenstand hatte) ebenfalls diese Leonissa erwähnt und die Art angegeben wie sie und Ricardo gefangen genommen wurden?«

»Allerdings,« entgegnete Mahmud; »auch fragte er mich, ob vielleicht eine Christin dieses Namens mit den Kennzeichen, welche er mir nannte, auf unsre Insel gebracht worden sei; er würde sie gerne loskaufen, falls ihr Herr bereits darüber ins Klare gekommen, daß sie nicht so reich sei, als er Anfange wol gedacht, oder sie vielleicht auch nach dem Genuß nicht mehr so hoch anschlage; koste sie nicht über drei bis vierhundert Thaler, so werde er diese mit Vergnügen für sie erlegen, da er ehedem einige Neigung für sie empfunden habe.«

»Die Neigung mußte wol ziemlich gering sein,« bemerkte Leonissa, »da sie nicht über vierhundert Thaler hinausreicht. Ricardo ist großmüthiger, heldenhafter und bescheidener. Gott verzeihe der Ursacherin seines Todes, nämlich mir, denn ich bin die Unglükliche, die er als todt beweinte. Gott weiß, wie es mich freuen würde, wenn er noch lebte, um ihm mit der Theilnahme, die er an mir für sein Unglük sähe, für diejenige zu entschädigen welche er an meinem Lose genommen. Wie gesagt, mein Herr, ich bin die von Cornelio so wenig Geliebte, von Ricardo so tief Beklagte, die durch viele Zufälle in die klägliche Lage gerieth, worin ich mich nunmehr befinde. Troz allen Gefahren ist es mir jedoch bis jezt durch die Gnade des Himmels gelungen, meine Ehre ungeschmälert zu erhalten, womit ich in meinem Elend zufrieden sein muß. Für jezt weiß ich übrigens nicht, wo ich mich befinde, noch wer mein Herr ist, noch was mein feindliches Schiksal mit mir beginnen will, daher ich Euch um Eures Christenblutes willen bitte, mein Herr, mir mit Rath in meinem Leiden beizustehen, denn hat die große Zahl derselben mich auch einigermaßen über mein Verhalten belehrt, so brechen doch jeden Augenblik so viele neue Uebel auf mich herein, daß ich nicht weiß wie ich mich in dieselben zurecht finden soll.«

Mahmud erwiederte hierauf, er werde sein Möglichstes zu ihrer Erleichterung thun, und ihr mit Rath und That zu Hülfe sein. Zugleich unterrichtete er sie von dem Streit, der um ihretwillen zwischen den beiden Pascha's ausgebrochen und wie sie sich nunmehr unter der Obhut seines Herrn, des Kadi befinde, um dem Großtürken Selim nach Konstantinopel als Geschenk zugeschikt zu werden. Er hoffe jedoch zu dem wahren Gott, an welchen er, ein so schlechter Christ er auch sei, glaube, die Vorsehung werde, ehe jener Plan sich verwirkliche, anders über sie verfügen, und er rathe ihr sich mit Halima, der Gemahlin des Kadi, seines Herrn, in dessen Gewalt sie bis zur Absendung nach Konstantinopel zu bleiben habe, gut zu stellen. Zu diesem Zwek belehrte er sie über Halima's Gemüthsart, und gab ihr noch mehrere andere nüzliche Winke, bis er sie endlich in das Haus und die Obbut ihrer neuen Gebieterin, welcher er den Auftrag seines Herrn kund that, überlieferte.

Die Mohrin empfing sie, als sie ihren reichen Schmuk und ihre Schönheit bemerkte, gütig, und Mahmud kehrte zu den Zelten zurük, um dem Ricardo sein Gespräch mit Leonissen zu erzählen. Sobald er ihn gefunden, berichtete er ihm Alles Punkt für Punkt, und als er auf die Theilnahme kam, welche seine Begleiterin bei ihres Liebhabers vermeintlichem Tode gezeigt, kamen Diesem die Thränen in die Augen. Jener erzählte Diesem ferner das Märchen, das er von der Gefangenschaft Cornelio's erfunden, um zu sehen wie Leonissa sich dabei benehme, und unterrichtete ihn von der Gleichgiltigkeit, ja dem Unwillen, mit welchem sie von Cornelio gesprochen. All Dies war Arznei für das bekümmerte Herz Ricardo's, der sofort zu Mahmud sagte:

»Ich erinnere mich einer Geschichte, Freund Mahmud, die mir mein Vater erzählte; derselbe interessirte sich, wie du weißt, für alles Merkwürdige und stand in großen Ehren bei Kaiser Karl V, der ihm fortwährend sehr angesehene Kriegsämter ertheilte. Nun, der erzählte mir, als während der Belagerung von Tunis, das später samt der Festung Goletta eingenommen wurde, der Kaiser sich eines Tages in seinem Zelte befunden, habe man eine wunderschöne Mohrin vor ihn gebracht; im nämlichen Augenblik seien einige Sonnenstralen durch eine Stelle des Zeltes eingedrungen und gerade auf die Haare der Gefangenen gefallen, welche durch ihren Goldglanz füglich mit dem Sonnenlichte verglichen werden konnten; eine sehr seltene Sache bei den Mohrinnen, die vielmehr immer großen Werth auf schwarze Haare legen. Bei dieser Gelegenheit nun seien unter vielen Andern auch zwei spanische Ritter im Zelte gewesen, der Eine ein Andalusier, der Andre ein Catalane, Beide sehr geistreich und Beide Dichter. Als der Andalusier die Mohrin erblikt, habe er in seiner Bewunderung einige Verse mit schwierigen Reimen, die man in seinem Lande Coplas nenne, herzusagen begonnen, aber nach den ersten fünf Versen inne gehalten, ohne weder die Copla noch den Saz selbst zum Schluß zu bringen, weil sich ihm die zur Abschließung nöthigen Reime nicht aus dem Stegreif darboten; der andre Ritter aber, der neben ihm stand und die Verse gehört hatte, habe ihm, als er seine Verlegenheit bemerkt, die Copla gleichsam aus dem Mund gestohlen, sie fortgesezt und mit den gleichen Reimen zu Ende gebracht, zum nicht geringen Wohlgefallen des Kaisers. Dies fiel mir ein, als ich die unvergleichliche Leonissa ins Zelt des Paschas treten und nicht nur die Sonnenstralen, wo dieselben sie berührten, sondern den ganzen Himmel mit all' seinen Lichtern und Sternen von ihr verdunkeln sah …«

»Nicht weiter!« rief Mahmud, »halt an dich, Freund Ricardo, denn ich sorge bei jedem Schritt, du möchtest im Lob deiner schönen und reizenden Leonissa alles Maß und Ziel so überschreiten, daß du dein Christenansehn verlierst und wie ein Heide aussiehst. Sage mir geschwind jene Verse oder Coplas oder wie du sie nennst, und dann wollen wir von gescheidern und wol auch nüzlichern Dingen sprechen.«

»Mit Vergnügen,« versezte Ricardo, »und erinnere dich noch einmal, daß die ersten fünf Verse der Eine, die andern fünfe der Zweite aus dem Stegreif hersagte. Sie lauten also:

Wie die Sonne, abgekehrt,
Nur des Hügels Saum umflicht
Und dann plözlich neu verklärt
Unsre Augen überfährt,
Daß sie deren Sehkraft bricht,

Wie des Balaß Eine Art Rubin. Strahlenlicht
Unfreiwillig uns verzehrt,
So, o Acha, dein Gesicht,
Mohammedens scharfes Schwert,
Das mir tief die Brust durchsticht.«

»Sie fallen mir angenehm ins Ohr,« sagte Mahmud, »und noch angenehmer wird mir ihr Ton dadurch, daß du sie mir hersagst, Ricardo, denn Verse herzusagen oder zu machen erfordert ein ruhiges Gemüth.«

»Indessen,« versezte Ricardo, »hat man doch auch Trauerlieder wie Freudengesänge, und Beides sind Verse; aber lassen wir Das und sage mir: was denkst du in unsrer Angelegenheit zu thun? denn habe ich auch nicht verstanden was die beiden Paschas mit einander im Zelte verhandelten, so hat es mir doch, während du Leonissen wegführtest, ein venezianischer Renegat im Gefolge meines Herrn, der ebenfalls dabei zugegen war und das Türkische sehr gut versteht, erklärt. Vor Allem muß ein Ausweg gefunden werden, daß Leonissa nicht in die Hände des Großherrn gerathe.«

»Das Erste was zu thun,« entgegnete Mahmud, »ist, daß du selbst in den Dienst meines Herrn kommst; ist Dies geschehen, so wollen wir uns dann schon über die Schritte, die wir einschlagen müssen, berathen.«

Indem kam der Aufseher von Hassans Christensklaven und nahm den Ricardo mit fort. Der Kadi kehrte mit Hassan in die Stadt zurük, welcher Leztere mit Ali's Amtsprüfung in wenigen Tagen fertig war und sie Diesem verschlossen und versiegelt einhändigte, daß er sich damit nach Konstantinopel begebe. Wirklich reisete derselbe sogleich dahin ab, nachdem er dem Kadi aufs Eifrigste eingeschärft, die Sklavin bald dem Großherrn zu schikken und demselben dabei so zu schreiben, daß seine, Ali's, Gesuche dadurch unterstüzt würden. Der Kadi versprach es mit betrügerischem Herzen, das von Liebe zu eben jener Sklavin bis ins Mark durchbrannt war. Ali ging voll eitler Hoffnungen ab und Hassan blieb nicht ohne ähnliche zurük, Mahmud aber wußte es einzurichten, daß Ricardo in die Dienste des Kadi kam.

Ein Tag um den andern verstrich und die Sehnsucht Leonissen zu sehen, trieb den Ricardo so um, daß er keinen Augenblik zur Ruhe kam. Dabei hatte er seinen Namen in Mario umgetauscht, damit sein wirklicher Name Leonissen nicht zu Ohr käme, bevor er sie gesehen; sie zu sehen war jedoch sehr schwer, weil die Mohren ausnehmend eifersüchtig sind und ihren Frauen das Gesicht vor jedem Manne bedekken, wobei es jedoch weniger zu bedeuten hat, wenn sie dasselbe einen Christen sehen lassen, vielleicht weil dieselben als Gefangene für keine vollkommenen Männer gelten.

Nun geschah es, daß eines Tages Halima ihren Sklaven Mario zu Gesicht bekam, und ihn so lange ansah und betrachtete, bis er ihr in Herz und Gedächtniß eingegraben blieb. Und vielleicht wenig zufrieden mit den matten Umarmungen ihres alternden Eheherrn, gab sie mit Leichtigkeit einem bösen Wunsche Raum und theilte denselben eben so rasch Leonissen mit, die wegen ihrer liebenswürdigen Gemüthsart und ihres verständigen Benehmens in hoher Gunst bei ihr stand, auch, als Eigenthum des Großherrn, mit vieler Achtung von ihr behandelt wurde.

Sie sagte ihr, der Kadi habe einen Christensklaven ins Haus gebracht von so edlem Anstand und Aussehn, daß ihr in ihrem Leben kein schönerer Mann vor die Augen gekommen; man sage er sei Tschilibi, d. i. Ritter, und aus einerlei Stadt mit dem Renegaten Mahmud gebürtig; sie wisse aber nicht, wie sie ihm ihre Neigung mittheilen solle, ohne daß der Christ wegen einer solchen Erklärung gering von ihr denke.

Leonissa fragte, wie der Sklave heiße und Halima antwortete, er nenne sich Mario, worauf Jene erwiederte: »wenn er Kavalier wäre und aus dem genannten Orte ist, so müßt' ich ihn kennen; allein es gibt Keinen mit Namen Mario in Trapana. Willst du mir übrigens Gelegenheit schaffen ihn zu sehen und zu sprechen, so will ich dir sagen, wer er ist und was du von ihm zu erwarten hast.«

»So sei es,« entgegnete Halima. »Nächsten Freitag wann der Kadi seine Kniebeugungen in der Moschee macht, will ich Jenen hierher kommen lassen, wo du ihn allein sprechen kannst, und glaubst du ihm eine Andeutung meiner Wünsche geben zu können, so thu Dies auf die bestmögliche Art.«

Noch waren nicht zwei Stunden seit diesem Gespräche Halima's mit Leonissen verflossen, als der Kadi Mahmud und Mario zu sich rief, wo denn der verliebte Alte mit nicht weniger Lebendigkeit, als Halima ihr Herz Leonissen eröffnet hatte, das seinige den beiden Sklaven enthüllte und sie um Rath fragte, wie er es anfangen müßte, um in den Besiz der Christin zu gelangen und doch zugleich seine Pflicht gegen den Großherrn, dessen Eigenthum sie sei, zu erfüllen, indem er gestand, er wolle lieber tausendmal sterben, als sie ein einzigesmal dem Großtürken übergeben.

Der Mohr sprach seine Leidenschaft mit solchem Feuer aus, daß er sie auch in den Busen seiner beiden Sklaven hauchte, damit aber in Diesen nur Gedanken erregte, welche den seinigen schnurstraks entgegenliefen. Man verabredete, Mario als Landsmann der Sklavin, (obwol er sie seiner Angabe nach nicht kannte,) solle das Wort nehmen um ihr Vorschläge zu machen und die Neigung seines Herrn zu erklären; könne Dieser sie auf besagte Art nicht für sich gewinnen, so solle er Gewalt brauchen, da sie sich ja doch in seiner Macht befinde. Nachher solle er sich mit der Ausrede, sie sei gestorben, von der Verbindlichkeit einer Absendung nach Konstantinopel befreien.

Der Kadi war mit der Ansicht seiner Sklaven sehr zufrieden, und in der Freude seines schönen Traumes versprach er dem Mahmud auf der Stelle die Freiheit und nach seinem Tod die Hälfte seines Vermögens. Auch dem Mario sagte er, falls er durch ihn seinen Wunsch erreiche, Freiheit und Geld zu, mit welchem derselbe reich, geehrt und zufrieden in sein Land zurükkehren könnte. War er jedoch freigebig im Versprechen, so waren seine Sklaven völlige Verschwender, und erboten sich ihm selbst den Mond vom Himmel zu verschaffen, geschweige Leonissen, sobald er nur für eine Gelegenheit sorge sich mit ihr zu unterreden.

»Die will ich dem Mario verschaffen, wie er sie nur immer wünschen kann,« erwiederte der Kadi, »denn ich werde sorgen daß Halima auf einige Tage einen Besuch bei ihren Eltern, griechischen Christen, macht und so lange sie fort ist dem Pförtner befehlen, daß er den Mario ins Haus läßt, so oft er Lust hat; Leonissen aber will ich sagen, sie dürfe mit ihrem Landsmann, falls er ihr Vergnügen mache, ungescheut sprechen.«

Auf diese Art fing der Glükswind Ricardos zu wehen an, indem seine eigenen Gebieter, ohne zu wissen was sie thaten, dabei zum Segel wurden. Nachdem nämlich jene Verabredung unter den Dreien getroffen worden, gab Halima selbst den ersten Anlaß, daß die Sache recht bald verwirklicht wurde, denn die Natur der Weiber ist vorschnell und leicht erregbar für Alles was ihre Neigungen zu fördern verspricht. Der Kadi hatte noch am nämlichen Tag zu Halima gesagt, wenn sie Lust habe, könne sie sich zu ihren Eltern begeben und sich, so lange es ihr beliebe, ihres Umgangs erfreuen. Sie aber, die nun in den Hoffnungen schwelgte, die Leonissa ihr gemacht, würde es jezt nicht nur abgeschlagen haben, ihre Eltern zu besuchen, sondern wäre selbst nicht in Mohammeds Paradies eingetreten, und erwiederte daher, sie habe jezt keine Lust zu einem Besuch, wolle es aber sagen, sobald ihr solche kommen sollte, jedoch werde sie die Christensklavin dahin mitnehmen.

»Nicht doch,« entgegnete der Kadi, »eine Schönheit die für den Großherrn bestimmt ist, darf von Niemand gesehen werden, und vor Allem muß man vermeiden, daß sie mit Christen umgehe, denn du weißt ja, daß sie, sobald sie in den Besiz des Sultans kommt, in das Serail eingesperrt und zur Türkin gemacht wird, mag sie wollen, oder nicht.«

»Da ich in ihrer Gesellschaft bin,« antwortete Halima, »so liegt nichts daran, ob sie sich im Hause meiner Eltern aufhält und mit ihnen umgebt; denn ich gehe ja noch weit mehr mit denselben um und bin deshalb doch nicht minder eine gute Türkin; überdies werde ich ja höchstens vier bis fünf Tage dort bleiben, da meine Liebe zu dir mir keine längere Abwesenheit gestattet.«

Der Kadi mochte nichts dagegen erwiedern, um nicht Verdacht über Das, was er im Schilde führte, hervorzurufen.

 

Darüber kam der Freitag heran und er begab sich in die Moschee, wo er etwa vier Stunden bleiben mußte. Nicht sobald hatte Halima ihn die Schwelle des Hauses verlassen sehen, als sie den Mario rufen ließ. Ein corsischer Christensklave jedoch, der Pförtner am Hofthor war, wollte ihn durchaus nicht einlassen, bis Halima dem Thürsteher mit lauter Stimme zurief, er möchte Jenem den Zutritt gestatten, worauf denn derselbe verblüfft und mit Herzklopfen, als hätte er mit einem feindlichen Heer zu kämpfen, eintrat.

Leonissa saß in derselben Kleidung, in welcher sie in das Zelt des Pascha gekommen, am Fuß einer großen Marmortreppe, die zu den Corridor's hinauf führte. Sie hatte den Kopf in die offene rechte Hand gelehnt, den Arm auf das Knie gestüzt und die Augen von der Thür, zu welcher Mario eintrat, abgewendet, so daß sie ihn, obwol er gerade auf sie zu ging, nicht bemerkte. Er selbst hatte gleich beim Eintritt die Augen durch das ganze Haus geworfen, aber nichts als tiefe, ruhige Stille in demselben bemerkt, bis er an den Ort kam, wo Leonissa seinen Blik traf. Urplözlich stürzten eine Menge heitere und schmerzliche Vorstellungen auf ihn herein, da er sich nur zwanzig Schritte von dem Gegenstande seiner Seligkeit und Wonne entfernt sah, zugleich aber bedachte, daß er ein Sklave und sein Liebstes in fremder Gewalt sei.

Unter derlei Betrachtungen schritt er langsam vor und näherte sich unter Angst und Schaudern, froh und traurig dem Mittelpunkte seines Himmels, als Leonissa das Gesicht auf einmal umwendete und ihre Augen auf diejenigen Ricardos fielen, der sie aufmerksam betrachtete. Beim Zusammentreffen ihrer Blikke jedoch war das Benehmen Beider, durch welches sie die Empfindungen ihrer Seelen ausdrükten, sehr verschieden. Ricardo blieb stehen und vermochte keinen Fuß von der Stelle zu sezzen.

Leonissa, die nach Mahmuds Erzählung den Ricardo für todt gehalten, ward durch sein unerwartetes Erscheinen mit Furcht und Schrekken erfüllt. Ohne die Augen von ihm abzuziehen oder sich umzukehren sprang sie vier bis fünf Stufen weiter hinauf, zog ein kleines Kreuz aus dem Busen, küßte es mehrmals und machte das heilige Zeichen unzähligemal über sich als erblikte sie ein Gespenst oder sonst etwas aus der andern Welt. Endlich kam Ricardo aus seinem Hinstarren wieder zu sich, schloß aus Dem, was Leonissa that, auf die wahre Ursache ihrer Bestürzung und sprach:

»Es schmerzt mich, schöne Leonissa, daß die Nachricht, welche dir Mahmud von meinem Tode gab, nicht wahr ist, denn in diesem Fall wäre ich frei von der mich jezt quälenden Angst, ob die Strenge, die du ehmals gegen mich bewiesen, noch immer ungeschmälert fortdauere. Beruhige dich, meine Herrin, steige herab, und willst du dich erkühnen zu thun, was du nie gethan hast, nämlich dich mir zu nähern, so nähere dich und du wirst finden, daß ich kein Gespenst bin. Ich bin Ricardo, Leonissa, der Ricardo, der nur dann glüklich sein kann, wann du es willst.«

Hier legte Leonissa den Finger auf den Mund, was Ricardo als Zeichen verstand, daß er schweigen oder leiser sprechen solle. Er faßte etwas mehr Muth, und näherte sich ihr so weit, daß er folgende Worte vernehmen konnte:

»Rede leis, Mario, (ich glaube so heissest du jezt) und sprich von nichts Anderem, als wovon ich sprechen werde; hätte man uns eben gehört, so könnte Das vielleicht die Wirkung haben, daß wir uns nie wiedersähen. Ich glaube Halima, unsere Gebieterin, belauscht uns. Sie hat mir gesagt, sie bete dich an und hat mich zur Unterhändlerin für ihre Wünsche gemacht. Willst du denselben entsprechen, so mußt du dich mehr deines Leibes als deiner Seele bedienen; willst du ihnen nicht entsprechen, so mußt du dich wenigstens so anstellen, schon weil ich dich darum bitte und weil dies die offen erklärte Liebe eines Weibes immer verdient,«

Ricardo erwiederte: »nie hätt' ich gedacht, noch mir vorstellen können, schöne Leonissa, daß ich irgend eine deiner Bitten zu erfüllen nicht über mich vermögen würde; allein deine so eben ausgesprochene Bitte hat mich eines Andern belehrt. Ist denn das Herz so leicht beweglich, daß man es nach jedem Orte, den man will, hin richten kann? oder steht es einem Mann von Ehre und Wahrhaftigkeit an, in Dingen von solchem Gewichte einen falschen Schein anzunehmen? Bist du jedoch der Ansicht, es müsse oder könne etwas von Beidem geschehen, so entscheide, was dir am Liebsten ist, denn du bist ja die Herrin meiner Seele; allein ich weiß schon, daß du mich auch hierinne wieder täuschest, denn du hast diese Seele ja nie gekannt und weißt also nicht, für was du dich in Bezug auf sie entscheiden sollst. Nur also, damit du nicht sagest, es sei dir in der ersten Foderung, die du je an mich gemacht, keine Folge von mir geleistet worden, will ich von dem Gesez, das ich mir selbst schuldig bin, abweichen, deinen Wunsch und, mit verstelltem Herzen wie du gesagt, auch denjenigen Halimas erfüllen, falls ich dadurch das Glük erringe dich zu sehen. Erfinde du also eine Antwort wie sie dir am Besten dünkt, ich bestätige sie jedenfalls mit meinem verstellten Herzen. Und zur Belohnung Dessen, was ich damit für dich thue, (des Schwersten was man meines Erachtens für Jemand thun kann, wenn ich dir auch hiebei nichts desto weniger meine Seele, die ich dir schon so oft gegeben, von Neuem gebe,) bitte ich dich mir kurz zu sagen, wie du aus den Händen der Korsaren entkommen und in diejenigen des Juden, der dich hieher verkauft hat, gerathen bist,«

»Die Erzählung meines Unglüks,« antwortete Leonissa, »fodert zwar mehr Zeit, ich will dir aber, so viel ich's jezt vermag, dennoch zu Willen sein. Wisse denn, daß einen Tag nach unsrer Trennung Issuf's Schiff gegen dieselbe Insel Pantanalea zugetrieben wurde, in deren Nähe wir auch eure Galeote erblikten; allein die unsrige scheiterte, ohne daß Abwehr möglich gewesen wäre, an den Klippen. Als mein Herr seinen Untergang so nahe vor Augen sah, leerte er in größter Schnelligkeit zwei Wasserfässer, verschloß sie gut, band sie mit Strikken an einander und mich zwischen beide, warf sofort die Kleider ab, nahm ein andres Faß in die Arme, band sich ein Seil um den Leib, das er am andern Ende an meine Fässer befestigte und stürzte sich, mich nachziehend, mit großem Muthe ins Meer. Ich hatte nicht das Herz, mich ebenfalls hineinzustürzen, allein ein andrer Türke gab mir einen Stoß und schleuderte mich dem Issuf nach, so daß ich ohne Bewußtsein hinunterfiel und erst wieder zu mir kam, als ich mich in den Armen zweier Türken auf dem Lande befand, die mir den Mund gegen den Boden hielten und so eine Menge Wassers, das ich eingeschlukt, ausströmen ließen. Bestürzt und schwindlig öffnete ich die Augen und erblikte neben mir den Issuf mit zerschmettertem Kopfe, den er, wie ich nachher vernahm, beim Annähern ans Land gegen die Felsen gestoßen und so das Ende seines Lebens gefunden hatte. Auch mich selbst, sagten mir die Türken, hatten sie für ertrunken ans Land gezogen. Blos acht Personen von der unglüklichen Galeote hatten sich gerettet. Wir blieben acht Tage lang auf der Insel und die Türken behandelten mich mit einer Achtung als wär' ich ihre Schwester, ja noch mehr gewesen. Wir verbargen uns in einer Höhle, da Jene fürchteten, es möchten aus einem auf dem Eilande befindlichen Fort Christen herabkommen und sie gefangen nehmen. Unsre Nahrung bestand in dem durchwässerten Zwiebak, den das Meer von der Galeote ans Ufer warf und man bei Nacht sammelte. Zu meinem Unglük wollte das Schiksal, daß sich in dem Fort damals kein Befehlshaber befand, indem derselbe wenige Tage zuvor gestorben war und die Besazzung blos zwanzig Mann zählte. Dies erfuhr man von einem jungen Menschen, welchen die Türken gefangen nahmen, als er von der Feste herabkam um Muscheln an der Meeresküste zu suchen. Nach acht Tagen landete an dieser Küste eines jener mohrischen Fahrzeuge, die man Karamussale nennt; sobald die Türken es ansichtig wurden, kamen sie aus ihrem Standorte hervor und machten dem vor Anker liegenden Schiff so lange Zeichen, bis dieses erkannte daß sie Mohammedaner seien. Sie erzählten ihr Unglük und die Mohren nahmen sie an Bord, an welchem sich ein Jude befand, ein sehr reicher Kaufmann, denn die ganze Ladung des Fahrzeugs, oder mindestens der größte Theil derselben, war sein Eigenthum. Sie bestand aus Berkan's, maurischen Mänteln und andern Gegenständen, die aus der Berberei nach der Levante verführt werden und womit die Juden gewöhnlich Handel treiben. In diesem Schiffe begaben sich die Türken nach Tripolis und verkauften mich unterwegs an den Juden, der zweitausend Dublonen für mich bezahlte, ein ausnehmend hoher Preis; allein die Liebe, welche mir der Jude von selbst eingestand, machte ihn freigebig. Nachdem das Fahrzeug die Türken in Tripolis abgesezt, verfolgte es seine ursprüngliche Bahn von Neuem und der Jude bewarb sich auf eine schamlose Weise um mich; allein ich zeigte ihm die Stirn, die seine schändlichen Gelüste verdienten, und als er sofort daran verzweifelte, zu seinem Ziel zu gelangen, beschloß er, sich meiner bei der ersten vorkommenden Gelegenheit zu entledigen. Da er nun wußte, daß die beiden Pascha's, Ali und Hassan, sich hier in Cypern befänden, wo er seine Waaren eben so gut losschlagen konnte, als in Chios, wo er sie anfangs zu verkaufen im Sinn gehabt, begab er sich hieher, in der Absicht mich an einen der Paschas zu verhandeln, zu welchem Zwek er mich, um Jene eher zum Kaufe anzureizen, mit den Kleidern versah, die du jezt an mir siehst. Ich habe erfahren, daß dieser Kadi mich an sich gebracht, um mich dem Großtürken zum Geschenk zu schikken, worauf mir's nicht wenig bange ist. Zugleich bekam ich auch die falsche Nachricht von deinem Tode und ich kann dir, wenn du mir anders glauben willst, sagen, daß ich dieselbe tief empfand, obwol ich dich mehr beneidete als beklagte, nicht aus Uebelwollen, (denn bin ich auch nicht verliebt, so bin ich doch eben so wenig undankbar und unerkenntlich) sondern weil du dieser Nachricht zufolge das Trauerspiel deines Lebens geendet hattest.«

»Du hättest ganz recht gehabt,« erwiederte Ricardo, »wenn mich der Tod nicht des Glükkes beraubt haben würde, dich wieder zu sehen; diesen Augenblik der Seligkeit aber, die ich in deinem Anschauen genieße, schlage ich höher an, als irgend ein Glük, das ich, mit Ausnahme des Himmels, im Leben oder im Tode hätte erreichen können. Uebrigens ist der Wunsch meines Herrn, des Kadi, in dessen Gewalt ich durch eine Kette von nicht minder mannigfaltigen Zufällen gerathen bin, als du, in Bezug auf dich der nämliche, den Halima in Bezug auf mich nährt. Er hat mich zum Unterhändler seiner Absichten gemacht und ich bin darauf eingegangen, nicht um mich ihm gefällig zu erweisen, sondern um der wonnevollen Gelegenheit willen, mit dir zu sprechen, wobei du denn freilich sehen kannst, Leonissa, bis zu welchem Aeußersten unser Unglük uns gebracht hat, indem es dich zur Vermittlerin einer Sache macht, deren Unmöglichkeit du in Bezug auf mich wol selbst einstehst, mir aber ebenfalls das Amt eines Vermittlers in einer Angelegenheit aufträgt, in welcher ein solcher zu werden ich am allerwenigsten gedacht hätte, und für deren Nichtgelingen ich das Leben geben würde, so hoch ich dasselbe auch jezt, da es mir das hohe Glük verschafft, dich zu sehen, anschlage.«

»Ich weiß weder, was ich dir erwiedern soll,« entgegnete Leonissa, »noch welcher Ausgang sich aus dem Labyrinth darbietet, in welches uns, wie du richtig bemerkst, unser unseliges Los versezt hat: ich kann blos sagen, daß wir hier unabwendbar gerade Das nöthig haben, was sich unter andern Umständen von unsrer Gemüthsart am mindesten erwarten ließe, nämlich Verstellung und Trug, und so will ich denn der Halima einige Worte über dich berichten, die sie in ihrer Hoffnung eher bestärken als einschüchtern sollen. Du kannst zum Kadi in Bezug auf mich Das sagen, was dir zur Sicherung meiner jungfräulichen Ehre und seiner Täuschung am Förderlichsten dünkt; und da ich meine Ehre in deine Hände lege, darfst du überzeugt sein, daß ich dieselbe noch vollkommen unbeflekt erhalten habe, troz allen Zweifeln, welche die vielen Wege, die ich durchziehen, die vielen Kämpfe, die ich bestehen mußte, gegen diese Versicherung erregen könnten. Uns künftig zu sprechen wird leicht und für mich eine große Freude sein, vorausgesezt daß du von nichts redest, was auf deine schon so oft ausgesprochene Bewerbung Bezug hat, denn im Augenblik, wo du Dies thust, werde ich mich deinem Anblik entziehen, da ich nicht will, daß du meinen Werth so gering anschlagest, als ob die Sklaverei Das über ihn vermöchte, was die Freiheit nicht vermocht hat. Ich hoffe mit Hülfe des Himmels gleich dem Golde zu sein, das je mehr man es läutert, um so reiner und gediegener wird. Begnüge dich mit dem Ausspruch, daß mir dein Anblik jetzt nicht mehr, wie sonst wol, zuwider ist, denn du magst immerhin wissen, Ricardo, daß ich dich früher immer für rauh und hochfahrend und etwas zu sehr von dir selbst eingenommen hielt; ich glaube jedoch, daß ich mich geirrt habe, daß die Erfahrung, die ich jezt mache, mich enttäuschen wird, und daß, wenn ich einmal enttäuscht bin, ich wol auch, bei aller Zurükhaltung, milder gegen dich werden dürfte. Geh nun mit Gott, ich sorge Halima möchte uns belauscht haben, denn sie versteht die Christensprache ein wenig, oder mindestens das Gemisch von Sprachen, das hier üblich ist und durch welches wir sämtlichen Bewohner des Hauses uns gegenseitig verständlich machen können.«

»Du hast Recht, meine Herrin,« erwiederte Ricardo, »und ich danke dir aufs Innigste für die Erläuterung, die du mir gegeben, und welche ich eben so hoch anschlage, als die Gunst, die du mir durch Gewährung deines Anbliks erzeigest. Vielleicht dürfte dich künftig die Erfahrung, wie du Dies selbst gesagt, belehren wie mild und demüthig meine Gemüthsart ist, vorzüglich wo es sich darum handelt, die Andacht meines Herzens für dich zu beweisen, so daß, selbst wenn du meinem Benehmen keine Richtschnur gezogen hättest, dasselbe dir gegenüber so bescheiden erscheinen würde, daß du es nicht besser wünschen könntest. Was meine Hinhaltung des Kadi betrifft, so sei hierüber ohne Sorgen; verfahr du ebenso mit Halima, und wisse, es regt sich in mir, seit ich dich erblikt habe, eine so freudige Hoffnung, daß ich versichert bin, wir werden in Kurzem die ersehnte Freiheit erlangen. Damit sei Gott befohlen; die Wege auf welchen das Schiksal mich, seitdem ich von dir schied oder vielmehr geschieden wurde, in meinen nunmehrigen Zustand gebracht hat, will ich dir ein andermal erzählen.«

Damit trennten sie sich. Leonissa war über das, ruhige Benehmen Ricardo's sehr erfreut, und er selbst selig, einmal ein nicht rauhes Wort aus Leonissens Munde vernommen zu haben.

 

Halima war unterdessen auf ihrem Zimmer und flehte zu Mohammed, Leonissa möge ihr eine gute Antwort auf ihre Anfrage zurükbringen; der Kadi befand sich in der Moschee wo er seiner Frau ihre Wünsche durch die seinigen vergalt, indem auch er mit ängstlicher Sehnsucht der Antwort entgegensah, die er von seinem Sklaven über das ihm aufgetragene Gespräch mit Leonissen vernehmen sollte, zu welchem demselben, trotz Halima's Anwesenheit im Hause, Gelegenheit zu verschaffen Mahmud sich erboten hatte. Leonissa steigerte in Halimen die unzüchtige Begierde und die Liebe, indem sie ihr volle Hoffnung machte, Mario werde in Alles eingehen, was sie wünsche, müsse jedoch, eh' er sich zu Dem verstehen könne, wonach er sich selbst noch weit mehr sehne als sie, zwei Monate verstreichen lassen; diese Frist fodere er um eine Gebetreihe, die er zur Erlangung seiner Freiheit gelobt, vollenden zu können.

Halima war mit der Entschuldigung und Antwort ihres geliebten Mario zufrieden, hätte ihm jedoch gar gerne die Freiheit vor Ablauf seines Gelübdes verschafft, damit er sich etwas früher zur Erfüllung ihres Anliegens herablassen möchte, weshalb sie denn Leonissen auftrug, Jenen um Abkürzung der Zeit und Beschleunigung des Termins zu bitten, indem sie ihm Alles bezahlen wolle, was der Kadi als Lösegeld von ihm verlange.

Ricardo berieth sich, eh' er seinem Herrn die Antwort brachte, mit Mahmud, und sie kamen überein, er solle Jenem alle Hoffnung benehmen und ihm rathen die Christin so bald als möglich nach Konstantinopel abzuschikken, wo er dann unterwegs seinen Wunsch durch gütliche Ueberredung oder durch Gewalt erreichen könnte. Um sich gegen die Ansprüche des Großherrn sicher zu stellen, werde es gut sein eine andre Sklavin zu kaufen, unterwegs zu thun, als ob Leonissa krank geworden wäre, und sofort einmal bei Nacht die gekaufte Sklavin ins Meer zu werfen, indem man vorgebe, es sei der Leichnam der an ihrer Krankheit verstorbenen Leonissa, der Sklavin des Sultans. Dies könne auf eine Art geschehen, daß die Wahrheit nie an Tag komme, den Kadi kein Vorwurf von Seiten des Großherrn treffe und er zum Ziel seiner eigenen Wünsche gelange; für die längere Dauer seines Genusses aber werde sich dann schon auch ein schikliches Auskunftsmittel finden.

Der arme alte Kadi war so verblendet, daß wenn man ihm noch tausend andre Ungereimtheiten gesagt hatte, er dieselben, falls sie anders, nur der Erfüllung seiner Hoffnungen schmeichelten, samt und sonders geglaubt haben würde, geschweige Das, was man ihm jezt vorstellte, und ihm ganz vortreflich und höchst zwekmäßig vorkam. Und dies wäre es auch wirklich gewesen, wenn die beiden Rathgeber nicht beabsichtigt hätten, sich mit dem Schiffe davon zu machen und ihrem Herrn zum Lohn für seine albernen Gedanken den Tod zu geben.

Dem Kadi selbst stellte sich jedoch eine seiner Ansicht nach weit größere Schwierigkeit entgegen, als Alles woran man bei dieser Angelegenheit gedacht hatte, nämlich die Ueberzeugung, seine Frau, Halima, werde ihn nicht nach Konstantinopel gehen lassen, ohne daß er sie mitnehme. Indessen war er damit bald wieder fertig, indem er den Beiden vorstellte, statt der Christinsklavin, die man erst kaufen müßte, damit sie statt Leonissen sterbe, könne füglich Halima selbst dienen, von welcher er ohnehin jezt lieber, als vom Tode selbst, frei wäre. Mit derselben Leichtigkeit, womit er diesen Plan entworfen, wurde er auch von Mahmud und Ricardo gebilliget, und da man hierüber einmal im Reinen war, eröffnete der Kadi noch am nämlichen Tag Halimen die Reise, die er nach Konstantinopel zu machen gedenke, um persönlich die Christin dem Großherrn zu überbringen, der, großmüthig wie er sei, ihn dafür leicht zum Groß-Kadi von Kairo oder Konstantinopel erheben dürfte.

Halima entgegnete ihm, sein Entschluß gefalle ihr sehr wohl, denn sie glaubte er werde den Mario zu Hause lassen; als ihr jedoch der Kadi zu wissen that, er werde Jenen, so wie den Mahmud, mitnehmen, fing sie an entgegengesezter Ansicht zu werden, ihm von Dem was sie anfangs empfohlen, mit den nachdrüklichsten Gründen, welche ihre Leidenschaft aufzufinden vermochte, abzurathen, und schloß endlich damit, wenn er sie nicht mitnehme, werde sie ihn auf keine Weise gehen lassen. Mit Vergnügen willigte er in ihr Verlangen, in der Aussicht sich diese beschwerliche Last bald vom Halse zu schaffen.

Während dessen aber ließ Hassan Pascha nicht ab, in den Kadi zu dringen, er möge ihm die Sklavin herausgeben, für welche er ihm goldene Berge versprach. Für den Ricardo, dessen Preis er zu zweitausend Thalern berechnete, nahm er keine Bezahlung an und schlug, um die Auslieferung Leonissens zu erleichtern, dieselbe List vor, worauf Jene bereits verfallen waren, nämlich die Sklavin falls der Großtürke nach ihr schikken sollte, für gestorben auszugeben. Allein alle Geschenke und Versprechungen führten beim Kadi zur Hervorbringung keines andern Entschlusses, als desjenigen, seine Reise zu beschleunigen, so daß er, gedrängt von seiner Begierde und von Hassans, auch wol von Halima's Zudringlichkeit, welche Leztere so gut als er selbst ihre Luftschlösser baute, innerhalb drei Wochen eine Brigantine von fünfzehn Bänken ausgerüstet und mit guten mohrischen Seeleuten und einigen griechischen Christen bemannt hatte.

Auf derselben schiffte er sein ganzes Vermögen ein; auch Halima ließ nichts von Werth im Hause zurük und bat überdies ihren Mann, auch ihre Eltern mitnehmen zu dürfen, damit auch diese Konstantinopel sähen. Dabei hatte sie dieselbe Absicht, wie Mahmud, nämlich sich mit seiner und Ricardos Hülfe der Brigantine unterwegs zu bemächtigen; sie wollte den Beiden jedoch ihren Plan erst an Bord mittheilen, wo sie dann Willens war, sich nach einem christlichen Lande zu begeben, wieder zu dem Glauben zurükzukehren, den sie ursprünglich gehabt, und den Ricardo zu heirathen, denn sie meinte er werde, wenn sie ihm so viele Schäzze zubringe und wieder zum Christenthum zurükkehre, kein Bedenken tragen sie zum Weibe zu nehmen.

Unterdessen hatte Ricardo noch einmal eine Unterredung mit Leonissen gehabt und ihr seinen ganzen Plan mitgetheilt, wogegen sie ihm denjenigen Halima's, zu dessen Mitwisserin sie gemacht worden war, anvertraute. Beide empfahlen einander gegenseitige Geheimhaltung, sich selbst aber dem Schuzze Gottes und erwarteten den Tag der Abreise.

Als dieser herankam, begleitete sie Hassan mit all' seinen Soldaten bis zur Küste und schied nicht von ihnen, bis sie unter Segel gegangen waren, ja er verwandte die Augen nicht von der Brigantine, bis sie ihm aus dem Gesicht schwand. Und es war als ob die Seufzer, welche der verliebte Mohr ausstieß, die Segel, welche seine Seele von ihm forttrugen, nur desto stärker anschwellten; aber als ein Mann, den die Liebe schon so lange Zeit nicht ruhen gelassen, und von welchem folglich bereits überlegt worden, was er zu thun habe, um nicht vor Sehnsucht zu sterben, schritt er jezt unverweilt zur Ausführung eines Plans, den er hinlänglich bedacht und fest beschlossen hatte; nämlich er bemannte ein Fahrzeug von siebzehn Bänken, das von ihm in einem andern Hafen ausgerüstet worden, mit fünfzig Soldaten, insgesamt Freunden und Bekannten von ihm, und ihm durch viele Geschenke und Versprechungen verpflichtet, und wies sie an, unverweilt in See zu gehen und das Schiff des Kadi samt den darauf befindlichen Reichthümern wegzunehmen, alle Leute auf demselben aber über die Klinge springen zu lassen, mit Ausnahme der Sklavin Leonissa, die er allein unter den vielen Schäzzen auf der Brigantine als die vorzüglichste Beute sich ausbedingte. Das Schiff selbst sollten sie in Grund bohren, damit nichts übrig bleibe, was eine Nachweisung über die Art geben könnte, wie dasselbe untergegangen.

Die Begierde der Plünderung sezte diesen Menschen Flügel an und gab ihren Herzen noch besondern Muth, abgesehen davon, daß sie ohnedies denken konnten, sie würden nur einen sehr geringen Widerstand auf der Brigantine finden, deren Mannschaft unbewaffnet war und sich eines solchen Angriffes durchaus nicht versah.

 

Die Brigantine war bereits seit zwei Tagen unterwegs, die für den Kadi, der gleich am ersten seinen Entschluß gern ausgeführt hätte, zwei Jahrhunderte wurden; allein seine Sklaven bedeuteten ihn, man müsse zuvörderst so thun, als ob Leonissa unwohl geworden wäre, um nachher ihrem Tod mehr Anschein geben zu können, der erst, nachdem die Krankheit mehrere Tage angehalten, stattfinden dürfe. Er selbst hätte nun zwar gar zu gerne ausgesprengt, sie sei eines plözlichen Todes verfahren, um sofort Alles schnell ins Reine zu bringen, sowol die Abfertigung seines Weibes, als die Löschung des Brandes, der ihm allgemach die Eingeweide verzehrte; aber er mußte der Ansicht jener Beiden doch nachgeben.

Mittlerweile hatte auch Halima ihren Anschlag dem Mahmud und Ricardo mitgetheilt und wirklich wollten Diese den mitgetheilten Plan, so weit auf denselben einzugehen in ihrer Absicht lag, ins Werk sezzen, wenn man die Kreuze von Alexandria oder die Schlösser von Natolien passiren würde; allein der Kadi drängte sie seinerseits dermaßen, daß sie versprachen die Sache bei der ersten Gelegenheit auszuführen, und am Schluß des sechsten Tages, wo Jenem die angebliche Krankheit Leonissens bereits hinlänglich angedauert zu haben schien, lag er seinen Sklaven mit aller Macht an, den folgenden Tag mit Halima ein Ende zu machen und ihren Körper in einem Leichentuch ins Meer zu werfen, unter dem Vorgeben als sei es der Leichnam der großherrlichen Sklavin. Am Morgen des Tages jedoch, an welchem der Kadi nach Mahmuds und Ricardos Beschlusse die Erfüllung seines Anliegens oder vielmehr seine lezte Stunde sehen sollte, entdekte man ein Fahrzeug, das mit Segeln und Rudern auf sie Jagd machte.

Man glaubte es seien christliche Korsaren, von welchen kein Theil sich Gutes zu erwarten hatte, denn man mußte fürchten, daß in diesem Falle die Mohren zu Sklaven gemacht, die Christen aber, wenn sie auch frei blieben, beraubt und geplündert würden. Zwar wären Ricardo und Mahmud mit der Freiheit, die somit Leonissen und ihnen selbst bevorstand, hinlänglich zufrieden gewesen, allein sie fürchteten die Roheit des Korsarenvolkes, indem Leute, die sich diesem Handwerk hingeben, welcher Nation oder welchem Glauben sie nun angehören mögen, immer von grausamer Seele und rauher Gemüthsart sind.

Man sezte sich in Vertheidigungsstand, ohne deshalb die Ruder aus der Hand zu lassen und die Weiterfahrt minder schnell zu betreiben. Nach nicht langer Zeit bemerkte man jedoch, daß Jene so schnell heranrükten, daß sie sich in weniger als zwei Stunden auf Kanonenschußweite genähert haben mußten. Auf Dies hin zog man die Segel ein, legte die Ruder bei Seite, griff zu den Waffen und erwartete die Angreifenden; der Kadi jedoch rief, man solle nicht bange sein, es sei ein türkisches Schiff und werde ihnen keinen Schaden zufügen. Er ließ sogleich am hintern Rok eine weiße Friedensflagge zum Zeichen für die Leute aufziehen, welche auf die wehrlose Brigantine in blinder Gier hereinstürmten.

Indem wandte Mahmud den Kopf und bemerkte, daß von Abend her eine seinem Ermessen nach etwa zwanzig Bänke starke Galiote käme. Er zeigte Dies dem Kadi an und einige christliche Ruderer erklärten das neu hervortretende Schiff sogleich für ein christliches. Dies Alles verdoppelte die Verwirrung und Furcht; man wußte nicht was man thun sollte und sah unter Angst und Hoffnung dem Ausgang entgegen, den Gott geben würde.

Ich glaube der Kadi hätte in diesem Augenblik die ganze Aussicht auf seinen Genuß darum gegeben, wenn er wieder in Nikosia gesessen wäre, so ängstlich war die Ungewißheit in welcher er sich befand. Indessen benahm ihm das erste Fahrzeug dieselbe bald, denn ohne Respekt vor der Friedensflagge oder vor seiner Religion lief es so wüthend gegen sein Schiff an, daß es lezteres beinahe in Grund gesegelt hätte. Der Kadi erkannte in der Mannschaft sogleich Soldaten aus Nikosia, errieth den Zusammenhang und gab sich für todt und verloren. Und wirklich, wären diese Leute nicht zunächst mehr auf's Plündern als auf's Umbringen aus gewesen, so würde Niemand am Leben geblieben sein. Während sie jedoch auf's Hizzigste über die Beute her waren, rief ein Türke:

»Zu den Waffen, Freunde, ein christliches Schiff greift uns an!«

Und so war es in der That, indem das Fahrzeug, welches man vorhin von der Brigantine aus an der Flagge und an den sonstigen Abzeichen als ein christliches erkannt hatte, in voller Wuth gegen Hassans Galeote angefahren kam. Vor dem Zusammentreffen mit derselben wurde jedoch vom Vordertheil des Angreifenden aus in türkischer Sprache gefragt, wem dieses Schiff gehöre.

»Dem Hassan Pascha, Vicekönig vom Cypern!« lautete die Antwort.

»Wie?« erwiederte der Türke, »wenn ihr Musulmanen seid, warum plündert ihr dieses Fahrzeug, da uns doch wohl bekannt, daß es den Kadi von Nikosia an Bord hat?«

Sie wüßten weiter nichts, entgegneten die Befragten, als daß ihr Herr ihnen befohlen habe, sie sollten das Schiff wegnehmen, und daß sie, als seine Soldaten und Untergebenen, dem Befehl Folge geleistet hätten.

Befriedigt mit dieser Auskunft ließ der Kapitän der unter christlicher Flagge gekommenen Galeote von dem Angriff auf Hassans Schiff ab, fuhr schnell an den Bord des Kadi, strekte mit der ersten Lage mehr als zehn Türken auf demselben nieder und enterte dann unverweilt mit großer Unerschrokkenheit und Eile. Kaum jedoch hatte er den Fuß herübergesezt, als der Kadi erkannte, daß der Angreifende kein Christ, sondern Ali Pascha, der Liebhaber Leonissa's sei, welcher ihm in der gleichen Absicht, wie Hassan, aufgepaßt und, um nicht erkannt zu werden, seine Leute als Christen verkleidet hatte, in der Hoffnung sein Raub solle durch diese List um so geheimer bleiben. Der Angegriffene durchschaute sogleich die gegenseitigen Plane der beiden verrätherischen Verliebten und hielt ihnen ihre Bosheit also mit lauter Stimme vor:

»Was ist Das, du hinterlistiger Ali Pascha? Was greifst du, ein Musulman« (was so viel als Türke bedeutet) »mich unter dem Dekmantel eines Christen an? Und ihr treubrüchige Soldaten Hassans, welcher böse Geist hat euch zur Begehung eines so großen Frevels aufgeregt? Wie, um der unzüchtigen Lust Dessen, der euch gesandt hat, Nahrung zu verschaffen, wollt ihr euch gegen euern natürlichen Oberherrn auflehnen?«

Bei diesen Worten senkten Alle die Waffen, sahen einander an und erkannten sich gegenseitig, denn Alle waren Krieger desselben Obern gewesen und hatten unter einerlei Fahne gedient. Bestürzt über die Frage des Kadi und über ihre eigene Missethat hielten sie die Säbel bewegungslos in den Händen, und das Herz entsank ihnen. Nur Ali hatte für all Das weder Auge noch Ohr, stürzte auf den Kadi los und gab ihm einen solchen Hieb über den Kopf, daß, hätten demselben nicht hundert Ellen Binden, mit welchen er umwikkelt war, zur Schuzwehr gedient, er zweifelsohne gespalten worden wäre; indessen warf der Schlag Jenen denn doch zwischen die Schiffsbänke nieder und er rief noch vom Boden aus:

»Ha, grausamer Renegat, Feind meines göttlichen Propheten, ist's möglich, daß Niemand deine große Ruchlosigkeit züchtiget? Wie, Verfluchter, du wagst es Hand und Waffe gegen deinen Kadi, gegen einen Diener Mohammeds zu heben?«

Diese Worte verstärkten den Eindruk der frühern, jedoch in der Art, daß Hassans Leute beim Vernehmen derselben in Besorgniß geriethen die Soldaten Alis möchten sie der bereits gewonnenen Beute wieder berauben, und daher beschlossen, Alles für ihre Schäzze aufs Spiel zu sezzen. Einer begann, die Andern folgten nach und Alle fielen mit so rascher, wilder Wuth über Alis Krieger her, und richteten sie in wenigen Augenblikken dergestalt zu, daß sie dieselben, obwol ihrer weit mehrere als sie selbst waren, bald zu einem kleinen Häuflein verdünnt hatten. Nun aber kamen die noch übrig Gebliebenen auf einmal zu sich. rächten ihre Kameraden und ließen von Hassans Mannschaft kaum vier, und diese sehr schwer verwundet, am Leben.

Ricardo und Mahmud beobachteten sie, indem sie von Zeit zu Zeit den Kopf aus der Springlukke der hintern Kajüte stekten, um zu sehen was für ein Ende die große Mezzelei nehmen würde; als sich nun zeigte, daß die Türken beinahe insgesamt todt, die noch Lebenden aber übel verwundet waren und daß es sehr leicht sei, ihnen vollends den Rest zu geben, rief Ricardo dem Mahmud und zwei Neffen Halima's, welche Diese mit an Bord genommen, zu, sie sollten ihm das Schiff wegnehmen helfen, bemächtigte sich mit ihnen und mit Halima's Vater der Säbel der Gefallenen und stürzte unter dem Ruf »Freiheit! Freiheit!« auf das Verdek, wo man, unterstüzt von den griechischen, als Matrosen dienenden Christen, mit leichter Mühe und ohne eine Wunde zu erhalten allen noch übrigen Türken den Hals abhieb, sofort auf die vertheidigungslose Galeote Ali's hinüber sprang und auch diese mit Allem was auf ihr war, sich unschwer unterwarf. Unter Denen, welche in dem zweiten Gefecht das Leben verloren hatten, war All Pascha einer der ersten gewesen; er wurde von einem Türken zur Sühne für den Kadi mit Säbelhieben niedergestreckt.

Auf den Rath Ricardos schaffte man alles Wertvolle, was sich auf dem Schiffe des Kadi und Hassans befand, in Alis Galeote, die größer und für jede Befrachtung oder Reise eingerichtet war, auch christliche Ruderer hatte, welche, entzükt über die erlangte Freiheit und die vielen von Ricardo unter sie vertheilten Geschenke, sich erboten ihre Erretter nach Trapana, ja, wenn man wolle, bis ans Ende der Welt zu führen.

Voll Jubel über dieses Glük begaben sich Mahmud und Ricardo zu der Türkin Halima und kündigten ihr an, wenn sie Lust habe nach Cypern zurükzukehren, wollten sie ihr Schilf mit den Freiwilligen bemannen und ihr die Hälfte der Schäzze, welche sie mit an Bord genommen, herausgeben; die Befragte aber, welche mitten in ihrem Unglük die Zärtlichkeit und Liebe für Ricardo nicht verloren hatte, erklärte, sie wolle mit ihnen in christliche Lande gehen, worüber ihre Eltern eine ausnehmende Freude empfanden.

Der Kadi kam wieder zur Besinnung; man verband ihn so gut es die Umstände erlaubten und ließ ihm ebenfalls die Wahl, ob er vorziehe in ein christliches Land mitgenommen zu werden, oder ob er auf seinem eigenen Schiff nach Nikosia zurükkehren wolle. Er erwiederte, da ihn einmal das Schiksal in solche Noth gebracht, müsse er für die Freiheit, die man ihm hierinne lasse, allerdings dankbar sein; er habe im Sinn nach Konstantinopel zu gehen, um sich beim Großherrn über die Unbilden, die ihm von Hassan und Ali zu Theil geworden, zu beschweren. Als er übrigens erfuhr, daß Halima ihn verlassen und wieder eine Christin werden wolle, hätte er beinahe den Verstand verloren. Kurz aber, man bemannte sein eigenes Fahrzeug, versah es mit allem zur Reise Nothwendigen und gab ihm sogar noch einige von seinen Zechinen heraus.

Nachdem er sich von Allen verabschiedet hatte, bat er noch, ehe er unter Segel gehe möge ihn Leonissa umarmen, denn eine solche Gnade und Gunst würde hinreichen ihn sein ganzes Unglük vergessen zu machen. Jedermann bat Leonissen ihm die so ersehnte Gefälligkeit zu erzeigen, da nichts an derselben gegen Anstand und Ehrbarkeit verstoße. Jene willigte ein und der Kadi ersuchte sie noch überdies, ihm die Hände auf den Kopf zu legen, indem er hoffe, dadurch von seiner Wunde schnell zu genesen; Leonissa ging auf Alles ein.

Nachdem Dies geschehen und man in Hassans Schiff ein Loch gebohrt hatte, zog man die Segel auf, da ein günstiger Ostwind hiezu einzuladen schien, und nach wenigen Stunden war man dem Fahrzeuge des Kadi aus dem Gesicht; dieser aber sah mit Thränen in den Augen nach, wie die Winde sein Vermögen, seine Lebensannehmlichkeiten, sein Weib und seine Seele davon führten.

Mit ganz andern Empfindungen segelten Ricardo und Mahmud dahin; ohne daß sie Lust gehabt hatten irgendwo anzulanden, passirten sie dem lang gestrekten Golf Alexandrias vorbei und gelangten, ohne daß man die Segel eingezogen oder nöthig gehabt hätte zu den Rudern zu greifen, zu der Insel Corfu, wo man Wasser einnahm und sofort ohne Aufenthalt durch die berüchtigten acroceraunischen Klippen fuhr. Am Tage darauf bemerkte man in der Ferne Paquino, ein Vorgebirg des fruchtbaren Trinacriens Siciliens., an welchem man, so wie an der berühmten Insel Malta, vorüberflog, denn mit nicht geringerer Schnelligkeit segelte das glükliche Fahrzeug. Sie umschifften dieses Eiland und entdekten am vierten Tag Lampedusa Eine kleine Insel zwischen Malta und Tunis. und sofort die Insel, an welcher sie dem Untergang so nahe gewesen, ein Anblik bei welchem Leonissa zusammen schauderte, da ihr die bestandene Gefahr wieder lebhaft ins Gedächtniß trat.

Am folgenden Tage sahen sie die geliebte und ersehnte Heimat vor sich. Die Freude in Aller Herzen erneuerte sich, und ihre Lebensgeister stiegen vor Entzükken hoch empor, denn es ist eine der höchsten Wonnen, die man in diesem Leben empfinden kann, nach langer Gefangenschaft gesund und wohlbehalten wieder im Vaterlande anzulangen, und was jener gleich kommt, ist die Freude über einen gegen den Feind errungenen Sieg. In der Galeote hatte sich eine Kiste mit Wimpeln und Fähnchen aus verschiedenfarbiger Seide gefunden, womit Ricardo jezt das Segelwerk schmükken ließ. Es mochte nicht viel über die Morgenstunde sein, als sie sich keine Meile mehr von der Stadt entfernt befanden, und indem sie einander wechselsweise im Rudern ablösten und von Zeit zu Zeit ein Jubelgeschrei laut werden ließen, kamen sie dem Hafen immer näher, an welchem sich augenbliklich eine unzählige Menge Leute ansammelte, denn als man bemerkte, wie das geschmükte Fahrzeug so gemächlich daherfuhr, war Niemand in der Stadt, der nicht ans Ufer geeilt wäre.

Mittlerweile hatte Ricardo Leonissen gebeten, sich auf dieselbe Art zu kleiden und zu schmükken, wie sie in das Zelt des Pascha's getreten, denn er wollte ihren Eltern eine angenehme Ueberraschung bereiten. Sie willigte ein und indem sie Pracht an Pracht, Perlen an Perlen und Schönheit an Schönheit reihte, welche leztere durch die Freude immer gesteigert wird, war sie bald so angethan, daß sie von Neuem Bewunderung und Staunen erregte. Ebenso legten Ricardo und Mahmud türkische Tracht an, desgleichen auch sämtliche christliche Matrosen, denn die Kleider der getödteten Türken reichten für Alle aus.

Als sie vor dem Hafen anlangten, mochte es die achte Stunde des Morgens sein, der, klar und heiter, den lustigen Einzug mit Wohlgefallen zu betrachten schien. Vor dem Einlaufen in den Port ließ Ricardo das Geschüz der Galeote, das in einer Schiffskanone vom größten Kaliber und aus zwei Halb-Feldschlangen bestand, abfeuern und die Stadt antwortete mit eben so vielen Schüssen. Niemand wußte recht, was er aus dem herrlichen Fahrzeug machen sollte und man sah begierig seiner Ankunft entgegen; als sich aber beim Näherkommen zeigte, daß es ein türkisches war, indem die weißen Turbane der anscheinenden Mohren deutlicher hervortraten, griff man, in der Besorgniß, es möchte hier eine Hinterlist mit im Spiele sein, zu den Waffen; die ganze Stadtwehr eilte zum Hafen und die Reiterei stellte sich längs dem Meeresrand auf.

Ueber all Dies freuten sich Jene sehr, fuhren langsam heran, legten sich hart am Ufer vor Anker, warfen das Brett hinüber, verließen die Ruder und begaben sich, Einer hinter dem Andern wie in einer Procession, ans Land, das sie unter Freudenthränen vielmal küßten, woraus man denn freilich mit Zuversicht abnehmen konnte, daß es Christen seien, die sich mit diesem Fahrzeug gerettet hätten. Zulezt kamen Halima's Vater und Mutter und ihre beiden Neffen, insgesamt türkisch gekleidet, und Schluß und Krone bildete die reizende Leonissa, das Gesicht mit einem scharlachrothen Schleier bedekt. Zu ihren beiden Seiten gingen Ricardo und Mahmud, ein Schauspiel, das die Augen der ganzen unzähligen Menge auf sich zog.

Als sie das Land betraten, thaten auch sie wie die Andern, warfen sich nieder und küßten den Boden. Indem näherte sich ihnen der Generalkapitän und Gouverneur der Stadt, der wohl sah, daß sie die Vornehmsten unter den Ausgeschifften waren; kaum aber war er etwas heran gekommen, so erkannte er den Ricardo, und eilte mit offenen Armen und Zeichen der größten Freude auf ihn zu. Mit dem Gouverneur kamen auch Cornelio und dessen Vater, so wie Leonissens Eltern und Verwandte nebst den Verwandten Ricardos, wie denn Diese insgesamt zu den Angesehensten der Stadt gehörten.

Ricardo umarmte den Gouverneur und dankte für die Glükwünsche, die er von allen Seiten empfing; dann faßte er den Cornelio bei der Hand (der, als er ihn erkannte und sich von ihm angefaßt sah, erbleichte und vor Angst beinah gezittert hätte), hielt mit der andern die Hand Leonissens und sprach:

»Ich ersuche euch gehorsamst, meine Herren, ehe wir in die Stadt und in den Tempel eintreten, um dem Herrn den gebührenden Dank für die große Gnade darzubringen, die er in unsrem Unglük uns erwiesen hat, einige Werte anhören zu wollen, die ich euch zu sagen habe.«

Der Gouverneur erwiederte, er möchte nur sprechen, Jedermann werde ihn mit Vergnügen und Stille anhören. Die Vornehmsten schlossen sofort einen Kreis um ihn her, und er begann mit etwas erhöhter Stimme also:

»Ihr werdet euch, meine Verehrten, des Unglüks noch erinnern, das mich vor einigen Monaten in dem Garten bei den Salzgruben traf, wobei zugleich Leonissa verloren ging; eben so wenig habt ihr wol den Eifer vergessen, mit welchem ich der Leztern ihre Freiheit zu verschaffen suchte, denn ich bot, mich selbst vergessend, mein ganzes Vermögen als ihr Lösegeld an; (eine anscheinende Freigebigkeit, die freilich zu meinem Lobe nichts beitragen kann noch soll, soferne ich jenes Erbieten für meine eigene Seele gemacht). Was nachher mit uns Beiden geschah, erfodert zum Erzählen bessere Zeit und Gelegenheit und eine ruhigere Sprache als die meinige es jezt ist; für den Augenblik genüge die Angabe, daß nach vielen seltsamen Begebenheiten und nachdem tausend Hoffnungen auf Abhilfe in unserem Elend fehlgeschlagen hatten, der barmherzige Himmel uns endlich, ohne daß uns selbst irgend ein Verdienst dabei zukäme, freudigen Sinnes und überfüllt mit Schäzzen in die geliebte Heimat zurük geführt hat. Doch weder aus diesen Reichthümern, noch aus der Wiedererlangung der Freiheit entsteht die nie gefühlte Wonne, die ich empfinde, sondern aus dem Gedanken, daß meine in Krieg und Frieden süße Feindin ebenfalls entzükt sein muß, sowol sich frei zu sehen, als hier sogleich dem Abbild ihrer Seele zu begegnen. So freue ich mich auch über das allgemeine Entzükken Derer, die meine Gefährten im Unglük gewesen; wenn übrigens lezteres und traurige Begegnisse überhaupt das Gemüth zu verändern und den Muth der Seele zu verzehren pflegen, so war Dies nie der Fall bei der Vernichterin meiner schönen Hoffnungen; denn sie hat mit mehr Kraft und Unveränderlichkeit als sich mit Worten ausdrükken läßt, dem Schiffbruch ihres Glükkes wie meinen glühenden, wenn auch sittsamen Bewerbungen widerstanden, wodurch sich der Spruch bewährt, daß Die, bei welchem sich eine Gemüthsart einmal festgesezt hat, wol den Himmelsstrich, aber nicht das Gemüth ändern können. Aus Allem aber, was ich bis jezt gesagt, will ich blos das Endergebniß ziehen, daß ich ihr in meinem Vermögen ihr Lösegeld und in meiner Liebe meine Seele anbot, daß ich ihr zu ihrer Freiheit verhalf und mehr für diese, als für meine eigene, das Leben wagte, daß ich jedoch all Dies, was für eine etwas mehr zur Dankbarkeit geneigte Natur nicht ganz unbedeutende Verbindlichkeiten sein dürften, keineswegs als etwas Dankenswerthes angesehen wissen will, sondern blos wünsche, daß Das für dankwürdig gelte, was ich jezt thue.«

Damit erhob er die Hand und schlug mit achtungsvoller Bewegung den Schleier von Leonissa's Gesichte zurük, so daß es nicht anders war als ob das holde Licht der Sonne hinter einer verhüllenden Wolke hervorträte. Er aber fuhr fort:

»Sieh, Cornelio, ich übergebe dir hiemit ein Gut, das du über alles Schäzzenswerthe schäzzen mußt, und sieh, reizende Leonissa, ich übergebe dich hiemit Demjenigen, der dir immer im Sinne gelegen hat. Solches möcht' ich denn allerdings für einen Beweis von Großmuth angesehen wissen, in Vergleichung mit welchem das Opfer des Vermögens, des Lebens und der Ehre nichts ist. Nimm die Braut hin, beglükter Jüngling, nimm sie hin, und reicht dein Geist aus, den Werth einer so hohen Gabe zu fassen, so halte ich dich vollends für den glüklichsten Menschen auf Erden. Zugleich mit ihr gebe ich dir meinen ganzen Antheil an Dem, was der Himmel uns Rükkehrenden zusammen geschenkt hat, eine Gabe, welche meines Bedünkens mehr als dreißigtausend Thaler an Werth haben dürfte. Du kannst Alles nach deinem Geschmak in Freiheit und Muße, und, wolle der Himmel, auf lange Jahre genießen. Ich Unglüklicher will, da ich ohne Leonissen bleibe, auch arm bleiben, denn wem Leonissa fehlt, für den ist das Leben überflüssig.«

Hier hielt er an, als ob ihm die Zunge an den Gaumen geheftet wäre, nach kurzer Zeit aber fuhr er, ehe noch irgend Jemand das Wort ergriffen, also fort:

»Um Gott! wie doch heftige Schmerzen den Verstand verwirren! Im Wunsche es recht zu machen hab' ich, meine Verehrten, nicht recht bedacht was ich sagte. Niemand kann an Dem, was ihm nicht gehört, seine Freigebigkeit zeigen. Was für ein Recht habe ich an Leonissen, um sie an einen Andern zu verschenken? oder wie kann ich Das anbieten, was so weit entfernt ist, mein Eigenthum zu sein? Leonissa gehört sich selbst an und dies so unumschränkt, daß mit Ausnahme ihrer Eltern, die glükliche Jahre leben mögen, Niemand Einsprache gegen ihren Willen führen darf. Treten ihr vielleicht die Verbindlichkeiten entgegen, in welchen sie, ihrem eigenen Zartgefühl gemäß, gegen mich zu stehen glaubt, so vernichte, tilge und durchstreiche ich dieselben von diesem Augenblik an, nehme meinen vorigen Ausspruch zurük, gebe dem Cornelio nichts, weil ich ihm nichts geben kann, und bestätige blos die Ueberlassung meines Eigenthums an Leonissa, ohne eine andere Belohnung hiefür zu verlangen, als daß sie keinen Zweifel gegen die Lauterkeit meiner Gesinnungen unterhalte, und glaube, daß dieselben nie ein anderes Ziel erstrebten, als dasjenige, welches die unvergleichliche Reinheit, der hohe Werth und die unaussprechliche Schönheit der Geliebten mir zur Foderung machten.«

Hiemit schwieg Ricardo und Leonissa antwortete ihm also:

»Wenn du glaubst, Ricardo, ich habe dem Cornelio zur Zeit deiner Bewerbung und Eifersucht um mich einige Gunstbeweise gegeben, so darfst du auch glauben daß dieselben nicht nur in den Schranken der strengsten Sitte blieben, sondern auch dem Willen und der Anweisung meiner Eltern entsprachen, die, in der Hoffnung daß er sich dadurch bewegen lassen werde, in ehliche Verbindung mit mir zu treten, mir die Erlaubniß hiezu ertheilt hatten. Bist du mit dieser Erklärung zufrieden, so wirst du es noch mehr mit Dem sein, was du über meine Sittsamkeit und Zurükhaltung aus eigner Erfahrung weißt. Damit will ich blos andeuten, daß ich immer nur meinem eigenen Willen gefolgt bin, ohne mich um einen andern, als denjenigen meiner Eltern zu kümmern, die ich auch jezt mit aller gebührenden Unterwürfigkeit wieder ersuche, mir zu erlauben daß ich von der Freiheit, die dein Heldensinn und deine Großmuth mir verschafft haben, vollen Gebrauch mache.«

Ihre Eltern erwiederten, sie räumten ihr diese Befugniß ein, indem sie zu ihrem ausgezeichneten Verstand das Vertrauen hätten, sie werde dieselbe nie anders als zu ihrer Ehre und ihrem Vortheil benuzzen.

»Bei dieser Erlaubniß,« fuhr die weise Leonissa fort, »möge man mir nicht übel deuten, wenn ich, um nicht undankbar zu erscheinen, mich nicht völlig mädchenhaft benehme. Und so erklärt sich denn meine bisher scheue, unsichre und zweifelhafte Neigung zu deinen Gunsten, tapferer Ricardo. Damit die Männer wissen, daß nicht alle Frauen undankbar seien, will wenigstens ich mich dankbar erweisen. Ich bin die Deinige, Ricardo, und werde es bleiben bis zum Tode, falls nicht etwa bessere Erkenntniß dich bewegen sollte mir die Hand zu weigern, die ich dir als meinem Gatten biete.«

Ricardo stand über diese Anrede wie außer sich da, und vermochte Leonissen blos dadurch zu antworten, daß er vor ihr auf die Kniee sank, die mit Heftigkeit ergriffenen Hände küßte und mit zärtlichen Thränen badete. Auch Cornelio weinte aus Verdruß, Leonissens Eltern aus Entzükken und alle Umstehende aus freudiger Bewunderung. Der Bischof oder Erzbischof der Stadt, der ebenfalls zugegen war, führte die Beiden sofort mit seinem Segen und seiner Erlaubniß in die Kirche und traute sie dort, sie von der gesezlichen Frist dispensirend, augenbliklich.

Der Jubel verbreitete sich in der ganzen Stadt, wie Dies in der folgenden Nacht eine äußerst reiche Beleuchtung zeigte, und viele Tage fort fanden allerhand Spiele und Ergözlichkeiten statt, welche Ricardos und Leonissens Eltern gaben. Mahmud und Halima traten wieder in den Schoß der Kirche zurük, und Jene, die ihren Wunsch, Ricardos Gattin zu werden, jezt unmöglich erfüllen konnte, begnügte sich nunmehr damit, diese Stelle bei Mahmud einzunehmen. An Halimens Eltern und Neffen theilte der freigebige Ricardo von dem ihm zugefallenen Theil der Beute so viel aus, daß sie mit Behaglichkeit leben konnten.

Kurz Jedermann war zufrieden, frei und froh; Ricardos Name verbreitete sich mit dem Beisaz des großmüthigen Liebhabers über die Grenzen Siciliens hinaus durch ganz Italien und viele andere Länder, und dauert noch heute in den vielen ihm von Leonissa geborenen Söhnen fort, welche Leztere ein seltenes Muster von Verstand, Züchtigkeit, Tugend und Schönheit war.



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